BaalsfempeL
Roman von Margarete v. Oertzen- Fünfgeld.
18. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Eie waren schon dreimal die verlassene Almenaflee auf und ab geschritten. Nie hatte ihn Lily mehr in seinem Heim aufgesucht. And er hatte sie nie darum gebeten. So vieles blieb unausgesprochen zwischen ihnen, vor jedem leidenschaftlichen Wort bevte Lily zurück, scheu wie eine Mimose.
Don einem Wiedersehen zum andern quälte ihn die Ungewißheit. Peinigte ihn das sorgsam gehütete Geheimnis von dem Besuch ihres Vaters. Seiner aufrechten Natur sagte die Rolle nicht ganz zu, die Lily ihm. ohne es zu wissen, zu- bachte . . . Aber wenn er nur ihre Stimme wieder hörte, so jauchzte alles in ihm.
Den scharfsinnigen Augen der Kollegen konnte eS nicht entgehen, dah mit dem Sänger eine .Wandlung sich vollzogen hatte. Serne künstlerischen Leistungen standen auf einer ungeahnten Höhe, man wurde bereits aufmerksam auf ihn als auf einen ganz besonders Berufenen.
Einer war, der sah mit Sorgen zu. Dem wurde bang um den jungen Menschen: RiÄÜnger, der blasse Schauspieler der Resignation.
Er nahm Gelegenheit, den jungen Tenor einmal zu begleiten, als er nach einer Probe mit besonderer Hast davonzurennen trachtete.
.Menschenslind! Man sieht dich ja nirgerchs ■ mehrl Steigende Berühmtheit — ja. ja — übrigens — hüte dich vor den theatertollen Logsr- blümchen — den Abonnementsbachstelzen — du ( brauchst nicht rot zu werden, du bist nicht der einzige, mein Lieberi Diese jungen Dinger brl- den sich ein, bei uns ginge es anders zu als in ihren wohltemperierten Salons — sie rennen zu uns aus Abenteuerlust, aus mißleiteter Kunstbegeisterung — allem Möglichen und Anmöglichen! Wir stehen ja außerhalb der Schranke! Wir zählen nicht — uns trifft man heimlich, verstohlen — kommt es darauf an, fo läuft jeder Lasse uns den Rang ab! Der nämlich von ihrer Sippe ist!"
Güldewitrs Arm zuckte.nervös in den feinen.
„Warum erzählst du mir das eigentlich alles?"
„Weil ich deine Symptome kenne, mein Teurer."
Heinz Güldewin blieb stehen. Seine Augen glänzten.
„Cs gibt andere!"
Riedinger nickte langsam mehrmals vor sich hin.
„Der Zauber ist groß! Hüte dich, Heinz! Denk' an das alte, törichte und doch so kluge Lied: Das Wasser war viel zu tief . . ."
Heinz bog sich zu ihm nieder. „ES ist alles Duft und Glanz."
Riedinger lieh seinen Arm los. „Wenn es s o ist — dann — dann ist's schon zu spät für dich."
„Ha, ja," antwortete Güldewin m-chanisch. „Du meinst es ja gut — aber — es hat sechs Ahr geschlagen I" schloß er ganz verzweifelt.
Riedinger war nicht böse. Er kannte diese Winternachmittagsstunde mit ihren Verschwiegenheiten, ihrer Abgeschiedenheit — wie eine Totentafel stand das schwarze Gebüsch des Parkes im dampfenden Nebel, von den rostigen Eisengittern der Umfriedigung sickerten schwere, trübe Tropfen.
„Das ist Gift für deine Stimme," sagte Riedinger plötzlich besorgt in verändertem Ton.
„Ich bin abgehärtet, mein Sohn! Das ist 'ne Schwarzwälder Lunge und 'ne Schwarzwälder Kehle! Ich habe in meiner Jugend die Kühe gehütet in seligen Ferienzeiten! Barfuß im nassen Gras! Leb wohl!"
