Ausgabe 
8.5.1922
 
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rlr. Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dderheffen) Montag, 8. Mai (922

Landesparteitag der Deutschen Volkspartei.

® i e tJ e n, 8. Mai.

Ter 4. Landes Partei tag der De i t s che n Bollspartei fand am Samstag and gestern in Gießen statt Zahlreiche Parteifreunde aus dem Reiche und Lande hatten sich emgefunden; als Berneter der Reichstagsfraktion war 21 bg. Tr. Becker erschienen, die hessischen Landlags­abgeordneten waren vollzählig anwesend.

Am Samstag nachmittag tagte tm Hotel Schütz der

LandeSauSschuh.

Eingehend wurde in dieser Sitzung das Pro­gramm des Parteitages vorbereitend besprochen. Qlbg Dingeldey begrüßte die Erschienenen. Sein besonderer Gruß galt dem verdienten 21b g. des Hessenlandes Finanzminister a D Dr Becker. Generalsekcelui Wittig erstattete den Geschäfts­bericht, der mit grobem Beifall ausgenommen wurde Ter Vorsitzende teilte der 'Versammlung mit, das) der Generalsekretär der Landespartei demnächst aus dem Parteidienst ausscheidet Ter Redner fand für die verdienstvolle Tätigkeit des Herrn Wittig um den Ausbau der Organi­sation und für das krastvolle Eintreten für tue 'Partei durch eine lange Reihe von ;}abren hin­durch wärmste Worte der Anerkennung und drs Dankes, denen Sie Versammlung sich einmütig an- schlotz Eine rege 2kussprache entspann sich über die Finanzlage der Partei. Es wurde einmütig beschlossen, den durch den Ortsverein an den Landesverband zu entrichtenden Jahres- beitrag auf 10 Mark pro Mitglied festzusetzen. Algemein wurde die Rotwendigkeit betont, das Bürgertum zu stärkerer politischer Arbeit unD zu- größerer Opferwllligkeit zu gewinnen. Die neuen Satzungen der Landes Partei, die der starken Ausdehnung der Organisation Rechnung tragen sollen, wurden in mehrstündiger Debatte behan­delt und einstimmig angenommen. Ebenso wurdm die Richtlinien für die Gemeinde- Politik verabschiedet, eine Entschließung zur Arbeiterfrage gefaßt and die Wahlen zur Parteileitung vorbereitet.

Am Abend fand in dem bis auf den letzten Platz besetzten Saale des Hotels Grobherzog ein festlicher Degrüßungsabend

statt, der ganz besonders auch von Damen sehr zahlreich besucht toar. Auf die Willkvmmensan- sprache des Vorsitzenden Konrektors Kraus- müller dankte der Landesvorsihende Dr. Dingeldey, indem er sich als ein Kind Die­stens vorstellte, in humorvoller Weise die Ver­schiedenheiten bei hessischen Bevölkerung charak­terisierte, worauf er sodann mit schönen Worten die Aufgabe streifte, die dem Hessenland als Ver­bindung von Rord und Süd des Reiches zufällt. In höchst angenehmer Weise wurde der Ernst poli­tischer Erörterungen unterbrochen durch das er­hebende Element der Musik. Künstlerische Eello- tyorträfle des Herrn Dr. Gustav Dock, gleich hochstehende Gesangsvorträge der Damen 2a« q u e u r und Schudt erbrachten eine festliche Stimmung, in die einige bewegte Ansprachen von Vertretern aus dem besetzten Gebiete wirkungs­voll hineinklangen. Die launigen, an Dingeldeys Rede anknüpfenden Worte eines Mainzer Dele­gierten veranlastten den gemeinsamen Gesang des Deutschland-Liedes. Oberbürgermeister Köhler von Worms sprach, nachdem ein biederer Wetter- aucr in seiner heimischen Mundart und Tracht verschiedene Spässe zum besten gegeben hatte, schöne und feine Worte des Dankes, die be­sonders den Künstlern des 2lbends galten, m launiger Weise den politischen Inhalt der abgelaufenen Tagesarbeit sowie auch manche deli­kate Frage der Darmstädter Regierungspolitik berührten und ausklangen in ein Hoch auf die Damen. Auch ein Sprecher der volksparteilichen Jugendgruppe von Worms wustte von der Rot der Fremdherrschaft zu berichten und veranlahte miebcnim den Gesang eines patriotischen Liedes. In vorgerückter Stunde trennten sich die Gäste ziemlich schnell, um am folgenden Tage mit voller Frische sich den Arbeiten des Parteitages widmen zu können.

