füllen, da sich keine freireligiösen Meuter meioeten. Besondere Attionen der Regierung zur Regelung des Lehrerbedarfs l>er einzelnen Konfessionen sind nicht üblich und auch nicht ratlich. Das freie Spiel der Kräfte, Angebot und Nachfrage, führt, wie die Erfahrung hinlänglich beweist, den Ausgleich herbei. Die einzelnen Konfessionen sorgen von sich aus für den nötigen Lehrernachwuchs, sobald sich ein Bedarf zeigt. 3n unsere simultanen Lehrerseminare haben alle Konfessionen freien Zugang. Es muh den Konfessionen überlassen werden, von dieser Freiheit den zweckmähigen Gebrauch zu machen.
Abg. Ebner (K.P. D.) begründet in längeren .Ausführungen seinen Antrag. Die Regierungsantwort befriedige üjn nicht.
Mimsterialdirektor älrstadt stellt fest, dah tatsächlich kein Bedarf an religionslosen Lehrern vorhanden ist. — Damit schließt die Besprechung.,
Eine Reihe von Positionen wird debattelos erledigt.
Zum Schutze der Republik.
Es folgt die Beratung einer Reihe zurückgestellter Positionen, die den Schuh der Republik betreffen.
Die Abgg. Kaul u. Gen. beantragen, der ßanbtag wolle beschlichen, die Regierung zu ersuchen, sie möge eine Verordnung erlassen, wonach in allen Fallen, wo die Beflaggung öffentlicher Gebäude üblich ist oder angevrdnet wird, neben der Flagge des Volksstaates stets die schwarz-rot-goldene Flagge zu hissen ist.
Der Ausschuß beantragt, diesen Antrag durch die Verordnung der Regierung für erledigt zu erklären. — Das Haus beschließt demgemäh.
Die Abgg. Kaul u. Gen. beantragen, der Landtag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, gegen alle diejenigen unmittelbaren und fahren mit dem Ziele der Dienstentlassung einmittelbaren Staatsbeamten das Disziplinarver- zuleiten, die die Verordnung des Gesamtministeriums vom September 1921 über die Entfernung der alten Hoheitszeichen usw. aus den Amtsraumen und von den Amtsgebäuden nicht rechtzeitig durchgeführt oder die Durchführung vereitelt haben. — Der Antrag wird nach kurzer Debatte ebenfalls für e r l e d i g t erflärt.
Die Abgg. Kindt u. Dr. Werner beantragen, die Staatsregierung zu ersuchen, in Berlin bei der Reichsregierung dahin zu wirken, daß diese, dem im Reichstage eingebrachten Anträge folgend, einen Gesetzentwurf einbringt, der Abgeordneten des Reichstages oder der Landtage verbietet, künftighin als im Sinne des Gesetzes verantwortliche Schriftleiter periodisch erscheinender politischer Druckschriften zu zeichnen.
Abg. Wünzer (D. Vp.) erstattet den Ausschuhbericht. Der Ausschuß beantragt nach eingehender Prüfung der Materie, trotzdem er nicht verkennt, daß eine gewisse Berechtigung vvrliegt, den Antrag abzulehnen.
Abg. Kindt (Dntb) begründet den An- trag. Es bestehe die Gefahr, daß immer mehr verantwortlich zeichnende Redakteure Abgeordnete werden und dann auf Grund ihrer Immunität nicht bestraft werden können.
Abg Widmann (Soz.) bekämpft den Antrag. — Aach einer kurzen Debatte wird der Aus- schußantrag angenommen.
Heber die Vorstellung des Jakob Wolf I. z u Drais bei Mainz entsteht eine längere Debatte, tn der die Abgg. Hoffmann- Seligenstadt (Ztr.) und Sturms els (Soz.) dre mittel-
• alterlich anmutende Leidensgeschichte des Wolf eingehend darlegen, dessen Wunsch ihn für erlittenes älnrecht zu entschädigen, befürworten und gegen eine Reihe von Behörden schwere Vorwürfe t erhoben.
Abg. D. Dr. Diehl (Dntl.): Wenn man die F Akten dieses Wolf liest, hat man den Eindruck, daß hier eine Dorftragödie übelster Art vor- ' liegt. Wenn man eine Menge Abstriche macht, ; bleibt noch genug übrig, des Mannes Entschädigungsansprüche zu begründen. Schuldig? mütz- ten zur Bestrafung kommen. Es ist wirklich ein Wunder, dah der Wolf nicht tatsächlich verrückt geworden ist.
