Nr. 262 Zweites Blatt
Aus dem Sitzungsbericht der Handelskammer Giehen.
Für die Grgänzungstoahlen vir Hande lskommer in den Wahlbezirke,! Len-Stadt, Giehen-Lond, Grünberg und AlSseld nirb Termin auf Dienstag, den 5.. xn'O Mitt wvch, den 6. Dezember d. IS. bestimm l.
3n Ausführ rng eines ihr gewordenen Aas träges Hal die HMldelskanrmcn. die nackst.ckend' Erklärung zrr Kenntnis der zuständigen Deichs-- und Landesbehörden sowie der hessischen Handelskanunern gebrachte „Die heut^c im hi.iiaen Handelkammer ge bau de tagende. Zahlreich bc>" rch'e De Sammlung von Kaufleuten aller Branchen legt schacsitc Derwahrung ein gegen die h„-uic noch bestehenden gesetzlichen Bestimmungen, welche die Einstellung des Wiederbefchassings- Preises zuzüglich angemessenen Gewinn der ; im Verkauf gestellten Waren in die Prriskall rlation i>erbieten. Durch dieses System isi die gesamte Handelswelt dem Kapitalderfcrli ubcranttooctil uni) sieht der kommenden Zeit mit schwerer S)rge entgegen. Sie fordert hiermit dringend sDortige Aufhebung dieser das gesamte Wirtschaftsleben schädigenden Verordnungen, ehe. der gänzliche Zusammenbruch des gesamten Handels erfolgt. Sollten nun nicht endlich sofort Schritte unternommen werden, welche den ehrlich um seine Existenz ringenden und von Steuern fast erdrückten Handel vor der Derarnrung schützen, so miß 6c- fürchtet werden, daß er sich zu einem freiwilligen Schließen seiner Betriebe veranlaßt sieht."
Die Handelskammer erkennt die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Bekämpfung der Spekulation in Devisen an. Die jüngft hierüber erlassene Notver rrdnung geht aber weit über das erstrebte Ziel hinaus, weshalb die Handelskammer In äleberernstimmung mit vielen anderen Vertretungen von Industrie und Handel die Abänderung und Ausgestaltung jener Verordnung in einer Weise fordert, welche den berechtigten Wünschen und Bedürfnissen des Wirtschaftslebens Rechnung trägt.
In gemeinsamer Stellungnahme mit den hessischen Handelskammern hat sich die Handelskammer gegen die in der Novelle zum Landessteuergesetz vorgesehene Erhöhung der älm satzsteuer von 2 auf 2i,£ Pr ozent sowie gegen dir Schankverzehrsteuer für die ©ent.ir/oen ausgesprochen. Mit der ebenfalls geplanten Getränkesteuer könnest die Handelskonrmein nur unter der Bedingung sich einverstanden erklären, daß die Besteuerung zu Gunsten der Gemeinden nur in der Form mäßiger Zuschläge zu den Reichssteuern nach genauer Prüfung der Tragbarkeit für die in Frage kommenden Erwerbszweige erfolgen darf. 1
Die hessischen Handelskammern haben sich von neuem dafür eingesetzt, daß die seinerzeit für die Durchführung des 8 5^a des Eintommen- steuergesthes (Erneuerungsrücklage erlassene Verordnung alsbald durch eine neue erseht tvird, welche die jetzt bestehende Unklarheit und Rechtsunsicherheit beseitigt und den Bedürfnissen des praktischen Lebens auch wirklich Rechnung zu tragen geeignet ist.
Zu dem .Entwürfe eines Schank st ätten- gesetzes haben die hessischen Handelskammern gleichfalls gemeinsam Stellung genommen. Durch entsprechende Abänderungsvorschläge haben sie die m dem Gesetzentwürfe stark in bte Erscheinung tretende Tendenz einer allmählichen Sozialisierung des Schankstättengefetzes bekämpft.
