Montag, 6. November 1922
172. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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D. 261
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Die Verhandlungen mit der Reparationskommisfion.
Berlin, 5. Rov. Wie die Blätter mitteilen, sind gestern der Reparationskommisfion die Borschläge der deutschen Regierung überreicht worden. Laut „Montagspost" wird der Inhalt gleichzeitig in Berlin und Paris am Montag bekanntgegeben. Töte der „Berliner Lokalanzeiger" schreibt, werden die Berhandlungen mit der Reparationskommission, die am Dienstag wieder auf- genommen werden, voraussichtlich Ende der Woche chren Abschluß finden.
Paris, 6 Rov. (WTB.) Der Berliner Berichterstatter des „Petit P a r i s i e n" berichtet, da« von den beiden der Reparationskommission gestern übermittelten Dokumente das erste k o n - krete Vorschläge enthalte, nämlich praktische Mittel zur Stabilisierung der Mark. Das Problem der Stabilisierung, unter dem Deutschland leide, sollte durch eine äußere Anleihe von 500 Millionen Goldmark gelöst werden, und man hoffe dadurch den weiteren Sturz der Mark aufhalten zu können und auch zu einem stabilisierten Budget zu gelangen. Hinsichtlich der Erlangung des Geldes überlasse die deutsche Regierung alles dem guten Willen und den Bemühungen der Reparationskommisfion.
Der Berichterstatter glaubt, daß im ganzen die konkreten Borschläge eine Paraphrase der Resolution seien, die der Bankierausschuh vor einigen Monaten in Paris angenommen habe. Die deutsche Regierung verlange nicht ausdrücklich ein Moratorium, noch eine Herabsetzung des Zahlungsplanes von London. Die Borschläge hatten in den interessierten Kreisen den Eindruck eines zu grohen Mangels an Erfindung gemacht hinsichtlich der Mittel, die Deutschland durch seine eigenen Hilfsquellen zur Behandlung der Krise finden könne.
Der Berichterstatter meldet weiter, heute morgen werde die Reparationskommission über die Halllmg, die sie einzunehmen gedenke, entscheiden. Morgen werde sie mit den deutschen Sachverständigen die KohlenlieserungSfrage, am Mittwoch die Frage der Holzlieferungen besprechen, und wahrscheinlich Mitte der Woche, etwa am Donnerstag, Berlin verlassen.
Eine Aussprache über den Achtstundentag.
Berlin, 4. Rovbr. (WTB.) Die vier Gpihenverbände der Gewerkschaften sandten am 4. Rovember eine Vertretung zum Reichsarbeitsminister, um ihm ihre Stellungnahme zur gegenwärtig viel erörterten Frage der Arbeitszeit und ihrer gesetzlichen Regelung darzulegen.
Die Gewerkschaftsvertreter betonten, dah sie durch eine einseitige Behandlung dieser Frage durch die Unternehmer zur Sicherstellung ihres Standpunktes genötigt seien. Sie verwahrten sich mit allem Rachdruck gegen die Annahme, als sei die Steigerung der Produktion lediglich eine Frage der Arbeitszeit. Sie werde vielmehr bedingt durch die verschiedensten Faktoren, insbesondere muhten die Unternehmer selbst durch die Art ihrer Wirtschaftspolitik mehr als bisher pcodultionssteigernd wirken. Die heutige Politik der Kartelle und Truste verhindere tatsächlich die volle Ausnutzung der produktiven Kraft und schädige die Lebenshaltung des deutschen Bolles. Sehr zu beklagen sei, dah auch die technischen und organisatorischen Möglichkeiten der Produktionssteigerung nicht genügend ausgenutzt würden. Die Gewerkschaften seien der Ueber- zeugung, dah zur Steigerung der Produktivität es keines Abweichens vom Grundsätze des Achtstundentages bedürfe. Aus dessen Boden seien die Gewerkschaften dazu bereit, bei gleichzeitiger Anwendung aller anderen prv- duktivnssteigernden Mahnahmen ihre M.twirkung zuzusagen z« einer möglichst ergiebigen Ausnutzung der Arbeitszeit und zu ihrer Anpassung an die durch Zeit und Umstände bedingten besonderen Bedürfnisse der Gesamtwirtschaft. Die Gewerkschaften wünschen, dah die schwebende Arbeitszeitgesehgebung dem Rechnung trage dadurch, dah sie sich gründ» sählich auf den Boden des Achtstundentages stelle und gewisse Ausrrahmen für Rotfalle vorsehe, aber im übrigen es den Tarifverträgen überlasse, den Besonderheiten der wirtschaftlichen Lage Im Interesse des Gesamtwohles Genüge zu tun. In diesem Zusammenhänge schiene den Gewerkschasten eine möglichst gleichzeitige Vorlegung und Beratung der Arbeitszeitgesehe mit den Tarisgesehen, dem Arbe tkgericht-gesetz und der Sch ichtungrordnung notwendig.
