Ausgabe 
8.7.1922
 
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Nr. 158 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Samstag, 8. Juli (922

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Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 7. Juli 1922.

Die Tagesordnung .der heutigen Stadt­verordneten-Sitzung enthielt unter den ange­setzten 22 Punkten einige, denen man von vornherein erhöhte Bedeutung zuerkennen mußte. 3n erster Linie war es das D a u p r o - gramm für 1 922, das mit Recht die volle Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ebenso wie in allen Städten unseres Vaterlandes ist auch hier die W v h n u n g s n'o t überaus besorg­niserregend. Zwangseinmietungen und der­gleichen kleine Mittel kommen als ^wirklich taugliche Waffen im Kampfe gegen den Woh­nungsmangel erst in weit zurückliegender Linie in Betracht. Das wirksamste Instrument ist hier nur das Bauen neuer Wohnun­gen. Es ist erfreulich, feststellen zu können, daß unsere Verwaltung diesen einzig richti-. gen Weg mit Entschlossenheit und klarem Ziel­bewußtsein geht und auch für dieses Jahr wie­der gewillt ist, im Einvernehmen mit bereit­willigen Organisationen eine Reihe von Woh­nungsbauten durchzuführen. Bauen kostet aber Geld, und heutzutage mehrdennje. Auch in dieser Hinsicht hat die Stadtverwaltung einen sachlich gut fundierten Beschluß gefaßt, indem sie diese Bauten aus der Woh­nungsbauabgabe finanzieren will. Diese Maßnahme ist durchaus zu billigen, und d i e Mreterkreise, die wegen dieser Abgabe vielleicht noch verschnupft sein sollten, können doch bei richtiger Würdigung der Verhältnisse, wie sie heute nun einmal gegeben sind, sicherlich zu gar keinem anderen Resultat kommen, als eben die Wohnungsbauabgabe, so fühlbar sie viel­leicht auch für manchen sein mag, als einzig mögliches Rettungsmittel aus dem Woh­nungselend gutzuheihen. So lange wir diebe­klagenswerten Zustände haben, unter denen wir jetzt alle seufzen, müssen wir uns eben auch mit Ausnahmeabgaben befreunden. Wenn mal wieder bessere Zeiten kommen, dann werden andere Entschlüsse zu fassen sein. Reben dieser bedeutsamen Wohnungsvorlage stand gleichwertig bedeutungsvoll die Beratung so­zialpolitischer Angelegenheiten. Die Fahr­preisermäßigung für die Schwer­kriegsbeschädigten wird der rückhalt­losen Zustimmung der gesamten Bürgerschaft sicher sein, wenn es der Verwaltung gelingt, diese Vergünstigung wirklich nur denen zu- kommen zu lassen, die sie tatsächlich nötig ha­ben. Mißbräuche müssen hier unter allen Am- ständen verhindert werden, einmal, damit die Stadt nicht zu Anrecht belastet wird, und zum andern im wohlverstandenen Interesse der Kriegsbeschädigtenfürsorge, die durch Miß­bräuche nur in Verruf käme, während ihr doch die vollste Sympathie und wärmste Anterstüt- zung gehören muh. Daß die städtischen Kör­perschaften in weitgehender Weise auch wieder für die Kleinrentnerhilfe besorgt wa­ren, ist außerordentlich erfreulich. Wenn es gilt, diesen allen Leuten inmitten unserer not­erfüllten, düsteren Zeit den Lebensabend ein wenig angenehmer zu Machen, als sie selbst es sich zu verschaffen Sermögen, dann darf kein Opfer gescheut werden. Es handelt sich hier einfach um die Erfüllung einer Dankespflicht, denn diejenigen, die heute alt und arbeitsun­fähig unter uns leben, waren es doch, die mit ihrem Fleiß und mit ihrer Schaffensfreudig- kett unser Vaterland groß gemacht haben; sie leiden unter dem schmerzlichen Wandel der Verhältnisse nicht nur körperlich, sondern sicherlich auch.seelisch mehr wie viele von uns Jüngeren und Arbeitskräftigen. Zugunsten dieser alten Männer und Frauen muh immer geschehen, was nur irgendwie in unseren Kräf­ten steht.

