Aus Hessen.
Die Uuterstützrmg notleidender Kleinrentner in Hessen.
DaS Reich hat auch für das Rechnungsjahr 1922 Mittel zur Unterstützung der notleidenden Kleinrentner unter der Bedingung berettgestellt, daß Lander und Gemeinden hierzu bestimmte Beträge als weitere Unterstützung zuschiehen. Ursprünglich waren vom Reich für bas Recknungjahr 1922 = 500 Millionen Mark für die notleidenden Kleinrentner vorgesehen. Die durch die starke Geldentwertung bedingte Verschärfung der Rot- lage der Kleinrentner hat das.'Reich veranlaßt, wettere 500 Millionen Mark für die Kleinrentner zur Verfügung zu stellen. Die Bereitstellung dieser Mittel erfolgt unter der Bedingung, daß zu zwei Dritteln der Reichszuwendungen die Länder und Gemeinden mindestens den ll/rfachen Bettag zuschiehen. Hiervon hätte bestimmungsgemäß das Land zwei Drittel zu übernehmen. Für Hessen werden voraussichtlich zirka 20 Millionen Mark an Reichszuschüssen für 1922 in Frage kommen. Der Anteil des Staates würde rund 13l/3 Millionen Mark betragen. Im Staatsvoranschlag für 1922 wurden einstweilen für das Rechnungsjahr 1922 5 Millionen Mark vorgesehen, da der Umfang der Reichshilfe damals noch nicht übersehen werden konnte. Das Hessische Ministerium für Arbeit und Wirtschaft bittet nun in einer Vorlage an den Finanzausschuß des Landtags, die für 1922 bis jetzt vorgesehenen Mittel auf rund 13Va Millionen Mark zu erhöhen, mit der Maßgabe jedoch, daß dieser Betrag entsprechend den eventuellen weiteren Zuwendungen des Reiches überschritten werden darf.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 10. Oktober 1922.
Die Steigerung der Lebenshaltungskosten.
Infolge der anhaltenden starken Preissteigerung aller Lebensbedürfnisse ist die vom Statistischen Reichsamt festgestellte Reichstndex- i i f f e r für d i e Lebenshaltungskosten l Aufwendungen für Ernährung, Heizung, Beleuchtung and Wohnung) im Durchschnitt beS Monats September auf 11 376 gegenüber 7029 im August gestiegen. Die Steigerung gegenüber dem Vor- monat beträgt somit 61.8 v. H. Die Indexziff-rr für die Ernahrungsausgaben im September berechnet sich auf 15 417, die Steigerung gegenüber August auf 58,2 v. H. Sine noch bedeutend stärkere Verteuerung ist für die Bekleidungs- Ausgaben festgestellt morden, die vom Stati- lllschen Reichsamt jetzt ebenfalls regelmäßig erhoben werden Die Indexziffer für die Deklei- dungsaiusgaben beträgt für September 26 000 gegen 12 571 im Vormonat, die Steigerung mithin 10o,8 v. H. llnter Einschluß der Aufwendungen für Dekleldung berechnet sich die Reichsindexziffer für September auf 13319; die Steigerung gegenüber der Augustzahl von 7765 beträgt danach 71,5, v. H
Kongreß für Erfindungswesen.
