llr. <5$ Zweites B-att Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vbertzeffen)
Dienstag, 4. IM 1922
Das deutsch - polnische Abkommen über Obeeschlesien vom 15. Mai 1922.
Dsrr Ctaci5]ifn!!tfc Z. D. Dr. Lew auo.
Der Entwurf des Friedensvertrags, der tin Frühjahr 1919 Deutschland zugestellt wurde, sah vor, daß. ebenso wie Posen und die größten Teile Westpreußens, auch ganz Ober- tchleslen der neu gebildeten Republik Polen ,'ufallen solle. Dem Widerspruch der deutschen Friedensdelegation gelang es, dies Anheil insoweit abzuwenden, daß der endgültige Friedensvertrag in Artikel 88 bestimmte, in einem näher abgegrenzten Gebiet Oberschlesiens soll-? eine Volksabstimmung darüber stattfin- den. ob die Einwohner mit Deutschland oder Polen vereinigt zu werden wünschten. 2m Februar 1920 übernahm eine interalliierte Kommission die Regierungsgewalt in dem Abstimmungsgebiet und leitete alsdann im Frühjahr 1921 die Abstimmung, die zu mehr als 60 v. H. zu Gunsten Deutschlands ausfiel, während in den Städten die deutschen Majoritäten b i s a u f 9 5 v. H. sich beliefen. Während Deutschland mit Recht erwarten durfte, daß nunmehr die Gefahr, Oberschlesien zu verlieren. abgewendet sei, gingen die alliierten Hauptmächte an eine Teilung des Gebiets heran. Die Anmöglichkeit, sich zu einigen, s öhrte zu dem Ausweg, den Völker- Vundsratzu ersuchen, seinerseits die Grenzlinie feilzusetzen, wobei sich die Hauptmächte verpflichteten, die Enrpfehlung des Völkerbundrats anzunehmen. Ohne Anhörung Deutschlands, ohne deutschen Sachverständigen Gelegenheit zu geben, ihre, in zahlreichen Eingaben und Denkschriften begründeten Gesichtspunkte zu entwickeln, faßte der Völkerbundsrat einen Beschluß, der den weitaus wertvollsten Teil des oberschlesischen Gebiets, einschließlich der rein deutschen Städte Kattowitz und Köntgshütte, Larnowitz und Üublinitz, Polen zuschlug. Der Völkerbundsrat erkannte selbst, daß eine Zuteilung dieses gewaltigen, mit dem deutschen Wirtschaftsleben durch raufend Bande auf das engste verbundenen Industriegebiets an Polen, ohne besondere Vorkehrungen eine Operation darstellen würde, bei der der Patient sicher zugrunde ginge, und bei der das Schoßkind des Völkerbundes, Polen, nicht imstande sein würde, das ungeheuere Geschenk, das ihm gemacht wurde, wirtschaftlicher Weise auszunutzen. Er empfahl daher, daß für die Dauer von 15 Jahren das Ab st immun g sge biet, obschon staatsrechtlich zwischen Deutschland und Polen aufgeteilt, in mancher Beziehung noch als eine Einheit zu behandeln ser, und daß Vorkehrungen getroffen würden, die eS nach seiner Auffassung ermöglichen sollten, das wirtschaftliche Leben, rotz der durch Habgier und Willkür bestimm - ien Grenzlinie, fortzusetzen. Die. Alliierten übernahmen die Empfehlung des Völkerbundrats in vollem Amfcmg und richteten unter oem 20. Oktober 1921 an Deutschland die Rote, die in ihrem ersten Teil die Grenzlinie sestsetzte, im zweiten Teile Deutschland und Polen verpflichtete, mit äußerster Beschleunigung ein Abkommen zu treffen, das die Fortführung des Wirtschaftslebens und den Schutz der Minderheiten verbürgen sollte. Diese in Deutschland gewöhnlich als das Genfer Diktat bezeichnete Rote bildet die Grundlage für das am 15. Mai 1 9 2 2 in Genf abgeschlossene deutsch-polnische Abkommen über Oberschlesien, das in erschöpfender Weise die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Polen zugefallenen Teil Oberschlesiens und dem bei Deutschland verbliebenen regelt, und den Schutz der deutschen Minderheiten in Polnisch-Oberschlesien, der polnischen Minderheiten in Deutsch-Ober
