Ausgabe 
9.11.1922
 
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geben werden, bo8 Gleichgewicht unb seine Selbstachtung wiederzugewinnen. Aus diesen Gründen traten toir stets für die Zulassung Deutschlands zum Völkerbünde An, falls Deutschland sie wünschen sollte. Wir werden sicher nicht dazu beitragen, daß sich Deutschland seinen Verpflichtungen entzieht. Ich mochte Deutschland nicht auf Kosten der Alliierten be­günstigen und mochte versuchen, zwischen den beiden fair zu sein. Ich hoffe, dah wir mit fried­lichen Mitteln au einer Lösung kommen, and glaube, daß jeder Versuch, die Frage durch Gewalt oder durch willkürliche Mah - nahmen zu lösen, f e h l s ch l a g e n wurde. Donar Law hat Frankreich die Frun­de S h a n d hinge st reckt. Ich hoffe, dah Frankreich sie ergreifen wird. Bezüg­lich Italiens erklärte Lord Curzon, die Re­gierung sei geneigt, die Uebernahme der Macht durch Mussolini als ein Vorzeichen frei­mütiger. enger Beziehungen zwischen den beiden Landern zu betrachten. Dem Völkerbund sich zuwendend erklärte Lord Curzon: Wir werden ihm jede Unterstützung leihen.

Die Wahl des bayerischen Ministerpräsidenten

München, 8. Rov. (Wolfs.) In der heutigen Vollsitzung des Bayrischen Landtags wurde Exzellenz Dr. v. K n i l l i n g (Bahr. Vpt.) zum Ministerpräsidenten ge­wählt. Abgegeben wurden 143 Stimmzettel. Davon lauteten 86 auf Herrn von Knilling. 54 waren unbeschrieben, und je eine Stimme fiel auf Dr. Heim, Dr. Zahnbrecher und Hittier. Dr. von Knilling erklärte sich zur Uebernahme des Amtes bereit unter Zurückstellung der bei ihm bestehenden Bedenken allgemeiner und persönlicher Art. Sein Regierungsprogramm wird Dr. von Knilling in der morgigen Voll­sitzung des Landtages darlegen, in der auch das Ministerium vorgestellt wird. Hierauf wurde die Vollsitzung geschlossen.

Rach einer Meldung derVoss. Ztg." aus München wurden das Redaktionsgebäude der sozialdemokratischenMünchener P o ft und das Gewerkschaftshaus auf die Vorstellungen der sozialdemokratischen Abgeordneten Timm und Auer bis auf wei­teres unter polizeilichen Schutz ge­stellt, um etwa beabsichtigte Angriffe von rechtsradikaler Seite rechtzeitig zu verhindern.

München, 8. Rov. (WTB.) Wie wir erfahren, haben sich die KoalitivnSparteien über die Modalitäten der Regierungs­neubildung geeinigt. Der neue Minister­präsident wird am Donnerstag vormittag seine Programmrede halten.

Vertagung der Friedens­konferenz für den Osten?

Paris, 9. Rov. (WTB.) HavaS. An­gesichts des in Angora und auch in Kon­stantinopel durch den englischenVer- tagungSantrag für die Friedens­konferenz hervorgerufenen schlechten Ein­drucks, und da die Türken geneigt sind, hierin ein Ausweichen der Alliierten zu sehen, hat ^Poincarö den englischen Botschafter in Paris /-gebeten, nachdrücklich seine Regierung auf die Unzuträglichkeiten hinzuweisen, die jede wei- ''tere Verzögerung in der Friedenskonferenz mit der Türkei mit sich bringen würde. Rach den letzten aus Paris eingetroffenen Rach- . richten haben die alliierten Oberkommissare nicht den Belagerungszustand über Konstan­tinopel verhängt, obwohl ihre Regierungen sie ermächtigten, alle von ihnen für erforderlich angesehenen Maßnahmen zur Aufrechterhal­tung der Ordnung zu treffen. Da sich die Lage jedoch nicht besserte, erwarte man nunmehr die Verhängung des Belagerungszustandes über Konstantinopel.

Der Zwiespalt in der Türkei.

London, 8. Rov. (Wolfs.) Reuter meldet aus Konstantinopel: Als der britische Oberkom- missar den Sultan besuchte, zeigte dieser eine sehr würdige Haltung und erklärte, dah er als Oberhaupt der gesamten mohammedanischen Welt die Beschlüsse Angoras nicht anneh­men könne.