Riedinger sah ihm nach. Der Vergleich mit der Toteninsel drängte sich ihm immer wieder auf. Das feuchte Dunkel verschlang die lebenswarme Gestalt des Sängers. Sine große Stille atmete in tiefen Zügen über der menschenverlassenen Gegend.
Sn Heinz hatten Riedingers Worte einen feinen Stachel zurückgelassen. Er schritt auf das Rondell zu, das im Sommer von Rosen prangte und nun mit fernen tannenzweiggedeckten Hügeln einer Gräberreihe glich.
Lily kam ihm schon entgegen, das Gesicht blaß von innerer Ergriffenheit.
„Was soll ich tun?" flüsterte sie sogleich. „Vater läßt sich nun nicht mehr Hinhalten damit, daß meine Kleider noch nicht fertig sein sollen — Montag muh ich reisen."
Er gab sich einen gewaltsamen Ruck.
„Sch kenne den Weg, Lily. dies zu verhindern."
„And der wäre?"
„Der einzige Weg, der uns offen steht, wollen wir nicht unehrlich an deinem Vater handeln!"
Sie blickte ihn angstvoll an.
„Wir offenbaren uns deinem Vater!"
Sie wich zurück. Shre Auaen wurden tief und schwarz vor Entsetzen.
Ur. 2J2 Zweiter Blatt
Messe und Waren im Zeichen des Dollars.
Eigener Bericht des „Giehener Anzeigers".
Don Erich Werner.
Leipzig, 1. September.
Die diesjährige Leipziger Herbstmesse nähert sich dem Dchluh. Mit einer Besucherzahl von mindestens 140 000 hat sie die zur vorjährigen Herbstmesse festgestellte Ziffer des damaligen Der- kehrs erheblich überschritten und hiermit jedenfalls trotz der schwierigen wirtschaftlichen Der- hältnisse die gestellten Erwartungen übertroffen. Rund 25 Prozent der genannten Zahl Besucher waren Ausländer.
Die nervöse Anruhe der letzten Wochen, her- vorgerusen durch die Entwertung der Mark und die Verhandlungen mit der Reparationskommission Hal natürlich auf die Messe abgefärbt. Besonders spielte die Preisfrage eine ma tz- gebendeRollebeider Gestaltung des Messe- geschäfts. Tatsächlich hat noch nie eine Messe so unter dem Einfluß der Dorfe gestanden wie die diesmalige. Mit ungeheurer Spannung verfolgte man allabendlich, wenn die grohen Metz- Paläste sich schlossen, die Massen dre Straßen füllten, die Dörsennachrichten, ine von den Danken in der City 20, Minuten nach Schluß der Berliner Börse durch Bllhfunktelegramme dem Publikum der Straße durch Lichtbild zugänglich gemacht wurden. Der Dollar fällt — welche Hoffnung taucht da auf! Sicher hat dies Geschehnis auf die Käufer mit eingewirkt, man hoffte auf einen Preissturz oder wenigstens auf eine Festigung der Lage, um so mehr als jeden Tag eine Klärung der Reparationsfrage in Aussicht stand. Trotzdem erfuhr der Verkehr am vergangenen Dienstag und Mittwoch noch eine lebhafte Steigerung, wenn auch aus den obengenannten Gründen eine ziemliche Zurückhaltung im Geschäft an- hielt. Allgemein bemerkenswerter Weise auch bei den Vertretern des gesamten Auslandes herrschte nach den jetzigen Erfahrungen die Aeberzeugung vor, daß die Stabilisierung der europäischen Valuten die unbedingte Voraussetzung für das Weilerfunktionieren jeglichen Warenaustausches fei.
Am lebhaftesten war, wie schon früher, wieder der Verkauf in der Textilindustrie, die ihre Ausstellung außer in der großen Meßballe am Königsplah auch in einzelnen kleineren Mch- häusern hat. Sn ihr sind einige bekannte Frankfurter und Wiesbadener Firmen und solche aus Heineren hessischen Orten vertreten. Hier konnte ich bereits am frühen Nachmittag des Eröffnungssonntages 15—20 Stände mit dem Schild „Ausverkauft" feststellen.
