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Dienstag, 6. Junt 1922
172. Jahrgang
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GiehenerAMger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'fche Univ.-Vuch- und Zleindruckerei R. Lange. Schristlettrmg, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstrahe 7.
Dom Kommunismus zum Kapitalismus.
Der Prozeh gegen 22 Sozialisten, der am 1. 3uni in Moskau begonnen hat, veranlaßt den „Vorwärts- zu der die verheerenden Folgen der Diktatur der konrmunistifchenDespäten zusammenfassenden Feststellung, daß der mißlungene Versuch, die russische Wirtschaft auf dem Kom- nmniSmus aufzubauen, zu einem Zusammenbruch geführt hat, der in der ganzen Weltgeschichte ohne Beispiel sei: „Die Industrie ist so gut wie vernichtet, die Landwirtschaft erheblich zurückgegangen. Ganze Provinzen ringen mit dem Lode. Die Verelendung der industriellen und städtischen Bevölkerung ist grenzenlos. Aus eigener Kraft kann sich das russische Volk nicht inehr erheben."
Was soll nun helfen? Nur eins kann helfen: das Kapital. Es kann hier davon abgesehen werden, inwieweit der Abschluß des deutsch-russischen Vertrages durch brennenden Kapitalbedarf veranlaßt ist, den freilich Deutschland nicht befriedigen kann, für den aber Rußland mit Deutschland als Vertragsgegner an seiner Seite bei den valuta- starken Ländern mehr Entgegenkommen zu finden hoffen darf. Es kommt hier in der Hauptsache darauf an. daß der „Vorwärts" in dem Bestreben, die Erhabenheit und Unantastbarkeit des eigenen Parieistandpunktes gegen» der dem kommunistischen zu erweisen, dem Kapital wohl oder übel Gerechtigkeit widerfahren läßt. So wird der Sowjetregierung bedeutet. daß das zu Hilfe gerufene auswärtige Kapital nur dann kommt, wenn ihm Eigentumsrechte und Gewinnmöglichkeiten verbürgt werden, wenn ein großer Teil der Produktionsmittel in Privathand übergeht, und wenn sich von neuem Privatkapital in größerem Maßstabe ansammelt. Noch deutlicher wird der „Vorwärts" in der Bemerkung, daß aus der engen Verknüpfung von Politik und Wirtschaft im nrodernen Staatsgetriebe die Wirtschaft oft als der Mächtigere hervvrgeht. Das heißt soviel wie: die Männer stehen schon bereit, die nur darauf warten, die gestürzten Despoten hinauszutragen!
Wie gewaltig der Umschwung der Dinge ist, stigt die. um die Worte des englischen Delegierten Macdonald inH der letzten Sitzung der Neunerkommission der beiden sozialistischen und der kommunistischen Internationale zu wiederholen, „rein imperialistische und kapitalistische Haltung" der Sowjetregierung in Genua und der Grundsatz in der von dem Rat der Volkskommissare im Herbst 1921 angenommenen Arbeitsverfassung, der die auf den einzelnen Betrieb entfallende Menge an Lohn und Nahrungsmitteln in dem staatlichen Versorgungssystem nach der Menge der erzeugten Güter bemißt und in seinen Auswirkungen dahin führen muß. daß die größtmöglichen Leistungen von einer denkbar kleinen Arbeiteczahl herausgebracht werden. Die Schwachen, die nicht mithalten können, und die Ueberflüssigen, die verdrängt werden, bleiben auf der Strecke. So führt ein mißverstandener und mißleiteter Sozialismus zum denkbar grausamsten Egoismus, und statt eines allgemeinen Ausgleichs, den man erreichen wollte, müssen sich die krassesten Gegensätze entwickeln, an die Stelle der verheißenen, versöhnenden Liebe tritt zerfleischender Haß!
Alles in allem ein durch die Tragik des Geschehens erschütternder, aber auch zuversichtlich stimmender Beweis, daß das Kapital und seine Vorläufer, Schaffenslust und Erwerbssinn, unveräußerliche Bestandteile des Wirtschaftslebens sind. Wer sie gewaltsam unterdrückt, wird zum Mörder an seinen Volksgenossen, zum Verbrecher an der Menschheit.
Die Zulagen für die Ententeoffiziere.
