Nr. 56______Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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vienstag, 7. März (922
Die weibliche Berufswahl.
Tie nachstehenden zeitgemäßen Hinweis die uns zur Veröffentlichung z-gegangen find, unterbreiten wir unseren Lesern gern? mit dem Tc- merten, raß wir bereit sinD, etwaige weitere Möglichkeiten einer Erwerbstätigkeit für Krauen dieser Zuschrift nach; u trag en:
Beim Herannaheu des Ostertermins tritt wieder- an fcU viele Eltern Vie Frage heran, welchen Deras sie ihre die -Schule verlassenden KtnDec ergreifen lassen sollen. 3n der Dor- Iriegszei: machte diese Frage freilich nur denjenigen Sarge, welch.- Söhne b'.fatX'a; jetzt wird sie von ein seligen Eltern nicht minder bezüglich der Mädchen gestellt. Tenn die Zeiten sind vorüber, in denen ntan die Mädchen aas- schließlich aas die Ehe als ihren Beruf verweisen tonnte oder sich aas ein Vermögen verließ, von Lessen Zinseti die Töchter, falls sie nicht heirateten, nach dem Tod der Eltern sorgenfrei za leben vermochten. Tie Millionenveriuste an Männe» i, die wir im Krieg erlitten, werden sehr viele Mädchen noch auf lange Zeit zwingen, auf oie Ehe zu verzichten, und ein Vermögen muß bei der heutigen Geldentwertung schon ,ehr bedeutend fein, wenn es ein sorgenfreies Leven ermöglich:.'. soll. Deshalb vernachlässigen solche Eltern geradezu ihre Pflicht, die es verabsäum-n, ihren Töchtern nach dem 'Verlassen der Schule, sei es nun die Volksschule oder eine höhere, »roch eine weiter« Ausbildung zu geben, die es ihnen möglich macht, auch ohne Emgehang einer Ehe sich durchs Leben za schlagen ober, falls sie heiraten, dein Mann in seinem Deraf eine Stühe za sein, ihre Kinder richtig zu erziehen und ihren Haushalt aufs Beste zu verwalten.
Freilich wird es vielen Eltern recht schwer werden, neben den Mitteln zur Ausbildung der Söhne auch noch solche für die der Töchter aufzubringen, und besonders schwer trifft das dch- lenigen, an deren Wohnort die geeigneten Anstalten fehlen und die deshalb gezwungen sind, teure Pensionsgelder zu bezahlen. Trotzdem müssen auch solche Schwierigleiten überwunden werden, denn kein Kapital ist besser angelegt, als das auf die Ausbildung der Kinder verwendete.
Was nun die Zahl der Ausbildungsmöglich- teilen in Gießen betrifft, so können wir uns zwar nicht mit Großstädten, wie Berlin oder Frankfurt messen, aber ihre Zahl ist doch auch hier eine so bedeutende, daß manchen Eltern schon die Auswahl unter ihnen schwer fallen wird. Zunächst ist es die Untoerfität, die den jungen Mädchen, die eine höhere Berufsausbildung anstreben, gestattet, mit den Männern in Konkurrenz zu treten. Aber es werden immerhin nur wenige, geistig und körperlich starke sein, die ein langes Studium vertragen. Größer wird immer die Zahl derer sein, welche sich einem Beruf von kürzerer Ausbildungszeit und einem solchen. der der weiblichen Eigenart besonders angemessen ist, zuwenden. Wir wollen im Folgenden auf einige solche aufmerksam machen u.id beginnen mit denen, auf welche die vom Alice-vchul- Verein für Frauenbildung und Erwerb unterhaltene Aliceschule vorbereitet.
Tie Kindergärtnerin.
Bedingung für den Eintritt m die Seminare für Kindergärtnerinnen, die sogen. Frödel- Seminare, ist überall die Durchlaafung der lO-Haffigen höheren Mädchenschule (Lyzeum), die 'Vollendung des 16. Lebensjahrs and durch kreis- ärztliches Zeugnis za erweisende körperliche Tüchtigkeit. Tie Ausbildung dauert 3 Halbjahr«, bei borhergegangenem zweijährigem Besuch einer Frauenschule 2 Halbjahre. Tie Abschlußzeugnisse, die von der staatlichen Prüfungskommission ausgestellt werden, haben auch für Preußen Gültigkeit. Ter Eintritt erfolgt zu Ostern oder im Herbst.