schlesien unter feste Rechtsgrundsätze stellt. Die deutsche und bie polnische Delegation tagte unter dem Vorsitz des vom VölkerbundSrar hierzu bestimmten früheren Präsidenten der Schweizer Eidgeno'senschaft. Dr. Felix Colo n d e r. dem eS in erster Linie zu danken ist, daß die Forderung Deutschlands, den Haupt- teil der Verhandlungen in Oberschlesien selbst abzuhalten und dadurch in täglicher engster Fühlung mit den Rächstbeteiligten zu bleiben, verwirklicht wurde. Rach zweimonatigen, überaus mühevollen und anstrengenden Verhandlungen, die teils in Beruhen, teils in Kattowitz, Hindenburg und Oppeln stattfanden, nahm der Abschluß des großen Vertragswerts, der bestimmungsgemäß in Genf, am Sitz des Völkerbundes. erfolgen sollte, noch volle drei Monate in Anspruch, während deren die deutschen und die polnischen Anterhändler, wirkungsvoll und fast immer objektiv durch die leitenden 'Beamten des Generalsekretariats des Völkerbunds unterstützt, die Bestimmungen über die Minderheiten und über die zur Durchführung des Abkommens vorgesehenen internationalen Instanzen vereinbarten, und dem Vertrag, der französisch abgefaßt werden muhte, seine endgültige Fassung gaben.
Der Vertrag zerfällt in sechs Teile: die allgemeinen Bestimmungen, Staatsangehörigkeit und Wohnsitz. Schuh der Minderheiten, soziale Angelegenheiten, wirtschaftliche Angelegenheiten, Organisation und Befugnisse der Gemischten Kommission und des Schiedsgerichts für Oberschlesien. 606 Artikel, von denen manche bis zu 10 Paragraphen enthalten, dazu ein Schluhprotokoll mit 25 einzelnen Punkten zeugen von der Schwierigkeit der Aufgabe und dem Bemühen, durch klare, einwandfreie Bestimmungen die rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Fortbestand des oberschlesischen Wirtschafslebens zu schaffen.
Betrachten wir das Abkommen int einzelnen, so sieht es in seinem Teil 1 vor, daß in Polnisch- Oberschlesien die jetzt dort geltenden materiell rechtlichen Bestimmungen, soweit der Wechsel der Staatshrheit Line Abweichungen notwendig macht, für 15 Jahre in Kraft bleiben sollen. Dies gilt insbesondere für alle Bestimmungen, die sich aus das Bergwesen, das Gewerbe, den Hand-'l oder das Arbeitsrecht, einschließlich dec Vorschriften über die Aeberwachurig beziehen. Zum Arbeitsrecht gehören die Bestimmungen, die den A r - beitsnachweis, das Arbeitsverhält- n i s oder die A r b e i t s 0 e r f a s s u n g regeln, die Bestimmungen über die Beteiligung Schwerbeschädigter, über die Fürsorge für die arbeitende Bevölkerung, einschließlich Erwerbs t0 sen fü r so rg e. Polen darf diese Bestimmungen nur bann ändern, wenn es für sein gesamtes Staatsgebiet neue Gesetze erläßt. Dabei müssen aber die Gesetze, die sich auf das Arbeitsrecht und die Verteilung des Bodens beziehen, den deutschen gesetzlichen Bestimmungen gleichwertig sein. Im Streitfall über diese Gleichwertigkeit kann die deutsche Regierung die Entscheidung des im Völler- bundLakte vorgesehenen ständigen i n t e r n a t i 0- n a le n Gerichtshofs anrufen. Alle erworbenen Rechte bleiben in Kraft, insbesondere alle Konzessionen für Anlagen, Betriebe, Anstalten, Unternehmungen, also beispielsweise Konzessionen für Kleinbahnen, Apothekenkonzessionen, Rechte aus der Verleihung des Bergwerkeigen- tums, ferner die Approbationen der Aerzte, Zahnärzte und Tierärzte, die Betätigung der Hebammen, Landmesser, Markscheider, usw. Die deutschen Versicherungsgesellschaften dürfen den Ge- schäftLbetrieb in Polnisch-Oberschlesien so lange fortsetzen, bis eine besondere vertragliche Regelung zwischen Deutschland und Polen hierüber getrosten, oder ein Schiedsspruch, den Präsident Calvndor zu fällen haben würde, ergangen ist. Besondere Schwierigkeiten bot die Regelung der
