Ausgabe 
10.6.1922
 
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Samstag, 10. Juni (922

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. $34 Zweites Blatt

in 1000 Sowjetrubeln

der

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rend der Dera tu na des Gesetzentwurfs lien haben sich die Preise den Dortr^gspveilrn renv UVI -u v i u i u u y ua? ^|ti>nuvui|D rr77_h. h^- in X«.n CRoivi Hinten

noch nicht in dem Matze wie in den Bereinigten

Wcizenbrot Kartoffeln

fleisch. Auch rn den Niederlanden Rückgang der E rnährungsausgaben auf

1 1

1

20209.0

110,6

300,0

26.7

30269,0 133,7 345,0

35,3

1112,5

lechbarfeil der Anleihe war eine Forderung, die nur deshalb nicht in das Kompromiß auf- genommen worden ist, weil sie allerseits als selbstverständlich betrachtet wurde. Ohne Be- leihungszwang für Reichsbank und ReichS- darlehnSkassen wird auch private Deleibung nicht durchführbar sein. Die ganze Wirtschaft

das monatliche Etifienzmininiuni

1 ruff. Pfd. Roggenbrot

Preis» zurück- Zucker haben

21107.0

116,2

285,0

27,6

581,2

Daß das Vermögen, nicht das Einkom­men, Maßstab der Belastung sein müsse, wird keinem Widerspruch begegnen. Man hat in den Verhandlungen die Frage offen gelassen, welcher Stichtag und welche Bewertungövvr- schristen maßgebend sein sollten. Soll das VermögenSsteuergesey die Grundlage bilden,

Miete, Belleidung, ermäßigte sich von 186 auf 182, d. i um 22 v. gegenüber dem höchsten im November 1920 erreichten Stande (276) be­deutet dies einen Rückgang um 34 v. H. Seitdem ist, von einer kurzen Unterbrechung im Sommer 1921 abgesehen, die Onderziffrr ständig gefallen und hat nunmehr den Stand vorn Oktober 1917 erreicht.

3n den Verein iglen Staaten von Amerika nähern sich die ©rnäbrungälo'icn Wet­ter dem Friede ns stand. Sie überschreiten die Friedenstosten im Marz nut noch um 36 v. H. 0n Kanada betragen im März die wöchentlichen Ausgaben einer fünfköpfigen Familie für die Ernährung 42 v. H mehr als in der Vorkriegs­zeit. Die gesamten Lebenshallu.tgslosten lErnäh- rung, Heizung, Beleuchtung und Miete» beliefen sich auf das 1> »fache des Monats Zuii 1914.

On Frankreich, Belgien und 3ta>

Die Teuerung im Ausland.

3m Gegensatz zu der in Deutschland ständig zunehmenden Teuerung haben die melften aus­ländischen Staaten einen weiteren, teilweise recht erheblichen Rückgang der Lebenshal­tungskosten in den letzten Monaten aufzu- wetsen. On England sind nach den Feststel­lungen des Statistischen Reichsamts infolge einer weiteren Ermäßigung der Kleinhandelspreise die Ernährungskosten im März gegenüber dem Vormonat u m 2,3 v H. zurückgegangen. Der Gesamtinder für die notwendigsten Levens- bedürsniste (Ernährung, Heizung, Beleuchtung,

Wird aber nennenswerte Bestände Zwangsanleihe lombardieren müssen.

ermätzigung für Milch, Käse und Fleisch zuführen. On Rorwegen sind Eier, und Brot billiger geworben, autzerdem sich aber auch die Ausgaben für Heiz- und Leucht­stoffe sowie für die Bekleidung ermäßigt.

gegen 85 600 Srbl. in Moskau und 73 000 6rbL in Petersburg.

