Ersparnisse, die auf den Todesfall oder auf mindestens 20 Jahre, fest angelegt werden, bei höheren Beträgen einen höheren Zinssatz als den üblichen SpareinlegungSzinSfuß gewährt.
** Oberhessischer Kun st verein. Die am Sonntag eröffnete Wanderausstellung der hessischen Arbeitsgemeinschaft für bildende Kunst, die Malerei, Graphik, Plastik und Kleinkunst aufweist, hatte in der ersten Woche schon einen regen Besuch aufzuweisen. Es fei hier darauf hingewiesen, daß noch einige Ge- mälde neu hinzugekommen sind. Kommende Woche findet eine teilweise Aenderung in der Ausstellung statt. Geöffnet täglich, mit Ausnahme von Samstags, von 11—1 Ähr.
** Die Elsaß-Lothringische Woche wird morgen, Sonntag, vormittag UV, AH)r pünktlich, durch Prof. Laqueur in der Neuen Aula in festlicher Weise eröffnet. Fräulein Cläre Türk wirtz.einen einleitenden Prolog sprechen.
Vornotizen.
— Tageskalender für SamStag. Philosophenwald, 8 Ahr: Stiftungsfest des Zentralverbandes der Angestellten. — Os- waldsgarten, 8 Ahr: Zirkus Barnum und Bailey. — Astoria-Lichtspiele, heute und morgen: „Seepiraten" und „Rosen im Herbst". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, heute und morgen: „Der Graf von Monte Christo", vierter Teil: „Die Rache".
— Tageskalender für Sonntag. Stadttheater, 31/, Ahr: „Verliebte Leutes l Ahr: „Der Biberpelz". — OSwaldSgarten, 31/, und 8 Ahr: Zirkus Barnum und Bailey.
. — Der Zirkus Henny bittet uns, mitzuteilen, daß am Sonntag zwei Vorstellungen stattfinden. um 31/2 Ahr und 8 Ahr. In beiden Vorstellungen gelangt das ungekürzte Programm zur Vorführung. Kinder unter 12 Jahren zahlen nachmittags halbe Preise. Auch der Landbevölkerung ist es somit ermöglicht, die Vorstellungen des Zirkus zu besuchen. Die Raubtierschau ist täglich ununterbrochen geöffnet. Täglich finden von 10—12 Ahr große Proben statt. Eintrittskarten zu den Nachmittagsvorstellungen sind nur an den Zirluskassen zu haben.
— Holzhauerversammlungen finden morgen m Hungen, Grünberg und Gießen statt. (Siehe Anzeige.)
Wettervoraussage
für Sonntag:
Wolkig, leichter Regen, später aufheiternd« kühl, Nachtfrostgefahr.
Die Depression, die gestern von Frankreich her über unser Gebiet gezogen ist und uns reichlichen Regen gebracht hat, zieht ostwärts weiter. Sie wird morgen noch unsere Witterung beeinflussen.
Landkreis Gießen.
s. Aus dem Buseckertal, 3.Nov. Dem eifrigen Bemühen der Hessischen Handelskammer und dem Entgegenkommen des E senbahnverkehrs- amtes ist es zu verdanken, daß vom 30. Oktober ab ein Zug auf der Strecke Gießen — Fulda eingelegt ist, der gegen 1 Ahr Fulda verläßt und um 41/? Ahr nachm. in Gießen eintrifft. Leider scheint diese Vvn so vielen begehrte Zugverbindung noch nicht genügend bekannt zu sein. Die Gisen- bahnbehörde läßt zur Zeit die Fahrgäste dieses Zuges zählen, und wir dürfen nur dann für die Zukunft auf seine Beibehaltung rechnen, wenn er besser als seither benutzt wird.
Kreis Alsfeld.
