Februar 1921 erneut 110 Flaschen zum Preise ton drei Mark die Stofcbe von dem Winzer ver» bcrnd bezogen hat. Das Schreiben schließt mit der Erwartung einer baldigen Stellungnahme der Reichsregierung.,
Aus dem Reiche.
Abgeordneter v. Krause Ehrenvorsitzender der Deutschen Dolkspartei.
Berlin. 10. März. Der bisherige Vorsitzende der Landtagsfraktion der Deutschen Dollspariei Staatssekretär a. D. Dr. v. K r a u s e ist gestern auf einem ihm zu Ehren veranstalteten Festabend der Partei zum Ehrenvorsitzenden der Deutschen Dolkspartei ernannt worden
Aus Hessen.
Teilweise Ermäßigung der Getreideumlage.
rm. D a r m st a d t, 10. Marz. Eine Besprechung mit Dertretern der Landwirtschaft auS den verschiedenen Provinzen, den Kreisdirektoren und interessierten Persönlichkeiten fand gestern im Landesernährungsamt wegen Ermäßigung der Getreideumlage statt, die bekanntlich durch das Reichs- ernahrungsamt für Hessen um eine beträchtliche Wenge zurückgesetzt wurde. Wir erfahren hierzu, daß mit Rücksicht auf die schlechte Ernte die Provinz Rheinhessen eine besondere Berücksichtigung finden soll.
Die Kohlenproduktiou in Hessen.
• Darmstadt. 10. März. Die monatliche Statistik der Kohlenproduktion des Dolksstaates Hessen weist für den Monat Februar 1922 folgende Zahlen auf: An Rohbraunkohlen wurden gefördert 46 889 To., verkauft wurden davon 18 324 To.: der größte Teil der Rohkohle wurde weiter verarbeitet oder war zur weiteren Der- arbeitung bestimmt. Aus den verarbeiteten Rohkohlen wurden neben Scbwc»lereiprodukten erzeugt 199) To BraunkohlenbrikettZ. Außerdem wurden in Hessen erzeugt 4562 2.0 Steinpreßkohlen, linier Berücksichtigung der aus Dormonaten übernommenen Bestände, sowie des Absatzes und Selbstverbrauchs verblieben am MonatsscUuß absatzfähig: 5635 To. Rohkohlen, 40 To. Briketts. 196 To. Raßpreßsteine. zusammen 5871 To. DraunkoUen und Dra unkohlenprodukte im Gesamtwert von 1 144 782 Mk.
Aus Stadt und Land.
G i e ß e n, den 11. März 1922.
Frühlingserwachen — Die Schnepfen.
Die Frühjahrsboten mehren sich. Die Kibitze zeigten sich schon Ende Februar in großen Zügen. Jetzt haben sich schon einzelne . Pärchen abgesondert, aber nicht nur, um sich die künftigen Brutplätze anzusehen. 3n elegantem Flug tummeln sie sich über den Wiesen. Mit den Kibitzeiern dauert es, wie aus der jährlichen Geburistagsspende der Getreuen von Jever für Bismarck bekannt, freilich bis Ende März. Beiläufig bemerkt, darf sie nur der Iagdpächter sammeln.
