Eure Botschaft ftdnig Konstantins an fein Volk.
Pari». 11. Sept. (WTB.) Aach einer Ha- vaSmeldung aus Achen hat König Konstan- tin eine Botschaft an daS Volk gerichtet, in der er erklärt, die tapfere siegreiche Armee mit ih»m seit 10 Jahren siegreichen Fah- ,nen fei tnm*"tiriem H n g [ ü cf heimgesucht worden, bad nicht ohne Beispiel sei bei Armeen nach einer langen Kriegsperiode. Dieses Hnglüd aber, das selbst für ben Feind unerwartet gekommen sei, verringere in keiner Weise die Tapferkeit und den Ruhm der griechischen Armee. 3m Gegenteil, es sei Pflicht jedes Staatsbürgers, dieses Unglück standhaft und geduldig zu ertragen, wie es einem patriotischen und mutigen Dolle zustehe. <Sr als König werde tun. was chm die Derfafsung gestatte und die Interessen des Landes verlangen.
Das neue griechische Kabinett.
Paris, 11. Sept. (WTD.) Aach einer „Marine-Meldung aus Athen ist das neue Kabinett unter dem Vorsitz von T r i a n - daphylakos gebildet worden. Minister des Aeußeren ist Kalogeropuloö.
WaffenstiÜstandsbereitschaft der Türken.
London, 11. Sept. (WTD.) Die „Times" melden, daß in amtlichen englischen Kreisen erklärt werde, Mustapha Kemal Pascha habe die Vertreter der alliierten Oberkvmmissare und des griechischen Oberbefehlshabers eingeladen, mit ihm zusammen- zutreten, um die Waffenstillstandsbedingungenzuerörtern.
Der Prozeh gegen die Mörder Rathenaus.
Berlin. 10. Sept. (WTD.) Wie die Blätter melden, wurde den 13 Angeklagten im Ra - thenaa-Mordprozeh die Anklageschrift zugestellt. "Die Vorbereitungen zur Tat gehen bis zum 10. Juni zurück. Ihn diese Zeit kamen Fischer und Kern mit v. Salomon zusammen. Kern forderte Salomon auf. nach Kiel zu fahren, um dort einen zuverlässigen Chauffeur zu besorgen. Salomon suchte in Hamburg Warnecke auf. der ihn mit einem gewissen Nied- rig in Verbindung brachte, mit welchem Salomon im Auto nach Berlin fuhr. Das Attentat wurde bis in alle Einzelheiten erörtert Niedrig reifte dann nach Harnburg zurück, weil inzwischen ein anderer Kraftwagenfuhrer gefunden worden war. Fischer und Kern waren mit Ernst Werner Techow in Verbindung getreten. Der Urheber des Mordplans war nach Airgabe Fischers der Unterprimaner H. Stubenrauch vom Deutschnat. Iugendbund: dieser war mit Günther befreundet und hatte die Absicht geäußert. Ra- lhenau im Reichstag zu erschießen. Techow fuhr nach Dresden, um ein Auto von dort zu holen. Er wurde daselbst mit dem Studenten Günther Brand bekannt, der chn in Freiberg mit dem Fabrikanten Fritz Küchenmeister in Verbindung setzte. D.esem wurde gesagt, daß der Wagen zu nationalen Zwecken verwandt werden sollte. Techow fuhr mit dem Wagen nach Berlin und ftellte ihn in eine Garage in der Wilmersdorf er Straße ein. Sille ff en erklärte den P an, Ra° chenau auf der Straße zu erschießen, für politisch falsch, da man Rathenau zum Märtyrer machen wurde. Der Oberreichsanwalt erhob die 2Mlage gegen Techow. gemeinsam mit Fischer am) Kern Rathenau ermordet *u haben Der lagere Hans Techow, Günther, Itsemann,Stein-
2tiebrig, Warnecke unb v. Salomon sind der B e i fj i lf e angeklagt. Ferner sind Hans Techow, Günther, Ilsemann, Schütt und Diestel wegen Begünstigung angeklagt; Tillessen, Plaas und Voß wegen Nichtanzeige drohender Verbrechen. Es sind 16 Zeugen geladen und als Sachverständiger Geheimrat Dr. Strahmann. Die DerMndlung findet in Leipzig statt. Gegen den
Kapitänleutnant Dietrich und gegen Dr. Stein tft die Anklage noch nicht fertiggefteHt
Aus dem Reiche.
