Ausgabe 
11.7.1922
 
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m. 160 Zwenes Blatt

vientta«, Tt IM 1922

Eichener Anzeiger ^Genera!-Anzeiger für Gderhessen)

Deutscher Reichstag.

247. Sitzung vom 10. Juli nachmittags 5 Ahr.

Die Interpellationen der Deutschnationalen betreffenb Aufruhr in Thüringen und de- - Deulsä)en Vollspartti betreffeno die Vorkomm­nisse in Darmstadt werden iimerhalb ders gesetzmäßigen Srift beantwortet werden. )

Es folgt die erste Beratung des Inituativ- ;l ge'ei.e der Sozialdemokraten, des Zentrums und j der Rechten über ,

die Bezüge bzr Sozialrentner.

Abg. Koch (Soz.) begründet den Entwurf, , Len die ReichsvcSicherung dahin abanderte, dah $ neue Lohnllajsen gebildet werden und die Stenten ! der Invaliden-, Alters- und SDitiDcnrentner um jährlich 3000 SIU. erhöht werden.

Abg. Karsten (U.): Die im Entwurs ge- forfceLtcn Rentensätze sind noch immer so gering, dr' dem heutigen Geldwerte nicht aus- 1

reicjcu, uiet weniger künftig bei den stetig stei­genden Preisen. Das Gesetz bindet uns aus viel zu lange Zeit. Unter keinen ilmftänben dürfte dw Annahme der Landesversicherungsanstalten als Thesaurierung verwandt werden.

Ein Vertreter der Regierung erklärt das allgemeine Einverständnis bei- Regierung mit bent Entwurf.

Stach weiteren Ausführungen des Abgord- neten Maltzah n (Korn.) und Meier-Zwickau (Soz.) wird der Gesetzentwurf in zweiter Lesung angenommen, mit einer Abänderung, welche die Unterstützung von Rentenempfängern durch Rot- standsmahnahmen erleichtert. Ebenso auch in dritter Lesung. Ein Gesetzentwurf über die Er­mächtigung zu Zvllerhöhungei wird dem Volks­wirtschaftlichen Ausschuß überwiesen.

Es folgt die zweite Beratung des Entwurfs eines

Gesetzes zum Schutze der Republik.

Berichterstatter Dr. Bell (3.) erstattet den Bericht des R.-chtraussch.ifses. § 1 ist das Kern­stück der Vorlage. Er richtet sich mit den schärfsten Bestiinirrunger gegen bk Ge.eimOrganisationen, die als Mördecze: calen charakterisiert teerten. Es ist aber lebigliv. von den Bestrebungen der Vereinigungen die Rede, damit die tatsächlich verfolgten Bestrebungen entscheidend sind, nicht sahmigsmäpige Ziele. Der Aasschih hat aber die früheren Mitglieder einer republikanischen Regierung aafxrhalb d eses besonderen Schutzes gestellt. 3m Falle einer begangenen ober ver­suchten Tötung wird jeder, der z ir Zeit der Tat an der Vereinigung oder Verab.edung b tet'igt war, und diese Bestrebungen kannte, mit dem Tode oder mit lebenslänglichem Zuchthaus be­straft.

3m Paragraptzen über die Begünt'igung des Täters wurde bestimmt, daß die allernächsten Angehörigen zur Ermsg.iching der Strs.osig- teit bemüht gewesen sein müssen, den Täter zum Austritte aus der Vereiuig mg zu veranlaftrn. Es genügt nicht, wenn sie sich darauf beschränkt haben, ihn lediglich von der Teilnahme an der geplanten Tötung abzuhalten. Es wird nicht jede Beschimpfung oder Verleumd ing eines Regie- rungsmftgliedes, wobei die früheren Mitqlleder überhaupt ausgeschaltet sind, tnter Strafe ge­stellt, sondern es must auch das Tatbestands- merkmal hinzutreten. dah durch diese Beschimpf ing oder Verleumdung die Republik herabgewürdigt wird.

