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Nr. 55 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen) Montag, 6. März 1922

Das Federal Reserve Board über die Genua-Konferenz.

lF. P. S.) Bei der noch immer ausstehenden amtlichen Aeußerung der (Bereinigten Staaten zur Frage der Teilnahme an der Konferenz in Genua ist es von um so gröberer Bedeu­tung, aus die Qleuberungen des Federal Reserve Board hinzuweisen, das in feiner Monatsüber­sicht den speziell amerikanischen, will hier sagen: wirtschaftlichen Standpunkt hervorkehrt.

Das Board erblickt in der Konferenz eine Folgeerscheinung der zunehmend bedenklicher wer­denden wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa: ihm gelten das russische und das deutsche Problem tatsächlich als in die gegenwärtige Wirtschaftslage unvermeidlich hineingehörende Faktoren.Sie Heranziehung von Rußland ist ertitö Gegenstand der Diskussionen unter dem O-.stchtLPunkt, daß seine Teilnahme eine An­erkennung der gegenwärtigen russischen Regierung ober «ine Zustimmung zu ihrer Politik seitens der anderen teilnehmenden Regierungen implizieren würde. Diese Fragen sind in einem weiteren Sinne viel mehr politischer als wirtschaftlicher Qlatur. Den gleichen Standpunkt nimmt man ein hinsichtlich des Vorschlags, dah auf der Genua- Konferenz die Frage der deutschen Reparationen nicht berührt werden solle: während der letzten Monate ist die Ueberzeugung immer positiver geworden, dah die Reparationsfrage bei jeder Besprechung, die auf eine allgemeine Losung der europäischen Schwierigkeiten hinaus will, ein nahezu unvermeidlicher Programmpunkt ist."

Dann wendet sich der Bericht des Board den einzelnen in Genua zu erledigenden Fragen zu, vornehmlich dem Plan einer Wiedereinführung des Gold-Standard oder sonstigen Projekten zur Stabilisierung der Währungen:Die Diskussionen in Genua werden sich in nicht geringem Mähe um die Wiederaufrichtung der Goldbasis oder an ihrer Statt um die Aufstellung eines Planes für die Stabilisierung der Währungen drehen. Ueber die Mittel und Wege dazu bestehen aller­hand Meinungsverschiedenheiten, wie auch über die Schwierigkeiten, die einer Wiederkehr des Goldstandard in Europa im Wege stehen. Doch bci-rscht eine erfreuliche Liebereinstimmung in den Ansichten führender Wirtschaftler, Finanziers und Staatsmänner, dah jede Gesundung des Kredits und Währungsshstems die Rückkehr zu einer Gold­basis in irgendwelcher Art bedingt. Es liegt aber aus der Hand, dah jedem Versuch, eine Gold­basis wieder einzuführen, die Losung mancher verwickelter Probleme vorangehen muh.

Das sind die Probleme, die verbunden sind mit den Reparationszahlungen, mit der inneren und äußeren Schuld und auch mit der Politik der einzelnen Staaten, insoweit sie Hohe und Verwendung ihrer Ausgaben bestimmt. Die hier involvierten Fragen bedingen weitgehende inter­nationale Regelungen, die aller Wahrscheinlich­keit nach Gegenstand langwieriger Verhandlungen werden dürsten. Ein Eingreifen von außen in das Recht, Geld zu vereinnahmen und auszu­geben, wird mit Recht als Eingriff in die Sou­veränität des betreffenden Staates betrachtet und kann nur in äußersten Fällen als gerechtfertigt erscheinen. Andererseits aber wird ein einfaches Ultimatum an insolvente Staaten des Inhalts, daß sie ihren Verpflichtungen nachkommen und ihre Budgets audbalanderen müssen, noch keine Losung der internationalen Schwierigkeiten mit sich bringen.