Nach der Entscheidung des Finanzausschusses des Botschafterrats vom 15. April, die erst vor einigen Tagen durch General Nvllet dem Auswärtigen Amt bekannt gegeben wurde, beziehen für die Zeit vom 1. März bis zum 30. Juni die Mitglieder der Aeberwachungsausschüsse monatlich folgende Zulagen, daß heißt, Zulagen außer ihrem Gehalt in fiemder Währung, das ebenfalls von Deutschland gezahlt werden muß:
1. General und Vorsitzender 71 950 Mk.
2. General, Oberst, Oberstleut
nant in leitender Stellung 53 025 „
3. Oberstleutnant als Dienstgrad und Major in leitender Stellung 37 875 „
4. Major 34 100 „
5. Hauptmann und Leutnant 32 200 „
6. Anterofsfizicr 17 500 „
7. Soldat 10 600 „
Die Aussichten der Anleihe. Das Garantiekomitee am IO. Juni in Berlin. — Pessimismus in Amerika.
Paris, 3. Iuni. Die Reparationskommission hat der deutschen Regierung in ihrer Rote angekündigt. daß sie ihr über die noch schwebenden Fragen weitere Mitteilungen zugehen lassen wolle. Dies soll unmittelbar nach dem Pfingstsest geschehen. Der Wortlaut der entsprechenden Rote wurde gestern festgelegt. Der deutschen Regierung wird darin insbesondere bekanntgegeben. daß das Gorantiekomitee um den 10. Juni in Berlin eintreffen werde, um seine Arbeiten sofort aufzunehmen. >
Poincare hatte heute eine lange Besprechung mit dem Präsidenten der Reparationskommission Louis Dubois.
Paris, 3. Iuni. (Wolff.) Der »Temps" schreibt, die Unterredung Poincares mit Louis Dubois habe sich auf den Stand der Arbeiten des Ausschusses bezogen, der von dem Wiedergutmachungsausschuß beauftragt wurde, einen Bericht vorzulegen. Über die Bedingungen, unter welchen eine auswärtige deutsche Anleihe zur Kapitalsablösung eines Teiles der Forderungen der Alliierten an Deutschland aufgelegt werden könne.
Paris, 5. Iuni. (Wolff.) Havas. Man meldet dem »Petit P a r i s i e n" aus Washing- trn: Die Presse bestätigt in ihren Leitartikeln, daß verschiedene Punkte bei der Kon f erenz derDankleute betreffend die alliierten Schulden und die Wiedergutmachungen nicht klar sind: Die erste wichtige Feststellung ist die Tatsache, daß die F ankreich gegenüber eingenommene feindselige Haltung aufgehört hat; jetzt könne man auch den französischen Standpuntt verstehen.
Was die Konferenz der Bankleute und die Möglichkeit einer deutschen Anleihe angeht, bemerk die Presse daß demgegenüber in Amerika allgemein Pessimismus entgegengebracht werde.
Die „Washington Post" schildert in einem langen Ceitartifel die Lage folgendermaßen, und zwar gibt sie die mittlere Meinung der Amerikaner bekannt. Die Banlleute Halen begrenzte Macht und können die Anleihe nicht selbst unterschreiben. Sie sind abhängig von den Pächtern oder Rückkäufern, die das Publikum zum Unterschreiben stimmen müssen. Das Publikum wird nur dann unterschreiben, wenn vorteilhafte Grundsätze geboten und genügende Sicherheiten gegeben sind. Weiter ist die Hypothek über seine Einkommen von der Reparationskommission vvrenthalten. Die Banlleute werden daher fordern müssen, daß die Alliierten von dem Teil ihrer Hypothek ablassen, um die internationale Anleihe sicherzustellen.
Die ,N e w B o r k T i rn e s" betrachtet es als notwendig, daß eine bestimmte Summe für die Reparationen ausgewvrfen vx?de. wobei man wohl erwarten müsse, daß Poincare sich weigere, die Rcparationssumme zu reduzieren, ihn eine Anleihe zu bekommen, sagt die „Times", stellen die Reparationen keine Schulden dar, sie sind im Friedensvertrag als Gerechtigkeit angeführt, die zerstörten Gebiete sind stumme Beugen, jedoch hinreichend genügend, um zu zeigen, was Deutschland bezahlen muh.
Die Meinungsverschiedenheiten in der Anleihelrommisfion.
