Nr. 265
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Mittwoch, 8. November 1922
172. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Ium 9. November.
Am 9. November 1922 kann die deutsche Republik ihren vierjährigen Geburtstag feiern. Festlich wird er allerdings nicht gefeiert werden, dazu ist eine Veranlassung nicht gegeben. Dunkel und drohend liegt die Zu- ninft vor uns.
Als wir vor vier Jahren der Uebermacht der Feinde erlagen, blieb uns die erhebende Erinnerung an beispiellose Großtaten mili- tärischer, technischer und wirtschaftlicher Natur, Vie Erinnerung an die seelischen Aufopferungen der Heimat und der Front. Aus dieser Erinnerung erwuchs von neuem der Glaube an die deutsche Kraft, die Hoffnung, daß uns auch wieder ein nationaler Aufftieg wie nach 1806 beschicken sei. Die Hoffnung war nicht unbegründet. Waren auch das Heer und der Deamtenstaat in Auflösung begriffen, so blieb uns doch die deutsche Wirtschaft. Sie war geschwächt, aber nicht tätlich getroffen. Heute bangen wir auch um diese deutsche Wirtschaft.
Ohre Rettung hängt von der s i t t l i ch e n Erneuerung des deutschen Volkes ab. Der Geist ist's, der lebendig macht: der Geist der Volksgemeinschaft und der Wille zur natto- nalen Einheit.
Heute sieht es aber bei uns so aus, als ob der Begriff der VollSgemeinschaft überhaupt iwch nicht entdeckt sei. Kampfgerüstet stehen sich die organisierten Massen und Klassen gegenüber, bereit, manches zu wagen, um für sich selbst ein größeres Stückchen von der immer kleiner werdenden Gesamternährungs- decke zu erkämpfen. Der Feind steht aber draußen! Er ist es auch, der durch den Friedensverttag von Versailles die Hand nach der Gurgel der deutschen Wirtschaft ausstreckt.
Ja, der Feind steht draußen!, Nur aus dieser Erkenntnis kann der Wille 'Zur nationalen Selbstbehauptung, der Zusammenschluß aller erwachsen. Hätte auch die Sozialdemv- ttatie diesen fundamentalen Satz in ihre Massen hineingehämmert und danach Weg und Ziel ihrer Politik bestimmt, dann hätten auch diejenigen Volksschichten, die durch die Revolution verarmten und alles verloren, ihren inneren Frieden mit der Republik gemacht, wahrlich nicht zum Schaden der Arbeiterschaft. Es war der geschichtliche Fehler der Sozialdemokratie, daß sie glaubte, durch eine sozialistische Revolution den Frieden wenigstens für das klassen- bewußte Proletariat retten zu können. Es war der verhängnisvolle Irrtum des 9. November 1918, aus dem zwangsläufig neue Schuld und neues Elend hervorgehen muhte. Nicht eins der Versprechen, das die Revolutionäre dem deutschen Volke gegeben haben, ist in Erfüllung gegangen. Wir haben weder Frieden, noch Freiheit, noch Brot.
Gegen den nationalen Gedanken ist frei» lich auch von anderer Seite gesündigt worden. Cs wäre nicht nur ungerecht, sondern auch töricht, allein die Sozialdemokratie für alles verantworllich machen zu wollen, was seit der Revolution durch eigene Schuld über das beut» : sehe Volk hereingebrochen ist. Was aber soll aus uns werden, wenn der nationale Gedanke durch neue Belastungen so geschwächt wird, daß er nicht mehr imstande ist, uns durch diesen Winter der Not mit allen seinen innen- und außenpolittschen Schwierigkeiten hin- durchzuttagen? Dann ist auch die Einheit des Reiches gefährdet.
Der Ruf zur Volksgemeinschaft muh jetzt Sammelruf des ganzen deutschen Volkes werden. Wir werden aber nicht eher zusammenkommen, bis wir vor einander ehrlich werden. Darum muh auch mit der wirtschaftlichen Illusionalpolitik endgültig gebrochen werden. Es bleibt dabei, dah wir nur durch Mehrarbeit und Mehrleistung neue Werte schaffen können. Trug und Irrtum ist der Wahn, als ob es möglich sei, durch irgendeine Aktion, sei sie wirtschaftlicher, politischer, finanzieller Natur, von heute auf morgen aus dem Elend herauskommen zu können.
