Ilr. 15b Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, b. 3uli 1922
Deutscher Reichstag.
244. Sitzung, nachmittags 2 Uhr.
Berlin. 5. Juli 1922.
Präsident Lobe widmet dem verstorbenen Abg. Säumig (11.) einen Dachruf, den die Abgeordneten stehend anhoren.
Auf der Tagesordnung steht
die erste Beratung des Gesetzentwurfes zum Schutze der Republik
in Verbindung mit einem Amnestiegeseh und vier Interpellationen. Die Unabhängigen interpellieren wegen des Fortbestandes von Selbstschutzorganisationen, wegen Schadloshaltung von Personen, die wegen Handlungen zur Abwehr- hochverräterischer Unternehmungen zu Schaden- erfah verurteilt sind und wegen dctr Hindenburg- feier in Königsberg. Die Sozialdemokraten interpellieren wegen antirepublikanischer Kundgebungen von Angehörigen der alten Armee und der Beteiligung der Deichswehr daran. Die heutige Aussprache wird sich hauptsächlich auf das Gesetz zum Schuhe d^r Depublil beziehen.
Reichsminister des Innern Köster:
Rot tut uns, nicht lange zu reden, sondern zu haickeln An Stelle der ergangenen Verordnungen soll das Gesetz treten, da Art. 48 so selten und so kurz wie möglich angewandt werden soll. CEBir muffen den Mut und die Verantwortung finden, den Sumpfboden end.ich zu sanieren, aus dem die k eine feige Mordgesellschaft entsprossen ist. Wir dürfen nicht warten, bis man der Republik den Hals durchschneidet. Ueber die Einzelheiten der Methode kann geredet werden. Im übrigen stehen und fallen wir mit dieser Sanierungsaktion. Weitere Gesetzentwürfe werden noch in dieser Sitzungsperiode folgen. Aber das Reich hat keine Exekutive,' erst die Exekutive der Länder gibt ihm Macht. Schulen und Universitäten müssen Pflanzstätten republikanischer Gesinnung sein. Das Gesetz ist kein Sozialistengesetz in zweiter Auflage. Mit diesem Gesetz wird nicht die Pflege der Tradition verlegt. (Gelächter rechts.) Wir denken nicht an Rache, nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft. Das Land ist in Gefahr. Möge jeder seine Pflicht tun. (Beifall.)
Abg. Silberschmidt (Soz.): Cs handelt sich um ein Ausnahmegesetz gegen rechts. Das Gesetz richtet sich nicht gegen eine Gesinnung, sondern gegen die Kreise, die auherhalb der Verfassung mit Mitteln bis zum Meuchelmord die Republik vernichten und den Obrigkeitsstaat wieder aufrichten wollen. Durch Verächtlichmachung, Bedrohung und Ermordung der Führer der Republik sollte diese selbst betroffen werden. Die Republik hat bisher außerordentliche Geduld gehabt. Jetzt ist es genug! Meine Partei ist bereit, alles zum Schutze der Republik zu tun. Der Entwurf geht uns aber nicht weit genug. Vor allem darf das Reich nicht die Exekutive aufgeben. In Liefer Hinsicht müssen entsprechende brauchbare Maßnahmen getroffen werden. Sollte der Reichstag versagen, dann hat er seine Existenzberechtigung verloren.
Abg. Dell (Z.): Rach dieser Kette abscheulicher politischer Verbrechen gewissenloser Kreise müssen Maßnahmen ergriffen werden, die zum Schutze der Republik nötig sind. Wir sind bereit, uns auf den Boden dieses Gesetzes zu stellen. Kleine Mittel helfen nicht mehr. Wir lehnen jedes Ausnahmegesetz ab. Wir machen das Gesetz keiner Partei zu Liebe, keiner Partei zum Leide. Aiemanden, der überzeugter Monarchist ist, soll ein Haar gekrümmt werden, solange er seine Ansicht sachlich verficht. Wir müssen fest und unerschütterlich auf dem Boden des Rechts stehen. Für die Ausschuhberatung behalten wir uns die Behandlung von Einzelhetten vor.