Frage, ob Polen ebenso wie dies ihm für Posen und Westpceußen im Versailler Vertrag zugestanden ist, deutsches Eigentum enteignen, oder, wie dies schamhaft ausgedrückt wird, liquidieren dürfte. Es ist gelungen, die Liquidation soweit einzuschränken, daß sie weder für die Industrie,! nod: für den Grundbesitz Gesahcen enthält, und alle anderen Güter, Rechte und Interesten Dcut- sch<r völlig unangetastet zu lasten. Während der 15jährigen Aebergangszeit dürfen große indu- strielle Unternehmungen, deren Begriff genau um- sch üben ist, und Bergwerke nur dann enteignet w.rden, wenn dies zur Aufrechterhaltung des Betriebs unerläßlich ist. Die Entscheidung hierüber sieht der Gemischten Kommission zu.
Klare Bestimmungen regeln den Erwerb der neuen Staat angehorigleit und beseitiget alle du Zweifel und Unsicherheiten, unter denen die deutsche Bevölkerung Posens und Westpreußens so unendlich schwer leidet. Im Interesse der Erhaltung des Deutschtums in Oberfchlefien ist dringend zu wünschen, daß nur eine geringe Zahl von Deutschen, die durch den Vertrag von Rechtswegen Polen werden, für Deutschland optieren, denn je stärker das deutsche Element innerhalb des polnischen Staatsverbandes bleibt, um so eher kann es hoffen, daß Willkürakte in IJeseh- gebung und Verwaltung, wie sie in Posen und Westpreußen an der Tagesordnung sind, hintangehalten werden. Wer aber gleichwohl optiert, dem ist gesichert, daß er einmal seinen Grundbesitz in Polnisch-Oberschlesien behalten, seine ganze bewegliche Habe aber frei von allen Lasten nach Deutschland mit silch fnehmen kann. Ins- besortdere darf auch eine Sicherheitsleistung für künftigeSteueransprüche nicht erhoben werden. Die Optanten sind nicht verpflichtet, Polnisch-Oberschlesien zu verlassen, dürfen vielmehr wählend 15 Jahren ihr Wohnrecht bewahren. Diese weitgehenden Rechte sind wirksam gesichert, einmal durch eine deutschpolnische Schlichtungs stelle, und sodann, falls diese nicht zu einer befriedigenden Regelung führt, durch Die Entscheidung des Schiedsgerichts, das unter einem neutralen Vorsitzenden, aus einem deutschen und einem polnischen hohen Richter zusammengesetzt ist und endgültig entscheidet.
In 6 Monate langem Kampf, wobei deutscherseits immer wieder auf die Erfahrungen in Posen und Westpreuhen hingewiesen wurde, gelang es. ein Mi nd erheitenrecht zu schaffen. das, wie von dem Präsidenten Calonder in Genf, und neuerdings auf der Vereinigung der Völkerbundsligen in Prag anerkannt wurde, als ein Vorbild gelten tonn. In 86 Artikeln sind eingehende Vorschriften über die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, über die Ausübung der Religion, über Schulwesen, und zwar das private Schulwesen — das immer für Minderheiten das stärkste Bollwerk ihrer Freiheit sein wird — für das öffentliche Volksschulwesen, für daS mittlere und höhere Schulwesen getroffen und Sicherungen durch leicht zugängliche Rechtsmittel geschaffen.
