Ausgabe 
10.8.1922
 
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Aus Liavt unv Land.

Gießen, den 10. Slug. 1922.

9^rehnng des Altrcntnergefctzes znm Uttfallfürsorgcsctz.

Personen des Soldatenstandes, die nach ixm ülnsallfürsvrgegesetz versorgt Weeden, der- 'treten des öfteren gestützt auf 2lr. 5 der 'Vorbemerkungen zu den Ausführungsbestim- nrungen zum Pensrvnsergänzungsgesetz vom Ä. Juki 1921 den Standpunkt, daß für die Neufeststellung ihrer Dersorgungsge- !b ü h r n t s s e nunmehr das Pensionsergän- izungsgesetz vvm 21. Dezember 1920 in Frage «komme. Dem ist entgegenzuhalten, daß das iPensionsergänzungsgesetz nur für 'Offiziere und Beamte gilt, auf Vie 'Angehörigen des Soldatenstandes also keine ^Anwendung finden kann. Ferner wird die "Ansicht vertreten, daß die nach dem Unfall- "frrsorgegesetz versorgten Personen nach dem Altrentnergesetz anzuerkennen sind. Auch diese Ansicht tst nicht richtig, da das U n f a l l f ü r - sorgegesetz nicht als Militärver­sorgungsgesetz anzusprechen ist. Im Anfallfürsorgegesetz vom 15. März 1886 und 18. Juni 1901 ist aber zum Ausdruck ge­bracht, daß dem Verletzten, falls ihm nach anderweiter reichsgesetzlicher Vorschrift ein Höherer Betrag zusteht, dieser - zuzubilligen ist. Cm Hinblick hierauf ist es erforderlich, daß dir Versvrgungsbehörden nunmehr fest­stellen, ob die Versorgung nach dem Mili­tärpensionsgesetz vom Jahre 1871 in Ver­bindung mit dem Altrentnergesetz etwa gün­stiger ist als die bisher bezogene. Ist fiel günstiger, so hat der Beschädigte Anspruch auf diese Versorgung. Ergibt sich aus der Gegenüberstellung, daß die bisherige Ver­sorgung die günstigere ist, so behält er diese. Das gleiche gilt für die Hinterbliebenen.

Wettervoraussage für Freitag: Meist heiter, trocken, warm Die Randwirbel der weiter nordostwärts ge­zogenen Depression werden morgen die Witterung .unseres Devbachtungsgebiets wohl nicht mehr be­einflussen. Wir kommen unter den Einfluß hohen Drucks und haben heiteres, warmes Wetter zu erwarten. w

* Am tliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 28. Juli der Lehrer Lllbert Boßler zu Klein-Linden, Kreis Gießen, zum Rektor an der Volksschule daselbst, der Lehrer Heinrich Jung zu Leihgestern, Kreis Gießen, zum Rektor an der Volksschule daselbst. Er­nannt wurde am 1. August der Schulverwalter Johannes Ringel aus Hechtsheim mit Wir- "fung vvm 1. August 1922 zum Reallehrer an der Taubstummenanstalt Bensheim. Ernannt wurde am 4. August der Lehrer Kurt Vogel zu Vaits­hain zum Lehrer an der Volksschule zu Lauterbach.

** Sine öffentliche Sitzung des Kreisausschusses findet am 16. August d. 3-. norm. 9 Ahr. im hiesigen Aegierungs- gebäude statt. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Reuregelung der Vergütung des Bürger­meisters und der Besoldung der Beamten in der Gemeinde Röthges. 2. Reuregelung der Ver­gütung des Bürgermeisters und der Besoldung der Beamten in der Gemeinde Atphe. 3. Reu­regelung der Vergütung des Bürgermeisters und lber Besoldung der Beamten in der Gemeinde ^-Trais-Horloff.

j Die Gebühren der Reichsbahn '»für die Handgepäckaufbewahrung werden von 1,50 auf 3 Mk., für größere Gepäcke von 3 auf 5 Mk. erhöht.

