geben werden, bo8 Gleichgewicht unb seine Selbstachtung wiederzugewinnen. Aus diesen Gründen traten toir stets für die Zulassung Deutschlands zum Völkerbünde An, falls Deutschland sie wünschen sollte. Wir werden sicher nicht dazu beitragen, daß sich Deutschland seinen Verpflichtungen entzieht. Ich mochte Deutschland nicht auf Kosten der Alliierten begünstigen und mochte versuchen, zwischen den beiden fair zu sein. Ich hoffe, dah wir mit friedlichen Mitteln au einer Lösung kommen, and glaube, daß jeder Versuch, die Frage durch Gewalt oder durch willkürliche Mah - nahmen zu lösen, f e h l s ch l a g e n wurde. Donar Law hat Frankreich die Frunde S h a n d hinge st reckt. Ich hoffe, dah Frankreich sie ergreifen wird. Bezüglich Italiens erklärte Lord Curzon, die Regierung sei geneigt, die Uebernahme der Macht durch Mussolini als ein Vorzeichen freimütiger. enger Beziehungen zwischen den beiden Landern zu betrachten. Dem Völkerbund sich zuwendend erklärte Lord Curzon: Wir werden ihm jede Unterstützung leihen.
Die Wahl des bayerischen Ministerpräsidenten
München, 8. Rov. (Wolfs.) In der heutigen Vollsitzung des Bayrischen Landtags wurde Exzellenz Dr. v. K n i l l i n g (Bahr. Vpt.) zum Ministerpräsidenten gewählt. Abgegeben wurden 143 Stimmzettel. Davon lauteten 86 auf Herrn von Knilling. 54 waren unbeschrieben, und je eine Stimme fiel auf Dr. Heim, Dr. Zahnbrecher und Hittier. Dr. von Knilling erklärte sich zur Uebernahme des Amtes bereit unter Zurückstellung der bei ihm bestehenden Bedenken allgemeiner und persönlicher Art. Sein Regierungsprogramm wird Dr. von Knilling in der morgigen Vollsitzung des Landtages darlegen, in der auch das Ministerium vorgestellt wird. Hierauf wurde die Vollsitzung geschlossen.
Rach einer Meldung der „Voss. Ztg." aus München wurden das Redaktionsgebäude der sozialdemokratischen „Münchener P o ft“ und das Gewerkschaftshaus auf die Vorstellungen der sozialdemokratischen Abgeordneten Timm und Auer bis auf weiteres unter polizeilichen Schutz gestellt, um etwa beabsichtigte Angriffe von rechtsradikaler Seite rechtzeitig zu verhindern.
München, 8. Rov. (WTB.) Wie wir erfahren, haben sich die KoalitivnSparteien über die Modalitäten der Regierungsneubildung geeinigt. Der neue Ministerpräsident wird am Donnerstag vormittag seine Programmrede halten.
Vertagung der Friedenskonferenz für den Osten?
Paris, 9. Rov. (WTB.) HavaS. Angesichts des in Angora und auch in Konstantinopel durch den englischenVer- tagungSantrag für die Friedenskonferenz hervorgerufenen schlechten Eindrucks, und da die Türken geneigt sind, hierin ein Ausweichen der Alliierten zu sehen, hat ^Poincarö den englischen Botschafter in Paris /-gebeten, nachdrücklich seine Regierung auf die Unzuträglichkeiten hinzuweisen, die jede wei- ''tere Verzögerung in der Friedenskonferenz mit der Türkei mit sich bringen würde. Rach den letzten aus Paris eingetroffenen Rach- . richten haben die alliierten Oberkommissare nicht den Belagerungszustand über Konstantinopel verhängt, obwohl ihre Regierungen sie ermächtigten, alle von ihnen für erforderlich angesehenen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu treffen. Da sich die Lage jedoch nicht besserte, erwarte man nunmehr die Verhängung des Belagerungszustandes über Konstantinopel.
Der Zwiespalt in der Türkei.
London, 8. Rov. (Wolfs.) Reuter meldet aus Konstantinopel: Als der britische Oberkom- missar den Sultan besuchte, zeigte dieser eine sehr würdige Haltung und erklärte, dah er als Oberhaupt der gesamten mohammedanischen Welt die Beschlüsse Angoras nicht annehmen könne.