Das von der Handelskammer gesammelte Material über die Heranziehung hessischer Gewerbe- teibender zu den Kosten preußischer Fortbildungsschulen ist dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft zur Prüfung vorgelegt worden.
Wegen einer zweckmäßigen Zusammensetzung der Steuerausschüsse wird sich die Kammer mit den einzelnen Finanzämtern ihres Bezirkes 'm Verbindung setzen.
In llebereinftimmung mit den übrigen hessischen Handelskammern hält die Handelskammer gesetzliche Maßnahmen zur Abstellung von Mißständen im Kartellwesen nicht für wüu- fchenswert, weil sie zu einer Störung des Wirtschaftslebens führen können. Sie ist der Meinung, daß Beschwerden über die Wirksamkeit einzelner Kartelle tunlichst auf dem Wege der Verständigung der beteiligten Kreise beseitigt werden sollen.
In der Frage der Zugehörigkeit von Unternehmungen zur Handels- ober Handwe rkskammer haben sich die hessischen Handelskammern mit der hessischen Handwerkskammer über die folgenden Richtlinien geeinigt:
1. Zweifels- und Streitfälle über die Ein- tragungspflicht von Betrieben ins Handelsregister sind tunlichst durch beiderseitige Verhandlungen zu erledigen;
Die Herweghs.
Eine rechtsrheinische Geschick'e von Liesbet Dill.
32. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Zum ersten Male fragte er sich heute, ist dieses wirklich das Leben, das du wolltest?
Nein, nein. All diese staubigen Akten, die sich vor ihm häuften, mit ihren Klagen und Verleumdungen, der beständige Verkehr mit Menschen, die sich bekämpften und betrogen, hatten ihn mürbe gemacht. Er war müde von allem. Er sah sich immer von Händen umringt, die sich flehend nach ihm ausreckten, Geld, Geld, Geld ...
Ach, das einmal ganz los werden, sich reinigen, baden in Schönheit und Kunst, fliehen ans den engen Wanden, die sich immer enger um ihn schlossen, frei werden, gut und rein wie als Kind. Die Sehnsucht stieg in ihm auf nach einem fernen Land, das in seinen Träumen vor ihm stand, in dem es nur Schönheit gab und Harmonie. Die Musik löste alle Gedanken auf in zarten Wohllaut, sie hinterließ einen Schmerz, der in ihm wühlte, der aber süß war. Er fühlle, wie er sich weit von allen entfernte, die in den engen Wänden neben ihm lebten, er hüllte sich stumm in seinen Mantel ein, um feine Seele darin zu bergen, als wolle er sie retten.
Er saß andächtig wie ein Kind in diesen Bänken mit geschlossenen 'Augen lauschend. In dieser Welt war er daheim. Und das Heimweh Hel von ihm ab.
Wie aus fernen Wellen ertönten die himmlischen Gesänge, und die Posaunen ließen ihre Stimme jubelnd erklingen, fanfarengleich Es
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
2. über einfach liegende Fälle sollen Handwerkskammer und Handelskammer sich direlt verständigen:
3 schwieriger gelagert. Fälle füllen durch Beschlüsse einer Kommission, in welche jede Seite drei Vertreter entsenden kann, erledigt werden.
Die Handelskammer hatte bei den übrigen hessischen Handelslammern angeregt, in gemeinsamer Stellungnahme dafür einzutreten, daß die Eisenbahnverwaltung verpflichtet wird, bei Verlust eines Frachtgutes nicht den Fakturenwert, sotidern den Tagespreir der War: zu ersetzen Die Handelskammern habe t jedoch ein Vorgehen in dieser Richtung unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht für zweckmäßig erachtet.
Die Bemühungen der Handelskammer auf Beibehaltung des Eilzugpaares aus der Strecke Gießen - Fulda und der Gütcr- abfektigungsstelle in Lauterbach lSüdi sind leider ohne Erfolg geblieben
Dom Bau des Großkraftwerks Main—Weser.