Eine Untersuchung der jetzt in Europa herr­schenden Inflation wirft die Frage auf, ob nicht ein sog Gold-Stan dard zur Einführung gelangen sollte, wobei offen zugegeben wird, daß die gegenwärtige Anhäufung von Gold in den Vereinigten Staaten eine ernste Gefahr bedeutet. Die Vereinigten Staaten haben ein Interesse an der Einführung eines Goldstandard als Mittel Aur Wiederaufnahme der Handelsbeziehungen auf Dem Wege einer gründlichen Stabilisierung der Währungen. Ueberdies stellt zur Zeit die anor­male Goldkonzentration in den Vereinigten Staa­ten eine Gefahrenquelle dar, weil sie in Fragen der Kreditpolitik einen falschen Anhalt gibt und "icht mehr den Indenx für eine gesunde Kredit- erpansion nach außen hin darstellt. Daher genügen rein vom nationalen Interesse aus angestellte Erwägungen bereits, um Vorschläge in sorgfäl-

Die Pforte öes Paradieses.

Roman von Ingeborg Vollquartz. Serecbtigtt Ueberfebung au« bem Dänischen.

3. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Mutter unb Sohn waren inzwischen ins Wohnzimmer getreten, und als Mogens sah daß sich seine Mutter in den Lehnstuhl beim Ofen setzte, dachte er, er müsse die Gelegenheit be­nutzen und das Gespräch weiterführen.

Meinst du denn, Vater lasse sich durchaus nicht Überreben ? fragte. er, und seine Stimme klang ganz niedergeschlagen.

Lieber Mogens, du weißt recht gut, Vater hat nichts als seine Pension, feine Landwehr- kompagme und "bie paar Stunbcn am Karsus. Mit dem wenigen, bas ich mit Musikunterricht verbiene, sinb bas alles in allem dreitausend- fünfhundert Kronen. Tu weißt, wie knapp das ist, lieber Mogens, und wenn du Offizier werden wolltest, so müßtest du nach deiner Prüfung in den Kursus, unb das können wir nicht bezahlen. Schlag dir einstweilen alle Gedanken aus bem Kopf unb bestehe einmal erst deine Prüfung."

Und dann soll ich mein ganzes Leben lang auf einem Kontorstuhl sitzen!"

Mogens!"

Verzeih mir, Mutter ich weiß wohl, es ist eine Schande, wenn ich mich beklage aber warum ist Vater aiuß immer so verstimmt."

Meinst du, das Leben sei für ihn fo be­sonders luftig ?

ist es für niemand von uns, Mutter. Ich habe noch nie darüber gesprochen, aber du kannst mir glauben, ich habe mich schon oft darüber gewundert, warum er immer fo schweigsam unb verstimmt ist unb einem auch gar nichts erlaubt. Wenn ich einen kleinen jun­gen mit seinem Vater spazieren gehen sehe unb sehe, wie der Vater mit seinem Jungen spielt dann denke ich, wie sonderbar es ist, baß Vater niemals so mit mir spazieren gegangen ist, vom Spielen gar nicht zu reden."

Mogens hast du beinen Vater als Spiel­kameraden vermißt, als du ein kleiner Junge warst?"

tige Erwägung zu ziehen, bie auf eine Wieder­verteilung der Goldbestände der Welt hinaus­kommen und aüf eine Rückkehr des in den Ver­einigten Staaten befindlichen Goldes zu ander­weitiger Verwendung. Es sollten jedoch keinerlei Vorschläge verwirklicht werden, bis nicht weit­gehende Garantien für eine Steuerreform von Denjenigen Ländern gegeben worden sind, bie Hilfe benötigen. Andernfalls könnte eine Unter­stützung nur schädlich wirken, insofern als sie zu einer Verschiebung der notwendigen Steuerrefor­men führen würde, die für eine Gefundunng der Währungssysteme und eine Wiederaufrichtung stabiler AuStaufchbeziehungen zwischen den ein­zelnen Ländern Voraussetzung sind."

Deutscher Reichstag.

180. Sitzung, nachmittags 1 Uhr.

Berlin, den 4. März.

Rach debatteloser Erledigung Fleiner Vor­lagen durch Ausschußüberweisung wird bie zweite Beratung des

Wiederaufbauetals fortgesetzt.

