Nr. 84 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 8. April 1922
Deutscher Reichstag.
205. Sitzung, bormittogd 11 Uhr. Berlin, 7. April.
Auf der Togesorbimng steht zunächst die zweite Beratung des Gesetzentwurfes wegen der Versorgung der infolge des Ultimatums der En- rente entlassenen Soldaten der Reichswehr.
Abg. Albrecht (USP) bemängelt es. daß die Vorlage anscheinend absichtlich zu spät auj die Tagesordnung gesetzt sei. Sctrre 'Jkirtct habe schon im Ausschutz darauf bin gewiesen, datz die Regierung seinerzeit über 300 Offiziere und Unteroffiziere mehr eingestellt hat, als nach dem Frie- densvertrag zulässig war, mit der Begründung, datz es sich um Beamte handle.
Reichswehrminister Gehler: Gerade dadurch, datz wir die im Versailler Vertrag fest- gesetzten Termine genau innehalten muhten, sind wir in diese Verlegenheit gekommen. Der Fric- densverlrag bestimmt nur, datz wir 10 Prozent der früheren Beamten haben dürfen, aber nichi, dah ein Teil davon auf die Offiziere angerechnet wird. Uebrigens haben die Offiziere einen Rechtsanspruch auf Auszahlung ihrer Bezüge für die Dauer von 12 Jahren.
Das Gesetz wird angenommen, ebenso in dritter Lesung.
Bei Beratung des Gesetzentwurfes über Aen- derung der Reichsversicherungsordnung stellt Abg. Frau Behm iDtschntl.) mit Genugtuung fest, datz alle Parteien ohne Ausnahme sich für die Einbeziehung der Heimarbeiterinnen in die Invaliden- und Unfall-Versicherung ausgesprochen haben.
Der Gesetzentwurf wird deshalb in zweiter und dritter Beratung angenommen. Präsident Lobe spricht seine Freude über die emstimm- <mige Annahme darüber aus, dah dadurch ein jahrzehntelanger Wunsch der Heinrarbeiterinnen in Erfüllung gegangen ist, für dessen Ausführung sich besorkders Frau Behm in vorbildlichster Weise eingesetzt habe. (Lebhafter allseitiger Beifall -
Es folgt der Antrag Lobe (Soz.), der. von den verschiedenen Parteien unterstützt, die Reichsregierung ersucht, mit möglichster Beschleunigung einen Gesetzentwurf vvrzulegen, durch den der
Not der Zeitungen.
in wirtschaftlicher Hinsicht wirksam gesteuert wird. Der Reichstag erwartet den Gesetzentwurf fo rechtzeitig, dah die Beratung unmittelbar nach seinem Wiederzusammentritt begonnen werden kann.
Abg. Lobe (Soz.): Während das Wirtschaftsleben Deutschlands sich in einer Scheinblüte befindet, sind in den letzten Monaten 170 deutsche Zeitungen und Zeitschriften eingegangen. Zumeist sind es Heinere und mittlere Provinzblätter, lokale, bodenständige Blätter, die zum Teil auf eine lange Vergangenheit zurückblicken. Ich erinnere an den Tod des „Laubaner Tageblatts" in feinem 150. Jahrgang. Diese Opfer sind gefallen, während der Papierpreis von 20 Pfennig im Frieden auf 7,80 Mark im März stieg, im April aber in einem Sprung auf 12,80 Mark erhöht wurde. Gibt es kein Mittel, die Katastrophe abzuwenden, und wenn nicht, was muh dann eintreten? Dann ist eS nicht nur die Provinzpresse, die ihren Untergang findet, nicht nur der kleinen Presse, sondern auch den gröberen .Organen droben Gefahren. Gewib werden nicht alle eingehen. Aber die einen werden ihren Charakter ändern und die anderen werden in * ungeheuerlicher Weise verkümmern. Die