Run sind die weihen Bachstelzen, die Bor- Loten der Schnepfen, da. Auch einzelne l Schnepfen streichen, wenn der erste Abendstern erglüht, und zeigen ihre Frühlingsfreude, y Einige sind in der Nähe von Gießen schon zur Strecke gekommen, doch dürften es nur Stand- schnepfen fein, die den Winter über bei uns geblieben sind. Der eigentliche Schnepfenzug aus wärmeren Gegenden nach dem Nordosten hat noch nicht begonnen. Dies ist auch daraus zu schließen, daß noch keine Bekassinen anzutreffen sind, trotzdem die bisher trockenen Wiesen erfreulicherweise fast überall überschwemmte Strecken zeigen unb die Lang- schnäbel zum Wurmen einladen. So müssen sich auch die menschlichen Feinschmecker noch ein paar Tage begnügen und können sich erst dann darüber streiten, welches der feinere Braten ist, die Schnepfe oder die Bekassine. Oder ob der Schnepfendreck nach dem Braten, wie er ist, auf das Brot kommt, oder ob die Eingeweide vor dem Braten gereinigt werden müssen. Die Schnepfe ist glücklicherweise auch dem Nichtjagdpächter zugänglich. Es ist alter guter Waidmannsbrauch, sie dem glücklichen Schützen kostenfrei zu überlassen. Bei Bekassinen würde sich das schon weniger lohnen. Die . zuerst kommende, mittlere Bekassine, auch Himmelsziege genannt, und noch mehr die später kommende, kleine Bekassine, die stumme, die in manchen Gegenden den bezeichnenden
Namen Fledermausschnepfe führt, sind wirklich nur Kostsuppen, dagegen führt die zuletzt durchpassierende, große Bekassine den Damen Doppelschnepfe mit einigem Recht, freilich ist es nur eine Doppelbekassine. Unter Schnepfe ist in diesem Fall die Sumpfschnepfe verstanden. Die Sumpfschnepfe ist eben die Bekassine.
Für Neidische möchten wir in dieser Zeit der schmalen Bissen hinzufügen, daß dem Jäger bei den ungemein hohen Iagdpachten, den teueren Patronen (3—4 Mk.), den oft nicht zu umgehenden Eisenbahnfahrten eine Zukost zu gönnen ist. Ein nasser Buckel und oft nasse Füße sind ihre Zugaben. Auch ist die Pause, bis am 15. des schönen Monats Mai die Schonzeit für die Rehböcke aufhört, eine lange, und reizt in dieser nur der rucksende Täuber, der zudem nur für die Suppe zu empfehlen ist.
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** Preise für d i e ersten Schnepfen. Der Hessische Zagdklub vergibt dieses Zohr drei silberne Schnepfenmünzen für die erste auf dem Strich geschossene Schnepfe, und zwar eine für Starkenburg und Rheinhessen, eine für den Hinteren Odenwald und eine für Oberst e s s e n. Die zwei ersten konnten bereits ver- geben werden, und zwar an Förster May, Langwaden b. Hähnlein a. d. Dergslr., der am Samstag, 4. März, abends 6.30 Uhr, im Slaatswald der Oberförsterei Zägersburg die „Erste" schoß, und an Oberstleutnant Trupp, Erbach i. O., der am Sonntag, 5. März, abends 6,50 Uhr, im Revier Erlenbach b. Erbach eine Schnepfe auf dem Strich erlegte.
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Aöettervoraussage
für Sonntag:
Wolkig bis heiter, trocken, Nachtfrost, wechselnde Winde.
ließet Mitteleuropa hat sich ein starkes Hoch- druckg^iet entwickelt, das uns Aufheiterung und Dachtfrvst bringen wird.
” Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 24. Februar 1922 der Kanzlei- gehilfe Sebast ian H e 11 m e i ft e r in Mainz zum Kanzlisten bei dem Amtsgericht Mainz mit Wirkung vom 1. März 1922 ab. - Ernannt wurden am 1. März 1922 der Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Pfeddersheim Dr. Hans Michael Minnich zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Osthofen, und der Amtsrichter bei dem Amtsgericht Pfeddersheim Amtsgerichtsrat Dr. Wilhelm Weiffenbach zum dienstaufsichtführenden Richter bei dem Amtsgericht Pfeddersheim mit der Amtsbezeichnung „Oberamtsrichter". — Ernannt wurden am 1. März 1922 der Gerichtsassessor Philipp Karl Friedrich Hamm aus Sandhof b. Eich (Rheinhessen) zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Pfeddersheim mit der Amtsbezeichnung „Amtsgerichtsrat": am 2. März 1922 der Gerichtsassessor Wilhelm Geißler aus Gießen zum Staatsanwalt bei dem Amtsgericht Gießen, und am 3. März 1922 der Gerichtsassessor Ferdinand E1 b e r t t aus Darmstadt zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Homberg mit der Amtsbezeichnung „Amtsgerichts rat". — Am 2. März 1922 wurde der Fvrstwart der Kommunalforst wartei Rimhorn, Oberförsterei Höchst L O., Leonhard Schäfer I. zu Rimhorn unter der AmtÄrezeichnung „ Förster" vom 1. April 1921 ab in den Staatsdienst übernommen. — Am 4. März 1922 wurde der Fvrstwart der Konunu- nalforstwartei Bisses, Oberförsterei Bingenheim, Heinrich Zimmer zu Bisses unter der Amtsbezeichnung .Förster' in den Staatsdienst übernommen.