Staatssekretär Tr. Müller bezeichnet bie Pressemelbungen über eine geplante Auflösung des Ministeriums als aus ber Luft gegriffen. Ter komplizierte Apparat könne nicht ohne wei­teres einem anberen Ministerium angeglicbert werden. Auch der Streichung von 78 Stellen habe das Ministerium nur mit schwerem Herzrn zugestimmt. Es bringe den geschädigten Aus­lands- unb KolonialdeUschen bas größte Wohl­wollen entgegen unb bebaaere nur, baß es nicht alle berechtigten Wünsche erfüllen könne. Ter Abbau der Kolonialverwaltung werde nicht ver­zögert, obwohl wir unverrückbar an ber Hoffnung fest hielten, daß wir wieder Kolonien erhalten würben. Ter Rebner bedauert, baß es nicht möglich war, mit Frank­reich über den Wiederaufbau der zerstörten Ge­biete zu einem Einvernehmen zu gelangen. Aber alle unsere Anreg ungen feien bei der französischen Regierung unbeachtet geblieben. (Hört, hört!) Unser Angebot auf Lie­ferung von 20 000 Holzhäusern hätte schließlich nur zur Annahme von 76 Probehäusern ge­führt. Auf unserer Seite wäre immer Bereit­willigkeit über Bereitwilligkeit, auf der franzö­sischen Seite nur Ablehnung. Tie französischen Sozialisten feien für die Beschäftigung deutscher Arbeiter am Wiederaufbau, bas französische Unternehmertum sei aber dagegen. Trotz aller Abweisungen werde die deutsche Regierung fort­fahren, Material-, Sach- unb Arbeitsleistungen zum Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen.

Abg. Dr. Haas (Dem.): Mit bem Verstäub- nis unb dem guten Willen für bie Rot ber Aus­ländsdeutschen ist es nicht allein getan. Man muß ihnen vor allem ausreichend und schnell helfen. Der Gedanke der unverzinslichen Schuld­verschreibungen darf in dem neuen Zahlungs­plan nicht wieder erscheinen. Auch Valutaschuldner dürfen nicht ungleichmäßig behandelt werden. Speziell darf die Regierung die nicht im Stiche lassen, die während des Krieges im Ausland Kredite ausgenommen haben, um die deutsche Mark zu schonen unb bie jetzt die Schuld in fremder Währung zurückzahlen sollen.

Abg. Dr. Fleischer (Zentr.) verlangt schleunigst Besetzung des Ministeriums mit einem Minister und regt an, das Ministerium umzu- benennen als Ministerium zur Durchführung der wirtschaftlichen Bestimmungen des Friedensver­trages. Dann würde seine Rotwendigkeit in den weitesten Kreisen eingesehen werden. Eine bessere Zusammenarbeit mit bem Reichsfinanzministerium ist erforderlich Rach Deutschland zurückkehrende Ausländsdeutsche müßten baldigst einem Beruf zugeführt werden und die geschädigten Dvmänen- pächter des Ostens rasch die ihnen zugesagte Ent­schädigung erhalten.

2lbg. Ernst (USP.) glaubt, im Wieder­aufbauministerium Sabotageumtriebe von kapi­talistischer Seite feststellen zu können.

Abg. Beermann (Bahr. Dpt.) fordert schnellste Hilfe für die Geschädigten, da bei dem Sinken des Geldwertes die Leute um fo schlechter fortkämen, je später sie herankämen.

Abg. Lavarenz (D.-R.) schildert die allem Völkerrecht Hohn sprechenden augenblicklichenVer-

hältnisse in den geraubten Kolonien, nennt das Mandatssystem unfähig und unwürdig und er­klärt, daß für seine Partei die Kolonien Ger­mania Srrebenta seien.

2lbg. Fröhlich (Komm.) protestiert gegen den neuen Sachlieiecungsvertrag, der nur den Interessen des Großkapitalismus diene.

Der Etat des Wicderausbauministeriams wird sodann genehmigt und eine Entschließung an­genommen, in der eine Denkschrift über die Um­gestaltung des Ministeriums gefordert wird.

Es entspinnt sich sodann über den Vorschlag des Präsidenten Lobe, die nächste Sitzung erst Donnerstag, den 9. März abzuhalten, um den Ausschüssen und namentlich dem StcuerauSschuß Zeit zum Abschluß ihrer (Beratungen zu geben, um dann am Donnerstag das Dranniwcinmonvpol zu behandeln, eine längere

Geschäftsordnungödebatte.