London, 3. Iuni. (Wolft.) Der gut mter- richtete Pariser Berichterstatter der .Times" schreibt zu den innerhalb ler Morga nkommt s s i o n bestehen c Mriuungsverich e - d e n h e i t e n bezüglich ihrer Fu.ck.ion, es handle sich am die giage, ob die Kommission die Dinge nehmen müsse, so, wie sie wolle oder ob Jte befugt sei, offen ihrer Meinung über die 03er- gungsfähigkeit Deuts ch'lands im Lichte seiner g o -en R.paa ioacVerpflichtungen Ausdruck zu geben. Bon verschiedenen Seiten werde dies als ein Versuch der Morgankommission an- gcsehen, die Vorrechte der Repa ationskommis» sion an sich zu reifen. Andererseits werde er- ilärt, wenn Dcu schl-ond Geld g li . hen werden solle, so müsse die Anleihekommis ion d^e Verpflichtungen Dcutschla7ck>s untersuchen. Die Ban- tiers drückten die Meinung aus. daß das Re- paraiionsproblem und das Anlciheprob em nicht von einander getrennt werden können. Rach Ansicht des Berichterstatters begeben sie sich bannt in gefährlicher Weise auf das politische Feld. Sie wollen über den Betrag etwas zu sagen haben, den Deutschland entrichten müsse, mit einem Wort, die Anleihetvmmrssion werde beschuldigt, plötzlich in dieser Frage nach größerer Bedeutung zu streben als die Reparationskom- mission oder sogar die Regierung. Es brauche nicht hervorgehoben zu werden, daß von feiten der Anleihekommission keiner lei derartige Absichten bestehen. Sie versuche nur, die Bedingungen festzustellen, die von einem streng gesetzmäßigen Standpu kt aus gesehen, die Aufnahme einer Anleihe rechtfertigen würde. Jedoch auch innerhalb der Anlcihrkom- mission selbst fei die Meinung etwas geteilt. Es bestehe eine gewisse Furcht davor, die Bedingungen des Mandats zu eitoeitern. Die Unterbrechung der Sitzungen scheine zu bedeuten, daß die Reparationskommission das Schau Piel einer Debatte über die Funktionen der Anleihekommission sein weri>e. Man habe zuerst gehofft, daß eine solche Rückverweisung nicht notwendig sein würde. Auch in der Reparationskommission seien die Meinungen geteilt. Von manchen Seiten würde man gern den Bankiers die weiteste be» ratende, wenn auch nicht formelle Befugnis geben, von anderer Seite dagegen wache man arg
wöhnisch darüber, daß die Vorrechte der Regierungen und der Repara irnstommission nicht beeinträchtigt werden. Es würde sehr schwer sein, vorauszusrhrn, auf welchem 'Weg? d ese Fragen geklärt werden. In der Zwischenzeit tre en. wie berichtet, hervorragende Bankier-Autoritäten direkt an die Regierungen heran un) es sind bereits inoffizielle Dcrlx»nd!ungen geführt worden. Der Berichterstatter erfährt, daß ein allgemeiner Austausch zwischen den verschiedenen Regierungen stattsmden wird. Dasa ugenbli'ckliche Dilemma sei äußerst unangenehm. Niemand wünsche, daß die Verhandlungen zu nichts führten. Iedermann hoffe, daß aus den Verhandlungen der Sachverständigen eine praktische Regelung hervorgehen werde. Die unvermcidlich-e Stunde sei gekommen, in der die Bankiers gesagt haben, wieviel Deutschland schulde, was ein wesentlicher Faktor in dem Problem der Ärebit» gewährumg sei.
PoincarL über die Reparationsfrage.
Paris, 5. Iuni. (Wolfs.) Der amerikanische Botschafter H e r r i d überbrachte am 4. Iuni im Auftrage des Kongresses der S t a d t Verdun die amerikanische Kriegsmedaille. In seiner Rede erklärte er, trotz aller Mißverständnisse werde die Freundschaft zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten andauern, da es leicht möglich sei, in einer offenen Besprechung den Weg zu notwendigen gegenseitigen Zugeständnissen zu finden. Der anwesende Mi-isterpr-stdent P o i n c a r 6 benützte die Gelegenheit, eine Rede über die Reparations- frage zu halten. Der gute Sinn des amerikanischen Volkes werde bald die Legende vom f anzösischen Imperialismus beseitigt haben. An- getfchts der Gefahren, denen Francreich stets ausgesetzt gewesen sei, und nach den erduldeten Gelben müsse jedermann von gutem Glauben verstehen, daß die für die Reparationen festgesetzten Summen nicht mehr herabgesetzt werden könnten. Wenn der gerechte Schadensersatz. dec versprochen worden sei, nicht bezahlt werde, müßten sich Männer guten Glaubens davon Rechenschaft abgeben, daß