* Alsfeld, 3. Nov. Der Streit um den Homberg-Wald, der seit vielen Jahren zwischen unserer Stadt und dein Staate im Gange war, hat jetzt seine Erledigung gefunden. Heute
hört und legte in dieser Absicht der österreichischen Regierung diesen Gesetzentwurf vor. Es sollen der österreichischen Regierung nun im ganzen 120 Millionen Goldkronen zur Verfügung gestellt werden, von denen 50 Millionen iin Inlande und 80 Millionen im Auslande aufgebracht werden sollen. Hierzu hat die Delegation ihr Versprechen gegeben, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um der österreichischen Regierung die Plazierung dieser 80 Millionen zu erleichtern. Nach dem Projekt des Völkerbundes soll dann die gesamte Anleihe aus dem ersten Teil der anfangs 1923 flüssig zu machenden langfristigen Kredite zurück» gezahlt werden.
Der Präsident und die Mitglieder der Delegation des Völkerbundes hebcn die große Bedeutung des Parlamentsbeschlusses hervor, wonach von nun an die österreichische Regierung nicht mehr genötigt sein werde, neue Banknoten auszugeben. Dieses glückliche Ergebnis werde innerhalb einer kurzen Frist erzielt werden, sobald nämlich die nötigen amtlichen Verfügungen getroffen und die Kapitalien eingezahlt werden. Wie die Völkerbundsdelegation erklärt, stellt dieser Beschluß e r st den Beginn eine r normalen Periode in der Finanzverfassung des österreichischen Staates dar, beweise aber gleichzeitig den ernsten Willen der Regierung und des Parlaments, das schwierige Werk der finanzielle^ Wiederaufrichtung durchzuführen.
Wirtschaftsverhandlungen mit der Tschechoslowakei.
Prag, 3. Nov. (Wolfs.) Das Tschechoslowakische Pressebureau meldet: Die tschechoslowakisch-deutschen Wirtschafts- Verhandlungen in Dresden, welch? am 30. Oktober begannen, schritt«' rasch vorwärts und hatten bisher für beide Teile einen befriedigenden Verlauf. Es wurde die Frage der Währungsverhältnisse der deutschm privaten Versicherungsgesellschaften, die Geschäfte in der tschechoslowa- tischen Republik betreib m. eingehend durchbe- raten und beiderseits in dieser Angelegenheit Anträge ^gestellt, welch- der Gegenstand endgültiger Verhandlungen wahrsch.inlich End.- dieser Woche sein werden. Gestern wurde in der Frage der Einführung von Hopfen, Malz und Gerste aus der Tschechoslowakei nach Deutschland im Prinzip ein Einvernehmen erzielt. Die Verhandlungen deutsch? 11 cil>$ wurden von Ministerialdirektor von Stockhammern und Geheimrat Dr. Markwald geführt. Die Bcrattlng wird voraussichtlich Anfang nächster Woche geschlossen.
Die türkische Versassungsfrage.
P a r i S. 3. Nov. (WTB.) Nach einer Ha- t>asmeldung aus Konstantinopel lautet das In der Nationalversammlung am 1. November angenommene Gesetz über die Regierungsgewalt wie folgt:
Art. 1: Da das türkische Volk in seinem Grundgesetz seine souveränen Rechte einer unanfechtbaren, unveräußerlichen und unteilbaren juristischen Person übertragen hat, hat die Große Nationalversammlung beschlossen, keinerlei Gewalt oder Regierung anzuerken- nen, die sich nicht auf den nationalen Willen stützt. Sie erkennt infolgedessen im Rahmen des nationalen Duktes keine andere Regierungsform an als die Große Nationalversammlung und betrachtet die nicht aufdie .VolkSsouveränitat gestützte Re- lgter ung von Konstantinopel vom J16. März 1920 ab als geschichtlicheBer- gangenheit. Art. 2: Der Kalif wird un- '' ter den berufen st enMitgliederndeS Hauses Osman ausgesucht und gewählt werden. Der türkische Staat wird die Spitze des Kalifats sein. Die Große Nationalversammlung von Angora wird den neuen Kalifen wählen.
