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Ausschuß hat die Eingänge aus dem Güterverkehr um 4 Milliarden hoher angesetzt als die Regie­rungsvorlage, nämlich auf rund 87 Milliarden Mark. 3n den höheren Deamtenstellen werden dagegen viele Streichungen vorgenommen. So sollen künftig Wegfällen: 4 Ministerialdirektoren. 15 Ministerialräte, 12 Oberregierungsräte. 20 Ministerialamtmänner, 4 Regterungsräte und ver­schiedene andere.

Andererseits beantragt der Ausschuß bei den Kinder zulagen und den Ausgaben zur Vermehrung der Wo h n g e l e g e n h ö .» en für Bahnbedienstete wesentliche Erhöhun­gen. Der Ausschutz ersucht die Regierung in mehreren Entschließungen, in den Industrie­gebieten für den Arbeiterverkehr einen Vorort- tarif einzufuhren, den Vororttarif auch im Inter­esse der Angestellten auszudehnen und den Be­trieb der Schlafwagen sowie der Reisebureaus weiter selbst zu übernehmen.

Der Ausschuß für Dildundswesen beantragt außerdem eine Fahrpreisermä­ßigung für den Besuch von Religionsunterricht, Veranstaltungen der Jugendpflege, gemeinnützige Dildungsanstalten und für Lehrlinge. Ein Regie­rungsvertreter warnt vor dieser Anregung, ehe die finanzielle Wirkung fest stehe.

Abg. Brunner (Soz.) verlangt von der Verwaltung großen Geschäftssinn und tritt des­halb für die Aebernahme der Schlafwagen und Reisebureaus durch die Verwaltung ein. Der Redner schildert die günstige Wirkung des Acht- Stundentages auf die Arbeitsleistung und prote­stiert gegen die Versuche einzelner Industrien, sich über den Achtstundentag hinwegzusetzen. Des­gleichen kritisiert er die im Anschluß an den Eisen- bahnerstrcil vorgenommenen Dcaintenmaßregelun- gen und protestiert mit Entschiedenheit gegen die Bestrebungen, welche die Reichseisenbahn dem Pcivatkapital überliefern wollen.

Abg. Dr. Höf le (Zentr.): Der gegenwärtige staatsburcaukratische Betrieb der Reichseisenbah­nen kann nicht die Detriebsform der Zukunft sein. Andererseits lehnen wir eine Privatisieruna der Reichscisenbahnen entschieden ab Die Eisenbahn­finanzvorlage geht uns in der Ausschaltung des Reichstages zu wert. Dagegen sind die Vorschläge des Deutschen Gewerkschaftsbundes sehr beach­tenswert.

Der Redner erkennt die Mehrleistung der Werkstätten an, erwartet aber eine weitere Besse­rung von der Einführung der Aormalisierung und Typisierung, spricht sich aber gegen eine weitere Zentralisierung aus. Er fordert, daß die Ver­kehrsverwaltung über diese Forderung der In­dustrie mit gröberem Rachdruck hinwegschreite und erklärt: Wenn der ReichZverband der Indu­striellen behauptet, die Reichsbahnen konnten an Stelle.der vom Ministerium geforderten 990000 Mann mit 750 000 Mann auskommen, so halte er eine solche Verkleinerung des Personals für un­möglich. allenfalls beim Aufsichtspersonal könnte eine Einschränkung erfolgen. Wenn die Arbei'er- organisationen dächten, wegen des Streiks dürften keine Maßregelungen erfolgen, so ist dies eine falsche Auslegung der Reichskanzlerworte.

Abg. Dr. Reichert (Dn.) warnt vor der unerträglichen Belastung der Industrie durch unsere Gütertarifpolitik. Diese müsse völlig ge­ändert werden. Der Minister empfindet ia selbst das dringende Bedürfnis nach Reform. Darum sollte er nicht beim Ar^eitszettgoleh sieben bleiben. Jedenfalls habe die neue Reichsverwaltung das noch nicht zu leisten vermocht, was der alte Staat mit der in ihm herrschenden Autorität zu leisten vermochte.