Rach einer Meldung der „Chicago Tribüne" aus Konstantinopel erflärte der Grobwesir Tew- sik Pascha in seiner letzten Rote an die Regierung von Angora, daß die Regierung von Konstantinopel nicht auf ihr Recht auf Vertretung in Lausanne verzichten werde. Gleich-
Die Herrveghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.
34. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Als Herwegh zum erstenmal die Akten eines solchen zweifelhaften Falles in die Hand nahm, um ihn zu bearbeiten, erinnerte er sich an dieses Gespräch er zögerte eine Weile und schaute sinnend in die Akten.
„Soll ich oder soll ich nicht?"
Die anderen Kollegen hatten den Fall Asran abgelehnt. Es war eine Postsekretärsfrau, die eine Reihe von Diebstählen begangen hatte und von dem Besitzer eines Warenhauses auf frischer Tat ertappt und angezeigt worden war.
Auf die Anzeige hin rührten sich auch andere geschädigte Kaufleute, die bisher aus Rücksicht auf die Familie geschwiegen hatten, und es kam heraus, dah diese Frau, deren Mann ein auskömmliches Gehalt bezog, die in geordneten Verhältnissen lebte, selbst Vermögen besah, jahrelang kleine und größere Diebstähle in den Geschäften mit einer gerabcni raffinierten Geschickiichte t ausgeführt hatte. Man fand bei der Haussuchung aufgestapelle Berge von Seidenresten, öluscn, Wäsche, seidene Strümpfe, Schmuck, Bänder, Spitzen. Ihre zwei wohlerzogenen, besctüoenen Kinder waren ganz verstört, dah ihre Mutter als Diebin entlarvt war.
Der Mann war gebrochen von dem jahrelangen Kampf gegen eine Leidenschaft, gefoltert von der tägliche» Angst, dah einmal alles ans Licht kommen würde
zeitig spreche er den Wunsch aus, nut Angora in grieben zu leben, erkläre, dah keine Rivalität zwischen Angora und der Pforte bestehe und schlage vor, eine Konferenz zwischen Vertretern der beiden Regierungen abzühalten.
Die Wahlen in Amerika.
P a r i S, 8. Rov. (WTB.) Havas meldet aus Reuhork: Rach den bisher bekannt gewordenen Ergebnissen gewannendieDe- m ofraten Im Repräsentantenhause 2 8 Sitze. Die Republikaner haben bisher keinen einzigen demokratischen Kandidaten für den Kongreh geschlagen.
Reuhork, 8. Rov. (WTB.) Reuter meldet: Die Republikaner haben bisher kein einziges Mitglied der Demokraten im Repräsentantenhause geschlagen.
Chicago, 8. Rov. (Wolff.) Hier haben die Demokraten in den gegenwärtig republikanisch vertretenen 'Bezirken die Führung. Der Demokrat Cope land wurde an Stelle eines Republikaners für den Staat Reuhork in den Senat gewählt.
Paris, 8. Rov. (WTB.) Rach einer Meldung des „Rew Bork Herald“ aus Washington hat das Weihe Haus gestern offiziell bekanntgegeben, dah H a r d i n g eine außerordentliche Tagung des Kongresses auf den 20. November einberufen werde.
Graf Brockdorff» Rantzau in Moskau.
.Moskau, 9. Rov. (WTB.) Der deutsche Botschafter Graf Brockdorfs-Rantzau wurde bei einem Besuch im Kreml zur Lieber» gäbe seines Beglaubigungsschreibens von einer Ehrenwache empfangen. Der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, Lohnte dem Empfang Drockdorff-Ranhaus durch Kalinin bei. Die Moskauer Zeitungen betonen, die Tatsache, dah das Deutsche Reich zum erstenmal in Sowjetrußland durch einen bevollmächtigten Botschafter vertreten sei, bedeute die völlige Wiederherstellung der seit 1918 unterbrochenen diplomatischen Beziehungen.
Aus Hessen.
