Ausgabe 
7.10.1922
 
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lkr. 236 Zweites Blatt

Wer erhält die Brotmarken weiter?

©leben, den 7. Oktober 1922.

Dach der Verordnung des ReichSernäh- rungSmimsterS vom 8. September treten am 16. Okwber neue Bestimmungen für die Drot- markenberechtigung in Kraft. Manche Einzel­personen und Familien toerden von diesem Lage ab zwangsweise aus der öffentlichen Brotversorgung ausgeschieden und auf den Bezug des markenfreien Brotes verwiesen.

Lieber die Neuerung besteht trotz der wie- dechvlten amtlichen Bekanntmachungen noch in weiten Kreisen der Bevölkerung Unklarheit. Insbesondere ist man nicht im Klaren darüber, vb man auch weiter die Berechtigung zum Brvtmarkenbezug hat, oder davon ausgeschlos­sen wird. Zur Behebung der Zweifel mögen die nachstehenden Angaben dienen.

Bezugsberechtigt bleibt die­jenige Einzelperson, die im Jahre 1921 weniger als 30000 Mk. steuerpflichtiges Einkommen hatte. Hat eine Einzelperson im Jahre 1921 me h r als 30 000 Mk. steuerpflich­tiges Einkommen gehabt, dann scheidet sie mit dem 16. Oktober aus der öffentlichen Brot­versorgung auS, d. h. sie hat keinen An­spruch mehr auf Brotmarken. Weist diese Person aber nach, das) ihr Einkommen im Wirtschaftsjahre 1922/23 das Vierfache des Einkommens von 1921 nicht über­steigt, also geringer ist als 120 000 Mk^ dann behält sie den Anspruch auf die Brotmarke auch weiterhin.

Brotmarkenbezugsberechtigt bleibt diejenige Familie, deren Einkom­men im Jahre 1921 den Betrag von 30 000 Mark für den Familienvater, und 15 000 Mk. für jedes weitere, nicht selbständig zur Steuer veranlagte Familienmitglied (Frau, nicht verdienende Kinder, und auch Dienstpersonal) nicht überstieg. Besteht also ein HauShalt aus dem Haushaltungsvorstand und drei nicht selbständig zur Steuer veranlag­ten Personen, so hat dieser Haushalt An­spruch auf Brotkarten, wenn das gemeinsame steuerpflichtige Einkommen im Kalenderjahr 1921 nicht mehr als 75 000 Mark betragen hat. 'Ueberstieg das Einkommen der vier Per­sonen im Jahre 1921 diesen Betrag, so ist der Haushalt nicht kartenberechtigt. Er bleibt jedoch bezugsberechtigt, wenn das Gesamteinkommen der vier Personen im Wirt­schaftsjahr 1922/23 (16. August 1922 bis 15. August 1923) das Vierfache der er­wähnten Sätze, also 300 000 Mark, nicht übersteigt. Selbständig verdie- nende Söhne oder Töchter kommen hier nicht in Betracht, da sie in diesem Falle steuerlich selbständig veranlagte Personen find. Dagegen wird das Dienstpersonal zu ben nicht selbständig verdienenden Personen gerechnet, es ist also bei der Berechnung des Gesamt­einkommens zwecks Feststellung der Mar- kenbezugsberechtigung mit zu berücksichtigen.

Alle Personen bzw. Familien, die hier­nach mit dem 16. Okwber auS der öffentlichen Drotversorgung ausscheiden, haben man be­achte die Bekanntmachung im Anzeigenteil deS Gießen. Anz." von gestern dies bis zum 9. Oktober auf dem städt. Lebensmittelamt anzumelden. Wer widerrechtlich Brotmarken weiter bezieht, setzt sich schwerer Bestrafung aus.

Äcrndel.