Ein Appell der Zeitungsverleger an den Reichspräsidenten.
Stuttgart, 10. Sept. (Wolff.) Der Verein württembergischer Zeitungs- Verleger richtete an den Reichspräsidenten folgendes Telegramm: Die gesamten württembergischen Zeitungsverleger wenden sich in höchster N o t an Sie. hochverehrter Herr Reichspräsident und bitten um ihre Hilfe. Die Erhöhung des Preises für Zeitungspapier auf bad 420fache des Vorkriegspreises führte zu einer bisher für unmöglich gehauenen Katastrophe. Die meisten mittleren und kleinen Zeitungsverleger, ja selbst die großen Zeitungsverlage, sehen ihre Existenz aus das gefährlichste bedroht, teilweise befinden sie sich vor dem Zusammenbruche. wenn nicht auf raschestem Wege eine wirklich durchgreifende Staatshilfe erfolgt 3n voller Verzweiflung wendet sich die toürttem» berMsche Verlegerschaft an Sie, Herr Reichspräsident. und vertraut 3hrer in schweren Stunden oft bewährten Geschicklichkeit die Führerschaft an, daß sie im letzten Qlugenblicf den Weg findet, die Presse als eines der wichtigsten Kulturgüter der deutschen Nation lebensfähig zu erhallen.
Aus Stafrt und Land.
' Gießen, den 11. Sept 1922.
Von unseren Lesern, die den Gießener Anzeiger im Vierteljahrsbezug halten, muh leider eine weitere Aach- zahlung auf den Bezugspreis für September erhoben werden. Es wäre nicht gerecht, den auf.75 Mark und 5 Mark Trägerlohn erhöhten Septemberbezugspreis nur den ohnedies wirtschaftlich schwächeren MonatSbeziehern aufzubürden. Wir bitten deshalb um Einlösung der Aacherhebungsguittungen, die von den Trägerinnen in der Stadt und von den Zwesgstelleninhabern in den Landgemeinden während der nächsten Tage vorgelegt werden. Für die vierteljährlichen Pvstbezieher wird morgen eine Zählkarte zur bequemen Ordnung der Aachzahlungsschuld beigelegt werden.
Verlag des (Siebener Anzeigers.
Die Wohnungsbaufrage in Hoffen.
Am vorigen Mittwoch fand in Offenbach eine vom Staatskommissar für die wirtschaftliche Demobilmachung in Hessen einberufene Versammlung von Derwaltungsreferenten des hessischen Staates und der Kommunen, Daubeamten, Bänk- sachleuten und Vorständen der Baugenossenschaften statt, die sich eingehend mit der Woh- nungöbaufrage in Hessen befaßte und lehrreiche Aufschlüsse über die Möglichkeit rationellen Bauens und der Daustoffbeschasfung gab.
Regierungsrat Dr. Bernheim als Vertreter des Sdaatskvmmissars gab eingangs, eine gedrängte Liebersicht über die in Hessen ergriffenen Maßnahmen zur Förderung der W ohnungsbautätigkeit und der Wohnungsbeschaffung, die eingeleitet wu"-den mit dem Verbot des Abbruchs vorhandener Bauten und der Verhütung von Stlllegung von Betrieben, die für die Dauwirtschaft von Wichtigkell sein konnten. Die Hessische staatliche Baustoffbeschaffungsstelle befaßt sich in erster Linie mit der Beschaffung von billigen Baustoffen, wobei der Kleinwohnungsbau besondere Berücksichtigung finbet. Weitere Aufgaben entstehen dem Amt in der Beurteilung von Srsatz- baustoffen, in der Prüfung der wirtschaftlichen
Baalsfempel
Roman von Margarete v. Oertzen-
F ü n s g e l d.