Auch die überaus hohen Preise haben kaum einwirken können auf die Kauflust des Sn- und Auslandes, aber ein Moment hat hier speziell zu einer ungeheuren Erregung Anlaß gegeben und die sofortige Einberufung von Protestver- Sammlungen die Folge gehabt: der Verkauf einzelner Firmen in Do l larwährung , in Devisen, an das Snland — also eine völlige Ausschaltung des deutschen Zahlungsmittels, der WarkI
Gin großer Artikel der Mefle sind in den letzten Jahren die Möbel geworden. Zwar ist bas Snland der enormen, sie verteuernden Holzpreise halber wenig tn der Lage, große Einkäufe & machen, aber daS Ausland betätigte sich leb- t. Lu xuSmö beiwaren sind ebenso gefragt tote in Zeiten der Weltwohnungsnot — Patentklappmöbel. Da werden zusanunenllappbare Chaiselongues, die sich in Sessel verwandeln, Küchentische und sonstige raumsparende, verstellbare Neuigkeiten auf diesem Gebiet unter der De- vise Arraktisch und bequem" gezeigt.
Ihrem Materialwert entsprechend sind die Fabiikale der Ähren- und Edelmetall- messe ungeheuer im Preise gestiegen, so dah das deutsche Publikum kaum als Käufer in Betracht kommt. Sn der Uhrenindustrie kann ein Regulator, hie einfache Wandühr mit Schlagwerk, nicht unter 8000 Mark abgegeben werden. Das Beispiel mag genügen. Der Ausländer, der die Ware der beut»
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Somstag, 9. September 1922
scheu Ahrens abriken seit Jahrzehnten kennt, ist der geeignetste Einkäufer, wenn auch, wie in anderen Gewerben, die langen Lieferungsfristen hemmend einwirken:
Die Artikel der Haus- und Küchen- w a r e n i n d u st r i e, soweit sie eben notwendig sind, wurden allgemein begehrt, wenn auch die Erfindungen und Neuerungen auf diesem Gebiete, da bei ihnen der Preis nicht gering ist, wenig Absatz fanden. Sn derselben „MeßHalle Gohlis" sind die Korbwaren ausgestellt.
Die Musterschau der Porzellanindu- st r i e weist ihre gewohnte Reichhaltigkeit auf, auch hier läßt die Preisfrage ein besonderes Geschäft nicht zustande kommen, nur die Qualitätsporzellane der anerkannten Manufakturen sind begehrt.
Die stets gut vertretene Ausstellung deutscher Spielwaren wird in ihrem Erfolg diesmal verschieden beurteilt, wenig gut war jedenfalls der Derckauf in der Branche der Ghristbaumschmuck- fabriEanten, die sonst stets im Herbst gute Aufträge verbuchen konnten.
Wie in diesem Geschäftszweige, so lauten auch die Berichte aus den übrigen Ausstellerkreisen oft widersprechend, so daß auch von amtlicher Seite ein abschließendes Urteil über das geschäftliche Ergebnis der Messe noch nicht erfolgte. Allseitig wird betont, dah die Messe sich vielversprechend anließ und die ja auch zahlreich erschienenen Einkäufer Kauflust an den Tag legten, jedoch die Schwankungen des Dollarkurses, wie die neuen Preiswellen dann auf den Verlauf des Geschäftes hemmend einwirkten.
Sehr unter den neuen Preiserhöhungen stand diesmal die Bugra-Messe in ihrem geschäftlichen Teil. Das Mehyaus des Deutschen Buchgewerbe-Vereins umfaßt nicht nur die Ausstellung des Derlagsbuchbandels, dessen Weihnachtsneuerscheinungen Beachtung fanden, sondern . auch die der Buchdruckereien, Bindereien, Papierfabriken, graphischer Kunslanstalten, so daß ein vollkommenes Bild des Buches und der an seiner Entstehung beteiligten gewerblichen Betriebe entsteht. Sn ihm ist ferner die Reklame-Messe des Vereins deutscher Buch- und Steindrrckerei- besiher untergebracht, die sich einer ausgezeichneten künstlerischen Aufmachung erfreut and das Plakatreklamewesen, die Lichtreklame in ihrer Bedeutung zusammenfaht.
