Donnerstag, 4- Mi 1922
Nr. 104 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Die Sefolbungsfragen der städtischen Beamten.
3um Artikel in *3r.99 des „Gießener 3n,y" vom 28. April 1922. betitelt .Die neuen Gehaltsforderungen der städtischen Beamten" wird unS Dom Deamten-Ausfchuß der städli - schen Beamten Gießens geschrieben:
Der Emsender der Zuschrift, dec sich als „Äcrmer der städtischen Verwaltungsverhältnisse" bezeichnet, beweist durch seine Ausführungen, daß ca ihm bis jetzt doch noch nicht gelungen ist, sich mit den tatsächlichen städtischen Verwaltungs- Verhältnissen vertraut zu machen. Die städtische Beamtenschaft möchte es deshalb aus diesem Grunde schon ablehnen, zu seinen Ausführungen Stellung zu nehmen. Sie kann indessen den Ar» tilel um deswillen nicht unbeantwortet lassen, weil jenen Darlegungen immerhin ein bedenklicher Ernst anhastet, der die Existenz vieler städtischer Beamten und Angestellten eng berührt. Zunächst sei bemertt, daß es sich um „neue Gehaltssorderunaen" der städtischen Beamten durchaus nicht handelt. Aach reichsgesetz- licher Vorschrift waren die im Jahre 1920 mit Wirkung vorn 1. April 1920 geschaffenen Besol- dunasordnungen des Reichs, der Länder und der Städte nach einer gewissen Zeit einer Revision zu unterziehen. Für das Reich und den hessischen Staat ist dies im Laufe des verflossenen Jahres geschehen. Die hessischen Städte befinden sich hiermit noch im Rückstand. Hm die nach gesetzlicher Vorschrift vorzunehmende Revision der städtischen Besoldungsordnung haildelt es sich hier einzig und allein. Die Vorbereitungen zur Revision geschahen in der Weise, daß die Interessenvertretungen sämtlicher städtischer Deamten- kategorien (Verwaltungsbeamte, techiiischeDcamte, Wecdneister, Feuerwehrleute, Polizeibeamte usw.) nach langen Vorbereitungen den Stadtverwaltungen Hessens Desoldungsvorschläge unterbreiteten. 3n gemeinsamen Verhandlungen mit sämtlichen Stadtverwaltungen wurde eine Desoldungs- ordnung mit Besoldungsplan errichtet, welche für sämtliche hessischen städtischen Beamten einheitlich gelten sollten. Dem Umfang der einzelnen Stadt- ixrtoaltungen sollte bei dem Besoldungsplan selbstverständlich Rechnung getragen werden. An den Verhandlungen nahmen seitens der Stadtver- 'valtungen lediglich Magistratsmitglieder teil. Die Hllyuziehung von Vertretern der Stadtverordnetenversammlungen unterblieb entgegen dem Antrag der Stadtverwaltung (Sieben, da es sich lediglich um Vorbereitungen einer Desol- dungsvorlage handelte, die selbstverständlich der ©tadtverordneten-Versammlung zur Genehmigung zu unterbreiten war. Jene gemeinsamen Verhandlungen wurden am 30. Januar d. 3- abgeschlossen. Die Stadtverwaltungen verpflichteten sich, bis Äum 1. März 1922 die vereinbarte Besoldungs- vrdnung den Stadtverordneten-Dersammlungen zur Beratung und Genehmigung zu unterbreiten, um alsdann die Desoldungsoronungen und die Besoldungspläne sämtlicher Städte Hessens wieder gemeinsam der Landesregierung zur Genehmigung vorzulegen, wie dies das Desoldungssperrgesetz vorschreibt. Aachdem alle anderen hessischen Stadt- nerwaltungen diesen Vereinbarungen entsprechend ihre Besoldungsordnungen den Stadtverordneten- Versammlungen vorgelegt haben, ist auch den hiefigen Stadtverordneten die Desoldungsordnung nunmehr zur Stellungnahme und Beratung zugegangen. Bei der Vorlage handelt es sich indessen lediglich um einen „Stellen plan", von der Einstufung der Beamten ist bis jetzt noch keines- iregd die Rede. Die Eingruppierung der einzelnen Beamten in diesen Stellenplan wird erst späterer ^Beschlußfassung der ©tadtverordneten-Dersamm- lung Vorbehalten bleiben. 