Ferner hat der Ausschutz die Abweich ing beschlossen, dah den Verurteilten der Aufent­halt in bestimmten Teilen ob-er an bestimmten Orten dos Rttches auf die Dauer bis zi fünt Jahren angewiesen werden kann. Bei Aus­ländern ist dagegen auf Ausweis ing aus dem Reichsgebiete zu erkennen. Der Stoatsgerich's- hos stellt sich nicht als ein nach der Reichs­verfassung unstatthaftes Ausnahmegericht dar.

Abg. Bell (Z.) fortfabrenb: Er ist lediglich ein Sondergericht, wie die Gewerbe-, Kaufmanns- und Wuchergerichte. Somit liegt in den Bestim­mungen des Staatsgerichtshofes keine Ver­fassungsänderung. Eine besonder: Berücksichtigung des Laienelementes ist dadurch erreicht worden, datz fünf Laienrichtern nur zwei Juristen gegen» überstehen.

3n Anbetracht der besonders schwierigen und eigenartigen Verhältnisse in Bayern erscheint es als eine Staatsnotwendigkeit, tunlichst den be­rechtigten Wünschen der bayerischen Regierung zu entsprechen, soweit dies mit den Zielen und Zwecken des Gesetzes in Einklang zu bringen ist. Andererseits müsse auch von allen Ländern die gebotene Rücksicht auf das Reich erwartet und

Verständnis für die schwierigen Aufgaben ver­langt werden, die das Reich zur Sicherung seines Bestandes zu erfüllen habe. Der Reichsjustiz' Minister hatte zwar Bedenken, die Anhörung des Reichsgerichtspiäsidenten bei der Ernennung der Richter als zwingende Vorschrift in das Gesetz auf zu nehmen. Selbstverständlich werde aber der Reichsgerichtspräsident über die Persönlichkeiten der Ernennung gehört werden. 'Bei der Ernen­nung der Laienrichter würde ebenfalls dafür gesorgt werden, dah die verschiedenen Länder und Landesteile vertreten seien. Die Auswei­sungsvorschrift der Mitglieder ehemaliger regie­render Familien ist gestrichen worden. Auch soll Oie Bestimmung, dah Mitglieder solcher Fami­lien, die ihren Wohnsitz im Auslande haben, das Reichsgebiet nur mit Erlaubnis der Reichsregie­rung betreten dürfen, dahin abgeändert werden, dah der Paragraph nur in Anwendung kommt, falls die Besorgnis gerechtfertigt ist, dah das Wohl der Regierung gefährdet ist. Eventuell ist Aufenthaltsbeschränkung innerhalb Deutsch­lands zuzulassen.

Der Redner- schlieht mit dem Hinweis, dah die auherordentlich gespannte Situation cineun» verletzbare En.scheidung erfordere,^ und empfiehlt die Annahme der Ausschuhbeschlüsse.

Dahr. ©efanbtet Preger.

Der Gesetzentwurf verfolgt denweck, Angriffe auf die ver.assungsm ästige Staatssorm mitschärf- Reihe von Anträgen borlegen, die geeignet wären, sten Mahnahmen zu bekämpfen. Auch die bayrische Regierung stimmt dieser Absicht grundsätzlich zu. Auch sie hält eine Verschärfung der bestehenden Vorschriften in jeder Richtung für geboten. Sie hält jedoch den Gesetzentwurf in der vorliegenden Form für unannehmbar, da er in den Straf­androhungen weit über das zur Erreichung des gesetzten Zieles notwendige Mast hinausgeht. Redner sieht im Staatsgerichtshof ein nach der Verfassung nicht zulässiges Ausnahmegericht, dah in die Zuständigkeit der Länder tief eingreife und überdies in feiner Zusammensetzung auf eine bedenkliche Politisierung der Strafrechtspflege hinausläuft. Der Entwur-s unterwirft das ganze Vereins- und Versammlungsrecht und auch die Freiheit der Presse tief einschneidenden Deschrän- fungen. Durch die Ausschuhbeschlüsse ist zwar ein Teil der Bedenken gemildert worden, immer­hin ist aber ein Teil grundlegender Bestimmungen beibehalten oder noch verschärft worden, die es Bayern unmöglich machen, dem Gesetzentwurf in dieser Fassung zuzustimmen. Bayern wird eine Reih evvn Anträgen vorlegen, die geeignet wären, wenigstens die allerschärfsten Bedenken zu be­seitigen.