, PariS, 3. Nov. (Wolff.) Havas. P 0 i n- c a r 6 hat folgendes vvn FeridPascha unterzeichnetes Schreiben erhalten:
Ew. Exzellenz! Och erhielt von meiner Regierung den Auftrag, zur Kenntnis der Regierung der französischen Republik zu bringen, daß in Gemäßheit des Gesetzes vom 17, Juni 1920 die große türkische Nationalversammlung alle Verträge, Rechte und Abkommen. die seit dem 16. März 1920 mit der Verwaltung von Konstantinopel geschlossen wurden, ebenso wie sämtliche Handlungen dieser Verwaltung als null und nichtig betrachtet. On Durchführung des gleichest Gesetzes versteht es sich, daß die Ergebnisse von Unter- Handlungen, die durch die gleiche Verwaltung mit Finanzunternehmungen ange- knüpft würden, um Vorteile zu erlangen, die türkische Regierung in keiner Hinsicht verpflichten.
Die Memelfrage.
Warschau, 4. Nov. (WTB.) Der Pariser Berichterstatter der „Gazetta War- scawSla" berichtet, daß in der Memel- frage Polen und Memel für die Bildung eines Freistaates elntreten, Litauen dagegen die Einverleibung verlange.
Eine unabhängige philippinische Republik?
Manila, 3. Nov. (WTB.) Der philippinische Senat hat einstimmig eine Entschließung angenommen, in der der Kongreß der Vereinigten Staaten ersucht wird, zu gestatten, daß eine konstituierende Versammlung der Philippinnen einberufen werde, die über die Bildung einer unabhängigen philippinischen Republik zu beschließen und die Beziehungen der neuen Republik zur amerikanischen Regierung festzustellen hätte.
Die Wahlen in Amerika.
Paris, 3. Nov. (Wolff.) Nach einer Blättermeldung aus Washington sind die W a h l e n zur Erneuerung des dritten Teiles vom Repräsentantenhaus und Senat auf den 7. November festgesetzt worden.
Die Arbeitszeit in Holland.
Amsterdam, 3. Nov. (Wolff.) Wie „Het Doll" meldet, hat der Ministerrot beschlossen die Arbeitszeit für Post-, Telegraph-n- nnb Telephon-Angestellten um eine halbe Stunde zu varlängern.
Aus vem Reichs.
Verfügungen des StaatsgerlchtshofS.
Leipzig, 3. Nov. (WTB.) Der Staat s- g e r i ch t s h 0 s hat die Verfügung über die Auflösung d-s Ofllziervereins des Infanterie-Regiments Nr. 133 in Dresden aufgehoben. Ebenso wurde das Verbot eine# Festes des Vereins für landwirtschaftliche Berufsausbildung in Neuenhagen in der Mark aufgehoben.
Berlin, 4. Nov. On der Verwaltungsbeschwerdesache gegen das Verbot der schaumburg-lippeschen Landesregierung, den Film FredericuS Rex vorzuführen, hat der S t a a t s g e r i ch t 6 h 0 f zum Schutze der Republik laut „Lokalanzeiger" beschlossen, das Verbot der schaumburg- lippeschen Landesregierung betreffend die Vorführung des FilmS FredericuS Rex auf* zuheben.
Aus Hessen.