groben deutschen Zeitungsunternehmungen sind davon bedroht, dah sie zusammenschrumpfen, ihre kultui-ellen. politischen, geistigen, künstlerischen und literarischen Ziele einschränken müssen. Die anderen Zeitungen, und das ist das Schlimmste, werden zum Rebenbetrieb fremder Gewerbe erniedrigt. Sie werden von wirtschaftlichen Konzernen aufgekauft. So werden diese Zeitungen, deren politische Selbständigkeit und deren Eigenart unser Stolz in Deutschland gewesen ist, nicht mehr Repräsentanten selbständiger politischer Gruppen fein, sondern als Anhängsel von Interessengruppen auftreten. Dazu kommt das ständige Eindringen fremden ausländischen Kapitals in das Zeitungsgewerbe. Parlament und Regierung müssen die ganze Tragweite dieser Entwickelung einsehen und ihr Einhalt tun. Wir dehnen die Entschließungen aus auf die Zeitschriften und wollen die Regierung ermächtigen, bis zum Wiederzusammentritt des Hauses die bisher vorgeschlagenen Abhilfsmittel in die Form gesetzgeberischer Vorschläge zusammenzufassen. Mancherlei tourbe vorgeschlagen, so eine Auslandssperre für deutsches Papier. Rach Polen und der Tschecho-Slowakei gehen grobe Mengen Papier. Die Papierindustrie behauptet, ohne die Ausfuhr nicht existieren zu können. Vielleicht lassen sich die riesigen Auslandsgewinne für die deutschen Zeitungen nutzbar machen. Ferner werde öffentliche Bewirtschaftung vorgeschlagen. Aber auch kleine Mittel sind vorgeschlagen wor
den, an denen man nicht vorübergehen dürfe, z.D. die Versetzung des Papiers in eine niedrigere Tarifklasse der Eisenbahn. Detz wesentlichsten Teil der Gestehungskosten des Papiers bildet das Holz. Solange uns die groben Waldungen im Osten, in Polen und Ruhland, nicht erschlossen sind, muh vorgesorgt werden, dah dieses wichtigste Rohprodukt für das Papier der Fabrikation unter erträglichen Preisen zugeführt wird. Sachverständige haben uns glaubhaft versichert. dah schon dadurch allein zwei Mark per Kilo eingespart werden können. Dabei handelt es sich um Holz aus Privat- und Staatswaldungen. Cs ist begreiflich, dah die Einzel- staaten» denen heute soviel Einnahmequellen verschlossen sind, nur sehr zagend Herangehen, eine wichtige Einnahmequelle zu beschränken. Aber bei den exorbitant gestiegenen Holzpreisen müssen auch die Einzelländer es sich überlegen, ob sie mit ihrer Politik nicht Raubbau treiben an einem Gute, das leicht unwiederbringlich verloren sein farm, wenn die Zeitungen eingegangen sind. Diese Tatsachen sollten die Verwaltungen zwingen, den Zeitungen in ihrer Rot beizustehen und Länder und Reich, an die ich gleichzeitig appelliere, mögen sie dazu veranlassen. Die Zeitungen können sich über die schwere Zeit nicht durch Opfer am Leben erhalten. Sie werden leider nicht überall als unentbehrlich angesehen und können ihre Preise nicht gleich denen für Rohstoffe erhöhen. Deshalb erheben wir unsere Stimme im Reichstag, Reichsregierung und Landesregierungen vor dem Untergänge eines Stückes Volkstum zu warnen und bitten Sie, von der Versicherung allgemeiner Teilnahme und Sympathie zu Handlungen überzugehen, um dieses wichtige Gut in eine spätere Zeit hinüberzuretten. (Lebhafter Beifall im ganzen Hause.)