Lang, beschwerlich und entbehrungsreich ist der Weg, der nach oben führt. An ein schöneres Endziel werden wir aber gelangen, wenn neuerwachtes Pflichtgefühl die Volksgemeinschaft unterwegs zusammenhält. Nehmen wir die Familie und den bedrohten geistigen Mittelstand als die Quellen unserer Physischen und geistigen Erneuerung auf diesem Kampfzug in die Mitte! Dann wird aus innerer Geschlossenheit die Kraft nationaler Selbstbehauptung allen Feinden gegenüber erwachsen. Daran wollen wir glauben trotz allem, was uns die Revolution gebracht hat, trotz allem, was uns der Vernichtungswille des Feindbundes noch antun wird.
Berlin, 8. Nov. (Priv.-Tel.) Die Berliner Gewerkschaftsko in Mission hat in ihrer gestrigen Vollversammlung beschlossen, ihren vor einigen S*agen gefaßten Beschluß, am 9. Avvem° ber in Berlin die Arbeit ruhen zu lassen, mit
Rücksicht auf die politische Lage rückgängig zu machen. Die Arbeit wird in vollem Umfange aufrecht erhalten werden. Der Dezirksverband der D. S. P. D. und die verschiedenen BezirkSversamm- hingen der einzelnen Gewerkschaften, unter anderen die der städtischen Betriebe, traten dem Beschluß der Gewerkschaftskommission bei.
Die Berliner Verhandlungen.
Berlin, 8. Nov. Wie die Blätter mit- tellen, wird die Formulierung der neuenBor- schläge der deutschen Regierung an die ReParationSkommission nicht unbeeinflußt bleiben von dem Gutachten der ausländischen Sachverständigen. S'a.d erste dieser Gutachten, das die Unterschrift der beiden Engländer Brand und Keynes, des Amerikaners I e n k s und des Schweden Kassel trägt, ist dem Reichskanzler bereits gestern abend zu- gegangen. Die Ueoergabe des zweiten Gutachtens, das von den Herren Dubois, Kamenka und B i s s e r i n g ausgearbeitet worden ist, wird heute vormittag erwartet.
Das „"Bert Tagebl." nimmt an, daß nach Beschlußfassung des Kabinetts die Antwort der Reichsregierung noch im Laufe des heutigen Tages der Reparationskommission übergeben werden farm.
Don den Blättern wird mit Bestimmtheit erklärt, daß sich ausländische Privatbanliers mit Zustimmung und mit zugesagter Unterstützung ihrer Regierungen zur Beteiligung an einer Stützungsaktion für die Mark in Dank- frebiten unter Mitwirkung der deutschen Reichs- bank bereit erklärt haben.
Die Blätter heben nochmals hervor, daß in bezug auf die Formulierung der deutschen Vorschläge an die Repa'ationskommission und während der ganzen Dauer der Berliner Verhandlungen mit der Kommission innerhalb der ReichS- regterung völlig Einmütigkeit bestanden hätte, es werde aber, wie die Blätter schreiben, für eine Selbstverständlichkeit angeseh n. daß die Erwägungen über eine Umbildung der Regierung unmittelbar nach dem Abschluß der 'Verhandlungen wieder ausgenommen werden. _ Es bestehe allgemein die Auffassung, daß sehr bald eine deutliche Neuorientierung der deutschen Politik erfolgen müsse. Bereits vor den Reichstagsferien habe der Reichskanzler in einer Parteiführerbesprechung erklärt, das Kabinett müsse neu und so gestaltet werden, daß es eine Konzentration aller aufbaue n den politischen und wirtschaftlichen Kräfte in Deutschland darstelle. Es solle ein umfassendes außen- und innenpolitisches Programm aufgestellt werden, zu dessen Durchführung des ganze deutsche Volk aufgerufen werde.
Besprechungen des Reichskanzlers mit den Parteiführern.
Berlin, 7. Nov. (WTD.) Heute nachmittag empfing der Reichskanzler die Parteiführer, und zwar zunächst die Führer der Regierungsparteien, der Deutschen Volkspartei, der Bayerischen Volkspartei und daran anschließend die Führer der Deutschnationalen Volks- Partei, um sie über dm bisherigen Verhandlungen der Reichsregierung mit der Regara- tionskommission sowie über die Aussprache mit den internationalen Finanzsachverständigen zu unterrichten.
Die deutschen Holzlieferungen.