Die Hauptmasse der oberschlesischen Bevölkerung bildet die industrielle Arbeiterschaft: die Aufrechterhaltung ihrer Organisationen. das ungehinderte Wirken der deutschen Ge- werckschasten. ihre freie Verbindung mit den Zen- tralorganifationen in Deutschland, der Abschluß von einheitlichen Tarifverträgen zwischen Unternehmern und Arbeitern für beide Hälften des Abstimmungsgebiets, ist durch die Vorschrift des IV. Teiles des Vertrages gewährleistet. Die Wünsche der deutschen Gewerkschaften, mit deren Spitzen die deutsche Delegation in fortdauernder Fühlung stand, haben volle Berücksichtigung gefunden.
Eingehende Vorschriften regeln den Fortbestand der deutschen sozialen Dersiche- rungsgesehgebung.
Mit dem Tage des Aebergangs der Staatshoheit wird die neue Staatsgrenze gezogen. Die damit verbundenen Erschwerungen des Personen- und Güterverkehrs sind durch eine Fülle sorgfältig abgewogener Bestimmungen gemildert. Für die Bevölkerung beider Hälften werden unentgeltlich Derkehrskarten ausgestellt, die einen ungehinderten Grenz-Uebertritt gewährleisten, andererseits aber die Möglichkeit bieten, neu- hinzugezogene, landfremde und unerwünschte Elemente, Schieber, Wucherer und berg!., die sich schon jetzt an der alten deutschen Grenze zum
Einbruch in Oberschlesien versammeln, nach Möglichkeit fernzuhalten.
Die deutsche Währung bleibt während 15 Jahren in Geltpng, jedoch steht es der polnischen Regierung frei, auch schon früher, nach angemessener Kündigung, polnische Währung einzuführen. Indessen sind sämtliche auf deutsche Reichsmark lautende Forderungen, die vor Inkrafttreten der Währungsänderung entstanden sind, insbesondere auch alle Renten, in deutscher Währung zu erfüllen. Damit sind die schweren Schädigungen, ja Existenzvernichtungen, die die Einführung der polnischer' Währung in Posen und Westpreuhen für die deutschen Gläubiger zur Folge hatte, für Ober- schlesien ausgeschlossen. Auch darf Polen tetr Moratorium für Oberschlesien erlassen, wie es dies für die ihm 1919 zugefallenen preußischen Gebietsteile getan hatte.
Die neue Staatsgrenze bildet künftig auch die Zollgrenze. Sknpit das engmaschige Wirtschaftsleben Oberschlesiens nicht zugrunde' geht, ich für natürliche Bodenerzeugnisse und Vecg- wecksprodukte Zollsreiheit vorgesehen. Für den Veredlungsverkehr sind zahlreiche Bestimmungen getroffen, die es ermöglichet, Halbfabrikate uttd Vorprodukte zollfrei über die Grenze passieret zu lassen.
Auch das dichte Reh von Voll- und Kleinbahnen, das Oberschlesien bedeckt, muhte in zwei Teile zerlegt werden. Polen errichtet in Kattowitz, Deutschland in Oppeln eine Eisenbahn- direktivn, die nur für gewisse allgemeine Fragen, wie die Festsetzung der Tarife, in einem Oberkomitee zusammentreten, das sich bei Meutungs- Verschiedenheiten einen internationalen Obmann wählt öder vom Präsidenten der Schweizer bestellen läßt. Ein Güterwagenpark von 40 000 Wagen wird gemeinsam verwaltet. Da Polen mit Recht fürchten mußte, daß der sofortige Fortgang der deutschen Eisenbahnbeamten zu einer Eisen- bahnkatastrophe führen würde, sieht ein besonderes Abkommen vor, daß diese Beamten noch auf ein Jahr unter Polen Dienst leisten.