Aus Kassel wird uns geschrieben:
Zwischen Kassel und Marburg, dort, wo das Schwalmflüßchen durch die fruchtbarste Ebene des Hessenlandes fließt, klingt mit wuchtigen Mkorden das Lied der Arbeit. Dreitausend Arbeiter regen die Hände an einem Werl, das zu den gewaltigsten zählt, die in dieser schweren Zeit mit erstaunlichem Optimismus bego.men und einer bewundernswürdigen Kraft und Ausdauer durchgebissen werden, um in Zukunft die Elektrisierung sicherzustellen und zwar unter AuSb.utung bisher unberührt gewesener Braunkohlenfelder. Bevor der private Bergbau sich dieser früher mißachteten braunen Schätze der Eide bemächtigen konnte, legte der Staat die Hand darauf, um eine Dampf- k astanlage für das Elektrizitätsgebiet zwischen Main und Weser aufzubauen Hm einen Begriff zu geben von dem fast phantastischen Unternehmungsgeist, der dieses Werk leitet, sei die Tatsache festgestellt daß in der Gemarkung der Gemeinde Trockener'urt gegenwärtig zwei machtvolle Baggermaschinen aufgestellt werden zur Bloßlegung der Kohlen'elder uni) diese Arbeit wird allein zwölf Jahre erfordern.
Das neue mitteldeutsch: Braunkohlengebiet rings um baä Städtchen Borken, nach dem das werdende Kraftwerk feinen Namen erhalten hat, bildete in Urzeiten ven größten See des west- lieben Mitteldeutschland, de' langsam vermoorte und austrocknete. An diesen See erinnern noch heute die Namen der Gemeinden Nassenrrfurt und Trockenerfurt. Die in Borken gemutete Braunkohle wird als vorzüglich angesprochen. Wo bis zum Vorjahr noch des Landmanns Pflug starke Furchen zog. blitzen jetzt zahlreiche Schicnenstränge von Feldbahnen und ehre breite Gleisanlage im Anschluß an die Main-Weser-Bahn dient dem großen Güterzugverkehr. Eine neu angelegte Kiesgrube bei Großenenglis liefert das Material für die Betonierungen U : bei all streben Mauerwerke empor, so daß bereits ein Ueberblick möglich ist über den Riesenilmfang des Großbaues. Hand in Hand mit den Werkbante' geht die Wohr ungs- erstellung. Greift sch en dieses Bauen in solcher Zeit an das Unmögliche, so verlautet jetzt, daß im nächsten Jahre mit der Errichtung eines noch größeren Kraftwerks b?g->rm-n werden soll!
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 7. Norember 1922.
Die Indexziffer für !. November.
Die vom Statistischen Am! berechnete Indexziffer, der die Preise von 50 Wichtigen Lebensbedürfnisse (die Preise für Kleider, Schuhe und Wäsche finb nicht berücksichtigt> zugrunde liegen, berechnet sich für den 1. November auf 3661 gegenüber 1738 am 1. Oktober ds. Is. Die Steigerung betrug also nicht weniger als 1923 Punkte oder 111 Prozent. Die unerhörte Markentwertung im Laufe des vergangenen Monats Oktober hatte wieder, ähnlich wie im August ds. Is.. eine rapide Aufwärtsbewegung aller Preise zur Folge. Die Indexziffer, die vorn Stand der Preise am 1. Januar 1920 ausgeht, betrug am 1. Januar 1920: 100. 1. April 1922: 315, 1. August 1922: 608, 1. September 1922: 1390, 1. Oktober 1922: 1738, 1. November 1922 : 3661.
Der Friedensindex (für 1. Juli 1914) beträgt 12,6. Setzt man letzter«: zur leichteren Vergleichbarkeit gleich 100, so ergeben sich folgende Indexziffern: 1. Juli 1914: 100, 1. April 1922: 2480, 1. August 1922: 4787. 1. September 1922: 10955, 1. Oktober 1922: 13 685, 1. November 1922: 28 826.