Berlin, 8. Nov. Wie das Tageblatt erfährt, sind die Verhandlungen der Reichsregierung mit der Reparationskommission über die Holz l i e - ferungen Deutschlands an die Entente zunächst vertagt worden. Die Deratungen sollen demnächst in Paris weitergeführt werden.
Die Verhandlungen über die Kohlenlieferungen.
Berlin, 7. Nov. Dem „Börsenkurier" zufolge sind die Verhandlungen der Reparationskommission über die deutschen Kohlenlieferungen heute mittag zum Abschluß gekommen. Die Kommission hat sich darauf beschränkt, die Information der deutschen Sachverständigen über die Lage der deutschen Kohlenwirtschaft entgegenzunehmen. Beschlüsse seien nicht -gefaßt worden.
(Sine zweite Baukierkottferenz?
Nach einer Meldung des „‘Bert Tagebl." sind seit geraumer Zett Besprechungen im Gange, eine zweite Dan k i e rk o nf e ren z unter dem Vorsitz von Morgan zur Duskussion der Repara- tionsfrage nach Paris oder Brüssel einzu- berufen. Da Morgan, der sich gegenwärtig in Rom aufhält, spätestens am 26. November nach Amerika zurückzukehren geben:t, soll die Danlier- konferenz noch vor dickem Termin stattfinden. Dies sei auch der Grund, weshalb die Reparationskommission möglichst rasch nach Paris zurückkehren möchte Das Blatt glaubt zu wissen, daß die Kommission Donnerstag als Termin für ihre Abreise beibehalten werde. Wenn allerdings die neuen deutschen Vorschläge Aussicht für eine wesentliche Förderung der Besprechungen über die Markstabilifierung bieten sollte, toürbe die Kommission ihren Berliner Aufenthalt noch um einen oder zwei Tage verlängern. Sollte dies jedoch nicht der Fall fein, s<o würde die Kommission zur Fortsetzung der Erörterungen in Paris bereit sein.
Poincar^s Pfänderpolitik.
Paris, 8. Nov. (WTD.) Das „Echo de Paris" teilt mit, Ministerpräsident Poin - care habe vorgestern dem englischenKa-
b inett eine ziemlich lange Note übermittelt, in der er den Wunsch zu einer engen Zusammenarbeit ebensowohl in der Orientfrage als auch in der Frage der Reparationen zum Ausdruck bringt. Diese Note fei zweifellos der Vorbote eines Meinungsaustausches, von dem man hoffe, dah er fruchtbringend sein werde. Was die Reparationen anbetreffe, so habe Poincare wiederum unter anderem das Erfassen produktiver Pfänder zugunsten der alliierten Gläubiger Deutschlands vorgeschlagen.
Loucheur
über die Lage Deutschlands.
Paris, 7. Nov. In der heutigen Nachmit- tagssihung der Kammer spricht der Abg. L o u° cheur üoer die Lage Deutschlands. Er erllärt, eine der Hauptursachen der Weltkrisis sei die Wähi-ungskcankheit der Welt. Deutschland werde dieses Jahr weiter importieren müssen Der Abg. Blum habe Recht gehabt, wenn er gestern gesagt habe, daß Deusichlano sich durch seine Inflationspolitik bankerott gemacht habe. Es handele ich hier nicht allein um einen Fehler der deut- chen Regierung, diesen Fehler hätten, auch die nanzösischen Finanzleute und Industriellen begangen, die geglaubt hätten, dah die Wechsel- kursprämie ihren Export begünstigen würde, während in Wirklichkeit das fortgesetzte Sinken der Qilarf Deutschland genötigt habe, bei immer unheilvolleren Verhältnissen seine Versorgung vorzunehmen. das Land ruiniert und jeden Haushaltsausgleich verhindert habe. Er glaube nicht an bie Wirksamkeit einer internationalen Währung. Nach feiner Ansicht würden die Länder, die Rohmaterialien erzeugen, bald das iniernationaleGold absorbiert haben. Loucheur bespricht alsdann die gonge der Sicherheit Frankreichs. Wenn zwischen
:r Frage, nicht bezahlt zu werden uno der Fraae, eine genügende Sicherheit z>u besitzen, gewählt werden müsse, würde er für die Sicherheit eintreten. Es sei aber möglich, beytbU M werden unb die Sicherheit zu gewährleisten. Niemand forme es Frankreich verdenken, wenn es am linken Rheinufer ein Regime verlange, das ihm gestatte, in Ruhe zu schlafen. Er habe niemals den Gedanken eines verschleierten Protektorats oder einer Annektion gehabt. Er benfe nicht einmal, das linke Rheinufer vom Deutschen Reiche zu trennen. Das linke und das rechte Rheinuser seien durch sehr enge Interessen miteinander verbunden, aber wie Maurice Darres Der lange er, daß alle preußischen Beamten entfernt -werden, die nach dein Rheinlande den kriegerischen Geist tragen würden. Das Rheinland den Rheinländern. (Beifall.) Im Rheinlande dürfe man keine Finanzkontrolle, nicht einmal eine politisch: Kontrolle, aufrichten, aber eine militärische Kontrolle.