Frankreich gezwungen sei, eine Macht zu unterhalten, um sie in den Dienst seiner Forderungen zu stellen 'Frankreich hafte fein Heer nicht aufrecht, um Paradezwecken zu dienen oder Ruhm zu suchen. Man hätte recht, FrankrciL streng zu beurteilen, wenn es ungerechte Forderungen unterstützen würde, wenn es andere Nattonen unterdrücken wolle oder wenn es sich allen ftiedlichen Abkommen widersetzen würde. Derartige Absichten habe Frankreich nie gehabt. Es habe gegenüber Deutschland Beweise außerordentlicher Mäßigung gegeben (?). Bisher hätten die Franzosen schon 24 Milliarden Franks für den Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete bezahlt. Die zerstörten Dörfer in der Gegend von Verdun könnten nicht wieder aufgebaut werden, die Felder seien zur älnfruchtbarkeit verdammt, die Bevöllerung aber zeige sich ebenso mutig im Frieden wie währeild des Krieges. Sie habe also recht, zu verlangen, was Deutschland ihr versprochen habe. Die besiegten Völker dürften nicht ungestraft ihre vor der Welt angenommenen Verpflichtungen verletzen. Wenn der Friede Deutschland gestatten würde, sich auf Kosten Frankreichs zu bereichern, dann würde dies der von den Vereinigten Staaten und Frankreich gemeinsam unterstützten Sache einen unermeßlichen Schaden zufügen. Das würde aber für Frankreich Erniedrigung und Ruin bedeuten. Frankreich habe zu viel Vertrauen in seine alten Waffengefährten, um zu befürchten, daß sie eine Mißbilligung ausdrücken oder es verleugnen. Auf alle Fälle sehe er in der heutigen Feier ein kostbares älnterpfand der Freundschaft der Vereinigten Staaten, denen er seine tiefe Dankbarkeit bewahren werde.
Das Vertrauensvotum für Poincar«.
P a r i s, 3. Iuni. (Wolff.) Nach dem ,I o u r- nal Officiel" ist das Ergebnis der gestrigen Abstimmung in der Kammer anders, als es vom Kammerpräsidenten verkündet wurde Es nahmen 532 Abgeordnete an der Abstimmung teil. Für die Vertrauenskundgebung stimmten 436, dagegen 96 Abgeordnete Ungefähr 60 Abgeordnete enthielten sich der Abstimmung.
Eine Rechtfertiyungsrede Briauds.
Paris, 3. Iuni. (Wolff.) Br i and hat vor seinen Wählern in Nantes seine Politik gerechtfertigt und erklärt, die Hauptaufgabe der ftanzösischen Regierung sei fo gedacht, den Frieden sicherzustellen. Frankreich sei auf dem Schlachtfelde -von allen freien Völkern unterstützt worden. Es dürfe deshalb mit seiner Macht keinen Mißbrauch treiben, sondern müsse den Frieden sichcrstellen. Seine (Briands) Tätigkeft werde start kritisiert und es scheine, daß man ihn vor den Staatsgerichtshof führen wolle Er werde dort mit erhobenem Haupte erscheinen und die Verantwortung für seine Regierungshandlungen übernehmen. Seine Ansicht sei gewesen, in einem beunruhigten Europa nichts zu unternehmen, was Frankreich isolierst und neue Konflikte Hervorrufen könne.
Briand sprach alsdann von der Qteba- rations frage, von deroberschlesischen Frage, die während seiner Regierungszeit entschieden worden sei, und von der Besetzung von Ruhrort. Düsseldorf und Duisburg, die der Schlüssel zu Essen feien. Es sei aber immer sein Ruhm gewesen, daß, wenn er eine derartige entschlossene Haltung durchgeführt habe, er sich vorher der Teilnahme der Alliierten versichert habe. — Schließlich sprach der
ehemalige Ministerpräsident von der Konferenz von Cannes. Die Reparationskommission habe ein Moratorium bewilligt und Kvn- trollmaßnahmen festgesetzt, die in Cannes fest-- gehalten worden seien. Begegnungen mit den ' Alliierten, wie sie in Cannes erfolgt, seien nicht au vermeiden. Sie hätten ihre Wurzel im Versailler Vertrag. Es gebe eine Deparationskom- mission und in ihr sei je ein Delegierter der Regierungen vertreten. Wenn sie sich nicht einigten, was geschehe dann? Dann müsse man nach dem Vertrag sich an die Botscha, terkvnferenz wenden, und wenn diese auch keine Einigung zustande bringe, mühte die Frage den Alliierten Aurüdgegeben werden. Da man sich also nicht aus die Entfernung verständigen könne, bestehe eben die Notwendigkeit, sich für eine Begegnung zu entsch iden. Das sei heute nicht anders. Zu seiner Zeit habe man diese Auseinandersetzungen Kow ferenzen genannt, heute nenne man sie Meinungsaustausch.