Für den inneren Verkehr der beiden Hälften und für den Vectehc mit Deutschland bleiben die Po st sä cke des deutschen Inlandes bis auf weiteres in Kraft. Ein besonderes Postscheck- abkommen ermöglicht die Aufrechterhaltung dieser für das Geschäftsleben unentbehrlichen Einrichtung.
Weitere Kapitel des Vertrages suchen dje ungestörte Versorgung des Gebiets mit Wasser und Elektrizität zu sichern.
Faßt man den Gesamteindruck, den dieser Riesenvertrag zurückläßt, zusammen, so kann man sagen, es ist der Versuch unternommen, aus einem blühenden, wohlgestalteten, lebenskräftigen. einheitlichen Organismus zwei Teilgebilde zu schaffen, bei denen mit Bandagen und Binden aller Art die klaffenden Wunden willkürlicher und brutaler Zerreißung verdeckt, und die Möglichkeit gefunden ist, daß jeder von ihnen mühsam weiter existieren kann. An die Stelle einer gerechten und sparsamen Verwaltung mit ausreichend, aber doch knappbemessenem Deamtenkörper, treten zwei getrennte Verwaltungen, von denen die polnische naturgemäß im Anfang Kinderkrankheiten aller Art durchmachen muh, ehe sie auch nur einigermaßen imstande sein wird, die großen politischen und wirtschaftlichen Probleme zu meistern. Reben diese deutsche und polnische Verwaltung treten alsdann in der Gemischten Kommission, dem Schiedsgericht, dem Oberkomitee für die Eisenbahn, dem Begutachtungsausschuß für soziale Fragen, den Schlichtungsstellen für die Verkehrskarte, und auf manchen anderen Einzelgebieten internationale Instanzen, die sich erst mühsam mit Land und Leuten vertraut machen müssen und begreiflicherweise pekuniäre Anforderungen stellen, die mit 25 Millionen Papiermark, zu gleichen Teilen von Deutschland und Polen zu tragen, nicht zu hoch bemessen sein werden. Statt zum Wiederaufbau des zerstörten Wirtschaftslebens Europas beizutragen, hat so das Genfer Diktat neue und schwere Hemmungen und Schädigungen der deutschen Wirtschaft herbeigeführt, ohne dem künstlichen Gebilde
Die «MM» es tote.
Roman von Ernst Scherte!.
4. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Bitte sehr, bitte sehr", warf Perzelius zerstreut hin, „kommen Sie nur mit!“ Dann stopfte er Tabak in seine Pfeife und setzte sie in Brand. Während er rauchte, sprach er mit Baron Hallam, ohne Eduard weiter zu beachten: „Wir brechen also um fünf Ahr aus. Für die Damen ist es ja etwas früh, aber Fräulein Sitty kann am Rachniittag etwas schlafen, da bekommen wir eine leidliche Anterkunft. And Miß Mason schläft ja sowieso nicht."
„Machen Sie alles, wie Sie es am besten finden", entgegnete der Baron.
„Die Besorgung der Waffen überlasse ich Ihnen selbst. Ich werde nur meinen Browning zu mir stecken. Man muh ja hier immer darauf gefaßt sein, mit Mensch oder Tier in feindliche Berührung zu kommen. — Sie sind wohl mit allem Rötigen versehen. Herr von Wulften?" wandte sich Perzelius hierauf an diesen.
„Ich bin im Besitz eines sehr guten Revolvers. der erst heute wieder seine Durchschlagskraft gezeigt hat", gab Eduard zurück.
„Sv — was haben Sie denn geschossen?" fragte Doktor Perzelius obenhin.
„Rur ein Krokodil — aber ein recht grobes", erwiderte Eduard.
„Befassen Sie sich mit der Erlegung von Riesenreptilien?" antwortete der Doktor etwas ironisch und blasiert. .