Berlin, 6. Ott. Börsen st immungs» bild. Nachdem gestern zum Dörsenschluh durch Realisationen die berufsmäßige Spekulation den Kursstand herabgedrückt hatte, spiegelt sich heute die dadurch geschaffene Unsicherheit in der toei- leren Beurteilung der Dorsenverholtnisse deut­licher in der uneinheitlichen Kursbildung be­sonders der deutschen Aktien wieder. Erhöhungen und Rückgänge von durchschnittlich 2080 Proz. Hielten sich ungefähr die Wage. Laurahütte, Norddeutsche Wolle und Feldmühle waren 200 bis 300 Prvz. niedriger. Phönix, Hösch, Deutsche Kali, Anglo Guano, Stöhr u. Co. und Otavi waren 150 bis 500 Proz. höher. Dabei hielten sich die Umsätze gegenüber den Dortagen in etwas engeren Grenzen, Unverändert lebhaft ging es aber in Dalutawerten her, so besonders in Ko­lonial-, Petroleum-, ausländischen Renten«

GiehenerAnzelger (General-Anzeiger für Gberhessen)

papieren und Auslandbarckaktien, die alle ihre steigende Bewegung bei zeitweise starten Kurs- erhöhungen fortsehten, ohne daß allerdings die höchsten Tageskurse später überall aufrechter- hal'.en wurden. Don dieser Haussebewegung zogen Deutsche Bankaktien und im minderen Mähe Diskontoanteile starken Nutzen. Bei den führen­den Grobbanken und Bankfirmen ist der Eingang von Aufträgen seitens des Publikums nach wie vor unverändert grob, so dah auch heute die Umsätze in den zu Crnheitskursen gehandelten Industriepapieren wieder umfangreich waren. De­visenpreise zogen weiter an, was der festen Ten­denz für Valutawerte naturgemäß eine weitere Stütze bot und auch sonst schließlich eine mäßige Befestigung der Börse bewirkte

Frankfurt a. M., 6. Okt. Dörsen-

stimmungsbild. Dollarkurs im Frühver­kehr 2160, im Verlaufe 2190. Devisen lagen fester. Der Effektenmarkt zeigte ein ruhiges Aussehen. Montanwerte lagen durchschnittlich 100300 Prozent niedriger. Die Aktien der chemischen Industrie hatten größtenteils Kurs- befserungen zu verzeichnen. Die Tendenz der Maschinen-, Metall- und Autowerte war nicht einheitlich. Kleher und Daimler stellten sich niedriger. Zuckerfabrikaktien nahmen einen un­regelmäßigen Verlauf. Am Rentenmarkt stell­ten sich Zolltürken niedriger. Ungarische Gold­rente waren begehrter. Kassa-Inoustriepapiere wiesen eine unregelmäßige Tendenz auf. Der Dollar wurde gegen 1 Uhr 2210 genannt.

Frankfurter Devisenmarkt. Amtliche Notierungen.

Datum: 5. Oktober 6. Oktober

Geld Bries Geld Brief Antw.-Brllssel . 15487,50 1'515,40 15634,30 15665,70

Holland...... 85264,60 85435,40 85264,60 85435,40

London 9765,20 9781,80 0677,80 9697,20

Parts 16783,20 16816,80 16558,40 16591,60

Schweiz 41108,80 41191,20 40509,40 40590,60

Spanten 33216,70 33283,30 33016,90 33083,10

Italien 9378,10 9396,90 9328,10 9346,90 pissabon-Oporto»

Dänemark .... 45054,90 45145,10 44455,50 44544,50 Norwegen .... 38711,20 38788.80 37962,- 38038,- Sckweden . . . 57742,20 57857,80 57242,70 57357,30 HelsingsorS. . . .

Sleuyork...... 2180,30 2184,70 2152,70 2157,30

Deulsch-Oesterr. 2,95 2,99 2,97 3,07

Budapest 91,90 92,10 84,91 85.09

Prag 7392,60 7407,40 7380,10 7394,90

Sofia --

Börsenkurse.

Frankfurt a. M. Berlin

Datum: 5°/a Dtsch. RetchSanlethe 4°/<> Dergleichen S'/i/o Dergleichen 3°/,, Dergleichen Dtsch.Spar-Präm.-Anl. 4°/, Preuhische Konsol» 4°/-. Hessen .....

3'///, Hessen 37o Hessen.........

Schlich« Schluß» Schlich, Schluß- fcur» Äurs flurs Aurs

5 10. 6.10. 5. 10. 6.10.