_ Der erste Kongreß für Erfindung s- wtzseu wird vom 11.—14. d Mts. in Gießen von der Gesellschaft zur Errichtung eines deutschen Erfindungsinstituts in Verbindung mit der Ar- beitsgemeins Haft deutscher Erfinder-Schutzverbünde veranstaltet. Ein Empfang findet am Mittwoch, dem 11. Oktober, abends 8 llhr im Medizinerheim, Alle Klinik, statt. Der Kongreß wird am 12. ds., form. 91/* Ähr, im großen Hörsaal der älniversität eröffnet Dabei spricht der Vorsitzende Geheimrat Sommer über die Organisation des deutschen Erfinderwesens, daraus folgt das erste Referat von Herrn Pat.-Anw. Dr. W e e r t h - Gießen über ntternativnule Vergleichung der Patentgesetz- gebung. Es schließen sich Vorträge über Patentwesen von Zahns-Bremen. Weder-Nürnberg u. <l an. DaS zweite Referat von Herrn Dr. Bergmann-Gießen über »Reue Wege Elektrischer Rachrichtenübermittelung aus Grund der Entdeckung von Johnson und Rahbeck" wird am Donnerstag nachmittag im physikalischen Institut abgehalten. Hieran schließen sich technisch- physikalische Vorträge von Dr. Reuige n°Giehen über Farbenmischung, K l e m t - Berlin über Aethertheorie mit Experimenten, von Dietrich- Mannheim über Flugzeugtechnik, Lilienthal- Berlin über die Aero-dynamischen Vorgänge beim Segelflug, von Dr. Sommer- Gießen über phy- sivlogisch« Erllärung des Segelfluges der Vogel, von Dr. Bergmann über Elektronenröhren und ihre Anwendung in der drahtlosen Telegraphie.
Die Heeweghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von L i e s b e t Dill.
11. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Herr Goldenberg verdankte seinen Wohlstand nicht allein feinet Sackfabrik, er lieh auch Geld aus mi Burger und Handwerker, die alle einen großen Respekt vor ihm hatten, denn er trieb ferne Zinsen unerbittlich am Verfalltage ein. Er wählte in der ersten Steuerklasse Rheinaus, besah groß.- Geschäftshäuser in der Stadtmitte und uchrte beständig Prozesse gegen die Stadtverwaltung
Seme Sitten waren einfach. Er bewohnte nur drei kleine Hinterzimmer seines schönen Eckhauses, die vorderen Räume dienten als Maga- zme und Bureaus. Man sah ihn auf der Straße meist in einem schäbigen schwarzen Gehrock mit einem Schlips von zweifelhafter Farbe, bisweilen auch in Pantoffeln. Gegen alle Menschen von emem sprichwörtlichen Geiz beseelt, entfaltete dieser zähe Wucherer dem schönen Lutz gegenüber ein Verständnis und eine Rachsicht, die 'bei einem Manne tote Goldenberg um so mehr zu bewundern war, als er selbst nie Kinder gehabt hatte.
Er hatte dem jungen Manne schon einige Male aus der Bedrängnis geholfen, bald mit größeren, bald mit einer kleinen Summe, da ihm Lut) auseinandersetzte, daß, wenn niemand fcire Schulden bezahle, er genötigt sein würde, sich mit einem der vorttefflichen Mittel, die der Fortschritt der Wissenschaft den Verzweifelnden von heute zur Verfügung stellt seinem Leben ein Ziel zu setzen
Am 13. früh folgt das dritte Referat von Ln. Sommer über „Psychologie und Psychopathologie der Erfinder und bcr Erfindungen", sowie der Vortrag von Wolter-Kassel: Wieder- aufbau am) Erfindung. Rachmittags werden in der psychiatrischen Klinik medizinisch-psychologische Erfindungen demonstriert Im übrigen können geschützte neue Erfindungen, nach Zulassung durch einen Ausschuß, von Erfindern oder Vertretern von Firmen kurz demonstriert werden. Samstag nachmittag werden Industriebetriebe besichtigt.
(Sine VolkShochschultagnttg
findet am 14., 15. und 16. Oktober in Gießen statt, zu der die Leiter der Hessen-Kasseler und der Oberhessischen Volkshochschulen, sowie Vertreter der Lehrer und der Bstucher sich einftndrn werden. Die Zusammenkunft bezweckt engere Fühlungnahme auf Grund gegenseitiger Aussprache über wichtige theoretische und praktische Fragen der Volkshochschularbeit. Ferner soll über Mittel und Wege des stärkeren Zusammenwirlens der einzelnen Organisationen beraten werden (Lehreraustausch. Do.kshochschukhsimr
Eröffnet wird die Tagung am Samstag, 14. Oktober, durch einen Begrühimgc-abend. In seinem Mittelpunkt steht ein Vortrag von Prof. Dr. Hamann- Marburg über „Deutsche Köpfe des Mittelalters". Außerdem haben bekannte hiesige Musikfreunde, die ihre Kunst schon wieder- hloll in den Dienst der Volkshochschule gestellt haben, sich zur Mitwirkung bereit erklärt.