Redner der Rechten widersprechen der Tages- orbnung, weil die Ausschußberatung bis Don­nerstag noch nicht abgeschlossen sein könne, die Kommunisten aus bem Grunde, weil man bei den Steuervorlagen nicht mit indirekten Steuern den Anfang machen solle.

Reichskanzler Wirth greift in die De­batte ein und erkennt an. daß die Ausschüsse sach­lich und fleißig gearbeitet haben, betont aber, daß eine rasche Erledigung der großen Steuer­fragen jetzt nach der monatelangen Vorberatung auch aus außenpolitischen Gründen als eine (Not­wendigkeit anzüsehen fei. Ucber das StcuerEom- prvmiß müsse endlich die Entscheidung fallen. Wollen wir in der Welt ernst genommen werden, müssen wir schleunigst zur Entscheidung gelangen.

Der Vorschlag des Präsidenten wird sodany angenommen.

Die nächste Sitzung findet am kommenden Donnerstag 2 Uhr statt.

Schluß gegen 6 Uhr.

Aus Stabt unb ßanb.

Gießen, den 6. März 1922.

** Prüfungskommission zur Ab­nahme von Meisterprüfungen. Das Ministerium für Arbeit unb Wirtschaft macht be­kannt, baß in die Prüfungskommission zur Ab­nahme von Meisterprüfungen (für den Bereich der Provinz Oberhessen mit dem Sitz in Gießen) folgende Herren für die Dauer von drei Jahren berufen worden sind: Vorsitzender: Dipl.-Ing. R. Bünnings, Gießen. Stellver­tretender Vorsitzender: Georg B e ck e r. Bauunter­nehmer, Gießen. Stänbige Beisitzer: Georg Hau- b a. Schreinermeister, Adolf Bourgeois, Du chb indermeister, August Haggenmüller, Schriftführer. Gießen. Weitere Beisitzer: (Wohn­ort Gießen, falls kein anderer nachstehend ange­geben ist) Bäckergewerbe, August Deibel. Adolf Deichert. Bandagisten- und Messerschmiede- getoerbe: Alwin IngHard. Bildhauergewerbe: Martin S ch m a l l, Max (Berte. Buchbinder­gewerbe : Adolf Bourgeois, Paul Richter. Duchdruckergewerbe: Josef We inert, Wilhelm Ritschkowski. Dachdeckergewerbe: Heinrich Ruckstuhl, Philipp Kröck. Dentistengewerbe: Oskar Graf. Drehergewerbe: Karl Schwan, Franz Stenzel, Friedberg. Elektroinstalla­tionsgewerbe: Rudolf Rüdiger, Friedberg, Konrad Dreher, Ingenieur. Friseurgewerbe: Emil Koch, Erich S t u h e n st e i n. Glaserge- werbe: Balch. Bi er au, Bernhard Wolf. Gvldarbeitergewerbe: Karl Roll, Karl

S ch m i d t. ©rafcurgeirerbe. Ioh. Kohler. Dürstenmachergewerbc: Heinrich Kuhl. Gerber­gewerbe: Wilhelm Plank. Hutmachergewerbe: Rudolf Richter. Gas- und Wasser-Installa- tionsgewerbe: Georg Appel, Georg Dahmer, Rud. Rodiger. Konditorgewerbe: Hch. Bett­ler. Kürschnergewerbe: Gg. Schultheis. Küfergewerbe: Wilhelm Kohlermann, Phi­lipp Sommerkorn. Kupferschmiedegewerbe: Eduard Trautmann, Hch. Runge. Lithv- graphengewerbe: Wichelm Herr. Maschinen- schlossergewerbe: I. Derber, Ernst mann. (2Hau lergctperbe: Martin Abermann, Karl Weh rum. Mechaniker- und Optikergewerbe: Wilhelm Schmidt VIL Emil Schmidt. Mes- serschmicdegewerbe: Wilhelm Georg. Metzger­gewerbe: Hch. Simon, Adolf Möhl. Photo-

Rein, Mutter, das habe ich nicht: da hatte ich dich."