Für Moskau, wo das Foiischreiten der .Scjcning jede Woche fett gestellt wird, läßt sich die Entwicklung weiter verfolgen. VS kostete hier: am 9. 4. am 15. 4. am 23.4.

gongen ist. besonders Käse, Milch und Schwein r-

..... - - - - ist drr

Staaten und in England genähert, sie sind aber seit Rovember 1921 von ORonat zu Monat eben­falls ständig zurückgegangen On Paris hatte eine Dicrtopfige ArbÄterfamilie zur Be- fircitang des Ernährungsbedarfs rm Murz noch das 2,9fache der Vort.iegsausgaben aufzuwenden.

On den ehemals neutralen Ländern ist dir Abwärtsbewegung der Preise ebenfalls weitet fortgeschritten. On der Schweiz sind viele Lebensmittel erheblich billiger geworden, beson­ders Eier, deren Preis um 30 v. H. zurückgr»

die Ausführungsbestimmungen zu den Be- wertungsvorfchriften des Vermögensfteuer- geseyeS vvrlegen und zur Diskussion stellen müssen. Sie wird ferner näher darzulegen haben, warum sie für Wertpapiere mit Bör­sennotiz die Kurswerte vom 28. 2lpril 1922 ansetzen will. Untersuchungen haben ergeben, daß die letztjährigen Durchschnittskurse füh­render Wettpapiere beträchtlich unter dem Kurswert vom 28. April 1922 liegen. Dabei sind die Erträge, die nach dem Vermögens­steuergesetz für die Bewertung der Wett­papiere mit maßgebend sein sollen, noch nicht einmal berücksichtigt.

Selbsteinschätzung für die Zukunft ist wirtschaftlicher Ansinn, für alle Zeich- nungspflichtigen, insbesondere aber für Kauf­leute, zumal in den Zeiten stärkster Schwan­kung aller Wette. Angesichts der neuesten Wendung des ReparationSprvblemS fragt es sich, ob die Selbsteinschätzung für die Zu­kunft überhaupt noch nötig ist. Die Ableh­nung der Zugrundelegung des AetchSnvtopfer- vermögens für Vorauszahlungen ist nicht ge­nügend motiviert. Vereinfachung, für die Finanzbehörden darf nicht zu schwersten Ver­wicklungen und Pressungen der Steuerpflich­tigen führen. Ein Gesetz von so ttefgehender Wirkung auf das Wirtschaftsleben und von solch riesenhaften finanziellen Ausmaßen kann nicht schematisch und einfach bleiben. Es ist sorgfältig zu prüfen, ob nicht die Reichsnot- vpferderanlagung neben der Vermögens- steuerveranlagung maßgebend fein kann.

Die Abgabe auf Unterschiede zwischen endgültigem und vorläufigem Vermögen for- dett den schärfsten Widerspruch heraus. Der erste Entwurf der Reichsregierung hatte sie als reine Rechtswirkung gestaltet, der Reichs­rat sie nur als Strafe zu gelassen. Hieraus hat sich das unmögliche Kompromiß ergeben, daß zwar nach der Begründung die Abgabe mir bei Verschulden des* Zeichnungspflichtigen zur Erhebung kommen soll, daß der Entwurf aber entgegen fundamentalen Rechtsprinzipien des Strafrechts dem Zeichnungspflichttgen einen Entschuldungsbeweis auferlegt. Selbstver- ständlich kann das nicht bleiben. AebttgenS ist auch die Qlbgabe kvnfiSkatottsch hoch ge­staffelt.