Künstlerisch gleichwertig ist die E n t w u r f s- und Modellmesse der deutschen Künstler. Da sind die bekanntesten Mitglieder des Werk- Bundes und anderer Vereinigungen mit Entwürfen von Flächenkunst, innenarchitektonischen Plänen, Wohnkunst, Gebrauchsgraphik in blendender Farbenfeinheit, Stickereien und Gewand- malereien, farbenprächtige Kissen, die einen Wert von oft mehr als 10 000 Mk. darstellen. Anschließend lohnen Besuche der Räume der Ani- versität. Kunstgewerbliche Qualitätsarbeiten im fletnfien Genre, wie man sie aus den Darmstädter Kunstzeitschriften des Verlages Alexander Koch kennt, sind hier von unseren besten Werkstätten, die, wie man weih, in München, Darmstadt und Hellerau bestehen, bar- geboten. Moderne Gebrauchskunst, Handarbeiten. Lampen, Glasmalereien, Gegenstände kirchlicher Kunst, Bronzen in einer ermüdenden Fülle köstlicher Leistungen.
Sondermessen sind ferner eingerichtet für Dureaubedarfswaren, Kartonnagen und Papier, Nahrungsmittel, Sportartikel, Tabak und Schuh- und Lederwaren.
Die große Technische Messe auf dem riesigen Gelände am Dölkerschlachtdenkmal weist den durchschnittlichen Besuch auf. Auch hier schwankte in den ersten Meßtagen die Stimmung für den Kauf bei den Besuchern und für den Verkauf bei den Ausstellern wie die Nachrichten über den Dollarstand. Der Besuch nimmt hier viel langsamer ab als in der Snnenstadt, wo schon am Donnerstag- Freitag viele Aussteller einpackten. Die Geschäftslage ist nach den heutigen Verhältnissen als befriedigend anzusehen, diejenigen Aussteller, die weniger Wert auf direkte Verkäufe bei der Messe legen, sondern sie
als Hauptanknüpfungspunkt für neue Beziehungen betrachten, sind mit dem Erfolg zufrieden. Die Aussteller der Gegenstände des täglichen Bedarfs, die eigentlich mehr auf die Allgemeine Mustermesse gehören, so z. B. verzinkte Gefäße üsw. flagen über schlechten Geschäftsgang, während die technischen Detriebsbedarfsartikel einen befriedigenden Verlauf desselben aufweisen. Besonders in der elektrotechnischen Qlbtei- lu n g hat sich das Geschäft noch gut gestaltet, so daß in diesem, einem der Hauptzweige der „Ausstellung der Technik", die Firmen mit ihrem Erfolge zufrieden sind. Sst das bei einigen anderen Branchen der Technischen Messe wie der Allgemeinen Mustermesse nicht der Fall gewesen, so trägt lediglich die augenblickliche Krisis daran die Schuld. Hoffen wir, daß die Frühjahrsmesse 1923 mehr als die Herb st Musterschau dieses Jahres unter einem besseren politischen und wirtschaftlichen Zeichen steht und einen entsprechenden Erfolg aufweist.
Wichtige Beschlüsse der Giehener Handelskammer.
Die Handelskammer Gießen hat in ihrer Vollversammlung vom 29. August die nachstehenden Beschlüsse gefaßt:
Die Handelskammer Gießen kann die Forderung auf paritätische Zusammensetzung der Handelskammern nicht gut» heißen, weil ihre praktische Durchführung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen würde. Hingegen befürwortet sie die Errichtung von Arbeiterkammern; ebenso erkennt sie die Notwendigkeit einer Gemeinschaftsarbeit zwischen Handelskammern und Arbeiterkammern durch paritätische Ausschüsse an Diese Ausschüsse sollen auf freier Vereinbarung zwischen den amtlichen Vertretungen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer beruhen und nur auf Antrag der einen oder der anderen Gruppe von Fall zu Fall in Tätigkeit treten. Die Selbständigkeit der beiden Snteresienvertretungen muß unter allen Umständen und in jeder Form gewahrt bleiben.