Staatssekretär Hirsch gibt namens der Reichsregierung die Erklärung ab, dah diese das Schicksal der deutschen Presse mit besonders lebhaftem Interesse verfolge. Sie sei sich der schweren Gefahr bewuht, welche die neueste Preissteigerung für die ganze politische unbtulturelle Entwicklung des deutschen Volkes bedeutet. Roch vor Einsehen der jetzigen Preissteigerung seien im ersten Vierteljahr dieses Jahres allein etwa 150 deutsche Zeitungen eingegangen. Das sei in drei Monaten ein Fünfundzwanzigstel der deutschen Tageszeitungen überhaupt. Die Befürchtung sei nicht von der Hand zu weisen, dah bei anhaltender Preissteigerung dieses Zugrundegehen sich fortsetzen und noch steigern würde. Wohl sei die Preissteigerung durch die neue Teuerung bedingt und gewih wissen die Verleger, dah die Leser sich an eine anderweite Bemessung des Bezugspreises gewöhnen müssen. Dieser Ausweg sei aber für die deutsche Presse besonders schwierig und die Reichsregierung werde deshalb alles, was angesichts der schwierigen Wirtschaftlage vertretbar erscheint, tun, um diesen Ausgang zu erleichtern. Die Regierung sei der Lieberzeugung, dah eine vielgestaltete, überall weit verbreitete Tagespresse eine kulturelle Rotwendigkeit für 'die deutsche Entwicklung fei. Die heutige Preiswelle vermehre die Gefahr, dah. ähnlich,wie in anderen Staaten, eine Uniformierung der öffentlichen Meinung durch wenige grobe Unternehmungen eintreten könne, dah die öffentliche Meinung Deutschlands leicht dadurch in Die Gefahr kommen könnte, einseitig den Interessen dieser. -Unternehmungen dienstbar gemacht zu werden und halte es für dringend notwendig, diesem Prozeh entgegenzuwirken. soweit es im Rahmen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwickelung möglich ist. Das gilt auch namentlich für die besetzten Gebiete. wo nicht nu£ die Teuerung noch schneller vor sich geht, sondern wo die Presse ganz besonders große nationale Interessen zu wahren hat. die bisher von der überwältigenden Mehrheit der Presse im besetzten Gebiet nicht immer ohne Gefahr in vorbildlicher Weise vertreten worden sind. Die kommenden Sommermonate sind immerhin für die Zeitungen die wirtschaftlich schwierigste Periode. Die Reichsregierung ist deshalb bereit, alles zu tun, was angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage und der Finanzlage irgendwie vertretbar ist. Sie ist insbesondere bereit, auf den Boden des jetzt vorgelegten Antrages der Parteien zu treten und mit Möglichkeit die Wirksamkeit der verlangten gesetzlichen Mahnahmen in engster Fühlung mit den beteiligten gesetzgebenden Körperschaften zu prüfen und schnellstens zu fördern. Ferner ist die Reichsregierung darüber hinaus bereit, den Mahnahmen, über die in den Ausschüssen schon eine gewisse Einigkeit erzielt wurde, insbesondere auf dem Gebiete der Tarifpolitik und hinsichtlich der Heranziehung der Aus» fuhrgewinne, nachzugeben. Angesichts der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung muh man in erster Linie zur wirtschaftlichen Selbsthilfe stehen. Soweit dies nicht ausreicht, sind Reichsregierung und die gesetzgebenden Körperschaften im Rahmen der wirtschaftlichen Möglichkeit bereit, gemeinsam
mit den Vertretern aller beteiligten Derufskreise durch geeignete Mahnahmen dahinzuwirken, dah die Presse auch künftig in der Lage sein wird, ihre überaus wichtige, politische, kulturelle und wirtschaftliche Aufgabe in einer Weise zu fördern, welche die Eigenart ihrer bisherigen Entwicklung wahrt und erhält.
Der Antrag Löbe wird sodann einstimmig angenommen.
Es folgt die Weiterberatang des
Stal des Reichsministeriums des Innern bei dem Abschnitt .Schutzpolizei und Technische Rothilfe".
Abg. Berndt (Dtschntl.) wendet sich gegen die Zersetzungsanzeichen, die bei der Schupo zutage treten und macht den Leiter der Schupo, Geheimrat Abbeg. dafür verantwortlich Beim Cisenbahnerstreik wie beim Berliner Kcllnerstreit bäte die Schupo gemeinsame Sache mit den Streikenden gemacht und selbst die Technische Rothilfe beschimpft. Disziplin und Gehorsam müssen wieder hergestellt toerberu Stattdellen fordert die Entente vollkommene Entwaffnung der Polizei. Sollen wir uns mit Regenschirmen gegen bolschewistische und spartakistische Umtriebe wehren V
Abg. Aufshäuser (USP.) gibt seiner Freude darüber Ausdruck, dah trotz des Drills bei der Schupo das Bewußtsein wachse, zum Proletariat zu gehören. Die Technische Rothilfe sei nichts als eine organisierte Garde gegen den inneren Feind und fei, ebenso wie die wieder erstandenen gelben Gewerkschaften, dazu bestimmt, der Arbeiterklasse in den Rücken zu fallen. Dabei sei sie vollkommen überflüssig und richte mehr Schaden als Ruhen an.