" Wertkästchenverkehr mit Oester­reich. Aach Oesterreich sind, vom 15. August an Wertkästchen bis zum Höchstbetrage von 10000 Franken zugelassen. Nachnahme ist un­zulässig. Beizufügen ist außer dem statistischen Anmeldeschein und der Ausfuhrerklärung eine Zollinhaltserklärung in deutscher Sprache.

Eine Neuerung im Schlaf- wagenverkehr wird mit sofortiger Wir­kung durchgeführt. Am eine Kontrolle der Qteifenhen in den sämtlichen Schlafwagen jederzeit zu ermöglichen, müssen die Reisen­den der Schlafwagen 1.3. Klasse ihre Fahr­end Bettkarten dem ^Schlafwagenschaffner aushändtgen, der die Karten rechtzeitig zu­rückgeben muß und hierfür verantworllich ist. fpd. Dom neuen Hartgeld. Einige Berliner Blätter meldeten vor einigen Tagen, daß das neue Hartgeld 5-, 3- und 1-Mark­stücke am 14. August ausgegeben werde. Wie wir hören, steht jedoch die Sache wesent­lich anders. , Das erforderliche Metall ist erst vor ganz kurzer Zeiit aufgekauft worden und sieht noch seiner Verarbeitung entgegen. Am 11. August werden nur etwa 100 0 Dreimarkstücke ausgegeben als Er-1

innerungSstücke an den Verfas­sung s t a g? Die Ausprägung der übrigen Millionen steht noch in weiter Ferne.

** Das Anlagenkonzert, welches für Donnerstag, den 10. August, angesetzt war, findet anläßlich der Verfassungsfeier am Freitag, den 11. August, von 121 Ahr mittags am Liebigs- denkmal statt.

Bornotizcn.

Tageskalender für Donners­tag: Cafe Leib, 8*/2 Ahr: Larsens Experimental­abend. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Fride- ricus Rex".

V e r f a s s u n g s f e i e r. 3n der Fest­versammlung im Stadttheater am kommenden Freitag abend wird Herr Zustizrat Dr. W. Grünewald sprechen überRationalversamm- lung und Verfassung".

Kreis Büdingen.

nd. Nidda, 6. Aug. Heute veranstal­teten alle Fünfzigjährigen aus unserem Kirchspiel eine gemeinsame Feier, zu der auch die auswärts Wohnenden fast alle erschienen waren. Wie vor 36 Jahren zogen sie nun ge­meinsam zum Gottesdienste, in dem Pfarrer Laut eine eindrucksvolle Predigt über die wahre Freundschaft und die verschiedenen Heimsuchungen der Menschen hielt. Gemein­sames Mittagessen mit anschließendem gemüt­lichen Zusammensein gaben Gelegenheit zum Austausch der Iugenderinnerunaen und Er­lebnisse.

nd. N i d d a, 8. Aug. Die hiesige Eh r i - schonagemeinde will ein Vereinshaus mit Preoigerwohnung erbauen. Sie hat von der Stadt im Ivhanniterhof einen Bauplatz erworben und mit der Ausgrabung der Fun­damente bereits beginnen lassen. 3m Stadt­vorstand hatte ein Mitglied den Aütrag ge­stellt, die Namen der beiden städtischen Straßen, der Ludwigs- und Bismarck­straße, zu ändern. Der Antrag wurde ab­gelehnt.

Kreis Friedberg. Mandatsmederlzgung von vier sozialdemo- krati scheu Stadtverordneten.

z$ Bad-Nauheim, 9. Aug. Die von uns kürzlich mitgeteilten Differenzen zwischen den sozialdemokratischen Stadtver­ordneten und der hiesigen Fraktions- leitung haben nun dazu geführt, daß vier sozialdemokratische Stadtverordnete ihre Mandate niedergelegt haben. An ihre Stellen treten die nächsten Anwärter des Wahlvorschlags. Von den 1919 gewählten sieben sozialdemokratckchen Ab­geordneten befinden sich außer dem Beigeordneten Kling noch zwei rm Parlament, die beiden sind aber vor einiger Zeit bereits aus der Fraktion ausgetreten, darunter der Stadtverordnete Min­der, ein alter besonnener Führer und Gewerk­schaftler aus der Vorkriegszeit.