Abg. Petersen (Dem.): Wir sind bereit, dem Staat diejenigen strafrechtlichen Mittel an die Hand zu geben, deren er bedarf. Es handett sich um die nötigen Ergänzungen des Strafrechts, die nach allen Seiten hin angewandt werden können. Wir hoffen auf beschleunigte Verabschiedung eines brauchbaren Gesetzes.
Abg. Dr. Dühringer (Dntl.): Jeder Staat hat das Recht der Selbsterhaltung. Die Erschütterungen der letzten Wochen erfordern besondere Maßnahmen. Die Entdeckung von Organisationen im ganzen Reich, von Verschwörungen, die man wirklich als Mörderzentralen bezeichnen kann, das flugwürdige Verbrechen gegen einen hervorragenden deutschen Staatsmann, machen ein sofortiges Eingreifen nötig. Deshalb haben wir grundsätzlich die Maßnahmen des Reichspräsidenten als berechtigt anerkannt. Aber wir muhten über-
M Sawmltn non Mos.
Boman von Ernst Scherte!.
6. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Das asto sollte den Aufenthaltsort für die nächsten acht Tage bilden? Man konnte die Enttäuschung auf allen Gesichtern der Gesellschaft lesen. Rur Doktor Perzelius und Silly schienen das alles wie etwas Selbstverständliches hinzunehmen. Doktor Perzelius, weil er die Verhältnisse tatsächlich feit langem kannte. Silly, weil sie vermöge ihrer regen Phantasie und ihres romantischen Geistes gerade solchen ungewohnten Dingen ehren merkwürdigen Reiz abzugewinnen vermochte.
„Qlber Doktor", sagte der Baron, „wenn ich das gewußt hätte, würde ich Zelte oder zusammenlegbare Holzhäuser haben mttnehmen lassen."
„Ach, erwiderte Perzelius trocken, „ich wohne eben, wie es kommt."
Eduard hatte sich allerdings mehr vorgestelllt. Die Armseligkeit der Unterkunst hätte er ohne Widerspruch hingenommen, denn er war auf seinen Reisen schon yfters in die Rotwendigkeit versetzt wprden, sich tage- und wochenlang ohne Bett und andre Bequemlichkeiten zu behelfen. Aber daß auch in der ganzen Umgebung des Dorfes nichts zu sehen war, was irgendwie Aufmerkfanckeit beanspruchen konnte, verstimmte ihn sehr. Er bedauerte fast, den privaten Launen des Doktors gefolgt zu sein. Hätte er sich einen richtigen Fremdenführer genommen, hätte er sicher mehr von dem gesehen, was er erwartet hatte.
Wohl oder übel muhte er sich jedoch ent- schliehen, mit der übrigen Gesellschaft in der so wenig verttauenswürdigen Riederlassung einzuziehen. Die braunen Hausbesitzer stritten sich förmlich um jeden einzelnen der Ankömmlinge, die Eseltreiber waren in kurzem untergebracht und so
rascht und erstaunt sein, als der Iustizminister erklärte, dah diese Verordnungen ausschließlich gegen rechts gerichtet seien. Die politische Verblendung und Borniertheit der deutschvöltischen Kreise zugegeben, aber gibt es solche Fanatiker und solche Elemente nur in diesen Kreisen ? Har die Republik nur Feinde auf der Rechten? Rllinc Partei . . . (Abg. Höllein (Komm.): Die Morderpartei! Lärm, wütende Zurufe .ech's. Präsident Lobe ruft den Abg. Höllein ; ar Ordnung. Abg. Malhahn lKomm ): Die 'Bur' hen werden schon wieder frech!) Auch für die Republik gilt der Sah: „Justitia funöamcntum reg- norum“. (Zuruf des Abg. Höllein.) Präsident Löbe erteilt ihm den zweiten Ordnungsruf und fordert ihn auf, ihn nicht zu weiteren Maßnahmen zu zwingen.) Wir stehen auf dem Boden der Verfassung, aber man soll an ter Verfassung nicht so viel herumdoktern. Letzten Endes sei das unerhörte Verbrechen der meisten Mörder doch nur auf den Druck des Dersalller Friedensvertrages und die daraus entstandene Erregung im Volke zurückzuführen. Das Gesetz wird aus fünf Jahre erlassen. Der Wahlkampf kann inzwischen einfehen. Sollen die Deutschnationalen wahrend dieser ganzen Zeit vogelstei bleiben wie jetzt und allen Beleidigungen ausgesetzt werden? Das Gesetz ist also ab irato erlassen,
ein grausiges Dokument einseitiger Partei- Politik!
