Ausgabe 
9.9.1922
 
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Nr. 212

Erscheint «aglich, außer Sonn« und feiertags, mit berSamstagsbeilage: VtetzrnerFamiliendlätter Movattlchr Beiegspreife: SRk 75.- und Mk. S.- Trügerlohn, durch dtevost Mk. 7S -. auchbriNicht- erscheinen einzelner Num- mem infolge höherer Gewalt. - Ferusprech. Anschlüße: ftttdieSchrift- leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 61. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Siehe«.

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172. Zahrgang

Samstag, 9. September 1922

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

vnnk iw* Verlag: Vrdhl'sche Univ.-Vuch- und Sleindruckerei H. Lange. Schnftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstraße 7.

Himuquie von Änjfigcn für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede VerdindltchkeiL Sreis für 1 mm Höhe für nzeigen v 27 mm Breite örtlich 300 Pf., auswärts 400 Pf., für Neklame« Anzeigen von 70 mm DreiteI200Pf. Bei Platz- Vorschrift 20, Aufschlag. Hauptschriftleiter Aug. Goetz. Verantrvortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil' Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in viehen

Wochenrückblick.

Die Verhandlungen der belgischen Abordnung mit den Berliner ReichS- stellen ziehen sich in die Länge, aber nad) allen Verlautbarungen steht eine Einigung über die Sicherungen für die Einlösung der aus sechs Monate lautenden Schatzwechsel in siche­rer Aussicht. Möglicherweise werden Eng­land, Holland und vielleicht auch Amerika einen Teil der Schwierigkeiten auf sich selber nehmen und durch eine gewisse Hilfsbereit­schaft dartun, daß sie Wiederherstellungs-- arbeit nicht nur für Frankreich und Belgien, sondern auch für das ausgepowerte Deutsch­land leisten wollen. Eine neue, große Konfe­renz steht für November oder Dezember im Hintergründe. Jedermann wünscht diese große Dereinigungskvnferenz, sogar auch die jetzige französische Regierung, die freilich dabei keine wesentlich anderen Ziele im Auge hat als diejenigen, die Poincare auch in London ver­fochten hat. Lloyd George hat auf die letzten Anzapfungen PotncareS noch nicht erwidert. Hinter den Kulissen verfolgt aber die eng­lische Politik stetig ihr Ziel. Es ist ihr ge­lungen, Amerika wieder etwas mehr für die europäischen Verwicklungen zu inter­essieren. Herr Boy den, der frühere ameri­kanische Delegierte bei der ReparattonS- kvmmission, soll an den nächsten Sitzungen in Paris wieder teilnehmen, und Präsident Har ding ließ wiederholt erklären, Amerika warte einen geeigneten Zeitpunkt ab, um mit Rat und Hilfe wieder in die europäischen Händel einzugreifen. Man kennt das ameri­kanische Programm. Auch daran hat sich nichts geändert. Amerika will Abrüstung, Sparsam­keit, Friedensbürgschaft. Erst dann gedenkt es an finanzielle Regelungen heranzutreten. In Frankreich sitzt der Vater aller Hinder­nisse. Dort drängt man auf gegenseitige Schul­denerlasse, aber ohne daß man die Ver­pflichtung auf sich nehmen möchte, durch Mäßigung in den eigenen Ansprüchen gegenüber denBesiegten" einen wirklich dauernden Frieden zu gewährleisten. Mit an­dern Motten: Man will den Versailler Ver­trag, die Schraube ohne Ende, nicht aufgeben, den immer fließenden Brunnen der Kontri­butionen nicht versiegeln lassen. England dagegen wünscht die volle Auswirkung der Versailler Gewaltpolitik aus oft gesagten Gründen nicht mehr. Die Entente ist dar­über fast in die Brüche gegangen. Aber die englische Großmut in der Bereitschaft, den früheren Bundesgenossen Schulden nachzu­lassen, falls Anterika auch England gegen­über zu gleichem Entgegenkommen sich ein­verstanden erkläre, genießt in den Vereinig­ten Staaten durchaus keine Sympathie. Der bekannte amerikanische Zeitungskönig Hearst veröffentlichte dieser Tage einen Zeitungs­aufsatz, in dem er die bisherige Siegerpvlitik gebührend kennzeichnete. Frankreich- verlange Schadenersatz für seine zerstörten Gebiete, be- rucksichttge aber nicht, daß es ein unzerstörtes Elsaß-Lothringen und wertvollen Grubenbesitz erhalten habe. AndEnglandhabe zwar den übrigen europäischenVölkern Gelder borgest reckt, dafür aber die deutschen Kolonien, die deutsche Handelsflotte und enorme Petro­leumfelder bekommen. Die Vereinig­ten Staaten dagegen hätten Milliarden Dollar aufgewendet ohne jede Gegenleistung. Diese Argumente sind durchschlagend, und wenn man auch Hearst darin nicht beipflichten mag, daß Amerika sich überhaupt nicht mehr um europäische Dinge bekümmere, so versteht man es doch, daß die Washingtoner Regierung Zurückhaltung übt und es Zunächst den Engländern und Franzosen überläßt, die üblen Folgen ihrer Hab- und Raub- fud)t selber zu korrigieren. Da das Kabinett Lloyd George halbwegs bereit ist, diese Notwendigkeit einzusehen und zu erfüllen, so streben jetzt alle Kräfte danach, die Geistesrichtung Poincares mattzusetzen. Zuerst verhalf man einer milderen Richtung im Reparattonsausschuß zum Erfolg, und jetzt setzen sogar in dem unmöglichen Völker­bundsparlament Bestrebungen ein, von der alten Dahn lvSzukommen. Lord Cecil sowohl wie der Schweizer Minister Mott',' schlugen bei der Genfer Tagung Töne der Krittk an, die an Deutlichkeit nichts zu wün­schen übrig ließen. Herr Balfour hat gestern die Tlnfähigkeiten der Versammlung auf die Gesetze zurückgeführt, die den Völker­bund zustandegebracht hätten. Aber freilich, das ist gerade die Wurzel des Tlebels. und der Vertreter Schwedens hat es sich denn auch nicht nehmen lassen, noch einmal mtt schwerem Geschütz gegen die bisherigen Einrichtungen und Gepflogenheiten her­zuziehen. Diese krttischen Betrachtungen der miserablen Folgen de» bisherigen