Starkenburg und Rheinhessen.

wd. Mainz. 9. Aug. Am Dienstagnachmit­tag wurde auf einen zur Stadt fahrenden Wa­gen der Straßenbahn, anscheinend zwi­schen Klostcrkaserne Weisenau und Eisenbahn­brücke, ein Schuh abgegeben, der die Scheibe durchschlug, glücklicherweise ohne daß das Geschoß jemanden verletzt hätte. Es wird ange­nommen. daß Bubenhände die Waffe aus einem an der Straßenbahn vorbeifahrenden Zuge, der von Akeh über Bodenheim kam, gegen den Straßenbahnwagen gerichtet haben.

Hessen-Nassau.

Der Duchdruckerftreik.

fpd. F r a n k f u r t a. M., 9. 2lug. In dem Duchdruckerftreik ist es bisher zu keiner Verständigung gekommen. Infolgedessen ist Frankfurt noch ohne Zeitungen, auch die Nachbarstädte Offenbach und Bad Hom- b u r g sind in der gleichen Notlage. Diese zei­tungslose Zeit machen sich die großen Berliner Blätter zu Nutzen und lassen durch chre Händ­ler die Stadt /mit ihren Ausgaben überschwem­men. In der BahnhofSbuchhandlung reihen sich morgens und abends, wenn die Berliner Züge eintreffen, die Leute um die einzelnen Nummern. Wie wir hören, sind heute nach­mittag die Arbeitgeber zu einer Besprechung der Lage versammelt gewesen. Jedenfalls dürften aber wohl noch einige Tage vergehen, ehe wieder die Zeitungen erscheinen. Da der Streck sich auf Offenbach ausgedehnt hat, ist auch die GießenerOberhessische Volkszeitung" am Erscheinen verhindert.

( Der Angeftelltenstreik beendet.

Frankfurt a. M., 9. Aug. Der Streik der kaufmännischen Angestellten ist heute nachmittag y2l Ahr beendet worden. Die Arbeit wird heute noch ausgenommen. Es kom­men 5 Tage in Betracht, die nicht bezahlt werden. Der Taris wird durch Schiedsspruch eingeführt. Die Altersllasse von über 30 Iahren fällt fort, so daß, wie bisher, die Höchsteinkvmmen

mit dem 2 6. Lebensjahr erreicht wer­den. Die geringere Besoldung der weiblichen Angestellten von 10 Prozent fällt ebenfalls fort. Dann wurde bestimmt, daß noch heute Vorschüsse bis zu 3000 Mark ä conto ausgezahlt werden. Die Iuligehälter bleiben. Für den August sind in der höchsten Altersstufe folgende Ledigen­sätze vereinbart worden: Klasse A: 9250 Mk., Klasse B: 10 650 Mk.. Klasse C: 10 840 Mk. Klasse D: 11875 Mk.. Klasse E: 13 210 Mk. Die sozialen Zulagen bleiben wie bisher für Verheiratete 250 Mk.. für jedes Kind nach neun Iahren 150 Mk.

Die Ginbrecherbande im Taunus.

fpd. Frankfurt a. M., 9. Aug. Von der Taunus-Einbrecherbande, die in den Winter­monaten eine erhebliche Zahl von Dillen in den Taunusorten ausplünderte, ist soviel an Wäsche, Silbersachen und Kleidern zusammen - geraubt worden, daß diese Gegenstände im Polizeipräsidium mehrere Zimmer buchstäb­lich ausfüllen. Anter der Diebesbeute befindet sich auch viel Frankfurter Gut. Der Bande konnte bisher eine erdrückende Menge von Einbrüchen nachgewiesen werden, die bis in das Frühjahr 1921 zurückreichen.

SchlichtungSausschutz der Provinz Oberhessen.

Verhandlungvom 7. August 1922.