Der Sonntag. 15 Oktober, bringt Referate über „Universität und Volksbildung", „Volks- hochschule und Jugend", „Die Stoffgebiete der Volkshochschule", sämtlich mit Aussprache.
Am Montag. 16. Oktober, endlich sollen Fragen der Organisation usw. besprochen werden.
Die Veranstaltungen am Samstag und Sonntag sind öffentlich und allgemein zugänglich. Genaueres über Thema. Art und Zeit besagt eine Anzeige in dieser Rümmer.
** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 3. Oktober der Malermeister Karl Sommer zu Friedberg mit Wirkung vom Lage des Dienstantritts ab zum Fachlehrer an Der Fortbildungsschule zu Friedberg. — Ernannt wurde am 4. Oktober der Lehrer Georg Schw an zu Gorxheim zum Lehrer an der Volksschule zu Urberach, Kreis Dieburg.
** Drotmarkenausgabe findet am Donnerstag und Freitag statt. Rareres teilt eine Bekanntmachung des heutigen Anzeigenteils mit.
** Aenderung der Gebühren im Paket - usw. - Verkehr nach dem Ausland. Der deutsche Gegenwert des Goldfranken bei der Gebührenerhebung im Auslandspaket, Telegramm- und Zeitungsverkehr, sowie für Ferngespräche nach dem 'Ausland ist mit Wirkung vom 7. Oktober an auf 400 Mark festgesetzt worden. Dieses Ilmrechnungsverhältnis ist auch für die Wertangabe auf Paketen und Briefen sowie auf Kästchen mit Wertangabe nach dem Ausland maßgebend. Rähere Auskünfte erteilen die Post- anstalten.
** Die Preise der Bahnsteigkarten ■erhöben sich vom 10. Oktober ab auf 2 Mark. Ab l.Rovrmber kosten die Karten 4 Mark.
** Reue Erhöhung der Bettkarte n- preife bei der Reichsbahn. Mit Gültig- keit vom 20. Oktober werden die Dettkartenpreise einschließlich Vormerkgebühr für die Reichsbahn- schlafwagen wie folgt festgesetzte für die 1 Klasse auf 1320 Mk„ für die. 2. Klasse auf 660 Mk, für die 3. Klasse auf 396 Mk.
** D i e Ortsgruppe Gießen des „Reichsbundes Deutscher Technik" hat zu ein:m ö senttichen Vortrag mit zahlreichen Lichtbildern übei- das Thema ..Der Segelflug bei Vögel und die Flüge in der Rhön" den Bruder und Mitarbeiter Otto Lilienthals, des Pionirrs der Flugtechnik, Herrn Baumeister Gustav Lilie n t h a l. Berlin-Lichterfelde, gewonnen Man schreibt uns hierzu: Die neue Aera in der Entwicklung der Flugtechnik zu besprechen, ist bei: Vortragende wie fein anderer berufen, weil er mit seinem Bruder und nach dessen Tode als Einziger für die Möglichkeit beß Segelfluges eingetreten ist. Seine schon 1911 veröffentlichten Arbeiten über die Flügelprofile der Segler fanden durch die Rhonflüge glänzende Bestätigung. Andere Arbeiten beziehen sich auf den Segelflug auch über ebenes Gelände oder der See, zu dem die bisher verwendeten Apparate noch nicht geeignet find. Die durch Lichtbilder erklärten Vorgänge beim wirklichen Degelslug geben über erfolgreiche Forschungen des Vortragenden hochinteressante Aufschlüsse und lassen die Möglichkeit der Rachahmung dieser Flugart außer allem Zweifel. Der Vortrag findet am Freitag, 13. ds. Mts., statt. Räheres demnächst im Anzeigenteil dieses Blattes.