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Bitzungsverlauf.

Anwesend sind Bürgermeister Krenzien, die Beigeordneten Dr. S e i b, Dr. Frey, Dr. Rosenberg und 29 Stadtverordnete.

Der Vorsitzende macht zunächst einige Mit­teilungen. Hiervon interessiert besonders eine Zu­schrift der Volkshochschule. Diese dankt für die städtische Unterstützung für das Jahr 1922 und gißt der Hoffnung Ausdruck, mit den jetzt ver­

fügbaren Mitteln die gestellten Aufgaben weiter erfüllen zu können. Die Mitgliederbeiträge sollen allerdings auch etwas schärfer herangezogen wer­den. Dieser Sommer habe der Volkshochschule mehr Hörer gebracht als Ler vorige; es 'seien jetzt über 280. Alle Veranstaltungen seien gut besucht.

Das W o h n u ng s bau pro gramm für 1 922 wird hierauf vom Vorsitzenden in eingehen­den Darlegungen entwickelt. Es kommen insge­samt 80 Wohnungen in Betracht. Davon baut die Stadt unter Benutzung der Wohnungsbau­abgabe und mit Hilfe der staallichen Zuschüsse 63, die übrigen werden von der Eigenheimgesellschaft, der Baugenossenschaft 1894 und der Eisenbahn­verwaltung unter Begünstigung der Stadt erstellt werden. Von den geplanten 80 Wohnungen sind 33 an der Gnauthstrahe schon im Rohbau ziem­lich fertiggestellt. Es bleiben demnach noch 47 Wohnungen, über die von der Daudeputation, vorbehaltlich der Zustimmung des Stadtparla­ments, wie folgt beschlossen wurde: Wohnungs­bauten sollen ebenfalls an der Gnauthstrahe errichtet werden, um hiermit den Platz StephanstraheGnauthstrahe städtebaulich zu vollenden. Weitere 3 Wohnungen will man in Verbindung mit einem für das Stadttheater un­bedingt zu erstellenden Kulissenraum bauen. Dieser Kulissenraum soll nach dem Plane der Baudepn- tation in der Ivhannesstrahe in nächster Rahe des Theaters angelegt werden; als zweckmäßig hierfür ist der Wiener Hof in Aussicht genom­men. Die verbleibenden 35 Wohnungen sollen folgende Verteilung erfahren: 20 soll die Bau­genossenschaft 1894 errichten, 9 der Eisenbahn­heimstättenverein, hinter dem die Eisenbahndirek­tton steht, und 6 die Eigenheimbaugenossenschaft. Die Mcugenossenschaft 1894 trägt also einen wesentlichen Anteil an der Vermehrung der Wohnungsbauten, außerdem ist sie auch schon mit Baumaterial eingedectt, so daß die Zuteilung einer so hohen Wohnungsziffer gerechtfertigt ist. Der Finanzausschuß und Baudeputation schlagen vor: 1. Für die gemeindepflichtigen Darlehen werden insgesamt 60 000 Mk. pro Wohnung gewährt, da­bei soll aber die Gewährung des staatlichen Dar­lehens in gleicher Höhe beantragt werden; 2. den Genossenschaften die Anterstützung der Stadt nur unter Erbbaurecht zu gewähren und unter Aeber- nahme der Verpflichtung, in Reihenbau zu bauen; 3. die Eigenheimbaugenostenschaft mit einem Dar­lehen von 500 000 Mk. zu unterstützen unter der Bedingung, daß sie für 300 000 Mk. Sicherheit hin­terlegt; 4. dem Cisenbahnheimstättenverein einen Vorschuß von 300 000 Mk. zu gewähren, wenn ver­traglich zugesichert wird, dmß die Eisenbahndirek­tton zwei Drittel der unrentierlichen Kosten trägt und der Eisenbahnheunstättenverein sich verpflich­tet, zwei Drittel der neuen Wohnungen an hier Wohnungsberechtigte der Eisenbahnverwaltung zu vergeben. Rach kurzer Aussprache erllärt sich das Kollegium damit einverstanden.

