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Dienstag, 9. Mai 1922

Gießener Anzeiger IGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Zweites Blatt

Ur. 108

der

Aus dem besetzten Gebiet.

Em Aufruf des Saarvereins.

Dem ..Lokalanzeiger" zufolge Hal

Saarverein in einer öffentlichen Der- sammlung in Dortmund eine Entschlie­ßung angenommen, in der es heißt: Das

aufgegeben, innerhalb zweier Wochen die weiter erforderlichen Vereinbarungen zu treifen

(3m Bericht über die Sitzung vom 2. Mai 1922 muß es im ersten Absatz heißen: ..... die verheirateten Arbeiter über 21 Jahre der Quarzit­brüche aus 12,62 Mk.").

fahret stets den Fußgängern in angemessener Ent- fernung auswritzen, den Fußweg freilassen und nötigenfalls absteigen.

** Promenadenkonzert findet am Donnerstag, den 1 1. Mai, mittags 12 Uhr, am Liebigdenkmal statt. Musikfolge: 1. Armeemarsch Ar. 218 (Grohh. Friedrich von Baden). 3. Haefele. 2. Ouvertüre zur Oper ..Tannhauser" (Der Sängerkrieg auf der Wart­burg). R. Wagner. 3. 2 Stücke aus Sigurd- Iorsalfar: a) Königslied, b) das Aordlands- vvlk, E. Grieg. 4. Ungarische Rhapsodie Ar. II, Fr. v. Liszt. 5. Marsch des ehem. Darde» Kürassier-Aegts. (Erbprinzessin von Sachsen- Meiningen).

** Das große Lichtbild-Orato­riumChristus", das bis einschl. Mittwoch im Lichtspielhause in der Bahnhof­straße gespielt wird, zeigt in einer Reihe schöner Bilder, denen teilweise berühmte Gemälde zu­grunde liegen, den Lebensweg des Herrn von der Verkündigung der Geburt bis zur Auf­erstehung. Der Zweck des Films ist in durchaus würdiger Weife erreicht. Einige Bilder hätte man vielleicht lieber nicht so wett ausgesponnen gesehen (beispielsweise den Bethlehemer Kinder­mord und die Geißelung des Herrn), im ganzen aber haben die Hersteller des Werkes viel Ge­schmack walten lassen: einige Szenen sind sogar rührend fein gelungen. Cs handelt sich hier jedenfalls um eine Arbeit, die Anerkennung und Beachtung verdient.

Landkreis Gießen.

s. Rödgen, 6. Mai. Der Güterzug, der um 3 Uhr hier eintrifft, erlitt heute einen Ma° schinendesekt, so daß die Fahrgäste den Zug verlassen und die Reise zu Fuß forisehen muhten.

S. Trohe, 7. Mai. Heute nachmittag fand im Durgkeller der dritte wissen­schaftliche Bortrag statt. Herr Berg- werksverwalter Haubrich sprach überDie Lebensgeschichte der Steinkohle". Die treff­lichen Ausführungen wurden durch Zeichnun­gen an der Wandtafel erläutert. Die Be­sprechung, die ins Gebiet der Pvlittk sich her» ,rrte, verlief äußerst anregend. Kurz nach

Hessische Handwerkskammer Darmstadt.

