Ausgabe 
10.5.1922
 
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Nr. J09

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poftschecllonlo:

Sranffnrt a. M. 11686.

Erster Blatt

Mittwoch, fO. Mai 1922

172. Jahrgang

Annahme von Anzeigen für bie Tagesnummer bis zum 'Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigenv 34mm'B reite örtlich 120 Pf.auswärts 150 'Pf.; für Reklame» Anzeigen von 70 mm Breite 450 Pf. Bei Platz- vorjchrift20 «Aufschlag. Hauptschriftleiter: Ang. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für ben übrigen Teil' Karl Walther; für ben Anzeigenteil: Hans Bede sämtlich in (Stehen.

eMer«nzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck nnö Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Stctnöniderei R. Lange. $d)riftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

Die Krisis zwischen England und Frankreich.

Die erregte Sprache (der englischen und der französischen Presse dauert fort, aber man spürt auf beiden amtlichen Seiten eine ge­wisse Ernüchterung, ein Bestreben, sich Mäßi­gung aufzuerlegen. Wie beim Ausbrucheiner Kriegsverwicklung will keiner sich die Schuld aufladen, sondern 'die Verantwortung lieber dem Andern auf die Schultern schieben. Lloyd George hat. die böswilligen Erfindungen der Stmed dementiert, aber auch Poincarä hat sich veranlaßt gesehen, gewisse briefliche Aeußerungen, die er dem englischen Botschaf­ter zugestellt hatte, in maßvollerem Sinne zu kommentieren. Wer von beiden Staatsmän­nern dem andern zeitlich in diesen Schritten vorausgegangen ist, steht für die Lefsentlichkeit noch nicht fest. Die Havas-Agentur veröffent­licht jedoch noch eine halbamtliche Recht­haberei, in der gegen Lloyd George noch ein­mal warnend der Finger erhoben wird:

Cs gebe kein Beispiel in der Geschichte, daß eine Macht einem Alliierten gesagt hätte:QBenn du nicht mit einer gewissen Ration einen Ver­trag nach dem Muster, das ich dir unterbreite, abschlieht, tommt es zum Bruch zwischen uns. Die Entente zwischen zwei Ländern habe niemals die Untere rbnung des einen unter den anderen bedeutet, und in dem vorliegenden Falle hat Frankreich, indem es sich nach Genua begab, nicht mehr als jede andere teilnehmende Ration be­absichtigt, ihre Handelsfreiheit aufzugeben. Man darf sich also nicht wundem, daß gegen­teilige Thesen in Genua verbreitet und heim­tückisch von c.u gesprochenen Gegnern Frankreichs unterstützt wurden, aber man weigert sich in Paris anzunehmen, daß sie auch nar im entfern­testen die Gefü' le der britischen Delegation wider­spiegeln. Sollte jedoch das Unmögliche wahr sein, und die englische Regierung eine derartige Stellung etnmhmen, so glaubt man allgenuin, daß die öffentliche Meinung in Frank­reich fie als absolut unannehmbar bezeichnen werde und das um so mehr, als während der Regelung der Orientfrag? brisptels- ttef: M i -ungäixrf i bmi e ten zwischen Fra. t- reich und England bestanden haben." Die fran­zösische Regie.ung habe Beweise ihres Entgegen­kommens und guten Willens gezeigt und nie­mals zu Argumenten gegriffen, die einem Ein- schüchte:ungsvrrsuch äh "ein. d .mit ihr S anbpunft eingenommen n ette. Obwohl man von dem Tone einiger englischer Blätter berührt gewesen sei, bleibe man in politischen Kreisen überzeugt davon, daß die große Mehrheit des englischen Bolles der Entente cordialc tief ergeben bleibe. Man sei fer­ner der Ansicht, daß die demnächstige Reise König Georgs V. zum Besuche der britischen und fran­zösischen Sold-itenfiiedhöse, trenn auch leinen os i- ziellen Eharalter trage, doch Gelegenheit bieten werde, die beiden Länder an die gemeinsamen Opfer zu erinnern, die sie miteinander verbinden.