19. Fortsetzung. (Nachdruck Verbote».)
Die anderen Mädels hatte sie ganz vernachlässigt. Sie teilte ja auch ihre Interessen nicht.
Aber heute hatte sie das Bedürfnis, wieder mal all den Ansinn mitanzuhören, mit dem diese jungen Dinger sich gegenseitig die Ohren vollstopften. — je dümmer, desto lieber! Die eine oder die andere war doch gewiß da.
Lässig und gemütlich spazierte sie in das trauliche Nebenzimmer, wo ihr Platz seit Wochen verwaist gewesen. Sie tat es ein wenig verlegen nit dem bekannten hochmütig spöttischen Schürzen der Lippen.
Ein lautes Hallo empfing sie. Da waren alle, die Braune und die Blaue und die mit der Her- melinrnütze, die ihr fast bis auf die Nase reichte, und die mit dem falschen Deilchenstrauh am Muff, und die mit der Biedermeisterfrisur.
..Seht, die Abtrünnige!" rief die Blaue taut und schwenkte ihre Kaffeetasse durch die Lust.
..Läßt du dich auch mal wieder herab zu uns Sterblichen?" sagte die Braune pikiert.
Lily setzte sich. Irgendetwas war anders geworden. Ihre Ohren waren nicht mehr geeicht auf ben Ton; sie sah sich um, wie nach einer weilen Reise.
Man betrachtete sie mit verstohlener Neugier.
Wie spitz! Gott, wie alt!
„Na, wie ist denn dein Abenteuer weiter gediehen?" fragte die Braune laut in die Stille hinein.
Lilh fuhr auf.
„Welches Abenteuer?"
Die Braune lächelte vielsagend und etwas boshaft.
„Das mit dem Schauspieler — das heißt, eigentlich war es ja mit dem zu Ende, aber —
Schweig doch!" Die Blaue kniff sie in den Arm.
?ily wechselte so sonderbar Farbe. Eie schob ihre--Tasse fort
Das — bei Gott — sie hatte es ganz vergessen! Das — mit Riedinger, er — und die Scham überfiel sie, aus dem Hinterhalt, unbarmherzig und mächtig — und eine lächerliche Angst • Närrin, die sie war. Sie hatte je beide Briefe mit Lilh unterschrieben! Den an Riedinger und den an — ihn —
Wenn Riedinger nicht diskret war!
Aber er war diskret Oh. er war . . .
.Was fehlt dir beim?“ forschte die Braune
gutmütig, „weißt du was, ■ nimm du einen Likör — es sieht's ja niemand!"
Lrlh hatte im Nu die Anwandlung überwunden. Langsam kehrte das Rot in ihre Wangen zurück. Wer die platzte die Braune auch schon wieder heraus: „Weiht du schon, daß die Walldorf sich vergiftet hat? Arme Walldorf?!"
ßili) riß weit die Augen auf.
„Was? Gestern —"
„3a, gestern spielte sie noch! llnb heute mittag — mein Papa brachte es brühwarm nach Hausck! Die soll sich eingebildet haben, daß der Halbfranzose, der Doktor da, sie heiratet — du weiht doch, Leon Mercier — so 'ne Verrücktheit!"
Lilh lachte, sie wußte nicht warum. Sie zerkrümelte ihren Kuchen auf dem Teller.
„Er soll es auch gewollt haben, aber die Mutter hatte keine Ruhe, bis sie ihm die Beweise erbracht hatte, daß bie kleine Aeone gar nicht so naiv war. wie es schien, und daß — kurz — und da soll es eine furchtbare Szene gegeben haben — der junge Mensch sei außer sich geraten — und die Kleine — „adieu, monsieur", hat sie gesagt, obwohl sie gar kein Französisch kann. Lind ganz bescheiden ist sie nach Hause gegangen.“
„Warst du dabei?" fragte Lily beißend.