„Rur dann, wenn diese Riesenreptilien kleine Regerknaben ftessen wollen", sagte Eduard lachend, fühlte sich aber gleichzeitig etwas peinlich berührt durch die Rotwendigleit, nun von seiner Heldentat sprechen zu müssen.
Doktor Perzelius jedoch schien gar nicht näher auf die Sache eingehen zu wollten. Er sagte nur kurz: „Ja, ja — die Kinder kennen die Gefahr nicht und erliegen ihr deshalb sehr häufig. Wem gehörte denn der Bengel?"
„Er konnte sich mir kaum c.cstündlich machen", berichtete Eduard, „ich vermochte nur soviel aus
ihm herauszubringen, daß er Ismais heiße und von Korn Ombo, oder wie es hieß, stamme — womit natürlich nicht viel anzufangen ist."
„Von Kom Ombo?" rief Perzelius und zog die Brauen in die Höhe. „Was hat denn ein Junge von dort in Kairo zu suchen? — Sie hätten ihn unbedingt festhalten müssen! — Wie alt war er denn?"
„Ich schützte ihn auf etwa zwölf bis vierzehn Jahre", antwortete Eduard, feltfam betroffen von dem plötzlichen Interesse des kriminalistischen Gelehrten.
„Ra also", fuhr Perzelius fort, „in diesem Alter ist ein Regerjunge schon ein Wesen, mit dem man rechnen muß. Er hätte uns viellleicht manche Mitteilung machen können. Im übrigen ist seine bloße Anwesenheit verdächtig."
Rach diesen Worten versank der Doktor in ein immer schweigsameres Rachdenken, bis er mit einem plötzlichen Ruck aufstand und fast ohne Gruß verschwand.
Zweites Kapitel.
„O, Miß Silly, kommen Sie zu mir! Wo sind Sie? O, diese Verwirrung — dieses Durcheinander!" jammerte die Erzieherin Miß Catherine Mason, während sie halb angefleibet durch die Zimmerflucht jagte, die sie mit der Tochter des Barons bewohnte. Ihre offene Bluse flatterte um ihren Körper wie ein Stück Wäsche, das sich in den Aesten eines dürren Baumes verfangen hat. Dabei fuchtelte sie mit ihren knotigen, rot- glänzenden Händen in der Luft herum wie ein bewegliches Bild der Verzweiflung.
Die Kofter standen noch unverschlossen in den einzelnen Zimmern, und die aufgeregte Dame fand immer noch dieses und jenes, was ihr mit- nehmenswert erschien. Don Silly, der Tochter des Barons, war jedoch nichts zu bemerken.
So läutete die Erzieherin mit energischem Druck dem Zimmermädchen, dem Liftjungen und mehreren Hausdienern, die nach und nach unter der Türe erschienen und sich fragend in dem Chaos umblickten. Da erst erinnerte sich Miß Mason ihrer Blöße und kroch mit einem angstvollen Aufschrei hinter einen Wandschirm, wo sie sich so lange verborgen hielt, bis es der Zofe gelang, zwischen Hutschachteln und Hand
taschen hindurch zu ihr zu gelangen. Während nun das Zimmermädchen daran ging, die Kleidung der Erzieherin zu vervollständigen, gab diese selbst hinter dem Wandschirm hervor die nötigen Anweisungen für die Fortschaffung des Gepäcks. Wie ein unsichtbarer Feldherr birigerte sie das Personal, und unter den vielen dienstbeflissenen Händen schien allmählich eine gewisse Klarheit in das Durcheinander zu kommen. Rach und nach legte sich die Erregung, und in langem Zuge keuchten die Hausdiener mit Koffern und Mantelsäcken durch die ftill gewordenen Räume.