Tie Kinderpflegerin. (Kindergärtnerin 2. Klasse.)
Hier genügt ein gutes Abgangszeugnis aus der Volksschule, der Eintritt kann nach der Konfirmation erfolgen, die Ausbildungszeit dauert em 3abr. Tie Abschlußprüfung findet unter dem Vorsitz des Kreisschulrats statt. Geprüfte Kinder» Pflegerinnen sind sehr gesucht, ebenso die Kindergärtnerinnen, denen jetzt auch durch zahlreiche neue Kindergärten gute Aussichten für Anstellung in städtischen Tiensten winken.
Für die höhere Stuf« der Kindergärtnerin, die Zugendleiterin. besteht ein Seminar für Hessen nur in Mainz an der der hiesigen Aliceschule sonst gleich stehenden Frauenarbeitsschule.
Tie technische Lehrerin.
(HauswirtschaftS-, Handarbeits-, Turnlehrerin.)
Bedingung für die Aufnahme in das technische Semi n a r ist das Schlußzeugnis Der
lO-Haffigen höheren Mädchenschule oder einer 9-klassigen Mittelschule resp. die Obersekundareife einer Realschule, ferner die Vollendung des 17. Lebensjahrs und durch kreisärztliches Zeugnis nachzuweisende körperliche Eignung. Außerdem ist eine Aufnahmeprüfung in den praktischen Fächern abzulegen. Es ist zu empfehlen, sich diese praktischen Fertigkeiten durch vorherigen Besuch der Haushaltungsschale und einzelner Kurse (s. später) anzueignen. Tie Ausbildungszeit dauert 2 Zähre: durch Bestehen der staatlichen Abschlußprüfung wird die Qualifikation als Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin erworben. Tas Zeugnis hat auch für Preußen Gültigkeit. Tie weitere Ausbildung zur Turnlehrerin ist nicht obligatorisch, aber sehr zu empfehlen, da namentlich in den größeren Gemeinden auf die Turn- befähigung viel Wert gelegt wird. Die jungen Lehrerinnen können aber während des nächstfolgenden Hahrs an den Kursen teilnehmen, die an der UniDcrfität zwecks Ausbildung der outünftigen Oberlehrerinnen zu Turnlehrerinnen gehalten werden. Infolge der Einrichtung der Fortbildungsschulen für Mädchen hat die technische Lehrerin sehr gute Aussichten auf rasche Anstellung.
Der Hausfrauenberus.
diejenigen jungen Midchen, welche sich auf Führung eines eigenen Haushalts oder auf die Leitung eines fremden Haushalts (Stütze) bor- bereiten wollen, finden ihre Ausbildung in der H a u s h a l t u n g s s ch u l e, in die sie vom 16. Lebensjahr ab eintreten können. 3m Mittelpunkt des chlnterrichts stehl natürlich das Kochen, außerdem werden gelehrt die Hausarbeiten, Waschen und Bügeln, häusliche Buchführung, Rah- rungsmittellehre, Gesundheits- und Säuglingspflege. Tie Ausbildungszeit dauert >Jahr. Eine Ergänzung findet der ülnterrich: der Haushaltungsschule in den Kursen, die unabhängig von ihr im Weißzeugnähen, im Schneidern, in Handarbeiten, im Pügeln und Kunst waschen gehalten werden.
Tie Weißzeugnäherin.
Wer sich zur Berufswäschenäherin ausbilden will, besucht 2A von der gesetzlichen Sauer der Lehrzeit (2 Zähre) die Aliceschule, und bringt l/3 in einem gewerblichen Betrieb zu. Darauf wird die Gesellinnenprüsung abgelegt.
Die Schneiderin.