Abg. Lenhart (Ztr.): Ich habe den Mann selbst kennen gelernt und nie den Eindruck gehabt, dah der Mann geistig mmderwertig ist. Seit ich ferne Leidensgeschichte kenne, die tatsächlich tragisch ist, muh ich doch sagen, dem Mann gebührt wenigstens für seine materiellen Schäden Entschädigung.
Abg. Wünzer (D. Vp.) nimmt die Staatsanwaltschaft Mainz gegenüber einem Vorwurf des Abg. Sturmfess in Schuh. Der Herr Abg Sturmfels habe ein? sachliche Begründung falsch verstanden. Wenn es richtig ist, dah das Ortsgericht wider besseres Wissen eine falsche Schätzung abgegeben, ist nicht zu verstehen, daß das Ortsgericht nicht haftbar gemacht wurde.
Abg. Sturmfels (Soz.): Das ist geschehen, jedoch ist der damalige Rechtsvertreter Wolfs vom Kreisassessor Muhl veranlaßt worden, fein Mandat niederzulegen, gegen Wolf wurde dann ein Entmündigungsverfahren geleitet.
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Abg. Dr. Werner (D.-R.): Ich fenne den Fall Wolf genau und weih, dah ihm feit Jahren schweres älnrecht geschehen ist. Es ist durchaus su begrüßen, dah die hessische Vollsvertretung dem Manne endlich Gerechtigkeit widerfahren läßt. Es müssen aber auch die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.
Ministerialrat Vorbacher: Wir werden veranlassen, dah die Sache nochmals geprüft wird, und daß Verfehlungen zur Verantwortung gezogen werden. — Der Ausschuhantrag wird angenommen.
Aach der Pause teilt Präsident Adelung mit, daß der Aeltestenrat beschlossen habe, die Abgg. R e ch t i e n (Soz.), S o h e r r (Ztr.) und D. Dr. Diehl (D.-A.) in die Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge zu wählen. Das Haus ist damit einverstanden.
Abg. Wagner (Ztr.) gibt namens seiner Fraktion eine Erklärung ab, nach der tn der Aachmittagssihung am Donnerstag zwei Mitglieder irrtümlich für den Antrag des Bauernbundes zur Getreide Umlage gestimmt haben. Das Zentrum sei nach wie vor in dieser Frage einig.
Die Abgg. Kaul u. Gen. beantragen, der Landtag wolle beschlichen, die Regierung zu ersuchen, bei der Reichsregierung auf den Erlaß eines Gesetzes hinzuwirkcn, wonach der 11. August, der Tag der Verfassungsgebung im Reich,
zum gesetzlichen Feiertag erklärt wird, an welchem durch entsprechende Veranstaltungen offiziell der Republik und ihrer Einrichtungen zu gedenken ist.
Abg. Wünzer (D. Vp.) erstattet Bericht. Der Ausschuß beantragt mit 6 Stimmen bei drei Enthallungen, dem Antrag zu entsprechen.
Abg. Dingeldey (D.Vp): Wir sind gegen diesen Antrag, weil wir der Ansicht sind, dah es Sache des Reiches ist, diese Frage zu erledigen. Es liegen bekanntlich mehr Anträge vor, einen Aationalfeiertag einzufetzen. Wir sind der Ansicht, dah das Deutsche Reich und das deutsche Völk Interesse daran haben, einen Aationalfeiertag zu feiern, an dem alle Volksschichten innerlich Anteil nehmen. Sowohl Frankreich tote Amerika feiern den Tag der Entstehung ihrer Reiche, auch wir schlagen das vor. Reichsgründungstag ist der 18. Januar.
Abg. Kindt (Dschnll.): Wir habest keinen Grund, in dem Augenblick, da man gegen uns Ausnahmegesetze einführt, den Tag der Verfassung zu feiern. Wir formen diesen Tag nicht feiern.