Völkerbundspvlittk wäre.» das emzig Erfreu­liche an dieser in allen anderen Erörterungen

so unerfreulich verödeten, verirrten und ab­geschmackten Komödie. Deutschland wird an diesem Völkerbunde niemals teilnehmen können. Kam doch dort aus durchaus unbe­rufenem Munde ein oberflächliches Lob der oberschlesischen Entscheidungen und der saar­ländischen Vergewalttgungspolitik!

Der katastrophale Sieg der Türken über die Griechen bedeutet eine Nieder­lage der britischen Diplomatie, einen heim­lichen Triumph Frankreichs. Indessen, daß die Türken wieder die Meerenge beherrsd)en, kann auch Frankreich. Has in Syrien ein Auf­flammen des Islam zu besorgen hat, nicht wünschen. Schon sollen in Mesopotamien als Rückwirkung der kemalistischen Siege äl n- ruhen ausgebrod)en fein, die in englischen Regierungskreisen große Beunruhigung er­zeugten. Es he'.ßt, die cng'isd)e Regierung habe Frankreich um die Zusicherung ersucht, daß der von Frankreich verwaltete Teil der B a g - dadbahn nicht zum Transport von tür­kischen Truppen verwendet wird. Ob diese merkwürdige Entente cordiale auch von Osten her nun in ihrem Bestände bedroht ist, oder ob es dort zu einem notdürftigen Interessenaus­gleich kommen wird, steht dahin. Wir nehmen an, daß England einen Grund mehr haben wird, dem französischen Imperialismus an der Quelle, nämlich in der deutschen Politik, die Flügel zu stutzen.