Anders liegen die Verhältnisse tn den übrigen europäischen, unter Angunst der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse leidenden Ländern, auher in Deutschland also in O e ft e r r e t d), tn Polen und Rußland. On Wien ist der vorübergehend beobachtete Stillstand in der Teue­rungsentwicklung nicht von langer Dauer gewesen. Rach den Feststellungen des Bundesamts für Statistik ist hn April wieder eine erhebliche Ver­teuerung der Lebensmittel, mit Ausnahme der Kartoffeln, eingetreten. Der Preis für 1 Kilo» ginrnrn Rindfleisch erhöhte sich von 1500 Kr. auf 1860 Kr., für ein Kilogramm «Schweinefleisch von 2300 auf 2550 Kr Das rationierte Brot stieg im April infolge der Erhöhung des Drot- nrehspreifes und des weiteren Abbaus des staat­lichen Zuschusses von 524 Kr. auf 610 Kr. für den Laib von 1260 Gr. Gegenüber dem Zanuar 1921 ergibt sich im April 1922 eine 16 17fache Betteuerung. An der Gesamtsleigerung ist dre Ernährung am stärksten beteiligt. Die Woh- nungsmiete hat in Wien jetzt das 17fache der Friedenshöhe erreicht. Die Aufwendungen füi Heizung und Beleuchtung f}oben hn April einen kleinen Rückgang erfahren, der auf den durch den niedrigen Marklurs verbilligten Kohlenpreis zurückzuführen ist. Die von den Erhebungen n* faßten Lebensbedürfnisse haben zusammen eine 375fache Verteuerung ohne Einrechnung des Wohnungsauswands sogar eine 109fache Steige­rung aufzuweisen.

On Polen (Warschau), wo die Ledens» Haltangstosten nach dem Verbrauch einer vier» kopfigen Arbeiterfamilie regelmäßig berechnet werden, hat im Zanuar 1922 mir bis dahin liegen Berichte vor die Teuerung das 469» fache erreicht: sie bleibt demnach wesentlich hinter der Teuerung in Oesterreich zurück, die zur gleichen Zeit bereits auf das 652fache der Vor- triegszeii gestiegen war.

On Sowjetrutzland zeigen die für den notwendigsten Lebensbedarf aufzuwendenden Ko­sten eine stetig ansteigende Entwicklung. Allein in der zweiten Märzhälfte hat eine Pveissteige- rung eingesetzt, die zwischen 25 v. H. in Charkow und 155 v H in Odessa schwankt. Dieser ernst wichtigste rus i che Haupthafen, aus dem bedeu­tende Getreidemengen in das Ausland ausge­führt wurden, wies am 1. April eine erheblich größere Teuerung auf als Moskau und Peters« bürg. Ein russisches Pfund (400 Gr.) Roggenbrot kostete am 1. April in Odessa 92 000 Sowjetrubel

Von außerordentlich weitttagender Be­deutung ist eine Nachricht, die dieRote Sa bne ht Berlin in ihrer Nummer 259 vom 7. Juni d. Z. veröffentlicht. Die Meldung be- trifft den Ausschluß des saarländischen Kom­munisten Max D a l tz in Saarbrücken aus der Kommunistischen Partei. Die Kommunisti- sche Pattei für das Saargebiet batte den Ausschluß bereits vor einigen Wochen be­schlossen. DieRote Fahne bringt nun die Bestätigung dieses Ausschlusses durch die Zen­trale der Kommunisttschen Partei Deutschlands durch folgende Meldung:

Die Zentrale bestätigt den Ausschluß von Max Waltz, Saarbrücken, da auf Grund des vorliegenden Materials und feines eigenen Geständnisses festststeht, daß er größere Geldbeträge von der Saarregie­rung angenommen hat, um den Versuch zu machen, die Politik der Pattei in dem von der Saarregierung gewünschten Sinne zu be­einflussen.

Aus dieser Nachricht ergibt sich die posi­tive Tatsache, daß die Saarregierung Gelder verausgabt, um Propa­ganda zu treiben. Wenn man die Tätig­keit von Max Waltz verfolgt, so erkennt man, in welcher Richtung sich die Propagandatättg- keit der Saarregierung bewegt: Sie richtet sich gegen das Deutschtum im Saarge­biet, gegen die politischen, wie wirtschaft- lichen und kulturellen Zusammenhänge des Saargebiets mit Deutschland, sie bezweckt die Französierung des Saargebiets. Die Tatsache ist so ungeheuerlich, wenn man berücksichtigt, daß die Regierungskommission vom Völler- bund eingesetzt ist zur unparteiischen Verwaltung des Saargebiets im Namen des VölkerbunkteS. Nachdem Waltz selbst einge­standen hat, für diese Tätigkeit größere Geld­beträge von der Saarregierung bezogen zu ha- den, ist es Aufgabe des Völkerbundes, sich mit der Tätigkeit der von ihr eingesetzten Verwal­tungskommission zu befassen. Das Verlangen der pvlttischen Parteien des Saargebiets auf Abberufung der derzeitigen SaarregierungS- mttglieber muß daher erneut erhoben werden.