Wir lehnen das Gesetz in dieser Form ab.
Abg Dr Rosenfeld (U): E Hai schon seinen guten Grund, wenn man von Mörder- banden spricht und auf die Deutschnationalen verweist Man lese ihre Zeitungen und Monatsschriften nach, in denen ziemlich unverblümt zum Mord am Rathen au aasgefordert wird. In Bayern wird die Monarchie propagier!. Es ist zu befürchten, daß die Bestinmangen de? Gesetzes gegen Links angewendet werden. Wir fordern ein neues Disziplinarstrafgesetz, welches die ®ntfemung der monarchistischen Beamten erm.öc = licht. Wir brauchen endlich einen repudlikaniichen Reichswehrminister.
Abg. ©trefemann (D. Vp.): Wir sind bereit, an dem Gesetzentwurf mr zuarbeite u und ihn baldmöglichst zu einem guten Ende za führen. Wir wünschen, daß die jetzige Reichsflagge gegen Beschimpfungen geschützt wird. Wir wünschen auch, daß die Beamten des Reichs geschützt werden. Die Person des Reichspräsidenten muß über den Parteien stehen und geachtet werden. Rach dem, was festgestellt worden ist, muß auch ich annehmen, daß es Mörderorganisationen gibt. Diese
müssen mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden,
gleichviel, gegen wen sie sich richten. Das Gesetz sollte besser heißen „Gesetz zum Schuhe der Verfassung", das ist umfassender als der jetzige Tttel. Die Zusammenfassung Derjenigen, die bereit sind, innerhalb der jetzigen Staatsform mit allen Kräften zum Wohle des Staates mitzuarbeiten. ist das Wichtigste. Aach Rathenaa war nach Tradition und Erziehung kein Reprbli- taner. Aber er hat sich der Republik zur Verfügung gestellt. Die jetzigen Mitglieder der Regierung können nicht für unsere übten Z istände verantwoi-tlich gemacht toerben. Haß und Leidenschaft dürfen sich nicht auf einzelne Personen konzentrieren. (Rufe: Helfferichl) sonst kommen wir nie aus der Atmosphäre Der Leidenschaften heraus. Wer den
Abgeordneten Osann
noch kennt, weiß, daß er einer der ruhigsten Politiker ist. Ihm ist sein ganzes Mobiliar zerschlagen, seine priva ten Briefe find in den Rinnstein geworfen worden. Kollege Wunderlich hat in der national- liberalen Korrespondenz nach Der Untersuchung über diesen Fall beritztet und festgestellt, daß an jenem Tage Der Demonstrationen in Darmstadt 400 Schutzleute beurlaubt waren. Die ., Frankfurter Rachrichten" tourben wegen Abdruck dieser Rotiz verboten! (Rufe: Das ist die neue Freiheit. Lärm links. Glocke des Präsidenten.) Auf unabsehbare Zeit ist der Wrederaafbau Deutschlands irar möglich auf Dem Boden Der Republik, an Der wir Mitarbeiten wollen. Aber die Republik tour De mehr moralische Eroberungen machen, toenrr sie sich von politischer (Stürmerei freihielte, die immer etwas Kulturloses an sich hat. Einzelne Bestimmungen gehen Wetter über Die Paragraphen des ehemaligen Sozialistengesetzes hinaus. Dies können totr nicht mitmachen.