Au« dem Finanzausschuß.
rm. Darmstadt, 3. Nov. Der Finanzausschuß des Landtages nahm zu Beginn der heutigen Beratungen eine Vorlage an, durch die ür einen Kraftwagen für das Landes-PhilsPP- -ospital in Goddelau der Betrag von 2100000 Ola. genehmigt wird. Dann finden die Regierungsvorlagen betr. die Rechenschaftsberichte über dte Landeskreditkasse und die Staatsschuldenverwaltung für das Jahr 1918 Bewilligung. Die noch rückständigen Vorlagen über die Teuerungs- Zuschläge für die Beamten fanden Erledigung und zugleich wurde die Regierung ermächtigt, allen hessischen Beamten, die vis jetzt vom Reich be- willi^^n Sitze in aleicher Weise raschestens zur Auszahlung za bringen
u-in . ^..g.-re AU4,prache verursacht der Antrag der Abgg. Herbert, Knoll und Genossen, wonach die Verlegung der Oberpostdirektion beabsichtigt war. Die Absicht ist nicht zur Ausführung gekommen, doch schließt dies nicht aus, daß sie doch noch besteht, und die Regierung wurde ersucht, hiergegen energische Schritte zu untcrnchnwn. Der Antrag der Abgg. Birnbaum unb G.enossen betreffend die weibliche Fortbildungsschule wird für erledigt erllärt. Bei Beratung des Antrages Kiel und Schaub wird be- sch'ofsrn, die Tagegelder der Abgeordneten in folgender Weise festzusehen: Für auswärtige Abgeordnete 600 Mk., älebernachtungs- aebühren 6£>0 Mk., für hiesige Abgeordnete 400 Mark. Bei Besprechung dieser Frage wird angeregt, daß die Regierung bei den Regierungen anderer Länder mit ähnlichen Verhältnissen die nötigen Feststellungen machen läßt, um eventuell Vergleiche ziehen zu können. Von einer Seite wird die Gewährung ^iner Pauschale angeregt. Es wird ein Ausschuß, bestehend aus Öen Avgeord- neten Brauer, Dingeldeß und Delp bestimmt, der sich mit der Frage befassen und demnächst geeignete Vorschläge machen soll. Die Anträge der Abgeordneten Kiel und Schaub betr. die Aufhebung der Bewährungsfrist bei dem Austritt aus der Landeskirche, sowie Befreiung von der Kirchensteuer werden der Regierung als Material überwiesen. Der Antrag der Abgg. Rink und Gen. betr. die Aufhebung der Fahrrad- st e u e r wird zurückgestellt, bis zur Beratung der In Aufsicht stehenden Vor age über die Aendelung des älrlundenstempelgeseyes. Das gleiche Schicksal erfährt der Antrag des Abg. Lang in gleicher Frage. Die Vorstellung des Verbandes der Ruhebeamten und Hinterbliebenen im besetzten Gebiet wird durch die Regierungsantwort für erledigt erllärt. Der Antrag des Abg. Kaul betr. die Ausführung des Gesetzentwurfs über dieDienstaltersgrenzewird angenommen und damit eineAnzahlVorstellungen älterer Lehrer betr. ihre zu frühe Ruhestandsver- sehung für erledigt erklärt. — Nächste Sitzung Dienstag.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 4. November 1922.
Papierpreis und Zeitungsbezngspreis.
Die deutschen Zeitungen sind am Donnerstag von einer überaus schlimmen Nachricht überrascht worden. Die erfuhren an diefrm Tage endlich, was sie im Monat November für das Zeitungsdruck Papier za bezahlen haben. 1 62 0 000 Mark soll der Dvppelwaggon kosten, oder rund 600 0C0 Mark m e h r, alö man in der zweiten Oktoberhälfte bei deir Beratungen über die Neufestsetzung der Bezugspreise angenommen hatte. 162 Mark werden demnach für das Kilo Papier zu zahlen sein, das 810fache des Preises vom Sammer 1914! Diese wenigen Ziffern reden eine gewaltige, eindrucksvolle Sprache über die Not der Presse, ihrer Wucht wird sich kein Einsichtiger entziehen können.