Morgen mittag um 1 Uhr: Weiterberatung, außerdem ArbeitSzeitgeseh für den Kohlenberg­bau. Schluß 6V2 Uhr.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 11. Mai 1922.

* Amtliche Person alnachrichten. Ernannt wurde am 5. Mai der Lehrer Peter Gärtner zu Allertshofen-Hoxhohl zum Lehrer an der Volksschule zu Frischborn, Kreis Lauter­bach. Uebertragen wurde am 2. Januar dem Lehrer Karl Fischer zu Rieder-Stoll eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Mörfelden, Kreis Groß-Gerau. In den Ruhestand ver­seht wurde am 3. Mai der Rektor an der Volks­schule zu VUbel im Kreise Friedberg Heinrich G e <k auf sein Rachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staate während 50 Jahren geleisteten Dienste vom 1. Juli 1922 an.

** Die Vereinigung jugendlicher Musik- und Literaturfreunde veran­staltete kürzlich einenDeutschen Abend". Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Vor­trag von Studienrat Prof. Dr. Schmoll über Freiherr von Stein". Der Redner schil­derte in kurzen Zügen das Leben und Wirken dieses großen Mannes, der vor etwa 100 Jahren, als sich Deutschland in einer ähnlichen Lage be­fand wie jetzt, gekämpft hat für die Freiheit und Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Reicher Bei­fall belohnte den Redner für seine packenden Aus­führungen. Umrahmt war der Vortrag von musi­

kalischen Darbietungen von K. Kinzenbacy und Dellamationen von Rudi Jung, die eben­falls gute Aufnahme fanden.

** Gelegentlich des Stiftungs­festes des Marine-Vereins Gießen führte, wie un* in Ergänzung unseres Berichtes mitgeteilt wird, Kapitän S ch m e h l in einer Rede folgendes über den Flaggenwechsel aus:Trotzdem die Schiffahrts- und Handelskreise, einerlei welcher Partei angehörend, sich für Beibehaltung der alten Farben schwarz-weiß-rot aussprachen, fand denn- noch der Flaggenwechsel statt. Da sich die meisten Deutschen im Inlands nicht bewußt sind, was dies für Folgen für uns hat, ist es Pflicht, hierüber aufzuklären." Der Redner führte treffende Bei­spiele dafür an, wie unsere Feinde diesen Wechsel des Firmenschildes im Auslande zur Propaganda gegen uns benützen würden: die Engländer z. B. würden im Ausland die Meinung verbreiten, daß die Führung der belgischen Farbe in unserer Han­delsflagge eine Strafe für den Ueberfall Belgiens sei: außerdem sehe das Gold dein Gelb ähnlich, das bei den Engländern die Farbe ihrer Straf­kolonien sei. So sei es sehr zu bedauern, daß wir auf See nicht mehr unsere weithin sichtbaren alten Farben tragen dürfen, unter denen Deutschlands Seehandel groß geworden ist und die geachtet waren in allen Weltteilen. Mit dem Wunsche, bei einer kommenden Abstimmung möchten alle für unsere alten Farben stimmen, schloß der Redner seine Worte.

Tageskalender für Donners­tag. Stadtkirche, 71/4 Ahr: Anton Bruckners Große Messe. Astoria-Lichtspiele:Das Pan­zergeschoß", 5. Teil. Lichtspielhaus, 'Bahnhof­straße:Christus".

Joseph Plaut, der ausgezeichnete Berliner Vortragskünstler, gibt hier am Dienstag, 16. Mai, im Stadttheater feinen zweiten dies­jährigen Abend. Plaut unterscheidet sich von seinen Kollegen in erster Linie dadurch, daß er seine Sachen nicht nur vorzutragen, sondern auch darzustellen vermag. Plauts ungewöhnliches Ge­staltungsvermögen ist so vielseitig, daß es kein Gebiet gibt, das er nicht beherrscht.