Schon in den frühen Vormittagsstunden des Sonntags begannen sodann die einzelnen Aus­schüsse mit ihrer Arbeit. Um 11 Alljr traten daraus die Delegierten und sonstigen erschienenen Parteifreunde zur

Hauptversammlung

zusammen, die von dem Landesvorsitzenden, 2lbg. Dingeldey, eröffnet wurde. Abg. Professor S ch i a n begrühte die Erschienenen namens der (Siebener Ortsgruppe. Die Wahl des Prä­

sidiums ergab als 1. Vorsitzenden des Partei­tages den Abg. Osann, ferner als Stellver­treter die 2lbgeordneten Frl. Birnbaum und Hahn. Abg. Dr. Osann eröffnete nunmehr die eigentlichen 'Verhandlungen und gedachte in seiner Eröffnungsansprache namentlich der deutschen Brüder im besetzten Gebiet, deren Grütze und Treugelöbnis Pfarrer Berck übermittelte.

Jur Erstattung des G e sch äftsberichts erhielt darauf Generalsekretär Wittig das Wort Aus dem Bericht sind folgende Angaben bemerkenswert:

Seit dem letzten Parteitag ist die Zahl der Vereine von 155 aus 172 gestiegen; die Zahl der Jugendgruppen auf 18; die Ziffer der organisier­ten Mitglieder, die auf dem vorigen Parteitage auf 19 192 angegeben werden konnte, hat dadurch eine weitere Steigerung erfahren und dürfte 20 000 überschritten haben. Die Ortsgruppen und Kreisverbände haben auch im Berichtsjahre eine rege politische Tätigkeit entfaltet, die nicht nur den lausenden politischen Ausgaben gerecht wurde, sondern auch die Förderung der politischen Bil­dung und die Pflege des nationalen Gedankens zum Ziele hatte. Familienabende, patriotische Feste,deutsche Tage" geben von dieser Tätig- feit Ausdruck. Die Sonder- und Fachausschüsse haben auch in diesem Jahre rege gearbeitet. Be­sonders hervorzuheben ist die fleihige und erfolg- reiche Tätigkeit der Jugendgruppen, die durch den LanDesjugendausschutz m feste Bahn en geleitet wurde Im Mittelpunkt der Arbeit des verflossenen Jahres standen die hessischen Land­tagswahlen. Die Bedeutung des Ergebnisses liegt für die Partei weniger darin, datz ihre Stimmen­zahlen von 62 072 im Jahre 1919 auf 78 185 ge­stiegen ist, sondern mehr noch in der Tatsache, datz die Stärke der nationalen Opposition von 12 auf 24 Sitze in dem Landtage anwuchs. Es ist heute kein kleines Häuflein mehr, das die Be­lange der bürgerlichen und bäuerlichen Schichten im hessischen Landtage vertritt, sondern eine starke Gruppe, mit der auch die bisherige Mehrheit zu rechnen hat. Der Bericht schlietzt mit einem Dank an alle, die der Partei ihre tätige Mitarbeit haben zuteil werden lassen.

In warmen Worten gedachte nunmehr Abg. Dingeldey der Tätigkeit des scheidenden Ge­neralsekretärs Wittig und sprach ihm den Dank der Partei aus. dem sich 2lbg. Dr. Osann für die Landtagsfraktion anschloh.

Heber die Tätigkeit der Frauen in der Deutschen Vollspartei sprachen Frau Die- rau, die Vorsitzende des Landesfrauenausschusses, Frau D e i n h a r d t und Frl. Birnbaum. Die Rednerinnen betonten einmütig den Willen ihrer Parteigenossinnen, die den Frauen ver­liehenen Rechte durch Erfüllung der ihnen bannt erwachsenen Pflichten ihrerseits zu erwerben und baten' um Unterstützung und Würdigung ihrer Arbeit.