Der Reichsarbeitsmini st er begrühte diese Aussprache und betonte, dah die Reichsregierung dazu entschlossen sei, die sozialpolitischen Bedingungen der Arbeitnehmer auf dem Gebiete der Arbeitszeit zu wahren. Ebenso ernst aber sei die Verpflichtung der Regierung, alles zu tun, um die deutsche Wirtschaft, das deutsche Voll und das Deutsche Reich vor dem Zusammenbruche zu bewahren. Das fei zwar in erster Linie eine Ausgabe der Außenpolitik, erfordere aber andererseits auch alle erdenklichen Anstrengungen im Innern, und nur das Volk, das seine eigenen Kräfte regelt und ausnüht, habe Anspruch auf die Achtung und Hilfe des Auslandes. Er hoffe, dah es, wie bisher einer Verständigung zwischen Arbeitnehmerschaft und Regierung gelingen werde, alle diese Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen.
Gehalts- uud Lohnentwickluug nach dem Kriege.
Die Zeitschrift Wirtschaft und Statistik bringt in ihrer letzten Nummer eine sehr lehr
reiche Zusammenstellung über die Verschiebung der Einkommensverhältnisse der Arbeiter und Beamten. Diese stellten sich, auf den gleichen Nenner gebracht, folgender
maßen:
Ende 1913. Sept. 1922
Arbeiter
Arbeiter
Ungelernte Angelernte
Gelernte Arbeiter Untere Beamte Mittlere Beamte Höhere Beamte
Die Unterschiede zwischen den einzelnen Arbeitergruppen sind, sehr zum Nachteil der Produktion, fast gänzlich verschwunden. Ebenso sind die Beamtengehälter kein Anreiz mehr, um Zett und Kosten auf die Vor- und Ausbildung zu verwenden. Die mittleren Beamtengruppen beziehen heute kaum das Eineinhalbfache des Lohnes der ungelernten Arbeiter, gegenüber dem Dreieinhalbfachen im Frieden; die höheren Deamtengruppen, die vor dem Kriege mehr als das fünfe inhalb fache Einkommen des ungelernten Arbeiters hatten, beziehen das ILfache dieses Einkommens.
100
100
131
101
144
105
158
114
347
147
569
190
Die Landlagswahlen in Sachsen.
Dresden, 5. Nov. (WTB.) Die sächsischen Landtagswahlen sind, soweit bis jetzt bekannt, ruhig verlaufen. Die Wahlbeteiligung war sehr rege.
Rach den bisher vorliegenden Wahlergebnissen wurden in Dresden (Stadt) insgesamt abgegeben: Für Deutsch-Rationale Vollspartei 56 055 (bei der letzten Landtagswahl im Rovember 1920 56 173), Wirtschaftspartei 205 (251), Deutsche Volkspartei 68 092 (55 813), Vereinigte sozialdemokratische Partei 146 041 (Mehrheitss ozialisten und Unabhänige zusammen 102121), Zentrum 4506 (3709), Kommunisten 20 124 (9744), Deutsch-Soziale Partei 9012 (0), Demokratische Partei 29 470 (18 496) Stimmen.