** F ü r dieDerwendung derReichs- zuschüsse zur Unterstützung not- leidender Kleinrentner werden amtlicherseits folgende Richtlinien veröffentlicht: Als Kleinrentner gelten bedürftige, im Inlande wohnende Deutsche, die selbst oder deren Ehegatten durch Arbeit ihren Lebensunterhalt erworben haben, sich vor dem 1. Januar 1920 für das Alter oder die Erwerbsunfähigkeit ein Vermögen (auch Rente) mit einem Jahreseinkommen von wenigstens 600 Mark sichergestellt haben und jetzt wegen Alters oder Erwerbsunmöglichkeit im wesentlichen auf dieses Jahreseinkommen angewiesen sind. Ihnen können bedürftige Personen gleichgestellt werden, die wegen geistiger oder körperlicher Gebrechen keine Arbeit finden konnten, denen aber aus Vorsorge ihrer Angehörigen ein entsprechendes Einkommen gesichert ist. Arbeit im Sinne dieser Bestimmungen ist auch eine Tätigkeit in häuslicher Gemeinschaft, die üblicherweise ohne Entgelt erfolgt, aber im Falle der Einstellung fremder Kräfte vergütet werden mühte. Ihr steht eine wissenschaftliche oder ehrenamtliche Tätigkeit im Dienste der Allgemeinheit gleich, wenn sie Zähre hindurch die Arbeitskraft wesentlich in Anspruch genommen hat. Als Unterstützun
gen kommen insbesondere in Betracht: Leibrenten- t er träge, Vermögensverwaltung,Darlehensbeschaffung, bestmögliche Verwendung des Hausrats, Beschaffung billiger Lebensmittel, Kleider, Heizstoffe, Bereitstellung billiger Krankenpflege, Forderung der verbliebenen Arbeitskräfte, Unterbringung in Heime.
** Die Liebigshöhe ging durch Kauf an die Stadt Gießen übet. Der Kaufpreis beträgt 400 000 Mk. In diesem Preise ist das Inventar, das nach Schätzung Sachverständiger einen Wert von etwa 80 000 Mk. hat, einbegriffen. Der Kauf wurde durch Vermittlung des Stadtverordneten Winn getätigt. Die Stadt beabsichtigt die Säle und die Wohnung neu herzurichten und das Anwesen zur Verpachtung auszuschreiben, da der seitherige Besitzer, Herr Tex- t 0 r, die Wirtschaft nicht weiterbetreiben will. Don feiten der Stadt ist weiterhin geplant, die bereits auf der Liebigshöhe bestehenden Tennisplätze, die jährlich etwa 6000 Mk. einbringen, instand zu sehen und noch einige neue anzulegen. Auf dem Trieb vor der Liebigshöhe wird voraussichtlich ein großer Festplatz angelegt und eine Anzahl Spielplätze eingerichtet werden.
△ E i n biologischer Lehrfilm kam gestern und heute im Lichtspielhaus Bahnhofstraße durch das Landesbildungsamt zur Dorführung. Der Film betitelt sich „Wc»s der Wald erzählt". Auf einem Spaziergang in den Wald werden im Bild Ausschnitte aus dem Kleintierleben gegeben, das sich dem oberflächlichen Betrachter im allgemeinen verbirgt. Die Dildvvrführung bezweckt den Kindern naturwissenschaftliche Tatsache zu zeigen, die der Lehrer im Unterricht nicht in voller Wirklichkit darzubieten vermag. Die Jugend soll auch dazu erzogen werden, wie sie draußen in der Natur eine Menge interessanter Beobachtungen anstellen kann. Die Bilder des Films waren schön und riesen lebhaften Beifall hervor. Nur hätte das Ablaufen der Bilder und der Dortrag des Redners etwas weniger hastig geschehen sollen. Außer den hiesigen Dolksschulen und höheren Schulen waren die Schulen aus der gesamten Um- gegend zu dem Filmvortrag erschienen.
