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wie erwartet werden könne, auch Italien, seien bereit, die Frage der Reparationen und Kriegsschulden auf seiner Grundlage zu erör­tern, die für Frankreich anziehend sein dürfte. Wenn Großbritannien sich zu einer großzügi­gen Geste gegenüber Frankreich entschließen sollte, so werde dies ohne den Gedanken an eine gleiche Geste der Vereinigten Staaten geschehen.

Rußlands wirtschaftliche und finanzielle Lage.

Eine Denkschrift Rakowskis.

Genua, 5. Mai. (Speziasbericht des Ver­treters des WTB.) Lavoro melbet: Der russische Delegierte Rakowski hat dem Präsidenten der Finanzkommisston eine lange Denkschri f t über­reicht, in dec er die der Unterkommisfion für Kre­ditfragen über die wirtschaftliche und fi­nanzielle Lage Rußlands gegebene Dar­stellung ergänzt. Die Denkschrift verzeichnet vor allem die von der Sowjetregierung getroffenen Maßnahmen zur Hebung der landwirtschaftlichen Produktion, Unterdrückung der Requisition der Ernten, Pr. k.am erung der Handelsfreiheit, lieber» lassen von Parzellen an die Bauern auf sechs Iah re und Zulassung der Lohnarbeit. Die Maß- nahinen der Sowjetregierung hätten leider die ver­heerenden Wirkungen der Hungersnot nicht ver­hindern können. Die Sowjetrepublik habe einem schweren Problem gegenübergestanden, den Hunger zu bekämpfen und gleichzeitig das Saatgut für 1921/22 sicherzustellen.

Wie die Sowjetregierung versucht höbe, diese Schwierigkeiten noch Möglichkeit zu überwrndrn, ergebe sich aus den Zahlen Rakowskis in seiner Denkschrift. Im Vergleich zu der riesigen Auf- gäbe der Wi?derhenre lang der Landwirt­schaft in Rußland seien die Hilfsquellen des Landes unzureichend. Darars ergebe sich die Notwendigkeit, vom Ausland Kredite zu erhalten. Die unumgänglich notwendige Summe betrage 2 797 000 Gold rubel, die in einem Zeitraum von 3 bis 5 Jahren in der Landwirtschaft investiert werden müßten. Tie Hcruptreform, um zur Or­ganisation der S t a a t s i n du st r i e zu gelan­gen, bestehe in LerTezentralisatron. Hedes Werk oder Gruppe von Werken müsse heute selbst für den eigenen Betrieb Fürsorge tragen und eine eigene Bilanz haben. Tie Verantwortlich­keit für die Entwicklung der industriellen Werke falle somit auf diese WÄse auf die Verwaltungs­räte. Die Derwaltungsräte seien dadurch, daß der Staat nur in ganz bestimmten Fällen ein» greife, unabhängig gemacht worden von den Ar­beiterberufsorganisationen, deren Wirksamkeit sich auf die strenge Ileberwachung der Arbeitersch^h- gesetze beschränke. In den letzten vier Fahren seien 4534 Werst Eisenbahnen gebaut wor» den. Die Abteilung für Flußschiffahrt habe 1921 große Ausbaggerungsarbeiten aisgeführt, die Abteilung für Seeschiffahrt bedeutende Bauten in russischen Häfen. Schätz ^ngsweisr werde für die Wiederherstellung des Eisenbahn­transportwesens ein Betrag von 5 Milliarden Golürubel notwendig sein, wovon die Hälfte vom . Ausland geliefert werden müsse.

Die russische Regierung habe nach dem Frie» den mit Polen ihre ganze Bemühung darauf ge- eichtet, den Emissionen ein Ende zu bereiten und eine normale Bilanz zu schaffen. Zu diesem 1 Zweck habe sie neue direkte Steuern auf» ^-gestellt. Für die Durchführung des Finanz- shstems hoffe Rußland auf die Annahme der $ Wünsche, die von seiner Delegation auf der Genueser Konferenz vorgebracht worden seien. Die Frage der Garantien, die Rußland für die vom Ausland evtl, bewilligten Kredite bieten könne, seien in der Denkschrift nur summarisch dargestellt. Die Garantien beständen in den Staatseinnehmen, Zöllen, und dem Er­trägnis der Ausfuhr. (Die Ausfuhr ist in Rußland Monopol des Staates.) Schließlich sei eine ganze Anzahl von Garantien enthalten in den verschiedenen Konzessionen für die ^Land­wirtschaft, Industrie usw., die die russische Re­gierung den ausländischen Kapitalisten gewähren würde.