Das Gesamtergebnis in dem Wahlkreis 1 (O st - S a ch s e n) ist nach der bisherigen Zählung folgendes: Insgesamt abgegeben wurden 936 471 Stimmen. Davon entfielen auf die Deutsch-Rationalen 190 422 (bei den letzten Landtagswahlen im November 1920 176 176), Deutsche Volkspartei 162 275 (141 466), Demokraten 81 938 (57 164), Vereinigte sozialdemokratische Partei 419 087 (340 501), Kommunisten 51 556 (14 824), Wirtschaftspartei =£01 (17 725), Deutsch-Soziale Partei 10 200 (0), Zentr. 15 730 (17 564) Stimmen.
Chemnitz (S t a dt). Ergebnis aus 140 von 181 Bezirken. Vereinigte sozialdemokratische Partei 44 841, Kommunisten 22 847, Deutsch-Rationale 20 013, Demokraten 9242, Zentrum 634, Deutsche Vollspartei 26 483, Deutsch-Soziale Partei 172 Stimmen.
Plauen (Stadt). Vereinigte sozialdemokratische Partei 17 752, Kommunisten 6192, Deutsch-Rationale 14 723, Demokraten 5036, Zentrum 415, Deutsche Volkspartei 10 685, Deutsch- Soziale Partei 301 Stimmen.
Leipzig, 5. Rov. (WTB.) Bei den Wahlen zum sächsischen Landtag entfielen nach dem bis y2ll Uhr abends vorliegenden Tellergebnis aus derKreishauptmannschaftLeipzi g auf die Liste der Vereinigten sozialdemokratischen Partei 88 600, auf die der Demokraten 19 532, auf die des Zentrums 439, die der Deutschen Volkspartei 33 045, auf die der Deutsch-Rationalen 53 878 und auf die der Kommunisten 24 300 Stimmen.
Leipzig, 6. Rov. (WTB.) Im zweiten f.a chs i s chen La nd tag s wa h lkr e is (Leipzig) erhielt die Liste der Vereinigten SPD. 224 657, die Liste der Demokraten 43 974, des Zentrums 3221, der Deutschen Vollspartei 132 205, Der Deutschnativnalen 113 936, der Kommunisten 72 364 Stimmen. Insgesamt entfallen auf die sozialistischen Parteien 297 021, auf die Bürgerlichen 293 366 Stimmen.
Die Ergebnisse von Mittweida-Stadt sowie aus 4 Heineren Bezirken der Amtshauptmannschaft Gäben und aus einem Bezirk der Amtshauptmannschaft Grimma stehen noch aus.
Lloyd George gegen die negative Politik Donar Laws.
London, 4. Rov. (WTB) In einer vormittags in London vor einer Versammlung von 3000 Teilnehmern gehaltenen Rede wandte sich Lloyd George gegen die von Donar Cato angekündigte negative Politik. Er betonte die dringende Rotwendigkeit, daß im kommenden Parlament in diesem kritischen Augenblick eine starke Gruppe unabhängiger Männer vorhanden fein müsse, die bereit seien, darauf zu bestehen, dah die Regierung einen sicheren Weg gehe und sich weder der Revolution noch der Reaktion verschreibe, sondern eine Politik verfolge, die den Ueberlieferungen Englands entspräche. Lloyd George erklärte weiter, indem er die Bemerkung Donar Laws über ihn aufgriff, daß er im Kriege die Rolle des Tambours spielte, um den Kampfgeist der Ration ausrechtzuerhalten, er schäme sich dieser Rolle nicht. Wenn Deutschland 1918 einen Tambour gehabt hätte, der durch seinenWirbeldieerschöpftenHerzen Deutschlands wieder belebt hatte und ihnen im Kampfe neuen Geist hätte einflöhen können, dann wäre es Deutschland anders ergangen. Deutschland besah viele Kämpfer aber kernen Tambour. Lloyd George hob hervor, oah sie das, was er und seine Kollegen