„Nee!" antwortete die Braune verblüfft. „Aber die ganze Stadt weih es! Hnb hast du 'ne Ahnung, wie sie sie gefunden haben? 3n einem grasgrünen Seidenkleid, ganze Büschel vyn weihem Flieder in den Händen. Der kostet jetzt eine Masse Geld."
Weiher Flieder! Lily machte eine Bewegung. 3hre Blume — bis heute!
Sie hatte sich erhoben und streifte ihre langen, schwedischen Handschuhe über. Ihre Zähne Läpperten wie im Fieber.
„Seit wann bist du nervenschwach, Lily?"
Eie bezahlle und ging.
Ihr Weg führte sie am Theater vorbei, dessen Fensterreihen in doppeltem Glanz strahlten.
Trotzdem! Trotz alledem! Obwohl ein Leben erloschen war, das ein Teil jenes Glanzes war.
Lilh sing an zu rennen. Wo sie hinblickte, sah sie die Leiche. Weih, im grünen Kleid, unter Weihern <5lieber.
Sie fühlte, in dies -Theater würde sie mit keinem Schritt mehr gehen können.
Heinz Güldewins schönes, heihes Gesicht tauchte aus dem Wasser auf, als sie über die Drücke ging, über den dunklen, still dahinziehen- den Fluy.
Wohin hatte sie sich verirrt? Sie lehnte sich gegen daS Geländer; eine Schwäche überkam sie.
Vanwetse (wozu dem Amte eine wärmetechnische Beratungsstelle angegliedert ist), in der Herausgabe der monatsich erscheinenden „Bauwirtschaftlichen Nachrichten" und der ebenfalls monatlich ausgegebenen Lagespreisliste für Baustoffe, sowie in der Bekanntmachung des Wuchers beim (Bau» stoffhandel. Die staatliche Daustoffbeschasfungs- stelle bemühte sich zwecks Preissenkung der Baumaterialien um Steigerung der Angebote auf dem Baustvffmarkt und setzte zu biefem Zweck bie Wieberinbetriebsehung von 50 Ziegeleien, 4 Kalkbrennereien, einigen Sägewerken und dem Zetz^ntwerk in Offenbach durch.
Bürgermeister Weil- Offenbach erklärte des näheren die Vorzüge der in Offenbach stark verbreiteten Selbsthilfe-Bauweise. Die Stadt Offenbach besitzt 10 Selbsthilfebaugenossenschaften, deren Paragraph 2 fast übereinstimmend die Bestimmungen enthäll, dah nur in der Freizeit gebaut wird. Jeder Genossenschaftler hat 1000 Mk. Betriebskapital beizusteuern und sich wöchentlich 35 Freistunden einschl. des Sonntags neben der eigentlichen Berufstätigkeit an dem Wohnhausbauen zu beteiligen. Die Stadt Offenbach, die bei dieser Art Selbsthilfe zirka zehn Millionen Mark an Ausgaben spart, gibt allen Baulustigen zinslose Bauhilfedarlehen und übernimmt die Sicherhettshypoth^. Zur Zeit sind 75 Wohnungen dieser Art im Dau.
Daubirektvr Link- Essen gab eine hochinteressante Darlegung über den von ihm erfundenen sogen. Link-Kalk. Dieser ist ein nach D. R. P Link aus Kall und Linktrah (künstlicher Traß, Stahltrah) zusammengesetzter, auf Grund wissenschaftlicher Forschung ausgearbeiteter neuer Baustoff; er eignet sich fiir alles Mauerwerk in Bruchstein ober Ziegeln oder Beton oder in Putzarbeiten, wo man bisher hydraulischen Kall mit fettem oder magerem Zementmörtel oder sogenannten verlängerten Zementmörtel (Zement mit Kallzusatz) verwendet hat. Zur Zeit sind älntersuchungen im Gange, ein hes- siches Kaliwerk für die Herstellung von Link-Kalk umzustellen.