Um die russische Anleihe.

London, 5. Mai. (Wolff.) Unter der Ueberschrift:Weshalb nicht eine Anleihe für Rußland?" bringtDaily Chronicle" einen bemerkenswerten Artikel des über die britische Politik auf der Genueser Konferenz gut unterrichtetenStudent of Politic", in dem ber Verfasser zu dem Schluß kommt, es würde für die Genueser Konferenz am besten fein, wenn sie sich für sechs Monate vertagte. Diese Zeit könne dazu benutzt werden, um die öffent­liche Meinung für eine Anleihe für Rußland unter endgültigen Bedingungen vorzubereiten. Im einzelnen heißt es in dem Artikel: Die erwartete russische Antwort auf das Memo­randum der Alliierten werde wohl keine be­dingungslose Annahme fein, aber auch keine unbedingte Ablehnung. Sie werde wohl die Tür für weitere Erörterungen frei lassen. All­gemein werde man zugeben, daß, wenn man nur Rußland eine Anleihe anbieten könne, Rußland die gestellten Bedingungen anneh­men werde. Rach Ansicht des Verfassers ist es schade für England, daß es nicht frei war, Abmachungen über die russischen Schulden zu trefsen, ähnlich wie Deutschland. Es würde sich bezahlt machen, Rußland in finanzieller Hinsicht behilflich zu sein; denn was man Rußland leihe, sei nicht verloren, sondern werde letzten Endes in der Gestalt von Waren gegeben. Außerdem bilde die wachsende europäische Arbeitslosigkeit für das amerikanische Getreide eine große Gefahr und die Wiederherstellung der russischen Landwirt­schaft und des Handels mit Rußland sei die erste Rvtwendigkeit. Außerdem sei die Freund­schaft mit Rußland von großem politischen Wert für England, insbesondere im nahen Osten. Deutschland habe dies bereits einge­sehen und wer wisse, ob nicht auch Frankreich bald diesen Weg gehen werde.Student vf Politic" fragt, ob England, das als erstes Land mit Rußland Mitgefühl habe, allein da­stehen wolle, während andere vor England das ungeheure Werk in Angriff nehmen, das Rußland bedeutet. Wenn die russische Ant­wort weder eine glatte Annahme noch eine glatte Weigerung sein werde, so könne die ge° |

' samte Frage der englisch-russischen Beziehun­gen sich von neuem erheben. S>ie augenblick­liche Rote an Rußland müsse nicht als ein Ultimatum angesehen werden, und wenn eine Anleihe von beispielweise 20 Millionen Pfund Sterling zum Ankauf von Lebensmitteln und Saatkorn für die Hungerleidenden dazu führen könne, daß Rußland die gestellten Bedin­gungen annehme, so würden zahlreiche nicht- offizielle Engländer in Genua vollkommen be­reit fein, eine solche Anleihe als eine kluge Anleihe zu bezeichnen.

Italien und Rußland.

Genua, 5. Mai. (Sonderbericht des Vertreters des W. T. B.) Heute fand im Ho­tel de Genes eine Zusammenkunft zwischen Vertretern der italienisch-russischen Gesellschaft für wirtschaftliche Initiative und den Vertretern der russi­schen Delegation statt. Es kam dabei zu einer Aussprache über die Zwecke und Ziele der Ge­sellschaft, der Vertreter der italienischen In­dustrie und der italienischen Arbeiterschaft an­gehören. Krassin gab Auskunft auf eine Reihe von Fragen, die an ihn gerichtet wur­den. Er legte dar, wie sich die russische Regie­rung die allmähliche Aufnahme der Handels­beziehungen mit Italien denke und entwarf ein Programm der auswärtigen Politik der Sow- jetregierung.