Diejenigen, welche sich zur Derufsschne i- berin ousbilden wollen, Haden eme Lehrzeit von 3 Jahren, dis zur Gesellinenprüfung, vor sich, von denen sie 2 in der Aliceschule und 1 in einem Werkstattbetrieb zubringen.
Die Gartenbaulehrerin.
Durch die harten Notwendigkeiten des Kriegs gezwungen, sind jetzt die meisten Familien dazu übergegangen, im eigenen oder gepachteten Garten einen großen Teil des im Haushalt benötigten Gemüses selbst zu ziehen. Diese schöne Sitte, welche die Folgejahre des Kriegs hoffentlich noch weit überdauern wird, hat allen Gartenbaulehr- anflalten erhöhten Besuch gebracht. Hier ist eine Gartendaulehran stakt mit dem landwirtschaftlichen 3nftitut der älniversität verbunden. Schülerinnen, welche die unter Aufsicht eines staatlichen Kommissars abgehaltene Prüfung als Gartenbaulehrerin ablegen wollen, machen eine zweijährige Ausbildungszeit durch. Tie Aaf- nahmebedingungen sind die gleichen, wie für die Kindergärtnerinnen. An einzelnen Fächern ist die Aliceschule mit ihren Lehrkräften beteiligt.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 7. März 1922
•• Eine Sitzung der Stadtverordneten findet am Donnerstag, 9. März, nachmittags 4l/2 ilbr, im Stadthause, Qkrgftrafje, Sitzungssaal, statt mit folgender Tagesordnung: 1. Einführung und Verpflichtung des Stadtverordneten Heinrich Günther — 2. Ausbau der verlängerten Bleichstraße, hier: llebertoöl» bung des Klingelbachs. - 3 ilmnummerierung der Häuser Südanlage 16a, 17a und 18a. — 4. Neueindeckung der Dächer auf den Geschäftszimmerbaracken am Trieb — 5. Kreditbewilligung für den Abbruch der Baracken des Dulag. — 6. Abbruch eines zum Grundstück Kirchenplah 10 gehörigen Nebengebäudes, hier. Kreditbewil- ligung. — 7. Gesuch des Gießener Eisvereins um ilebernahme von Installationskosten auf die Stadtkasse. — 8. Aenderung der Beleuchtungsanlage in der- Turnhalle der Oberrealschule — 9. Rechnungsabschlüsse des Gas- und Wasserwerks sowie des Elektrizitätswerkes und der Straßenbahn für 1919. — 10. Vergebung von Zement- rohrlieferungen. — 11. Gesuche um Preisnach-
Die Pforte öes Paradieses.
Roman von Ingeborg Dvllquartz.
®trec6Hgte Ueberftlning aus bem Dänischen.
4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
.Tas ist ganz richtig," gab Ohne zu und nickte mit dem Kopf, daß die rote Feder wehte. »Aber die gnädige Frau wissen doch, daß ich mir drei Ausgangstage in der Woche ausbed Ingen habe. Montag, Mittwoch und Freitag in der einen Woche, und Tienstag, Donnerstag und Samstag in der andern."
.Jawohl, und gestern war Montag," stellte Frau Dorris fest.
.Gewiß," nickte Ohne wieder mit ihrer roten Feder. .Tas habe ich der gnädigen Frau doch auch gesagt — ich will bloß den Dienstag der kommenden Woche heute schon Haden. Haben die gnädige Frau etwas dagegen? Fräulein Ellen kann doch ganz gut das bißchen Tee besorgen, das schadet ihr gar nichts."
»Sie wissen aber doch. Ohne, daß meine Tochter keine Hausarbeit tun soll, solange sie sich auf ihr Examen vorbereitet."
.Examen!" wiederholte Ohne mit einem Hauch von Verachtung in der Stimme. .Gott bewahre, als ob andre nicht auch ein Examen machen wollten! Mein Schatz macht im nächsten Monat das Kesselwärterexamen, und es ist ihm nichts anzumerken, daß er etwas lernt."
„Ja, wenn sich aber Ihr Schatz auf ein Examen vorbereitet, dann hat er doch keine Zeit, mit Ihnen auszugehen?"