Abg. Frau Roth: (K.P.D.): Wir haben keinen Grund, den Sag zu feiern, der für uns der schwärzeste ist. Das ist der Tag der Der- faffung, der die Arbeiterbewegung getncbelt und ihrer politischen Macht entfiel bet hat. (Zwischenrufe, die die Rednerin energisch zurückweist. äln- ruhe und Heiterkeit )
Abg. Aus) (Ztr): Der Antrag Kaul bezweckt lediglich, die Reichsregierung zu ersuchen, den 11. August als Aationalfeiertag zu begehen. Wir find für den Antrag. Wir sind aber nicht dafür, dah dieser Tag dann der einzige politische Feiertag des deutschen Volkes ist. Ich muh aber doch auf die Tatsache Hinweisen, dah wiet- derurn die äuHerste Linke mit der äuhersten Rechten einig geht. (Frau Roth, sehr erregt: Das ist ein demagogischer Kniff von Ihnen! — Heiterkeit.) Die Weimarer Verfassung hat das Doll wieder geeinigt, das sollte Grund sein, diesen Tag zu feiern.
Abg. Kaul (Soz.): Dah Frau Roth gegen den 11. August ist, wundert uns nicht, denn sie ist ja gegen die Verfassung. Wir werden sie aber einmal daran erinnern, wenn sie irgendwie sagt, sie sei für den Schuh der Republik. Auch die Gegnerschaft des Herrn Kindt verstehen wir. Wenn Herr Kindt aber meint, die Gesetze zum Schuhe der Republik seien Ausnahmegesetze gegen seine Partei, so befermt er damit, daß er gegen die Republik ist. Richt zu verstehen ist die Ablehnung der Deutschen Volkspariei, di? doch selbst die morgige Verfassungsseier mitmacht, jedenfalls auf ihrem Bureau Karten dazu ausgibt. Der Gründungstag des jetzigen DeutschenReiches ist der 9. Aovember. Wenn Herr Dingeldey will, wollen wir auch diesen Tag zum Aationalfeier- taa machen. Die staatsrechtliche Deduktion des Abg. Dingeldey ist nicht haltbar.
Abg. Ebner (KPD.): Sie können von uns nicht verlangen, dah wir den Tag feiern. (Zurufe: Verlangen wir ja gar nicht!), an dem der Arbeiterschaft die politische Macht genommen wurde und die revolutionäre Arbeiterschaft dem Staatsanwall ausgeliefert hat. Es kommt im weiteren zu sehr starken Unruhen und Zwischenrufen, als der Abg. Ebner von den politischen deutschen und russischen Mördern spricht. Plötzlich ruft Redner sehr erregt: Herr Präsident, ich mache Sie darauf aufmerksam, dah der Abg. Engelmann foeben dem Abg. Ebner Schläge angedrvht hat. (Engelmann ruft: Aicht hier, ein-1 drauhen vor der Tür! Gröhe älnruhe, Heiterkeit.) I Herr Präsident, ich stelle fest, dah das tatsächlich
I geschehen tft und bitte um Ihren Schuh. (Erneute große älnruhe und Heiterkeit.)
Präsident Adelung: Ich habe das nicht gehört. Wenn es wirklich geschehen sein sollte, entspricht das allerdings nicht den parlamentarischen Formen und ich würde es tief bedauern und hoffe, dah es nicht baxii kommt, die Drohung wahr zu machen. Außerhalb des Hauses habe ich allerdings keine Möglichkeit, Ihnen meinen Schuh angedeihen zu lassen.
Abg. Ebner schlieht: Der 11. August ist für uns ein Sag tiefer Trauer.
Abg. Reiber (Dem.): Wft bedauern, daß es nicht gelungen ist, schon für dieses Jahr den 11. August zum Aationalfeiertag zu erheben. Der Anregung, den 18. Januar zu feiern, Binnen wir nicht zustimmen, älns scheint nur der 11. August als geeignter Sag, den alle Volksschichten mit* feiern können. Es ist eine ähnlich? Situation wie die Flaggenfrage. Man muh sich auf der Mitte einigen.
Abg. Kindt (Dtschntl.) polemisiert gegen den Abg. Kaul und legt dar, daß die Gesetze zum Schutze der Republik sich tatsächlich gegen die Rechte richten und Ausnahmegesetze sind.