Paris, 5. Mai. (WTD.) Der Sonderbe­richterstatter desJntransigeant" in Genua tele­graphiert, alles deute darauf hin, daß ein direk­tes Abkommen zwischen Rom und Mos­kau vor dem Abschluß stehe.

Einfuhrbeschränkungen und Sonderzölle.

Ein deutscher Antrag.

Genua, 5. Mai. (Wolff.) In der Sitzung der.Unterkommission des Wirtschaftsaus­schusses vom 4. Mai vormittags lag ein deut­scher Antrag zur Beseitigung der Antidumping- Maßnahmen den Beratungen zu Grunde: Gr lautet:

Die Einfuhrbeschränkungen und S v n d e r z ö l l e. die gegen ein Land wegen der Entroertung seiner Valuta eingeführt sind, Werden gegenstandslos, sobald die Schwankung in der Währung des belresfenden Landes sich längere Zeit wesentlich verringert, insbesondere keine We­sentliche Weitere Währungsverschlechterung ein» tritt. Fand innerhalb sechs Monaten kerne we­sentliche Verschlechterung der Währung eines Landes statt, so sind, wenn die allgemeine Meist­begünstigung ihm gegenüber nrch nicht besteht, die anläßlich der Währungsverschlechterung gegen dieses Land gerichteten Beschränkungen und Son­derzölle alsbald aufzuheben.

Den deutschen Antrag begründete Staatssekretär Hilf ch. Rach längerer Beratung schlug der holländische Vertreter, der sich grund­sätzlich für den deutschen Antrag aussprach, vor, die Formulierung der gegenseitigen Meinungen nur im Protokoll festzustellen, ohne in eine Ab- stimnamg einzutreten. Der holländische Antrag wurde angenommen und dementsprechend ver­fahren. Dann vertagte sich dir Kommisiivn auf heute vormittag.

Eine Vollsitzung des Wirtschaftsausschusses. Genua, 5. Mai. (Sonderbericht des Ver­treters des WTD.) Die dritte Kommission (W i r t s ch a f t s f r a g e n) ist heute nachmittag unter dem Vorsitz von Colrat zu einer Voll­sitzung zusammengetreten. Die Attikel 50, 51, 52 und 53 des Berichtes der Sachverständigen von London, die eine neue Fassung erhalten hatten, wurden geprüft und angenommen. Die genannten Artikel bchiehen sich auf verschiedene allgemeine wirtschaftliche Fragen, wie zum Beispiel die Zu­lassung von Waren und den Waren-Transitver» kehr. Die Kommission nahm ferner den Artikel 45, der die Rohstoffe betrifft, in neuer Fassung an und genehmigte eine wichtige Resolution über Han­delsverträge. Eine Anempfehlung, in der ver­schiedene Staaten ausgesordert werden, mit allen Mitteln die Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktion zu fördern, und eine andere Anemp­fehlung, in welcher der Völkerbund zum Zusam­menwirken mit dem internationalen Ackerbau» inflitut zwecks Beobachtung gewisser schon be­schlossener Vorkehrungen ausgesordert wird, wur­den hierauf genehmigt. Mit der Bewilligung des von dem Sachverständigenausschuß vorbereiteten Textes über Arbeiterfragen, der durch den Sach­verständigenausschuß vorbereitet und von der ersten llnterfommiffion abgeändert worden War, haben die Arbeiten der Kommission ihren Ab­schluß gesunden.

Die Vorbehalte gegen den Völkerbund.