Die Grütze der Parteiorganisation Hessen - Rassau überbrachte Stadtv. Fleischer- Frank­furt a. M.

Einstimmig wurden sodann nach einem Refe­rat von Generalsekretär Wittig die neuen Satzungen in der vom Landesausschutz be­schlossenen Form angenommen. Ebenso einstimmig erfolgten die Wahlen der zum Landesaus­schutz und geschäftsführenden Aus- s ch u tz vorgeschlagenen Parteimitglieder. Zum Landesvorsihenden wurde durch Zuruf der Abg. Dingeldey wiedergewählt, dem Abg. Dr. Osann für'seine bisher geleistete Arbeit dankte.

Das 'Bort erhielt darauf

Abg. Dr. Decker

zu seinem Dvrtrag über

die politische Lage im Reiche.

Als Hauptaufgabe für seine Ausführungen hatte er sich den Nachweis gestellt, welche schwere Schädigungen für uns sich aus dem Versailler Mordfriedensvertrage ergeben, der. auf Lug und Trug gegründet, niemals anerkannt werden darf, weil er unerfüllbar ist. Für die Deutsche Volks­partei wird es deshalb immer unmöglich bleiben, der Ersüllungspolitik der derzeitigen Reichsregie, rang ihre Zustimmung zu geben. Sowohl in der Frage des Londoner Ultimatums wie der Ent­scheidung über Oberschlesien hat sich daher die Reichstagsfraktion gegen die Regierung gewandt. Anders lagen die Verhältnisse, als es hietz, sich für die Konferenz in Genua zu rüsten. Hier zeigte sich zum ersten Male bei der Rcichsregierung ein Anfang zu einer aktiven Politik, und deshalb hielt es die Deutsche Volksparlei für nötig, unter Festhaltung ihres seitherigen Standvunk'.es, der Ablehnung jeglicher Erfüllungspolitik, nach Ge-

nua die deutschen Vertreter mit dem Vertrauen einer möglichst starken Mehrheit im Reichs rage zu entsenden. Heber Haupt ist es immer das Be­streben der Partei gewesen, nicht in untätiger Opposition zu verharren, sondern aftive Mit­arbeit zum Wohle des Ganzen zu leisten, wofür der Redner aus der Tätigkeit der Reichstags­fraktion Belege erbrachte. Die besondere Sorge der Panei galt dem schwer notleidenden Mittel­stände in allen 'Berufen. Immer auf dem Ge­biete der Wirtschafts- wie der Steuerpolitik hat sich die Deutsche DvllspaNei von dem Be­st reden leiten lassen, am Wiederaufbau.des Rei­ches mitzuarbeiten und wird das auch in Zu­kunft tun im Verein mit allen, die bereit sind, hierzu mitzuhelfen. Lebhafter Beifall dankte dem Redner.

Heber

die politische Lage in Hessen referierte sodann

Abg. Dingeldey.

Auch auf den Ländern lastet der Druck des Versailler Schandvertrages. Landwirtschaft, In­dustrie und Gewerbe haben in gleicher Weise unter ihm zu leiden. Die Behebung ihrer Rot­lage namentlich durch die restlose Beseitigung der Kriegswirtschaft muh eine Hauptaufgabe der Partei sein. Der Redner erörterte die wirt­schaftlichen Verhältnisse in Hessen und zeigte die Wege zur Förderung der Produktion, die allein uns retten kann, durch Aushebung jedes Zwan­ges, Abwehr des Terrorismus und Wahrung einer wirklichen Koalitionsfreiheit. Heber die parlamentarische Lage in Hessen führte der Redner aus, datz entgegen dem in den letzten Landtagswahlen deutlich ausgesprochenen Willen des Volkes noch immer die alte Koalitionsregie­rung im Amte sei. Die Deutsche Volkspartei drängt sich nicht in die Regierung, sie ist aber bereit, in ihr mitzuarbeiten, wenn das unter Wahrung ihrer Ehre und ihrer unerschütterlichen Grundsätze geschehen kann. Auch diesem Redner wurde der Dank der Anwesender zuteil