Ein Vries Lloyd Georges an Barthou.

Genua, 9. Mai. (Spezialbericht des Vertre­ters des W. T.-B). Die britische Delegation gibt den Wortlaut deS Briefes Lloyd Georges an Barthou bekannt, auf den der letztere mit feinem bereits veröffentlichten Schreiben geantwortet hat. In dem Bries Lloyd Georges heißt es: Ich bin benachrichtigt worden, daß heute in englischen Zeitungen ein Bericht über unsere Unterredung am Samstag erschienen ist, wonach ich erklärt haben soll. daß die Entente zwischen Frankreich und Großbritanien zu Ende sei und meine Ratgeber in mich bringen, ein Abkommen mit Deutschland zu schließen. Ich habe bereits Chamberlain, der mich in meiner Abwesenheit als Premierminister vertritt, ersucht, diese böswilligen Erfindungen im Parlament zu dementieren. Ich würde Ihnen nun sehr verbunden fein, wenn Sie Ihrerseits diesen beiden Behauptungen widersprechen würden. Ich ersuche darum weil ich, wie Ihnen bekannt, die französisch-britische Zusammenarbeit zu hoch schätze, um zuzugeben, daß in der Seffent- lichkeit lügnerische Behauptungen über diesen Gegenstand verbreitet werden, und dies in einem Augenblick, der von der größten Wichtigkeit für die Beziehungen der beiden Länder ist. Lange vor dem Kriege bin ich ein aufrichtiger Anhänger der Entente zwischen Frankreich und England gewesen. Für mich wie für jeden Engländer hat diese Freundschaft um so größeren Wert, als fie durch die gemeinsamen Opfer geheiligt worden ist. Daher ist es mein leb­hafter Wunsch, daß nichts geschehen möchte, was die Auffaffunge unserer beiden großen Demo­kratien trennen könnte, deren Zusammenhalten von so großer Wichtigkeit für den Frieden Europas ist.

Briefe Poincarvs an den englischen Botschafter in Paris.

Paris, 9. Mai. (WTD.) Havas teilt mit: Infolge der Erregung Lloyd Ge­orges über einen an den englischen Botschafter in Paris gerichteten Brief Poincarös zur Frage des Memo­randums an di<^ Russen, an dem nur die Sympathien Frankreichs für Bel­gien erwähnt wurden, hat Ministerpräsident Poincare am 7. Mai dem englischen Bot­schafter em neues Schreiben zugehen las­

sen, in dem er erklärt, er sei nicht auf die Aus­legung gefaßt gewesen, daß Frankreich die Freundschaft Englands vergessen hätte, wenn es an seine Sympathien für Belgien erinnere, ohne das erstere ausdrücklich zu betonen. ES gäbe keinen Franzosen, der sich nicht deS fran­zösisch-englischen Zusammenwirkens vor, im und nach dem Kriege erinnere, und der nicht von ganzem Herzan die Fortdauer dieser freundschaftlichen Beziehungen wünsche. In einer Frage jedoch, die allgemeines Interesse zu besitzen scheine, und die an den Grundsatz deS Privateigentums rühre, sei es natürlich gewesen, daß Frankreich von zwei Verbünde­ten, für die es die gleiche Freundschaft hege, nicht -denjenigen desavouieren könnte, der wie es selbst dachte.

Eine Vcrmittlnngsformel Schanzers.