Die Weiterberarung über diesen Gegenstand erfolgt morgen. Das Gesetz über die Pflichten der Beamten zum Schuhe der Republik soll nach dem Vorschlag des Präsidenten dem Rechtsaus­schuh überwiesen werden. Ein Antrag Schiele lDntl.), die Beratungen am Mittwoch ohne Aus- schuhüberweisung vorzunehmen, wird abgelehnt. 2Ibg. Deglerk (Dntl.) erklärt den Entwurf für seine Partei als unannehmbar, da er den Ver­fassungsbruch verankert. Das Gesetz geht sodann an den Rechtsausschuh.

Morgen nachmittag 2 Uhr: Zweite Lesung des Gesetzes zum Schutze der Republik und Amnestiegesetz.

Schluh nach 8 Uhr.

14. Verbandslag der Fabrikarbeiter Deutschlands.

fpd. Frankfurt a. SH., 9. 3-ilt Di starker Beteiligung aus allen Gebieten Deutschlands wurde heute abend im Volkf bildan-gsh:rm der 14. Verbandstag der Fabrikarbeiter Deutschlands durch dm Verbandsvorsihenden Reichst^ 'abgeorbneten August Brey - Hannver eröffnet. Zu den Verhurdlangen, die etwa ehre Woche bauern sollen, sind auch Ster trete r der Fabrikarb .it rv r .ä' b? Engla dl-, Ho^a dZ, Belgiens, Dänemarks, Schwedens und Oe?er- leichs eingetroffen. Der Verband steht mit seiner , Mi glledeizahl von 710 000 nach dem Metall- \ arbeiterverbande an erster Stelle unter den beat- i schen Gewerkschaften und .rmfa'rt lavpt ächi tz die ! Angehörigen der chmr.fchen, der Papier-, St in-, Konserven-, Gummi-, Seifen- and Zündholz- 3ndustr>e. Dem Verbände sind nicht wm-ger als 2 50 000 Arbeiterinnen aaig s.l s n die höchste Zahl, die innerhalb einer Organisation zu verzeichnen ist. Der gegenwärtige Derbainds- tag ist vor besonders schwere Aufgaben gestellt,

weil gemäh den Beschlüssen des Leipziger Ge- wectschaftskongresses das Zuständrgkeits- gebiet des Ve rbandes auf b i c chemi­sche Industrie b schcänt werden v i. Damit wurde aber der Verband etwa 75 Prozent seiner Mitglieder verlieren. Auch über das Obbauer Erblosionsunglück mb seine Ursachen wird eingehend ve ha beit werde". 31 te.i z ch.r.iyen B g ü u g a sp achen : ernten die ausländischen Vntreter die Mastergütiigküt ler deutschen g weib.iche.r Betll b?. Ramenllich sand de- belgische Delegierte für die soz.alen (Sin» richtnr.gr . in Deatschlr-n) rng-.w H it warme Worte. Der e g she D legre.t: OG rady fir derte zu eitern s.h engen Zasamin.nschlas) alle; Arbeiter der llveli für den SDi-.becaufbaa der zerstörten Wi tsch.fi auf and bedauert', dah die deutsche Arbllterschaft in sich zerrissen sei Der­selben Ansicht war der österreichische Stbgeoronete. Die nun folgende Darc au bild an g ergab die Wohl vor Brey- Han over, Fischer- Frai k furt a. SH. and Sch oenfeld - Leipzig zu Vor­sitzenden.

fpd. Frankfurt a. SH., 10. Juli. Der heutige zweite Verhandlungstag war in der Hauhtsache der Erstattung des umfangreichen Jahres- und Geschäftsberichts gewidmet. Die Be­richte bieten ein umfassendes Bild a.uhervrdent- lichec Tätigkeit, nicht nur in organisatorischer Hinsicht, sondern auch in der Richtung, den Mit­gliedern neben wirtschaftlichen Erleichterunaen vielerlei Art auch geistige Anregung und Bil­dungsmöglichkeiten zu vermitteln. Welche un- gehmiren Summen in dem Verband investiert find, beweist die Tatsache, dah der Verband in seinen sämtlichen Kassen am Ende des 3abred 1921 über einen Bestand von 51255 372 Mk. ver­fügte. Dem Verband gehören gegenwärtig mehr als 710 000 Mitglieder an. Er gewährte im setzten Jahre rund 63 Millionen SRart Unter­stützungen. Für die nächsten Tage ist die Be­ratung der zahlreichen eingegangenen Anträge vorgesehen.