Die Hessische Handwerk: kammer b:fd)äftigte sich in ihrer letzten Boi standss itzunz u. a mit der Schafs ung einer Kredithilfe f u t das Handwerk. Die fortschreitende Eeldeatteer- tung, der Hochstand der Materialp reise und Ar- beitslöhne in Verbindung mit den Lieferungs­bedingungen für Rohmaterialien und Halb- fabritate lassen befürchten, daß zahlreiche mittlere und kleinere Handwerksbetriebe fich das nötige Betriebskapital auf dem üblichen Wege nicht mehr beschaffen können and in ihrer ßiftungi- fähigkeit schwer herab gedrückt werden. Aas Ver­anlassung von Vertretern der Handwerkskammer fand rn dieser Hinsicht eine Besprechung mit der Darmstädter Volksbant und des Darmstädter Handwerks statt, die in Aussicht nahm, einen Fonds in bestimmter Höhe zur 'Verfügung z.i stellen, aus dem in erleichterter Form Kredite gewährt werden sollen. Die Verhandlungen hier­über schweben noch. Aehnliche Einrichtungen be­stehen bereits in Offenbach und Worms. Grund­voraussetzung für alle diese Maßnahmen sollte nach Ansicht des Vorstandes der Handwerks­kammer- eine geordnete Buchführung and die Za­gehörigleit zu einer handwerklichen Organisation fein, im übrigen aber der Kredit auf der Lei- stungsfähi gleit und Za verlässig leit der Rach- suchenden beruhen. Stellt diese Maßnahme za- nächst auch nur einen Vers ach dar, die Lösaag des schwierigen Problems anzubahnen, so werden seitens der Hessischen Handwerkskammer nach weitere Bestrebungen einsehen, um entsprechend den zu erwartenden Erfahrungen ei e Kredit- Hilfe allgemein auszubaaen Die gegenwärtige schwierige Lage zahlreicher Handwerksbetriebe läßt sich weiter aber noch, abgesehen von der Förderung des Genossenschaftswesens, mildern, wenn die Handwerker ihre Lieferung^ bedingungen neuzeitlich reg alteren und insbesondere von iS von Auftraggebern '21 n*- zahlung in prozentualer Höhe des Gesamt- aufttagS fordern, bei solchen Aufträgen, die er» hebliche Aufwendungen für Materialien and Ar­beitslöhne bedingen. Dis Auftraggeber des Hand­werks werden soviel Einsicht besitzen, daß sie diese Forderung, die auch bet'der 3ndastrie and dem Großhandel üblich ist, dem Handwert ebrn- Slls zuerkennen. Zudem liegt in einem solchen erfahren auch ein Vorteil für Die Auftrag­geber selbst, Da der Unternehmer sich Dann recht­zeitiger und vorteilhafter mit Den benötigten Roh­materialien eindecken kann. Die SanDtrerfelammcr wird der ganzen Frage ihre größte Aufmerksam­keit zuwenden und nochmals an Die Korporationen heran treten, Deren Aufgabe es sein muß, bereits jetzt schon hierzu in ihren Mitgliederversamm­lungen Stellung zu nehmen.

Schlichtungsausschuft Der Provinz Lberhesicn.

Verhandlung vom 4. Mai 1922.

Folgende Däckerlöhpe wurden für Gie­ße n ab 1. Mai vorgeschlagcn: Schießer 600 Mk., Teigmacher 580 ML und Lehtgehilfen 550 Mk Wochenlohn. Bri Verabfolgung von Kost und Wohnung an ledige Gehilfen sollen 230 Mark wöchentlich angerechnet werden Die Parteien er­hielten eine Woche Frist zur Stellungnahme.

lieber Die Entlohnung des Personals der Ho­tels, Pensionen usw. in Dgd-Aauheim ab 1. Mai wurde folgender Schiedsspruch c.efälL: Bei ungefährer Gleichstellung Der Garan.ielöhne und festen Löhne in entspreche-.rden Stellungen ist der über Den Garantielohn hinausgehende ilebcr- schuß der Prozente zu einem Viertel an die Fest­besoldeten abzugeben nach dem Verhältnis Der Löhne. Die vom Arbeitgeber zu zahlenden festen Löhne Dürfen hierdurch feine Kürzung erfahren. Die restlichen Drei Viertel sind an Die Prozent­empfänger entsprechend zu verteilen. Diese Ver­einbarung ist m einem etwaigen Tarifvertrag nicht aufzunehrnen, sondern in einem besonderen Pro­tokoll neben dem Tarifvertrag. Deiz Parteien wird

Saargebiet ist der Lüge ElemenceauS von den angeblichen 150 000 Franzosen zum Opfer gefallen. Die bisherige Tätigkeit der Saarregierung ist Borspannarbeit für die französischen AnnexionSbe- strebungen. DaS Saargebiet hat als ein­ziges Kulturland der Welt keine wirkliche Bolksverttetung, sondern wird autokratisch re­giert. Die brutale Ausweisung Mißliebiger besteht fort. Alle deutschen Volksgenossen werden aufgerufen, sich für das Saargebiet und seine gequälte Bevöllerung einzuseyen.