Die Verteuerung der wichtigsten Lebens; bedürfnikse betrug als? gegenüber der Vorkriegszeit am 1. November ds. Is. das 288fack- Hierbei konnten die Preise für Kleider, Waich* mib Schuhe leider nicht berücksichtigt werd..'., da die außer ordenlllcke.r Oualitätsunterscti?de rau utz- bare Berichterstattungen von Sachverständigen noch immer nicht ermöglicht haben. Bei Berücksichtigung der Preise für Textilien und Schuhe würde fick zweifellos eine noch wesentlich höhere Indexziffer ergeben.
Fremdsprachliche Kurie an der Universität. Auch in diesem Semester werde i wieder praktische Sprachkurse für Hörer aller Fakultäten eingeleitet Englische Kurie für Anfänger und Vorgeschrittene hält Privatdozent uni> Lektor Dr. Spira ab; niederländische Kurie die Lektorin Ni. Ramondt; russische Privatdozent Dr. Karstien; türkische Lektor Mehmed Ali Best. Der neuernannte Lektor der spanischen Sprache wird seine Lehrtätigteit demnächst ausnehmen. — Für Hörer aller Fakultäten bestimmt ist auch eine Vorlesung in französischer Sprache von Lektor Dr. Vlamhnck uni) eine Vorlesung in englischer Sprache von I. Stephens Ni. A.; der letztere spricht statt über das tut Vorlesungsverzeichnis angekündigte Thema über „London ancient and modern“ (mit Licht bildern - Mittwoch 6 -7 Uhr. — Genauere Angaben über die Kurse sind aus den Ankündigungen der Dozenten am schwarzen Brett zu entnehmen. Die Vorlesungen und Kurse werden bei der Quastur (Rentamt), Dismarckstraße 22, belegt.
*" Die neue 20-Mark-Bries- marke ist jetzt in den Verkehr gekommen. Sie hat Löngssormat tmb zeigt in expressionistischer Ausführung die Gestalt eines pflügenden Bauern mit ein paar unheimlich klapprigen Gäulen.
** Uebersee-WeihnachtSpakete. Es empfiehlt sich, Weihnachtspakete nach überseeischen Ländern, namentlich auch nach den Vereinigten Staaten von Amerika, schon Anfang November bei der Post einzuliefern, damit die rechtzeitige Aushändigung an die Empfänger gesichert ist.
'• Die Entschädigung für verlorene und beschädigte Pakete wurde vom Reichsrat auf 200 Mark für das Pfund und für Einschreibesendungen auf 800 Mark festgesetzt.
•* Versammlungen und sonstige Beran st altungen von Angehörigen ehemaliger Truppenteile Das Ministerium des Innern hat durch Entschließung vom 19. C'fiob’r den Vereinigungen von Angehörigen ehemaliger Truppenteile bis auf weiteres gestattet: 1. gesellige Veranstaltungen: 2. die Teil- nahme an Beerdigungen in der herkömmlichen Weise, 3 Gedächtnisfeiern zu Ehren verstorbener Angehö iger dec Truppenteile au d?.l F iedö ei; 4 Einir<chungsjeiern von Denkmälern für die Geiallenc-n „Es wird hierbei wiederum die Er- Wartung ausgesprochen," so fügt das Kreisamt feiner Bekanntmachung hinzu, „daß bei allen Veranstaltungen in den Rwen größte Zurückhaltung geübt wird und daß auch sonst alle Pro- volationen unterbleiben. „Regimentsfeiern" sind nach wie vor verboten. Den Ortspolizeibehorden ist das Recht zuerkannt, die Veranstaltungen zu überwachen uno sie zu verbieten, falls sich Mißstände Herausstellen solllen."