Der neu in die Debatte geworfene Ver­trag Stinnes-Lubersac scheint in London weder Lleberraschung noch Mißver­gnügen hervvrgerufen zu haben. In der Tat, bis zu einer Freundschaft oder auch nur freundschaftlichem Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich hat eS noch weite Wege! VonErsüllungspolttik" kann man bei dem Beginnen Sttnnes' kaum reden. Gerade weil gegenwärttg so viel Bemühungen ein- setzen, den Geist der Gewaltpolitik in Frank­reich zu brechen, soll neben geharnischtem Ein­greifen auch der Entwaffnungsversuch durch versöhnliche Aebereinkunft stehen. Alles hat seine Zeit. Deutschland hat sich nie gesträubt, die Trümmer in dem verwüsteten Westen wie­der aufrichten zu helfen. Gerade jetzt, wo den Franzosen durd) andere Mächte begreiflich gemacht worden ist. daß ihre Ervberungspläne für sie selbst gefährlich werden, dürfen wir diese Anbahnung eines besseren Verhältnisses zwischen den beiden Nachbarländern voll­ziehen. Zwei günsttge Bedingungen scheint StinneS dabei durchgesetzt zu haben: die Franzosen müssen den deutschen Lieferanten ihre Mindestzölle gewähren und zu einem Nachlaß in der deutschen KohlenlieferungS- verpflichtung bereit sein, damit erttsprechende Arbeiten in Deutschland in Angriff genommen werden können. Weitere Wirkungen des Der- ttages werden später zu prüfen sein. Fürs erste haben wir keinen Anlaß, diese Aebereinkunft, deutscher und französischer Industriellen von französischer Seite her war Die Anregung erfolgt mit Argwohn oder Mißfallen zu betrachten.

In der deutschen inneren Politik sieht es. trotz gut gemeinter Reden des Reichspräsi­denten über Heimat- und Vaterlandsliebe als die Grundlagen deutsd)er Wiedererstarkung, noch trübe aus. Selbst in einer Frage, in der wohl die Parteien alle einig sind, kommen wir nidjt vorwärts, nämlich in der Sicherung des Bestandes unserer deutschen Presse. Der ReichSwirtschaftSrat erscheint uns da wie eine kleine Reparattonskommission oder Bun­desversammlung, in der wohl Worte gemad)t, aber keine Leistungen vollzogen werden. Der Reichswirtschaftsminister hat jetzt wenigstens offen gesprochen und die Hin­dernisse enthüllt, die der einzig wirklid) wirk­samen und ausreichenden Hilfsmaß­nahme. nämlich der Verbilligung der Holz­preise zur Papierherstellunq, entgeqenstehen. Die Regierungen der Einzel st aaten hüten, im Verein mit den einschlägigen In­teressentengruppen, gar zu sorglich ihre reich- lid) sprudelnden Einnahmequellen aus ihrem Wälderbesitz. Hier müssen nun eilige und ener­gische Schritte getan werden, denn jeder Tag bringt neue empfindliche Lücken in das deutsche Zeitungswesen! Es war ein hohes Verdienst des hessischen Gesandten v. Bie­ge leben, daß er vor dem Reichsrat die Reichsregierung aufforderte, die Sache selbst in der Hand zu behalten und auf die Landesregierungen einzuwirken, damit sie den Tatbestand festellen und danad) handeln. Hoffentlich ergeben sich die Konsequenzen die­ses Voraehenö. zu dem der Reichswirtschafts­minister seine Zustimmung erteilt hat, schon in den allernächsten Tagen und Wochen!

rinnqer.-».....

Die Dölkerbundsversammlung.