Die berechtigten Ansprüche der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen.

Die Gauleitung Hessen-Aassau deS Reichs» vundes der Kriegsbeschädigten schreibt uns:

3n Sonneberg in Thüringen hat sich eine Kriegerwitwe erbangt. Die öffentliche Meinung ist ja systematisch vom Reichsarbettsministerium dahingehendaufgeklärt" worden, daß das..Reichs- versorgungsgeseh" Die sozialste Einrichtung sei, Die es zur Zeit gäbe, unD Daß nunmehr Die KriegsbeschaDigien und Kriegerbinterbliebenen genug hätten. Dabei steht sest, Daß Dieses Gesetz Bestimmungen enthält, Die engherzige unD un­soziale Bestimmungen früherer Gesetze noch wett übertreffen Der § 63 des Reichsversorgungs- geseyes beispielsweise besagt, Daß, wer 5000 Mk. steuerpslichtiges Jahreseinkommen hat, 10 Proz. ferner Rentengebührnisse einbüht (Ruhen Dec Rente). Daran ändert nicht viel dieVerbesse­rung". Daß auf Beschluß des Reichstages vom 4 2. 21 diese Ruhensgrenze um 2000 Mk. erhöht worden ift DiesesRuhen Der Rente" seht sich automatisch nach oben fort für je 1000 Mk. mehr (Sirrfommen um weitere 10 Proz. Der Rente mehr. Wer hiernach 16000 Mk. Einkommen hat, geht seiner ganzen Rente verlustig, mit Ausnahme Der geringfügigen Schwerbeschädigten-, Orts- und Ausgleichözulage. Diese Bestimmungen gelten auch für Die Kriegerhinterbliebenen. Die alten Krieger- cliern erhalten nach Diesem .sozialen" Gesetz über- baubt kein Kriegseltemgeld mehr, Denn das Gesetz besagt, daß nur solche Kriegereltern Entschädigun­gen für den Verlust des Trostes ihres Alters erhalten, wenn sie neben der Bedürftigkeit und Dem Alter von 60 Jahren nicht mehr steuer- pfltchttges Einkommen als 1500 Mk. im Jahre haben! Auch hieran ist nicht viel geändert durch den Beschluß des Reichstages, diesen Betrag auf .3000 Mk. zu erhöhen. Dies ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus Dem großen Komplex der 2lachteile des Gesetzes, ganze Bände könnte man schreiben über Die Summe Der Enttäuschungen, die Den bedauernswerten Opfern des Krieges bereitet worden sind. Man sage nicht, das Reich könne sich infolge des verlorenen Krieges und 'einer Ueberschuldung feine ausreichende Ver­sorgung seiner Kriegsopfer leisten. Ganz abge­sehen davon, daß es im Staate noch anders Gelegenheiten gibt, in Hülle und Fülle, bei denen in erster Linie gespart werden müsse. Es steht auch bereits unumstößlich fest, daß durch "Das Bemühen. Ersparungen Durchzuführen, mehr Ver- waltungskosten verbraucht tourDen, als erspart tirorben ist. Der oben angezogene § 63 des Reichs- versorgungsgesetzes gibt Zeugnis hiervon und die Dersorgungsbehörden Dannen ein lautes Klage­lied davon fingen, daß Wohl durch diesen Spar- Paragraphen langwierige und kostspielige Verwal­tungsarbeiten entstanden sind, daß außerdem große Verbitterung durch kleinliche Schnüffeleien m Die Reihen der Kriegerhinterbliebenen und Kriegsbeschädigten getragen worden ist, daß aber Der finanzielle Ruhen, Den Der Staat an Den Aermsten Der Armen herauszuschinDen glaubte, gleich Rull ist.

11 nD wo wirklich von finanziellen Verbesse- i ungen durch Dieses Reichsversorgungsgeseh ge­sprochen werden kann, kommen sie heute nach zweiHahrendesBestehensDiesesGe- s e h e s erst nur einem kleinen Kreise Der Beschä­digten und Hinterbliebenen zugute. Denn Die Durchführung des Gesetzes (Rentenumaner'en- itung) geht nur sehr langsam von statten. Hat rrod) das Reichsarbeitsministerium erst ganz vor kurzem eingestanden, daß noch etwa 1 20 0 000 Kriegechm te rbl iebene unuyi tu ortennen sind.