Landkreis Gießen.
tt. Tre isa L., 5. Nov. Zur Gerneinde- ratswahl ist noch ein dritter Wahlvorschlag eingereicht worden, der zwischen der Rechten und Linken vermitteln will und von einer sog. Mittel st andspartei, di: seither hier noch nicht hervorgetreten ist, herrührt. — Der hiesige Turnverein hielt heute abend sein diesjähriges Gerätewetturnen ab, da5 tote'er ein schönes Zeugnis für die Tüchtigkeit des Vereins und seiner einzelnen Turner ablegte. Auch die Damenriege zeigte gute Schulung und tüchtiges Können.
** Aus dem oberen Wettertal, 6. Nov. Durch den Tod des Altbürgermeisters Schmidt in Queckborn ist eine Aufsichtsrats st eile, in der Butzbach- Licker-Sisenbahn- g e s e l l s ch a f t frei geworden. Man hofft in den Gemeinden zwischen Lich und Grünberg, daß aus ihrer Mitte das neue Aufsichtsratsmitglied gewählt wird, damit die Interessen dieser Gemeinden im Llufsichtsrat eine Vertretung erhalten.
Kreis Schotten.
n Laubach, 6. Nov. Der Kriegsveteran Landwirt August Jochem, 75 Jahre alt, and
Dienstag, 7. November 1922
feine Frau feiern am 10. November goldene Hochzeit Die Ehegatten erfreuen sich noch völliger körperlicher und geistiger Frische
Kreis Büdingen.
Büdingen, 4. Nov Am verflossenen Mittwoch hielt der bekannte hessische GeschichtS- und Altertumsforscher Prof. Dr. Roeschen im Hotel .. Fürstentzof" auf der Monatsversammlung des hictigcn Zweigvereins des D. H. C. einen Vortrag übei das Wesen und die Entstehung der Sage, mit besonderer Derücksich» cung von Büdingen und Hingegen b. Der Bort.tzendc, Hofbutzdruckereibesitzer Schneider, begrüßte mit herzlichen Worten den Redner, bei schon vor 50 Jahren als Budinger Primaner Sagen gesammelt und Beiträge zu Dinde- walds ob er hessischem Sagenbuch geliefert habe. Pros. Dr. Roeschen zergliederte in feinem Vorträge die Sagen nach ihrer Zusammensetzung und zeigte, tote die Sage sich fortgesetzt ändert, alle Zuge abstöht, neue aus nimmt und so sich stets durch Konalomeration weiterbilde. Dies wurde gezeigt durch die Sage vom Düdinger Steinhauer, der am Stadt- wall auf dem „Gebück" auf tragische Weise verunglückt fei. Diese Sage gründet sich auf die dortige Inschrift. „Gott gnade der Seele", die sich ganz allgemein als Schlußformel auf mittelalterlichen Grabsteinen finde. Ebenso behandelte Prof. Dr. Roeschen eingehend das Gebiet der ethischen Sagen und der sog. Wandersagen. wovon Büdingen und das Seemental zahlreiche Beispiele biete. So kehre die Sage vom Cberkopf am sog. „Steinernen Haus" in Büdingen in Braunschweig als die Sage vom Oberjägermeister Hackelberg wieder. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall. Eine lebhafte Aussprache schloß sich an.
)( Schwickartshausen, 6. Nov. Ein Kindesmord hält zur Zeit hier die Gemüter in Aufregung. Eine bei einem hiesigen Landwirt im Dienst stehende Magd unterhielt mit ihrem Arbeitgeber Verkehr, der nicht ohne Folgen blieb. Nach der Niederkunft begrub die Mutter nachts das Kind im Hausgarten, wo es am andern Tag auf Anzeige hin von der Gendarmerie ausgegraben wurde. Die Sektion der Leiche ergab, daß das Kind gelebt hatte und erwürgt worden ist. Da der Verdacht besteht, daß der Landwirt um das Verbrechen nicht nur wußte, sondern es sogar veranlaßte, wurde er verhaftet und in Untersuchungshaft abgeführt. — 3m benachbarten Dobenhausen wurden zwei Frauen wegen Verdachts desMeineids, den sie in einer Schöffcngerickt.ver!andlungeleistet la'en sollen, ebin,a.U in Un.er uchungcha t genommen.