*• Das Fest der Silbernen Hochzeit feiern am Montag die Eheleute Werner Krug und Frau, Wetzlarer Weg 59, und das Ehepaar Schreinermeister Karl Wacker und Frau geb. Diebel.
Bornotizen.
— Tageskalen der für Samstag: Stadttheater, 4 Ahr: „Wilhelm Teil".
— Tageskalender für Sonntag: Stadttheater, 3 Uhr. „Die Tür ins Freie": &/<, Uhr: „Die Csardasfürstin". — Neue Aula, 5 Uhr: Neuntes Konzert des Gießener Konzertvereins. — Kath. Dereinshaus, 8 Uhr: Oeffentliche Dersamm- lung des Deutschvölkischen Schuh- und Trutz- bundes. — Stadtkirch*. 8 Uhr: Luther-Feier des Evangelischen Bundes.
— Aus dem Stadttheaterbureau. Unter Hinweis auf die Anzeige in der heutigen Nummer sei auch an dieser Stelle daraus aufmerksam gemacht, daß die noch ausstehenden Karten bei- Abonnementblocks (für Dienstag und Freitag also die Scheine für die 21. bis 25., für Mittwoch für die 22. bis 25. Abonnementsvorstellung) zwecks Erhebung der lOprvz. Dergnügungssteuer zur Abstempelung vorgelegt werden müssen. Zur raschen Erledigung findet diese Abstempelung an der Kasse in der Dorhalle des Stadttheaters statt, und zwar zunächst für die Dienstagabonnenten am Montag den 13. und Dienstag den 14. März jeweils von 10—1 Uhr vormittags. Für die Mittwoch» und greitagabormentcn wird der Termin noch betaimtgegeben. Nur in Ausnahmefällen (z. D. bei auswärtigen Abonnenten) kann die Abstempelung noch an der Abendkasse vorgenommen werden. Nur Karten, für die die 10 Proz. Steuer entrichtet sind, berechtigen künftig zum Eintritt.
— Oberhessischer Kun st verein. Die gegenwärtige Ausstellung von Werken des Süddeutschen Illust ratoren-Dundes verbleibt nur noch bis einschließlich Mittwoch. Am Donnerstag wird eine teilweise Olenberung in der Ausstellung vorgenommen, weshalb ein Besuch berfeiben baldigst zu empfehlen ist. Die Ausstellung ist täglich von 11-1 Uhr geöffnet
— Evangelifcher Bund. Wie man in diesen Tagen im „Gießener Anzeiger" las, hat zu Anfang der Woche in Wittenberg eine große Luther-Feier stattgefunden, an bei- auch das Ausland hervorragend beteiligt war. Es galt, die Rückkehr Luthers von der Wartburg, feine Ueber- sehung des Neuen Testaments und den Kampf gegen die „Schwarmgeister" vor 400 Jahren in würdiger Weise zu feiern und die Organisation einer übernationalen evangelischen Gebens- und Arbeitsgemeinschaft zu schaffen, einen Zusammenschluß also des gesamten Protestantismus herbei» zuführen. — Auch in unserer Stadt soll, wie schon kurz gemeldet, eine Dierhundertjahrfeier jener Ereignisse stattfinden, veranstaltet vom EvangelischenBunde. Morgen abend wird
in der Stadtkirche ötubienrat Dr. Kauer« Wetzlar sprechen über „Luth erd Kampf und Arbeit au f der Wartburg in bere Zähren 1521 unb 1 522“. Der Dortrag' wird ein gerahmt fein durch musikalische Darbietungen von Fräulein Ida Stammler, eines Trio des Wartbürg-Dereins und Choren der Gesangsabteilung beä Evangelischen Arbeiter- Vereins unter Mitwirkung des Organisten Herrn Otto G ö r l a ch.