Die Handelskammer gibt ihrer tiefen Entrüstung darüber Ausdruck, daß Teile der deutschen Kaufmannschaft in jüngster Zeit dazu übergegangen sind, für Inlandsware Zahlung in ausländischer Währung zu fordern. Dieses Gebaren muh als verwerflich bezeichnet werden, weil es folgenschwere Gefahren für die Gesamtheit des Volles heraufbeschwört, nämlich: weiteres Sinken der deutschen Währung im Auslande und dadurch immer größere Schädigung des deutschen Ansehens in der Welt, berechtigte Forderung der Angestellten und Arbeiter auf Entlohnung in Auslandswährung, Anreiz zur Spekulation in Devisen, Forderung der Preistreiberei und letzten Endes Wiedereinführung der Zwangswirtschaft. Die Harrdelskammer erwartet von der Einsicht und dem vaterländischen Pflichtgefühl der Kaufmannschaft ihres Bezirks, dah sie sich von solchem verderbl'-chen Gebaren fern hält und jedes an sie gestellte Ansinnen dieser Art, von welcher Seite es auch komme, auf das entschiedenste zurückweist.
Sn Anbetracht der immer weiter um sich greifenden und immer schärfer tn die Erscheinung tretenden Kreditnot der deutschen Wirtschaft, begrübt und unterstützt die Handelskammer ihrerseits den Deschluh deS Unterausschusses für Pro- duttionsvolitik im Reichswirtschaftsrat, wonach die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft ersucht werden sollen, die W i e d e r e i n f ü h r u n g des Handelswechsels durch Aenderung der Lieferungsbedingungen zu erleichtern.
Die Handelskammer lehnt den vorgelegten Gesetzentwurf über Sonntagsruhe de r Angestellten im Handelsgewerbe ab, weil er eine bedenkliche Durchbrechung des durch die Reichsverordnung vom 5. Februar 1919 als Regel auf gestellten Grundsatzes völliger Sonntagsruhe bedeutet, welche heute von der gesamten deutschen Handelswelt als Wohltat empfunden wird.
Sn Wiederholung einer bereits am 5. Juki d. Js. in Gemeinschaft mit den übrigen hessischen Handelskammern abgegebenen Erklärung erhebt die Handelskammer entschieden Einspruch gegen die Art in welcher bis in jüngster Zeit von der Reichseisenbahn- undoer Reichspost Verwaltung die Vornahme der Tariferhöhungen gehandhabt wird. Ohne Befragen der dazu berufenen Beiräte sind fast von Monat zu Monat bedeutende Tariferhöhungen mit ganz kurzen Fristen eingeführt worden, die häufig das Vielfache, tn einzelnen Fällen sogar das 100- bis 150fache der Dorkriegssätze betragen; neue, ganz erhebliche Tariferhöhungen für Post und Eisenbahn stehen in Kürze bevor. Dadurch wird nicht nur das Wirtschaftsleben fortwährend in Unruhe gehalten, es wird auch jede Kalkulation unmöglich gemacht, was namentlich für den Export sehr schädlich ist, und es wird der Aktionsradius, d. h. die Absatzmöglichkeit der einzelnen Geschäftsbetriebe immer mehr eingeengt Wenn die Kammer auch anerkennt, daß die Reichsverkehrsbettiebe das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben Herstellen müssen, so darf dies doch nicht allein durch eine Erhöhung der Tarife versucht werden, sondern es müssen auch durchgreifende Maßnahmen zur Vereinfachung und Verbilligung der Verwaltung und des Betriebes getroffen werden. Sn dieser Hinsicht erscheinen die bisherigen Maßnahmen unzureichend, namentlich gilt dies von der Verminderung des Personals und der unterschiedlosen Anwendung des Achtstundentags auch auf Zeiten der Arbeitsbereitschaft, wodurch die Leistungen auf ein unwirtschaftliches Maß herabgedrückt werden. Die Kammer stellt die Forderung auf, dah bei Tariferhöhungen mit größerer Rücksicht auf das Wirtschaftsleben und in der Einführung von Reformmaßnahmen mit größerer Energie sowohl bei der Eisenbahn- toie bei der Postverwaltung vorgegangen werden muß, wenn nicht die schwersten dauernden Schädigungen der deutschen Wirtschaft und der Staats- finanzen eintreten sollen, und wenn nicht die Eisenbahn- und Post Verwaltung sich dem Vorwurfe aussehen wollen, daß sie zu der ständigen übertriebenen Verteuerung der Lebenshaltung mit beitragen.