Ministerialrat Klump erörterte die empfehlenswerte Bildung von Wirtschaftsverbänden zur Förderung der Bautätigkeit und zur gemeinwirtschaftlichen DaustoffbZchaffung. Den fünf größten hessischen Städten fehlen zur Zett über 200 Millionen Mark zur Durchführung ihres diesjährigen Dauprogramms, deshalb sind die SelbstHilfeorganisationen, die unter der Leitung zielbewußter Leute in größeren und Heineren Gemeinden Brauchbares leisten können, in jeder Hinsicht zu fördern. Die Notlage des Baumarktes ersorherl b sonders. die gemeinwirtschaftliche Baustoff des chaffung durchzuführen. Hier müssen die Kreise und Gemeindeverbände einsetzen. die mit Hilfe des Auskommens aus den Gemeindezuschlägen zur staatlichen Wvhnungs- bauabgabe auch finanziell hierzu in der Lage sind. Die aus diesen Erträgnissen zu beschaffenden Kapitalien sollen nicht bloß zu Bauhilfedarlehen, sondern in erster Linie zur Beschaffung der tatsächlich erforderlichen Baustoffe im Rahmen des durchführbaren Dauprogramms innerhalb der Kreis bezirke verwendet werden. Der Anlauf hätte zu einem günstigen Zeitpunkt und zu möglichst billigen Preisen im voraus, teilweise im Herbst oder Winter, für das nächste Baujahr zu geschehen. Ein lehrreiches Dorblld bietet der Kreis Worms, bei dem der Kreisbauverein diese Ausgabe durchführt. Neuerdings hat der Kreis Oppenheim die Baustoffbeschaffung ebenfalls übernommen und durch vorteilhafte Abschlüsse schon sehr günstige Ergebnisse erzielt. Aehnllches hat sich der im Kreis Offenbach bestehende Zweckverband der fünf Gemeinden Neu-Isenburg, Sprendlingen, Langen, Dreieichenhain und Egelsbach zur Aufgabe gemacht. Wenn dieser Weg allgemein beschritten wird, kann eine wesentliche Verbilligung der Gesamttosten leicht erzielt werdest. Ein besonderer Vorteil der gemeinwirtschaftlichen Dau- stoffbeschaffung liegt auch darin, daß der Dau- markt Dpn unzähligen Nachfragen nach der gleichen Bedarfsmenge verschont wird und dadurch auch Preissteigerungen durch Ueberbietungen verhindert werden. Nicht zuletzt wird dadurch das Bauen selbst wesentlich beschleunigt.
Dann ragte die düstere Front ihres Vaterhauses vor ihr empor mit den beiden lampen» tragenden Karyatiden.
Der Diener öffnete das Portal — ihre Well hatte sie wieder. — —
Lilh wusch sich das Gesicht, zog sich um vorn Kopf bis zu den Füßen, nahm eine Tasse schwarzen Kaffee und suchte den Vater auf, der gerade in Frack und weißer Binde bereit stand, zum Fest zu einem Gesandten zu fahren.
„Ich wollte nur sagen, lieber Papa, wenn es dir so paßt — so reise ich morgen früh —“
Der Geheimrat stutzte ein ganz klein wenig. Dann strich er ihr mit zwei Fingern über die Wange: „Mir ist alles recht, wie du es bestimmst!"
Eine großmütige Laune bewegte ihn in seiner Freude. Sein Mädel hatte sich wiedergefunden! Er wußte es ja! Man kann nicht so ohne weiteres aus seiner Haut schlüpfen. Die Lily schon gar nicht!
„Kann ich dir noch eine Freude machen?"
Sie wandte ihm ihr blasses Antlitz zu.
„Was zu — kaufen ist. hast du mir ja alles schon geschenkt, Papa. Ich danke dir! Gute Nacht!"
Der Geheimrat sah ihr nach, wie sie so langsam die breite, mit goldgelben ©amtläufem belegte Treppe hinanstieg. Ihr Gang hatte etwas Schleppendes, es war keine Jugend darin.
Dumm, daß er sie gerade heute allein lassen mußte — es war ihr letzter Abend zu Hause.
Er überlegte.
Dann bestieg er entschlossen seinen Wagen. Die Familie mußte der Pflicht weichen.
Lilh legte Hut und Pelz ab, berrtegette ihre Tür.