Und jetzt?"

Jetzt hast du die ewigen Musikstanden." Die sind aber doch notwendig, Mogens." Ich sage ja auch nichts dagegen, Mutter, aber du mußt doch zageben, daß es ärgerlich ist, wenn man einen Vater hat, mit dem man nie ein Wort reden kann, nur darum, weil ihm das ganze Leben verleidet ist."

Lieber Mogens, du wirst eines Tages schon noch einsehen, daß Vater nichts dafür kann, daß er so ist, wie er ist, und dann wirst du ihn milder beurteilen. Er leidet selber, mehr als du ahnst, unter feinem Trübsinn."

Und du, Mutter, du?"

'Ueber meine Laune ist nicht zu klagen, lieber Junge," erwiderte Frau Borris mit etwas erzwungener Fröhlichkeit.

Du bist so schrecklich gut, Mutter."

Schrecklich und gut, rief eine kecke Mädchen­stimme an der Tür.Kann man auch zwei ent­gegengesetzte Dinge auf einmal fein?"

Es war Ellen, des Hauses jüngstes Kind, und eben fünfzehn Jahre alt. Jetzt kam sie ins Zimmer herein und stellte sich herausfordernd vor den Bruder hin.

Habe ich nicht recht mit dem, was ich sage, Mutter?" fuhr sie fort und drehte den Kopf nach der Mutter um.(Kenn man schrecklich ist, kann man doch nicht zugleich ,gut sein und umgekehrt nicht wahr?"

Mutter ist dennoch alles beides sag was du willst," sagte Mogens kurz angebunden.

Reize deinen Bruder nicht immer, Ellen," ermahnte die Mutter.

Was kann ich dafür, daß ich so ein un­gewöhnlich feines Ohr für gute Sprache habe?" entgegnete Ellen.Meine Lehrerin sagt auch, sie glaube, ich werde eine Schriftstellerin wer­den. Meine Sprache sei sehr reich, sagt sie."

Und dein Gesicht fei sehr sommersprossig, sagt sie das nicht auch?" warf Mogens spitzig ein.

Was gehen dich meine Sommersprosten an," fuhr Ellen heftig auf.Uebriaens bekommen nir Leute mit sehr feiner -SSaut Sommersprossen daß du es weißt."

Es ist mir sehr unlieb, daß dir deine Lehrerin Fliegen in den Kopf setzt," sagte Frau Borris mißbilligend.Wie kannst du dir gleich ein­bilden, du werdest Schriftstellerin werden, weil du vielleicht einen etwas besseren Aufsatz schreibst, als deine Mitschülerinnen."

Meine Sprache ist sehr eigenartig, sagt sie. Wenn die andern zum Beispiel schreiben: ,Es war ein hübsches Mädchen mit hübschen Augen und hübschen Haaren, und sie hatte ein sehr hüb­sches Kleid an,1 dann schreibe ich: ,Es war em hübsches junges Mädchen mit schonen Augen. Sie hatte prachtvolle Haare, und ihr Kleid war ent­zückend.' Meine Lehrerin sagt das übrigens nicht allein, Base Malwine sagt es auch ich habe ihr einige von meinen kleinen Sttzzen vorgelesen."

Was versteht denn die davon!" schnaubte Mogens.

Und sie sagt auch, das stehe für mich in den Karten. Aber das weiß man ja längst, daß niemand in der eigenen Familie etwas gilt unter diesem Martyrium leiden alle werdenden Künstler."

Weihende Künstler!" wiederholte Mogens und lachte laut und herzlich.

Jetzt wird mir bald angst um dich, liebe Ellen," sagte Frau Borris und suchte ein Lächeln zu unterdrücken.Ta eine Künstlerin von wem wolltest du denn die (Begabung geerbt haben?"

Ra, man braucht doch nicht jede (Begabung von jemand geerbt zu haben," sagte Ellen zögernd. Außerdem weißt du, was ich schon oft ge­macht habe, Mutter?"

Was denn, liebes Kind?"

Din ich wirklich eure Tochter, deine und Vaters?"