Abg. Dingeldey (D. Vp): Ich verstehe ohne weiteres, dah ein Abgeordneter, der so ganz auf das rein Materielle eingestellt ist, sich nicht ohne weiteres in die Gedankengänge anders Fühlender einzuleben. Darum nehmen wir Herrn Kaul seinen Standpunkt gar nicht übel. Archt verstehen können tob: das Verständnis des Herrn Kaul für den Standpunkt der Kommunisten. Am 27. Juni sind die Sozialdemokraten doch mit den Kommu .isten Hand in Hand gegangen zum Schuhe der Republik. Herr Kaul hat ja nun offen gesagt, dah es sich um einen Trutz feiertag handeln soll Dafür werden wir niemals zu haben fein, wohl für einen nationalen Feiertag.
Abg. Ebner (KPD.): Leider haben wir am 27. Juni gemeinsam mit den Sozialdemokraten demonstriert, wir sind nachher wiederum enttäuscht worden. (Zuruf: Es ist wohl nicht alles kaput geschlagen worden!? — Sehr gut!) Damals wurden gemeinsame Forderungen aufgestellt, die bewiesen, daß die Sozialdemokraten auch nicht mit dieser Republik zufrieden waren. Die Enttäuschung hat aber die Arbeiter uns in die Arme getrieben. (Widerspruch, Unruhe. — Abg. Kaul: Erzählen Sie dies doch in Volksversammlungen, nicht hier!)
Abg. Felder (Ztr.) protestiert dagegen, daß Abg. Ebner stets von der Arbeiterschaft spricht. Damit schlleßt die Debatte.
Der Antrag wird angenommen.
Der Gesetzentwurf, die Abänderung des Aus- führungsgesetzes zum L a n d st e u e r g e s e h , ein Aachtrag zum Gesetz, bctr. Teuerungszuschläge für Beamte, Lehrer usw. und Hinterbliebenen, eine Vorlage, betr. Aeuregclung des Dienstes in der Landes-Heil- u. Pflege- a n st a l t mit mehreren Vorstellungen dazu, sowie eine Reihe weiterer Kleiner Vorlagen werden den Ausschuhanträgen entsprechend debattelos erledigt.
Die Tagesordnung ist damit erschöpft. Schluß gegen 1 cklhr.
Rächste Sitzung Freitag S1/2 älhr.
Aus und Land.
Gießen, den 11. Aug. 1922.
Erhöhung der Erwerdslofen- nn-erftützuug.
Die anhaltende Teuerung hat den Reichsarbeitsminister veranlaßt, im Einvernehmen mit dem Reichssinanzminister bei dem Reichsrat die Erhöhung der Erwerbslosenunterstützung und zwar der Höchstsätze für über 21 Jahre alte Personen, die nicht in dem Haushalt eines' anderen leben, sowie der Familienzuschläge anzuregen. Der Reichs- rat hat dieser Anregung entsprochen. Von Montag, den 14. l.Mts. ab gelten hiernach folgende Sätze: 1. Für männliche Per- In den Ortsllafsen
fönen A B C Du. E
a) über 21 Jahre, sofern
sic nicht im Haushalt Mk. Mk. Mk. Mk.
eines anderen leben 28,00 25,25 22,50 18,75 b) über 21 Jahre, sofern
sie in dem Haushalt
eines anderen leben 15,00 13,50 12,00 10,00 c) unter 21 Jahre . . 10,00 9,00 8,00 7,00 2.Für weibliche Per
sonen
a)über 21 Jahre, sofern
sie nicht im Haushalt
eines anderen leben 22,50 20,25 18,00 15,00 b)über 21 Jahre, sofern
sie in dem Haushalt
eines anderen leben 10,00 9,00 8,00 7,00 c) unter 21 Jahre . . 8,00 7,25 6,25 5,25 3. Als Familienzu
schläge für
a)ben Ehegallen . . 13,00 11,50 10,00 8,50
Die neuen Unterstützungssätze gelten ebenso wie bisher als Höchstsätze. Aiedrigere Unter» stützungssähe werden insbesondere dort in Dellacht kommen, wo durch Gewährung des Höchstsatzes die älnterstühung sich zu sehr den üblichen Löhnen nähern oder sie gar überschreiten würde. Eine entsprechende Verordnung wird in der nächsten Aummer des Reichsarbeitsbialles erscheinen.