774)0 77,50 77,50 77,50 200,- 22L 217, 225, 115,- 125,- 122,-r- 122,- 420,- 440,- 422, 431,

80,50 80,- 80,- 80,- 80,- 82,- 82,50 87,25 73450 70,- 72,- 71,

66.- 66- -,- -,- 64, -, 59,50 60,25

4% Zolltürken 170Ü 1675, 1650, 1650, 5°/0 Goldmerikaner 28500, 30000, 28800,,

322,-

322,-

312,- 700,-

305, 740,-

210, 4'50, 1375,

308,-

750,-

460,-

312' 355,-

455,-

315'=

350,-

Berliner HandelSges. . 1600, 160U 162->-~~ Commerz- u. Prioatbk. 328, Darmst.u.Nattonnlbank 310, Deutsche Bank...... 735.

Deutsche VereinSbank. 210, Disconto Conimandit . 447, Llletallbank 1400, Mitteldeut. Kreditbank 318, 315, Oesterr. Creditanstalt. 378. 375,

Bochumer Guh 3225, BuderuS..........1550,

Caro 1300,

Deutsch-Luremburg. . . 3375, Gelsenkirchener Bergw. 3450, Hnrvener Bergbau. . .5800, Kaliwerk Aschersleben. 1950, Kaliwerk Westeregeln . 2600, Vaurabütte........,

Oberbedars 1920,- Pliönir Bergbau 4400,- Othetnstabl 3180, Rtebeck Aiontan . . . . 3600, TelluS Bergbau 4000,

3250 3350, 3100,- 1460, 1460,- 1405, 12:30,- 1226,- 1250,- 3200,- 3350- 3000,- 3310,- 3575, 3250,- 5550,- 5500,- 5420,- 1*100,- 1950,- 1920,- 2500,- 2600,- 2700,- 3950,- -,- -, 1780,- 1850,- 1810, 4100. 4400,- 3950,- 3050,- 30W,- 3010,- 3450,- 3345,- 3225.-

960,- -,-

vamburg Sinter. Paket 869, 860, 850, 840, Norddeutscher Vlonb. . 580,- 570- 540,- 58b-

ZenientwerkHeidelberg 1300, 1285,,, Philipp Holzmann . . . 850, 850, 790, 835, Anglo-Cont.-Guano. . . 4250, 4700, 4100, 4525, Badische Anilin 1801,- 1S35,- 1800,- 1825,- Goldschmidt 1505, 16®,- 1548,- 1500. Grieoheimer Electron. 1350, 1318, 1350, 1315, Höchster Farbwerte . 1375, 1360, 1375, 1360, Hotzverkohiilng 1050, 1000,,, Nütgerswerke 1030, 1040,, 1100, Lcherdeanstalt 1640,- 1665,,, Allg. Elektrizitäts-Ges. 890, 855,- 860, 340,- Berginann 860,- 820,- 805, 752,- Schuckert 1575,- 1550, 1530.- 1525,- LiemenS & Halske. . . 2700,- 2675,- 2600,- 2550,-

Franksurt a. M. Berlin Schluß. Schluß- Schluß. Schluß, fiurs Sure ftur» Rurs Adlerwerke Klever. . . 520,- 520- .'>39.- 52t- Taimler Motoren. . . . 600, 550, 553 575, Hepltgenstaedt, 1000,,, Meauin 1640.- 1550.- 1500,- 1580,- Metallges. Frankfurt. . 209(1 1375,,, Lchuhsabrik Her» .... 600,- 593. -,- -,- Sichel 620.- 624.- -.- -,- Zellitoss Waldhos .... 1035,- 999,- 1(60,- 955,- Zuckerfabr.Irankentbal 9N>, 950,, ZutkerfabrikWag>>ausel 965, 950, ,

Berliner Produklenmarkt.