6 o weit die tatsächliche Entwicklung der „neuen Gehaltsforderungen der städtischen Beamten". Würde sich besagter Artikel nur auf diese Tatsachen beschränkt haben, so würde die städtische Beamtenschaft die sachliche Erörterung begrübt haben, denn gerade die städtische Beamtenschaft toeib durch ihren Dienst im Interesse der Allgemeinheit, dab Offenheit die beste Politik ist. ihn so befremdender muhten die un- -mchlichen Auslassungen des Artikelschreibers wirken, und seine' Behauptung, das) die städtischen (Beamten schon 1920 in höhere Gehaltsgruppen eingestuft wurden, als die nach Tätigkeit. Verantwortung und Vorbildung ihnen entsprechenden Beamten im Dienste des Reiches und der Länder, und dab sie seitdem an allen Gehaltsaufbesserungen der Reichs- und Staatsbeamten teil» nahmen, dab sie aber trotzdem noch die Einstufung in höhere Gruppen fordern, die von den Oberbürgermeistern bzw. Bürgermeistern beantragt werden, ist bewusste Unwahrheit. Degen diese mit Vorbedacht erhobenen falschen Behauptungen verwahrt sich die gesamte städtische Beamtenschaft mit schärfstem Protest. Sie emp
findet es gleichfalls als Brüskierung, dab in dem angeführten Artikel neben den aufgeführten Gehaltsgruppen gleichzeitig unverkennbar die Beamten erwähnt werden, und der Artikelschreiber nicht umhin konnte, auf die mangelnde Vorbildung einzelner, in langjährigem Dienst bewährter Beamten hinzuweisen.
Die städtische Beamtenschaft glaubt mit sicherer Vermutung den geistigen Vater des in Rede stehenden Artikels zu kennen. Aur mangelnde Objektivität, Unkenntnis der tatsächlichen. Verhältnisse, Aeid und Scheelsucht können ihm die Feder zu jenem Artikel in die Hand gedrückt haben. Die Beamtenschaft ist von der zuversichtlichen Hoffnung erfüllt, dab alle übrigen Stadtverordneten mit der Sachlichkeit und Gerechtigkeit die Besoldungsvorlage beraten und prüfen, auf die die Beamtenschaft glaubt Anspruch zu haben. Die städtische Beamtenschaft wird um so mehr in dieser Hoffnung gestärkt, als die übrigen Stadtverordneten-Versammlungen die Besoldungs- Vorlagen der Stadtverwaltungen durchweg genehmigt haben, bei einzelnen Verwaltungen nur mit geringen Abänderungen.
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Zu der vorstehenden Zuschrift bemerken wir: Unserem Blatte war die geplante Besoldungsordnung nicht zugegangen, und wir vernehmen, dab sie auch den Stadtverordneten nur vertraulich mitgeteilt worden war. Auch uns muß der Wunsch leiten, eine für Staat und Volk so wichtige und folgenschwere Angelegenheit rechtzeitig der öffentlichen Beurteilung vorzulegen, und darum gaben wir jener Zuschrift Raum, die wir insbesondere gegen den Borwurf des Aeides und der Scheelsucht verteidigen müssen. Im Kern der Sache handelt es sich hier doch wohl um Grundsätze der Gerechtigkeit und Ordnung in unserem Staatswesen. Es würde eine be= rechtigte Beunruhigung bei den Beamten des Staates entstehen, wenn im Dienst der Städte und Gemeinden Einkommen und Beamtenrang nicht nach dem gleichen Maß bemessen würden wie im Reichs- und Staatsdienst. Wir erblicken in einer besseren Besoldung unserer Beamten, in einer gerechteren Würdigung ihrer Dienste und ihrer Stellung nach einer ihrer unterschiedlichen Borbildung und Leistung entsprechenden Abstufung einen wirklichen politischen Fortschritt, — nichts wäre für das Gedeihen unseres Wiederaufstiegs und unserer BolkSarbeit verderblicher als eine Gleichmacherei in den Besoldungsverhältnissen bei notorisch unterschiedlichen Anforderungen an Wissen und Können. Unerläßlich mutz man dabei, sei eS im Staats- oder Gemeindedienst oder in einer anderen Arbeitssphäre, im wohlermessenen, einheitlichen Plan und Rahmens voller Gerechtigkeit sich halten. Willkürliche oder nicht gut begründete Unterschiede etwa in der Bewertung von Staats- und Gemeindedienst würden unhaltbar sein und sich bitter rächen.