Aus dem Finanzausschuß.
rm. Darmstadt. 8. Rov. Der Finanzausschuß setzte beute seine Beratungen fort. .Die Regierungsvorlagen betr. den Ausbau des Kraftwerkes Wölfersheim, sowie Anschaffung von Wäsche für Bad-Nauheim werden angenommen. Verschiedene Vorlagen betr. die Be- stuhlung des Konzertsaales in Bad-Nauheim, In- standsetzungsarbeitc.n unb Errichtung von Arbeiterwohnungen machen eine Besichtigung durch den Finanzausschuß nottoenbig, die am nächsten Montag nachmittag tn Gemeinschaft mit den Regierungsvertretern ftattfinben soll. Die Vorlage betr. die Instandsetzung des Drunnen- turms in Bad Salzhausen findet Genehmigung. Die Vorstellung des Vereins Hess. Vermessungsbeamten unb in Verbindung damit die Vorstellung des Wagner in 6eligenft<ti>t betr. Tagegelder werden mit 6 gegen 3 Stimmen abgelohnt, da ihnen im allgemeinen Rechnung getragen ist. Die Vorstellung des Hess. Beamtenbundes betr. die Vorauszahlung der Gehälter an voll beschäftigte Deamtenanwärter wird für erledigt erflärt. Nächste Sitzung Donnerstag nachmittag.
Die Notlage der Presse.
Eine RegierungsanLwort.
Die hessische Regierung hat laut Darrnst. Ztg. auf die Anfrage der Abgg. Lenhart, Hoffmann-Alzey u. Gen., betreffend die Notlage der Presse, dem Präsidenten des Landtags die Antwort erteilt, dah die Hessische Regierung bereit sei, dem Verein der hessischen Zeitungsverleger ein Darlehen in noch festzusetzender Höhe unter den gleichen Bedingungen zu gewähren, unter denen die Württembergische und die Bavische Regierung ähnliche Darlehen an die in diesen Ländern bestehenden Vereine der Zeitungsverleger gegeben haben, sobald der genannte Verein in diesem Sinne an die Hessische Regierung herantrete. Dies sei bisher nicht geschehen.
Aus Stabt unb ßanb.
Giehen, den 9. November 1922.
Elsaß - Lothringische Woche.
Der gestrige Qlbenb versuchte unb vermochte nach den wissenschaftlichen unb tiefgründigen Darbietungen der drei ersten Tage ein Ausspannen
„Ach Herr Rechtsanwalt, Sie wissen nicht, was es heißt, feine Frau, die man geliebt hat, die einem Kinder geboren hat. als Diebin zu sehen." Der gebrochene Mann begann seine Ehe zu schildern. „Wir waren so glücklich, meine Frau ist so gutherzig, unb eine treue, sorgende Mutter, ach, meine armen Kinder." Alnb der Mann bedeckte fein graues Haar voll Kummer.
Gr weinte.
Herwegh suchte sich vergebens gegen das Mitgefühl zu panzern. Er wollte diesen Fall nicht nehmen. Etwas in ihm regte sich und hob warnend seine Hand. Aber der Mann unb seine Kinder jammerten ihn.
Sein eigenes Unglück erwachte wieder, das die Musik eme Zeitlang betäubt zu haben schien. Grete . . . war sie denn besser wie diese Un- glückliche?
Er nahm den Fall, trotz des ironischen Lächelns der Kellegen. Vielleicht konnte er diese Frau retten.
Es war eine geistige Insa *‘iTe von schwankender Hemütssllmmung beeinflußoac unb indolent, die unter ständigen Depressionen litt. Als Mädchen muhte diese Frau schön gewesen sein, ein Madonnentypus. Jetzt hatte sie etwas Gedrücktes, Scheues, Unsicheres. Wie sie dazugekommen war. au stehlen, wußte sie nicht anzugeben. Es zog sie fast körperlich in die Laden. Sie wachte nachts auf unb konnte ben Tag nicht erwarten, um in den Läden zu stehleir. Unb nach einem solchen Diebstahl enrpsand sie stets eine große Erleichterung unb Befriedigung. Es war, als fti sie von einem Keder besessen. Einige Male haften ihr die Ladenbesiher Die Daren im Hinterzimmer wieder abgenommen, hatten sic gewarnt. Sie hatte geweint, bereut, versprochen, eS nicht
der Zuhörer und Festtettnehmer zu erreichen; er war froher Geselligkeit gewidmet, die denn auch bei den zu vielen Hunderten anwesenden Clsaß- Lothringern und Gießener Gästen aufs schönste und harmonischste in Erscheinung trat.