Dem Einspruch eines Formers der Fit­tingsfabrik Bänninger in Gießen gegen Kün­digung wurde nicht stattgegeben. Dem An­tragsteller war zugeslanden gewesen, daß er ohne Einhaltung der Kündigungsfrist seine Arbeit auf» geben könne, um eine Stelle in seinem früheren Berufe als kaufmännischer Angestellter anzuneh­men, die er in Aussicht hatte. 'S)a er iüese Stelle auch nach längerer Zeit noch nicht hatte antreten können und ein Ersatz für ü>n eingestellt worden war, der auf dauernde Beschäftigung rechnete, war ihm gekündigt worden.

In der Lohnstreitsache des Deutschen Metallarbeiterverbandes mit der Fabrik land- wirtschastlicher Maschinen H. Schieferstein in Lich, ergab die Verhandlung, daß die Antragsgegnerin den geforderten Tarif grundsätzlich anerfermt, eine Reihe Arbeiter aber toagan geringerer Lei­stungsfähigkeit davon ausnehmen will. Der Melallarbeiterverband und der Arbeitgeber­verband als Vertreter der Antragsgegnerin ver­einbarten daher nunmehr Sinigungsverhandlutz- gen über die einzelnen Ausnahmefälle.

In feiner Antragssache gegen das elektrotechnische Geschäft H. Brinkmann in Gießen wegen Entlohn u n g der Arbeiter nach dem Tarif der Gießener Metallindustrie zog der Metallarbeiterverband, nachdem keine Einigung zustande gekommen war, seinen Antrag zurück, well es sich herausstellle, daß der Antragsgegner Tarifkvntrahent und der Lohnstreit daher Ge­richtssache ist.

Die Gerbereien Becker unö Lotz in Gießen sollen im August den Arbeitern über 25 Iahren folgende Stundenlöhne Zahlen: den gelern­ten 31,50 Mk. statt bisher 21 Mk., den angelernten 29,50 Mk. (19 Mk.), und den ungelernten Ar­beitern 27,50 Mk. (17 ML.). Die Löhne der Arbeiter unter 25 Iahren sollen sich um 50 Pro­zent erhöhen. Die Strellteile, Zentralverband der Lederarbeiter und Arbeitgeberverband der Industrie, erhielten eine Woche Frist zur Stel­lungnahme zum Schiedsspruch.

Für die Weißbindergehilfen in Gießen wurden 32 Mk. Stundenlohn ab 5. 8. und 36,50 Mk. ab 19. 8 bis 1. 9. durch Schieds­spruch vorgeschlagen. Die Lohnregelung für die Iugendlichen und Hilfsarbeiter wurde der Ver­ständigung der Streitteile überlassen. Der Ver­band der Maler und die Vereinigung der Maler­meister erhielten Grklärungsftist bis einschließ­lich 11. August.

Der Sattlerverband teilte in seiner Lohnstreitsache mit den Gießener Sattlermeistern Verständigung mit

Der Zentral verband der Fleis cher war in seiner Lohnstreitsache mit der Fleischer- Innung Bad-Rauheim nicht zur Verhandlung er­schienen. Von Verhängung einer Ordnungsstrafe wurde bis zur Aufklärung der Versäumnis ab­gesehen. Rach Anhören des Innungsvertreters wurde dem Antragsteller durch Beschluß anheim gegeben, die Anberaumung eines neuen Termines zu beantragen, wenn er auf seiner Forderung besteht. :--

Kirche und Schule.

Heimatschulwoche in Gießen.

Der Reicbsbund Heimatschule tagt diese Woche in unserer Stadt Mehr als 100 Lehrer aus allen Teilen des Reiches, besonders aus Bayern und Berlin, haben sich hier eingefunden. Auch aus Oberhessen nehmen zahlreiche Lehrer an den Vorträgen und Beratungen teil Am Sonntag fand imFelsenkeller" ein Degrüßungs- abend statt, bei dem in zahlreichen Ansprachen der Vertreter von städtischen und staatlichen Be­hörden sowie der Lehrerverbände den Bestre­bungen des Reichsbundes Heimatschule hohe An­erkennung gezollt, aber auch tatkräftige Mithilfe und Anterstühung zugesagt wurde. Sell Montag früh finden im großen Hörsaal der Aniversität