Ob du unsre Tochter bist?" Frau Borris saß da. wie vom Himmel gefallen, während Mo­gens balb erstickt vor Lachen den Kopf ver­drehte und sich auf den Schenkel schl ig.Wessen Tochter solltest du denn sonst sein?"

darüber habe ich noch nicht weiter nach­gedacht," kam es ungeduldig aas dem Mmd der einbildüngsreichen jungen Tarne.Ich konnte ja zum Dnspiel die Tochter eines sehr vornehmen Vaters ober einer vornehmen Mutter sein es konnte ja irgendetwas Geheimnisvolles mit meiner

graphengewerbe Ludwig Uhl Polsterer- und Tapeziergewerbe Job. K l i n f c r f u ß, Adolf Boll. Putzmacheiinnengewerbe: Frau Minna Bock. SatUergc'.ixrbc Friedrich Groß, Ludwig (Bölling, Groß-Felda Schlossergewerbe: Karl K r a i l i n g. Hermann Leyerzaps, Georg £)t- t e t b c i n, Laulcabach Schmiedegewerbe: Heinr Decker. Hermann Bender, Hungen. Schnei- dergcwcrbe: Iaiob Schreiner, Robert S ch i ch. Dam.nschneidergewerbe: Frau Marie Wick- Wundeilich, Fräulein Anna Vogt. Schornstein- fegergewerbe: Job. Rik. Kolb. Mainz. Jod. Karl Wolf. Mainz. Schreinergewerbe: Friedrich Lenz. Hch. Schwarz, Tübingen Schuhmache r- gemerbe: Karl Berg jr.. Ehr. MagnuS. Sei­lergewerbe: Wilhelm R e b h u t h. Steinmetz» gewerbe: A. Leonhardt, Grünberg. Stempel» feßergemerbe: Joses Ä reu ter. Uhrmacherge- werbe: Otto Schmidt. Hch. Marr. Wagner- gewerbe: Otto Faber. Hch. Spieß. Hch M ü b- I i ch. Weißbinder-, Maler- und Lackierergewerbe: Ehristoph Schmidt II., Kar! Leib. Weißzeug­näherinnengewerbe: Frieda Kellner, Relly Schmidt. Zimmerergewerbe: Gg. S ch u b e ck e r. Karl Rohm, Wieseck.

" Einführung von Schülerferien­karten an Studierende. Die Eisenbahn- Verwaltung beabsichtigt, den zur Benutzung von Schülermonatskarten berechtigten Studierenden zur Erleichterung der Fahrten zwischen Studien­ort und Wohnort der Eltern oder Erzieher bei Beginn und Schluß des Semesters sogenannte Schülerferienkarten zu verabfolgen. Um die Stu­dierenden noch vor der allgemeinen Regelung der geplanten Tarifmaßnahme schon zu den kurz bevorstehenden akademischen Ferien in den Genuß dieser Vergünstigung zu sehen, ist genehmigt worden, daß von den Fahrkartenausgaben Schü- lerferienfarten in Gestalt von einfachen Fahr­karten 3. und 4. Klasse zum halben Fahrpreis (sogenannte Kindersahrkarlen) bei dem bevor­stehenden Semesterschluß an die Studierenden gegen eine besondere Bescheinigung der Uni­versitäten oder Hochschulen verabfolgt werden. Für die Benutzung der Schülerferienkarten kom­men in Frage: die ordentlichen ©tubierenben der Universitäten, technischen Hochschulen, Bergaka­demien, Forstakademien, landwirtschaftlichen und tierärztlichen Hochschulen, Akademien der bilden­den Künste und Musikhochschulen, ferner die ordentlichen Studierenden der staatlichen, städti­schen und der staatlich genehmigten Hochschulen. Die Reise vom Studienort zum Wohnort ber Eltern oder Erzieher kann 3 Tage vor bis 3 Tage nach Semesterschluß ausgeführt werden. Bei De- Nutzung von Schnellzügen ist ber volle tarif­mäßige Zuschlag zu zahlen. Der Ucbergang in eine höhere Wagenklasse ist ausgeschlosfen.