Abg. Leicht (Bahr. Dp.): Wir schließen uns hn wesentlichen Den Erklärungen der Deat-
büeben nur noch die drei Herren und die beiden Damen zu versorgen. Die Erzieherin fand bei dem Dorfvorsteher — welcher einen Harem von Drei Frauen sein eigen nannte — Aufnahme. Der Baron zog mit Perzelius und Eduard zum Gemeindepriester, während Silly bei der Frau des Kadi, der nebenan wohnte, Unterkommen konnte. Die beiden Häuser lagen so nahe beisammen, dah man sich durch das Fenster die Hände zu reichen vermochte.
Rach dem anstrengenden Marsche waren jedoch alle Teilnehmer froh, überhaupt ein Lager gefunden zu haben. Die Sonne stand schon hoch im Zenith und die Hitze wurde von Minute zu Minute unerträglicher.
Wasser war nicht vorhanden, falls man sich nicht entschließen wollte, das trübe Raß zu trinken, das am Grunde der Zisternen lag. Für die Verpflegung aber hatte Der Baron in mustergültiger Weise Vorsorgen lassen, und bald waren Sie drei Hütten erfüllt mit Wasserschläuchen, Weinflaschen und Konserven, so dah es trotz der Menge De3 Gepäcks schier unglaublich schien, woher alle diese Vorräte kamen.
Während des Mahles beflagte sich Mih Mason in gequälten Tönen, dah sie es keine Stunde länger aushalten könne in der Hütte des 2wrf- vorstehers, denn dessen Frauen seien infernalische Bestien, und überdies herrsche in dem ganzen Gehöft ein so abscheulicher Geruch von Hühnern urto faulen Bananen, dah sie nicht imstande wäre, zu atmen.
Silly sah still auf einem Kissen, Eduard gegenüber. Sie war müde und etwas angegriffen von der Aeise und lehnte halb schlafend ihre Locken an die Schulter ihres Vaters.
„Wir wollen die Damen hier lassen und uns in der Umgebung etwas umsehen", sagte Baron Hallam, der seine Zeit möglichst ausgenützt wissen wollte.
.Ich würde raten, dah wir die Damen mit»
schon Volkspartoi und des Zentrarns an. An Dem Gesetz müssen gewisse Aenderungen vorgenommen werden. Versa,i.dones to.rn besser durch Verordnungen geregelt werden.
Abg. Remmele (Stomm.l fordert Kontrollorgane der Arbeiter, welche die Säuberung der Justiz. Reichswehr and Polizei von monarchistischen Elementen überwachen sollen. Im übrigen ist er der Ansicht, daß das Gesetz nicht ausreiche, die geheimen Organisationen zu treffen jnD fürchtet, daß Die Verordnungen gegen Links ange- wendet würden. Auch das Amnesti.gesetz gehl ihm nicht weit genug Er verla rgr vor allem, daß Max Hölz freigelassen werde.
Das Gesetz wird sodann Dem Rechtsausschaß überwiesen, ebenso das Amnestiegeseh.
Morgen nachmittag 2 Uhr: Beratung Der eingebrachten Interpelia ionen.
Schluß gegen 8 Uhr.
Tagung des Reichsverbandes Deutscher Volksschullehrerinnen in Essen.