Kirche und Schule.

" Freie Lehrer stellen. Erledigt sind die mit einem evangelischen Lehrer zu be­setzende Schulstelle zu Böllstein, Kreis Er­bach, eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Schulstelle an der Volksschule zu Langd, Kreis Gießen, und die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Schul- stelle an Oer Volksschule zu Heisters, Kreis Lauterbach. Mit Oer Stelle war seither Or­ganistendienst verbunden.

ra. Hachenburg, 9. Juni. Der Hauptv«»» em Nassau der Evangelischen Gustav Adolf-Stiftung feiert fein diesjähriges Fest, verbunden mit der 76. Jahresversammlung am

., Rindfleisch

Nach den Preisen-----

die inzwischen fortgeschrittene Steuerung längst überholt sind, muhte man m e h r a 1 s 30>, Mil­lionen Sowjetrubel haben, um fein Leben einen Monat tn Moskau fristen zu

415.0

Der 3. April Woche, die durch

Das Gesetz über die Iwangsanleihe. !

Don Dr. Julius E u r t i u S, M. d. R.

II.

Vorläufige Stellungnahme.

Die ktttische Würdigung des Geseyent- 1 Wurfs muß vom Steuerkompromiß ausgehen. Dach diesem sollte eine Gvldmilliarde auf­gebracht werden. Die Reichsregierung be­ziffert den Gegenwert auf 60 Papier Milliar­den. Der Tarif, der diese aufbringen soll, be­ruht auf der Annahme eines Volksvermögens von 1200 Papiermilliarden und einer durch­schnittlichen Belastung von 5 Prozent. Beide Annahmen sind nicht stichhaltig, wie sach­verständige Untersuchungen und die Verhand­lungen des Reichsrats ergeben haben. Das VollSvermögen ist höher zu bewerten, die DurchfchntttSbelastung des Tarifs liegt infolge der Schichtung der Vermögen näher bei 7 als bet 5 Prozent. Hieraus erwächst die Gefahr, daß die Blutentziehung der deutschen Wirt­schaft wett mehr als 60 Milliarden Papier­mark betragen wttd. Dem muh durch Aende- rung des Tarifs und der Freigrenzen sowie durch Verpflichtung der Reichsregierung zur Rückzahlung überzeichneter Beträge vorge­beugt werden. Wir werden nicht zu- laffen dürfen, daß die Grenzer, des Steuerkvmprvmisses über­schritten werde n. Mag die Reichsregie­rung ihrerseits forgfältigere statistische Unter» lagen vorbereiten, als sie der dürftigen Be­gründung zu Grunde liegen.

Die ZwangSarlleihe soll Mittel für die Kredite des Rechnungsjahres 1922 bereitstel­len. Om Gesetz vom 8. April 1922 ist aus­drücklich festgelegt, daß sie nicht zur Deckung von Defiziten der Verkehrsanstalten' bestimmt ist. Alle Beteiligten waren sich darüber hin­aus einig, daß auch nicht Desizite der all­gemeinen Reichsverwaltung durch die Zwangsanleihc gedeckt werden dürfen. Bei allen Verhandlungen ist vielmehr betont wor­den, daß sie zur Finanzierung der Sachlei­stungen dienen sollte. Entgegen diesen Ver­einbarungen verrechnet die Reichsregierung tn der Anlage ihrer Note an die Reparativns- kommissivn vom 28. Mai 1922 die Zwangs- anleihe unter den ordentlichen Einnahmen der allgemeinen Reichsverwaltung! Cs bedarf kei­ner näheren Darlegung, wie verhängnisvoll für die zukünfttgen Verhandlungen über die Abtragung der ReparattonSschulden ein der­artiges Verfahren ift. Die Reichsregierung ist uns hierüber Aufllärung schuldig.