Die Handelskammer gibt zunächst ihrem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, dah infolge des Arbeitsstandes der Finanzämter der Zeitpunkt für eine grundsätzliche Abänderung des Gemeindeumlagengesetzes und damit der Gewerbesteuer wiederum ins Ungetoiffe hinaus- geschoben worden ist. Sie erwartet jedoch, dah alle Anstrengungen gemacht werden, welche die schon lange zugesagte Gewerbesteuerreform sobald wie nur irgend möglich zur Tat, werden lassen. Für diese Reform stellt die Handelskammer die folgenden Forderungen auf:
1. Aenderung des § 11 des Gemeindeum tagen- geseyes im Sinne der von den hessischen Handelskammern schon vor Jahren gemachten Vorschläge.
2. Gesetzliche Verpflichtung der Gemeinden zur Anhörung der amtlichen Vertretungen von Handel und Industrie.
8. Gesetzliche Festlegung der Höchstgrenze der kommunalen 'Besteuerung.
4. Festsetzung der Ausgabearten, welche durch Gewerbesteuern zu decken sind.
Die Handelskammer spricht ihr lebhaftes Befremden darüber aus, dah nach einer ihr Don unterrichteter Sette zugegangenen Mitteilung mit dem Winterfahrplan das Gtlzugspaar 2 2 7/ 228 auf der Strecke Dietzen—Fulda ganz in Fortfall kommen soll. Diese Mahnahme bedeutet eine ganz erhebliche Verschlechterung des Zugverkehrs auf dieser wichtigen Derbindunas- strecke, gegen welche auch die an die Stelle der Eilzüge tretenden Personenzüge keinen vollen Ersah bieten können. Die Handelskammer gibt der, bestimmten Erwartung Aued uck, taß ihrer hiermit vor aller Oefsentlichkeit ausgesprochenen dringlichen Ditte, von dieser für den allgemeinen Verkehr nachteiligen Maßnahme A b st a n d genom-
.Heinz!" flüsterte sie tonlos und schwer, als seien ihre Lippen gefroren und zu Eis erstarrt — „was du tun willst, ist die Vernichtung von allem Herrlichen! Die Dergewöhnlichung eines einzig schönen Erlebnisses —"
Sie sprach nun schnell und leise.
„Du kennst unser Haus nicht! Dies HaaS, tn dem ich aufgewachsen bin, das mich innerlich so arm lieft, das meine Seele darben lehrte von Kindheit an, während es meinen Ge;b mit Luxus überlud. — Du kennst die Vorurteile unserer Kreise nicht."
„Ah," sagte er voll bitteren HohnS. Sie bemerkte es nicht.
„Man würde uns tn höflicher Form, aber ganz und für immer trennen — man ist einflußreich — maa könnte dir, deiner Laufbahn schaden — das Ende wär' häßlich, Heinz, nüchtern und häßlich. O du! Latz alles, wie es ist! Mir ist nicht ums Heiraten! Das darf nicht unser Ziel sein! Du — ich fühle für dich, was man niemals für einen Mann fühlen kann, mit dem man sich hübsch verlobt und den man unter den Augen der Verwandten schliehlich heiratet. Ach! Ich Weitz nicht, ob du mich verstehst!"
^Doch, ich verstehe dich," sprach er bebend. „ES ist die - Angst!"