Aufatmend trat die gehetzte Miß aus ihrem Versteck hervor, während sie mit einer grotesk- königlichen Bewegung die Zofe verabschiedete. Dann stellte sie sich vor einen der Spiegel und schlang einen großen weißen Schleier um ihr dünnes Haar. Beftiedigt drehte sie sich noch etlichemale hin und her und stolzierte dann steif und hochmütig aus dem Zimmer.
v Vor dem Hotel warteten schon mehrere Eseltreiber mit ihren Tieren, die den hohen Gästen zuliebe besonders sorgfältig gestriegelt und gezäumt schienen. Weiße und schwarte Diener bemühten sich um das Gepäck, und eine Schar brauner Gassenjungen sprang eilfertig hin und her, um einige Pfennige zu erobern.
Doktor Perzelius ging schweigend in der Eingangshalle auf und ab, seine kurze Pfeife im Mund. Der Baron selbst war noch nicht erschienen. Seine Tochter aber stand still und schlank im Gewächshaus und liebkoste den schmalen Kopf eines großen Windspiels.
Silly war siebzehn Jahre alt, sah aber aus wie fünfzehn. Sie trug ein halblanges, helles Kleid mit breitem Brustausschnitt und kurzen Aermeln, wodurch ihre Gestalt noch anmutiger und kindlicher erschien. Ihr blondes Haar trug sie knapp über den Schultern abgeschnitten, was ihrem Kopf einen zarten, knabenhaften Reiz verlieh. Ihre Augen waren sehr groß, tiefblau und hatten jenen fast beruhigend fragenden Ausdruck, wie die Augen auf manchen byzantinischen Madonnenbildern. Ihre Glieder waren schmal und durchsichtig und bewegten ftch in einem stolzen, aber sanften und unendlich rührenden Rhythmus.
Man sage, sie gleiche ihrer toten Mutter, die von ältestem dänischem Adel war.
Silly schien sich wenig um all die Menschen zu kümmern, die sich um sie her bewegten. Sie lehnte sich schweigend an das edle in nervöser Erregung zitternde Tier, preßte dessen spitze Schrcauze an ihre Brust und glitt mit ihren schlanken Händen über das weiche, silbern schimmernde Fell.
Die Kosferträger keuchten an ihr vorüber und banben die schweren Gepäckstücke auf die Rücken der Esel. Doktor Perzelius prüfte die Stricke und legte auch selbst Hand an bei der Verstauung febier Werkzeuge und Waffen. Dann begrüßte er den Baron, der soeben stumm und fast unbeweglich aus dem Gewühl austauchte.
„Es ist Zeit", sagte der Doktor, „wir kommen zu sehr in die Hitze des Mittags, wenn wir noch zögern. Das Gepäck ist fertig.“
„Die Miß fehlt noch“, entgegnete der Baron und lieh seine falten, unendlich ruhigen Augen durch die Halle wandern. Aber da erschien die Erzieherin auch schon in einer der Türen mit fliegendem Schleier und atemlos wie immer und sank, kaum angefommen, unter einer großen Palme des Gewächshauses zusammen, während sie zu Silly gewendet hauchte: „O, da sind Sie — meine liebe Miß Silly — — 0, dieses' Durcheinander!"
Alles Außergewöhnliche — und wenn es an sich auch noch so einfach war — veranlaßte Miß Mason, den Kopf darüber zu vertieren. Es war ihr barm furchtbar peinlich unb steigerte ihre Hast, wenn sie infolge ihrer ilmftanblidjtfeit ihren Zögling auch nur kurze Zeit aus ben Augen lassen mußte.
„Kommen Sie, Miß, mein Vater wartet", sagte Silly mit einer fernen, merftoürbig singenden Stimme, strich noch rasch über den Kops des Windspiels unb schritt aus dem Gewächshaus, während der Hund bellend an ihr emporsprang.
Zwei Diener führten die Pferde vor, welche bestimmt waren, den Baron, die beiden Damen unb Doktor Perzelius zu tragen. Rachdem noch bie letzten Zurichtungen getroffen waren, setzte sich die Heine Karawane in Bewegung.
(Fortsetzung folgt.)