Inzwischen ist ein Antrag der Rechtsparteien eingegangen, in Sachsen die Zuschüsse für die Schutzpolizei vvrzuenthalten, bevor dort nicht das Kommissarwesen beseitigt sei.
Ein Antrag der Linksparteien will Bayern die Zuschüsse «treichen, solange Bayern nicht aufhöre, die Mörderzentrale zu sein.
Abg. Schreiber (Ztr.) bezeichnet die Frage der Kommissare für die Schutzpolizei in Sachsen als tatsächlich revisionsbedürftig. Preuhen habe vier solcher Kommissare, Sachsen dagegen zwölf.
Sächsischer Gesandter Gradnauer erklärt, die Auswahl der Lehrer für den staatsbürgerlichen Unterricht der Schupo in Sachsen geschehe lediglich nach pädagogischen Rücksichten, ohne Prüfung der Parteizugehörigkeit.
Abg. Ma r e h k y (D. Dpt.) erklärt, in Char- lottenburg und Lichtenberg seien tatsächlich bei Streiks Schupoleute als unzuverlässig zurückgezogen worden. Sonst habe aber die Berliner Polizei ihre Pflicht erfüllt. In Sachsen würden die Polizisten bei einem Linksputsch sofort auf feiten des Proletariats fein.
Preußischer Minister des Innern Seve -- ring. Angriffe gegen die preußische Schupo sind an meine Adresse zu richten. Wenn das System Abbegg für Ruhe und Ordnung sorgt, so bin ich für das System Abbegg. Der Abg. Berndt versteht aber nichts davon. Die Disziplin könnte besser sein. Dah dem aber nicht so ist, daran tragen die unverantwortlichen Deutschnationalen die Schuld. Auch ich verurteile die Sammlungen der Schupo zu Gunsten der Streikrnden. Aber andere Beamte haben auch gesammelt. Die Zivillommissare haben sich in Berlin ausgezeichnet bewährt.
Abg. Koch-Weser (Dem.): Die Reichsleitung mutz Einfluß auf die' Schutzpolizei behalten.
Minister Dr. Köster: Das Reich kann Preußen und Sachsen über die Polizei keine Vorschriften machen. Ein Reichsrahmengeseh über die Schutzpolizei wird bald vorgelegt werden. Die Technische Rothilfe ist nur ein Instrument für wirklichem Rotstand. Sie soll nur da eingesetzt werden, wo die Arbeiter Rotstandsarbeiten nicht ausführen. Die Rothilfe wünscht aber selbst, bqjb überflüssig zu werden. Militärischen Charakter hat sie nicht.
Abg. Molkenbuhr (So*.): Auch wir halten die Technische Rothilfe für eine vorübergehende Einrichtung. Eine dauernde Einrichtung darf aus ihr unter keinen Umständen gemacht werden.
Abg. Thomas (Komm.) hält eine lange Rede gegen die Technische Rothilfe, der er vorwirft, unter deutschnationaler Leitung zu stehen. Beim letzten Eisenbahnerstreik habe sie einen Schaden von 157 Millionen Mark angerichtet.
Rach mehrstündiger weiterer Aussprache vor fast leerem Hause, an dec sich die Abgg. S t r e i » fer (D. Dpt.), Dr. Moses (USP.) und Diß- mann (USP.) beteiligen, werden die Anträge der Kommunisten auf Streichung der Ausgaben für Polizei und Technische Rothilfe abgelehnt. Die Abstimmung über die Rotwendigkeit der Regierungskommissare bei der Schutzpolizei so
wie über die einmaligen Ausgaben für die Technische Rothilfe bleibt zweifelhaft und wird zurückgestellt.