Von fern durch die Regennacht klangen verlorene Tone . . .
„Hier an dem Herzen treu geborgen,
Die Blume sieh von jenem Morgen —"
Sie hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu, warf sich auf das Sofa, um nichts zu hören und nichts zu sehen.
Große, widerwillig empvrsteigende, bittere Tränen verbrannten ihr die Lider und tropften schwer und langsam auf die seidenen Kissen hernieder.
Seit sie ihr „Mutti" begraben, hatte Lilh nicht me$r_ geweint.
Ein fürchterlicher Schmerz zerriß ihr die Brust.
Dann wurde sie ruhig und lag ganz, ganz still . . .
'Bankdirektor Loh von der Kommunalen Landesbank in Darmstadt erläuterte den Zweck der Dank, die — angesichts der selbst gegen kommunale Bürgschaft unerreichbaren Anleihen — ben hessischen Kommunen möglichst billige Darlehen verschaffen will und für Zwecke der Wohnungsbescha fung unmittelbar nach Sicherstellung der (angfriftigen Darlehen kurzfristige Zwischenkredite (Vorschüsse usw.) hergibt.
Regierungsbaumeister Metzger, der technische Leiter der hessischen staatlichen Daustoff- befchaffungsstelle, erläuterte an Hand von Lichtbildern und Modellen die außerordentlich witt- schaftliche Iurko-Dauweise, deren einziges Geheimnis in der Verwendung einer aus Schlacke, Kies und Bindemittel hergestell.en, zementarmen und daher gutatmenden, nagelbaren Einheits- Platte besteht, vermittels derer außerordentlich billig mit niedrigen Transportspesen an Ort und Stelle unter Verwendung von ca. 95 Prozent völlig ungelernter Arbeiter vorteilhaft gebaut toerben kann. In der Zollbauweise des Stadt- baurats Zollinger von Merseburg, die ebenfalls sehr rentabel ist, und Schlacken Verwendung vorfleht wurde in Kassel innerhalb 6 Wochen ein halbes Dutzend Wohnhäuser für die Schupo gebaut Bei Anwendung des Zollerschen Lamellendaches der Zollbauweise ergibt sich eine durschschnittliche Holzersparnis von ca. 30 Prozent Durch Lichtbilder und Modelle wurde diese Bauweise klar erläutert
Wettervoraussage
für Dienstag:
Wollig, zeitweise Regen, kühl.
Der schmale Hochdruckrücken, der die Depressionen im Norden und Süden trennt hat sehr an Stärke abgenommen und kann nur vorüber4 gehend besseres Wetter bringen. Die Wetterlage bleibt weiterhin unsicher.
•
** Amtliche Persvnalnachrichten. Ernannt wurden am 3. September der Ludwig Wolf aus Wachenheim zum Schlosser an der Landes-Heil- und Pflegeanstalt bei Alzey, am 4. September der Peter Haber mehl aus Dvauerschwend, Kreis Alsfeld, zum Wärter an der Landes-Hell- und Pflegeanstalt bei Gießen. — Am 5. September 1922 wurden die Forstwartaspiranten Heinrich S p a a r aus Bersrod, August Stumpf aus Kittorf, Wilhelm Feller aus Großen-Linden, Emst D i l l e m u t h aus Bermuthshain, Karl Schäfer aus Nieder-Ohmen, Fttedttch Reeg aus Peters Hainer hvf vom l.Apttl 1922 an, und Ludwig Bellos aus Rödgen (Kreis Gießen), Heinrich Schanz aus Arnshain, Hein- ttch H ö r e s aus Helpershain, Hohaimes Decher aus Wahlen, Heinttch Spanier aus Schotten, Fttedttch Oeopolö K11pstein aus Lottch, Karl Kirschner aus Eberstadt vom 1. August 1922 an zu Förstern ernannt — In den Ruhestand versetzt wurde am 25. Juli der Lehrer an der Volksschule zu Aspisheim im Kreise Bingen Leonhard Ihrig auf fein Nachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staat geleisteten Dienste vom 1. August 1922 an.