Von einet Lehrerin wird uns geschrieben:
Der Rtichsverband Deutscher Dolksschal- lehre>innen hatte zusammen mit dem Verein Preußischer Volksschallehrerinnen seine Mitglieder zu einer Pfingstlagang m Essen ein geladen. In der ersten Mitgliedernifammlung des Rrichs- verbandes am Pfingüsonntag wurden Di. Geschäftsberichte erstattet. Ferner legte Der geschäftsführende Ausschuß einen Sahungsenlwarf vor. Aus Der Arbeit Der einzelnen Ausschüsse ist besonders hervvrzuheben, daß Der Ausschuß f.r Iugendwvhlscchrl StP mg zum Jagen.Wohlfahrts-Gesetzentwurf genommen and Richtlinien zur Hebung des Gesundheitszastandes der weiblichen Jugend ausgestellt hat Der Ausschuß hat ferner eine Verbindung mit Dem Ausschuß für Ausseg. - und Zeugenpsychologi' Lea Pshchc l'gttchen Instituts in Leipzig a-ng »knüpft, um gemd sam auf die Reform der Vernehmung von Schalkindern Hirz-wirken. Der Ausschuß fordert, daß Die soziale Arbeit Der Lehrerin nicht als außerberafliche Tätigt.i, sondern als ein wichtiger Teil ihrer Uuterrichts- und Erziehung-ar bit betrachtet werde. In Der zweiten Mi-g.i d.rv.rs nun ung am Pfingstmontag sprachen F>au Schumann aas Meinersdorf in Schleswig-Holstein und F.äalrin Zeh ringer aus Zurtwangen i. B. üuer Die Stellung und Ausgabe Der Landlehrerin. Rach sehr angeregter Aussprache wurden mehrere Anträge Schumarrn und Zehringer angenommen. PsingstDienstag endlich fand in fast überfüttern Krupp-Saale des Städtischen Schulbaues eine öffentliche Hauptversammlung statt, in De Fräulein Eleonore Pfnor aus Darmstadt über das Thema sprach: „Wie muß sich alle Mädchenbildung gestatten, am das einchritliche Ziel, Die Entwicklung Der weiblichen Persönlichkeit, zu gewährleisten?" Die Rednerin gab einen Ueberblick über die geschichtliche Entwicklung drr MäDchenerziehumg in Deutschland and kam zu Dem Schlüsse daß es nicht an Den geistigen Fähigkeiten der Frau, Wohl aber an Der geringen Möglichkeit, ihre natürlichen Gaben auszubilden, liege, wenn bisher das Resultat in bezug auf Geistesbildung im afg.menen hinter lern tom Manne Erreichten zurückgeblieben sei. Wohl habe im 18. Iah. hundert Dis Einführung Des Schulzwanges für Die Mäbchen Die Möglichkeit gebracht. allgemein an Der aufstrebenden Entwicklung Der Volksschule teilzunehmen. Aber Lange Zeit Dachte niemand an Die Ausbildung von Lehrerinnen von Staats wegen, und Die sogen, höhere Mädchenschule betonte übermäßig die Differenziertheit Der Geschlechter und erzielte vor allem eine Erziehung auf ästhetischer Grundlage. — Erst Den führenden Frauen Der Frauenbewegung ist es za danken. Daß eine große Zahl Frauen ihr Ziel — selbständig in Das Kalturleben unseres Volkes einzudringen und sich eine selbsterarbeitete Weltanschauung zu erwecken — erreicht hat: noch aber haben zu wenige Die einslußrcichen Stellungen erlangt, Die eine Umgestaltung Der nur männlichen Kultur in eine Kr ltar, bei Der auch Der weibliche Einfluß zur Geltung käme, ermöglichen können. Es gibt nicht, so führte Die Rednerin aus, eme besondere Erziehung zur Weiblichkeit in Der Art. wie man etwa Wahrhaftigkeit oder Tapferkeit erzieht. Ader es gibt Erziehung zar Weiblichkcit in dem Sinne der Forderung: „Sri Da selbst!" Erreichbar ist dies Ziel in ckllen Schulgattangen, schwer freilich in Der Volksschule, die die Kinder 'schon mit
nehmen", erwiderte der Doktor, „man muh hier vorsichtig sein, besonders mit blonden Mädchen."
„Oh, was Sie sagen!" rief der Baron erstaunt, „es ist Heller Tag und abends sind wir zurück. Die Damen werden schlafen wollen."
„Dann mögen sie jetzt eine Stunde ruhen, hernach brechen wir gemeinsam auf“, bestimmte Perzelius und sprach das mit einer so sicheren Ueberlegenhett, dah jeder Widerspruch ausgeschlossen schien.
„Ich werde nicht können schlafen in dem Duft", krähte Mih Mason und war nicht zu beschwichtigen, bis sich endlich Perzelius herbeilieh, mit ihr Die Besitzung des Dorfvorstehers zu untersuchen.