— Gießener Waldbühne. Der Gieße» ner Goethegemeinde unb den sonstigen Freunden der Gießener Waldbühne wird durch diese in den nächsten Tagen Gelegenheit geboten, ein vielen vielleicht noch unbekanntes Lustspielchen Goethes, „Die Wette". kennen zu lernen. Als Goethe int Zuli 1812 in Teplih weilte, gehörte er zu dem Gesellschaftskreise der von ihm verehrten Kaiserin Ludovica von Oesterreich Dort unterhielt man sich einmal darüber, wer zuerst die Liebe eingestehen dürfe, der Mann oder das Weib. Goethe antwortete in Form einer Erzählung, und diese gefiel der Kaiserin so sehr, daß sie ihn «ifforderte, „das Betragen zweier durch eine Wette getrennter Liebenden" in einem Lustspiel zu zeigen. Sprachlich und in der Handlung nicht unbedingt bedeutend, wie manches unbekanntere Werk Goethes, enthält das so entstandene Lustspiel doch Weisheiten und tiefe Schilderungen der menschlichen, insbesondere der weiblichen Seele, die die pädagogische Weise, die Lebenserfahrung unb bas rein menschliche Empfinden Goethes erneut erkennen lassen. — Im Anzeigenteil dieses Blattes ist Tag und Zweck der Aufführung mitgeteilt.
Landkreis Gießen.
• Wieseck, 9. März. Am Sonntag, den 12. März, veranstaltet das Männerquartett „Harmonie", Wieseck, im Braunschen Saale sein bereits angesagtes diesjähriges Konzert. Außer einem aus besten Kräften zusammengesetzten Orchester wirken noch Herr Hormann (Tenor) aus Frankfurt a. M., Herrn Schröder (Cellist) aus Gießen und das Frankfurter Doppelquartett mit.
△ Li ch, 9. März. Gestern mittag fiel einer der alten Lindenbäume auf dem Wall an der Oberstadt um. Obwohl der Wind um diese Zeit noch nicht so heftig einfetzte, konnte der sehr starke Daum dem Luftdruck nicht standhaften, weil fein Wurzelstock stark angefault war: äußerlich war dies nicht zu erkennen. Wäre der Daum in der entgegengesetzten Richtung gefallen, ’fo hätte er an den benachbarten Gebäuden großen Schaden angerichtet. Der alte innerlich faule Daum stand mit feinen ftehengebliebenen Kameraden unter Denkmalschutz. Soweit bekannt, haben die Anwohner nun ein Gesuch um Defeitigung der übrigen Däume an den Gemeinderat gerichtet.
• Grünberg, 10. März. Am Svnntagvor- mittag fiel unter dem Einfluß der Witterungs- Verhältnisse ein Teil der Stützmauer der (Burg in den Durggarten nach dem Drunnental hin zusammen. Der rechte Erker ragt frpt in die Luft. Es gelingt hoffentlich, durch geeignete Maßnahmen weiteren Einstürzen vorzubeugen, die unter Umständen auch den Bewohnern gefährlich werden könnten. Die „Durg" gehört zu den wenigen eindrucksvollen 'Bauten Der Stadt. Sie stammt aus dem Jahre 1555, war früher De- amtenwohnung und ist feit 1810 Privatbesitz. An ihrer Stelle stand die 1186 errichtete Festq, von der aus Grünberg sich zur Stadt entwickelte.
Kreis Friedberg.
* Friedberg, 10. März. Städtische Frauenschule Friedberg i. H. Die Frauenschule gliedert sich an die zeynstufige Höhere Mädchenschule (Lyzeum) an; die Schülerinnen haben die 1. Klasse einer zehnstufigen Höheren Mädchenschule oder die Ilb einer Höheren Knabenanstalt ober eine ihr gleichwertige Anstalt mit Erfolg durchlaufen. Aber auch Mädchen, die das 16. Lebensjahr entweder bereits zurückgelegt haben oder bis zum 1. Oktober des Eintrittsjahres vollenden, werben, auch itoenn sie keine ber genannten Höheren Lehranstalten besucht haben, als ordentliche Schülerinnen aufgenommen. Die Fvauenschülerinnen werden in allen technischen Fächern gemeinswn unterrichtet; sie sind in den meisten wissenschaftlichen Unterrichtsgegenständen entsprechend ihrer verschiedenartigen Vorbildung getrennt; in einigen, hie nicht auf bestimmte Vvrkenntnisse auf bauen, vereinigt. Für die Ausbildung solcher Mädchen, die das gesetzlich vorgeschriebenc Ausnahme alter um 1 Zahr ober mehr überschritten haben, finb besondere Maßnahmen getroffen. Die Unterrichtsgegenstände liegen in der Hauptsache am Vormittag, so daß auch auswärtigen Schülerinnen aus der roheren Umgebung Gelegenheit geboten ist, die Frauenschule zu besuchen.