Berlin, 6. Okt. Neben der fortgesetzten Steigerung der Devisenpreise war es hauptsäch­lich noch die außerordentliche Zurückhaltung der inländischen Abgeber, die die Preissteigerung am Getreidernarkle weiter im Fluh hielten. Die aber­malige Erhöhung der Mehlpreise ist die Folge der erneut gestiegenen Preise für Welzen und Roggen. Speziell in letzteren ist die Nachfrage nicht voll zu befriedigen gewesen. Gerste, Hafer und Futterstoffe schlossen sich der allgemeinen Preissteigerung an. Für Oelkuchen zeigte sich, besonders für spätere Giefemng, viel Nachfrage. Weizen, märkischen 43004450 Mk., schlesiscl)en 42504300 Mk. (fest), Roggen, märkischen 3975 bis 4025 Mk., pommerschen 39253950 Mk. (fest), schlesischen 39003950 Mk., Sommergerste 3950 bis 4250 Mk., Wintergerste 37003900 Mk. (fest), Hafer, märkischen 42504400 Mk. (fest), Mais, Hamburg Ott. 42004300 Mk. (stetig), Weizen­mehl (100 Kg.) 11 900-12 700 Mk. (fest). Roggen- mehl (100 Kg.) 10 40011200 Mk. (fest), Weizen- fleie 2350 Mk. (fest), Roggenkleie 2300-2400 Mk. (fest), Raps 5300 Mk. (fest), Diktoriaerbsen 6100 bis 6400 Mk., kleine Erbsen 49005400 Mk.. Futtererbsen 40004200 Mk., Lupinen, blau 2300 bis 2500 Mk., gelb 25002800 Mk., Rapskuchen 2600 M!., Trockenschmhsl» 22002300 Mk., Kar­toffeln, weiße und rote 360380 Mk., gelbe 400420 Mk. Rauh futter: Weizen- und Roggen­stroh, drahtgeb. 11001150 Mk., Hafer st roh, drahtgepreßt 11001150 Mk., Stroh, strohseilge­bündelt 11001150 Mk., Wiesenheu, gut, gesund und trocken, Dormahd 650710 Mk., Nachmahd 590650 Mk.

Mainzer Börse.

Mainz, 6. Oft. Zufolge der hohen De­visenkurse war die Tendenz auf der heutigen Börse sehr fest. Es notierten per 100 Kilo loco Mainz: Weizen 92009500, Roggen 78008200, alter Hafer 80008500, neuer Hafer 70008000, Braugerste 70008000, Weizenmehl Spez. 0 14 000-14 500, Roggenmchl 10 50011 000, Wei­zenkleie 43004400, Roggenkleie 43004400, WeizenfuttermeHl 50005500, Torfmelasse 2800, Biertreber 45004600, Luzerne 55 00065 000, ital. Rotklee 65 00075 000, Esparsette 16 000 bis 17 000, Wiesenheu, lose, 2300, Wiesenheu, gepreßt, 2700 -2900, Klethen 25002600, Haferstroh 1900 bis 2000, Roggenstroh, geb., 19002000, Roggen- strvh, drahtgepretzt, 25002600, weihe Dohnen 12 000, ungeschälte Erbsen 14 000, Linsen 16 000 bis 20 000, Haferslocken 18000. Für Kartoffeln seht die Mainzer Börse für die Folge Grzeuger- und Groh Handelspreise fest. Beide Preise ver­stehen sich für hessische und pfälzische Kartoffeln ab Erzeugerstattonen. Heute wurden notiert als Erzeugerpreise für weiße und rote Kartoffeln 700750, für gelbe Kartoffeln 800840. Die ent­sprechenden Grohhandelspreise betragen 805 bis 860 und 920965.

(3n einem Teil der Austage wiederholt.)

Die Antwort Angoras.

London, 5. Oft (WTD.) Der Staclls- fefretär des Aeußern hat folgenden kurzen Aus­zug aus der Antwort der Angor a-regie- rung vom 4. Okwber auf die alliierte Einladung erhallen:

Die Regierung von Angora weiß den Wunsch nach einem gerechten und dauernden Frieden zu würdigen. Die alliierte Note bezieht sich auf zwei Fragern nämlich die gegenwärtige militäri­sche Lage und die Verhandlungen zwecks Abschluß eines Friedens. Die Zusammenkunft von M u- d a n i a wird unseren Standpunkt bezüglich der militärischen Lage prüfen, den wir in unserer Note vom 29. September bekannt gegeben haben und ihre Entscheidung wird in allen Punkten ausge­führt werdcm. Was die Friedensverhand­lungen betrifst, so find wir bereit, Vertreter zu entsenden, um einen Dertrag zwischen der Türkei und Griechenland sowie den Alliierten zu erörtern und akyuschließen. Da die Alliierten die Möglich kett zulassen, dah die Konferenz an­derswo [lattfinbet als in Venedig, möchten wir Vorschlägen, dah die Konferenz am2 0. Ok­tober in Smyrna zusammentritt. Auher den Grohmächten fmb lediglich zwei Staa­ten zu der Konferenz eingeladen worden, nicht