Genua, 9. Mai. (WTD.) Ein Kom­munique der Agenzia Stefani weist auf die verwickelte Tätigkeit der italienischen Dele­gation und besonders des Außenministers Schanzer hin, der, wie versichert wird, eine neue juristische Formel für den Artikel be­treffend das Privateigentum in Rußland, der den Hauptgrund für die Differenzen bil« hct. vorgeschlaqen habe. Rach Scbanzers Vor­schlag "o l der G. und s atz § er russ schon StaatS- defitzes der nationalisierten Güter formell anerkannt werden, während anderer­seits den früheren Besitzern die Rutznießung der Güter selbst zugesichert werden soll. Diese Formel bildet somit einen Mittelweg zwischen den beiden einander gegenüberstehenden Auf­fassungen.

Genua, 10. Mai. (WTD.) Der Bericht­erstatter der Havasagentur glaubt zu wissen, daß S ch a n z e r den Wunsch hege, zu einer Erörte­rung über die russischen Angelegenheiten zu ge­langen. um so den Fortgang der Konferenz zu ermöglichen, und zusammen mit seinen Kollegen eine neue Formel für die Fassung des Artikels 1 der Denkschrift, betreffend das Privateigentum, zu suchen, obgleich Belgien seine endgültige Zu­stimmung nicht gegeben habe, schllne es doch nicht unwahrscheinlich, daß über diesen Punkt dem­nächst ein neues Abkommen zustande kommen werde.

Paris, 10. Mai. (WTB.) Der Sonder­berichterstatter der Havasagentur in Genua gla ibt zu wissen, daß dis von Schanzer dem bel­gischen Minister Ja spar Dorgefd) lagerte neue Formel für das Privateigentum auf folgen­den Grundlinien augebaut ist: Die Mächte billigen die Rationalisiere ig, aber die Sow.et- icgierung überläßt die Ruynietzung der Werte den ehemaligen Besitzern.

Die russische Antwortnote.

Berlin, 10. Mai. Wie die Blätter aus Genua melden, war die russische Delegation gestern abend mit der endgültigen Fer­tigstellung ihrer Antwort auf das Me­morandum der Alliierten beschäftigt. Den Blättern zufolge soll die Rote morgen vor­mittag übergeben werden.

Rach einer Meldung desLokalanz." soll die Rote bereits gestern abend dem Vorsitzen­den der Konferenz, Facta, überreicht wor­den sein und heute veröffentlicht werden, lieber den Inhalt berichten die Blatter, daß die Rote sehr konziliant lautet, so daß sie die Möglichkeit zu weiteren Verhandlun­gen biete. Wie dieVoss. Ztg." meldet, nah­men die Russen sämtliche Bedingungen des Memorandums der Alliierten, mit Ausnahme der Artikel 1 und 7 (Propaganda und Wie­derherstellung des Privateigentums) an. Sie verlangen einige Abänderungen des Artikels 7 und außerdem die bedingungslose Zusicherung einer Anleihe von 200 Millionen Pfund Ster­ling.

G e n u a, 9. Mai. Spezialbericht des Ver­treters des W. T. D.) Die russische Delegation hat heute einen vom 4. d. Mts. datierten Brief Tschitscherins an Schanzer veröffentlicht, worin gefragt wird, ob die fran­zösische Delegatton nunmehr ihre Zustimmung zu dem Memorandum gegeben habe, und wenn nicht, welches die Regierungen seien, die das Memorandum billigten. Die Liebergabe der russischen Antwort auf das Memorandum der politischen Unterkomm ission wird morgen mittag erwartet.

Lloyd George.

Genua, 9. Mai. (Spezialbericht des Vertre­ters des W. T.-D.). Lloyd George hatte, wie von englischer Seite mitgeteilt wird, heute vor­mittag Unterredungen mit seinen hauptfäch- lichsten Ratgebern über die Lage. Fremde Staatsmänner hat der englische Premiernrinister heute nicht gesehen.