Das Steuerkompromiß enthält keinen Zwang zur Flüssigmachung der ganzen An­leihe noch im Kalenderjahr 1922. Alle WittschastSkenner sind darüber einig, daß die deutsche Wirtschaft bei der herrschenden Geld­knappheit und Kreditnot die ungeheure Summe von 70 Milliarden Mark bis zum 1. November d. Z. nicht aufbringen kann. Infolgedessen müssen Ratenzahlungen bis zum Ablauf des RechnungS jahres, 31. März 1923, gestattet werden.

Das Steuerkompromiß nötigt auch nicht zu einer so 'ungenügenden Ausstattung der Anleihe, wie sie die Reichsregierung vor­schlägt. Das Opfer des Besitzes ist groß ge­nug, um nach Ablauf der zinslosen 'Periode so­fort eine mindestens 4prvzentige Verzinsung zu rechtfertigen. Bei ' .»prvzzentiger Tllgung lastet die Anleihe 56 Jahre auf dem Besitz. Es ist zu erwägen, ob nicht Iprozentige Til- gung vorgesehen werden soll. Tllgung muß außerdem durch Verwendung der ZwangS- anleihe zu Steuerzahlungen (Erbschaftssteuer, Vermögenssteuer) ermöglicht werden. Die Be-

Eöirnen.

I Propagandagelder der Saar- regierung gegen das Deutschtum

Mein Vetter Mus.

Roman von Richard Skowrvnnei.

?. Fvrtfehung. (Nachdruck verboten.)

»Das wirkte auf mich, als wenn mir einer *ncn Eimer voll eiskalten Wassers über den Kops gegossen hätte. Weiß der Leusel, was mich gestern und heute dazu getrieben hatte, mich zu beneh­men wie ein Randalierfuchs hn ersten Blüten- schnee seiner krassen Aufgeblasenheit, so ganz und gar anders, als eS sonst meine Art war, so töricht und bodenlos dumm! Eine heiße Scham überkam mich vor mir selbst, eine nagende Reue unb das ungestüme Verlangen, wieder gut zu .wachen, was ich verdorben hatte."

,0ch sah mich um, die Gesellschaft an den andern Tischen lachte und schwatzte durcheinander, niemand schien auf mich zu achten. Da nahm ich meinen Teller und stand auf. um mir scheinbar von dem im Nebenzimmer aufgestellten Büfett etwas zu holen."

.On der Tür stieß ich auf den Herrn Ober- Pfarrer Er stellte mich und fragte: ,Jungchen, hast du schon von der' Hasenpastete gekostet? Noch nicht? Na, aber hör einmal, das ist ja gerabeju eine Sünde an der Kochkunst meiner Fvau!<"

3d) entwand mich ihm mit der Versicherung, daß ich mich bemühen würde, diese Sünde nach Kräften wieder gut zu machen, verweilte einen Augenblick lang zum Scheine vor dem Büfett und stahl mich dann weiter. Cs war mir m dem Aryenblicke auch, offen gesagt, ganz gleichgültig, vb' man mein und Helenens Verschwinden be­merkte unb was man darüber denken mochte. Mich beherrschte nur der eine Gedarrte, Helene wieder- zusehen und mich mit ihr ausz usprechen."

On dem letzten kleinen Zimmer, das zu einer Art von Garderobe eingerichtet war, fand ich sie endlich. Sie hatte sich in ein kleines Sofa getoorfen, das Gesicht in die Ecke gedrückt, und schluchzte zum Gotterbarmen. And wie ich sie so meinen sah, da übettam's auch mich mit einem- mal, bal> es mir den ganzen Körper erschütterte."