** Der Dslksbund Deutsche Äritgt> grabe rfürforge übernimmt es auch in diesem Jahre, Gräber in Feindesland zu Allerseelen und zum Totensonnlag $u schmücken. Das Rähere kann bei der Geschäftsstelle der hiesigen Ortsgruppe, Gartensttaße 2, Obergeschoß, Zimmer Rr. 17, erfragt werden. Meldungen müssen daselbst für Allerseelen bis zum 11. Oktober, zum Totensonntag bis zum 25. Oktober angebracht werden.
** Den Rückgang der Bautätigkeit im Reiche kann man, der „Dauwelt" zufolge, an der Dermindetung der Zahl der Reubauten un Monat September erneut fest stellen. Im September sind nämlich im Deutschen Reiche 1715 Wohnungs- sowie 294 Fabrik- und sonstige Bauten bekanntgeworden gegen 3280 Reubauten im gleichen Monat des Vorjahres. Im August dieses Jahres wurden 1829 Wohnung-- sowie 392 Fabrikbauten festgestellt.
Wettervo rauss agc
für Mittwoch:
Mäßig bewölkt, trocken, lühl, Rordostwind.
Die Wetterlage ist im wesentlichen unverändert. Das bestehende Wetter hält an.
Bornotizen.
- Tageskalender für Dienstag Stadttheater. 7 Ahr: „Die Trösterin". — Postkeller. 8 ^Ihr: HaupiVersammlung des Bürger- Vereins. — Palast-Lichtspiele, ab heute. „Der Rat der Sünde" und „Tippelaule im Panoptikum".
— Das Lichtspielhaus m der Bahnhofstraße beginnt morgen mit der Vorführung des Films „Der Graf von Monte Christo", der nach dem bekannten Roman von Alexander Dumas bearbeitet wurde. Näheres ist aus dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich.
Landkreis Gießen.
ri. Lich, 9. Okt. Die hier geplanten zwei Aufführungen der Landeswanderbühne mußten abgesagt werden, weil die hiesige Bürgerschaft bei der hier herrschenden Wohnungsnot nicht in der Lage war, die verlangtem Freiquartiere für das Theaterpersonal aufzubringen. Auch war das Interesse für die Ausführungen sehr gering, da die Bevölkerung ausnahmslos bis in die Dunkelheit hinein mit der Grummet-, Obst- und Kartoffelernte beschäftigt ist und für Kunst und Unterhaltung vor Eintritt des Winters keine Minute Zeit hat. — Die hiesige Einwohnerschaft ist aufgefordert worden, möblierte Zimmer f ü r Gießener Studenten zur Verfügung zu stellen. Indessen wird wohl die herrschende und sogar zunehmende Wohnungsnot und Beschränktheit der Wohnungs-- verhältnissc eine Erfüllung dieser Aufforderung schwer möglich machen.
Kreis Alsfeld.
§ Rieder-Ohmen, 9. Okt. Gestern sand unter starker Anteilliahme der Bevölkerung die Einweihung des EhrenfriedhofS für die im Weltkrieg aus hiesiger Gemeinde Gefallenen statt. Am RathauS stellte sich der Fest- zug auf und zog unter Dorantritt der Schuljugend und eines Posaunenchors nach dem Friedhof. Der Posaunenchor eröffnete die Feier mit dem Riederländischen Dankgebet. Dann folgte der Männerchor mit dem eindrucksvollen Lied: „Still ruht der Krieger". Der Vorsitzende des Denkmalausschusses. Dr. med. K i h n e r. vollzog die ilebergabe des Heldenfriedhofs, in dessen Mitte sich eine massige, abgerundete Pyramide aus Muschelkalk mit der Aufschrift: „Rieder- Ohmen seinen Helden" erhebt. Umgeben wird der Denkstein von Einzeldenksteinen, die die Ramen der 41 Helden aus unserer Gemeinde tragen. Vor jedem Gedächtnisstein breitet sich sehr sinnig ein Grabesbeet aus. Nachdem Bürgermeister R e e b bag Denkmal namens der Gemeinde übernommen, hielt Pfarrer Reusch von hier die Weiherede. Eine dreifache Ehrensalve folgte dem Verlesen der Ramen der Gefallenen. Eine markige Ansprache des hiesigen Lehrers Schäfer richtete sich an die Jugend Prachtvolle Kränze wurden nieder- gelegt. Gesänge der Schüler und ein Schlußgesang der Kriegsteilnehmer bildeten den schonen Abschluß der Feier.