Programmänderung im Licht­spielhaus. Das große FilmoratoriumChri­stus" wird des großen Erfolges wegen heute nochmals zur Aufführung gebracht. Schüler haben bis 6 Ahr ermäßigte Preise. Spielzetten 46 Ahr. 68 Ahr, 810 Ahr. Der Film mit Lotte Reumann läuft ab.Freitag.

Landkreis Gießen.

X Wieseck, 9. Mai. Der Gemeinde­rat genehmigte den zur Kanalisierung und Wasserleitung der neuen Stra­ßen aufgestellten Voranschlag mit 254 000 Mk. unb entgegen dem Einspruch der Oberförsterei, die mehr forderte, die Versteigerung von Lau bheu. Die gemeinnühiye Bauge­nossenschaft mußte ihr Bauprojekt für dieses Jahr in Anbetracht der weiter gestiegenen Kosten noch mehr einschränken, so bedauerlich das auch ist angesichts der Tatsache, daß die Seelenzahl der Gemeinde in den letzten Jahren durchschnittlich um 120 steigt. Da die meisten Anteile 500 Mk. nicht übersteigen, kam sie um Aebernahme der Bürgschaft der Gemeinde für ein Darlehen von 500 000 Mk. ein. Damit soll ein Doppelhaus und ein Einfamilienhaus erbaut werden. Dem Gesuch wurde entsprochen. Der Gemeinderatssihung wohnte als Gast der Schulvorstand bei, der im Anfang über das Iugendfest mit demGe- meindevat beriet. Da dieser Sommer zwei Jubi­läums feste von Vereinen bringt, soll das Fest erst nächstes Jahr auf einen Sonntag gelegt und in der früheren Weife gefeiert werden: in diesem Jahr am Samstag, 24. Juni, unter möglichster Teilnahme der Eltern. Das Verlangen der Linken an die Lehrer, bei der Feier in Ansprachen den Wert der Republik zu unterstreichen, wurde ihrer­seits zurückgewieseir: ebenso wurde der Antrag auf Verleihung von schwarz-rot-gvldnen Schleifchen an die Kinder fallen gelassen zugunsten der früher üblichen Bretzeln. Für jede Schulklasse soll jedoch eine Fahne mit den neuen Reichsfarben beschafft werden. Die auch hier schon wiederholt an den verschiedensten Stellen festgestellte zunehmende Verrohung der Jugend soll bekämpft werden durch Anfertigung von den Kindern mitzugebenden Merkblättern und in den Schulsälen anzubringen­den Merktafeln. Aus der Reihe der Lehrerschaft wurde mehr Anterstützung von feiten des Hauses und der Ortspolizei gefordert.

Kreis Schotten.

E. Laub ach, 9. Mai. Da die Woh­nungsnot dahier immer choch groß ist, so hat sich die Eisenbahnverwaltung ent­schlossen, ein großes 4 - F a m i l i e n h a u s für ihre Bahnbeamten amRöder Weg", neben den bereits bewohnten städtischen /Häusern an der Straße nach Wetterfeld zu erbauen. 'Der Bau ist bereits in Angriff genommen worden und soll bis zum kommenden Herbst wohnbar hergestellt und bezogen werden Können.

hg. Alrich stein, 10. Mai. Heute erfolgte die Reuverpachtung der Grundstücke der Pfarrei Alrichstein auf die Dauer von

/brtern. Um nachteilige Storungen tn Zukunft zu vermeiden, hat die Versammlung die Frage geprüft, ob es nicht angeb acht wäre, in de > Pakt eine Bestimmung auszunehmen, wonach der Pakt selbst erttstzt, lobalo ade u.iterzeiu-.^!lc,e.. Staaten Mitglieder des Völterbundes geworden sind.

Ei» englisch-amerikanischer Vertrag über Paläftlna.

London, 10. Mai. (WB.) DemRew Standard" zufolge sind Großbritannten und die Vereintgien Staaten hmf chtl ch eines Vertrages von großer 'Bedeutung bezüglich P a l ä st i n a s übereingelomme/i. Der Vertrag wird augenblicklich entworfen und wird wahr­scheinlich bald unterzeichnet werden. Er erkennt das britische Mandat an und Großbritannten garantiert den Schutz der amerikanischen Rechne.