Die Genehmigung von Rechnungen über die freihändige Beschaffung von Bau­stoffen wird erteilt. Es handelt sich dabei um folgende Materialien bzw. Kosten: 300 Sack Ze­ment 40 470.50 Mk., verzinkte Dachfenster 17 458 Mark, Herde und Unterlagen 25 880 Mk., Stein­holzfußböden 7 555.45 Mk., Tapeten 8 368.45 Mk., Rohre und Abzugsstücke 33 593.90 Mk., Zinkblech 22 390.55 Mk., Spülkästen 31 149.40 Mk., Rohre und Abzüge 22 174.25 Mk., Oefen 86 334.50 Mk., Herde 58 799.50 Mk., Kanalstücke 42 963.75 Mk., Gloserarbeiten 8 001.40 Mk., Pflanzungen an den Reubauten der Kaiserallee 9 680.30 Mk.

Dem Chemischen Antersuchungsamt und Hygienischen Institut wird die Vergütung für die Anter Buchung des Trink Wassers von 800 Mk. auf 1500 Mk. mit Wirkung ab 1. April erhöht.

Für die Amlegung der Wasserlei­tungen in dem zur Bebauung vorgesehenen Ge­biet gegenüber der Siechenanstalt Werdern 195 000 Mark angefordert. Das Haus genehmigt die Vorlage.

Mit der Anlieferung von Erde zur Auffüllung der Vorgärten vor den Baugruppen 5, 6 und 7 an der v erlängerten Bleich st ratze ist man einverstanden.

Der Verbreiterung des Leihgesterner Wegs vor der Gummifabrik von Poppe & Co. wird zugestimmt. Die Kosten in Höhe von 140 000 Mark werden genehmigt. Die Herstellung des Fuh- steiges an der ftaglichen Stelle geht zu Lasten der genannten Firma.

Für bauliche Veränderungen an der Liebigshöhe werden 250000 Mk. an­gefordert. Die Arbeiten waren ursprünglich mit 100 000 Mk. veranschlagt, die mittlerweile ein- getretene Verschlechterung der Wirtschaftslage läßt diesen Betrag aber als unzureichend er- scheinen und macht die Erhöhung auf 250 000 Mk. nötig. Stadtv. Dr. Krausmüller fragt, wann

die Liebigshöhe nuhbttngend für die Stadt in Er­scheinung treten werde. Die Besetzung des Wächter­postens solle möglichst rasch erfolgen. Stadtv. Simon schließt sich diesen Aussührungen an und meint, es solle dort kein Luxusrestaurant errichtet werden, sondern man möge lieber einen Volksgarten schaffen. Bürgermeister Krenzien antwortet, ein Restaurant erster Klasse werde dort nicht geschaffen. Was man für die 250 000 Mark schaffen könne, fei nur das allerbescheidenste. Die Räume sollten so hergerichtet werden, daß sie ein einigermaßen menschenwürdiges Aussehen bekämen. Mehr geschehe nicht. Die Vertrags­verhandlungen seien schon emgeleiiet, in nächster Zeit werde der Vertrag dem Hause vorgelegt werden. Er rechne damit, daß die Verpachtung des Gartens spätestens am 1. September erfolgen könne. Bei der Herstellung der Einrichtungen habe man in weitgehendstem Maße mit den Sachverständigen zusammengearbeitet.

In den seinerzeit aufgestellten Richtlinien über die Ablösung der Zwangsein­mietung ist über die' Dauer der Befreiung nichts gesagt worden. Man hält es für geboten, hierüber $inen bestimmten Zeitpunkt festzufetzen. Die Wohnungsdeputativn schlägt vor, die Be­freiung von der Wohnungsbesch^agnahme für die Dauer von zehn Jahren gelten zu lassen. Sollte die Stadt gezwungen fein, schon vor Ablauf dieser Zeit in das Verfügungsrecht des Haus­eigentümers einzugreifen, so wird der entrichtete Betrag ohne Zinsen zurückgezahlt mit der Maß­gabe, daß für jedes abgelaufene Jahr eine Kür­zung um ein Zehntel des Betrages eintritt. Wird genehmigt.