Patts, 9. Mai. (W.T.B.) Der Londoner Be- ttchtetttattcr desPetit Journal" will von einem englischen Parlamentsmitgliede, einer anerkannten Autotttät in Wirtschaftsfragen, gehört haben, man

solle sich inFrankreich keiner Täuschung hingeben, mit Ausnahme einiger Schreihälse habeLloyd George alle lebenden Kräfte seines Landes hinter sich. Er befinde fich in Genua kraft des Willens der ganzen Ratton und wenn cs sich um die nationale Ettstenz handle, halte das gesamte Volk zusammen. Wiederholen Sie unaufhörlich, fo habe das Parlamentsmitglied gefagt, daß es ein großer Irrtum sei, anzunehmen, der Erfolg von Genua fei für Lloyd George eine wahre Rotwendigkeit. Wer ihn auch immer morgen ersehen wird, die englische Polittk wird dieselbe bleiben. Für England gibt es nur eine Frage, Handel zu treiben oder unterzugehen.

Die englische Presse über die Krisis.

London, 9. Mai. (WTB.) In ben nach der Unterredung zwischen Barthou und Lloyd Ge­orge einsetzenden heftigen Angriffen der Rorth- clif f bref fe auf den englischen Premiermini­ster wegen seiner Politik gegenüber Frankreich wird die Frage der englisch französischen Bezieh­ungen von der gesamten Presse eingehend erör­tert. Während Rorthcliss imE v en i n g R e w S" im Sperrdruck hervorhebt,wir stehen zu Frank­reich" und sagt, das britische Volk habe für die Entente gekämpft und nicht um fie zu zerstören, schreibt .,P a 11 M a 11 a n d G 1 o b e": Wir stehen zu Großbritannien" und fährt fort, Großbritan­nien werde mit ganzem Herzen Lloyd George bei dem Werke unterstützen, das er in Genua ver­richte, Lloyd George f?abe sich als der wahre Füh­rer Europas im Frieden wie im Kriege gezeigt. Die Völker feien müde, ihre Raffenhymnen zu fingen. Er könne einer Politik nicht zustimmen, die bedeute, daß Europa und Asien in einer nicht endenwollenden Atmosphäre bcS Kampfes gehal­ten werden. Wenn es zu einem Bruche der En­tente kommen sollte, fo sei dies sehr bedauerlich, England könne jedoch nicht unbegrenzt mit einem Partner gehen, der dauernd die Interessen Eng- lanbs» unberücksichtigt ließe.

W e st m i n st e r G a z e 11 e" schreibt, in ver­antwortlichen Kreisen Englands bestehe fein Wunsch nach einem formellen Bruche mit Frank­reich Es sei jedoch so gut wie allgemein der Wunsch nach einer deutlicheren Anerken­nung der Tatsache, daß die Entente nicht länger di e Bedeutung habe, die fie vor ober während des Krieges besaß. Alle wünschten möglichst freundschaftliche Beziehungen mit Frankreich ausrechtzuerhalten, seien aber nicht bereit, diese Beziehungen als eine Vorbedingung für ben Abschluß von Uebereintommen ober so­gar Freundschaften mit anderen europäischen Ra­tionen anzusehen. Wenn die Entente eine ex­klusive Freundschaft bedeute, dann würde die Crllärung, daß fie zu Ende ginge, keineswegs eine Drohung, sondern nur die Feststellung einer Tatsache sein. Augenblicklichbest ehe kein Einklang zwischen den Ansichten und der Politik Frankreichs mit Groß­britannien bezüglich auch nur eines einzigen europäischen oder außer­halb Europas liegenden Problems. DieEntente" habe demnach überhaupt keine praktische Bedeutung. Wenn das an und für sich wünschenswerte englisch-französische Zusammen­wirken bei dem Wiederaufbau Europas unmöglich fei, wie es augenblicklich den Anschein habe, so könne durch eine im wesentlichen falsche Freund­schaft nichts gewonnen werden. Die ernsteste, un­mittelbare Gefahr fei, daß die französische Mei­nung irregeleitet werde durch die unehrliche Haltung der Rorthchiffblätter. DaS liberale Blatt gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Frage beS formellen Bruches mit Frankreich niemals in England zur Wahlfrage gemacht werde, denn die Erbitterung gegen die französische Politik, die unter allen Klassen bestehe, würde unvermeidlich zu unerwünschten Urteilen führen. Die britische öffentliche Meinung wünsche in Wirklichkeit feine Erklärung formeller Feindschaft. Eie wünsche diese mit Frankreich ebensowenig w i e mit Deutschland und Rußland. Wenn man, um den Frieden zu sichern, den verhängnisvollen Preis eines Baches mit Frankreich bezahlen müsse, so würden sie ihn zahlen, aber natürlich wollten sie überhaupt keinen Preis dafür zahlen.