Amerika und Rußland.

London, 10. Mai. (Wolff.) Reuter erfährt ttus Washington, daß das amerikanische Kabinett bei seiner gestrigen Zusammenkunft sich in der Hauptsache mit dem russischen Problem befaßte, soweit es durch die Verhand­lungen in Genua berührt wird. Von der Regie­rung wurde erflärt, daß, wenn die Konferenz von Genua fehlschlagen sollte, die Vereinigten Staaten bei ihren Verhandlungen in dieser Be­ziehung mit Rußland unabhängig verfahren mühten. Weiter wurde mitgeteUt, daß bei der Zusammenkunft des Kabinetts allein der Ansicht Ausdruck gegeben wurde, daß die in Genua von den alliierten Regierungen gegenüber den Sow­jets eingenommene Haltung sich im wesentlichen in Aebereinstirnmung mit der Politik der Verein. Staaten befinde. Es wurde die Hoffnung aus- gedrückt, daß eine Lösung des gesamten Pro­blems, die von der amerikanischen Regierung an­genommen werden könnte, in Genua gefunden werde. Die Regierung wiederholte, daß die Grund­sätze, die so oft schon als Bedingung zur Wieder­aufnahme der Beziehungen mit Rußland durch die Vereinigten Staaten dargelegt wurden, un­verändert bleiben.

Kirchliche Würdenträger vor dem Moskauer Ncvolutioustribnnal.

M o s k a u, 9. Mai. (Wolff.) Amtlich wird die Erhebung der Anklage gegen den Patri­archen Tichon und den Moskauer Erz­bischof Hikanden folgendermaßen be­kanntgegeben: Der vor hem kMoskauerRe- volutionStribunal beendete Prozeß ge­gen eine ganze Reihe Moskauer Geistlichen wegen Widerstandes gegen diefSequestrie- rungdeS Kirchengutes hat bei der Be­fragung TichonS und HikanderS als Zeugen ergeben, daß letztere, die an der Spitze einer Organisation stehen, die sich prawoslawische Hierarchie nennt, den Plan für einen Feldzug Zur Verhinderung der Sequesttierung aus­gearbeitet haben. Sie «arbeiteten einen gegen die Sequestrierung gerichteten Aufruf aus und liehen chn unter den breiten Massen verbrei­ten. Das Tribunal hat deshalb entschieden, ben Pattiarchen Tichon (im Zivil Bürger Dje- lawin) und den Erzbischof Rikander (im Zivil t Bürger Benomenow) zur gerichtlichen Ver- j antwortung zu ziehen. Das Material für die Voruntersuchung ist dem Volkskommissar für ' -Justiz überwiesen worden.

Aus dem Reiche.

Ein bayerischer Wirtschastsrat.

München, 10. Mai. (WTD.) In der heu­tigen Sitzung des ßanbtagä wurde ein Antrag des Abg. Freiherrn von Fceyberg (Bahr. Vpt.) in nameniu4>er Abstimmung mit 61 gegen 52 Stim­men bei zwei Stimmenthaltungen angenommen^, j>er die Regierung ersucht, einen bayerischen W irtschaftsberatungskörper aus ersten Wirtschaftssachverständigen der wichtigsten Wirt­schaftszweige unter Berücksichtigung der Arbeit­sgeber, Arbeitnehmer, Verbraucher und Erzeuger aus allen Teilen des Landes zu bilden und als­bald zusammenzurufen. Diese Körperschaft soll über alle wichtigen Fragen der bayrischen Volks- wirtschaft gutachtlich gehört werden.

Deutscher Reichstag.

306. Sitzung 3 Ahr nachmittags.

Berlin, 10. Mai 1922.

Präsident L o e b e eröffnet die Sitzung mit einem Rachruf für den verstorbenen Abg. Hu 6, der von den Abgeordneten stehend angehört wird. Zur Interpellation der Dolkspartei über die be­vorstehende Reutvalisierung der Rheinlande wird die Regierung innerhalb der geschäftsord- nungsmähigen Frist Antwort erteilen.