Kreis Lauterbach.
Ä Lauterbach, 11. März. Da der Anbau von Flachs von großer wirtschaftlicher Dedeutung ist, so läßt sich die Kreisbehörde die Förderung des Flachsbaus sehr an-
Die Pforte des Paradieses.
Roman von Zngeborg DoUquartz.
Berechtigt« nebcdcfciuig aus dem Dänischen.
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Tante Ellinor hat so viele, denen sis geben soll," entschuldigte Frau Inger.
„Aber ich bin die einzige Unverheiratete in der näheren Familie," rühmte sich Tonte Nora stolz.
„Ich bin auch unverheiratet," behaiptete Orla. „Und Mutter erlaubt nicht einmal, daß ich Tante Ellinor um Reisegeld nach Duenos Aires bitte." 1
„Da bin ich ganz einig mit deiner Mutter!" erklärte Tante Nora entschieden. „Was willst Du in Duenos Aires? Du hast doch eine Stelle, eine ausgezeichnete Stelle, wenigstens solange, als du in deiner schönen Heimat bei deinen Ellern wohnen kann. Es ist ein großer Kummer, daß du nicht mehr Stetigkett hast, Orla.“
„Kummer ist ein starkes Wort," sagte Frau Borris vermittelnd und nickte ihrem Sohne zu. „Orla ist ja noch nicht einmal zwanzig, es ist noch nicht alle Hoffnung bei ihm verloren"
„Za, Inger, deine Schwäche deinen Kindern gegenüber ist unglaublich," bemerkte Fräulein Nora und schaute ihre Schwägerin streng an. „Alle Leute reden über deine gren—zenlose Nachgiebigkeit gegen sie! Sie sind ja verzogen in einem Grad — sind das nicht Nüsse dort m der Schale auf dem (Büfett — nein, ich danke, ich nehme keine ich kann mir auch keinen solchen Luxus gestatten Wenn deine Kinder Taugenichtse werden, bann kannst du dich bei dir selbst dafür bedanken."
Herausfordeimd schaute sie Frau Dorris an, | die statt jeder andern Antwort hinging, die Schale > mit Nüssen ergriff unb sie Orla reichte. ,
„Da sich Tante Nora nichts aus Nüssen macht, so könnt ihr sie nehmen," jagte sie gelassen. „Teilt sie in drei gleiche Teile unb eßt sie drinnen m Mogens Zimmer."
Ellen, deren Wangen vor Kampfeslust glühten, war plötzlich guter Laune unb zog Arm in Arm mit ihren Brüdern mit ben Nüssen ab, wäh- renb Tante Nora tief aufseufzte, als ob das Schicksal der drei Kinder ihres Bruders als eine unsägliche Last auf ihrer Seele liege.
„Wollen wir nicht ins Wohnzimmer gehen?" schlug Frau Inger vor. „Es ist dort wärmer."
Halb beleidigt kam die Schwägerin mit ihr.
„Und bu wolltest also wirklich heute nichts Desonderes bei mir?" fragte sie.
„Nein, liebe Nora, ich wollte nur nach dir sehen, weil bu mir, wie Ellen schon gesagt hat, das letzte Mal, wo wir dich sahen, etwas verstimmt vorgekommen bist."
„Das finde ich nun eigentlich ganz unverantwortlich!" fing Nora an. „Du hättest zum mindesten in der Pension hinterlassen können, es sei nichts Wichtiges, was du bei mir wolltest. Ich versichere dir, ich war wie gelähmt, als ich nach Hause tarn unb hörte, du seiest bei dem schrecklichen Wetter dagewesen — da muhte ich doch denken, es sei ein Unglück geschehen."