Genf, 8. Sept. (WTV.) Zu Beginn der heutigen Sitzung der Völkerbundsver- sam m lun g .rgr f Lord Dalf ur- Erg and, von kb9aftem Dekali begrüßt, das Won. u..d 8tocr . to.e ec gleich eingangs erwähnte, in feiner Eigenschafl als Mitglied Le5 Vockerbundrates, der noch vor Abschluß der Generaldebatte sich mit den Aeußerungen der Vorredner über die Tätig­keit des Rates auseinandersetzen möchte. Er, wie die anderen Ratsmitglieder, seien in keiner Weise durch die Krittk verstimmt, die man an der Tätig­keit des Rates geübt habe, sondern sie seien dank­bar für jede krittsche Anregung, aber er möchte doch vor allem an die Reden der bulgarischen und albanischen Vertreter erinnern, die wieder­holt Gelegenheit hatten, vor dem Völkerbunds­rate zu ers.Heinen und die nunmehr feststellten, wie sie dem Völkerbunde dankten und wie sehr sie b e Bemühungen des Rates um ihre Länder zu schätzen mit Uten.

Besondere Bewunderung", so fuhr Lord Bal­four fort,habe ich der Rede des japanischen Kollegen entgegengeb rächt. Ich wünsche ihm hier­mit meinen öffentlichen Dank auszusprechen, vor allem für seine Ausführungen über das Werk der Washingtoner Konferenz. Es ist höd)st wünschenswert, daß der Völkerbund die Leistungen an.erer Organisationen a erkennt, die unabhängig vom Völkerbünde arbeiten. Wenn auch die Vereinigten Staaten bis jetzt dem Völker­bunde nicht angehören und wenn auch der Völker­bund bei der Aufstellung des Washingtoner Pro- gvammes nicht befragt worden ist, so ist doch der Geist von Washington derselbe Geist, der auch den Völkerbund beseelt."

Hierauf sprach Lord Balfour feine Anerken­nung über die Rede Mottas aus. der vor allem in Üie Zukunft blicke. Sympathisch habe ihn auch der lebhafte Ausdruck der Teilnahme, mit der die Schweiz das Schicksal ihres Nachbar­landes Oesterreich betrachte, berührt.

Nun trat Lord Balfour in den wichtigsten Teil seiner Rede ein, in die Besprechung der Kritik, die Nansen und Cecil an der Tätig­keit des Dölkerbundsrates geübt hatten. Diese Krittk, die von zwei Männern ausgegangen sei, welche von der ersten Stunde an im Völkerbünde eine ganz hervorragende Rolle gespielt hätten, sei zwiefacher Art. Erstens ha^ sie sich aus das bezogen, was der Völkerbund geleistet hätte, und zweitens auf das, was der Völkerbund nicht geleistet, sondern hätte leisten müssen. Ein großer Teil der Kritik habe der Behandlung der Saarfrage gegolten, wie sie der Völker­bundsrat vollzogen habe und der Verantwortung, die der Rat hierfür auf sich geladen hätte. Zweifellos habe der Rat eine Verantwortung upd es fei nicht immer leicht, sie zu erfüllen.Aber," fuhr Lord Balfour fort,ich muh an meine Kollegen, die hier Kritik geübt haben, eine War­nung richten. Die Hauptschwierigkeit im Saar­gebiete liegt in der dort entfalteten Propa­ganda, die den Ereignissen des Iahres 1935 gilt, der Volksabstimmung, die dann zu erfolgen hat. Auf Grund des Versailler Vertrages ist ein Mechanismus geschaffen worden, durch den alle Kollegen über die Regierungskvinmisfion an den Völkerbund gehen müssen. Wenn der Völker­bund glaubt, daß der Rat hier nicht seine Pflicht erfüllt hat, so möge er es sagen und mit seinem Vorwurfe nicht zurückhalten. Aber ich bitte Sie, hören Sie nicht auf Leute, die von Haus zu Haus gehen und falsche Behauptungen aufstellen, die nicht bewiesen werden können. (Die ftanzö- sischen Delegierten rufen:Sehr gut!) Woraus es uns ankommt ist, daß das Saargebiet gerecht regiert und daß hier gute Derwaltungsarbeit geleistet wird. Aber das ist natürlich nicht das Ideal der Propaganda, die im Saargebiet be­trieben wird, und die vor allem die Regierungs­kommission diskreditieren will. Vergessen Sie allerdings nicht, daß das nur menschlich ist!"