Die Da u g e s u che a) für die Erbauung einer Halle auf dem Grundstück der Zigarrenfabrik von Gail, b) für die Errichtung einer Halle auf dem Grundstück Gutenbergstrahe 14 und c) für die Herstellung einer Einfriedigung aus Holz vor den Beamtenwohnhäusern an der Senckenbergstrahe werden genehmigt.

Der Erhöhung der Kredite für die Unter» -Haltung der öffentlichen städtischen Ähren wird zugestimmt. Für die Ahr an der katholischen Kirche erhöht sich der Kredit von 300 auf 800 Mk., für die übrigen städtischen Ähren insgesamt von 2600 auf 6200 Mk.

Heber die Abrechn u ng mit der Daa- genossenschaft 1 894 betreffend die Wohn- yauskolonie Licher Sttaße, Döringflraße und An- neröder Weg berichtet der Finanzausschuß: Die Restzahlung von 28 856 Mk. auf den zu gewähren­den Pflichtteil der Stadt au^uhändigen, die ge­samten verschiedenen Daukostenvorschüsfe in Hohe von 2 030 039,98 Mk. auf die Stadttasse zu über­nehmen und eine unverzinsliche Hypothek in dieser Höhe nach dem Geslehungswert aus die einzelnen Grundstücke verteilt in das Grundbuch ein tragen zu lassen. Das Haus ist!damit einverstanden.

Zur Vervollständigung der Stra­ßenbeleuchtung wird ein Kredit von 150 000 Mark zur Verfügung gestellt. Die Lampen sollen namentlich jenseits der Lahn und im Rordwest- vierlel angebracht werden. Es kommen 30 Lam­pen in Betracht.

Die Rechnungsablage der Armen­kasse für das Rechnungsjahr 1918 erstattet Bei­geordneter Dr. Frey. Als Abschlutzziffer nennt er 286 965,47 Mk. In dieser Ziffer ist eine Aeber- schreitung des Voranschlages um 125 217,25 Mk. enthalten, die eine Folge der Geldentwertung ist. Die Versammlung genehmigt den Abschluß.

Beigeordneter Dr. ©etb befürwortet ein Ge­such des Gleiberg-Vereins um Erhöhung des Iahresbeittages und schlägt namens des Fi­nanzausschusses vor, statt 100 Mk. künftig 300 Mk. zu zahlen. Ein gleichgerichtetes Gesuche des Gie­ßener Lesehallenvereins findet eben­falls warme Befürwortung. Im Auftrage des Finanzausschusses schlägt der Beigeordnete vor, statt 10 000 Mk. mit Wirkung ab 1. April 20 000 Mark zu geben, da es ffich hier um eine durchaus gemeinnützige Einrichtting handle. Beide Vor­lagen werden genehmigt.

Ein Gesuch des Hessischen Polizei- und Schutzhundevereins und des Vereins für deu tsche Schäf erhun de, Ortsgruppe Gießen, um Ermäßigung der Hundesteuer, wird nach dem Anträge des Finanzausschusses abge­lehnt, da man die Ansicht vertritt, daß die meisten dieser Hundebesitzer Gewerbetreibende sind, welche die Hunde vor allem in ihrem eigenen Interesse halten. Man will 'sich keinen unliebsamen Kon­sequenzen aussehen.

Dem Wassersportverein Hellas wird ein Darlehen in Höhe von 8000 Mk. gewähtt, wie es bei verschiedenen anderen Vereinen aus besonderem Anlaß auch schon geschehen ist.

Die Anpassung der Teuerungszu­schläge der städtischen Beamten an die Reuregelung der Reichs- und Staatsbeamten wird

gutgeheißen, ebenso die Anpassung der Bezüge der Ruhegehalts- und Witwengeld­ern p f ä n g c r an die diesbezügliche Regelung des hessischen Staates.