In seiner Begrüßung gedachte Dr. List zunächst der Toten, die in elsaß-lothringischer und deutscher Erde ruhen. Zu ben Lebenden und der Gegenwart übergehend fand Dr. List warme Worte des Dantes für alle, die der Heimatwoche ihr Interesse unb werktätige Liebe bekundeten. Er versicherte, daß sich bas deutsche Vaterland in den aus Elsaß unb Lothringen 'Vertriebenen, die zunächst nicht überall gerade mit offenen Armen auf genommen worden seien, nicht getäuscht haben sollte: fife bedeuteten einen kulturellen, sozialen unb vaterländischen Gewinn. Geboren unb erzogen in einem paradiesisch schönen Lande, in dem zwei große Kulturen sich die Hand reichen könnten, brächten sie kulturelle Werte mit, die in anderen deutschen Landen nicht gegeben seien, Und sozial biete nicht zuletzt die heutige Versammlung ein Bild wahrer Brüderlichkeit, erreicht durch gemeinsame Liebe zur unvergeßlichen Heimat. Bei dieser starken Heimatliebe fei aber niemandem eher und intensiver die Bedeutung des großen, allgemeinen deutschen Vaterlandes klarer unb wirksamer geworden, als den ehemaligen Reichsländern. Nach dem Gelöbnis des Redners, daß dem Rufe Frankreichs nach dem Jahre 1870 „la revanche est en marche“, die Rache ist unterwegs, von den deutschen Elsah-Lothringern heute mit der Parole „btc Liebe ist auf dem Marsch" geantwortet werde, begann der Unterhaltungsabend. Fräulein Ria Hoch st etter trug einen von dem allelsässischen, jetzt in Karlsruhe lebenden Dichter Christian Schmitt verfaßten Prolog vor, den dieser zur Festwoche gedichtet hatte. Der Gitarren- und Mandollnenverein „Nea- polita" erfreute als Gast durch mehrere Vorträge. Herr Paulus, ein vertriebener Elsaß- Lothringer, zeigte sich als Künstler des Xylophons. Interessante und verblüffende Zauberakte wechselten mit anderen Uebervaschungen ab. Etwa um 11 Uhr begann der Tanz, der die Anwesenden noch lange vereinte.
Auch dieser Abend zeigte den Gästen, wie die Idee GIsaß-Lothr'mgen um alle ein Band schlingt, das stärker ist denn alle künstlichen menschlichen Gegensätze. Die Liebe marschiert — und sie soll unb wird Elsaß unb Lothringen kulturell vor dem Untergang bewahren und alte deutsche Erde eingeborenen deutschen Bewohnern deutsch erhallen -- wenn auch heute nicht den Grenzpfählen nach.
Die Wahlvorschläge zur Stadtvcrordnetenwahl sind aus einer amtlichen Bekanntmachung im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes ersichtlich. Die Deutsche Volkspartei, die Deutsch- nationale Volkspartei und der Bürgerverein haben sich, wie schon mitgeteilt, auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Das Zentrum und die Demokratische Partei haben die Verbindung ihrer Wahlvorschläge erklärt. Die Linksparteien haben ihre Listen nicht verbunden.
Kleiurentnerfürforge.
Für Kleinrentner wird in der Gastwirtschaft „Zum Haberkasten", Landgraf-Phi- lipp-Platz 9, von nachm. 3 Uhr bis abends 9 Uhr ein geheizter Raum zur Benutzung ohne Verzehrzwang bereit gehalten. Die Benutzung ist nur solchen Personen gestattet, die eine AusweiSkarte vom Städt. Wohlfahrtsamt, Abteilung Rentnerfürsorgeamt, erhalten haben. Anträge auf Erteilung von Karten können dort gestellt werden.
Pachtschutzordnung— Naturalpacht.
Der Artikel unter dieser Ueberschrift im „Gießener Anzeiger" vom 3. November hat den Vorsitzenden einer Pächtervereinigung bei Gießen veranlaßt, in einem Schreiben an und zu betonen, daß nach der Titelseite des Pachtschutzgesetzblattes
zur Umwandlung einer Geldpacht in Aaturalpacht oder Naturalwertpacht die Zustimmung beider Teile erforderlich ist".
In voller Unparteilichkeit sei dieser bedeutsame Hinweis öffentlich registriert.
** Die Ötabtbrieffaftenleerung an Sonntagen. Vom nächsten (Sonntag, ben 12. November, ab wirb an (Sonntagen die zweite Stadtbriefkastenleerung auf die Zeit von 113/4—1 Uhr mittags verlegt, damit die mit ihr angebrachten Sendungen für die Richtung nach Frankfurt (Main) und weiter noch mit dem Zug D 176 — ab hier 1,36 — unb für die Richtung nach Kassel mit dem Zug 793 — ab hier 3,39 — Beförberung erhalten.
wieder zu tun. Und kaum betrat sie wieder ein Geschäft, so kam die unwiderstehliche Sucht von neuem über Jie.