Genua, 5. Mai. (WTB.) Die dritte Kommission für Wirtschafts -und Han­delsfragen hat in der heuttgen Nachmit­tagssitzung alle von der ersten Anterkvmmission vvrgelegten Beschlüsse angenommen. Einige Staaten wiederholten die Vorbe­halte, die sie schon in der Unterkommission machten. Von Bedeutung ist hierbei der Vor­behalt Deutschlands und Rußlands dagegen, daß der V ö l k e r b u n d mit gewissen Enqueten beauftragt werden soll. Zur Frage der Meistbegünsttgung wurde ausdrücklich fest- gestellt, daß die entsprechenden Beschlüsse der Kommissionen den weitergehenden Zu­sammenschlüssen, insbesondere denZollunionen, nicht vorgreifen sollen. Die Beschlüsse der Wirtschaftskommission werden nunmehr nächste Woche bei der Vollsitzung der Konferenz zur endgültigen Entschließung vorgelegt.

Aus dem Reiche.

Zusammentritt des Reichstags.

Berlin, 5. Mai. Das Plenum des Reichs­tags wird den Blättern zufolge Anfang oder Mitte nächster Woche zuiammentreten. Auf Wunsch der deutschen Delegation in Genua Werten sich jedoch die Beratungen auf einige fwlitisch neutrale Vorlagen, vielleicht den Eisenbahn- und den Postetat, beschränken. Keine der Fragen, die mit der Konferenz in Genua und Den Refiaratio­nell im Zusammenhang stehen, sollen in der Voll­sitzung angeschnitten Werben,

Arbeitsaufnahme in Berlin.

Berlin, 5. Mai. (Wolff.) Nach der Neuen Berliner Mittagszeitung" gelang es den Bemühungen der Gewerkschaftskommis- sivn, die überwiegende Mehrzahl der gestern in Streik getretenen städtischen Arbeiter heute morgen zur A u f n a h m e des D i e n st e s zu veranlassen. Die Straßenbahner sind heute früh vollkommen fahrplanmäßig ausgefahren. Auf den städtischen Gas- und Elektrizitäts- Werken wurde die Arbeit zwar ausgenommen, doch werden vornehmlich von den Elektrizitäts­werken zur Stunde noch einige Fehlmeldungen registriert.

Mitgliederversammlung des Deutschen Roten Kreuzes.

* Berlin, 5. Mai. In den Tagen vom 25. bis 28. April fand hier die Mitgliederver­sammlung des Deutschen Roten Kreuzes unter starker Beteiligung aus ganz Deutschland statt. Grundlegende Beschlüsse tarnen zustande in den Fragen der Iugendsürsorge (Fürsorge der Säuglinge, Schulkinder, Schulentlassene), der Studenten Hilfe, des SchWestern- Wesens und des KolonnenWesenS. Rach mehrtägiger, überaus fruchtbarer Deratungstätig- keit vereinigte die in der Neuen Aula der Uni- versität abgehaltene öffentliche Schlußsitzung die Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes, der Reichs- und Staatsbehörden und der Wissen­schaft. Nach der Begrüßungsansprache des Präsi­denten von W i n t e r f e I o t folgten die Berichte des Freiherrn von Roten Han über Flücht- lingsfür sorge, des Herrn O. I- Merkel über die Auslandshilfe sowie der Frau Adele Schreiber-Krieger über die Tätig­keit der AbteilungMutter und Kind". Frl. Dr. Alice Salomon sprach überGegenwarts­aufgaben der Frauen im Deutschen Roten Kreuz", RegierungSrat Grüneisen über die Deutsche Rotkreuz-Hilfsaktion in R u h l a n,&. Für die dem Deutschen Roten Kreuz seit kurzem angeschlossene Arbeitsgemeinschaft der sozial-hy­gienischen Reichsfachverbände gaben eine Reihe von Kapazitäten die Berichte, und zwar: Prof. Dr. Rott (»Fürsorge und Schuh für Säug­linge und Kleinttnder"), Generaloberarzt Dr. Helm (Tuberkulosefürsorge), Oberverwaltungsge­richtsrat W e h m a n n (Bekämpfung des Alkoho- lismus), Prof. Dr. R ö s ch m a n n (Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten), Prof. Dr. D i e s a l s k i (Krüppelfürsorge). Die außergewöhnlich ergeb­nisreiche Tagung und die W$it umfassenden Er­folge, über die berichtet werden konnte, beweisen, Welch ein großzügiger Geist das auf die Friedens­arbeit eingestellte Deutsche Rote Kreuz beseelt.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 6. Mai 1922.