Aus Stadt und Land.

(Sieben, den 11. Juli 1922

Winke für den Neifeantritt.

3m Hinblick auf den verstärkten Reiseverkehr während der graben Ferien wird zur Vermeidung von Stockungen bei den Fahrkartenausgabe- und Gepäckannahmestellen empfohlen, bereits a m Tage vor der Abreise die Fahrkarten zu lösen und die Gepäckstücke aufzugeben. Eine frü­here Ausgabe von Gepäck ist nur dann nicht zu­lässig. wenn auf der Bestimmungsstation die Aus­händigung des Gepäcks durch die Zugführer er­folgt. Eine feste Verpackung und gute Verschnürung der Gepäckstücke liegt im 3nteresse jedes Reisenden. Jedes Stück mutz die genaue und dauerhaft be­festigte Sldresse des Reisenden (SZame, Wohnort, Wohnung) sowie den Sternen der Aufgabe- und Bestimmungsstation tragen. Sehr zu empfehlen ist, dem Gepäckstück einen Zettel mit gleicher Auf­schrift beizulegen, damit bei Abhandenkommen der äußeren Dezettelung bei amtlicher Oeffnung des Koffers der Eigentümer sofort ermittelt werden kann. Alte Dezettelungen müssen sorgfältig ent­fernt werden, um zu verhüten, dah das Gebäck verschleppt wird. Zum Schluffe fei auch bei Aus­gabe des Gepäcks die Versicherung desselben empfohlen. Die Bedingungen und Gebührensätze sind durch Auöhang an den Gepäckschaltern be­kannt gemacht. Die Versicherung bietet besondere Vorteile dadurch, dah bei Verlust, Minderung, Be­schädigung und Lieferfristüberschreitung der volle entstandene Schaden einschliehlich des entgangenen Gewinns ersetzt wird.

Fahrpreisermäßigung

zur Leipziger Herbstmesse.

Fahrpreisermäßigung zur Leip­ziger Herbst mess e. Zur Leipziger Herbst­messe, 27. August bis 2. September, werden wie­der eine gröbere Zahl Gesellschafts-Sonderzüge mit einer Fahrpreisermähigung von 20 bis 40 Prozent verkehren. Sie werden bei genügender Beteiligung auf 22 Strecken gefahren. Als Aus­gangspunkt ist auch Frankfurt a. M vorge­sehen. Da nur soviel Fahrkarten verkauft wer­den, wie Sitzplätze vorhanden sind, ist sofortige Bestellung nach Bekanntgabe der Züge, unter Angabe der Mehzugnummern, des Verkehrstages, der Wagenllasse und Strecke zu empfehlen. Die Fahrkarten für die Rückreise werden nur in Leipzig durch das Reisebureau beim Meharnt verkauft.

Kreis Büdingen.

tz. Ortenberg, 10. Juli. Bei schönstem Sommerwettec feierte gestern der Gesang­vereinFrohsinn" dahier das Fest seines 80jährigen Bestehens. Von auswärts hatten sich 26 Gesangvereine eingestellt. Slach- mittags gegen 2 Uhr bewegte sich ein stattlicher Festzug durch die ©traben unseres Ortes nach dem Festplatz Der Festredner Herr Pfarrer Kahn hob hier die Bedeutung des deutschen Volksliedes besonders hervor und zeigte, wie der Volksgesang, der den Menschen von Der Wiege bis zum Grabe begleitet, so recht geeignet ist, an dem Wiederaufbau unseres Vaterlandes mit» zuhelfen. Alles, was des Menschen Herz bewegt, ob Freud oder Leid, wird in dem deutschen Volls- lied besungen. Der Festredner gedachte noch in ehrenden Worten der Begründer und Dirigenten des festgebenden Vereins. Rach der Festrede fand die llebeneichung der von den Jungfrauen der Stadt gestifteten Fahnenschleife statt. Hierauf erfolgten die Liedervorträge der Gastvereine, wo­raus sich bald ein lebhaftes Treiben auf dem Festplahe entwickelte.