Am die Erweiterung des Verwal­tungsgebäudes des Elektrizttäts- werkes entspinnt sich eine längere Aussprache. Beigeordneter Dr. Seid referiert namens der Detriebsdeputatton und empfiehlt m deren Aus' trag ein Projekt, das ca. 4500 000 Mk Kosten verursachen würde. Dieser Betrag sei angesichts der Arbeiten und im Hinblick oaf die starke Ver­teuerung der Baukosten als angemessen zu be­zeichnen. Die Kosten seien aus den laufenden Einnahmen des Werkes unter Verteilung aus drei Detriebsiahre zu decken. Stadw. Höhn beantragt, diese Empfehlung der 'BetriebÄ^r- tat ton nicht anzunehmen, sondern die Vorlage zur nochmaligen Berat mg an die Baudeputatton zurückzugeben. Es bestehe auch noch ein anderes Projekt, das nicht ganz so teuer sei. In der weiteren Aussprache betont Stadtv. Simon, die möglichst schnelle Verabschiedung der Vorlage fei empsehlenswept. denn wenn man die Sache noch einmal an die Deputatton zuruckgebe und sich in einigen Wochen wieder damit beschäftige, feien mittlerweile die Baukosten noch diel mehr in die Höhe gegangen, so daß die Stadt also gar feinen Rutzen habe. Ein Antrag aus dem Hause schließt sich dieser Auffassung an, will aber gleiche zeitig auch dem Wunsche rach nochmaliger 'Be­ratung Rechnung tragen. Er lautet:Es wird beantragt, die Angelegenh.it an die Detriebs- deputation in Verbindung mit der Baudeputation zwecks gemeinsamer Beratung zurückzugcben. Die Stadtverordnetenversammlung wolle weiter be­schließen, daß "der Aübau zur Ausführung kommt und uie erforderlichen Kredite zur Verfügung gestellt werden." Dieser Antrag findet die Zu­stimmung einer großen Mehrheit.

Auf Antrag des Beigeordneten Dr. Frey beschäftigt man sich hieraus mit einer Vorlage bett'. Ermäßigung des Fahrpreisesauf der elektrischen Straßenbahn für Kriegsbeschädigte. Dr. Frey erklärt u. a.. ihm sei mehrfach dorgehalten worden, die Stadt habe Geld für Tennisplätze, aber für die 'Be­günstigung der Kriegsb.schädiglen auf der Straßenbahn habe sie nichts übrig. Dazu habe er zu bemerken, daß die Tennisplätze eme wer­bende An läge der Stadt darstellen, die Geld einbrächte, mit dem dann wieder f03täte Auf­gaben bestritten würden. Bis vor kurzem sei den Schwerkriegsbeschädigten auf der Straßen« bahn freie Fahrt gewährt worden, diese Ver­günstigung habe die Straßenbahrrverwaltang aber aufgehoben. Der Beschluß der Bahnverwallung sei kein feindlicher Att gegen die Kriegsbeschä­digten gewesen, er sei nur entstanden aus ber Erwägung heraus, daß die Straßenbahn nicht m der Lage stehe, aus ihren Mitteln größere soziale Fürsorge zu betreiben. Er (Dr. Frey) habe sich nach Hilfsmaßnahmen umgefehen und schlage nun vor, es in Gießen genau so zu machen, wie es in den meisten anderen Städten auch geschehe. Die Schwerkrie^beschädigten und die 'diesen tn dem Grade der Invalidität gleichgestellten Leicht­kriegs beschädigten sollten nur den halben Fahr­preis bezahlen, wenn es fich um besonders be­dürftige Leute handle, solle völlig freie Fahrt auf Kosten der Stadt gewährt werden. Es tarnen hier etwa 70 Personen in Frage. Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten habe sich mit dieser Rege­lung einverstanden erklärt. Erne Fürsorgestelle habe die Anträge der Kriegsbeschädigten nach dieser Richtung hin zu prüfen, hierbei solle das größte Wohlwollen walten. Zur Durchführung dieses Planes sei em Kredit von 25 000 Mk. für das Jahr 1922 erforderlich. Für die Zukunft seien entsprechende Mittel tn den Etat einzustellen. Der Antrag wird nach kurzer Aussprache ein­stimmig angenommen.