während des Krieges und danach für das Land leisteten, nicht durch eine negative Politik erreicht hätten. Er erklärte, sie seien stolz daraus. Sie verlangten von der neuen Regierung nicht, dah sie es bessermache, sondern nur, dah sie es ebenso mache. Es sei die Pflicht der patriotischen Dürger, zwischen $toei Extremen zu stehen, der sozialistischen Partei und der Reaktion. Die Gemeinderatswahlen zeigten, dah die Gefahr von feiten der Sozialisten nicht so groß sei, wie man befürchtete. Er glaube nicht, dah die Sozialisten bei den Reuwahlen genügend Unter- stühung finden würden, um ihr halbrevolutionäres Programm durchzuführen. Eine wirkliche unmittelbare Gefahr sei aber, dah ein Parlament gewählt werden könnte, dessen Mehrheit durch eine mächtige geschlossene Minderheit zu einem reaktionären Punkt getrieben würde. Die Reaktion sehe er für eine sehr ernste Gefahr an. Im Wörterbuche ständen die Worte Reaktion und Revolution nicht weit voneinander. Zuerst komme im Wörterbuche ba£ Wort Reaktion. Das Land müsse sich das aus dem Wörterbuche zu Herzen nehmen. Man könne nicht still sitzen und eine negative Haltung einnehmen, ohne dadurch das gesamte Gefüge der Gemeinschaft unter den heutigen Verhältnissen zu gefährden. Auf einer Seereise hänge die Ruhe nicht vom Schiff, sondern von der See ab. Eine große Ration wie England könne nicht stUlstehen. Das fei keine Politik. linier Politik verstehe er eine starke Gruppe unabhängiger Männer, die, frei von den Parteifesseln, stark genug fei, um auf einem stetigen mittleren Kurs zu bestehen, die den Umsturz verhindern und der Reaktion widerstehen könnte. Er hoffe, dah die Wähler solche Männer, die für diesen stetigen mittleren Kurs eintreten, unterstützen würden.
London, 4. Rov. (WTD.) In ganz England erfolgte heute die Rominierung der Kandidaten für die Parlaments- Wahlen. Dis gestern abend waren 3395 Kandidaten provisorisch aufgestellt, die sich wie folgt verteilen: Konservattve 466, Arbeiterpartei 414, unabhängige Liberale 325, nationale Liberale 190. Gegen etwa 54 Kandidaten, davon die meisten Unionisten, wurden keine Gegenkandidaten auf- gestellt. — Rachdem der Dag der Rominierung Der Parlamentswahlen zu Ende gegangen ist, können keine Kandidaten mehr au'geftelü werden. Die Uebervaschung des Tages bildet die Rominierung des irischen Rationalisten Davlin gegen den früheren Geneoalstaatsanwalt Leclie Stott. Rach Den um 3 Uhr nachmittags vorliegenden Meldungen ziehen 37 Konservative, 7 Rationalliberale, 5 Liberale, 3 Arbeiterparteiler und ein Rationalist, die keine Gegenkandidaten hatten, ins Tinterhaus ein. Lloyd George und der neue Peneralslaatsanwall Doglas Hayg. b’-' *r!-*~n Gegenkandidaten hatten, gelten al .• ^iedergewäh L
London, 5. Rov. Reuter. Rach dc.> iCyien Meldungen sind folgende Parlamentskandidaten, da ihnen keine Gegenkandi- d i t e n gegenübergestellt wurden, wieder ins Hinterhaus gewählt toorden: 42 Konservative, 5 Liberale, 5 Rationalliberale, 4 Arbeiterpartei, 10 irische Unionisten und 1 Rationalist.
Bonar Laws (Eintreten für „langsames Gehen".