„Ja! Angst, Feigheit — die feige Angst vor den unsauberen Menschenhänden, d'e unser Verhältnis berühren würden — die Furcht vor der Oefsentlichkeit — ich liebe das Heimliche, nicht, weil es heimlich ist — sondern weil es einzig und allein die höchste Keuschheit bedeutet."
Lilhs Gesicht war Heinz ganz nahe.
„Empfindest du dies Wunderbare nicht T
Da war ihm, als spräche ein reifes Weib aus ihr. Er starrte auf sie nieder.
„Ja", sagte er, und wieder Kirrte tn feiner Stimme ein Ton des bitteren Spottes von vorhin nach — „aber tote lange wird unser lebendiges Blut diesen himmlischen Zustand ertragen ? Nichts auf der Welt bleibt stehen!! Mies rollt, strebt, drängt weiter, nach Wachsen, Werden, Erfüllung. Die Liebe erst recht! Liebe ist fein Phantom! Liebe hat Blut tn den Adern", schloß er stark, fast brutal
Lily setzte den Heinen Futz fest zu Boden.
„Das weiß ich nicht! Nimm mich, wie ich zu dir kam! Als Dust, als Seele — meinetwegen als Phantom." —
Er umspannte hart ihr Handgelenk, Und lieh Kälte durch alle Glieder trieb? Oder war es die sie wieder los.
War es ihre kühle Haut, die ihm plötzlich die
Nässe, die in dichten Schwaden unter den Bäumen hing, aus dem durchweichten Boden durch die Sohlen seiner Stiefel drang — ein Unbehagen, ein tieftnnerer Frost schüttelte ihn, so datz er hüsteln mußte.
Sie lächelte unter ihrem schwarzen Zauberhut.
„D i e Träume sind am schönsten, die man nicht zu Ende träumt. Wettzt du das nicht, du — sützer Kettenschrnted?"
Sein Arm umschlang sie. Es war daS erste mal daß er es wagte, und ein starker, warmer Strom von Sympathie floß von einem zum andern hinüber.
Sie lieh sich einen Augenblick von der neuen Empfindung schaukeln. Unb wie durch eine wunderliche Gedankenübertragung wußte sie es plötzlich: Er gab sich nicht mit dem kränklich blassen Traum zufrieden! Sie würde um ihre Liebe kämpfen müssen! Mies würde um sie her zu- sammenstürzen, und aus dem furchtbaren Chaos, den Trümmern der Welt, der sie bis heute angehört hatte, ragte nut noch die Gestalt Heinz Güidewins — ein Leuchtfeuer im öden, wetten Meer.
Shr HalS wurde trocken. Hinter ihr versank das Vaterhaus, der Vater selber — alles Altgewohnte. —
„Lily, Lily!" stöhnte er angstvoll. Sie lehnte so steif in seinem Arm. Da faßte er ihr Gesicht in feine beiden Hände und senkte feinen Mund aui ihre Lippen . . . wie man ein Heiligtum küßt.
Unb tote kühles Wachs fühlte er den schönen, roten, großen Mund unter der ersten, scheuen Berührung kaum erwärmen.
Er lieh sie sofort los.
Sie strich mehrmals mit der Hand über ihr verstörtes Antlitz.
Mit anderen Augen sah sie ihn an als bisher.
„Morgen — hier!" flüsterte sie rauh. Unb bann flog sie davon, schwebte über den Boden; Heinz mutzte an eine Schwarzamsel denken.
. . . Er merkte erst jetzt, dah er nasse Srüfte1 hatte, und datz sein Mantel von Millionenn feiner, dicht anetnanbergereif>ter Perlen bedectt war. Es fror ihn. Deine Zähne schlugen aufeinander.
Bald war er ein Teil der dunklen, feuchten, schweigenden Nebelnacht.--
Lily zögerte vor den erleuchteten Fenstern der wohlbekannten Konditorei. Ach, das waren frühere Zeiten, die von jenen Baumkuchen- und Tortentellern zu ihr ftergrübten. und immerhin . . . bessere Zeiten . . . (Fortsetzung folgt)