Wettervoraussage
für Samstag:
Wollig, trorten mäßig warm.
Höher Druck, dessen Maximum südöstlich vor Irland liegt, reicht keilförmig über ganz Mitteleuropa und bedingt beständigeres Wetter. Die Temperaturen steigen langsam an.
*
** 500-Mark-Schcine. In nächster Zeit werden Rcichsbanknoten zu 500 Ml. audge- 9eben werden. Sie sind 90:174 Millimeter groß und in einseitigem Druck auf Faserpapier mit Wasserzeichen hergestellt. Der schwarze, in beut» fcher Schrift hcrgcstellte Druck lautet: „Reichs- banknotc Fünfhundert Mark" usw. Vom 1. Januar 1923 ab kann diese Banknöte^-aufgerufen und unter älmtausch gegen andere gesetzliche Zahlungsmittel eingezogen werden." Es wird noch eine zweite Ausgabe mit dem Aufrufstage 1. April 1923 hergestellt. Rechts und links neben den älnterschriften stehen die Kontrollstempcl mit dem Reichsadler und der älmschrift ..Reichsbankdirektorium * 500 Links quer steht dreizeilig der Strafsah, rechts quer die farbige Aummer: sic ist rot bei der ersten, grün bei der zweiten Ausgabe. Das Papier enthält rechts dunkelrote Fasern auf himmelblau getöntem Grunde. Die Rückseite ist frei von Druck und Fasern. Hält man die Aote gegen das Licht, so erscheint auf der linken Seite ein Wasserzeichen, das sich aus zwei feilartig verschlungenen Bändern zusammenseht. Von diesen trägt das eine mit dunkler Randbegrenzung die Helle Wertzahl „500 Mk. das andere, umgekehrt mit Heller Randbegrcnzung, die dunkle Inschrift „500 Mk. Bei der Durchsicht ist die Eigenart des Faserpapiers gut zu erkennen, auch werden diejenigen Fasern deutlich sichtbar, die infolge tieferer Einbettung in die Papiermasse sonst nicht wahrzunehmen sind.
** Um die Sinheitskurzschrift. Aus Erfurt wird uns geschrieben: „Der Reichsbund für Aationalst enographie, die drittgrößte stenographische Schule Deutschlands, hielt in Erfurt eine Dertreterversammlung ab. Zum Vorsitzenden des Reichsbundes wurde Generalmajor a. D. v. Kunowski gewählt. Aach eingehender Aussprache über den jetzt herausgekommenen amtlichen Entwurf einer deutschen Einheitskurzschrift wurde eine Entschließung angenommen, in der mit Bedauern fest gestellt wurde, daß der Entwurf ohne Durchführung der vorher vereinbarten Beto ä hr u n g s ku r se zur Entscheidung gestellt wurde. Ohne die Ergebnisse der Bewährungskurse fehlen aber zur Beurteilung des Entwurfs alle wissenschaftlichen Unterlagen. Die nationalffeno- graphische Schule lehnt aus diesen Erwägungen heraus die Regierungsvorlage ab, weil sie dem Hauptcrfordemis einer modernen Kurzschrift nach größtmöglicher Einfachheit nicht gerecht wird und dadurch nicht geeignet ist, allgemein in den Schulen eingeführt zu werden."
** Die Friseur- und Perücken- macher-Innung Gießen bittet uns um Aufnahme der folgenden Zeilen: „Die in letzter Zell enorm gestiegenen Unkosten und die allgemeine starke Teuerung haben die Friseure gezwungen, die Dedienungspreise zu erhöhen. Die Innung appelliert an das Publikum, dem schwer um seine Existenz ringenden Friseurgetoerbe auch fernerhin soziales Verständnis entgegenzubringen und die berechtigten, jeder Prüfung standhaltenden Aufschläge anzuerkennen." Aäheres im heutigen Anzeigenteil.