In der vorigen Sitzung haben die Stadtv. Frau Raumann, Dr. Krausmüller und W i n n folgende Anfrage bzw. Qlntrag bei de» Stadtverwaltung eingereicht: 1. Wir fragen an, ob die ungefähre Zahl der in Rot befindlichen Kleinrentner unserer Stadt bekannt ist und was bis jetzt fettens der Stadt für die Linde­rung der Rot in diesen Kreisen geschehen ist 2. Wir beantragen angesichts der dauernd stei genden Preise für HÄzmaterial, Holz usw. zu bedeutend ermäßigten Preisen für die in schwie­rigen Verhältnissen lebenden Kleinrentner zu, Verfügung zu stellen. Beigeordneter Dr. Frey erllärt zu 1. u. a., einer Aufforderung der Stadt entsprechend hätten sich bis jetzt 75 Personen ge meldet. Don diesen bezögen 33 ehr Einkommen bis zu 1500 Mk.,' 30 ein solches bis zu 3000 Mk., 10 hätten bis zu 6000 Mk. und nur 2 bis zu 10 000 Mk. für die Lebensbedürfnisse. Aus einem Fonds der Stadtverwaltung fei diesen alten Leu ten bisher Hilfe zuteil geworden, es seien noch

Sie äfliaMen oon Diatios.

Roman von Ernst Scheitel.

8. Fortsetzung. ' (Rachdruck verboten.)

Dun schrillen die beiden zusammen in der von Perzelius ' angegebenen Richtung an den dumpf hallenden Wänden hin, aus denen der Lichttegel der Lampe immer neue Stücke heraus- schnitt, während die andern wieder in Finsternis berfanfen.

Eine kleine Stunde mochten die beiden so ge­wandert sein, als die Wände des Ganges aus- einanbertraten und die Decke emporstteg, die nun von gewaltigen Monolithen getragen wurde. Ein Geruch von kühlem Stein und irgendwelchen vege- tabllischen Stoffen erfüllte diese unterirdische Halle.

Das Licht der Lampe schlug breit auf die Wände und die viereckigen Steinsäulen auf, deren Schallen wie große schwarze Gestatten durch den Raum sprangen. Reugierig schnellte es in die entlegensten Winkel aber es traf nur auf totes Geröll, das dort unter dem Mantel der Dunkel- hett geschlafen halle.

Rur in den beiden Längswänden waren hohe schmale Spalten zu erkennen, wie Tore, die unter einem furchtbaren seitlichen Druck zusammenge- preht werden.

Doktor Perzelius näherte sich einer dieser Oeffnungen und zwängte fich hindurch, während er Eduard aufforderte, ihm zu folgen.

Die Spalte führte cttixi zwei Meter in den Seifen hinein, wo sie sich zu einer länglichen Kammer von bei Größe eines mittleren Zim­mers erweiterte. Der Raum war jedoch fast

ganz ausgefüllt von einem plumpen steinernen Sarg, auf dem ein geschnitzter hölzerner Deckel von schwerer Vergoldung lag. Perzelius stellte die Lampe nieder und hob unter großer An- strengüng mit Eduard zusammen den Deckel ab worauf ihm eine tiefe schwarze Höhlung gleich einem Lewalttgen Brunnentroge entgegengähnte. Erst als er das Licht darüber hielt, erkannte er am Grunde des Behältnisses die Formen eines menschlichen Körpers.

Mit Grauen hatte Eduard die Maßnahmen des Gelehrten verfolgt und bttckte jetzt starr und schweigend auf den Leichnam.

Doktor Perzelius beugte sich weit hinab, bis er das Handgelenk Des Körpers ergreifen konnte, woran er' den Toten hevcvufzog. Es schien ein tveiblicher Leichnam zu sein. Der Leib war forg= fällig mit breiten Leinen streifen umwickelt, b'e Arme und Füße waren nackt, das Haa des schön gebildeten Kopses sorgfältig in einer altertüm­lichen Weise frisiert. Perzelius legte den Körper ausgestteckt über eine der breiten Sargwände und begann eine eingehende Untersuchung. Die Leiche schien noch nicht lange rn ihrer unter­irdischen Behausung gelegen zu haben, denn das Fleisch war noch weich und die Haut elastisch Bei einer älteren Mumie wäre alles tote Moor­eiche gewesen. Auch Überraschte die eigentüm­liche Art ^er Munnnzierung, die unmöglich a if eine lang.. Dauer ' berechnet sein konnte. Am Halse gewahrte man einen langen, tiefen Schnitt, der aber vernäht war. Die Haare waren blond und der ganze Leichnam trag das Gepräge der Europäerin.