Enthüllung der Buchheim-Gedenktafel.

Die Feier der Enthüllung der zu Ehren des bahnbrechenden Phaimakologen Rudolf Buch- Heim an seinem Wohn- und Sterbehause (Lud- Wigstrahe 12, im Besitze der Ortskrankenkasse) an- angebrachten Gedenktafel hat am Freitag, 5. Mai, um 12 Ubr vor dem genannten Hause stattge­funden. Außer dem Universltätsrettor Professor Dr. Roloff und dem Dekan der medizinischen Fa­kultät Gckheimrat Doström beteiligte sich an der Feier u. a. als Vertreter der Deu.t s ch e n pha r° makologischen Gesellschaft, der Direk­tor des Frankfurter Instituts, Univ.-Professor Dr. Ellinger, eine Reihe akademischer Lehrer und als Vertreter der Stadtverwaltung Bürgermeister Krenzien. In längerer.gedankenvoller Ansprache Würdigte Geheimrat Professor Geppert als Duchheims Nachfolger aus dem Gießener Lehr­stuhle der Pharmakologie die bahnbrechende Be­deutung, ldie Buchheim als dem eigentlichen Schöp­fer der Wissenschaft der experimentellen Pharma­kologie tn D utschland und Begründer eines natür­lichen Systems der Arzneimittel tzukommt. In fesselnder Weise schilderte er die großen Schwie­rigkeiten und Vorurteile, mit denen Buchheim bei diesem Neubau seiner Fachwissenschaft zu kämpfen hatte, zugleich auch die seltene Bescheiden­heit und vornehme Zurückhaltung und Anspruchs­losigkeit des Wesens des gefeierten Gelehrten, der jeder Hervorhebung der ihm zukommenden Verdienste abhold war. So kam es, daß seine her­vorragende Stellung in der Geschichte der Medizin und physiologischen Chemie allzulange außerhalb des engeren Kreises seiner Fachgenossen unbekannt geblieben ist. So wird mit der ihm jetzt erwiesenen Ehrung eine alte Dankes- und Ehrenschuld ein­gelöst. Als Vertreter der Familie dankte Dr. Rudolf Hering aus Neuyork, Buchheims Schwiegersohn, der mit seiner Gattin, Duchheims jüngster Tochter, aus weiter Ferne zur Feier er­schienen war, in warmen Worten für die dem Gedächtnis Buchheims bereitete Ehrung, um die sich die Deutsche pharmakologische Gesellschaft be­sondere Verdienste erworben habe, indem sie den größten Teil der für die Gedenktafel nötigen Mittel aufbrachte. Gleichfalls im Namen der Familie richtete Geheimrat H a u p t an die Stadt­verwaltung die Bitte, die Gedenktafel in ihre Obhut zu nehmen, worauf Bürgermeister Kren- z i e n es als eine Dankespslicht der Stadt Gießen erflärte, das durch die Gedenktafel gefestigte Ge­dächtnis des großen Gelehrten für alle Zeit in Ehren und lebendig zu erhalten. (Wir werden auf das Geben und Wirken Rudolf B u ch h e i m s noch ausführlich zurücklommen. Die Schrifiltg.)

** Amtliche Personal nachrichten. Am 1. Mai 1922 wurde der Förster der Forst- Wartet Alsfeld, Oberförsterei Eudorf, Förster Kon­rad Schmidt zu Altenburg, auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste vom 1. Iuli 1922 ab in den Ruhestand versetzt. Am 2. Mai 1922 wurde der Regie­rungsassessor Dr. Otto Andres zu Heppenheim mit Wirkung vom 15. Mai 1922 an zum Feldbe- relnigungskommissär zu Friedberg mit der Amts­bezeichnungRegierungSrat" ernannt.