Was das Schicksal Rußlands, dem Nansen einen großen Teil seiner gestrigen Aus­führungen widmete, anbetrifft, so legte Lord Bal­four dar, daß Lloyd George alles getan habe, was er hätte tun können. Es sei nicht Eng­lands Schuld gewesen, wenn nicht mehr geschehen sei. Trotzdem wären die Bemühungen nicht völlig vergeblich gewesen. Die engische Regierung wie auch das englische Volk hätten sich bereits in großem Umfange hilsstätig gezeigt. Eng­land sei weiter bereit, großen Summen zur Lin­derung der russischen Hungersnot zur Verfügung zu stellen, weim auch die anderen Staaten ebenso sich zu einer solchen Aktion entschlössen.

Ünter tiefem Stillschweigen und mit großer Spannung nahm nun die Versammlung den letzten Teil der Rede Balfours entgegen, in Lem Balfour zu dem Problem der Nachkriegszeit über­ging. Lord Robert Cecil hat den Vorwurf er­hoben, daß der Rat nicht die nvtwcmdigen Maß­nahmen ergreife, um dem griechisch-türkischenKrieg ein Ende zu bereiten, dessen ohnmächtige Zu­schauer wir gegenwärtig sind. Der Völkerbund aber Hängt von Verträgen ab. die ihn gegründet Haben. Hm zwei Mitglieder des Völkerbundes, die durch diese Bestimmungen ge­bunden sind, 'handelt es sich nicht, sondern einer der Kriegs LH e dm g hort dm.k.rlund nicht an. Im ub.igen 'hat der Völkerbund weder finan­zielle noch sonstige materielle Mittel, um seinen Einfluß auszuüben. Er verfügt nur über mora­lisch? Möglichkeiten und die Absicht, beim Ab­schluß des Krieges seine Wirkungen auszulöschen und die Karle der Welt im Sinne der Ideale der Völker neu zu ordnen. Man wollte den Frie­den auf eine feste Grundlage stellen. Dieser Traum wird sich eines Tages netto:rf itzen, aber damals konnte man noch nicht die Verhältnisse der Nach­kriegszeit voraussehen. Wir sind, so fuhr Lord

Balfour fort in der letzten Episode der Kriegszett, und totr erleben den Rest der Auswirkungen deS Krieges. Um einzugreifen, um zu bessern, sei der Völkerbund nicht gut genug ausgerüstet. Es müsse nochmals darauf hmgenie- fen werden, daß der Völkerbund kein Geld habe und keine materiellen Machtmittel. Er könne sich daher nicht an die Stelle der einzelnen Regie­rungen stellen. Gr dürfe nicht an Ausgaben hetan- treten, denen er nicht gewachsen sei, toenn er nicht wolle, daß das Werkzeug zerbreche. Wenn der Völkerbund weiter leben wolle, dürfe er nichts untei-neHmen, was über seine Kraft gehe.

Genf, 8 Sept. (WTD ) In seiner h utt en Darlegung über die Hilssaktion zugunsten Oesterreichs führte S c i a l o j a - Italien u. a. folgendes aus:Sobald der Rat es als not­wendig erkannt und betätigt hat, die Verträge zu achten, die österreichische Integrität und die festgesetzten Grenzen zu wahren, kann er die inter­nationale Existenz Oesterreichs sichern. Ebenso kann er. indem er der Wiener Regierung für die notwendige innere Reform, die finan,Ve(Ic und wirtsclxtstliche Reorganisation und die Sicherheit des Staates Hilfe leistet, jenes Vertrauen schassen, das eine une.ltbch liche Vorau setzung für jcien Kredit ist. Rur auf dieser Grundlage wird der Völkerbund die unmittelbar interessierten Staaten befriedigen und Garantien für die Wiede, aufrich- tung Oesterreichs erhalten können. Außerdem kann er die Nachfolgestaaten des alten Reiches auffor­dern, die liberalen Grundsätze der Konse enz von Porto Rose, die bereits dem österreichtsck)en Han­del und Verkehr Vorteile hätten bringen können, anzuwenden. Vielleicht wird der Rat auch diese selben Staaten erfudjen können, gewiße Vorschläge zu prüfen, die Italien in Porto Rose vorgebracht hat, und die damals nicht angenommen wurden. Nach meiner Ansicht ist es nicht unmöglich daß. was die Stadt Wien betrifft, andere Maßnähmen ins Auge gefaßt werden, als für die üb.igen Gebiete der Republik, benn man muß mit dem großen Unterschied rechnen zwischen den Lebensbedingungen der großen Hauptstadt und den kleinen Staatsgebieten.