In der anschlietzenden 2lusfprache wurde eine Reihe von

Entschließungen eingebracht und angenommen. Dem Abg Dr. Becker wurde für seine Tätigkeit im Reichstage Dank und Vertrauen ausgesprochen. An die Reichsregierung ergebt die Forderung, das Material gegen d i e Schuldlüge zu ver­öffentlichen. Gegen den Versailler Frie­densvertrag soll unermüdrichangekämpft wer­den ; an den alten Farben schwarz-weiß- r o t will man unverbrüchlich festhalten. In be­sonderer Treue gelobt die Versammlung za stehen zu den Volksgenossen im besetzt- t en Gebiet. Der hessischenLandtags- sraktion wurde für ihre Arbeit Dank und Vertrauen ausgesprochen. Das Vorgehen des Staatspräsidenten in der Frage des 1. M a i wird verurteilt

Rachem noch Landtagsabg. Schott als Vertreter des besetzten Gebietes gesprochen hatte, schloß der Abg. Osann den Parteitag mit Dank und der Bitte um weitere tätige Mitarbeit. Mit einem Hoch auf die Deutsche Volkspartei ging die Versammlung auseinander.

*

Die öffentliche Derfammlung, die am Montag abend den 2lbschlutz des Landesparteitages bildete, wurde von Prof. Dr. Eigener mit Begrützungsworien an die Zu­hörer, unter denen er sich besonders an die aus dem besetzten Gebiete herübergekommenen Partei­freunde wandte, und an die Redner des 2lbends eröffnet. Landtagsabgeordneter Justizrat Dr. Osann sprach darauf über die Landes- Politik der Deutschen Volkspartei und be­gründete zunächst das Streben der Partei ent­sprechend dem in den Wahlergebnissen ausge­sprochenen Willen des Volkes an der Regierung teilzunehmen. Zwar fei es angenehmer, in der Oppositionsstellung zu verharren, doch wahre Be­friedigung liege nicht in der negativen Kritik, sondern im positiven Schaffen. Die Sozialdemo­kratie bleibe für unabsehbare Zett eine bedeut­same Wacht, die man nicht ausschalten Knne. Eine rein bürgerliche Regierung werde daher nicht sobald gebildet werden können. Datz die Deutsche Dolkspartei bei der letzten Reubildung der Regierung ihre Wünsche noch nicht durch­gesetzt habe, sei einmal der zurückweichenden Hal­tung des Zentrums, dann aber der Abneigung der Sozialdemokratie zuzuschreiben, die damals noch ganz in der Erregung des Wahlkampfes gestanden habe. Kürzlich sei aber der sozialdemo­kratischen Landtagsfraklion von der Partei die Ermächtigung zu einer evtl. Verbreiterung der Koalition erteilt worden. Komme es wirllich