Kreis Lauterbach.

O. M. A l l m e n r o b , 9. Juli. Am Scheid­berg bei der Thorkuppe muhte vor längerer Zeit einHünengrab" beim Baumfällen ange­schnitten werden. Dabei fand man ein Paar sehr gr'he B r o n z e s p i r a l e n , Frauenfchmuck aus einer mehr als 3000 tjafjre zurückliegenden Kul- turpeiiode. Sie wurden jetzt von Freiherrlich Riedeselschen Forstverwaltung dem Oberhessischen SHufeum zu (Sieben für seine vorgeschichtliche Ab­teilung überwiesen. Aus Gräbern in unserer Feldgemarkung besitzt das Museum des Sllsfelder Geschichtsvereins einige sehr interessante Funde, verschißene Stücke liegen auch in dem Schloß Sickendorf, die hoffentlich in absehbarer Zeit ebenfalls in einer öffentlichen Sammlung der Wissenschaft zugänglich gemacht werden.

O. SH. Angersbach, 9. Juli. Vor länge­ren Jahren wurden auf Freiherrlich Riedesel- schein Gebiet beim Steinebrechen zwei prächtig erhaltene Dronzebeilklingen, sog. Stanb* feite, gefunden, di? zu den schönsten aus Ober- Hessen bekannten Stücken dieser Art gehören. Sie gelangten nunmehr als Geschenk des Herrn Erbmarschalls Riedesel zu Eisenbach in das Oberhessische SHufeum in (Sieben. 3n unserer Gegend haben sich in den Wäldern sehr viele Hünengräber" erhalten, die von dichter Desie- delung in derBronzezeit" erzählen. Die Beile stammen aber offenbar nicht aus einem Grabe: sie scheinen vielmehr von dem einstigen Besitzer, etwa einem Händler, an sicherem Ver­steck verborgen worden zu sein, das sie denn auch als sie aus irgendeinem Grund damals nicht mehr hervorgezogen wurden,' mehr als 3000 Jahre lang treulich bewahrt hat.

Hessen-Nassau.

Der Straßenname als Parteikuudgebrrng

wd. Biebrich, 10. Mi. Bn einer Kund­gebung dec sozialistischen Parteien teilte der Stadtverordnete Reuse! mit, dah der Magi­strat b.schlossm habe, verschißene ©traben n amen bzw. Schulbenn a ngen zr ändern. Danach werden umgetauft: Herzcgsplatz in August Bebelp lah, Kaiserstrahe in ©trabe der Republik. Kaise platz in Rathenauplah. Hohrnzoller schu e in Goetheschule, Kaiser ßibtoigftrabe in Gorthe- ftrabe che-zog Adolfs chll' in Schil'.erfchale. Cr ni'nschulr l- Di st rw gsch le. Hohe.-z. IL r-r» ftrabe in Richlstrahe, KoniM-lw' i : Rosa Luxemburgplay, Hindenb rrgstrahe in Liebknechtstrab e und Wichllmsa rlage m Friedensanlage.

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n>i). Wiesbaden, 10. Juli. Die führenden Organisationen des Handels, der Industrie und des' Gewerbes von Wiesbaden haben in ihrer SHitaliederversammlung zu den Vorkommnissen auloblich der von den sozialistischen Gewerkschaf- len veranlassten Demonstrationen S ellung genommen und eine Resolutton gesaht, in welözei die Arbeitseinstellung und die Aus­schreitungen aufs schärfste verurteilt werden. Von der Stadtverwallung werden Schritte verlangt, um das Ansehen Wiesbadens als Kurstadt zu erhalten, das durch wüste 'Strabenszenen irz hohem Mähe gefährdtzl werde.

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W Wkl öMlkSS.

Sroman von Ernst Schertel.

10. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Der Boden senkte sich stärker abwärts, so dah man rascher vorwärts kam. Aber auch die Verfolger konnten fi diesen Vorteil zunutze machen.