(Sine schneidende Kritik des schwedischen Vertreters.

Gens. 8. Sept. (WTB.) Die Tendenz deS Eingreifens in die großen gegenwärtigen Ereig« nisse, die infolge der Reden Lord Robert Cecils. Nansens und Mottas die Sitzungen von gestern und vorgestern beherrschte, wurde durch die bedeutsame Rede Balfours von heute ent­schieden jurüdgebrängt Ebenso waren die Dar­legungen des italienischen Delegierten 6c la l o ja ein Plädoyer für ein vorsichtiges Abwarten. Mtt den Au.führungen des schweb sehen Delegieren Trygger wurde jedoch der Gedanke einer aktiven Völkerbundspolittk wieder zur Diskussion gestellt und die Passivität der bisherigen Völkerbunds- methode getadelt. Trygger erklärte wörtlich:Die Lage in Europa ist jämmerlich, das Elend wächst, die Hilfsquellen versiegen und die Nationen gehen dein Bankerott entgegen. Nicht nur die schlecht regierten Völker, sondern auch Kulturländer werden von der Hungersnot bedroht. Was tun wir angesichts dieser Lage? Wir prüfen die wirtschaftliche und f inan delle Lage mit Hilfe einer Sachverständigenkommission, nehmen Kenntnis von ihren interessanten Berichten, be­glückwünschen sie zu ihren klaren Gedanken, die sie darin niederlegt. Aber wir haben zwei Icchre genau dasselbe getan. Nichtsdestoweniger dauert aber das Rennen in den Abgrund an, ohne daß wir mit einem Appell das Gewissen und die Ver­nunft aller Völker aufrütteln. Wir dürfen uns nicht immer als Sieger, Besiegte und Neutrale betrachten, sondern als mehr oder weniger un­glückliche Menschen, die gezwungen sind, sich zur Rettung der Kultur und Wohlfahrt der Welt zusammmzuschlie .ea. Nur aus einer ilnirerfalität wird die Nlacht des Völterbundes erstehen. Wenn wir diese Universalität nicht verwirklichen, wird der Völkerbund sich noch hinschlep­pen, nicht stark genug, um zu leben, aber vielleicht gerade noch stark genug, um nicht zu sterben!"

Die (Einberufung eines Reichsbetriebsrätekongresses?

Berlin, 8. Sept. (WTB.) Heute fand in derNeuen Welt" in der Hasenheide eine Betriebsräte - Versammlung von Groß-Berlin statt. Weit über 6000 Be­triebsräte waren anwesend. Außerdem Ver­treter von Halle, Breslau, Merseburg, dem Rheinland und Westfalen. Die Vertreter aus dem Rheinland berichteten über die vor we­nigen Tagen abgehaltene Tagung der Be­triebsräte in Gelsenkirchen. Folgende Reso­lution wurde einsttmmig angenommen. Die Vollversammlung der Berliner Betriebsräte beschließt, durch den Ausschuß der deutschen Betriebsräte einen Re i ch s be t r i e b S- rätekongreh einzuberufen, der spätestens am «Sonntag, 22. Oktober, rn Berlin zusam­menzutreten hat, um den Kampf um die Kon- \ trolle der Produktton als einzigstes Mittel gegen die Verelendung des Proletariats ein­zuletten. Der Ausschuß wird mit allen Vor­bereitungen beauftragt. Trotzdem der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbun-

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10 Uhr vormittags:

Frankfurt a. 1 1430.