Kreis Büdingen.
s^i Salzhausen beiRidda, 8. Oft Das hiesige Braunkohlen Bergwerk. am .,Salzhäuser Berg" zwischen Salzhausen und Geiß- Ridda gelegen, hat sich sehr gedeihlich entwickelt. Der Mangel an Steinkohle ist die Ursache hiervon: die Rachfrage übersteigt stets die Förderung. Jetzt hat man beschlossen, die Anlage zu vergrößern. Dieser Brennstoff bedeutet einen großen Vorteil für unsere Gegend.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. Darm st ad! 9. Oft. Fortgesetzt werden in hiesigen Kaffees und Restaurationen die
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Goldenberg war genau von den Herweghschen Verhältnissen unterrichtet, aber um diesem jungen Manne etwas abzuschlagen, „mühte man ja gekochte Milch in den Adern haben". Lutz hatte es ihm nun einmal angetan. Der Alle hatte den ■Ünterfcfüeb der beiden Brüder sofort erkannt, doch bet dem älteren gab die geborene Kvllin seine neue, anspruchsvolle Mieterin, seinem Vertrauen wenigstens festen Grund. Er übergab Ernst feine verzwickten Prozehangelegenhmen, deren zerlesene vergilbte Aktenstücke den jungen Anwalt gleich in die merkwürdigsten Verhältnisse dieser Sind: ein- weihten.
Der Driefbote aber war der Gatte einer der vielen verflossenen Köchinnen der Generalin, und er hatte .Herrn Ernst" noch auS jenen Tagen gekannt, als jener seine rotbraune Primanermuke trug und er nächtlich unter den Fenstern seiner Braut gestanden hatte. Ernst war stets mit höflichem Gruß an ihm vor übergegangen. Dieser ritterliche Gruß Halle ihm mehr Zutrauen erworben, als er ahnte. Ts sind schon erbitterte Feindschallen zwischen Frauen entstanden um eines hochmütigen GrußeS willen. Eiwst Herwegs) hatte die ganze Mainzer Straße einfach gegrüßt, well er btefc Leute jeden Tag sah, und hatte damit aller Herzen gewonnen
Tie Angelegenheit des verdächtigen Briefboten wurde juerp verhandelt, und es gelang Ernst, in einem warmen Plädoyer die Richter von der Schuldlosigk it seines Ksienten au überzeugen. Der Staatsanwalt wurde überstimmt, bcr Driefbote freigesprochen und erhielt seine Anstellung wieder. Ernst hatte selbst zu diesem Zwecke bei dem Postoireftor dorgesprochen und hatte auch dort für seinen Klienten plädiert. Lind an dem
Tage deS Freispruchs nahm er den dankbaren Bries boten mit in seine Wohnung und lud ihn zum Essen ein.
Grete machte zwar ein Mündchen, denn im Rheinland sind die Standesunterschiede nicht kleiner als rrt Pommern ober Potsdam, aber sie fügte sich, der Fall interessierte auch sie.
Der glückliche Vriesbote dankte gerührt seinem Befreier und stieß mit ihm an „auf eine gute Praxis". Denn die mußte kommen bei einem Manne, der sich der armen Leute annahm.
„Ei so was war ja noch ntf,“ sagte Fräulein Schmidt. Bald wußte es die ganze Stadt, und der befreite Briefbote, der wieder Briefe in die Stadtmitte trug, verkündete Herweghs Erfolg überall. Die Eppenhausener Aktiengesellschaft dagegen machte Ernst mehr zu schaffen. Sie kroch wie eine Seeschlange durch seine Mten, denn die neue Konkurrenzfabrik gedieh üppig und hatte einen eigenen Datznanschluh. während die Winterichsche daran krankte, daß sie zu weit entfernt vom Dahn- gleise lag. Man hatte am Gelände sparen wollen. Das rächte sich jeht.