Zur 2. Beratung kommt hierauf der Haupttell des Reichsverkehrsministeriums. Der

DieSakramenlshex.

Roman von Marie Kerschen st einer.

17. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Die Bauern fingen das Wort auf. Also auch die Waldsackerin! Die Erinnerung an die Vor­gänge im Früh'ahr befiel sie. Da war teinzr mehr, der nach 'Wahrheit und Recht fragte. Drr trunkene Zornmut. der in den Köpfen rumort:, hatte einen Ausweg gefunden, sich darein zu ergießen.

Riemand hörte das Schellengellingel, das vor dem Waldsacker einen Augenblick verstummte und dann wieder einsehte und in der Ferne all­mählich erstarb. Riemand vernahm den flüchtigen Schritt, dec über die Stiege kam. Als sich aber die Tür auftat, traten die Dauern in unwillkür­lichem Entsetzen zusammen. Denn auf der Schwelle stand die Verkörperung Ujver erhitzten Gedanken, das Pfarrmädel, abgemattet und bleich, ein schwa­ches Glückslächeln auf dem Gesicht. Seine Hand hielt eine Flasche. Feierlich, wie eine Mon­stranz, trug sie es vor sich her. Erschrocken über­flog sein Blick die überfüllte Stabe und blieb er­starrt an der Leiche des Gespielen hängen.

Dem Waldsackerer sprang das Blut wie ein Brunnen in den Kops. Richt als ob er, wie seine Frau, vom Schmerz gebrochen, sich dem Aber­glauben der Bauern zugewandt hätte Er dacht: in diesem Augenblick nichts, als daß der Roman allein gestorben war und daß Lene ihn im Stich gelassen hatte. And das riß seinen Jähzorn hm.

Furchterregend sah er aus, als er schweren Schritts auf Lene zukam. Die Adern an seinen Schläfen waren berstend voll. Glotzend traten ihm die Au­gen aus den Höhlen. Er packte das entsetzte Kirch beim Zopf und zog es nach der Tür. Draußen gab et ihr einen Stoß, daß es mit gellendem Wehschrei über die Stufen auf den Flur kollerte.

Das Fläschchen zerschlug klirrend auf der Erde.

Das gab den Auftakt.

Den Krugwirt, der sich wieder seinem Kinde zuwandte, schoben die Dauern wie Spreu bet» feite. Es klang Lene, als ob der Himmel über der Erde einbräche, wie die streitlüsterne Rotte über die Stiege kam. Instruktiv raffte sie sich zur Flucht auf.

Die Dörfler stürzten hinter ihr her. Es entspann sich ein Hetzen auf Geben und Tod. Aber Lenes Deine waren flinker.

Bebend hörte Lene, wie Stimmen und Schritte sich in der Ferne verloren, und als es stille ge­worden war, rarmte sie ziellos in die Heide hinein.

2. Kapitel.

Viele Jahre waten vergangen

Wieder hatte der Sommer die Heide in ein riesenhaftes Blumenbeet verwandelt, wieder hatte er millionenfaches Leben in ihrer Wildnis er­weckt. Die Sonne stand hoch am Himmel: sum­mend, surrend, fang ihr die Heide ein Preislied.

Ein junger Wanderet kam des Weges. Et l hatte den Hut in den Racken geschoben, so daß

die blonde Lockensülle darunter hervorquoll. Der Rock hing ihm am Stock, den er über der Achsel trug. Zwei fröhliche Iungmannsaugen blickten über das Heideland hin, sie suchten das Heide- dotf und fanden es nicht. Vor Tagesgrauen schon war er aufgebrochen, um sein Ziel noch vor dem Mittagsglast zu erreichen. Er hatte die Fahrstraße nehmen wollen, von dec aus der Weg ins Dorf abzweigte. Aber da hatte die Heide ihm werbend die Arme entg^gengeftredt und er war ihrem lockenden Reiz verfallen. Kurzer Hand hatte er dem öden Trab auf der Land­straße ein Ende gemacht und war querein über das Heideland gegangen, wonnetrunken und sorglos, von der schönen Gegenwart ganz und gar gepackt. And nun trieb er in der endlosen Weite wie ein 'Rachen im Meere, und wo der sichere Hafen lag, das wußte er nicht.