** Zweistündiger Proteststreik der städtischen Arbeiter. Da der Dezirks- arbeitgebertierbanb der Gemeinden und Kommunalverbände des Freistaates Hessen und der angrenzenden Gebiete mit dem Sitz in Mainz die Forderungen der bei den Derbandsgemeinden beschäftigten Arbeitnehmer auf eine Erhöhung der derzeitigen Stundenlohne um 40 Mark nicht m vollem Umfange zugestanden hat beschloß die Arbeiterschaft, als Protest gegen das ungenügende Angebot der Arbettgeber die Arbeit am heutigen Montag, 11. September, von 10—12 llhr ruhen zu lassen. Notstandsacbeiten werden, soweit sie erforderlich sind, ausgeführt, jedoch ruht der Strahenbahnbetrieb ebenialU in der angegebenen Zett. Der Streik wurde auch in unserer Stadt durchgeführt
** Silberne Hochzeit feiern morgen, Dienstag, Zugführer Konrad Weber und Frau, Stephanstrahe 47. Hierselbst wohnhaft
△ Eine Siedlerversammlung, für den Kreis Gießen tagte gestern im Hotel Hopfeld. öle galt der Organisation eines
Äit demselben Zuge, mit dem Lily gen Norden fuhr, reiste auch der junge Mercier ab. Im schwarzen Pelz, das bartlofe, immer etwas blasse Gesicht fahl überhaucht. Es kümmerte ihn nicht, wer ihn sah. ob ihn überhaupt jemand sah.
Die bezwingende Liebenswürdigkeit des Franzosen war durch das unbequeme deutsche Gewissen ntebergerungen, niedergetreten worden. Die Wirllichkeit hatte grobe Finger.
„0ie war so Janft“'
Er wiederholte mechanisch, in den nordischen Winter hineinfahrend: „Sie war so sanft . . .“
Unb in dem taktmähigen Stampfen des Zuges, der durch weihe Einöden jagte, erlebte er noch einmal diese ganze Liebesgeschichte.
Ja. sie war wohl ein sehr einfaches Mädel gewesen, eine girrende Taube mit großen, sammet- weichen Augen — mit dem Bett!und einer Taube und einem kleinen, ängstlichen Herzen — einem winzigen Talentchen.
älnd als er sie dann wiedersah —. Ihn schauderte. Sv flog er durch die Lande. Vor ihm auf den weihen Schneefeldern schwebte ihr Schatten, der Hein und zierlich war — schwebte ihr Schatten mit geschlossenen Augen — zum Hades.
Gen Sonnenuntergang zog ein Flug wilder Tauben. Oder war es nur das Weiche Geslock des Dampfes, der sich über das Feld verteilte?
ilnö in dem Zug sah eine, die hatte daS Menetekel nie verstanden, das in ehernen Lettern in die frostige Winkemacht flammte — gerade über dem Theater.
ünb drinnen klatschten sie wie rasend Beifall.
Der Zug brauste vorwärts, unaufhallsam, in ein fremdes, schlafendes Land.
•
Güldewin ging heute mit dem festen Entschluß zum Stelldichein. Lilh zu einer Klärung ihres Verhältnisses zu bewegen. Seine gerade, ehrliche Natur sträubte sich gegen die fortgesetzte Täuschung des Mannes, der zu ihm gekommen war. weil er an fein Ehrgefühl glaubte. Unter welchem Deckmantel es auch geschah — dies Heimlichtun zog ihn und sie herab auf eine Stufe mit tausend andern, die hinter dem Rücken der Eltern irgendeine Liebelei „anbmbelten".
Es hatte alles so herrlich begonnen. Da es nur so in der Luft schwebte wie ein silberner Schimmer, ungreifbar, unkörperlich. Nun muhte es schön enden, würdig zweier Menschen, die sich in Freiheit gefunden hatten.
Er wußte Wohl, was es für Lilh bedeutete. Die Kluft zwischen ihm und ihr konnte nicht überbrückt — sie muhte überflogen werden!
(Fortsetzung folgt)