Och warf mich also vor ihr auf die Knre, sagte gar nichts, sondern faßte ihre Hand, küßte meinte, daß es einen Stein hätte Kam­

mern müssen. Siehst du, das war vielleicht sehr lächerlich, ich könnte heute beinahe selbst darüber lachen, aber danrals war mir verflucht ernsthaft zumute, denn die Leidenschaft für dieses süße Geschöpf war über mich gekommen wie ein Ge­wittersturm .

Eine Weile ließ sie mich ruhig gewahren, dann entzog sie mir ihre Hand, richtete sich auf, sah mich verschüchtert an und sagte ganz leise: .Och bitte Sie. Herr Daumlehner, ich flehe Sie an lasten Sie mich allein!'"

Och schüttelte nur mit dem Kopse wie ein störrischer <5 t?r, dann faßte ich sie mit wildem Griff und bedeckte ihr liebes verweintes Gesicht­chen mit brennenden Küsten. Zuerst wehrte Vu sich, dann wurde fie mit einem Mate ganz schwach, wie zerbrochen hing sie in meinen Armen, aber ich spürte deutlich, daß sie meine Küsse erwiderte, und ein unsagbares Glücksgefühl machte mich an Leib und Seele erschauern."

Plötzlich entwand fie sich mir, trat einen Schritt weiter zurück unb Jagte mit noch immer vor Erregung bebender Stimme. .Herr Daum- tehner, was ich eben getan habe, war eine Sünde vor Gott, vor mir und vor Ohnen. Sie werden mich verachten, wie ich mich in diesem Augenblicke verachte.'"

Helene!" rief ich aus und wollte fie von neuem an mich ziehen, doch sie wehrte mit beiden Händen ab und sah mich so flehend an, bah ich die schon ausgestreckte Hand toieber sinken lieh. ä _

Leben Sie wohl!" sagte fie fest.Gebe Gatt, daß wir uns nie mehr im Leben begegnen!"

Langsam, mtt gesenktem Kopfe, ging sie an mir vorüber und zur Tür hincurs. Och wollte sie aufhaltm, ihr folgen, aber ich stand wi? gelähmt und durch einen höheren Willen ge­bannt an meinem Platze. Dann warf ich mich auf das kleine Sofa, preßte den heißen Kopf in die Hände unb begann mir das Hirn zu zer­martern mit der Frage, was das alles zu be­deuten hätte. Doch so viel ich auch grübeln mvchte, ich tarn zu feiner Klarheit, unb schließlich begann ich mich bamit zu trösten, daß das wahr­scheinlich sv Anfälle einer reinen jungfräulichen öeele wären, die sich gegen das ungewohnte Gefühl bet ersten Siebe sträubte. Mir war ein

ähnlicher Fall in meiner Praris zwar noch nicht vorgekomnien, aber sicherlich war das die einzige Erllärung. Was sollte cs denn sonst wohl fein?"

Unb so stanb ich denn auf, ziemlich zu­frieden mit mir selbst unb ber gefundenen Lö­tung, unb ging zi ber Gesellschaft zurück. Dort schien unsre Abwesenheit gänzlich unbemerkt ge­blieben zu sein, nur die junge Fra i Doktor sah mich forschend an und fragte: ,Wo haben Sie Helenö gelüsten?"

Och log, daß ich davon nichts wüßte: sie wollte augenscheinlich noch etwas sagen, besann sich aber dann eines andern unb ging zu meinem Leibdurschen hinüber, auf den sie eifrig ein- spiach. Mir war die ganze Zeit über, als wenn das Gespräch sich um mich drehte, unb ich hatte richtig vermutet, denn Franz kam auf mich zu und sagte mit strengem Dienstgesicht: ,Du, Lrib- fuchs, ich habe nachher mit dir zu sprechen!"'