Der Reichöbund der » riegsbeschädigten und Kriegshi-ttei bliebenen hat n retts veranlaßt, daß der Reichstag sich mit txv Aenderung dieses Reichsversorgungsgesehes besaßt. Die Regierung ist bereits beauftragt vorerst einekleine Ro- velle" zu diesem Gesetz vorzubereiten, der später­hin einegroße Rovelle", Die grunDlegenDe Aen­derung en vorsieht folgen wird. UnD das muß schnellstens geschehen. Damit nicht noch größeres Unheil geschieht, nicht noch mehr Opfer Des Kriege« in namenlose Verzweiflung geraten und Das traurige Beispiel Der Kriegerwitwe in Sonne­berg Rachahmung findet. Dies wäre eine um so größere Anklage gegen unsere Zeitgenossen, je unnötiger es ift, derartige Katastrophen auf­kommen zu lassen, wie oben Dargelegt wurDe.

führungen bet

nD. ®cif)-OllDDa, 7. Mai. Die Feld- Vereinigung in unserer Gemarkung fft schon so wett vorgeschritten, daß ein Teil Der neuen Grundstücke vor einigen Tagen Den Besitzern überwiesen werden konnte. Der Rest wird im Herbste übergeben werden.

nD. Unter-Schmitten, Z. Mai. Hier ist eine größere Zahl Hunde in Der letzten Ceit plötzlich DcrcnDct. Man vermutet Ver­giftung Ter hiesige Gemeindeschäfer verlor einen vorzüglichen Hirtenhund unD erlitt dadurch einen Schaden von etwa 3000 Mark.

Kreis Friedberg.

/X Butzbach, 7. Mai. Auf Einladung Der Ortsgruppe der Deutschen K o l o n i a 1 g c - sellschaft hielt Herr Klemens einen Licht- bildervortrag überDie deutschen Kolonien, im besonderen Kamerun". Da Der Redner bi« Kriegsausbruch in dieser Kolonie weilte und Dort von Den 'Franzosen gefangen genommen wurde, konnte er eine äußerst anschauliche Schil­derung von Land und Leuten geben. Er brachte interessante Einzelheiten über seine Gefangenschaft in Dahome, wo er mit mehreren Hundert Kolo- nialdeutschen die schwersten Leiden zu erdulden hatte. Ein großer Teil der Oefangenen starb infolge Der viehischen Behandlung seitens Der weißen und schwarzen Franzosen. Der Vorsitzende der Ortsgruppe OberfUeutnant a. D. Lehner, dankte dem Redner und betonte, unser Ziel müsse sein Wiedervereinigung unserer Kolonien. Dies sei aber nur zu erreichen, wenn das ganz« deutsche Volk in dieser Frage einig sei.

\ Langenhain-Ziegenberg, 8. Mai Die Einweihung eines prächtigen Denkmals für die im Weltkriege Gefallenen wurde gestern trorgenommen. Schüler, Ortsvor­stand und Vereine bildeten einen Festzug Dun­das Dors bis zur Kirche, wo Die Feier stattfand Lehrer Schäfer fang mit Den Kindern und Dem Gesangverein Weihelieder.

Kirche und Schule.

£j Lau bach, 6. Mai. Wie f. Zt. berichte! wurde, hat sich mit Der Umwandlung De$> Gym­nasiums Fridericianum in ein Realprogym- nasium auch dasEvangelische Al imn at, worin Schüler des Gymnasiums Kost unD Woh­nung erhielten nebst Rachhilfe bei Der Vor­bereitung für Den Unterribt. endgültig aufgelöst. Tos Gebäude (an Der Ostsc-ite Des Dchloßgariens gelegen) ging in gräflichen Besitz über. Das Lyzeum Steiner (Frankfurt a. M ) l-at n m Die Baulichkeiten und Die dazu gehörigen Län­dereien ge.nktet und ei e Haushaltangs- schule f ü r jungeMädchen darin ei igerich- lei. Die jungen Damen erhalten volle Pension und werden theoretisch und praktisch tn allen Zweigen Der häuslichen Wirtschaft unterteilen. 3n dieser Woche hat der Unterricht begonnen. Dis jetzt sind 14 junge Damen eingetroffen; Die Anstalt ist jedoch auf 2530 eingerichtet. Auch aus dem Ausland sind einige ausgenommen wor­den, sogar aus Kleinasien. 3n der kom­menden Woche erwartet man verschiedene Schü­lerinnen aas Amerika.