Halb im Anmut warf er Ranzen und Stab ab, da, wo ein Ginsterbusch ein wenig Schatten bot, und streckte sich nebenhin in das Heidekraut, so lang wie Gott ihn geschaffen. Aus der Hosen­tasche zog er ein trockenes Brot und hieb die blau­ten(me hungrig hinein. Der karge Imbiß mundete, die kühle Rast tat wohl. Es lag sich fein auf den schwellenden Polstern, und der An­mut stahl sich ihm schon wieder von der Stirn. Sommerlust riefelte ihm durch das Mark: daß er sich dehnen mußte und sich recken, und vor lauter wohliger Hingabe kein Ende fand. Als das Brot verschlungen war, warf er sich herum, sah eine Weile dem Treiben der Käferlein zu und setzte sich schließlich mit einem Rucr iwf. Er

vier Jahren. Für die P f a r r ä ck e r, die bei der letzten Verpackung im Jahre 1914 364 Mark ge­golten hatten, wurde diesmal die Summe von 31 030 Mark per Jahr erzielt. Die P f a r r w i e - s e n hatten bis 1921 den Betrag von 580 Mark im Jahr erbracht. Bei der Verpachtung im ver­flossenen Jahr wurden 15 112 Mark gelöst, heute sind auf sie nicht weniger gls 24 015 Mark ge­boten worden. Sin Kommentar hierzu dürfte überflüssig fein.

Starkenburg und Rheinhessen.

mc. Dieburg (Hessen), 10. Mai. Zur Auklärung eines Kindesmordes weilte heute die Staatsanwaltschaft in dem benachbarten Münster. Dort erdrosselte die 18jährige Tochter eines Arbeiters ihr neu­geborenes Kind, ein gesundes, lebensfähiges Mädchen, und lieh die kleine Leiche mit Hilfe der Mutter und 'anderer Personen heimlich be­graben. Die Staatsanwaltschaft ordnete die Ausgrabung des Kindes an und erließ gegen die Mutter, die krank darniederliegt, einen Haftbefehl.

wd. Groß-Gerau, 10. Mai. Am Montag geriet in der Konservenfabrik Hel­vetia der Fabrikarbeiter Otto W e g e r zwi­schen den Fahrstuhl und eine Laufmaschine. Der Arbeiter erlitt derartig schwere Ver­letzungen, daß er sofort starb.

* A l z e h, 9. Mai. Am der wahnsinniges Preistreiberei bei denHolzver- steigerungen vorzubeugen, hat die Ge­meindeverwaltung des rheinhessischen Ortes Bechesheim eine Holzverlosung, statt einer Holzversteigerung vorgenommen. CS hatten sich zahlreiche Kauflustige aus der gan­zen Umgebung eingefunden. Der Preis war bedeutend herabgesetzt, bestes Holz kostete per Raummeter nur 400 Mark, während bei den letzten Versteigerungen dafür 1000 Mk. erzielt worden waren.

Hessen-Nassau.

Frankfurter Ladendiebe auf Reisen.

fpd. Frankfurter M., 10. Mai. Das Trio, der Graveur Lorenz S ü n b e r und die Prosti­tuierten Marie Mayer und Margarete Wim­mer, haben verschiedene Ladendiebstähle in ge­meinsamer Weise in einzelnen süddeutschen Städten ausgesührt. Die Diebe führten die Spitzbübereien in der Weise aus, daß Sünder mit der Mayer das Geschäft betraten, nach gewissen Anzugstoffen fragten und sich verschiedene Stoffe zur Auswahl vorlegen ließen. Während eines unbewachten Augenblicks entwendete Sünder Stoffe, und versteckte sie unter seinem Mantel. Dann verließen er und die Mayer das Geschäft, ohne etwas zu kaufen. Vor dem Geschäft wartete die Wimmer und verstaute das Diebsgut in einem Handkoffer. Dann verschwand das Trio, um in einem an­deren Geschäft das gleiche Manöver zu voll­führen. In Heidelberg gelang es, die Gesellschaft auf frischer Tat zu erwischen und festzunehmen.