Eines Tages unterbreitete ihm sein Schwiegervater einen Vorschlag Kollin Halle sich seit zehn fahren jeden Moracn beim Lesen des Kurszettels derartig über den immer tiefer sinkenden Kurs der Winterichschen Ziegelaktien aufgeregt, daß er „es satt hatte' Doktor Rickert hatte ein Herzleiden bet ihm festgestellt, und bat, waren iym die Aktien nicht wert. Er wollte „ben ganzen Schwindel" los fein und er schenkte Ernst die fünfzigtausend Qllacf Aktienkapital als Hettats- gut. Mochte der sehen, was er damit anfing. Wenn er ihm nur versprach, ben Ramen „Sppen--
-Brsr-rvyren aus den Toiletten gestohlen. Die Diebe benutzen ruhige Betriebsstunden, um die Dleiverbindungrn herauszuschneiden und dann zu verschwinden. Sie haben dadurch schon eine Anzahl Geschäftsleute empfindlich geschädigt. Bisher ist es nicht gelungen, ihre Spur zu entdecken. — Für etwa 300 000 Mark Kleider und Stoffe wurden aus einem hiesigen Kleidergeschäft gestohlen. Cs ist gelungen, die Diebe, welche zum Teil im gleichen Betriebe, beschäftigt sind, zu ermitteln und die Stoffe zum Tell herbeizuschaffen.
Hcfieit-Nafiau.
fpd. Frankfurt a. M„ 9. Oft. Die vom Statistischen Ami berechnete T e u e r u n g s za h l für Lebensrnittel, Brennstoffe und Wohnung stellte sich in den Monaten Juli. August und September auf 4855, bzw. 6876- bzw. 11 572, ist also im Durchschnitt des abgelaufenen Monats um 6 8,3 Pro° z e n t gegen die Zahl des Vormonats gestiegen. — Die städtische Baupolizei erteilte im Monat September Daubeschei be, die sich aus 2 6 W o h n h ä u s e r, ein Bankhaus, ein Indu- striegebäude, zwei Geschäftsgebäude und ein Garagengebäude im Gesamtwerte von 147 Millionen Mark erstrecken. In den Wohngebäuden werden 184 Wohnungen hergerichtet. Die Stadt laßt in Heddernheim 40 und in der Riederwaldkolonic 70 Wohnungen erbauen. Die ursprünglichen Baukosten von 40 Millionen Mark erhöhen sich auf 109 Mill. Mark.
Die Frankfurter Herbstmesse.
fpd. Frankfurt a. M, 9. Oft. Der Besuch der Messe war he.tte einausgezeich- neter. Dementsprechend gestaltete sich auch das Messegeschäft durchaus befriedigend. Der Zudrang zu den einzelnen Abteilungen war zettweise so stark, wie er bisher noch nicht erlebt wurde. Ramentlich herrschte in der Textilmesse eine sckhr große Rachfrage nach allen Arttkeln, ebenso auf der Ledermesse. Rach dem Preise wurde nicht gefragt. Auch in derTabakmesse wurden große Verkaufe abgeschlossen. Lebhaft gestaltete sich der Handel in landwirtschaftlichen Maschinen- hier waren namentlich viele Käufer aus der Umgebung Frankfurts erschienen, die trotz der hohen Preise viel einkauften. Schuhwaren sind nach wie vor sehr begehrte Artikel. Den stärksten Verkehr wies zweifelsohne das Haus der Technik auf. Leider kam es hier vielfach vor, daß die Firmen für ihre Waren Zahlung in ausländischer Währung verlangten, wogegen scharfer Einspruchs echoben wurde. Der zweite Messetag darf als voller Erfolg verbucht werden.
Der Verkehr ist in der ganzen Stadt ein riesenhafter. Die Sttaßenbahn nahm am Sonntag rund 2V3 Millionen Mark ein, eine bisher nicht erreichte Summe.