die Versammlungen statt. An den Vorträge^ sind auch hiesige älniversitatsprofessoren, die sich in dankenswerter Weise in den Dienst der guten Sache gestellt, beteiligt So sprach Prof. Dr. Harassowitz über die geologische Geschichte des Dogelsberges, wahrend Dr. Funk die bota­nische Eigenart der hessischen Heimat, besonders der Gießener Gegend, in kurzer Strichen treffend zu zeichnen verstand. Prof. Helmke wird heute abend über die Römerherrschaft im rechtsrheini­schen Germanien sprechen, und Prof. Hepding wird die Volkskunde in den Bereich der Be­trachtung ziehen, indem er sich für Samstag vormittag das Thema .Ortsneckereien und Schwänke" gestellt hat. Von auswärtigen Ge­lehrten hat bereits Prof. K. G ünther (Frei­burg). der Führer und Bahnbrecher in derRatur- und Heimatschuhbewegung, überTierleben der Heimat" gesprochen. In das Arbeitsfeld der Altertumskunde führte Prof. Kieke- b u s ch, der Direktor des märkischen Museums in Berlin, in zwei lehrreichen Lichtbildervorträgen überDie germanische Bronzezeit" undGer­manische Kultur der ülrzeit". Dr. Dunkel (Gießen) toirb nach dieser grurckrlegenden Einführung in die Arbeitsmethoden der Altertumskunde mit ihren für den Laien über­raschenden Ergebnissen mit dem ThemaDie vorgeschichtliche Forschung in Oberhessen" Inter­essantes über unser engeres Hcimatgebiet mitzu- tellen wissen. Zu grundsätzlichen und methodischen Fragen der Heimatschul-De- wegung nahmen hervorragende Vertreter des Heimatgedankens in größeren Referaten Stel­lung. So sprach einer der Führer der Heimat­schulleute, der aus seiner elsässischen Heimat ver­triebene Kreisschulrat Hauptman n (Wanz­leben), bekannt durch sein größeres WerkRa­tionale Erdkunde" und viele im Brennpunkt des pädagogischen Gegenwartslebens stehende metho­dische Schriften, über den BegriffHeimatschule". Wie die eindrucksvolle Persönlichkit des Redners für das in der pädagogischen Presse viel um­strittene Problem die Lösung fand, klang wie ein neues Evangelium voll starken Glaubens an die innere Kraft der Volksgemeinschaft und die Zu­kunft unseres Volkes. Irr das Gebiet der Metho­dik führte Rektor L i n d h o r st (Berlin) mit tem matkunde als Mittelpunkt des Unterrichts", da- ThemaZur praktischen Durchführung der Hei- mit viel Anregung bietend, tocirn auch manche Forderung wie beispielsweise die Beseitigung der Fächerung im älnterricht nicht den ungetellten Beifall der Lehrerschaft finden wird. Als ein erfahrener Praktiker der Heimatkunde zeigte sich auch der Vorsitzende des Reichsbundes Heimat­schule und umsichtige Leiter der Gießener Ta­gung. Lehrer R a t t h e y (Berlin), derAus der Arbell einer Heimatschultlasse" interessante Er­gebnisse mitzuteilen und in seinen ausgestellten Zeichnungen, Modellen uni> Schülerarbeiten zu veranschaulichen wußte, wie Arbeitsschule und Heimatschule nichts Verschiedenes sind, fDirbem als ein harmonisches Ganze zusammengehören. Die mit der Tagung verbundenen Führungen begannen gestern nachmittag mll einer geolo­gischen Exkursion in die ülmgebung Gießens, die Dr. F l o e r ck e (Gießen) leitete. Morgen findet unter Führung von Prof. Helmke eine Tages­wanderung statt. Außerdem werden kleinere Gänge durch Gießen und ^Umgebung unter­nommen. *

** Freie Schulstelle. Erledigt ist eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Schul­stelle in Oppenheim.

Landwirtschaft.

** Die Regelung des Gesetzes über den Verkebr mit Getreide aus derErnte!922/23 wird im heutigen An­zeigenteil bekanntgegeben.