„Tvch, gnädige Frau — gerade heute wollen wir eine Tanzstunde. anfangen und die neuen Tänze lernen, gnädige Frau wissen schon, irnb wenn Ludwig sein Examen gemacht hat, muß er ja wieder auf See."
„3a, ja. Ohne, gehen Sie nur.“ Tas klang etwas ergeben, und Ohne verschwand eiligst.
„Nun bleibt ja nichts andres übrig, hebe Ellen, als daß du uns den Tee aufträgst," sagte Frau Dorris.
Ellen ging auf die Küchentür zu, blieb aber plötzlich horchend stehen.
„Tas ist Orla!" rief sie, und ihr feines blasses Gesichtchen strahlte vor Freude. Sie und der älteste Bruder verstanden sich ausgezeichnet; sie war der Liebling des Bruders, und er verwöhnte sie über alle Maßen.
Eiligst lief sie in den Flur und half ihm ablegen, und einen Augenblick darauf traten die beiden Geschwister miteinander ins Zimmer.
Orla Dorris war groß und breitschultrig für seine neunzehn Jahre, aber er hatte etwas vom jungen Hunde in feinen Bewegungen. Seine hellblauen Augen blickten vertrauensvoll wie die eines Kindes, und obgleich sein Gesicht nicht schön genannt werden konnte, machte doch ein gewisser gutmütiger Ausdruck, daß man ihn gleich ms Herz schloß. Er war der vollständige Gegensatz seines jüngeren Bruders. Term während aus Mogens scharfgeschnittenem Gesicht feste Entschlossenheit leuchtete, sah man sofort an dem willenlosen Zug um Orlas Mund, daß der junge Mann nicht zu den Charatterfesten gehörte.
Schon draußen im Flur hatte man die beiden Geschwister eifrig miteinander reden hören, and während sie jetzt ins Zimmer traten, stieß Orla seine Schwester in die Seite und machte „Pst!". wa§ bewirtte, daß ihm seine Mutter sofort einen forschenden Blick zuwarf.
„Guten Abend, Mutter," sagte Orla und küßte sie auf die Wange, drehte sich dann um und nickte Mogens zu.
.Was ist los," Orla?" fragte Frau Borris. „Tu siehst so erhitzt aus."
laß für auS dem Dulag abgegebene Baustoffe: a) des Akademischen Ausschusses für Leibesübungen, b) der Gießener Rudergesellschask von 1877, c) des Schwerkriegsbeschädigten Ludwig Schäfer II. — 12. Ueberlaffung von Fahnen usw. an den Reichsbund der Kriegsbeschädigten, hier; Erlaß der Leihgebühr. — 13. Verrechnung der an Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung ausgegebenen Fahrkarten für die Straßenbahn. — 14. Bewilligung eines Kredits zur Deschaf- fung von Türen an den Straßenbahnwagen. — 15. Erhöhung der Einkommensgrenze für Gewährung freier Lernmittel an der Volks- und Fortbildungsschule. — 16. Niederschlagung der Vorschüsse von inzwischen ausgeschiedenen Arbeitern. — 17. Genehmigung ber Ordnung für die Georg-Gaffkh-Stiftung. — 18. Annahme der Minne-Holberg-Stiftung. — 19. Kreditbewilligung: a) für die Quäkerspeisung, b) für die Ausübung der reichsgesehlichen Sozial-Rentnerfür- sorge — 20. Mitteilungen. (Rentnerfürsorge.)
" Rückstände an Kanalgebühren. Unter den heutigen Bekanntmachungen der Stadt Gießen befindet sich auch die Mahnung des 5. Zieles Kanalgebühren für das Rechnungsjahr 1921. Die Zahlung kann noch bis einschließlich 11. März ohne Kosten bei der Stadtkasse erfolgen.
” Vorsicht bei Postsendungen nach dem besetzten Gebiet. Die französische Desatzu ngsbehörde hat am 4. März unerwartet wieder in Mainz die Postüberwachung eingcführt und Kontrollstellen auf den Postämtern daselbst eingerichtet. Für Absender von Briesen usw. nach bem besetzten Gebiet erscheint es dringend geboten, in ihren Mitteilungen alles zu Dermeiben, was im Falle einer Durchsicht ihrer Sendungen ihnen selbst und insbesondere auch den Empfängern zum Nachteil gereichen könnte.