London, 4. Rov. (WTD.) Donar Lato erklärte in einer Rede in Leeds: Wir können in lunferer Außenpolitik nur Erfolg haben, wenn wir zu ihrer Wurzel ein Zusammenwirken mit Frankreich und Italien machen. Die Politik, die ich jetzt dem Lande unterbreite, ist genau dieselbe, die Disraeli 1874 vorschlug. Es gibt Zeiten, in denen man rasch leben muß, es gibt aber auch Zeiten — und das ist jetzt der Fall — wo man langsam gehen muß. Ich habe die Zuversicht, daß wir eine große Mehrheit erhalten.
Die Kritik der englischen Arbeiterpartei an den Friedensverträgen.
London, 4. Rov. (Wolff.) Der Sekretär der Fabian Society verlas gestern einen Vortrag des im Wahlfeldzug begriffenen Arbeiterführers Henderson über die Arbeiterpartei und die auswärtigen Angelegenheiten. Es heißt darin, es stehe den Staatsmännern, deren Schöpfungen in verschiedenen Friedensverträgen sowie in der internationalen Lage zu Sugc-träten, schlecht an, die Fähigkeit der Arbeiterpartei zum Regieren anzuztoeifeln. Die Arbeiterpartei sei in ihren Auffassungen und Interessen im wesentlichen international. Die Friedensverträge seien ein Mißerfolg. Das Problem von morgen sei die Abänderung dieser Verträge und die Anwendung der Grundsätze politischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Der VersaillerVertrag gründe sich auf die irrtümliche Annahme, dah trotz der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Rationen von einander das wirtschaftliche Leben einiger Länder zerstört Werder könne, ohne dc/j dadurch andere Läicher in Mitleidenschaft gezogen würden. Durch die wirtschaftlichen Destimmunen dieses Vertrages fei das Wirtschaftssystem Deutschlands erschüttert worden; England und andere Länder hätten dadurch einen wertvollen Abnehmer verloren. Zugleich habe man jedoch Deutschland eine Riesen- entschädignng auferlegt, die angesichts der Lage, m die Deutschland durch den Versailler Vertrag gebracht worden sei, seine Leistungsfähigkeit übersteige. Der Vertrag von Sövres fei ein Gegenstück des Versailler Vertrages. Die alliierte Poli- tit im Rahen O ft e n habe zu einem fast unbegreiflichen Chaos geführt Das Verhältnis zu Ruhla n d biete ein weiteres Beispiel dafür, wie politische Vorurteile die Augen der illiierten Staats
männer gegen die wirtschaftlichen Tatsachen geblendet hätten. Henderson erklärt, dah, bevor die Irrtümer und Torheiten der Friedensverträge nicht toeggefegt seien, keine Hoffnung für Europa bestehe. Es müsse daher ein Apparat für die Revi sion der durch den Frieden geschaffenen t e r r i - toriaten Aenderungen, wo eine solche Revision notwe-rdig sei. geschaffen werden. Deutschlandmüssevon demDiktatder Alliierten in seinen nationalen Angelegenheiten befreit werden. Die Re paratronsforderungen mühten auf den zur Wiederherstellung der zerstörten Gebiete notwendigen Bettag herabgesetzt werden und die Wiederherstellung, soweit möglich, durch deutsches Material und durch deutsche Arbeiter geschehen, toofür eine internationale Anleihe oder mehrere aue- gegeben und durch Annuitäten, die sich Deutschland zu zahlen verpflichten würde, garantiert werden mühten. Die interalliierten Kriegsschulden mühten gestrichen und dafür ein allgemeiner Plan für die Reuregelung Europas und zur Wiederherstellung des Handels durchgeführt werden. Ruhland müsse voll anerkannt und ebenso wie Deutschland m den Völkerbund ausgenommen werden, der das Hauptwerkzeug für die Lösung bet Weltprobleme werden müsse.
Die Urkundenfälschung des Qua; d'Orsay.