Rach einer Meldung derChicago Tribüne" aus Konstantinopel erflärte der Grobwesir Tew- sik Pascha in seiner letzten Rote an die Re­gierung von Angora, daß die Regierung von Konstantinopel nicht auf ihr Recht auf Ver­tretung in Lausanne verzichten werde. Gleich-

Die Herrveghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.

34. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Als Herwegh zum erstenmal die Akten eines solchen zweifelhaften Falles in die Hand nahm, um ihn zu bearbeiten, erinnerte er sich an dieses Gespräch er zögerte eine Weile und schaute sinnend in die Akten.

Soll ich oder soll ich nicht?"

Die anderen Kollegen hatten den Fall Asran abgelehnt. Es war eine Postsekretärsfrau, die eine Reihe von Diebstählen begangen hatte und von dem Besitzer eines Warenhauses auf frischer Tat ertappt und angezeigt worden war.

Auf die Anzeige hin rührten sich auch andere geschädigte Kaufleute, die bisher aus Rücksicht auf die Familie geschwiegen hatten, und es kam heraus, dah diese Frau, deren Mann ein aus­kömmliches Gehalt bezog, die in geordneten Ver­hältnissen lebte, selbst Vermögen besah, jahrelang kleine und größere Diebstähle in den Geschäften mit einer gerabcni raffinierten Geschickiichte t aus­geführt hatte. Man fand bei der Haussuchung aufgestapelle Berge von Seidenresten, öluscn, Wäsche, seidene Strümpfe, Schmuck, Bänder, Spitzen. Ihre zwei wohlerzogenen, besctüoenen Kinder waren ganz verstört, dah ihre Mutter als Diebin entlarvt war.

Der Mann war gebrochen von dem jahre­langen Kampf gegen eine Leidenschaft, gefoltert von der tägliche» Angst, dah einmal alles ans Licht kommen würde

zeitig spreche er den Wunsch aus, nut Angora in grieben zu leben, erkläre, dah keine Rivali­tät zwischen Angora und der Pforte bestehe und schlage vor, eine Konferenz zwischen Vertretern der beiden Regierungen abzühalten.

Die Wahlen in Amerika.

P a r i S, 8. Rov. (WTB.) Havas meldet aus Reuhork: Rach den bisher bekannt ge­wordenen Ergebnissen gewannendieDe- m ofraten Im Repräsentanten­hause 2 8 Sitze. Die Republikaner haben bisher keinen einzigen demokratischen Kan­didaten für den Kongreh geschlagen.

Reuhork, 8. Rov. (WTB.) Reuter meldet: Die Republikaner haben bisher kein einziges Mitglied der Demokraten im Repräsentantenhause geschlagen.

Chicago, 8. Rov. (Wolff.) Hier haben die Demokraten in den gegenwärtig repu­blikanisch vertretenen 'Bezirken die Führung. Der Demokrat Cope land wurde an Stelle eines Republikaners für den Staat Reuhork in den Senat gewählt.

Paris, 8. Rov. (WTB.) Rach einer Meldung desRew Bork Herald aus Was­hington hat das Weihe Haus gestern offi­ziell bekanntgegeben, dah H a r d i n g eine außerordentliche Tagung des Kongresses auf den 20. November einberufen werde.

Graf Brockdorff» Rantzau in Moskau.

.Moskau, 9. Rov. (WTB.) Der deutsche Botschafter Graf Brockdorfs-Rantzau wurde bei einem Besuch im Kreml zur Lieber» gäbe seines Beglaubigungsschreibens von einer Ehrenwache empfangen. Der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Tschitsche­rin, Lohnte dem Empfang Drockdorff-Ranhaus durch Kalinin bei. Die Moskauer Zeitungen be­tonen, die Tatsache, dah das Deutsche Reich zum erstenmal in Sowjetrußland durch einen bevoll­mächtigten Botschafter vertreten sei, bedeute die völlige Wiederherstellung der seit 1918 unter­brochenen diplomatischen Beziehungen.

Aus Hessen.