A Kaninchenzucht. Der Provinzialver- band Oberhessen des hessischen Landesverbandes der Kaninchenzüchter hielt in Gießen im Hotel Hopfeld seine letzte Hauptversammlung ab. 3nx folge Ertränkung des Vorsitzenden führte Stoll- Dad-Äauheim den Vorsitz. Den wichtigsten Punkt der Verhandlungen bildete die Auflösung des ProvinzialverbandeS und die Gründung von Kreisverbänden. Es sind für Oberhessen vorerst drei Kreisverbände: vorgesehen: 1. Gießen-Alsfeld. 2. Friedberg und 3. Aidda-Düdingen-Schotten. Der Kreisverband Friedberg ist bereits gebildet und Stoll- Bad- Aauheim ist dort zum Vorsitzenden gewählt. Für den Kreisverband Gießen wurde einstweilen
b)die Kinder und son- ftige unterstühungs- berechtigte Angchör. 11,25 10,25
925
Kreiling-Gießen mit der Führung der Geschäfte betraut, da der Vorsitzende erkrankt ist. Der Kassenbestand des aufgelöstenProvinzialver- bandes in Höhe von etwa 1200 Mk. wird an die drei Kreisverbände im Verhältnis der Mitgliederzahl nerteilt Eine große Kaninchen - a u s st e l l u n g soll am 30. Sept, und 1. Oft. in Gießen abgchaltcn werden. Der Schwarz- und Dlauloh-Klub und der Gernrania-Silber-Klub , werden damit Sonderschauen ihrer Rasten ver-
8,25 | binden. ________________
w MM m tote.
Roman von Ernst Scheitel.
32. Fortsetzung. (Aachdruck verboten.)
Ein fahles Licht drang vom Ausgang herein, den die vordersten Reihen der Aeger bereits erreicht hallen ijnb in len auch Eduard sich mit einem Male gezwängt fühlte, während die Fluten hinter ihm zusammen schlagen and er die Treppe hinaufgepreßt wurde. '
Schreie Ertrinkender und das Gebrüll drr scheu gewordenen Tiere bereinigten sich mit dem Getöse der schwarzen Wasser, die bald die Decke erreicht hallen und alles Lebendige begraben.
Tausende von Leichen schwammen in den Wrr- beln, die jetzt die versunkenen Säulen indreiften, und schäumende braunschwarze Wogen quollen die Treppe empor, alles erfassend und tu die Tiefe reißend, was ihnen begegnete.
Besinnungslos rannte Eduard dahin, über Steine und umgestürzte Säulen, ziellos und nur getrieben von dem Gedanken, entkommen zu sein und seine Deute zu bergen. Die wenigen der Aeger, die mit ihm den Ausgang erreicht hallen, zerstreuten sich, als wenn der Satan ib~ en rm Racken säße, nur zwei Gestalten blieben Eduard picht auf den Fersen and mit ihnen galt es nun den letzten Kampf aufzunehmen. Silly foU- ten sie jedenfalls nicht zurückgewinnen, solange Eduard noch lebte.
Eduard lief die Halden hinab, bald fant er tief in den Sand ein, bald stellten sich Felsvor- sprünge in den Weg und oft mußte er langsam und vorsichtig klettern, um nicht zu stürzen. Er Hostie sich und den Leichnam Sillys in irgend
einer der Schrunden verstecken zu können, die die Felswände durchzcgm. Ec errichte auch nach vielen Kreuz- iunb Querwendungen eine Höhlung, die tief tn das Gestein einschnitt und wo er vorläufig sicher zu sein dachte. Er tr ig Sand zusammen und bettete Silly Hinern, tarntt sie weich liege, während er die Wacht bet ihr hielt.
Das grünliche Licht der Aacht sickerte durch den engen Eingang herein und beleuchtete geisterhaft das Antlitz des Mädchens. Silly war so schon wie vorher. Sie lag starr und ohne zu atmen, eingehüllt in die Prunkgewrbe 'und noch den Schmuck an den Gliedern. Eduard kniete neben ihr und hielt ihre schmale, kühle Hand mit dem smaragdenen Ring und den vergoldeten Aägeln zwischen feinen Händen, als könnte er etwas von seiner Wärme in ihren Körper strömen lassen, um das entflohene Leben in sie zurückz Zaubern. Sem Atem berührte die tolle Haut ihres Gesichtes und dann und wann war es ihm, als male sich eine flüchtige Rote auf den zarten, wie versteinerten Zügen, wenn der warme Hauch seines Mundes über sie hinstrich. Mit unenblidjer Zärtlichkeit betrachtete er den sanft geschweiften Mund den er nie rm Leben berührt hatte, und überttxfitigt von einer Empfßrdung glühender Hingegrb nheit drückte er den ersten Kuß auf die toten Lippen.