* O denhausen, 5. Aug. Bei einem Pferde (Rotschimmelstute, etwa 18 Inhre alt) des Gutspächters Fr. Welker auf dem Ho f g u t Appenborn bei Odenhausen ist amtlich der Verdacht der ansteckenden Blutarmut festgestellt worden.

Turnen, Sport und Spiel.

Athletik-Länderwettkampf Holland- Westdeutschland in Enschede (Holland).

Der Kampf wurde im 100-, 400», 1500-, 5000- Meter-Laufen, Hoch-, Weit-, StabhEprung und 110-Weter-Hürdenlaufen, Diskus- und Speer- werfcn, sowie im 4xl00-Meter-Staffellauf aus­getragen. Iedes Land stellte seine 20 besten Leichtathleten, die hervorragende Leistungen er­hielten. Auch unsere Heimatstadt Gießen war in der westdeutschen Ländermannschaft durch Paulus (Athl.-Abtlg. Gießener S. C. 1900) vertreten. P. gewann das Diskuswerfen mit 37,05 Meter (Gegenwind, internationales Ge­rät) vor dem neuen Westdeutschen Diskusmeister Hoffmeister, Münster i. W.» und dem hollän­dischen Relkordhalter Bakker, Bbru Wit, Amster­dam. Im 110-Meter-Hürdenlaufen muhte ec sich von dem holländischen Meister O. von Rvppord, Vlug en Lenmg den Haag, nur ganz knapp ge­schlagen bekermen. Zeit 16,5 Sek. (Gegenwmd!) P. holte für feinen Verband allein 7 Punkte heraus.

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m SSW.

Roman von Ernst Scherte!.

31. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Riemcrtzd hielt ihn auf. Seelenlos erstaunte, im Rausche erstarrte Aagen stierten ihn nie an, wie Schlafende wälzten sich die Getretenen röchelnd auf die andre Seite, oder tauchten inter in dem Sumpf von Leibern.

Doch was er am Altäre sah, beflügelle seine Schritte zum Rasen. Der Priester war wieder neben Silly getreten, er hatte einen kleinen zier­lichen Dolch in den Händen und entb.öiche ge- tabe Dillys Hals von dem schützenden, dünnen Gewebe.

Sollte Sillhs Blut fließen? War sie denn noch nicht tut? Oder was wollte der Priester mit dem Dolch? Diese Fragen bestürmten Eduard und er erinnerte sich der Mumien von Ab isrr, deren jede die Spur einer Wunde gezeigt hatten. Sollte auch Silly zur Mumie verwandelt wer­den und Begann jetzt diese grausige 'Zeremonie?

Eduard stand festgek.ilt zwischen glühenden, feuchten Leibern und nur langsam vermochte er durch die Menge zu dringen, wie einer, der bis zum Halse im Schlamm versunken ist und den jeder Versuch des Schwimmens weniger vorwärts bringt als er ihn niederzieht in die klebrige Tiefe. Oft sanken ganze Rudel zusammengrdalltcr Körver über Eduard und mühsam mußte er sich

wieder emporarbeiten unter der animalischen, dün­stenden Last.

Eine Dienerin brachte ein glänz'endes gol­denes Gx^äß, einem breiten Pokale gleich, und hielt es oem Priester entgegen.

Es darf nicht sein, es fcarf nicht fein V* schrie es in Eduard und er schrak vor sich selbst zr° lammen, denn er gewahrte, daß er wi.Mch ge­rufen hatte daß er brüllte, wie ein Wahnsin­niger brüllte in unartikulierten Lauten, bjL sein Ruf vernommen wurde mitten in dem Tosen, Kreischen und Krachen.

Der Priester ließ den Dolch sinken und blickte in der Richtung, aus der Eduards Schreie dran­gen. Kein Muskel bewegte sich in dem Gesicht dieses braunen Menschen, dessen nacktw Körper wie eine Dildsä^ule aus vielfarbigem Metall starr dastand und glänzte. Er hob mr langsam einen Arm und alsbald rollte ein d unkler, schauer­licher Ton durch den Raim, gleich d.r E-plo- sion ferner vergrabener Minen, verschlang alle Klange, die die Halle durchfluteten und von den Mauern wider hallten, riß Menschenstimenen, Tiergeheul und schwirrende Fa efaren mll sich j in den Abgrund, aus dem er gekommen war, ind bedtc eine düstere grauenvolle Sülle über alles.