Och spielte den Unbefangenm." .Warum nicht gleich?<

Well hier nicht ber Ort dazu ist. Jm übrigen ersuche ich dich ganz oftiztell, deine fünf Sinne zusammenzunehmen und in der Zwischen­zeit keine neuen Tattlosigkeiten zu begehen!"

Das war ein Leibburfchenrüftel in aller Form, ich kniff die Ohren an unb machte, daß ich aus 'Franzens Nähe kam, bemt er verstaub in solchen Dingen keinen Späh."

Och weih nicht, ob es mir fn vortam ober ob es in Wirklichkeit so war. aus der Geselllchuft schien mit einem Male die übermütige Fröhlich­keit entschwunden zu fein, die den ganzen Abend über geherrscht hatte. Eine Art von Verstimmung hatte sich eingefunden, unb ich hatte das rnbehag- liche Gefühl, als wenn ich ben An Iah dazu gegeben hätte."

^Mitternacht war noch nicht gekommen, als Franz uns das Zeichen zum Aufbruche gab. On wohlgesetzter Rede pries er dir Gastlichteit des Pfarrhauses, sprach unfern Dank aus und brachte unfern Wirten ein Hoch, das allgemeine und be* geisterte 3uftimmung sand. Dann sprach der Herr Oberbfarrer auf die Gäste, ein volles Glas noch zum Mtchied, ein paar Dutzend Händedrücke, das Fallen ber schweren Haustür, unb wir standen brauten in dem verschneiten Vorgarten. Ver­gebens hafte ich beim Abschiednehmen nach Hftenc

ausgespähl. sie war feit unserem Beisammenlern aus der Gesellschaft verschwunden. Ein unsägliches Wehgefühl schnürte mir bas Herz zusammen: es war zu bitter, so ohne Gruß vom Liebsten auf ber Welt zu scheiden."

,Da fiel von oben her heller Lichtschern au! den Weg. Och sah empor und erblickte Helene, wie sie einen Vorhang zur Seite schob unb bas Gesicht gegen die Scheibe prehte. Neue Hoffnung zog mir ins Herz hinein, ich hob grützend meine Kappe, droben neigte sich fast unmerklich das blonde Köpfchen, dann sank ber Vorhang wieder, eine feste Hand faßte mich am Arme und Fran­zens ruhige Stimme klang mir ins Ohr: ,So. jetzt ist es genug! Die Geschichte muß, jetzt em Ende haben!'"

»Er hieß den schönen Heinrich vorangehen unb begann zu mir zu sprechen. Seine Worte stehen mir noch heute im Gri>ächtnis, als wärm sie dort mit einem scharfen Griffel ringeriffen, wie in eine Tafel."

,Es tut mir leib. Füchslein/ so fing er an wenn ich bir jetzt noch weh'tun werbe, aber es muß sein, in beinern Onterest: unb auch in dem des Korps, besten guten Ruf bi in ben Augm unsrer Wirte bis zu einem gewissen Grade kom­promittiert hast. Och will die Sache heute zwischen uns beiden erledigen unb sie nicht vor ben Korps- lonvent bringen, denn eigentlich gehört sie auch nicht bort hin: sie fällt in die Kategorie derjeni­gen. für die man sich selbst eine Buße auferlegen muß, well fie zu subtil ist, um von dem Gerichts­höfe der Korpsbrüder abgeurteitt zu werden, ilnb dann hast du ja auch gewisfermahen eine Ent­schuldigung daran, daß du, zum Anfang wenig­stens, bona kicke gehandelt

Franz, was soll bas heißen?^ unterbrach ich ihn. ,Och versteh« von all dem nicht em Wort!"'

Du weißt noch jetzt nicht, um was es sich eigentlich hanbelt?' gab er halb zweifelnd zu­rück."

Bei meiner Ehre nicht!"

blieb stehen und sah mich mitleidig an. ,Anner Kerl, dann habe ich dir sozusagen vorhin unrecht getan . .

,Was, um Himmelswillen, ist es berat? 31 sprich doch!' drängte ich." (Fortsetzung folgt)