„Ein Unglück!" wiederholte Frau Borris mit einem kleinen Lächeln. „Was hätte das denn sein können, daß ich den ganzen weiten Weg gelaufen wäre, nur um es dir zu erzählen."
„Ach, es hätte ja etwas mit meinem Bruder — mit Zens gegeben haben können. Du brauchst dich gar nicht so erstaunt anzustellen, du bra ichst nicht zu meinen, man fei'blind, weil man schweigt."
„Mit Zens?" sagte Frau Borris fragend und ihr Blick wurde plötzlich aufmerksam. „Mit Zens ist bod} nichts Besonderes. Ich weiß nicht, was bu meinst."
Tante Nora rückte ihren Stuhl näher zu dem ihrer Schwägerin hin.
„Ach, Inger!" bat sie mit gedampfter Stimme. „Wenn bu dich doch überwinden könntest, em offenes Wort über Jens zu reden! Meinst bu denn, ich hätte nicht schon längst gesehen, wie schlimm es mit ihm steht? Wo ist er übrigens heut abend? Er kann doch bei dem schlechten Wetter nicht spazieren gegangen sein?"
„Nein, er sitzt in seinem Zimmer unb lieft vermutlich."
„Währenb er weiß, baß seine leibliche Hald- schwester bei diesem Unwetter aus ihrer behaglichen Wohnung hierhergestürzt ist aus lauter Angst, es sei ihm etwas geschehen! Ich frage dich beträgt man sich so, wenn bei einem alles in Ordnung ist? Zawohl, ich habe es schon lange bemerkt, daß er niedergedrückt unb nervös war, unb seine Augen bekommen immer mehr denselben Ausdruck wie die seiner Matter."
„Welchen Ausdruck die Öligen seiner M itter gehabt haben, bas kannst bu boch nicht wissen, Nora," wandte Frau Borris gelassen ein.
„Nein, gesehen habe ich sie ja nicht. Da Zens' Mutter meines Vaters erste Frau gewesen ist unb schon zwei Zähre tot war, als ich auf die Welt kam. Older meine Mutter tat sie doch während ihrer letzten Lebensjahre gepflegt, bis sie in die Nervenheilanstalt gebracht wurde, wo es ihr endlich gelang, sich das Leben zu nehmen, unb sie hat mir immer erzählt, wie wirr unb schwermütig ihre Augen waren. Und ben Bil
dern von seiner Mutter sieht er doch auf und nieder ähnlich."
„Selbst wenn Zens etwas von dem verdüsterten Gemüt seiner Mutter geerbt haben sollte, so ist boch das lange nicht so schlimm, wie bJ meinst," sagte Frau Dorris ernst. „Seine Mutter war richtig geisteskrank, unb das ist Zens entschieden nicht."
„Ich heiße es nun aber doch so," erklärte Tante Nora bestimmt. „Was tft es denn anders, wenn ein Mensch herumläuft wie er, menschenscheu unb so voll Angst, etwas mit dem Leden zu tun zu bekommen, daß er sich vor seinen nächsten Angehörigen einfchlieht, vor denen, die es am besten mit ihm meinen. Ich heiße das geisteskrank und wenn jemand krank ist, so ist es die Pflicht der gesunden, ihm zum Gesindwerden z i verhelfen."
„Und du meinst, Zens finde zu Hause nicht genügend Hilfe?"
„Nein!" erklärte Nora fest und bestimmt. „Mir hat das nie gefallen', wie du Zens behandelst. Zuerst hast du selbst ihn sehr verwöhnt und verzogen; unb dann hast du es auch deinen Kindern hergebracht, bah sich bas ganze Haus um ihn drehen müsse, unb läufst außerdem leibst herum, mit einem Gesicht, als ob du Angst um ihn hättest."
Sie hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen, unb Frau Inger schaute sie traurig an.
„Es mag wohl fein, daß bu recht hast mit manchem, was bu sagst, Nora," gab sie zu. „Ader es ist leicht zu tadeln, und es ist sehr schwer za sagen, wie geholfen werden könnte."
(Fortsetzung folgt.)