Der „Gieße ne'r Anzeiger", der im Zähre 1914 monatlich 75 Pf. kostete, müßte nach denr neuen Papierpreis eigentlich 810 mal 75 Pf. gleich 607.50 Mark pro Monat verlangen, wenn er mit der Papierverteucrung Schritt halten wollte, zumal doch auch alle übrigen Herstellungskosten in außerordentlichem Maße gestiegen sind. Sein Bezugspreis ist bisher nicht in vollem Ausmaße den Kosten der Rohmaterialien und der Höhe der Personallosten angepaßt worden, und es ist auch nicht beabsichtigt, die neue, überraschend gekommene ungeheuerliche Preissteigerung für das Druckpapier nachträglich noch auf die Bezieher unseres Blattes zu wälzen.
Der für November feftgefehte Bezugspreis von 200 Mark einschl. Trägerlohn soll trotz der stark verschärften Angunst der ZeltungSwirtschaftsverhältnisfe beibehalten werden.
Diesen Entschluß bat unser Verlag gefaßt im Vertrauen darauf, daß die Leserschaft die außergewöhnliche Bescheidenheit bei der Bemessung des Bezugspreises durch treuen, ununterbrochenen Bezug deS „Gießener Anzeigers" anerkennen wird. Wie maßvoll die Preisentwicklung unseres Blattes im Verhältnis zu anderen Gegenständen vorgeschritten ist, mögen einige Beispiele zeigen. Gin Pfund Butter kostete vor dem Kriege in der Stadt genau so viel wie der „Gießener Anzeiger", nämlich 75 Pf.: heute kostet die Butter in den Geschäften 800 Mark, unser Blatt aber nur 200 Mark. D-rs Ei kostete vor dem Kriege 5 Pf., heute 50 Mark. Für ein Pfund Erbsen bezahlte man im Sommer 1914 nur 20 Pf., heute muß es mit 130 Mark bezahlt wer' ?<-n. Die Margarine stand vor dem Kriegs mit ■ 10 Pf. pro Pfund /um Verkauf, jetzt kostet sie ' 600 Mark, Rindersett vor dem Kriege 40 Pf., jetzt
<00 Mark pro Pfund, Mettwurst vor dem Kriege 80 Pf. bis 1 Marl, jetzt 800 Mark pro Pfund. Mit diesen Beispielen soll aber nicht etwa ein Vorwurf gegen die Produzenten bzw. Verkäufer der genannten Waren verbunden fern; deren Kalkulation der Preise mag sachlich durchaus stand- halten. Es soll an diesen Beispielen nur gezeigt werden, daß der „Gießener Anzeiger" im Verhältnis zu anderen Waren bei der Aufwärtsentwicklung der Preise immer mehr ins Hintertreffen geraten ist, ja, daß er bewußt nicht allzu sehr verteuert wurde, selbst aus Kosten des Geschäftsgewinns, um ihn den breitesten Schichten d e r Be vch l k e r u n g bezugssähig zu erhalten.
Die täglich zunehmende Not der Presse hat in steigendem Maße auch in unserem Heimatgebiete dankenswertes Verständnis gefunden. Wir haben Beweise dieses Verständnisses für den schweren Wirtschaftükamps der Presse erhalten. Zahlreiche langjährige Bezieher, die noch in der jüngsten Zeit unserem Blatte den Rücken gekehrt hatten, sind in den Kreis unserer Lefergemeinde zuriickgekehrt, da sie sich von der Bescheidenheit unserer Preisbemessung überzeugt haben. Möchte diese dankenswerte Einsicht noch weiter um sich grellen und namentlich dije maßvolle Forderung für den November, die trotz der überraschenden, ungeheuerlichen Verteuerung des wichtigsten Rohprodukts unverändert gelassen wurde, bewirken, daß srch zu den bisherigen treuen Beziehern unseres Blattes immer noch mehr Freunde wieder hinzufinden!
Die Notstandshilfe von Industrie, Banken, Handel, Gewerbe und
Landwirtschaft.