>M anchefter Guardian" sieht in der Aufbauschung der Aeußerungen Lloyd Georges gegenüber Barthou seitens der Franzosen und hinter einigen Ablehnungen Lloyd Georges den auf beiden Seiten bestehenden Wunsch, die Ver­antwortung für einen Bruch,sollte es zum Bruch kommen", auf die Schultern der anderen Partei abzuwälzen. Wenn jedoch der Bruch einträte, fo werde dies nicht geschehen wegen einiger hastiger im Privatgespräche aus- getaufchtcn Worte, sondern wegen einer grund­legenden Verschiedenheit der An­sichten bezüglich aller europäischen Fragen, bie fühlbar werden bei jeder Gelegenheit, wo wich­tige Entscheidungen getroffen werden mühten. Früher oder später mühten diese Mei­nungsverschiedenheiten zur Krisis führen. Selbst jetzt könne man nicht sicher sein, ob es nicht wegen der russischen Frage zur Krisis komme. Man könne mit Bestimmtheit sagen, bah, trenn es nicht innerhalb der nächsten Tage zur Krilis komme, so sei dies nur deshalb der Fall, weil Lloyd George von Reuem mehr. als er selbst für recht hielt, dem französischen Standpunkt nach­gegeben habe. Lloyd George fonne mit Frank­reich nur in Liebereinstimmung bleiben, indem er ben Vorschlag der gemeinsamen Verhandlungen mit Ruhland aufrecht hält, um damit baS Fehl­schlagen der Konferenz und baS Scheitern feiner eigentlichen Hoffnungen zu vereiteln. Er werde es vielleicht nicht tun unb dies wahrschein­

lich um so weniger, weil er wisse, dah am Endo bicses Monats, wenn Deutschland ben Forderun­gen der Reparationskommission nicht nachkommt, eine neue KrisiS hervorgerufen werde, die Poin- care, wie er erklärt, nach seinem eigenen Gut­dünken zu behandeln beabsichtige, mit ober ohne Mitwirkung Grohbtttanniens. Lloyd Georges ver­gangene Politik sei der stärkste Beweis dafür, daß er der letzte Mann ist, der sich gern von Frank­reich trenne; ob er dies tun werde ober nicht, werbe im gleichen Maße davon abhängen, ob der Inhalt der russischen Antwort ihm genügend Grund zur Annahme gibt, daß Großbritannien und andere Länder neben Frankreich und Belgien mit Rußland zusammen zu einer Regelung ge­langen können. Wenn Lloyd George der Ansicht sei, daß der Weg au einer Regelung mit Rußland offenstehe und daß eS der Mühe wert fei, ihn zu verfolgen, so werde er dies selb st um den Preis Frankreichs und Belgiens erreichen. Ein formelles Liebereinkommen, daß Frankreich seinen Weg allein geben müsse, brauche die bestehenden Beziehungen zwischen den beiden Ländern nicht sehr zu ändern. Diese Be­ziehungen seien nicht allzu gut. Der sog. Bruch" der (Sntente brauche sich nicht mehr zu verschleiern.

Die Pariser Presse.