Der Fall begann ihn zu interessieren.
In dieser Frau sah er den Typ der moralisch Entarteten vor sich, über den er so viel gelesen und gehört.
Die Sünde war bei ihr beschlossen, ohne Erwägen unb ohne Absicht. Es war eine Gewohnheitsverbrecherin.
So ost er die Unglückliche vor sich sah, dachte er an feine eigene Frau.
Herwegh verglich diese „erblich Geschädigten" mit „verbauten Schiffen, die mit einer gewissen fatalistischen Notwendigkeit im Lebenskämpfe untersinken" mußten. Denn die Charakterverschlechterung war häufig nur das erste Wetterleuchten der geistigen Störung.
Durfte man diese Menschen noch bestrafen!? Nein, man mußte die Welt von ihnen befreien, indem man sie absonderte und sie den Aerzten übergab.
Die Frau wurde freigesprochrn.
Sie kam in die Landesheilanstall Rheinbaben, wo sie später starb. Allmählich fanden auch andere „dunkle Fälle" ihren Weg zum Herwegh- scheu Bureau.
Hinter verschlossenen Türen spielten sich die ergreifendsten Szenen ab. Man hätte ein Kato sein müssen, um hart zu bleiben.
„Ich bin zu Ihnen gekommen, Herr Rechtsanwalt, weil Sie der einzige sind, der mir helfen kann."
Gegen solche Worte war Ernst machtlos, wie gegen Frauentränen.
Wenn man jeder Tat auf den Grund nach- glng, so fand sich eine Entschuldigung ober eine
» Eine hocyyerzrge wpenoe Dl« (hiesige Großhandelsgesellschast Strauß u Sic. 'hat der Stadt Gießen zu wohltätigem Zweck über 300 Zentner Speisekartoffeln zur Verfügung gestellt, die von der Stadt bereits in vergangener Woche an bedürftige Kriegshinterbliebene verteil: trwrdetz sind.
*♦ Vorsicht beim Baumfällen. In der Zeit des Baumfällens werden an den Landstraßen und in den Ortschaften die Reichs-Telegraphen- unb Fernsprechleitungen durch umstürzende Bäume oder durch herabfallende Aeste häufig beschädigt, weil die Personen, denen das Baumfällen obliegt, in der Regel die zur Sicherung der Telegraphenanlagen erforderlichen Vorkehrungen überhaupt nicht, oder' nur in ungenügendem Maße treffen und es unterlassen, von den bevorstehenden Arbeiten der nächsten Postanstalt rechtzeitig Mitteilung zu machen. Da auch fahrlässige Beschädigungen der Telegraphenanlagen im § 318 des Reichs-Strafgesetzbuches mit (Strafe bedroht sind, wird ben Daumbesihem empfohlen, die nächste Postanstalt von der bevorstehenden Baumfällung so zeitig zu benachrichtigen, daß die Entsendung eines Beamten zur Sicherung der Leitungen veranlaßt werden kann. Dadurch erspart sich der Daumbesitzer Unannehmlichkeiten. Alle Kosten für die Sicherung der Telegraphen lertungen trägt außerdem in diesem Falle die Telegraphenverwaltung.
Wettervoraussage
für Freitag:
Wolkig, trocken, kühler, nordwestllche Windc
Die Depression ist sehr schnell über Deutschland hinweggezogen und liegt bereits über der Ostsee. Morgen wird sich allmählich, wenn auch nur vorübergehend, Hochdruckwetterlage einstellen.
Bornotizen.
— Lageskalender für Donnerstag. Stadttheater, 71/» Uhr: Vortragsabend von Roda Roda. — Physikalisches Institut, 71/, Uhr. Lichtbildervvrtrag der Elsaß-LothringischenWoche. — Kath. Vereinshaus, 8 Uhr: Oeffentljcher Vortrag des Kath. Deutschen Frauenbundes. — Astoria-Lichtspiele, ab heute: „Seepiraten". 2. Teil und „ Satti) im Wilden Westen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ab heute: „Der Graf von Monte Christo", 5. Teil: „Schuld und Sühne" unb „Der Stiefelputzer". — Palast-Lichtspiele, ab heute: „Durch Kerker und Paläste von San Marco" unb „Lotte Lore".