Kreis Alsfeld.
l. Elbenrod, 6. .März. Zu feinem wahren Mißstände haben sich die in letzter Zeit immer häufiger auftretenden Störungen unseres elektrischen Lichtes ausgeblldet. Während vorher gewöhnlich Strom in der Leitung ist, versagt das Licht wöchentlich zwei bis dreimal, sobald völlige Dunkelheit herct'ngebrochen ist. Da aber die Edertalsperre sicher gemlgenb Wasser hat, kann der Grund für die Störungen nur in den Maschinen ober in der Leitung liegen. Dache des KreisclektrizitätiWerkes Ziegenhain wäre es jedenfalls, so schnell wie möglich Abhilfe zu schassen. — Besonders schlimm erging es der Gemeinde Dieben, die auch an die Edertalsperre angeschlossen ist. Als sie in der vorigen Woche ihr Lichtfest feierte, blieb schon in den ersten Abendst mben der Strom aus, und man sah sich wohl oder übel genötigt, die alte pensionierte „Oelfunzel" teieter zu Ehren zu bringen.
Kreis Büdingen.
bs. Echzell, 6. März. Gestern konnte man in den Wiesen zwischen Echzell und Grund- Schwalheirn die ersten Störche erblicken, die in den sumpfigen Wiesen nach Nahrung suchten.
hr. O b e r - M o ck st a d t, 7. März. Del den Holzversteigerungen im hiesigen Markwald sind wie an anderen Orten hohe Preise erzielt worden. Besonders gegen Ende der Versteigerungen triebeji sich die Kauflustigen derart in die Höhe, daß zwei Raummeter Duchen- scheithvlz auf 1600 Mk. kamen.
Kreis Friedberg.
" Butzbach, 6. März. Die M e g u t n A. E>. beabsichtigt, eine Reihe Ansichten ihrer Werksanlagen aus der Vogelschau anfertigen zu lassen. Zu diesem Zweck wird in den nächsten Tagen ein Flugzeug derDeut- schen Luftreederei von Leipzig nach Butzbach fliegen und photographische Aufnahmen machen. Es ist vorgesehen, daß das Flugzeug auf dem großen Exerzierplatz landet und Betriebsstoff für den Rückflug erhält.
hr. Stammheim, 7. März. Die hiesige Wald- und Feldjagd stand in den vergangenen Wochen zweimal zur Verpachtung. Beide Male versagte jedoch der Gemeinderat die Genehmigung, weil nach seiner Ansicht das Endgebot der in drei Bögen eingeteilten Jagd zu gering war. Es betrug im ganzen bei der zweiten Verpachtung 6000 Mk. Am letzten Sonntag waren nun drei Herren aus Frankfurt an-1 wesend, die die Jagd aus der Hand erhielten, weil sie 25 000 Mk boten.
bs. Aus der mittleren Wetterau, 6. März. Lange hat es gewährt, bis der Frost im Boden aufgetaut war. Nahezu eine Woche stand das Schnee- und Regenwasser in den Furchen und Lachen der Aecker. Mit banger
„Ach, Mutter, Orla hat eine glänzende Aussicht!" platzte Ellen los und faßte ihren Bruder am Arm. „Erzähle Mutter doch lieber gleich alles, Orla, das ist ja etwas Großartiges!"
„Ellen, sorge jetzt vor allen Dingen dafür, daß der Teetisch gedeckt wird, ehe der Vater kommt." l
„Deshalb tarnt Orla doch immerhin erzählen," sagte Ellen schntollend und ließ die Tür offen stehen, als sie in die Küche ging.
„Was ist los, Orla?" fragte Frau Borris noch einmal, und es klang unverkennbar Besorgnis aus ihrer Stimme.
„Ach, nichts weiter, als daß es mir ganz entsetzlich entleibet ist, in diesem Kontor za sitzen — das ist doch keine Zukunft — da kann ich fünfzig Jahre alt werden, bis ich ein Gehalt bekomme, mit dem ich heiraten kann."