Paris, 9. Mai. (WTB.) Die Pariser Abendpresse, soweit sie sich mit bet Frage in Genua beschäftigt, bläst in auffallenber Weife zum Rückzüge. DerT e m p s" findet heute, daß bie Entente noch fortbauere. Lloyd George habe, auf die Bewegung der öffentlichen Meinung aufmerksam geworden, die Drohungen, die man verbreitet habe, bemeniiert. DaS Blatt glaubt, baß er bann auch augenscheinlich bie Drohungen ableugnen wolle, die gLwisse böswillige Blätter nicht aufhörten, gegen Frankreich zu richten.

DieLiber t 6" spricht von einem miß­lungenen Erpressungsversuche Lloh d GeorgeS, der Frankreich zur Isolierung und obendrein zu einem persönlichen unfairen (ignoble) Feldzug gegenPoincarä anzufeuern versucht haben soll. Frankreich habe sich aber auf keine Erpressung eingelassen, und habe feinen Ver- tretern in Genua, bie anfangs ein wenig ge­schwankt hätten, und Belgien nicht gleich zur Seite getreten seien, ben Rücken wieder gesteift. Kurz unb gut, Lloyb George habe erkennen können, daß Frankreich, wenn es feine Methoden fottsehe, sich lieber hätte isolieren lassen als daß es seine Unabhängigkeit zum Opfer gebracht hätte.

DaSJournal des DebatS" schreibt, für den Augenblick habe Lloyd George cS für not­wendig gehalten, Aeußerungen zu dement"erm. di- Frankreich nicht zum Rachgeben veranlaßt hätten. Hoffentlich würden feine Ausleger, nachdem sie über das Ziel hinauSgeschofsen seien, ebenfalls RückzugSstellung einnehmen. E s sei Zeit, daß man ernst werde und aus'theatralische Methoden verzichte. Heute vormittag fei gemel­det worden, daß die englische Delegation sich mit neuen Formeln beschäftige, durch die eine all­gemeine Regelung der russischen Frage erreicht würde. Sie stehe in ständiger Verbindung mit ben Sowjetvertretern und bemühe sich, Tschitsche­rin zur Vertagung feiner Antwort bis zu dem Augenblick der Verständigung zu bereden.

Ein Abkommen zwischen Italien und England?

Paris, 10. Mai. (WTB.) Havas be­richtet aus Genua, man versichere von glaub­würdiger Seite, daß ein allgemeines po­litisches und wirtschaftliches Ab­kommen zwischen Italien und Groh-Dritannien in Ausarbeitung be­griffen ist, das den Hauptzweck habe, die Lage Italiens im Mittelmeer zu garantieren.

Der englische Königsbesnch in Belgien.

Paris, 9. Mai. (WTB.) Der Londoner Bettchtersiatter derChicago Tribüne" be­hauptet, daß die nach außen hin als Höf­lichkeitsbesuch erscheinende Reife des eng­lischen Königspaares nach Belgien den Zweck verfolge, Belgien wieder in die britische Einflußsphäre einzu­beziehen. Ratürlich, fügt das Blatt hinzu, sei der Besuch in Brüssel vereinbart gewesen, lange bevor sich die englisch-französischen Be­ziehungen, wie jetzt, in Genua zuspitzten. Aber schon sett Monaten sei man sich darüber Har gewesen, daß das enge Einvernehmen zwi­schen England und Frankreich wahrscheinlich nicht lange andauern werde.

Amerikas Politik gegenüber Rußland.

Paris, 10. Mai. (WTB.) Rach einer Meldung derChicago Tribüne" aus Washington ist gestern nach einer Kabinettssitzung, die sich mit den V ^Handlun­gen der Genueser Konferenz, insbesondere in Bezug auf Rußland, beschäftigte, mitgeteilt worden, daß die Regierung der Vereinig­ten Staaten auf dem Standpunkte stehe, die Haltung derAlliiertengegen- über den Sowjets sei im Einklang mit der Politik der Vereinigten Staaten.