Eduard hatte keine Besinnung mehr, er fühlle nur, wie ihn der Doktor plötzlich nach der Seite emporrib und wie die frische Slachtluft ihm ent­gegenschlug.

Stber auch hier drauhen wartete der beiden der Untergang. Die Pferde waren weg und statt ihrer umringten neue Feinde Eduard und den Doktor.

Zurück! Schnell!" rief dieser und zerrte Eduard wieder hinab, während die Gegner sich nachstürzten.

Der Doktor hatte rasch seine Lampe ^verlöscht und rannte nun mit Eduard in dem Teil des Ganges weiter, der nach dem Stil hinabführte. Eduard bemerkte, wie die unterirdischen Gegner nach oben stürmten, da sie ihn und den Doktor dort vermuteten, und wie die äuberen Feinde hereindrängten, so dab Augenblicke lang eine ftirchtbare Verwirrung entstand. Diese Zeit nützte Perzelius aus und gewann einen Vorsprung. Immer mehr verebbte das Schreien und Klirren der Verfolger, die sich scheinbar mit der Flucht ihrer Opfer abfanden. Vielleicht weil sie nicht so weit in die Rilgegend Vordringen wollte^

La g am lehr e Ed ard dasBeteuhtsein zurück.

Svas ist nun mit uns?" fragte cr fchliehlich derzweiflungsvoll den Doktor. Dieser aber küm­merte sich scheinbar gar nicht um ihn, sondern schritt in raschem, doch gleichmähigem Tenrpo wie ein guter Gebirgsführer in die Dunkelheit hinein. Eduard flimmerte die Finsternis vor den Augen, aber Perzelius entzündete feine Lampe

nicht. Erst nach einer Zeit, die Eduard schier un­endlich dünkte, lieb er einen schmalen Lichtstreifen nach vorne dringen aber es war nur das kahle Gemäuer des Ganges, was sich den Blicken bot Schlieblich schien der Gang auszuhoren, denn hohe Schuttmassen versperrten den SBeg. Eine neue Angst stieg in Eduard auf. Wenn sie wieder zurück mubten, um aufs neue ihren Verfolgern in die Hände zu fallen? Vielleicht waren diese ab­sichtlich zurückgeblieben, weil sie schon toubten, dab ihm und dem Doktor nur die Wahl gelassen war, umzukehren ober zu verhungern?

Inzwischen untersuchte Perzelius bei der dürf­tigen Beleuchtung sorgfältig das Mauerwerk. Wände und Decke bestanden aus massivem Gestein ohne die fleinften Ritze. Das Geröll am Ende er­wies sich als undurchdringlich.

Eduard sah den Doktor an mit einem Blick, der so viel sagte wie:Run ist es doch aus mit uns."

älnd zu seinem Schrecken wandte sich auch Perzelius zur Umkehr. Behutsam schritt er zu­rück, alles sorgfällig beschnuppernd wie ein Spür­hund. Erst jetzt fiel Eduard ein eigentümlich süd­licher Geruch auf und dieser schien den Doktor zu leiten. Perzelius drehte seine Lampe weiter auf, so dab plötzlich ein breiter Lichtstrom die Wände entlang glitt, äcknd da bemerfte er eine seitliche Ausbuchtung des Ganges, die ihm in der Dunkel­heit entgangen war. Von dort schien auch der schwüle Geruch zu kommen.

In dieser Höhlung war bei näherem Zusehen ein grober, schmutziger Kessel zu bemerken, in welchem der stinkende Rest irgendeiner alkoholi­schen Substanz lag. Daneben stand eine Leiter. Perzelius stieg diese empor, während Eduard fie­bernd wartete. Oben deckten schwere Holzbohlen den Staum. Der Dollar drückte mit aller Kraft dagegen, ein Teil der Decke hob sich und Per­zelius kroch durch die entstehende ßüde, während er Eduard winlle, ihm zu folgen. Sluch dieser flieg empor, ohne sich zurechtfinden zu können.

Wissen Sie, wo wir sind?" fragte ihn der Doktor.

Wie konnte ich das?" erwiderte Eduard.

Dann will ich es Ihnen sagen: in der Hütte unseres Dorfvorstehers."