< Folgenschwerer Unfall Ein Bein abgefahren wurde gestern abend ge­gen 91/2 Uhr einem Reichs Wehrsoldaten vom hie­sigen Truppenteil. Der Unfall ereignete sich im Westlichen Bahnhofsteit bet Posten 148. Der Ver­unglückte Wurde sofort der Klinik überwiesen und soll sich bereits auf dem Wege der Besserung befinden. Wie er selbst angibt, hat er sich au» einem Spaziergang befunden.

" Als einen großen vaterlän­dischen Abend kann man wohl mit Recht den gestrigen Abend bezeichnen, an dem der Ma -1

r In e Der e l n durch Kapitän Schmehk, einem geborenen Gießener, einen Lichtbilder Vor­trag halten ließ überDie lötnonatige Fahrt des Hilfskreuzers ^Wolf". Eine passende Einleitung blldete die Eröffnung durch den Marinemarsch und den Gesang des -SeemannsliedesAuf, Matrosen, die Anker ge­lichtet". Namens des Marinevereins begrüßte Rüdiger- Gießen die überaus zahlreiche Hörerschaft. Der Hauptredner des Abends würbe schon bei seinem Erscheinen lebhaft gefeiert. In seinem Vortrag, der mit echtem Seemannshumvr gewürzt War, schilderte er an Hand sehr schöner Lichtbilder Ausfahrt und Abenteuer seines Schif­fes. Nichts, was Krieg und Seenot für den See- mann mit sich brachte, blieb den Tapferen erspatt. Die Ausfahrt aus Kiel ging unter falschem Flamen unauffällig von statten; das Flugzeug 'Wölfchen, mehrere Kanonen, Torpedorohre und etwa 500 Minen wurden mitgenommen. Die..Ausgabe des Wolf" war es, die Häfen Indiens ifrtb Austra­liens mit Minen zu belegen. Nach schwerer Fahrt im nördlichen Ozean ging die Fahrt bis ins Eis­meer, dann von Grönland südwärts durch den At­lantischen Ozean bis zum Kap der guten Hoff­nung. Die ersten Minen wurden gelegt vor Kap­stadt und am Kap Agulhas, später vor Colombo und Bombay.Wölfchen" stieg wiederholt auf 3U Erkundigungsfahrten. Englische und andere feindliche Schiffe wurden gekapert und dann ver­senkt. Gin englisches Schiss Wurde als das Bremer SchiffGutenfels" erkannt, ein Schwesterschiff des Wolf".Gutenfels" wurde alsIllis" aus­gerüstet und ebenfalls zum Minenlegen abgesandt. Vor Melborn und Sydney auf Australien Wurden mit großem Erfolg Minen gelegt, die australischen und englischen Zeitungen wimmelten von Schrek- kensnachrichten. An der Sonntagsinsel würbe ge­rastet in einem stillen Hasen.Wölfchen" frag ein englisches Schiff mit Wertvoller Ladung, die auf demWolf" verstaut Wurde. Durch Funkspruch erfuhr die Besatzung, daß Graf Luckner, derSee­teufel", gefangen Worden War, und die Engländer jubelten, daß sie den gefährlichen German un­schädlich gemacht hatten. Sie hielten sein Schiff für denWolf". Aber bald setzte dieser feine Tä­tigkeit fort. Die Fahrt gtng an Borneo, ZelebrS, Iava vorbei; die Kohlen Wurden knapp, deshalb Wurde bei Durban ein spanischer Kohlendampser angeholt und Kohlen genommen. Inzwischen waren alle Menschenrassen als Gefangene an Bord gekommen, so daß das Schiff 700 Mann beherbergte. Zur Zeit der zweiten Weihnachts-- feier trat der Skorbut ziemlich heftig auf, da es in frischen Gemüsen und Brot fehlte. Die Minen waren sämtlich gelegt, und so wandte man sich der Heimat au. An der Küste Brasiliens Wartete man vergeblich auf feindliche Schisse. An Island und Norwegen vorbei gelangteWolf" unbehelligt durch Slagarrat und Sind nach der Heimat, wo man das Schiff längst für verschollen hielt. Um so herzlicher und begeisterter war der Empfang nach der ISmonatigen Irrfahrt tn allen Meeren der Erde. Der Redner schloß mit einem $off- nungsblick in die Zukunft, die deutsche Schiffahrt fei wieder im Aufblühen begriffen und deutsche Arbeit, deutscher Fleiß, deutsche Intelligenz werde das Vaterland wieder durch die trübe Gegenwart zu Ehren und Ansehen bringen. Lang anhaltender' Beifall lohnte den Redner.