Schließlich weist Briand noch darauf hin, daß er von Lloyd George in dem Gedanken, wenn England und 'Frankreich vereint vor der gesamten Welt seien, der Krieg unmöglich werde, den Entwurf eines eng lisch-sranzösischen Paktes erhallen habe Darin sei gesagt, daß Englands Auftastung fei, es sei in seinem Interesse, diese Rheingrenze zu verteidigen. Als er abgegangen sei, habe er diese Papiere zurückgeben lassen.
Die amerikanische Besatzung am Rhein.
Paris, 6. Iuni. (WTB.) Nach einen Meldung der „Chicago Tribüne" aus Washington wird vom Kriegsdepartement die von dem Blatt schon gestern gemeldete Nachricht bestätigt, daß General Allan mit zwei Bataillonen der amerikanischen BesatzungStrupven am Rhein über den: 1. Iuli hinaus dort verbleiben werde.
Austausch der oberschlesischen Ratifikationsurkunden.
Oppeln, 3. Iuni. Im Laufe des heutigen Nachmittags wurden durch den Gesandten Dr. ©darbt und den Dizeminister Dr. S e y d a die Ratifikationsurkunden für das Genfer Abkommen vom 15. Mai 1922 über Oixr- schlesien sowie für die an demselben Tage in Genf getroffenen Deveinbarunaen über den Post- scheckverkehr und dem Verkehr an den Grenz- übergangsbaHnhöfen ausgetauscht. Im Anschluß hieran wurde von den Vertretern der deutschen und der polnischen Regierung unter dem Vorbehalt der Ratifizierung eine Erklärung unterzeichnet, die sich auf die weiter^ Geltung der deutschen Gesetze in dem polnisch werdenden Teile Oberschlesiens bezieht und einen wesentlichen Testandttil des vorerwähnten Ab- lommens über Oberschlesien bilden soll.
D e u t h e n. 3. Iuni. Die Wirkung des B e- lagerungszuslandes ist zufriedenstellend. Der Terror hat im allgemeinen nachgelassen. Ein neuer Anschlag totrb nur aus Bo- brek gemeldet, wo Banditen in das Direktions- Haus der Iulienhütte eindrangen. Die Bande wurde nach einem Feuergefscht vertrieben. Engländer sind noch in dex Nacht von Deuthen auS in die Landgemeinden- abgerückt und halten sie beseht. Aus Rybnik und Snnau wird Ruhe gemeldet.
Helft Oberschlesien!
(?i«r Aufruf des Reichspräsidenten.-^ Hilferufe ans dem bedrohten Gebiet.
Berlin, 3. Iuni. (Wolff.) Der Reichspräsident erläßt folgenden Aufruf:
Wie schmerzlich für uns auch die Trennung von unseren Brüdern und Schwestern im polnisch werdenden Oberschlesien ist, so erwächst uns doch in diesen Tagen die nächste Pflicht, mit der Aufbauarbeit in dem Teile Oberschlesiens zu beginnen, der jetzt mit dem deutschen Vaterlande wieder vereinigt werden soll. Bei dieser Arbeit will der Oberschlesische Hilfsbund ein wichtiges Werkzeug fein und will helfen, die Wunden jeglicher Art zu heilen, die in der Vergangenheit dem oberschlesischen Volke geschlagen ererben sind. Er will helfen, daß zukünftig unsere Brüder und Scharest erck an ihrer deutschen und oberschlesischen Art festhalten können.
Das deutsche Volk wird nie vergessen, daß die Oberfchlesier in diesen schicksalsschweren fahren standhaft und treu für ihre Heimat eingetreten sind. Der Oberschlesische Hilfs- bund braucht noch M i t Helfer,Freun de und Gönner. Hier ist Gelegenheit geboten, durch die Tat zu danken und zu helfen.
Berlin, 3. Iuni. (Wolff.) Der Oberschlesische berg- und hüttenmännische Verein in Sleiwitz, sowie der Arbeitgeberverband der oberschlesischen Montanindustrie haben an die Reichsve- gierung ein Telegramm gerichtet, wonach nachweislich die vor sechs Wochen bereits begonnenen Terrorakte gegen deuischgesinnte Beamte und Arbeiter auf dem polnisch werdenden Gebiet immer bedrohlicheren Charakter annehmen, weshalb die genannten Vereinigungen um verstärkten Schuh bitten. Auch bei den ma ß- gebenben Stellen wird die Lage immer noch als bedrohlich angesehen. Der deutsche Bevollmächtigte ist gestern erneut bei der Interalliierten Kommission vorstellig geworden. Gestern waren deutsche und polnische Gewerkschaftsführer in Op- I peln und die Interalliierte Kommission lehnte die Verhandlungen ab. Die Führer wand/en sich darnach an den deutschen Gesandten Eckard und