"Hungen, 8.Mai. Jordans Meister bilderandacht nahm gestern auch in unsere

Pfingsten wird SerichtSresercndar Kowar - ( i! auS Gießen überRechtsfragen des tag» ichen Lebens" sprechen.

Kreis Schotten.

Lau bach, i. Mai. Die ursprünglich auf Kmtc angesetzte Wahl deS neuen Bürger­ne i st e r s (an Stelle des am 15 März ver- lorbenen Bürgermeisters Rudvls Ritter) ist nun­mehr endgültig aus den 14. Mai, von morgens 9 tllhr an, festgesetzt worden. Don Den sechs Be­werbern Dürfte kaum im ersten Wahlgang einer Die zur Wahl notwendige Stimmenzahl auf sich vereinigen, man nimmt an. bajj es jedenfalls eine Sttchwahl gibt. Ei ireulich ist. daß Die Wahl­agitation ohne Leidenschaft unD ohne persönliche Qkrunglimriiung. wie man sonst bei Kornmunal- wablen .solche beobachten kann, erfolgt. ES hat bis k-eate in dieser Sache nur eine einzige öffent­lich: Wähclrversammlung fiattgefunben, Die ruhig unD .sachlich verlief.

MrcU Büdingen.

nD Bad-Salzhaufen, 8. Mai. Gestern nachmittag sprach im hiesigen Kursaal Der 11- ^^-.^o.i'.maadant v. ö o r ft n c r vor einer großen Zahl von Zuhörern über den U-Bool» Krieg Er begründete Die lllolteendigke t dieser Verteidigung Deutschlands, gab auch die Ur­sachen an, warum der Erfolg hinter Den Erwar­tungen zurückgeblieben war. Der außergewöhnlich gut besuchte Vortrag fand groben Beifall Der Zuhörer. Viele eigene Lichtbilder des Vortragen­den trugen wesentlich zum Verständnis Der Aus-

Aus Stabt und Land.

Gießen, Den 9. Mai 1922.

Zur Regelung des Radfahrver- kehrs erläßt das Polizeiamt erneut eine Tkr- orDnung, in Der es u. a. heißt: Hedrs Fahr­rad muß mit einer sicher wirkenden Hemmvor­richtung, mit einer hell tönenden Glocke zum Ad- geben von Warnungszcichen und während Der Dunkelheit sowie bei slarlem Rebel mit einer hellbrennenden Laterne mit farblosen Gläsern verselen sein. Die Den Lichtschein nach vorn aas Die Fahrbahn wirst. Jeder Radfahrer ist zur gehörigen Vorsicht bei Der Leitung seines Fahr- .odes verpflichtet. Die Fahrgeschwindigkeit ist jederzeit so einzurichten, daß llnfülle und Der- kehrsstörungen vermieden werden, innerhalb ge­schlossener Ortöttüe darf nur mit mäßiger Ge- schteinDigkeit gefahren werden. Der Radfahrer hat entgegeniommende, zu überholende, in Der Fahrt­richtung stehende oder Die Satyr trieb tung frei- zende Menschen, insbesondere Die Führer von Fuhrwerken, Reiter, Viehtreiber usw. Durch deut­lich hörbares Glockenzeichen rechtzeitig auf das Rahen des Fahrrads aufmerksam zu machen. Der Radfahrer hat bei Der Fahrt die rechte Seite der Fahrbahn einzuhalten und entgegenkommen­den Fuhrwerken, Kraftfahrzeugen, Reitern, Rad­fahrern, Fußgängern, Viehtransporten oder dergleichen rechtzeitig und genügend nach rechts auszuweichen, ober, falls dies die Umstände oder Die Oertlidyteit nicht ge­statten, solange abzusteigen, dis die Bahn frei ift. Das Vorbeifahren an eingeholten Fuhr- irorten, Kraftfahrzeugen. Reitern. Radfahrern. Fußgängern, Diehtransporten ober derglrichen bat auf Der linken Sette zu erfolgen. Das Rad­fahren ist. außer auf Öen für Den Radfahrverkehr eingerichteten besonderen Wegen (Radfahrwegen), nur auf den für Fuhrwerke bestimmten Wegen und Plätzen gestattet. Auf-erhalb Der geschlvse- nen Ortschaften Darf das Fahren mit Zwei- rcrdern auch auf Den neben Den Fahrwegen tyin- fährenden nicht erhöhten Banketten flaÜfuiDen. Das Radfahren aus solchen Fußwegen, Die Das Ausweichen gestatten, ist außerhalb Der Ortschaft unter Der Voraussetzung zulässig, daß die Rad-