Da sah es Denn schauerlich genug aus. In dem kleinen halbdunkÄn Viereck war Die ganze Oekonornie des guten Mannes untergebracht, Die neben seinen Drei Frauen aus zwei Ziegen, mehreren Stallhasen unD einer großen Menge Federvieh bestand. Eine Schar zahmer Tauben nistete in den Höhlungen des Bodens und zwischen den Ballen Der Decke, und ihr weihlicher Unrat überzog wie ein dickes, weiches Polster alle nicht unmittelbar Dem Gebrauche dienenden Gegenstände. Dem beißenden Dunst aber, der von all Dem tierischen Mist ausging, vermischte sich noch ein andrer, an schlechten Spiritus gemahnender Gestank.
Doktor Perzelius war sich anfangs unklar darüber, wie in das Haus eines Moslem dieses verbotene Gift gelangen konnte, und er begann in unauffälliger Weise zu forschen. Es waren nirgends verdächtige Gefähe zu entdecken, aber dennoch entstieg einigen Stellen des Raumes jener süßliche, verräterische Geruch. Ietzt_ erst bemerkte Perzelius, dah der Fußboden nicht überall gleichmäßig aus gestampftem Lehm bestand, wie in Den übrigen Hütten, sondern dah er teilweise mit Brettern belegt war, über die sich Matten und Decken breiteten. Perzelius gab sich nun Den Anschein, als wolle er eine bessere Lager-
14 Jahren entläßt Unberingt zu fordern ist daher Lis Pflitztfortb.ld ing. chuke mit fachlichem und vor allem taaswirtsuxafrtichem Unterricht. Rich^ aus Vielwrssen kommt es an, sondern auf ein gründliches, im Sinns des Arbeitschulgedan- tens felbfterarbet totes Wissen, auf körperliche Ertüchtigung. aaf Sinn für Wahrhaftigkeit, Liebe zuni De. tschtum. aaf Erziehung zu werktätiger Liebe uno sittlicher Reinheit.
Als Erzieher für Die weibliche Jugend forderte die Rednerin, besonders für Die Oberklassen, in Der Ueberzahl und an führender Stelle weibliche Lehitträfte mit gründlicher wissenschaftlicher Vorbildung Der männlich. Lehrer solle dabei leinesfalls ausgeschlos e.r stin.
Starker Dtisall brzsigte der Rednerin den Tank Der Versammlung für ihren — nach Den Worten einer Sebattcrcö.ierin — ganz auf Tiefe und Inrerlichkeit geteilten Vortrag. Die Vorsitzende des Reichäverbandes, Fräulein von K u » leha, schloß die Versammlung and zugleich die Tagung mit herzlichen Dank an die Stadt Esser für die er toi. f nc Gastfreundschaft and gab Der Hoffnung Ausdruck, daß es bei einer späteren Tagung im Westen des Reiches Den Besuchern möglich sein werde, Deutschlands schönsten Strom ohne Paß und Einreiseerlaubnis wiederzusehen.
Kirche und Schule.
Eine Dorfkirchentagung für Oberhessen, Kur» Hessen und Nassau.
findet am 13. und 14. Juli in Marburg statt. Es werden sprechen: D. v. Lüpke über: „Wie wird die biblische Geschichte fruchtbar für den Geschichtssinii des Landvolles?", Pfr. Ritter aus Rieferode (Hessen) über: „Die ländliche christliche Volkshochschule", Pfr. Mahr aus Gießen über: „Aufgaben der Dorfkirchenbewegung. Zur Kritik der Dorfkirchenbewegung und Der Dorfkirchenarbeit". Die seelische Zerrüttung des Landes ruft alle Kräfte auf zur Mitarbeit an einer gesunden, bodenständigen Bauern- und Heimatkultur. Seit 15 Jahren steht die hochverdiente Dorfkirchenbewegung mit ihrer Zeitschrift „Die Dorfkirche", mit ihren Tagungen in Der Arbeit am innersten Leben solcher heimatlichen dörflichen Kultur. Freunde der Bewegung, insbesondere auch aus Lehrerkreisen, sind willkommen.
Hochschulnnchrichlen.