Paris, 4. Rov. (WTD.) Die französische Liga für Menschenrechte ryeroffe.it licht folgende Kundgebung: „In der Einleitung zu den von Appnyn und Renouvin herausgegebenen „vergleichenden G e sch i ch t s tad e l len" Wilhelms II. findet sich auf Seite 95 der Text eines Telegrammes des französischen Dotschasters in Ruhland, Palevlogue, an den französischen Außenminister. Dieses Telegramm, auf gegeben in Petersburg am 30. 7.1914, 9.15 Uhr abcnb-8, eingegangen in Paris am selben Tage um 11 Uhr 25 abends, ist unter Rr. 102 in dein französischen Gelbbuch toiebergegeben. In dem Gelbbuch ist jedoch 1. ein außerordentlich wichtiger Sah ausgelassen und 2. das Telegramm selbst an falscher Stelle aufgeführt toorden, denn während es in Wahrheit in Paris um 11 Uhr 25 abends eingetroffen ist, steht es im Gelbbuch als zweiter Eingang des Tages verzeichnet, als wenn es in den Stunden des Vormittags eingetroffen wäre. Die Liga für Menschenrechte kann diese Fälschungen diplomatischer Urkunden nicht zulassen. Wir wissen, dah das deutsche Weihbuch, das österreichische Rotbuch und das russische Orangebuch, um nur diese zu nennen, eine Unmenge verstümmelter ober gefälschter Dokumente enthalten, aber als Patrioten verlangen wir, dah sich Frankreich derartige Methoden verbietet und unter allen Umständen bei der Wahrheit bleibt. Wir erneuern dem Parlament gegenüber die dringende Ditte, daß man endlicheinevollständigeundauthen- tische Herausgabe der auf Kriegs- Ursachen bezüglichen Dokumente veröffentliche. Da wir nach den so betrüblichen Erfahrungen kein Vertrauen zu den Arbeiten des Quai d'Orsay haben können, verlangen wir noch einmal, daß mit der Ausgabe, die Texte zu sammeln, genau wie es in Deutschland gemacht wurde, eine Kommission von solchen Persönlichkeiten betraut wird, die durch wissenschaftliche Sachlichkeit und Unabhängigkeit dazu qualifiziert sind. Wir bitten alle unsere Unterorganisationen, sich mit uns in diesem Kampf für die Moral zu bereinigen.
Anmerkung des Wolsfbureaus: Die Lücken des deutschen Weißbuchs von 1914 wurden, wic allgemein bekannt ist, durch rückhaltlose Veröffentlichung aller Dokumente in der sog. Kautsky- Sammlung bereits seit geraumer Zeit vollständig ausgefüllt.
Die Vermählung des früheren Kaisers.
Amsterdam, 5. Nov. (WTB) Heitte mittag wurde in Doorn die Vermählung des vormaligen deutschen Kaisers mit der Prinzessin Hermine von Scbönaich-Earolath, geb. Prinzessin Neuß, vollzogen.
Amsterdam, 6. Nov. (Priv.-Telegr.) Ueber die Vermählungsfeierlichkeiten im Hause Doorn meldet die Niederländische Telegraphen-Agentur: Nach dem Frühstück wurden um */212 Uhr vormittags von Notar Groot die Urkunden und die Heiratsbedingungen in Gegenwart des Kaisers und der Prinzessin verlesen. Der Kaiser trug kleine Felduniform mit Helm, die Prinzessin ein malvenfarbenes Kleid mit Hut. Das Brautpaar begab sich darauf in den anderen Flügel des Schlosses, wo die Trauzeugen versammelt waren. Der Kaiser stellte den Anwesenden die Prinzessin vor. Hierauf verkündete der Bürgermeister von Doorn in deutscher Sprache, es bestünden keine Hindernisse für den Vollzug der Eheschließung, worauf er die entsprechenden Stellen des holländischen Gesetzes verlas. Als dann an den Kaiser und die Prinzessin die üblichen Fragen gestellt wurden, antworteten beide mit ja. Darauf sprach der Bürgermeister erst in deutscher, dann in holländischer Sprache die gesetzliche Eheschliehungsformel aus. Nach der Unterzeichnung der Heiratsurkunden durch den Kaiser, die Prinzessin und die Trauzeugen begaben sich das Brautpaar und die Gäste in