DieSakramentshex.

Roman von Marie Kerschen st einer.

15. Fortsetzung. (RachDruck verboten.)

Hetzt war es Lene, als ob sie in einen 21b- arunö versänke. Das war es, sie war kein Un­schuldiges! All ihre Sündlern fielen ihr ein. Schrecklich erschienen sie in Dem Licht, in Dem fie sie jetzt sah! Und je schmerzlicher sie ihr Se- wissen erferschte. um so mehr vergaß sie Den Seil Den Die andern an ihrer Schuld trugen. DaS Bewußtsein ihrer Fehldarkett nahm ihr drn letzten Rest von Hoffnung und Mit. Aber aach Die Furcht verscheuchte es und macht: einem wilden Trotz Platz. Kühl wog fie letzt Die Tat­sachen ab. Für Den Roman gab es keine Ret­tung mehr, weil sie unwürdig war. ihm das wundertätige Wasser zu holen. Run wollte H» auch nicht mehr leben. Richt von der Otelli würde sie sich regen, damit man sie tot fanöi, verhungert und erfroren! _

Sie knüllte sich m Den auf geschlitzten Tann en- leib zusammen, um so Den Tod zu erwarten. Teil­nahmslos bliiizelte sie in Die Finsternis hinein.

Aber plötzlich riß sie Die Qlajen auf.

Dort! Ein rötlicher Schein! Auf- blltzend zwischen den schwarzen Walbkronen r War's ein verspätetes Leuchttäferchen. das hinter den Wipfeln auftauchte und verschwand, Die Der Rachltettcd jetzt wogend bewegte? Schars sah sie hin. Jetzt -.hob es sich deutlicher hervor: Richt schimmernd sah es mehr aus, stellte sich vielmehr als ein festamgrenzter roter Punkt Dar.

Lene sprang mit ri.-.em Satz auf Die ErDr. einige Licht!" schrie fie, wie von Sin­

nen und stürzte davon. Hetzt konnte sie dm Weg finden, too sie die Richtung tonnte, in der das Kirchlein lag Frost und Müdigkeit waren ver­schwunden. Ungeduldig tastete sie sich durch Die sargdunkle Rächt. Sie zerschlug sich Die Stirn an manchem Fichtenleib, der sich ihr entgegen- stemmte, oder verschlang Den Fuß in Den Wurzel­adern des Waldbodens.

Endlich war sie am Ziel.

Still und feierlich stand das holzgezimmerte Gotteshaus, vom rötlichen Schein Der Ampel unsicher umflossen. Lene maßte sich ducken, am in Die Grotte za gelangen, Die, von Der Kapelle überbrückt, Den GesunDheits brunnen umschloß. Glucksend, in mühsamen Tropfen, entwand sich das Wasser dem vereisten Brunnenrnund. End­los dehnte sich die Zett, bis Das Fläschchen ge­füllt war, bis Lenes frosterstarrte Fing-r es unter dem Brusttach tn Sicherheit gebracht hatten.

Und jetzt heim!

Die übermäßige KraftanspMrung hatte nach­gelassen. Zwar war das Ziel erreicht, aber Freude empfand sie nicht, nur Müdigkeit, untr Der ihr De Ten zusammen brach. Rur Die dumpf: Sehnsucht, Daheim zu fein, regelte noch ihr Tan.