— Die Frankfurter Universität wird möglicherweise Demnächst beträchtlich erweitert werden. In Erwartung einer Millionen- stiftung von feiten eines amerikanischen Freundes Der Hochschule, Der vorerst noch nicht genannt sein will, werden Pläne entworfen, Die einen mindestens 3 Stttitor kr hohe r A rba r an Den S.: f üg l Des U> io if.tät g b ud s (Züge h 'as) versehen. Der gröb .rc Teil Der neugewonnenen Räume ist für die Unterbringung Der Mineralogischen Sammlung v rge) heIn Dem Oberteil des Reub^ues gedenkt man da neues Universitätsinstitut für soziale Forschung ein za richten. Die ministerielle Ge- nehmigrmg für das Projekt steht noch aas. auch sind seine finanziellen Unterlagen noch nicht genügend gesichert, um schon jetzt den Termin für die Ausführung des Planes näher bestimmen za können.
Landroirtschsst.
Glänzende Erfolge der oberhessischen Ziegenzucht.
In schärfster Konkurrenz hat. wie bereits kurz gemeldet, die oberhessische Ziegenzucht auf Der Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Rürnberg höchste Erfolge erzielt. In Wettbewerb standen die ober- hessischen Ziegen insbesondere mit den Zuchten der beiden Schwesternprovinzen Starkenburg und Rheinhessen, während die wenigen aus Bayern vorgeführten Tiere, weil noch nicht hinreichend durchgezüchtet, als ebenbürtige Konkurrenten für die hessischen Zuchten kaum in Frage kamen. In Klasse I (ältere Docke) hatten die drei aus der Provinz ausgestellten Böcke die Führung. Der vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ausgesetzte Preis für den besten Bock wurde dem Stationsbock des Kreisziegenzuchtvereins Lauterbach in Maar, der erste Preis dem Stationsvock des Kreisziegenzuchtvereins Alsfeld in Strebendors und der nächstfolgende zweite Preis dem von dem
stätte für Mih Mason Herstellen und trug deshalb mehrere der schmutzigen Lappen auf einen Haufen zusammen, so dah Der Bretterbuden sichtbar wurde. Sogleich drang ihm auch ein neuer Schwaden von Spiritusdampf in die Rase und bestärkte seine Vermutungen. Als er nun mit dem Finger gegen die Diele pochte, klang es hohl, und bald bemerkte er auch einen Spall, der in viereckigem Umriß die sonst festgefügten Latten durchschallt. Es blieb kein Zweifel, dah hier ein Loch in ein Untergeschoh führte und dah von dort die aHo- holischen Dünste kamen. Er öffnete also die Lucke int Boden, worauf er in eine dunkle, etwa mannshohe Höhlung blickte. In dieser Vertiefung aber stand ein bauchiger Kessel, von dessen oberstem Teil eine Röhre abzweigte, die in schlangenförmigen Windungen durch ein Fah mit Wasser führte und dann mit ihrem Ende in ein kleines Gefäh mündete. Unter dem Kessel lagen Kohlenstücke und Asche. Hier schien also unter dem Fußboden verborgen eine regelrechte kleine Schnaps- brennerei eingerichtet, die wohl eine geheime Leidenschaft ihres Besitzes zu befriedigen hatte.
Perzelius verschloß sorgfällig wieder die Oeff- nung und erwartete mit der unbefangensten Miene Die herbeigerufenen Frauen Des Vorstehers. Dann erklärte er, Dah Mih Mason hier nicht länger wohnen Dürfe, Dah Dafür aber er selbst das Lager benutzen werde.
Die Frauen wollten anfangs Einspruch efr heben, indem sie erklärten, keinen fremden Mann bei sich dulden zu wollen, als Perzelius aber die Kupfermünzen in seiner Tasche klimpern lieft, verwandelte sich ihr Widerstand in vollkommene Ergebenheit.
Für Mih Mason war bald ein anderes Quartier besorgt, das zwar auch nicht dem gllch. das sich Der Europäer unter „Zimmer" vorstellt. Das aber immerhin einen erträglichen Aufenthalt bot (Fortsetzung folgt.)