Viertes Kapllel.

Eduard von Wulfsen war vollkommen zer­schlagen, als er sich von Perzelius trennte unb seine Lagerstatt in einer ber schmierigen Hütten aufsuchte. Seine zerschundenen ©lieber bluteten unb cr verbrachte lange Zeit bamit, sie auszu- waschen unb notdürftig zu verbinden. Sein Hirn war noch erfüllt von den Schrecknissen der ver­gangenen Stunden unb immer aufs neue hörte er sim Geiste bas unartikulierte Geschrei der Ver­folger und das Krachen ber Schüsse. Endlich Verfiel er tn einen dumpfen Schlaf, in welchem ihn schwere Träume peinigten.

Dennoch verlief die Skacht ungestört. Der Mond hing grob unb gelb an bem blauschwarzen Himmel unb ein kühler Winb strich über bie Ebene. Tiefe Stille lag über ben brüchigen Lehm­bauten, die wie zufammengekauerte heimtückische Dämonen unter den Palmen hockten.

Aber sobald die ersten Strahlen ber ausgehen­den Sonne über ben Kamm ber nubischen Wüsten­berge stachen, begann! es sich zu rühren in bem kleinen Weiler. Doktor Perzelius, ber kurz, aber vorzüglich geschlafen hatte, kroch leise zwischen ben ölgetränkten Laken hinburch, die die Türen an seinemWohnhaus" vertraten. Er mubte vor­sichtig sein, um dieSultaninnen" nicht zu wecken, die hinter einer Matte dicht neben ihm schnarch­ten Sie waren schon des Rachts etwas unruhig geworden unb hatten sich wie dicke SHafttiere auf die andre Seite gewälzt, als er aus bem Schnaps- feller heraufgestiegen war. Sie bürsten um keinen Preis erfahren, bab er das Geheimnis ihres Herrn kannte.

Der Doktor ging zunächst auf eine Erkun- dungsfahrt aus. Slach der Aeberraschung, die cr

in bem unterirbifchen Gange erlebt hatte, muhte er auf seiner Hut fein. Denn baran, bab diese Wüstenräubei ihre einmal erspähten Opfer gut» willig würben fahren lassen, war nicht zu benfen Von allen Seiten drohte jetzt Gefahr, zumal ja ja in dieser Gegend alles unter einer Decke steckte.

Dah er die beiden Pferde unb verschiedenes Gerät hatte verloren geben müssen, notierte er mit Fassung auf das Konto ber Spesen. SIbei immerhin war da etwas passiert, was leich! bie furchtbarsten Folgen hätte haben können, und nach der ganzen Lage ber £>inge so schlob er seinen (Sebanfengang wär ein längeres Ver­bleiben in dieser Gegend für den Augenblick nicht geraten. Was er finden wollte, hatte er nur allzu reichlich gefunden.

Perzelius entzündete eine Zigarre unb ver­gewisserte sich, bab die übrigen Tiere, Werkzeuge unb Provianigegenstände noch vorhanben waren, dann setzte er sich auf einen ber herumstehenben Tröge, zog sein Rotizbuch aus ber Tasche und versenkte sich in seine Pläne unb Aufzeichnungen

Er wurde erst gestört, als ihn einer ber Fellachenjungen ansprach unb zum Frühstück rief. Dieses war inzwischen in einer groben Sanbmulde hergerichtet worden. Bald erschien Silly, die sich lebhaft der ganzen Sache annahm unb schon seit einer halben Stunde Brötchen geröstet unb mit Marrnelabe bestrichen hatte. Sie strahlte jung unb morgen'risch unb freute sich kindlich über das reiche Feld der Betätigung, das sich ihr plötzlich geöffnet hatte. Auch ber Baron lieh nicht lange warten. Mib Mason war beschäftigt, die braunen Diener anzuleiten, wobei sie jedoch mehr Unordnung stiftete, als unmittelbar nötig_ ge­wesen wäre. Sie legte eifrig mit ihren dürren Fingern Löffel und Teller zurecht, glättete das Tischtuch, das auf der weichen Sandunterlage nicht die nötige Korrekthell bewahrte, und verteilte die Plätze.

(Fortsetzung folgt.)