dazu, so werde die Deutsche Dolkspartei nicht als Geduldete in die ' Regierung eintreten, sondern gestützt auf den Willen des Volkes und nur unter der Voraussetzung, datz ihre Wünsche berücksichtigt werden. Hm die von der Land- tagsfrattion geleistete Arbeit zu be­leuchten, griff der Redner auf die abgelaufene Gef­ion zurück und sprach aus, daß die Deutsche Volks­partei im schärfste:, Mampfe gestanden habe gegen den früheren Präsidenten !>es Bttdungowesens Dr Strecker, den sie für einen nationalen Schädling hielt. Datz dieser Gegensatz nicht in den Wahlkamps mit hinübergenvmmen werde, sei durch den politischen Selbstmord Dr. Streckers ver­mieden worden. Im neuen Landtag hätten bei feiner erst kurzen Dauer noch nicht viele Auf­gaben erledigt werden können Erfolge seien im Zusammenarbeiten mit den anderen bürgerlichen Parteien in der Frage der Zwangsbewirt­schaftung und in der Frage des Feier­tages am 1. M a i erzielt worden. Durch eine einseitige Handlung des Staatspräsidenten, der damit einen neuen Beweis seiner despotischen Amtsauffassung erbracht habe, sei dieser inter­nationale Gedenktag der Sozialdemokratie den Schulen als Feiertag aufoktroyiert worden. Mit dieser Angelegenheit wie mit demFall Bvrne- mann" werde der Landtag sich noch zu befassen haben und hier auch in staatsrechtlicher Hinsicht Klärung schaffen müssen. Ein weiterer Vorwurf sei der Regieiung deswegen zu machen, datz der Staatshaushaltsplan noch immer nicht borget egt sei. Man werde sich auf ein grohes Defizit im neuen Rechnungsjahre gefasst machen müssen. Wenn es auch anerkannt werden müsse, datz der Staatspräsident sich dem Ersuchen an die Reichs­regie, ung. authentische Klarstellungen inbetreff her Schuld lüge herauszugeben, angeschlossen habe, so hätte er doch noch größeren Rachdruck in dieser Angelegenheit zeigen müssen. Am Schluh seiner Ausführungen stellte Dr. Osann fest, taß der Par­teitag der Landtagsfraktion fein Vertrauen aus­gesprochen habe. Finanzminister a. D. Dr. Decker (M. d. R.) sprach darauf über das Thema Reichspolitik". Zwei folgenschwere Rechenfehler seien unseren Gegnern bei der Abfassung des Versailler Vertrages Unterlaufen, die sich besonders für England sehr unangenehm be­merkbar machten. Man habe die deutsche In­dustrie als läftige Konkurrenz vernichten wollen, nun aber stehe diese allerdings in einer Schein­blüte, und im Gegensatz zu Deutschland wachse in den anderen Ländern die Arbeitslosigkeit. Diesem wirtschaftlichen Fehler geselle sich ein zweiter, politischer hinzu. Mit der Vernichtung der deutschen Wehrmacht glaubte England das Züng­lein an der Wage Europas zu sein, aber nun fei' Frankreich eine Militärmacht geworden, die gröbe­ren Einslutz habe als die einstige deutsche; denn währerrd Deutschland vor 1914 durch Frankreich und Rr-Hland im Gleichgewicht gehalten wurde, stehe dem französischen Heere nun keine eben­bürtige Streitmacht in Euro.va mehr gegenüber. Frankreich befinde sich damit in einer Macht­stellung, die ihm sein Alliierter England nicht schassen wollte. Die Politik Frankreichs verfolge das eine Ziel, die deutsche Frage im französischen Sinne zu flöten, d. h. die Rheingrenze zu ge­winnen und Deutschlands Einheit zu zerschlagen Dieses Ziel konnte im Versailler Vertrag noch nicht erreicht werden. Zu seiner Verwirklichung sollen schließlich die Reparationsforderungen, deren Hnersüllbarkeit auch den Fran­

zosen völlig fkir fei, führen. Die Wirtschaftler der anderen Länder suchten

die Rotlage der Weltwirtschaft in Genua zu lindern. Frankreich habe aber einen wirklichen Erfolg dadurch unmöglich gemacht, datz es mit den (Sanner Beschlüssen die Behandlung des Re parativnsproblews. des Hr'prunts der ve­rneinen wirtschaftlichen Rot, von dem Programm der Konferenz herabgesetzt habe. Dr. Becker be­grüßte datz in Genua Deutschland zum ersten Quak wieder aktiv in die Polittt einge­treten sei. Deutschland habe sich nicht in die Ecke drücken lassen, wie man ihm zugedacht habe Datz die deutsche Regierung so stark in Genua habe auftreten können, sei ein Verdienst der Deut­schen Volkspartei. Diese habe sich hinter sie ge­stellt in der- scharfen Ablehnung der

Rote der Reparationskommission. Es habe eine viel gröbere Wirkung erzielen müssen, datz die Regierung der unbegrenzten Er­füllungsmöglichkeiten nur, gestützt auf eine große Mehrheit, habe erklären können, die Grenze sei erreicht, als wenn die Ablehnung von grundsätz­lichen Gegnern jeder Ersüllungspoliiik erfolgt sei. Die Deutsche Vollspartei habe mit der Stärkung der Regierung zu Genua dieser kein Vertrauens­votum ausgesprochen. Rach wie vor mißbillige sie die bisherige Erfüllungspolitik, die die schwer- sten pvlitrschen und wirtscha tlichen Schäden ver­ursacht habe. Der Gedanke der Reichseinheit

Die Sakramentshex.