Mattrot huschte das Licht der Oellampe über das Unterholz. Der Wind bog das Gezweig auseinander unD legte einen Opferstoa frei, der das Bild des Gekreuzigten trug. Das war das letzte Bild des Stationsweges, Der sich in lang- gezogenem Zickzack von Der Fahrstraße zur Ka­pelle wand. Lene kannte diesen Weg, er führte langsamer, aber sicherer aus Dem Wall».

Die HanD an Dem hinfälligen Geländer, lappte fie wieder in Das Dunkel hinein, erschöpft. I gleichgültig, nut leerem Bewußtsein.

Heim!

Schritt für Schritt nahm sie die ungleichen Stufen, die in den Waldboden etngegraben teuren. So oft Der Weg kehrt machte, fühlte sie tastend den hölzernen Stock Der Stationsbilder. Endlos schien es. bis Das letzte erreicht mar, bis sich Der Wald zu lichten begann, dis ab und ja eui Stern zw schen DenBäumen cmfbl.hte. Endlich log das Schneedach Des Zungholzes hinter Lene. Das Vordringen auf der Fahrstraße ging müh­sam, Denn es hatte inzwischen tüchtig geschnettz 3etjt war in Der srostschweren Rächt keine Flocke mehr zu sehen. Der Himmel beschien mit seiner ganzen Sternenpracht ein endlos ausgedehntes weißes Bett, in dessen östlicher Richtung das Dorf liegen mochte. 3n Der ganzen Weite tarn kein Laut, nur das Knirschen des Schnees mter Lenes Sohlen unD ein feines glänzendes Klirren in Der Luft. Die Heimatnähe wirkte noch ein­mal belebend auf das Kind. Merkwürdig ge­wichtslos fühlle es sich, eine unbeschreibliche Wohligkeit ging ihm durch Körper und Geist. Halb im Schlaf, mit steifen Lippen, lallte es ein Kinderlieb:

Dort hoch auf Dem Berge, Da wehet der Wind, "Da sitzt die Frau Maria UnD wieget ihr Kind.

Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand, Schlaf ein schlaf ein lieb Kindelein!

Ein bedrückendes Zittern befiel Lene and zwang sie zur Rast. Sie setzte sich auf einen Weg st ein. Stumpfen Blicks sah sie J>en mattfun­kelnden Schneeteppich, Die schweren Fichtenzteeige, zottig unter ihrer Last. Sie sah das Befuget des Rachchimmels und sah alles das doch wieder

nicht. Durch Die kristallene Luft Hangen Glocken- schläge, neun an der Zahl. Steif und leblos drangen Die Eindrücke auf sie ein, sanden leinen Widerhall in dem erstarrten D.wullsctn. Rur das Vorwärtsdringen in ihr war noch am Wert. Wie' ein feiner Schmerz kam es, schwoll an, verging und kehrte wieder, unablässig ind zäh.

Heim!

Wozu? Weshalb? Sie wußte es nicht mehr Roch ein letztes Mal bezwang sie es. Gewalt­sam hob sie den Fuß zum Schritt. Da tlang'8 ihr wie Schlittengclaute im Ohr, fern her vom Himmel her

Halb in Ohnmacht, halb von Schlaf bezwan­gen sank 2ene in Den Schnee.

Mittlerweile baffe der Kirchweihtttidel seiner. Höhepunkt erreicht. Die Bauern hatten sich schon Die Deine zuschanden getanzt, nur em paar Rimmer satte drehten sich noch im Kreise. Schläfrig strichen dir Musikanten Die Saiten, es war ihnen gleichgültig, tcai Dabei hro a kam. Die Flöte war über Die Diele gekollert, ihr Besitzer schnarchte in Den höchsten Tönen. 3n Der Schenkstube saßen Die Bauern Dicht beisammen, wie Die Heringe in Der Tonne. Die Luft war stechend vor Rauch und Dunst. Die Umrisse verschwammen in Dem erstickenden Qualm. Mit roten Augen and er­hitzten Köpfen saßen die Dörfler da. Schwer und dick floß ihnen das Blut m den Adern. DaS Bier hatte eine lauernde Streitlust m ihnen all- geweckt.

(Fortsetzung folgt)