Kreis Friedberg.
* Bad-Nauherm, 6. Nov. Die Negierung fordert in einer Vorlage an den Landtag 1 5 0 8 5 1 0 Mark zur Vornahme von InstandsetzungSarbeitenimDade- betrieb. Folgende Arbeiten sind beabsichtigt: Herstellung des Kurhauses im Putz und Anstrich im Innern, insbesondere in den Fluren und im Vestibül, Reparatur der schadhaften Dächer und Gesimse und Instandsetzung der Badehäuser hinsichtlich schadhafter Deton- balken, Wannenverkle'idungen und Wand- plättchen, zur Erhaltung der Betriebssicherheit in den Badeanlagen Instandsetzung der Dampf- und Heihwasseranlagen, sowie Instandsetzung der Badewannen in den Badehäusern 2 und 3. Es wird empfohlen, die Arbeiten in den bevorstehenden Wintermonaten auszuführen und umgehend in Angriff zu nehmen.
Hessen-Nassau.
][ QHatburg 5 Nov. In ein.r in den Stabt- sälen abgehaltenen, stark besuchten Bauern- versammlung wurde auf die Mitteilung hin, baß in Marburg noch eine Menge Kartoffeln fehlen, festgestellt, bah die Ausfuhrgenehmigung daran die Schuld trüge. Händler hätten die meisten Kartoffeln billig aufgekauft und fortgeschafft. Die Hilfsaktion der Stabt und der Studentenschaft sollen eifrig unterstützt werden.
Landwirtschaft.
Eine Gefahr für den Kartoffeldau.
Nach einer Pariser Meldung ist der Koloradokäfer, eine bec meist gefürchteten Plagen in den Vereinigten Staaten, jetzt in Frankreich festgestellt worden, und damit ist unseren Kartoffelernten eine furchtbare Gefahr sehr nahe gerückt. Im Osten von Nordamerika müssen die Kartoffelfelder jährlich ein paarmal mit eincl? arsenhaltigen Flüssigkeit bespritzt werden, um die Ernte vor völliger Vernichtung zu schützen. Die fran»
umfing ihn wie Vergessen, ein Wohlbehagen durchs!römte seinen Körper. Musik! Sic gab ihm wieder, was er einst besessen hatte. Er hatte eine Zuflucht gefunden, und in dieser Stunbc gelobte er ihr Treue, feiner Göttin, der Musik.
Du sollst mich halten, wenn ich mich verliere, du sollst mich schützen, wenn ich furchtsam werde, sei du mein Trost in meiner Einsamkeit und meine Zuflucht Wenn alles mir verloren geht, bann bleibe du mir, und meine dunklen 3cü)re weiß ich nicht. Der Himmel hatte sich über ihm aufgetan, er fühlte Unendlichleit herüberwehen.
„Wenn ich einmal soll scheiden," sang getragen der Chor.
Neben ihm weinte eine alte Frau.
ilnb bann vernahm er keine Worte mehr, sondern nur noch Musik. Das Schicksal hatte ihn heute hierhergeführt. Es war gnädig mit ihm, dem armen, einfachen Menschen, der sich abmühte, seinem Leben einen Inhalt zu geben, und kämpfte, um nicht unteizugehen.
Er vergaß die Umgebung. Er schaute in die flackernden Kerzenlichter und lauschte dem Schluß- chor. „Wir sehen uns mit Tränen nieder .. ." bis die Stimmen schwiegen und der letzte Orgelton verklang. — Er erwachte wie aus einem Traum. Er sah die Leute sich erheben, den Mittelgang herunter strömten duntelgekleidete Menfcken mit ergriffenen Mienen dem Ausgang zu. ilnb erging, den Hut in der Hand, m>ch ganz benommen hinter ihnen her ...
Das Ehepaar hatte sich wieder versöhnt.