Roman von Marie Kerschen st einer.

14. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Die Schlupfline machte sich gewaltsam frei Don dem unliebsamen Griff.So gewitz als unser Herrgott im Himmel is!" versicherte sie und matz mit dem Blick die Entfernung bis zar Tür.Ter Bud is hinl"

Sie wollte sich davonmachen, aber Lene ver­trat ihr den Weg. Drohend bohrten sich die weiten Äinbcraugcn in ihr Gesicht

»Wenn eins so alt is wie du, dann muß cs wissen, wie man's macht, daß man mt ftirbt! Helf ihm!"

Die Line sann einzig darauf, dem Pfarr- mäbel zu entkommen.Der Sakramentswald platzte sie heraus, nur um etwas za sagen.

Der Sakramentswald wiederholte Lene gespannt.

Das Koppele dort, mein' ich, mtt dem wundertätigen Brünnele" Hnd sicherer: -Wenn halt eins holen tat von dem Wasser und gab's ihm zu trinken, dann reitzefs ihn wieder raus, den Bub. 2lber beut hat halt keiner die Zeit mt! Hnd Abend wird's schon. Wer geht letzt noch da hin . . .7"

Einen Augenblick fann Lene ihren Worten nach. Ihr Gesicht hellte sich auf, die Härte wich aus ihrem Blick.

D<^ Käppele! Sie kannte es! Sie war im Sommer einmal mtt der Waldsackerin and dem Roman dort gewesen. Sie würde es wieder finden: Aber drei Standen lang immer durch den Wald! Kalt war's dort jetzt und finster! Ihr graute beim Gedanken Daran. Aber, was

half-s? Der Roman Durfte nicht sterben! Rein, er durfte nicht > Wenn man also die Beine rührte! Mit Fackeln nicht die Zeit verlor

Die Schlupfline hatte inzwischen die Ge­legenheit benützt, zu entwischen. Bevor sie die Türe hinter sich schlotz, steckte sie noch einmal giftig den Kops herein:2tber ein Hnschaldiges matz es sein, sonst ist es für Die Katz!"

Lene hatte schon ein Tuch aus Der Ladr ge­rissen und ein Fläschchen vom Kasten gelangt. Auf den Zehen schlich sie ans Bett, legte Die Wange an Romans Gesicht und flüsterte ihm ins Ohr:Hör. Romanle! Ich geh', das wundertätige Wasier für dich zu holen!"

Wie Der Blitz schoß sie den Hügel hinan, am Gottesacker vorbei, ins Jungholz. Kein Mensch hatte ihr Weggehen bemerkt. Der Frost hatte ein glitzerndes Kristallney über die hartgefrorenen Erdschollen geworfen. Die herbstlichen Blätter trugen weiße Krausen im den Rand. Es ra­schelte das Dürre Gras unter Den Füßen, Die winDschnell Darüber weghuschten. Allmählich wurde Der Weg steilanstcigend und wand sich als schmaler PfaD fort. Langsamer ging es vorwärts Durch Das Gestrüpp. Was tat's? Das wunder­tätige Wasser mutzte zur Stelle! Hnd was war die Angst vor Dem dunkeln, einsamen Wald gegen bie andre, daß Roman sterben könnte! Trotzig, kampfbereit stapfte sie fort

Schwarzgrau sah ihr Der Hochwald ent­gegen, und das Grauen hemmte ihr plötzlich Den Schritt. Hm sich Mut zu machen, fang sie aii vollem Halse. Immer fteüer wand sich der Pfad, immer Dichter schmiegten sich Die halb entlaub­ten Beerenbüsche, rostbraune Farne, lebloses Schlingkraut dazwischen. Enger rückten Die Fich­ten fester fügte sich das Dach ihrer ausgebret- | teten Arme. Endlich ober breitete sich ein baum­

freier Hügel aus. Am Fuße desselben wichtets der riesenhafte Wurzelstumpf einer uralten Eiche. Im Zwielicht glich er entern geköpften Drachen mit weitausgreifenden Ringelschwänzen.