Die Notstandsyilfe der Gießener Geschäftswelt schreitet rüstig vorwärts und zeigt täglich, welch große Opferbereitschaft die meisten der Geschäftsleute unserer Stadt beseelt. Die Landwirtschaft hatte sich bekanntlich ebenfalls dem edlen Werke angeschlossen. Der Reformbund der Gutshöfe und der Hessische Bauernbund liefern erhebliche Mengen Kartoffeln unentgeltlich für Kleinrentner und verschämte Arme. Erfreulicherweise hat der Aufruf, den bedrängten Volksgenossen in unserer Stadt zu helfen, auch einen lebhaften Widerhall bei der Künstler schäft un- seresStadttheaters gefunden, die sich, wie schon gemeldet, im Verein mit dem Deutschen Musikerverband, Ortsgruppe Gießen, durch Veranstaltung künstlerischer bunter Abende im Stadttheater unter Mitwirkung eines 50 bis 60 Mann starken Orchesters an dem Werke beteiligen will.
Wochenmarktbericht.
Die Preise auf dem heutigen Wochen- markt bewegten sich wie folgt: Wirsing Pfund 7—8 Ml., Weißkraut 7—8 Mk., Rotkraut 10 Mk., älnterkohlrabi 3—4 Mk., Endivien Stück 2—3 Mk., Wrnterkohl 8 Mk., Rote Rüben 3—4 Mk., Aepfel 7-8 Mk., Gelbe Rüben 5—6Mk., Dirnen 5-7Mk., Oberkohlrabi Stück 1.50—2.00 Mk., Butter 600 bis 700 Mk., Eier Stück 30 Mk.
** Sn den Ruhestand verseht wurde am 26. Oktober der Senatspräsident am Overlandesgericht Geheimerat Dr. Wilhelm Keller in Darmstadt auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. November 1922 an unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten mehr als fünfzigjährigen vorzüglichen Dienste.
** Wieder ein Fahrraddiebstahl. Gestern mittag gegen 121/* ühr wurde aus dem Hofe der Gewerbebank, Ostanlage 35 dahier, ein für kurze Zeit aufgestelltes Fahrrad, Marke „Claeö", im Werte von 20 000 Mark gestohlen. Vor Ankauf wird gewarnt.
** Steuerfreie Sparanlagen. Der Artikel unter dieser Überschrift in unserer Ausgabe vom 27. Oktober hat in unserem Leserkreise starkes Interesse ausgelöst. Zur Ergänzung der dortigen Ausführungen sei heute noch mitgeteilt, daß auch die hiesige Sparkasse auf solche steuerfreien
©ie&ener Stadltheater.
Der Biberpelz.
Eine Diebskomödie in 4 Akten» vvn Gerhart Hauptmann.
G i e h e n, 4- 'Nov. 1922.
Man kann es nur begrüßen, daß die Tbeater- leitung zu Ehren des 60. Geburtstages Ger- hart Hauptmanns (15. Nov.) in diesem Monat ein Werk des Dichters auf den Spielplan setzte. Mögen die Ansich n Über Gerhart Hauptmanns Bedeutung im Rahmen der deutschen.Gesamtliteratur auch noch so sehr auseinandergehen,
• erste Platz unter dm Dramatikern der Gegenwart ist ihm nicht streitig zu machen. Die Wahl des „B i b e r p e lz" zu dem erwähnten Zwecke ist auf jeden Fall geeignet, den Freundeskreis des Dichters au erweitern. Selbst eine mittelmäßige Aufführung wird dieser Diebskomödie trotz ihrer dramatischen Schwächen einen ansehnlichen Erfolg sichern. Die ununterbrochene Reihe der komischen Situationen und der Reichtum an lebenswahren Gestalten lassen leicht bariiber hin- wegsehen, daß dem Stück die dramatische Rundung fehlt, daß keine Handlung zu einem Abschluß kommt. Der Dichter selbst ist sich dieses Mangels bewußt geworden und hat dem Werke in dem Roten Hahn" später eine Fortsetzung gegeben. Mer diese kurze Episode von dem