In leinet weichen Stimmung erschien es Ernst eine Pflicht, den Verdacht, der ihn von seiner Frau getrennt hotte, zu überwinden, c. wollte nicht mehr
an den verschwundenen Smaragden denken, mb Grete machte es ihm leicht. Sie war jetzt sehr liebenswürdig unb kam ihm entgegen. Seiner offenen Natur wider strebte dieses seinLliche Neben- ernanberieben, unb sie war erlöst, daß sie keine tragische Miene mehr bei Tisch zur Schar tragen mußte. Es nxn- ihr oid wichtiger, baß sich Ernst nun wieder seiner Arbeit zrwandte inb nichts merkte von den Heinen Briefen, welche Dienst- männer in grünen Blusen ins Haas brachten, von bsr leichten Nervosität, die Grete umschwebte, brr ewigen Llnrache, in der sie sich befand, seit ihr Leben eine Wendung genommen hatte
Seit Grete so viel spazieren ging, der Arzt ha.tte Blutarmut bei ihr entdeckt, die fogenarmte blühende Bleichsucht, die sich nicht äufjerlld) kund- gibt, hatte sie jedes Interesse an ihrem Hrushalt verloren.
Man sah ihrem Salon an, daß ihn eine gleichgültige Jungfer aufräumtc, das Kopenhagener Porzellan fror- nicht mehr abgestäubt, in den Iar- binieren vertrockneten die Begonien und alle ülhren waren stehengeblieben, «lls fänden sie es nicht mehr der Mühe wert, weiter zu ticken . . . Diese Spaziergänge zogen sich meist bis zum Abend hin, die gemütliche Teestunde in ihrem Salon hatte man längst auf gegeben.
Als Ernst eines Nachmittags aus ^Versehen doch beiauflani zum Tee. fand er die Salontüre verschlossen Er fragte erstaunt Gretes Jungfer, warum das Zimmer plötzlich abgeschlossen sei? Und das Mädchen antmortetc schnippisch ..Nun, damit keiner hereinlommt."
Er fand das meritoürbig unb befragte feine Frau des Abends bei Tisch nach bem Grund. Sie gestand ihm. daß sie bem neuen Mädchen
nicht traue, eö stand so viel kostbares Porzellan herum. Aber- es Eam ihm vor. als ob Grete das mit einer leichten Verlegenheit gesagt habe. Indessen legte er ihren Worten zu wenig Bedeutung bei, um darüber nachzudenken, er hatte anderer zu tun. Er mußte jetzt arbeiten, fein Haus hall verschlang Unsummen und sein Schwiegervater bezahlte keine Rechnungen mehr. Seit aus aller Ecken diese Amateurweinhandlungen emporschos- sen, die ihre giftigen gefälschten Weine einen unwissenden Publicum vor setzten, das sie auch ruhig tränt, war sein Geschäft zurückgegangen.
Von ihm hatte Grete vorläufig nichts zu hoffen
Die Unverzagt war unerschwinglich geworden, feit die Erkers bei ihr arbeiten ließen, und Goldenberg hatte die Miete wieder erhöht.
Die Lage war „Gold wert". Im Parterre rrchtete der Wirt des Restaurant Tannhäuser jetzt ein spiegelglänzendes Cafe ein, trotzdem Grete empört ihre Stimme erhob, aber Goldenberg war auf dem Ohre taub. Er hatte sich in das Hinterhaus zurückgezogen, wohin er auch das Sacklager verlegte
Das Haus hatte durch dieses Cafe etwas Gewöhnliches bekommen, man begegnete fortwährend auf der Treppe Pärchen oder Konditorjungens. Wenn Ernst auch jetzt wenig von seiner Famllie sah, ließ ihn die Sorge um sie doch nie ganz los.
Wenn ich dich noch einmal mit diesem Kellner Billard spielen antreffe, Lümmel, dann hab' ich dir zum letztenmal money geschenkt," drohte Ernst. Aber was half das alles? Jeder hatte triftige Gründe, mit seinem Geld nicht auszu» kommen. (Fortsetzung folgt)