Aus dem Finanzausschuß.

rm. Darmstadt. 8. Rov. Der Finanz­ausschuß setzte beute seine Beratungen fort. .Die Regierungsvorlagen betr. den Ausbau des Kraftwerkes Wölfersheim, sowie Anschaf­fung von Wäsche für Bad-Nauheim werden an­genommen. Verschiedene Vorlagen betr. die Be- stuhlung des Konzertsaales in Bad-Nauheim, In- standsetzungsarbeitc.n unb Errichtung von Ar­beiterwohnungen machen eine Besichtigung durch den Finanzausschuß nottoenbig, die am nächsten Montag nachmittag tn Gemeinschaft mit den Regierungsvertretern ftattfinben soll. Die Vorlage betr. die Instandsetzung des Drunnen- turms in Bad Salzhausen findet Genehmi­gung. Die Vorstellung des Vereins Hess. Ver­messungsbeamten unb in Verbindung damit die Vorstellung des Wagner in 6eligenft<ti>t betr. Tagegelder werden mit 6 gegen 3 Stimmen ab­gelohnt, da ihnen im allgemeinen Rechnung ge­tragen ist. Die Vorstellung des Hess. Beamten­bundes betr. die Vorauszahlung der Gehälter an voll beschäftigte Deamtenanwärter wird für er­ledigt erflärt. Nächste Sitzung Donnerstag nach­mittag.

Die Notlage der Presse.

Eine RegierungsanLwort.

Die hessische Regierung hat laut Darrnst. Ztg. auf die Anfrage der Abgg. Lenhart, Hoffmann-Alzey u. Gen., betreffend die Not­lage der Presse, dem Präsidenten des Land­tags die Antwort erteilt, dah die Hessische Re­gierung bereit sei, dem Verein der hessischen Zeitungsverleger ein Darlehen in noch festzusetzender Höhe unter den gleichen Be­dingungen zu gewähren, unter denen die Württembergische und die Bavische Regierung ähnliche Darlehen an die in diesen Ländern be­stehenden Vereine der Zeitungsverleger ge­geben haben, sobald der genannte Verein in diesem Sinne an die Hessische Regierung herantrete. Dies sei bisher nicht geschehen.

Aus Stabt unb ßanb.

Giehen, den 9. November 1922.

Elsaß - Lothringische Woche.

Der gestrige Qlbenb versuchte unb vermochte nach den wissenschaftlichen unb tiefgründigen Dar­bietungen der drei ersten Tage ein Ausspannen

Ach Herr Rechtsanwalt, Sie wissen nicht, was es heißt, feine Frau, die man geliebt hat, die einem Kinder geboren hat. als Diebin zu sehen." Der gebrochene Mann begann seine Ehe zu schildern.Wir waren so glücklich, meine Frau ist so gutherzig, unb eine treue, sorgende Mutter, ach, meine armen Kinder." Alnb der Mann bedeckte fein graues Haar voll Kummer.

Gr weinte.

Herwegh suchte sich vergebens gegen das Mit­gefühl zu panzern. Er wollte diesen Fall nicht nehmen. Etwas in ihm regte sich und hob war­nend seine Hand. Aber der Mann unb seine Kinder jammerten ihn.

Sein eigenes Unglück erwachte wieder, das die Musik eme Zeitlang betäubt zu haben schien. Grete . . . war sie denn besser wie diese Un- glückliche?

Er nahm den Fall, trotz des ironischen Lächelns der Kellegen. Vielleicht konnte er diese Frau retten.

Es war eine geistige Insa *iTe von schwanken­der Hemütssllmmung beeinflußoac unb indolent, die unter ständigen Depressionen litt. Als Mäd­chen muhte diese Frau schön gewesen sein, ein Madonnentypus. Jetzt hatte sie etwas Gedrücktes, Scheues, Unsicheres. Wie sie dazugekommen war. au stehlen, wußte sie nicht anzugeben. Es zog sie fast körperlich in die Laden. Sie wachte nachts auf unb konnte ben Tag nicht erwarten, um in den Läden zu stehleir. Unb nach einem solchen Diebstahl enrpsand sie stets eine große Erleichterung unb Befriedigung. Es war, als fti sie von einem Keder besessen. Einige Male haften ihr die Ladenbesiher Die Daren im Hinter­zimmer wieder abgenommen, hatten sic gewarnt. Sie hatte geweint, bereut, versprochen, eS nicht

der Zuhörer und Festtettnehmer zu erreichen; er war froher Geselligkeit gewidmet, die denn auch bei den zu vielen Hunderten anwesenden Clsaß- Lothringern und Gießener Gästen aufs schönste und harmonischste in Erscheinung trat.