Die etetanforberung für die Kriegsgräberfürsorge wird debaltelos genehmigt.
Beim Abschnitt .Ein-, AuS- und Rückwanderung" erhebt Abg. Dr. E v e r l i n g (D. Dpt ) Einspruch gegen die schamlose Propaganda für die französische Fremdenlegion und fordert die Presse auf, hier aufklärend zu wirken.
Bei dem einmaligen Ausgaben fordert Abg. Decker (S.) die Zentralisation der Flüchtlingsfürsorge in Oberschlesien unter Hinzuziehung von Personen, die mit dem Dolle Fühlung haben.
Minister Dr. Softer betonte, dah daS Reicht praktisch mit dieser Frage nichts zu tun habe und neben dem Roten Kreuz die preußische Regierung mit diesen Dingen besaßt sei. Es seien aber Dorarbeiten im Gange, um eine Zentralisation herbeizuführen, bei der auch das Reich beteiligt sei.
Der Rest des Etats des Innern wird nunmehr erledigt, ebenso das Diätengeseh für die Reichstagsabgeordneten, durch das die Diäten auf monatlich 5000 Mark festgesetzt werden. Auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung soll eine Interpellation der Deutschen Volkspartei gesetzt werden über französisch-englische Verhandlungen betreffend Autonomie für das Rheinland als Gegenleistung für die Zurückziehung der Be- satzungstruppen.
Präsident Löbe bemerkt, daß die nächste Sitzung nicht nach dem 2. Mai angesetzt werden solle, bittet aber um Ermächtigung für eins eventuelle frühere Einberufung, falls dies notwendig werden sollte. Der Präsident weist sodann auf die bevorstehende Konferenz von Genua hin, an der zum ersten Male gleichberechtigte deutsche Vertreter mitwirken würden. Ohne überschwenglich Hoffnung, sagte der Präsident, wünschen wir der Tagung guten Erfolg. Aber niemand verhehlt sich, daß das Ziel der Gesundung nicht erreicht werden kann, solange man um das Zentralpcoblern herumgeht, solange man nicht außer Erörterung stellt die Erleichterung der ungeheuren Reparationslasten und die Revision des Versailler Vertrages. Wir rufen den Staatsmännern zu, daß sie bei ihrer ernsthaften Arbeit sich beeilen mögen, damit die Verzweiflung der Bevölkerung uns nicht in erneute Katastrophen führt. (Lebhafter Beifall.) Schluß 9 Llhr.
Kirche und Schule.
fr. Wetzlar, 6. April, Der 4. Arbeitstag der P ä dag ogis che n Woche brachte als erste Vortragende Lehrerin Lotte Müller- Leipzig, die über den „Arbeitsgedanken im Deutschunterricht" sprach. Ernstes, tiefes Genießen erwächst nur aus klarer Erkenntnis. Lernt der Schüler allmählich ohne Vermittlung des Lehrers ein Dichter werk sich zu eigen zu machen, das Gelesene als geistigen Besitz zu bewahren und, wenn möglich, aus ihm seelische Kraft zu gewinnen, dann haben wir ihm für sein ganzes Geben einen Zauberstab in die Hand gegeben, mit dessen Hilfe er sich die Werke unserer größten Dichter aneignen Farm. Eine angeschlossene Lektion zeigte die Behandlung eines Lesestückes in diesem Sinne. Als einzig mögliche Aufsahform für die Arbeitsschule gilt der freie Aufsatz. Durch planmäßige Entwicklung des kindlichen Geistes soll der Schüler dahin gebracht werden, jedes Thema selbständig bearbeiten zu können, sofern es seiner geistigen Reife entspricht. — An zweiter Stelle sprach Rektor K a r s e 11 - Berlin über „Den Arbeits- und staatsbürgerlichen Gedanken im Rechenunterricht.“
kr. Wetzlar, 7. April. Am heutigen letzten Tage der Pädagogischen Woche veranschaulichte Rektor K a r s e l t - Berlin seine in dem gestrigen Dortrage dargelegten Gedanken an einer Lektion über „Die Einführung des DruchrechnenS" in lebensvollster Weise. — Daran anschließend sprach Professor Dr. Friedrich-Leipzig über „Die Schule im Zusammenhang der nationalen Kultur". Das Erziehungsziel ist zu allen Zeiten verschieden ge- wesen, je nach dem Kulturstandpunkt und der Kulturanschauung der Dölker. Auch die Schule I der Gegenwart steht unter dem Gesichtspunkte der Kultur. Mitten in einer großen Kulturbewegung stehend, sind wir verpflichtet, unsere Jugend in diesen Kulturprvzeh einzuführen, und zwar derart, dah sie vermag, sich unmittelbar in dieser Kulturbewegung zurechtzufinden und an ihr teilzunehmen. — Das Schlußwort sprach Lehrer Gaul-Wetzlar.