Samstag, 7. Vttober \022

weil sie am Kriege beteiligt sind, sondern wahr- scheinjich, weil sic an gewissen Fragen, die durch den Friedensvertrag geregelt werden sollen, be­sonders mtereffiert sind. Da die einzig wichtige Frage dieser Art die künftige Kontrolle der Meerengen ist, können wir nicht Unterlasten, un­sere Ueberraschung darüber auszusprechen, dah Ruhland, die 11 tra in e und Georgien, die tatsächlich an der Frage interessiert sind, nicht cingelaben wurden. Da die Teilnahme dieser drei Staaten nur geeignet wäre, die zu treffende Regelung dauerhafter zu machen und jede künftige Ursache für Konflikte auszuschliefxm. schlagen wir endgültig vor, dahsieinderselbenWeise eingeladen werden, wie das bei den an­deren Staaten der Fall ist. Wir hoffen, daß die Einladung vor der Konferenz an sie ergehen wird Wir danken den Alliierten dafür, dah sie unser Recht auf Thrazien anerkannt baben. Es gibt im Prinzip keine Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Freiheit der Meerengen, der Sicher­heit Konstanttnopels und des Marmaraineeres und des Schuhes der Minderheiten innerhalb der Grenzen, die sich mit der Unabhängigkeit und Souveränität der Türkei vertragen sowie bezüg­lich der Forderung einer tatsächlichen Regelung der Cticntfrage. Wir werden zu gegebener Zeit unseren Standpunkt bezüglich unferer Zulastuna zum Völkerbund belamxtgeben. Wir sind glücklich, die erneute Versicherung betreffend der Räumung Konstantinopels durch die alliierten Trupen zur Kenntnis zu nehmen. Wir sind davon überzeugt, dah die Alliierten sich überhaupt der Ungeduld, mit der wir die Durchführung der versprochenen Räumung erwarten. Har sind Wir sind enrpfänglich für den Appell, der ben Schluß der alliierten Note bildet und können die Alliier­ten unserer loyalen und aufrichtigen Unterstützung bei WicderHerstellung und Aufrechterhaltung des Friedens versichern.

Sie Politik Englands.

London, 6. Oft. (WTD.) Nach einer halb- amtlichen Meldung ist Lloyd George nach der Downingstreet zurnckgekehrt, wo er mit mehreren Ministern zusammentraf, um an einem Kabinetts­rat teilzunehmen. Ein Communiquö deS Kabi nittsrats von heute abend besagt: Nach der Sitzung des Kabinettsrats kamen die Minister heute abend wieder zusammen und berieten wäh­rend zweier Stunden über die Orientfrage. Der Vorschlag, wonach die Friedenskonferenz am 20. Oktober in Smyrna und nicht in Venedig zu sammenkommen soll, wird indessen von den zu ständigen Londoner Kreisen nicht günstig bc urteilt, mit Rücksicht auf die große Entfernung, die Smyrna von den alliierten Hauptstädten trennt. Das britische Kabinett wird morgen vor­mittag halb 12 Uhr wieder zusammenkommen und die Antwort der Angoraregierung eingehend prüfen.

Die russisch-ftanzösifchen Beziehungen.

PariS, 6. Okt. (WTD.) Nach demPe- ttt Journal" soll der Abgeordnete H e r r i o t mitgeteilt haben, dah er am 15. Oktober aus Rußland zurückkehre.

Der Moskauer Berichterstatter desChi­cago Tribüne" will eine Unterredung mit Her- riot gehabt haben, der ihm auch unter anderem sagte, die Russen erklärten sich bereit, ihre Dorkriegsschulden an Frank­reich anzuerkennen, ein Zugeständnis, das das Haupchindernis beseitigen würde. Herriot soll wörtlich gesagt haben: Wenn ich nach Paris zurückkehre, werde ich die ftanzösi- | sche öffentliche Meinung davon zu überzeugen suchen, daß die Aufrickttgkeit dieser Versprech­ungen anerkannt werden muß. Sobald Frank­reich daS einsieht, wird eine Einigkeit die Folge sein. Wir sollten mit einem Wirt­schaftsverträge beginnen, der zur An­erkennung Sowjetruhlands durch Frankreich führen würde.