Landkreis Gießen.

s. Rödgen, 4. März. Recht eigenartig wenn man will auch recht schön feierten unsere Mädchen diebiesjährtge Faft- n a ch t. In blauen, roten und grünen Rocken und goldverbrämten Miedern, und ebenso bunten Kopfbedeckungen belebten sie, zum Teil mit offe­nem Haar, die Torfstraßen. Das farbenpräch tige Bild fa-nd allgemeinen (Beifall unb hat hof­fentlich für immer bie geschmacklosen Verkleidun­gen aus früheren Jahren verttieben.

s. T r o h e, 4. März. Landwirt Wilhelm Hahn unb seine Ehefrau Elise, geb. Decker, feierten gestern ihre Silberhochzeit. In vielen Häusern unseres Dörfchens macht sich Wasser in den Kellern bemerkbar. Es ist dies das beste Zeichen dafür, daß genü­gend Feuchtigkeit im Erdboden ist.

Kreis Büdingen.

bs. G l a u b z a h l, Kr. (Bübingen, 2. März. Heute fanb in ber Staats- Forstwartei bie erste Holzversteigerung statt. Es waren etwa 1500 (Bieter erschienen, teilweise waren sie aus ber mittleren Wetterau gekommen, um ihren Debarf an Brennholz in bem Harbwalb zu decken. Es wurden sehr hohe Preise erzielt. Sv kosteten vier Raummeter buchenenes Scheitholz 2300 Mk., zwei Raummeter buchene Stöcke 600 Mk. In ent­sprechenden Preislagen hielten sich bie übrigen Brennholz arten.

Starkenburg und Rheinhessen.

rm. Darmstadt, 3. März. Ueber D e - stechungsversuche bei dem hiesigen

Geburt sein derartiges hat man doch schon gehört und ihr könntet mich für eine ungeheure Summe an Kindes Statt angenommen haben."

Sieb doch, Mutter, Ellen ist nicht so dumm, wie sie aussieht," lachte Mogens wieder.Sie sieht es wenigstens ein, daß uns, wenn sie nicht deine und Vaters eigene Tochter ist, eine un­geheuere Summe bezahlt werden mußte, damit wir sie an Kindes Statt annehmen."

O du Muttersöhnchen, du mußt doch 'immer spotten- Ich habe wirklich zuweilen das Ge­fühl, als ob ich nicht hierher Ins Haus gehörte als ob ich ein fremder, verirrter Vogel wäre."

Tas bist du aber durchaus nicht, hebe Ellen," sagte Frau Borris lächelnd.Ich muß dir leider den reizvollen und zauberischen Schleier, in den du dich gerne hüllen möchtest, abreißen, kleine Mignon du bist wirklich unb wahrhaftig nur Vaters und meine Tochter."

Ich habe das durchaus nicht gesagt, am mich wichtig zu machen es war nur meine Ver­mutung and so etwas ist bodj. schon mehr vorgekommen nicht wahr und bie Be- treffenben sind ja immer die letzten, die etwas davon erfahren."

So. nun haben wir keine Zeit mehr. Tämmer- stündchen zu feiern, erklärte Frau Borris and stand auf.Orla kann jeden Augenblick kommen, es hat acht Uhr geschlagen. Liebe Ellen, sieh ein­mal nach, ob Ohne da ist und sag ihr, sie soll den Teetisch decken. Sie ist Tn der letzten Zeit merl- würdig vergeßlich geworden."

Gehorsam stand Ellen auf und ging in die Küche hinaus, kam aber sofort wieder zurück mit einem großen mageren Mädchen, das ein merl- würdig welkes Gesicht hatte. Sie hatte eine Jacke an unb ein keckes Hütchen mit einer knallroten Feder gerade über der etirne auf dem Kopf.

Mogens hatte inzwischen Licht angesteckt, und Frau Borris wandte sich erstaunt z i dem Mäd­chen um.

Jawohl, ich habe Brötchen geholt," sing' Oline an.Aber ich wollte gerne fragen, ob ich nicht heute abend meinen einen Ausgangstag von der nächsten Woche haben könnte?"

Aber Sie sind doch erst gestern ausgegan­gen, Oline," wandte Frau Borris geduldig ein

(Fortsetzung folgt)