Die Pforte Des Paradieses.
Roman von Jngeborg Dollquartz. Berechtigte Ueberketzung auö d?m TSnischen.
30. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Das ehre habe ich, hier," sagte Ellen and steckte Malwine ein Papierchen in die Hand. „Das andre habe ich noch nicht bekommen tonnen; aber da siehst ja, ich laufe die ganze Zeit mit ber Schere in der Hand herum."
„Das muh ein sonderbares Geschenk fein,“ sagte Tante Rora und sah beleidigt Drein, n>»u nun nicht mehr von dem ihrigen die Rede war.
„O, jetzt weih ich, was Malwine fehlt!" rief Frau Bonis vergnügt. „Gib mir die Schere, Ellen, ich will e3 ihr besorgen." älnd sie ging auf ihren Mcmn zu, der soeben ins Zimmer trat.
„Steh einen Augenblick still," bat sie. and als er sie erstaunt ansah, lächelte sie und sagte: „Ich mäd>te nur ein Löckchen von deinem Haar, Jens. Es ist zwar ein wenig grau geworden, aber es ist sehr hübsch."
„Was hat das zu bedeuten?" fragte ver Hauptmann, aber nienianöt frörte auf ihn, so beschäftigt waren nun alle, Malwine zu helfen, dt: zwei Haarlöckchen in das Heine goldene Medaillon zu tun, das sie mitgebracht hatte.
„Aber Malwine, das ist ja das Heine Medaillon, das wir deinem Jungen als Taufgeschenk gegeben haben!" rief Frau Inger gerührt. „Das ist wirllich ein schöner Gedanke von dir."
„Gefällt er dir, liebste 3nger?" fragte Mal- Wine und strahlt: dabei vor Freude. .Gefälll
er dir wirllich? Ja, lieber Orla, dieses Medaillon haben deine Ellern meinem Söhnchen ge- schenll — meinem lieben Söhnchen, das — nun — wir wollen heute nicht davon reden — heute ist dein Festtag. Orla — aber da sieh, auf der einen Seite steht der Ramenszug deiner Eltern, die andre war leer — da sollte ja der Rame meines Engelchens hrnkommen, aber, verzeih, Inger — wir sind nie dazu gekommen, ihn eingravieren -u lassen — nie — nie. Zu fo etwas kommt man ja nie, und nun war es gut, dah es nicht geschehen war, denn nun steht da .Orla*. ilrtb wenn du das alte Medaillon an- siehst, mein Junge, so denke an deine lieben Eltern, deren Haar darinnen ist — Eltern können einem durch nichts erseht werden, Orla — durch nichts — durch gar nichts — und wenn du auch mir hin und wieder einen kleinen.— einen ganz kleinen Gedanken schenkst, bann bm ich schon zufrieden."
^Jch tonn dir gar nicht sagen, tote sehr ich mich über dieses Geschenk freue.“ flüsterte Orla gerührt und drückte ihr toarm die Hand.