Eduard hatte den freien Platz erreicht, der sich um den Altar zog, und stand nun, un'- geben von einer Meute wi der De 'ren und tm Angesichte des Priesters, dessen Blicke ib r wie! hypnotisch bannten. Aber vor ihm lag auch der j Preis für alle Qualen, die er erduldet und für j

I den Tod, der ihn vielleicht in dem AuMnblick erreichen sollte, in welchem er die Hand aus­streckte den kostbarsten Besitz zu umfangen vor ihm lag Silly still und marmorn wie das Bild einer Totem

-Unb die Schönheit dieses Leibes ließ ihn alle Schauer um ihn her vergessen, war stärker als der bannende Blick des Priesters unb mäch­tiger als jeder Gedanke an die eigene Sicherheit und die mögliche Rettung, trieb ihn die Stufen hinan, bis der goldene Grabschmuck seine Finaer streifte und ehe noch ein Mensch sich zu fassen vermochte über das Wunder, das hier vor aller Augen geschah, griff Eduard nach dem schlafenden Körper, riß ihn an sich in namenloser Wonne und humelte zurück, hinein in die Menge, dem Ausgang zu, ohne daß eine Hand sich regte, um ifju zu hindern.

Doch die Halle war lang und die Treppe noch fern, die nach oben führte, und schon kam Be­wegung in die Massen. Man richtete sich auf, stemmte sich ihm entgegen, anfangs mechanisch, ' Wie jemand, der sich im Schlafe wehrt, dann be- j wußter uw) zi 'llooller. Roch ein zwei es Mai donnerte der unteridische Mahnruf durch die Raume, weckte die noch Trunken und befeuerte die schon Erwachten. Fäuste reckten stch Eduard entgegen, Schwerter blitzten, an feine Füße hin­gen sich Arme, zerrten ihn nieder, er erhob sich I strauchelnd wieder und schob sich vorwärts, je* i mand umschlang seine Brust und benahm ihm. I den Atem und noch war dis Treppe nicht er- j

reicht. Sollte er jetzt noch fallen, wo er dem Er­folg so nahe war? Wut der Verzweiflung stieg ihm in die Kehle ober es half nichts, er sah, baß mit jedem Schritt die Menge dichter wurde, die gegen ihn an ging, ihn vom Ausgang zurück­zudrängen suchte. lyu> in feiner Brust brannte es, jeder Atemzug wurde schwerer, seine Kräfte schwanden.

Schon größten rauhe Kehlen tm Triumphe aber bald schien es weniger ein Schrei des Sieges als ein Schrei der Angst. Fürchtete man sich vor ihm trotzdem man in solcher Mehrheit war? Das Gedränge wurde stärker 'und stärker aber nun nicht mehr ihm entgegen, sondern ihn milreißend dem Ausgang zu, und ein Riefeln und Rauschen ward hörbar, erst keise plätschernd, dann lauter werdend, sch ließ'itz trs.nd unb gur­gelnd wie ein Sturzbach, der sich durch Klippen und Felsen drängt. Auch merkte Eduard, daß er bis an die Knie im Wasser stand, das rasch em- pordrang und ihm nach wenigen Sekunden schon bis zur Hüfte reichte. Ein Zischen schlug an sein Ohr, als ob ein Meer über einen glühenden Kontinent strömte, ülnd dann erfüllten dichte Dampfwolken die Halle, die sich von Sekunde zu Sekunde mehr dersbrsterte. Die Flutcu: deö Was­sers mußten den ©dielt''-häufen erreicht .md ihn ausgelöscht haben. Dis zur Brust im Wasser watete Eduard weiter, gedrängt von einer Hoiwe von Wilden denen die Todesangst culs den Auaen schrie

LFortfetzung folgt)