— Vortrags-Vereinigung. Wie schon berichtet, veranstaltet nächsten Sonntag der Kaufm. Verein, der Gewerbeverein und der Goethe-Bund einen Melodrama-Abend, zu dem Hofrat B e h r e n d aus Darmstadt gewonnen wordeii ist. Ferner macht die Vortrags-Vereinigung im heutigen Anzeigeteil nochmals besonders darauf aufmerksam, daß zwei Vorträge ftattfinben und der Vortrag am Nachmittag schon um 312 Uhr beginnen muß.
— Eine Versammlung der Mecha^ nifer der Automobil-, Fahrrad-, Näh-, Schreibund Sprechmaschinen-Dvanche findet am Sonntag morgen im „Pfälzer Hof", Schanzenstraße, statt.
Landkreis Gießen.
* Riederbessingen, 7. Nov. Neueren Erkundigungen zufolge handell es sich bei dem zweiten Vorschlag zur Gemeinderatswahl nicht um einen Vorschlag der Sozialdemokratischen Partei, wie irrtümlicherweise vor einigen Tagen berichtet wurde. Nach der Auffassung der Unterzeichner dieses neuen Vorschlags diente der erste Wahlvorschlag nicht allen, hier vorhandenen Interessen, darum wurde die zweite Liste ausgestellt, die dem „Ausgleich" dienen soll. Vertreter der Sozialdemokratischen Partei sind auf beiden Wahlvorschlägen enthalten.
Hessen-Nassau.
fpd. Frankfurt a. M, 8. Nov. In einet hiesigen Dank kam ein Briefumschlag mit 200 Dollarnoten verschiedener Werte abhanden, nach dem heutigen Kursstände ein Verlust von 9 250 000 Mark
fpd. Hersfeld, 8. Nov. Auf demNeu-, bau der Firma Schilde stürzte das Gebäude zusammen und begrub fünf Arbeiter unter sich, die sämtlich den Tod fanden. Unmittelbar vorher hatten 30 Maurer den Bau verlassen. Die Ursache des Einsturzes konnte noch nicht ermittelt werden.
fpd. H ö ch st a. M., 8. Nov. Der Minister hat Der Wahl des Beigeordneten A s ch zum Bürgermeister von Höch st nicht ohne weiteres zugestimmt, sondern dem Magistrat mitgeteilt, daß die Bestätigung erst dann erfolgen kann, wenn die Pensionsansprüche des bisherigen und die Gehaltssätze des neuen
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 8200, Frankfurt 8300—8400.
Erklärung für ihre Notwendigkeit. Wenn inan in die Seelen dieser müden Verirrten, Abgehetzten und Erschreckten schaute, so sah man, daß meist andere, Ellern, Freunde, Kameraden, Lehrer. Kollegen, oft auch die eigene Frau, die eigentlich Schuldigen waren oder wenigstens einen Teil der Schuld trugen.
„Er arbeitet viel mit Gefühlen," sagte Ehrlich spöttisch. Jeder hatte seine Methode.
Der Gefühlskompah ergab oft eine bessere Richtung als der überlegene Verstand. Es ist eine große Gefahr für einen wortgewandten Redner, wenn er Opposition merkt und sich wanken fühlt auf dem Boden, auf dem er bis dahin festen Fußes gegangen.
Herwegh überzeugte immer, er siegte oder erlangte hoch wenigstens Erleichterungen hoher Strafen.
„Unser großer Psychiater Herwegh," nannte ihn der Staatsanwalt.
„Sie hätten im Mittelalter leben muffen und von der Kanzel reden," sagten die Kollegen zu ihm. „Alle Weiber hätten Sie bekehrt, sie wären alle zu Ihrem Glauben übergegangen/
Die jungen Referendare hörten ihm zu, wie man einem Bußprediger lauscht, der nach seinen Worten lebt
Denn Herwegh war überzeugt von dem. was er sagte. Das fühlten sie. Etwas Großes lag in seinen Worten, etwas Hinreißendes, Warmes, das an ihr Gefühl appellierte, an ihre Sinne, ihr Herz. Wozu alle Philosophie? II kaut sentir! Sentez donc! Und wenn sie sich noch so fest um» panzert fühlten von rein juristischem Denken, Herweghs Worte pochten an ihr Herz und erweckten menschliches Gefühl, Milleid, Begreifen. „Einfühlen" nannte er das. (Fortsetzung folgt)