Leider tönen aber auch Mißklänge in die Messestimmung hinein, insofern, als Zimmervermieter von ihren Gästen Preise ter langen, die als unverschämt bezeichnet werden müssen. In einzelnen Fällen wurden bis zu 3000 Mark für ein Zimmer und eine Rächt verlangt. Selbstverständlich zeigten die also ilebertDrtctlten diese Zeitgenossen sofort bei der Wucherpolizei an. — $cute wurden im Messetrubel innerhalb zwei Stunden acht goldene 11'5 ren gestohlen. Am Hauptbahn Hof gelang es einem Kriminalbeamten, einen Ostgalizier auf frischer Tat zu erwischen, als er einem Meßfremden die LlHr aus der Tasche bugsieren wollte. Der Dieb gehört einer internationalen Bande an.
Schlichtungsausschus; der Provinz Ovcrhefien.
Verhandlung vom 5. Oktober.
Für die Lagerarbeiter der Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft in 2llsf eld und D u r g - G e m ü n d e n sch ug der Schlichtungsausschuß für die Zeit vom 1 bis zum 30. September 1922 die Lohnsätze der Hilfsarbeiter der Sägewerke vor.
Den Maurermeistern Friedrich Schaub in Herbftein und Heinrich Schmelz in Ulrichstein gab er auf, vom 14. September 1922 an ihre Arbeiter nach den Festsetzungen des Rach- trags vom 20. September 1922 zum Lohn- und Arbeitstarif für das Baugewerbe in der Provinz Hessen-Rassau, den Freistaaten Hessen usw. zu entlohnen. Gegen Friedrich S staub verhängte der Vorsitzende 100 Mk. Strafe wegen unentschuldigten Fernbleibens von der Verhandlung.
In der Antragssache des D e u t s ch e n D a u» arbeiterverbandes gegen vier weitere Bauunternehmer in Stockhausen. Brauerschwcnd
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Heutiger Stand des Dossarr
10 Ahr vormittags:
Berlin 3050—3150, Frankfurt 3000—3100
Hauser Ziegelei" nicht mehr an seinem Tisch auszusprechen
„Topp, Handschlag und einverstanden, nicht wahr, Herr Schwiegersohn?" Ernst schlug ein. Von nun an war er Kapitalist und hatte ein Wort bei der Führung der Fabrik mitzureden. Die Roblesse seines Schwiegervaters rührte ihn. ..Hab' ich nun recht gehabt oder ihr?" sagte Frau Herwegh des Sonntags, als sie den Puter tranchierte. Das „ihr" bezog sich auf Liane und Lutz, die sich Kollins gegenüber immer noch skeptisch verhielten und jeden Sonntag fragten, wie hoch eigentlich Gretes Mitgift sei, in deren Ziffern Fräulein Schmidt einst geschwelgt hatte. Kollin hatte sich seit der Aussteuer nicht mehr gerührt Mit diesen Aktien war seine Tochter abgefunden. Wenigstens so lange er lebte. Die gute Großmama lieh sich ab und zu herbei, eine Hutrechnung zu bezahlen oder einen Opernplatz, aber „man konnte es doch nicht machen wie der König Lear". Von Ernsts Einnahmen konnte der Haushalt nicht bestritten werden, und so lavierte Grete beständig zwischen der schwachen Mutter und dem strengen Vater hin und her. Herr Kollin war, wenn es sich um Geldausgaben handelte, recht knickerig und wurde grob. Er schob das Geld, das er auf Gretes Bitten murrend aus seinem eisernen Geldschrank hervorholte, mtt einer Handbewegung über den Tisch „Da habt ihr was, ihr könnt ja nie genug kriegen." Ernst hatte feine Lust, sich dieser Behandlung jum zweiten Male auSzusetzen. Grete tröstete ihn damit, daß der Vater „immer so" gewesen sei. daß ihre Mutter „nicht umsonst" ihr Leberleiden gekriegt hätte. „Aber warum hat sie ihn denn genommen?^ fügte die Tochter hinzu.
(Fortsetzung folgt)