Der Schnee hatte eingesetzt. Eine weiße Haube saß auf Dem Drachen hals. Lene kannte das Ungetüme Gebilde. Von Da aus hatte Die Walds­ackerin ihnen damals von weitem das Käppele gezeigt. Rur seine Spitze hatte über seine Baum- Wipfel weg gelugt. Lenes Auge durchsorschte Die schiefe Dachung des Waldes. 2Iber war es Die undurchsichtige Schneeluft. Die Den Blick trübte 1 Oder Die 2kacht, Die immer tiefer sich nieder- fentte? Richts sah sie, als ein Meer Dunkler Fichten Häupter, mit leuchtenden Schneemseln be­setzt. Aus dem Kulm Der Anhöhe Der anheim» liche Schattenriß einer blihzerllüfteten Daumruine. Sonst nichts als das fahle Licht Des erlöschenden Adendhimmels und das tiefe Schweigen des Hoch­waldes.

Wo ging ihr Weg?

Führte er über den Hügel hinweg: Oder schlang er sich um seinen Mantel herum wieder in den Wald hinein?

Kein Zeichen ringsumher! PstQlos dehnte sich die Runde, von der flockigen Schneeschicht gleichmäßig bedeckt.

Ratlos schoß Lene über Die Waldwiese, hier­hin, dorthin, und immer Witwer zu Dem Wurzel- ungetüm -uiück, Dem einzigen A Haltepunkt in Der öden Wildnis. Sie wischte Den Schnee von Dem Duamstumpf and stellte sich Darauf. Rach allen Seiten reckte sie Den Hals und bohrte Den Blick in Die Finsternis.

Verirrt k

Lastend fiel ihr Die Erkenntnis aufs Herz. . Dor Schrecken starr, blieb sie auf Der Eichwurzel

stehen, ein zweiter Schattenriß re''en Der zer­klüfteten Tanne Erst jetzt merkte sie. wie schnei­dend Der Wind ihr unter das Kleid blies, tote er mit tausend Radeln ihr Gesicht zerstach. Str suchte das Tuch fester über Der Brast z i knüpfen. Dabei streiften Die steifen Finger das Fläschchen, das sie vorn im Kleid vertoahri trug. Seine Berührung rief Die Erinnerung an Jüngstvergan­genes zurück, das über dem argen Schrecken einen Augenblick zurückgetreten war Deutlich sah sie Romans weißes Gesicht aus Den bunten Kissen. Der wartete auf das wundertätige Wasser, unD sie brachte es nicht! Hnd Roman mutzte sterben : Wurde hinausgetragen, and fe ichte Erde tourD eüber ihn gedeckt. Auf Dem Hügel w rchs Gras. aber sie sah Den Roman niemals wieder! Sie blieb unter Den bösen Menschen mutiert cligallein!

Ein rasender Schmerz ergriff sie Das Dürft! nicht sein! Der Weg mußte gefunden werden! Roch einmal rannte sie Den Hügel hinan. Flint tote eine Katze erklomm sie Die Baumruine.

Hmsonst!

Schwarz flössen Himmel und Erde in eins Hnd nun erbitterte sie sich, wie damals, als der Küster sie ausgescholten hatte und nicht den Alois, Der der Schuldige war Warum half der Herrgott nicht das Gute zu t m < Warum schickte er nicht einen Engel oder eine gute Fee, sie bei Der Hand zu nehmen und ihr das Brünn­lein zu weisen'c

Warum?

Sie ballte voll Leidenschaft Die kleinen Fäuste. Warum '!' Da glaubte sie in ihr Grübeln hin rin Der Schlupfline Stimme zu hören:2Iber em Hnschaldiges muß es sein, sonst is es für Die Katz!"

(Fortsetzung folgt)