Dann wurde zu Tisch gegangen, und das Mittagessen verlief auf die beste Weife. Orla bekam noch einmal seine Leibspeisen; er faß zwischen seinen Eltern, und Vater und Mutter, die beide mehr bewegt waren, als sie gerne zeigen mochten, sagten ihm noch schöne und gute Worte. Base Malwine weinte, so oft sich nur die geringste Gelegenheit dazu bot, und Ellen, die sehr gerne Eis aß, verzehrte einen Teller voll nach dem andern, um ihren Kummer zu verstecken, während Tante Rora ihr immer wieder oer- fünbetc sie werde todkrank werden von dem „falten'Zeug". Bei ihr zu Hause habe es bei
feierlichen Gelegenheiten immer Zwetschenkuchen gegeben; der sei gesund für jedermann, denn davon esse man ja nicht so viel, dah man sich den Magen verderbe.
Die Mahlzeit zog sich in die Länge, daß gleich nach dem Kaffee aufgebrochen werden mußte. Frau Dorris war einerseits froh barüber. baß alles so schnell ging, weil sie bie Entdeckung gemacht hatte, daß ihr Mann ganz 'ungewöhnlich müde aussah. Während sie auf dem Schiff standen, griff er plötzlich nach dem ^rm seiner Frau, und Orla, der dies sah, beugte sich vor und fragte: „Ist dir nicht gut, Vater?"
„Mir ist nur ein wenig schwindlig," erwiderte der Hauptmann mit einem schwachen Versuch zu lächeln.
„Tu solltest einen Arzt befragen,“ meinte Orla
„Ja, daS will ich tun. mein Junge," sagte der Hauptmann und lächelte seinem Sohne zu; und Orla hatte plötzlich den Eindruck, es fei dies ein sonderbar kummervolles Lächeln.
„Denke daran, Mutter, daß man auch nach Buenos Aires telegraphieren tonn," sagte er und legte die Hand auf den Arm feiner Mutter, um feinen Worten noch mehr Rachdruck zu geben.
Frau Dorris nickte, und der Hauptmann ergriff zum letztenmal bie Hand seines Sohnes.
..Vergiß beine Mutter nicht — schreib ihr — denke daran!"
„Gott segne dich!" flüsterte Frau Dorris und küßte ihren Sohn, während ihr die Tränen über die Wangen rollten.
Lind'dann ging Orla von Arm zu Arm, dis das Zeichen zur Abfahrt ertönte. Äir. Letzter
Härchedruck, ein letzter Kuß, bann gingen jcine Sieben an Lanb zurück, unb bas Schiff fetzte sich in Bewegung. Der Hauptmann und seine Fra-u blieben stehen und schauten ihm nach, solange sie Orlas schlanke junge Gestalt noch zu unterschei- ben vermochten. Frau Inger fühlte wohl, daß bie Hand ihres Mannes schwer auf ihrem Arme ruhte, aber sie rührte sich nicht, und keines von beiden sprach ein Wort. Beide starrten dem Schiffe nach, das ihnen ihren Jgngen entführte — ihren Erstgeborenen — für lange Zeit. Wieviele stolze Träume waren nicht zerstört worden, ehe es so weit gekommen war, denn so hatten fie sich seine Zukunft nicht ausgemalt. Strahlend schön und hell hatten sie sich diese Zukunft gedacht mb nicht anders gemeint, als den Sohn immer in ihrer Rähe zu haben, daß sie sich seiner freuen könnten. Ein wenig wie eine Bankrotterklärung war es ihnen jederzeit erschienen, tixnrn die Söhne andrer Eltern „hinausgeschickt" wurden, und irin standen sie selbst an dieser Stelle and winkten ihrem Aeltesten nach der hinauszog ms Ungewisse, ohne andern Reichtum als seine Jugenb und seine glänzenden Hoffnungen.
Ter Dampfer war nur noch ein kleiner schwarzer Punkt in der Ferne, als flch Frau Inger auftichtete unb vorschlug, sie wollten nach Hause gehen. Rora fing an, laut von einer Tafle warmen Tees zu reden, aber Malwine schaffte diese Frage sofort aus der Welt mit der Erklärung, es gebe etwas, das „Takt" heiße, „Takt", und die Familie müfle jetzt sich selbst unb ihren Gefühlen überlassen bleiben.
(Fortsetzung folgt)