In seiner Begrüßung gedachte Dr. List zu­nächst der Toten, die in elsaß-lothringischer und deutscher Erde ruhen. Zu ben Lebenden und der Gegenwart übergehend fand Dr. List warme Worte des Dantes für alle, die der Heimatwoche ihr Interesse unb werktätige Liebe bekundeten. Er versicherte, daß sich bas deutsche Vaterland in den aus Elsaß unb Lothringen 'Vertriebenen, die zu­nächst nicht überall gerade mit offenen Armen auf genommen worden seien, nicht getäuscht haben sollte: fife bedeuteten einen kulturellen, sozialen unb vaterländischen Gewinn. Geboren unb erzogen in einem paradiesisch schönen Lande, in dem zwei große Kulturen sich die Hand reichen könnten, brächten sie kulturelle Werte mit, die in anderen deutschen Landen nicht gegeben seien, Und sozial biete nicht zuletzt die heutige Versammlung ein Bild wahrer Brüderlichkeit, erreicht durch gemein­same Liebe zur unvergeßlichen Heimat. Bei dieser starken Heimatliebe fei aber niemandem eher und intensiver die Bedeutung des großen, allgemeinen deutschen Vaterlandes klarer unb wirksamer ge­worden, als den ehemaligen Reichsländern. Nach dem Gelöbnis des Redners, daß dem Rufe Frank­reichs nach dem Jahre 1870la revanche est en marche, die Rache ist unterwegs, von den deut­schen Elsah-Lothringern heute mit der Parole btc Liebe ist auf dem Marsch" geantwortet werde, begann der Unterhaltungsabend. Fräulein Ria Hoch st etter trug einen von dem allelsässischen, jetzt in Karlsruhe lebenden Dichter Christian Schmitt verfaßten Prolog vor, den dieser zur Festwoche gedichtet hatte. Der Gitarren- und MandollnenvereinNea- polita" erfreute als Gast durch mehrere Vor­träge. Herr Paulus, ein vertriebener Elsaß- Lothringer, zeigte sich als Künstler des Xylo­phons. Interessante und verblüffende Zauberakte wechselten mit anderen Uebervaschungen ab. Etwa um 11 Uhr begann der Tanz, der die Anwesenden noch lange vereinte.

Auch dieser Abend zeigte den Gästen, wie die Idee GIsaß-Lothr'mgen um alle ein Band schlingt, das stärker ist denn alle künstlichen menschlichen Gegensätze. Die Liebe marschiert und sie soll unb wird Elsaß unb Lothringen kulturell vor dem Untergang bewahren und alte deutsche Erde eingeborenen deutschen Bewohnern deutsch er­hallen -- wenn auch heute nicht den Grenz­pfählen nach.

Die Wahlvorschläge zur Stadtvcrordnetenwahl sind aus einer amtlichen Bekanntmachung im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes ersicht­lich. Die Deutsche Volkspartei, die Deutsch- nationale Volkspartei und der Bürgerverein haben sich, wie schon mitgeteilt, auf eine ge­meinsame Liste geeinigt. Das Zentrum und die Demokratische Partei haben die Verbindung ihrer Wahlvorschläge erklärt. Die Linkspar­teien haben ihre Listen nicht verbunden.

Kleiurentnerfürforge.

Für Kleinrentner wird in der Gast­wirtschaftZum Haberkasten", Landgraf-Phi- lipp-Platz 9, von nachm. 3 Uhr bis abends 9 Uhr ein geheizter Raum zur Be­nutzung ohne Verzehrzwang bereit gehalten. Die Benutzung ist nur solchen Per­sonen gestattet, die eine AusweiSkarte vom Städt. Wohlfahrtsamt, Abteilung Rentner­fürsorgeamt, erhalten haben. Anträge auf Er­teilung von Karten können dort gestellt werden.

Pachtschutzordnung Naturalpacht.

Der Artikel unter dieser Ueberschrift im Gießener Anzeiger" vom 3. November hat den Vorsitzenden einer Pächtervereini­gung bei Gießen veranlaßt, in einem Schrei­ben an und zu betonen, daß nach der Titel­seite des Pachtschutzgesetzblattes

zur Umwandlung einer Geldpacht in Aaturalpacht oder Naturalwertpacht die Zustimmung beider Teile erforderlich ist".

In voller Unparteilichkeit sei dieser be­deutsame Hinweis öffentlich registriert.

** Die Ötabtbrieffaftenleerung an Sonntagen. Vom nächsten (Sonntag, ben 12. November, ab wirb an (Sonntagen die zweite Stadtbriefkastenleerung auf die Zeit von 113/41 Uhr mittags verlegt, damit die mit ihr angebrachten Sendungen für die Richtung nach Frankfurt (Main) und weiter noch mit dem Zug D 176 ab hier 1,36 unb für die Rich­tung nach Kassel mit dem Zug 793 ab hier 3,39 Beförberung erhalten.

wieder zu tun. Und kaum betrat sie wieder ein Geschäft, so kam die unwiderstehliche Sucht von neuem über Jie.