„Aber, lieber Zunge, darüber brauchst di dir doch jetzt noch keine Sorgen zu machen." Halb lächelnd, halb kummervoll schüttelte Frau Borris den Kopf. „Wenn du nur etwas weniger toeit- ausschauend wärest, lieber Zunge, dann kämest du weit leichter durch die Welt."
„Ach- Mutter, ich würde schon durchtommen, wenn nur ihr daheim etwas mehr Vertrauen za mir hättet."
„Habe ich das nicht gehabt, Orla?“ fragte Frau Dorris mit so milder Stimme, daß ihr Sohn sofort die Augen niederschlug.
„Tvch, natürlich," murmelte er. „Ihr seid wirklich sehr nachllchtig gegen mich gewesen —"
„Erst wolltest du Seeoffizier —"
„Za," unterbrach sie Orla ungeduldig. „Ich weiß" wohl — erst wollte ich Seeoftizier werden, und dann wollte ich Pfarrer werden, dann Zahnarzt und dann Flieger —"
„Lind zu all dem ist dir Zhc Lust wieder vergangen."
Sorge sah e5 der Lundmann. Hier unb da ist benn auch an einzelnen Aeckern mit Weizen einiger Schaden entstanden, die Frucht rst, wie der Landmann sagt, ersoffen Günstig ist die jetllge regnerische Witterung dem fpätgesäten Winterweizen. Trockenes Wetter hätte eine Kruft gebildet, Die der jetzt auslaufenden Saat sehr hinderlich gewesen wäre. — Seit 2 Zähren laufen nun zum ersten Mal die Drainagen wieder. Die Feuchtigkeit ist nun schon durchschnittlich 1,30 Meter tief durchdrungen Gute Aussichten für die Futterernte! Nun erst läßt sich der Stand der Saaten überblicken Gut überwintert hat der Roggen Allenthalben leuchtet er frischgrün. Sehr verschieden lauten die Berichte über den Weizen. Während in einzelnen Gemarkungen keine Klagen laut werden, sind manche wieder sehr übel Daran, besonders im leichten Boden hat es Fehler gegeben. Doch ist schon durch das feuchte Wetter hier und Da eine wesentliche Besserung eingetreten, indem das Kom noch einen Nachkeimling austrieb. Der Klee ist auf manchen Grundstücken vollständig verschwunden. Es war Die.» vorauszusehen, besonders da, wo er schwach in den Winter kam. Winterraps wird in Der Wetterau dieses Jahr nicht geerntet zu werden brauchen, er ist vollständig ausgewintert. Bereits sieht man sich noch nach Mohnsamen um, dessen Preis in letzter Zeit sfehr gestiegen ist. Der Stand der Wintergerste ist unter Mittel. Infolge teilweiser Auswinterung Der Winterfrucht ist Sommerweizen sehr gesucht. Bezahlt wird Der Zentner gegenwärtig mit 1250 Mk.
Hessen-Nassau.
rnc. Frankfurt a. M, 6. März. 'Die Sonntagsvorstellung „Rosenmontag" im Neuen Theater mußte nach vier Akten abgebrochen werden, Da Der Hauptdarsteller Ernst Ka rchow plötzlich an Herzlährnung erkrankte.
fpd. .Ufingen, 6. März. Don Dem seit Dem 2. Februar vermißten Ortsvorsteher Philipp Odenwäller von FrieDrichsthak fehlt immer noch jede Spur. Fast täglich unternehmen die Einwohner der Nachbar- dörser Streifen durch die Waldungen zwischen Friedrichsthal, Bad-Nauheim und Köpern, immer jedoch ohne jeben Erfolg. Man neigt nunmehr zu der Annahme, daß Odenwäller von Wilderern, Denen er auf dem Heimweg begegnete und die von ihm erkannt wurden, beiseite geschafft worden ist. Die Verhaftung eines Mannes, der Der Täterschaft verdächtig erschien, konnte nicht aufrecht- erhalten werden.
5d)wuraerid)te
Gießen, 6. März.