Dcr.rn fuhr er auf. Vom Eingang her nahten Schritte und er mochte sich bereit zur Wehr. Die Untriffe zweier Menschen erschienen vor dem bleichen Aachtk-immel, und Eduard wollte den beiden schon entgegentreten, als er Perzelius und Ismais in ihnen erkannte.
„Gut, daß wir Sie endlich gefunden haben," sagte der Doktor. „CÖlit Mühe vermochten mr Ihre Spur noch zu verfolgen."
Eduard axir erstaunt und erfreut, stall der beiden vermeintlichen Verfolger raun Perzelius und feinen jungen Retter vor Augen zu haben. Dennoch fand er sich nur schwer in die neue Lage. Aun die dringendste Gefahr überstanden und er selbst und der Doktor wohlbehulten aus allen Kämpfen und Mühsalen hervorgegangrn waren, kam es ihm erst deutlich zum Bewußtsein, daß das Ziel der Anstrengungen dennoch verfchll und der scheinbare Sieg in Wirklichkeit eine letzte und entscheidende Aiederlage war. Denn hatte er nicht alle Entbehrungen, Qualen und Aengste der vergangenen Wochen nur deshalb mit Todesverachtung ertragen, weil ihm ein Ziel winkte . neben dem alle andern Rücksichten verblaßten? Und war dieses Ziel nicht Sillys Rettung gewesen? Mit welcher nagertber Sorge hatte er Sag um Sag verstreichen sehen, immer nur den einen Gedanken im Herzen: wird es noch Zell sein, wird sie noch leben und was dann, wenn wir zu spät kommen? Unb nun lag Silly neben ihm, er konnte ihren Körper umfangen — doch ihre Seele war entflohen.
Mit einem Blick voll unendlicher Trauer und Liebe sah er hin auf die junge Tote, bann kniete er bei ihr niebtr und brach in een erschütterndes, krampfhaftes Schluchten auS. Dre Welt schien ihm dunkel ’unb leer und nicht mehr des Lebens wert, sein Sa'ein war gebrochen in dem Augenblick, wo es sich entfallen sollte zur höchsten Wonne, jede Freude schien ihm für ewig verloren.
Perzelius wandte sich ab, »um Eduard nicht in dem Ausbruch seines Schmerzes zu stören. Er ging nach dem Hintergründe der Höhle nm diese auszukundschasten.
Aur IsmaiL blieb. Er stand schweigend und wie verstehend da und ließ seine großen, dunkeln klugen Augen auf Eduard und dem Mädchen ruhen. Dann beugte er sich nieder, richtete Eduards Antlitz sanft empor und sagte leise unb feierlich: „Sie ist nicht tot, sie schläft nur. Der Geist hat ihre Seele genommen, der Geist kann sie ihr toi?bcrg:ben."
Eduard sah dankbar, aber trostlos zu dem Knaben auf. Er glaubte, daß ill.ser firmbtlb* sich spreche daß Silly in einem andern geistigen Leben wieder erwachen werde, ilnb er gab sich aufs neue seinem Schmerz um die Derlorene hin.
Wieder begann Ismais: „Wenn die Sonne sinkt hinter den westlichen Bergen, wird deine weiße Frau erwachen. Ich will ihr mein Leb-" geben."
Eduard verstand nicht recht. Er erinnerte sich nur des Glaubens der 2fegi)bter, daß dir jintenbe Sonne die Serien d:r Toten hinüberführe nach den Gcfllden der Seligen jenseits der westlichen Berge. Aber innerlich dankte er dem Knaben, daß dieser Sllly fein Leben schenken wollte, auf daß sie einen Freund fände, wenn sie drüben erwachte. Denn wer sich einem Verstorbenen opferte, der blieb um ihn, auch im Jenseits, nach dem Glauben der Alten.
Doch zum brittenmal sprach Ismais: .Ihr Blut ist noch nicht geflosien, die Kraft des großen Dcchvzaubers nicht gebrochen. Aoch totrn sie erwachen."
Ungläubig und mechanisch schüttelte Eduard den Kopf, wie einer, dem der Schmerz den Verstand geraubt.
• (Fortsetzung folgt'