Der Fall begann ihn zu interessieren.

In dieser Frau sah er den Typ der moralisch Entarteten vor sich, über den er so viel gelesen und gehört.

Die Sünde war bei ihr beschlossen, ohne Erwägen unb ohne Absicht. Es war eine Ge­wohnheitsverbrecherin.

So ost er die Unglückliche vor sich sah, dachte er an feine eigene Frau.

Herwegh verglich dieseerblich Geschädigten" mitverbauten Schiffen, die mit einer gewissen fatalistischen Notwendigkeit im Lebenskämpfe un­tersinken" mußten. Denn die Charakterverschlech­terung war häufig nur das erste Wetterleuchten der geistigen Störung.

Durfte man diese Menschen noch bestrafen!? Nein, man mußte die Welt von ihnen befreien, indem man sie absonderte und sie den Aerzten übergab.

Die Frau wurde freigesprochrn.

Sie kam in die Landesheilanstall Rheinbaben, wo sie später starb. Allmählich fanden auch anderedunkle Fälle" ihren Weg zum Herwegh- scheu Bureau.

Hinter verschlossenen Türen spielten sich die ergreifendsten Szenen ab. Man hätte ein Kato sein müssen, um hart zu bleiben.

Ich bin zu Ihnen gekommen, Herr Rechts­anwalt, weil Sie der einzige sind, der mir helfen kann."

Gegen solche Worte war Ernst machtlos, wie gegen Frauentränen.

Wenn man jeder Tat auf den Grund nach- glng, so fand sich eine Entschuldigung ober eine

» Eine hocyyerzrge wpenoe Dl« (hiesige Großhandelsgesellschast Strauß u Sic. 'hat der Stadt Gießen zu wohltätigem Zweck über 300 Zentner Speisekartoffeln zur Verfügung ge­stellt, die von der Stadt bereits in vergangener Woche an bedürftige Kriegshinterbliebene verteil: trwrdetz sind.

* Vorsicht beim Baumfällen. In der Zeit des Baumfällens werden an den Land­straßen und in den Ortschaften die Reichs-Tele­graphen- unb Fernsprechleitungen durch um­stürzende Bäume oder durch herabfallende Aeste häufig beschädigt, weil die Personen, denen das Baumfällen obliegt, in der Regel die zur Siche­rung der Telegraphenanlagen erforderlichen Vor­kehrungen überhaupt nicht, oder' nur in un­genügendem Maße treffen und es unterlassen, von den bevorstehenden Arbeiten der nächsten Post­anstalt rechtzeitig Mitteilung zu machen. Da auch fahrlässige Beschädigungen der Telegraphen­anlagen im § 318 des Reichs-Strafgesetzbuches mit (Strafe bedroht sind, wird ben Daumbesihem empfohlen, die nächste Postanstalt von der bevor­stehenden Baumfällung so zeitig zu benachrichtigen, daß die Entsendung eines Beamten zur Sicherung der Leitungen veranlaßt werden kann. Dadurch erspart sich der Daumbesitzer Unannehmlichkeiten. Alle Kosten für die Sicherung der Telegraphen lertungen trägt außerdem in diesem Falle die Telegraphenverwaltung.

Wettervoraussage

für Freitag:

Wolkig, trocken, kühler, nordwestllche Windc

Die Depression ist sehr schnell über Deutsch­land hinweggezogen und liegt bereits über der Ostsee. Morgen wird sich allmählich, wenn auch nur vorübergehend, Hochdruckwetterlage einstellen.

Bornotizen.

Lageskalender für Donners­tag. Stadttheater, 71/» Uhr: Vortragsabend von Roda Roda. Physikalisches Institut, 71/, Uhr. Lichtbildervvrtrag der Elsaß-LothringischenWoche. Kath. Vereinshaus, 8 Uhr: Oeffentljcher Vor­trag des Kath. Deutschen Frauenbundes. Astoria-Lichtspiele, ab heute:Seepiraten". 2. Teil und Satti) im Wilden Westen". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße, ab heute:Der Graf von Monte Christo", 5. Teil:Schuld und Sühne" unbDer Stiefelputzer". Palast-Lichtspiele, ab heute:Durch Kerker und Paläste von San Marco" unbLotte Lore".