Unter Dem Vorsitz Des Landgerichtsrak- S ch a D e hielt das Schwurgericht der Provinz Oberhefsen heute seine erste Tagung ab. Ange- llagt war Der am 23. März 1901 geborene Taglöhner Karl Eckhardt aus Wolf. Es wird ihm zur Last gelegt, daß er am 27. Dezember 1921 auf der Landstraße Büches—Düdelsheim versucht habe, ein dort allein gehendes Dienstmädchen zu vergewaltigen. Zur Verhandlung waren sieben Zeugen geladen: ferner wurde als Sachverständiger über den Geisteszustand des An- geflagten Der Amtsarzt Dr. Schüppert vernommen. Wegen Gefährdung Der Sittlichkeit wurde die Oefsentlichkeit ausgeschlossen. Nachdem die Geschworenen Die Schuldfrage bejaht hatten, erhielt Der Angeklagte unter Annahme mildernder Umstände eine Gefängnisstrafe von sieben Monaten. Er sowohl wie Die Staatsanwaltschaft verzichteten auf Rechtsmittel. Die Anklage vertrat Staatsanwalt Dr. Eckert, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Dr. Leopold Katz.
Gerichtssaal.
Zuchthaus für Erfenbahndiebe.
• Hanau, 6. März. Von Der Bande von Eisenbahndieben, die im Herbst vorigen ZahreS zahlreiche, den Personenzügen angehängte Eilgüterwagen auf der Strecke Hanau-Aschaffenburg beraubt hatten, sind nunmehr zwei der Täter zu je 4 Zähren Zuchthaus, zwei weitere zu 5 Zähren Zuchthaus und ein anderer zu 3 Zähren Gefängnis verurteilt worden. Der Wert der gestohlenen Ware beläuft sich auf mehr als 200 000 Mark. Der Anführer der Bande konnte kbisher noch nicht ermittelt werden.
Kirche und Schule,
nd. Reichelsheim i. d. W., 6. März. Lehrer K. Lepper von hier wurde am Sonntag auf einem Spaziergang von
„Nicht die, Flieger zu werdendas hast D u nicht haben wollen. Und alles andre aufoi- geben, Dafür waren immer sehr triftige Gründe vorhanden. Ich mache mir nicht das geringfte daraus, Seeoffizier auf einer so riesigen schwimmenden Maschine zu werden — .was ich gerne wollte, das ist —“
„Tas wissen wir wohl," unterbrach khn M> gens. „Was du gerne gemocht hättest, das war, eine von Kapitän Marr ha ts Romanfregatten steuern — aber Deinetwegen tarn Die Zeit ja nicht stillstehen, Orla."
Orla lachte gutmütig.
„Tas ist sehr richtig, Mogens. Aber damals war es noch cin Vergnügen, Seeoffizier zu fein. Und Pfarrer wäre ich gern geworden, wenn man nur nicht all bas Griechische hätte lernen müssen — das ist eine greuliche Sprache. Gleich das erste Mal, wo ich in,ein griechisches Buch schaute, war mir klar, Daß ich diese Sprache niemals lernen würde. Es war mir ärgerlich genug, daß ich es aufgeben mußte, Pfarrer za werden, Denn das ist Doch ein schöner, ruhiger Beruf."
„Tu — und ein ruhiger Beruf!" nes Mogens. „Tas ist ja gerade wie Feuer und Wasser."
„Na, ich glaube doch, daß ich mich tn einem netten Psarrhof aus Dem Lande, so einem in einer recht fruchtbaren Gegend, leicht eingelebt hätte. Ach, wäre das herrlich gewesen! Ta hättest du es gut bekommen, Matter Das wäre etwas für dich gewesen, dich in einem so schönen Pfarrgarten ausruhet» za tonnen; and Vater kür de sich dort auch wohlgefühlt haben, besonders, wenn auch noch ein alter, merkwürdiger Kirchhof tagetoefen wäre, Dessen Grabsteine er hätte studieren und herausbringen können, w) die verschiedenen Familien herstammten."
(Fortsetzung folgt)