Eduard beobachtete fragend und staunend die Tätigkeit des Doktors, bis dieser ihn schließlich

aufforberte, ihm behilflich $a sein, um die finge Tote wieder in ihr steinernes Bett hinabzu­lassen. Rachdem auch der Deckel wieder über den Sarg gelegt war. trat Perzelius den Rückweg nach der Halle zu an.

Dort angekommen, überblickte er die gesamten Wandflächen und zählte an jeder Längsseite sechs solcher schmaler Türen. Das schienen die einzigen Ausgänge der Halle zu sein. Erst bei genauerem Zusehen gewahrte er auch tn der Schmalseite, welche dem Eingang gegenüber lag, ein niedriges viereckiges Loch, das die Mündung eines mit Schütt an gefüllten Ganges zu bilden schien.

Zunächst machte er sich daran, auch die übri­gen seitlichen Grabkammern zu untersuchen. Es ergab sich überall dasselbe Bild. Rur zwei der Särge waren leer, tn allen übrigen lag je etn blondes Mädchen.

Was bedeutet nun dies alles?" fragte end- [ig> Eduard, als sie in der letzten Kammer stan­den und aus 'ldas bleiche, wie nut Firnis über­strichen e Gesicht der Toten blickten, das aus dem bur.tlen Schachte des Sarges heraufleuchtete.

Wenn ich das schon genau wüßte, brauchte ich nicht erst hier zu sein," entgegenete der Doktor, ich kann nur vermuten, daß wir uns auf dem richtigen Wege befinden." Damit setzte er sich nachlässig auf die Brüstung des Sarges, zog seine kurze Pfeife aus der Tasche und entzündete den erkalteten Tabak. Während sich der blaue Rauch mit dem unterirdischen Modergeruch ver­mischte. begann der seltsame Gelehrte zu erzählen. Ich sagte Ihnen schon, daß in jenem Lande, in dessen Bauch wir uns augenblicklich befinden, zu allen Zeiten Menschen den Göttern dargebracht worden lind. Hauptsächttch waren es blonde oder

rothaarige Mädchen oder Jünglinge, die als Ge­schenke für den großen Set oder Sutech den ägyptischen Satan auserlesen wurden. Beson­ders unter der Erde wurde diesem schwarzen Prinzip geopfert und dort ertönte der orgiastische Lärm jener Riesenorchester, bei denen dressierte Elefanten, Hunde und Vögel aller Art ihre Stim­men vermischten mit dem Klang der merkwürdig­sten Instrumente und mit menschlichen Massen- chörsn, denen gegenüber unsre Konzerte nur ein schwaches Säuseln bedeuten. Run können Sie sich denken, daß em solcher Kutt, der aus dem inner­sten Wesen eines Volles herausgewachsen ist, nicht einfach wieder verschwindet. Sehen Sie Indien an. Die uralten Götter des Volles leben noch heute, älnd ob Brahmanismus, Buddhis­mus, Istam und Christentum darüber hingeflutet sind die Felsenzüge des Allen sind immer wieder aufgetaucht aus den Wogen des Reuen. Richt anders ist es hier. Im Herzen des Volles lebt die alte Religion verschollener Zeiten jene Religion, der vielleicht schon die Lenrurier auf ihrem versunkenen Kontinente dienten, und kein Priester des Islam und kein christlicher Mis­sionar vermochte sie zu verdrängen. Was ich nicht weiß und eben auf dem Wege meiner rück- schließenden Methode finden will, das sind dis Einzelhetten und der ganze Verlauf des Kultes. Sotoeit betrifft es mein Interesse als Gelehrter. Als Kriminalist ist es aber des weiteren meine Aufgabe, auf Grund meiner Kenntnftse den Herd jener religiösen Verbrechen aufzufinden und zu zerstören. Irgend ein Mittelpunkt muß doch be­stehen, denn ohne strafte Organisation wäre ba« Ganze unmöglich."

(Fortsetzung folgt)