Po incare unterbricht und erklärt, eine Räumung des linken Rhein Ufers könne erst erfolgen, wenn Deutschland seine Verpflichtungen erfüllt habe. Solange der Derttag nicht ausgeführt sei, werde Frankreich die Besetzung aufrechterhatten.
Loucheur fortfahrend: Er suche ein Regime, das den Frieden nach der Räumung sicherstelle. P o i n c a r e erwidert: Wir können das jetzt nicht ins Auge fassen. Loucheur erklärt weiter, er spreche nicht von einer sofortigen Räumung, aber er glaube, dah man zur Sicherstellung des Friedens das Regime am linken Rheinufer ändern müsse. Der Augenblick sei für Frankreich gekommen, um der Welt das große Programm einer allgemeinen Regelung vorzuschlagen. Man müffe nicht zuerst von Reparationen und dann von Europa sprechen, denn man dürfe nicht aufhören, daran zu denken, dah wir alle, die einen mit den andern, solidarisch seien.
Die Rede Loucheurs löskss in der Kammer eine große Wirkung aus.
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Die kritische Lage im Orient.
Konstantinopel, 7. Nov. InTschanak ist eine kritische Lage entstanden, da dort türkische Gendarmerie gegen die griechischen ßinien vorrückt und das Borgchen griechischer Patrouillen jenseits der Dreimeilenzone verhindert bähen. General Harrington wird am Dienstag die Lage mit IsMid Pascha erörtern.
Die Kundgebungen in den asiatischen Vorstädten von Konstantinopel haben gestern eine ernste Wendung genommen. Die Fenster der von Christen bewohnten Häuser wurden eingeschlagen. Die Demonstranten schrieen: Nieder mit England, Frankreich und den Alliierten: — Die alliierten Oberkommisiare forderten von ihren Regierungen die Vollmachten, falls es notwendig würde, über Konstantinopel sofort den Belagerungszustand zu Der bangen.
London, 7. Nov. Reuter erfährt, der Zweifel darüber, ob Angora beabsichtige, das Mu- dania-Abkvmmen auszuführen, verursache Besorgnis. Es bestehe volle Uebereinftimmung zwischen den Alliierten, die einhellig der Meinung seien, dah die Verantwortung für die Sicherheit der Bevölkerung Konstantinopels völlig auf ihren Schultern verbleibe. Die kemalistischen Anweisungen an die Zollbeantten würden eine Verdoppelung des Drotpreises und die Vesettigung der finanziellen Kommissionen und der ottomani- schen Schuldenverwallung zur Folge haben. Angora habe ferner die Schließung des britischen gemischten Gerichtshofes und der alliiertenSanitätskommissionen an- geordnet.
Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, hat Rrsaat Pascha den Alliierten eine Not «unterbreitet, in der die Ausweisung öci britischen Untertanen aus Konstantinopel gefordert wird.
London, 7. Nov. Reuter berichte! aus Konstantinopel, daß viele hundert Moham medaner, darunter der vormalige Scheich-ul Islam in der britischen Botschaft Zu flucht gesucht haben.
Generalmajor Maurice schreibt kn bei »Daily News", die kemalistischr Forderung der Räumung Konstantinopels sei ein Symptom der Stimmung und der Methoden der Kemalisten, die zu unterschätzen Wahnsinn wäre. Die mili tärische Position der .Kemalisten sei heute weit lärfef als zur Zeit der Konferenz xron Mudania, denn die türkischen Streitkräfte seien jetzt an der Grenze der neuen neutralen Zonen zusammen gezogen und bereit, unverzüglich vorzudringen Trotz aller abgeschickten Verstärkungen könne Eng land allein mit der Streitkraft, über die es an Ort und Stelle verfüge, den Türken nicht stand halten; der Türke wisse dies genau.