Der Berichterstatter will Herriot gefragt haben, ob die französischen Radikal- Sozialisten die Furcht Poinc ar es vor einem deutschen Revanchekrieg teilen und deshalb auf eine Einigung Rußlands mit Frankreich bedacht seien. Herriot habe geant­wortet: Heute ist Deutschland schwach, in der Zukunft aber wird es äußerst gefährlich für uns werden. Es gibt nur ein paar wirkliche Demokraten in Deutschland; denn in Deutsch­land ist die Demokratie Oberfläche, hier in Rußland besitzt sie Tiefe. 3n Deutschland sind von den Monarchisten, die noch das wichtigste Element im Reiche darstellen, nur die For­men geändert worden.

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.

10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Sie hatte den Salon verdunkelt und ein Stehpult mit schwarzem Stoff verkleidet, zwei Kerzen brannten rechts und links von dem Pult, auf dem sie stand, lilienschlank in ihrem schmuck­losen weihen Kleid, das nur eine Girlcmde von Herbstblättern trug, das goldrote Haar schimmernd wie eine Aureole, eine moderne Ophelia, zwischen den leise knisternden Lichtern, ihr Gesicht war sehr blaß, ihre Augen brannten in einem düsteren Feuer.

Als sie begann, wurde es still in dem Saal, in dem 7wch die weihgedeckte Hochzeitstafel stand mit den verwelkten Hyazinthen, den verschobenen ®ebcden und den herabgebrannten Kerzen.

Die Damen sahen in grünen Plüschsesseln in zwei Reihen vorne, die Herren in ihren Fracks lehnten an der Wand, Ernst stand an der Türe, die älhr in der Hand, denn der Wagen wartete schon unten, um sie zur Bahn zu bringen. Aber er bergab Zeit und Abreise, sah nur Lianes große Augen und hörte ihrer schwingenden Stimme zu. Nie hatten ihn Worte derartig er­griffen wie die Ballade von dem Verbrecher, der zum Richtplatz geführt wurde nach jahrelanger Quälerei. Er sah ihn, stolz aufgerichtet, die leuch­tenden Qiagen in unbekannte Fernen gerichtet, die Hände auf dem Rücken gefesselt, zur Guil­lotine gehen,mit Schritten wie befreit.

älnd auch die anderen, die eben noch gelacht, geschmaust und getan : hatten, blickten nachdenk­lich drein, es war, als wehe von irgendwoher ein kühler Wind durch das üppige, warme Zimmer. Liane wurde mit Beifall überschüttet und stieg

gelassen vorn Pull, ,3a, diese Liane," sagte sein Schwiegervater zu dem General.Mit Schritten wie befreit, man sieht ihn ordentlich, den armen Teufel. So ein junges Mädchen mit neunzehn Zähren! Alle Achtung, Herr General."

Während sich die Gäste um Liane scharten, war es dem Brautpaar gelungen, ohne Abschied fortzukommen. Doch als sich Ernst im Wagen­polster zurücklehnte, um seiner jungen Frau Platz zu lassen für ihre vielen Koffer und Hutschachteln, dachte er: Man hätte doch lieber noch ein Glas Champagner trinken sollen, als dieses Gedicht von Liane mitzunehmen auf feine Hochzeitsreise.

Aber solche Stinmrungen hielten bei Ernst nie lange an. Ihre Hochzeitsreise, die sie nach Italien machten, war heiter und ungetrübt verlaufen, genau nach einem Plan, den der General ent­worfen hatte.

Sie reiften über den Brenner nach dem Gardasee und von dort nach Verona, Dicenze und Padua -UeberaÜ blieben sie, wie vorgeschrieben, zwei Tage. Sie sahen Städte. Kirchea Paläste und Brücken, Museen mit Gemälden und Statuen, und nahmen diese Bilder mit dem Hunger der Jugend in sich auf. 3n Venedig fuhren sie in Gondeln über den Canale Grande uni) wohnten in einem Palazzo, ttl dem die Schränke aus bemaltem Blech und Die Fußböden aus roten Ziegelsteinen bestanden, die mit zerfetzten Teppichen belegt waten. Für QSenebig hatte der General nur vier Tage, für Florenz aber sechs vorgesehen Grete aber wäre lieber länger in QJencbtg geblieben. Sie hatte dort eine wonnige Konditorei am Mar­kus platz entdeckt, und tn Floren; regnete es un­unterbrochen. Doch Emst bestand auf dem Fest­halten des Planes. Er fürchtete, dah sie sonst etwas von den Sehenswürdigkeiten Italiens ver­lören.