Vortrags-Vereinigung. Wie schon berichtet, veranstaltet nächsten Sonntag der Kaufm. Verein, der Gewerbeverein und der Goethe-Bund einen Melodrama-Abend, zu dem Hofrat B e h r e n d aus Darmstadt gewonnen wordeii ist. Ferner macht die Vortrags-Vereini­gung im heutigen Anzeigeteil nochmals besonders darauf aufmerksam, daß zwei Vorträge ftattfinben und der Vortrag am Nachmittag schon um 312 Uhr beginnen muß.

Eine Versammlung der Mecha^ nifer der Automobil-, Fahrrad-, Näh-, Schreib­und Sprechmaschinen-Dvanche findet am Sonn­tag morgen imPfälzer Hof", Schanzenstraße, statt.

Landkreis Gießen.

* Riederbessingen, 7. Nov. Neueren Erkundigungen zufolge handell es sich bei dem zweiten Vorschlag zur Gemeinde­ratswahl nicht um einen Vorschlag der So­zialdemokratischen Partei, wie irrtümlicherweise vor einigen Tagen berichtet wurde. Nach der Auffassung der Unterzeichner dieses neuen Vor­schlags diente der erste Wahlvorschlag nicht allen, hier vorhandenen Interessen, darum wurde die zweite Liste ausgestellt, die demAusgleich" die­nen soll. Vertreter der Sozialdemokratischen Par­tei sind auf beiden Wahlvorschlägen enthalten.

Hessen-Nassau.

fpd. Frankfurt a. M, 8. Nov. In einet hiesigen Dank kam ein Briefumschlag mit 200 Dollarnoten verschiedener Werte abhanden, nach dem heutigen Kursstände ein Verlust von 9 250 000 Mark

fpd. Hersfeld, 8. Nov. Auf demNeu-, bau der Firma Schilde stürzte das Gebäude zusammen und begrub fünf Arbeiter un­ter sich, die sämtlich den Tod fanden. Unmit­telbar vorher hatten 30 Maurer den Bau ver­lassen. Die Ursache des Einsturzes konnte noch nicht ermittelt werden.

fpd. H ö ch st a. M., 8. Nov. Der Minister hat Der Wahl des Beigeordneten A s ch zum Bürgermeister von Höch st nicht ohne weiteres zugestimmt, sondern dem Magistrat mitgeteilt, daß die Bestätigung erst dann er­folgen kann, wenn die Pensionsansprüche des bisherigen und die Gehaltssätze des neuen

Heutiger Stand des Dollars

10 Uhr vormittags:

Berlin 8200, Frankfurt 83008400.

Erklärung für ihre Notwendigkeit. Wenn inan in die Seelen dieser müden Verirrten, Abgehetzten und Erschreckten schaute, so sah man, daß meist andere, Ellern, Freunde, Kameraden, Lehrer. Kollegen, oft auch die eigene Frau, die eigentlich Schuldigen waren oder wenigstens einen Teil der Schuld trugen.

Er arbeitet viel mit Gefühlen," sagte Ehr­lich spöttisch. Jeder hatte seine Methode.

Der Gefühlskompah ergab oft eine bessere Richtung als der überlegene Verstand. Es ist eine große Gefahr für einen wortgewandten Red­ner, wenn er Opposition merkt und sich wanken fühlt auf dem Boden, auf dem er bis dahin festen Fußes gegangen.

Herwegh überzeugte immer, er siegte oder er­langte hoch wenigstens Erleichterungen hoher Strafen.

Unser großer Psychiater Herwegh," nannte ihn der Staatsanwalt.

Sie hätten im Mittelalter leben muffen und von der Kanzel reden," sagten die Kollegen zu ihm.Alle Weiber hätten Sie bekehrt, sie wären alle zu Ihrem Glauben übergegangen/

Die jungen Referendare hörten ihm zu, wie man einem Bußprediger lauscht, der nach seinen Worten lebt

Denn Herwegh war überzeugt von dem. was er sagte. Das fühlten sie. Etwas Großes lag in seinen Worten, etwas Hinreißendes, Warmes, das an ihr Gefühl appellierte, an ihre Sinne, ihr Herz. Wozu alle Philosophie? II kaut sentir! Sentez donc! Und wenn sie sich noch so fest um» panzert fühlten von rein juristischem Denken, Herweghs Worte pochten an ihr Herz und er­weckten menschliches Gefühl, Milleid, Begreifen. Einfühlen" nannte er das. (Fortsetzung folgt)