gestohlenen Dibe pelz, dessen Diebe durch die Beschränktheit des Beamten nicht entdeckt werden, obwohl sie immer gr'ifbar nahe sind, ist so voll gesunden Humors, daß man ihr unbedenklich den Rang einer der köstlichsten Komödien überhaupt zu- erkennen muß. Den Reiz vollster Aktualität besitzt sie zwar heute nicht mehr. Der Umsturz der innerpolitischen Verhältillsse hat die Karikierung des preußischen Beamtentums nach dieser Richtung bin in das Gebiet der Geschichte verwiesen. Als Typus des pflichttreuen Preußisch-deutschen Beamtentums konnte der engköpsige und größenwahnsinnige Amtsvorsteher v. Wehrhahn ja auch früher nicht gelten. Nur das läßt sich sagen, daß solche Gestalten wohl einst eher denkbar waren als heute, wo an ihre Stelle andei'e. nicht minder seltsame und zur «Satire herausfordernde Erscheinungen getreten sind. Die Figur der Mutter Wolfs ist dagegen von unvergänglicher Lebenskraft. Das Gleiche läßt sich auch von den übrigen
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 6100, Frankfurt a. M. 6050.
Personen sagen, die ausnahmslos überaus fein charakterisiert sind.
So stellt das Werk jedem einzelnen der Darsteller große und dankbare Aufgaben. Daß sie bei der gestrigen Aufführung in hohem Maße befriedigend gelöst wurden, sei von vornherein fest° gestelll. Oskar Feigels Spielleitung ist volle Anerkennung zu zollen. Nur hätte der Einheitlichkeit des Idioms, das durch den Ort_ der Handlung doch einigermaßen fest gelegt ist, größere Aufmerksamkeit gewidmet werden können. Die stilechte Inszenierung des ersten und dritten Aktes verdient besondere Erwähnung. Der Künstler ist für die Rolle des Wehrhahn schon äußerlich hervorragend befähigt, diesen 'Sureaufraten in seiner anmaßenden Schneidigkeit zu verkörpern. Manchmal erlag er allerdings auch der sehr lockendem Versuchung zur Siebertreibung, doch ist die Leistung im ganzen als vollwertig anzusprechen. Den Choleriker Krüger gab Adolf Telekh mit größter Lebendigkeit. Mart in Jakobs Maske als Di. Fleischer war recht glücklich gewählt. De» Schleicher und Denunziant Motes (Georg He- ding) blieb etwas farblos. Den höchsten künstlerischen Genuß des Abends vermittelte unbestreit- bar R 0 s e R u b n e r als Frau Wolff. Nicht ein« Augenblick hätte man sagen können, daß diese Frcu in ihrem derben und zielsicheren Realismus un* echt wirke. In allen Situationen meisterte sie ihn Rolle mit unübertrefflicher Sicherheit. Au cs Heinz D e ch st e i n zeigte als Julius Wollf di» richtige Auffassung von dem Charakter des tölpel haften Schiffers. Der drelste Backfisch Adelheil war bei Cläre Türk in den besten Händen Elsa Engel erschien dagegen in Sprache um Gebärde nicht immer natürlich. Bei dem Fisch« Wulkow (Karl Volck) ist das prächtig ge lungene Mienenspiel im vierten Akt besonders her vorzuheben. Zwer überaus köstliche Ttzpen erbllckt, man tn dem Amtsschrciber Glaselvopp (Pau M e h n e r t) und tn dem duseligen Amtsdien« Mitteldorf (Richard Hellborn). Mit be kleinen Rolle der Frau Motes fand ftch Luisi Schubert-Jüngling gut ab.
Dfe Aufführung erntete starken und ehrliche» Detsall. Sie verdient es, stets ausverkaufte Häasv zu finden was gestern abend leider nicht der war. tr.