** Ein Achtzigjähriger. Eine in web' ten Kreisen Der hiesigen Bevölkerung, besonders aber in Turnerkreisen, bekannte Persönlichkeit be­geht am morgigen Sonntag ihren 80. Geburtstag. Es ist dies Oberpostassistent i. R. Peter Mang 0 lf. Wer den alten Herrn kennt, wird erstaunt sein über die körperliche Rüstigkeit und die geistige Frische, die das Geburtstagskind noch besitzt und die zum größten Teil wohl auf die langjährige Pflege der Leibesübungen zurückzu­führen sind. Möge Herrn Margolf auch ferner­hin ein recht schöner Lebensabend beschieden sein.

** Silberne Hochzeit feiern am Montag, 8. Mai, Schuhmachermeister Hein­rich Müller und Frau Amalie geb. Lang. Wolkengasse 23; gleichzeitig begeht Herr Mül­ler sein 25jähriges Geschäftsjubi­läum.

" Nicht iden11sch. Herr Karl R e e h aus Krofdorf bittet uns, daraus hinzuweisen, daß er mit dem In unserem Schoffengerichtsbericht vom 27. April genannten Buchbinder nicht identisch ist.

Vornotizen.

Tageskalender für Samstag. Stadttheater, 7 llbr:Oidivus". Hotel Groß­herzog, 8 ilfjr: Degrüßungsabend der Deutschen Volkspartei. Lichtspielhaus. Dahnßosstraße, heute und morgen:Des Lebens und der Liebe Wellen" undDer Herr Impresario".

Tageskalender für Sonntag: Stadttheater, 3/2 Uhr:Oidipus". Turnhalle (Oswaldsgarten), 8V4 Uhr: Oesfentliche Versamm­lung der Deutschen Volkspartei.

Oberhessischer Kun ft verein. Die Karlsruher Künstlerbund-Ausstellung ist nur noch morgen (Sonntag) von 11 bis 1 Uhr ge­öffnet. Don Montag an bleibt die Ausstellung Wegen vollständigen Wechsels der Gemälde ge­schlossen. Schon jetzt dürfte von Interesse sein zu erfahren, daß die nächste Ausstellung wieder viel­seitige Kunstwerke namhafter Künstler aufzuweisen hat.

Der Parteitag der Deutschen Volkspartei begimit heute mit einer Sitzung des Landesauöschusses. Am Abend Werden die Gießener Parteifreunde zur Begrüßung der aus­wärtigen Gäste ein gemütliches Beisammensein imGroßherzog" veranstalten, zu dem Mitglieder und Freunde der Pattei eingeladen sind. Morgen (Sonntag) vormittag beginnen dann um 11 Uhr die Beratungen: den Abschluß bildet am Abend die öffentliche Versammlung, in der Finanzminister a. D. Becker und Landtagsabg. Dr. Osann sprechen.

Wettervoraussage

für Sonntag:

Heiter, trocken, Nachtfrostgefahr.

Heber Nords ran krttch ind Süddeutschland liegt ein Hochdruckgebiet, das uns Anfheltrrnng und gutes Wetter bringt.

Landkreis Gießen.

i Allend 0 rf a. d. Lda., 4. Mal. Gestern abend hielt im Auftrage der L i g a z u m S ch u tz e der deutschen Kultur Dr. Falkenberg (Gießen) einen Lichtbildervortrag überD i e Fr c m d e n l e g i 0 n". Der Redner zeigte in Wort und Bild, welch unmenschliche Strapazen von dem Legionär verlangt werden, und welch grausamer Behandlung er ausgesetzt ist. Dabei besteht die Fremdenlegion heute aus annähernd