3n Rom blieben sie zehn Tage in einemvon Deutschen bevorzugten Hotel", in dem sogar der Hausknecht aus Eppenhausen war. Grete knüpfte mit allen Hotelbediensteten Gespräche an, was immer etwas kostet, denn diese Unbekannten tauch­ten dann beim Abschied als Freunde an der Haus­tür auf. Grete war die angenehmste Reisege­fährtin. Immer heller, guter Laune, immer bereit, mllzumachen, scheute sie vor keiner Anstrengung zurück. Sie war auf störrischen Mauleseln an steilen Bergabhängen entlang geritten, und als ihnen einmal in Genua das Rad der Droschke absprang und der Wagen umstürzte, lachte sie Tränen. Sie sah überall Komisches unb gewann mit dieser Liebenswürdigkeit, die im Rheinland so billig ist, Wirte, Kellner und Blumenmädchen.

Von Genua aus machten sie einen Ausflug an die Riviera di Ponente, blieben einen Tag in Turin und einen in Mailand, wo sich Grete einen roten Chiffonhut erstand. Als sie an die italie­nischen Seen kamen, war es schon heiß, die Sai­son war zu Ende und sie fanden gähnend leere Hotels. Trotzdem sahen sie sich Como und Lugano an, fuhren über den Lago Maggiore, blieben in Verona über Nacht und kehrten befriedigt über den verschneiten Brenner zurück, denn jenseits der deutschen Grenze war es noch Winter. Auf der Rücrretse erkältete sich Grete und muhte in Luzern drei Tage zu Bett bleiben

Diese stillen Tage benutzte Emst, um allein durch die schöne, freie Stadt zu schweifen und seine Reiseeindrücke niederzuschreiben. Ec gedachte sie spater herauszugeben in gutem Druck und feinem Ledereinband.

Von dieser Reise behielt Ernst eine Erinne­rung wie an .ein Paradies, das man scheuen Schrittes betreten hat und durch das man wie berauscht wandelt

Nun waren sie verheiratet. 3n seinem Bureau sahen zwei .Schreiber, die vorläufig nicht viel mehr zu tun hatten, als Botengänge für die junge Frau zu besorgen. Der Haushall wurde so üppig geführt, wie er eingerichtet war Grete wollte alleä tti großem Stil, denn das warf wieder auf Ernsts Praxis ein günstiges Licht. Die drei ersten Klienten, die das funkelnagelneue Rechts­anwaltsbureau betraten, waren ein Stammtisch­freund Kollins, der Ziegeleibesiher Winterich, sein Hauswirt Goldenberg und ein Postbote, der wegen Diebstahls angeklagt war.

Alle drei Fälle waren ziernlich verwickelt.

S)ctt Winterich hatte mit dem Geld vieler Aktionäre, unter denen sich auch Kollin befand, in der Rheinebene, tn dem Städtchen Eppenhausen, eine große Ziegelei erbaut, die aber keine Zinsen abwarf, weil sich zur selben Zell eine Konkurrenz­ziegelei in der Nähe aufgetan hatte. Dadurch waren Streirtgfeiten und Prozesse entstanden, die bis jetzt zu nichts geführt hatten, als dah die Aktten der Gesellschaft derartig sanken, dah sie niemand mehr kaufen, aber alle Mitglieder sie loswerden wollten. Auch Herr Kollin wollte die seinen abstoßerr. Hiervon durfte aber sein Freund Winterich nichts erfahren, und er hatte Ernst betraut, dasunter der Hand" zu arrangieren. Der junge Anwalt ping nun mit Volldampf gegen die Konkurrenzfabrtk vor, die ein geriebener Un­ternehmer führte. Er fuhr nach Eppenhausen, einem alten, engen, kleinen Städtchen, und leitete die Sache im Sinne seines Schwiegervaters vor- sichttg ein. Man muhte erst das Ansehen der Winterichziegelei haben, und wenn diese Aktien wieder fliegen, sie rasch abstohen, denn Kollin hatte fünfzigtausend Mark hineingesteckt, die er zu anderen Zwecken brauchte.

(Fortsetzung folgt.)