Forderungen Aegyptens.
Paris, 7. Nov. (WTD.) Wie Havas mit* teilt, hat der Vertreter der Regierung von Angora in einer Unterredung mit einer Delegation der ägyptischen Nationalpartei der letzteren mitgeteilt, daß die Regierung von Angora England ferne bevorrechtete Stellung im Niltale zuerkenne. Die Frage sei entsprechend dem von der ägyptischeen Nationalpartei aufgestelllen Pakt zu lösen. Die ägyptische Nationalpartei fordert die politische bedingungslose Unabhängigkeit des Niltales und verlangt, daß die Verteidigung des Suezkanals ausschließlich Aegt)pten übertragen werden solle. Sie will sich auf keinerlei VerHandlungen mit England einlassen, solange nicht England durch den Abzug seiner Truppe« die völlige Unabhängigkeit des NiltaleS aner- könnt hat.
Vertagung der Konferenz von Lausanne.
Paris, 8. Nov. (WTD.) HavaS meldet, Großbritannien habe Frankreich eine VertagungderKonferenzvonLau- sänne vom 13. auf den 27. November vorgeschlagen. Wenn auch Frankreich einer kurzen Vertagung nicht abgeneigt sei aus Organisationsgründen, so würde es sich doch wahrscheinlich einer so langen Vertagung widersetzen.
Die Lage in Bayern.
München, 7. Nov. (WTD.) Wie aus Landtagskreisen verlautet,hielten die Koalitionsparteien heute Fraktionssitzungen ab, die sich mit der politischen Lage und insbesondere mit der Frage der Kabinettsbildung beschäftigten. Dem Vernehmen nach hat der Dauernbund der Kandidatur von Knilling zugestimmt. Die Demokraten wollen dem neuen Kabinett gegenüber eine abwartende Haltung einnehmen, ebenso beabsichtigen die Sozialdemokraten eine ähnliche Stellungnahme. Gewisse Schwierigkeiten sind durch die Umbildung der Bayerischen Mittelpartei aufgetreten. Die Mittelpartei hat zwar gegen die Person v. Knil- lings nichts einzuwenden, beansprucht aber neben dem Justizministerium im neuen Kabinett auch noch das Handelsministerium. Die Daherische Volkspartei glaubt aber einer derartigen Forderung auf Grund der Fraktionsstärke der Dayerischen Mittelpartei nicht zustimmen zu können. Die Fraktionssitzung der Dayerischen Mittelpartei wurde um 9 Uhr abends abgebrochen und wird Mittwoch vormittag fortgesetzt. Die Entscheidung dürfte also frühestens Mfttwocy, voraussichtlich gegen Mittag, fallen.
Berlin, 7. Nov. (Privat-Tel.) Trotz bei amtlichen bayerischen Dementis bleibt die „Voss. Ztg." bei ihrer Behauptung, daß sich Kapitän Ehrhardt in ^Nünchrn aufgehalten habe, allerdings unter fremdem Namen.
Die Berliner Gewerksschaftskommission Höll heute nachmittag eine Vollversammlung ab, die infolge von alarmierenben Meldungen der Gewerkschaften über die Lage in Bayern cinberufen wurde. Die bayerischen Gewerkschaften sollen eingehendes Material über die Tätigkeit des Ge-re- rals Lüttwitz und des Kchütans Ehrhardt in Bayern und über die des Majors Pabst in Nordtirvl gesammelt haben.
Die Wahlen in Amerika.
Paris, 7. Nov. (WTD.) Havas berichtet aus Washington, bei den heute stattfindenden allgemeinenpolitischenWahlen werde die Wahl zum erstenmal seit brr Wahl des Präsidenten H a r b i n g ber Meinung bes Landes Ausdruck geben. Die Vereinigten Staaten haben 435 Abgeordnete zum Repräsentantenhaus, 37 Senatoren. 32 Staatsgouverneure, sowie die Mitglieder ber gesehgebenben Körperschaften in den verschiedenen Staaten zu wählen. Die Hauptrolle werde die Frage des Alkoholverbotes spielen. Vom internationalen Gesichtspuntte sei in der Wahlkampagne .allein die Frage des Zolltarifs erörtert worden. Die Teilnahme am Völkerbünde und die interalliierten Schulden ifeien fast überall in den Hintergrund