Verdorbene Jugend.

fpd. Frankfurt a. M., 10. Mai. Ein 15jähriger Lehrling, gegen den ein Verfah­ren wegen Fahrraodiebstahls schwebte, ver­giftete sich in der elterlichen Wohnung mit Leuchtgas, während die Mutter zu ihrer Ver­nehmung in der Diebstahlsangelegenheit int Polizeipräsidium weilte. Die 20jährige Lina Peters aus Bürgel hei Offenbach, die in letzter Zeit mit ihren Taschendiebstählen die Frankfurter Straßenbahnen unsicher machte, wurde am Dienstag auf frischer Tat ertappt und verhaftet.

Gerichtstag!.

Verurteilte Driefkastendiebe.

rm. Darmstadt, 10. Mai. Die dauernde Beraubung der öffentlichen Postbriefkasten im südlichen und südöstlichen Stadtteil hat im vorigen Sommer bis zum Dezember hindurch in weiten Kreisen der Bevölkerung große Beunruhigung hervorgerufen, da es trotz aller Rachforschungen nicht gelingen wollte, die frechen Täter zu fassen. Mittelst falscher Schlüssel wurden zahlreiche Briefkästen zur Rachtzeit geleert und i>i3 geraubten Schriftstücke, Rechnungen, Briefe usw. dazu benutzt, um unter Vornahme von Fälschungen aller Art teilweise namhafte Geld­beträge zu erheben, wobei die durch die Brief­schaften bekannt gewordenen Verhältnisse von deü Räubern auf das raffinierteste ausgenüht wurden. Die Postbehörde erhielt dauernd Reklamationen über nicht bestellte Briefe. Im Februar d. I, konnte nun durch eine fingierte Rechnung in Arheilgen der 34 Jahre alte vielfach auch wegen Diebstahl vorbestrafte Ernst Reinhardt von hier und bald darauf auch sein Genosse, der ebenso alte Schlosser Ludwig Delp aus Pfung-, stadt, der in der Altstadt dahier ein kleines, Ladengeschäft betrieb, festgenommen werden. Sie hatten gemeinsam die Fälschungen ausgeführt und

zog die Knie an den Leib und schlang die Arme um sie. Hin und her wippend musterte er feine Umgebung.

Ganz anders, als er gedacht, sah die neue Heimat aus! Das war nicht der trostlos düstere Erdenwinkel, vor dem ihm heimlich gegraut hatte i Wie eine Königin stand die Heide vor ihm und machte, daß er ein wenig kleinmütig und bedrückt zwisck-en Moos und Ginster saß, er, Karl Heiner Krüger, den der Himmel zum Kleinmut so gar nicht geschaffen hatte, der sein Leden lang den Dingen dreist und gottesfürch ig ins Auge ge­blickt und der eine glückliche Hand hatte, so daß alles, was er ergriff, gelang. Deshalb war der Kleinmut auch kein ausdauernder Gast in seinem Herzen. And Heiner Krüger hatte auch Grund, ein wenig zuversichtlich zu sein, denn dort drin­nen, wohlverwahrt in einer geheimen Tasche seines Rockes, brannte ihm noch heiß ein Doku­ment, das seinen Fähigkeiten beim Abgang vom Seminar ein rühmliches Zeugnis ausgestellt. And war er nicht der einzige von allen, die mit ihm das Examen bestanden hatten, dem unmittelbar eine Lehrerstelle angetragen war? Zwar das wußte er Wohl hatte er die Wahl einem erfreulichen Rebenumstand mitzuverdanken: der Mann, dem die Entscheidung oblag, war ein Studienfreund von Heiners Vater, der der Witwe einen Dienst zu erweisen hoffte, indem er den Sohn fo bald als möglich auf eigene Füße stellte.

(Fortsetzung folgt.)