Was übrigens ganz im allgemeinen wenig erfreulich erscheint, ist die überflüssige und geschmacklose Ausprägung, oder Umbildung einer großen Reihe von hvchttabenden Titeln, die einer demokratischen Republik nachgerade humoristisch zu Gesicht stehen. Es erhöht den Reiz dieser Neuheiten nicht, daß die Herren Interessenten wohl selber chre Erfinder sind. Wir wollen es nicht entscheiden, ob der in der vorstehenden Zuschrift skizzierte Weg der Borbereitung einer Neuregelung ganz zweckmäßig und richtig gewesen ist — die Nachprüfung wird sich hauptsächlich an die eben erörterten Gesichtspunkte halten müssen. Dabei wäre zu wünschen, daß man nicht zu kleinlich verfährt bei der Forderung einer bestimmten, vorschriftsmäßigen Borbildung; persönliche Tüchtigkeit und langjährige Bewährung geben ebenfalls Anspruch auf Berücksichtigung bei der Einstufung.
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Wir werden um Abdruck folgender Snt» f d> I ie f) a n g gebeten, die auf dem 3. Bundestage des Deutschen Beamtenbundes gefaßt wurde: .Die Bemühungen des Re ich s- bundes der Äommunolbeamten Deutschlands, das Besoldungsfperr- geseh vom 21. Dezember 1920 zu beseitigen, bzw. die Verlängerung seiner Wirksamkeit über den 31. März 1923 hinaus zu verhindern, wird der DDB. mit allen Kräften unterstützen. Er
mißbilligt aufs schärfste das vom Reichsfinanz- miniftertum eingerichtete Spitzel system unb noch mehr das nachgewiesene ungewerkfchaftliche An- gebertum in der Beamtenschaft. Der Deutsche Beamtenbund beschließt, sich für völlige Beseitigung des Besoldungsfperr- ge setz es nicht bloß gegenüber den Gemcinden, sondern auch gegenüber den Regierungen der Länder einzufeyen."
Aus Hessen.
Don her Deutschnationalen Volk-Partei.
Am 26. April fand in F r a n k f u r t a. M. eine sehr gut besuchte Sitzung des erweiterten Vorstandes des Landesverbandes der Deulsch- nattonalen Partei statt, bei der Abg. Prof. Dr. Werner über „die Tätigkeit im Landtage" berichtete. Folgende Entschließung wurde gefaßt: Der Erweiterte Vorstand der Deutschnationalen (Hessischen) BolkSpartei erhebt schärfsten Einspruch gegen die willkürliche, im Widerspruch zu der Abstimmung im Landtag stehende Berordnung des M i - nisterpräsidentenUlrich, wonach der Schulunterricht am 1. M a i vollständig ausgesetzt werden soll. Dieser Erlaß zeigt wieder, daß dem derzeitigen Ministerpräsidenten Parteiinteressen höher stehen als das Staatswohl. Die Anordnung der Feier des Partei- Demvnsttationstages in den Schulen und für Kreise, die mit der 1.-Mai-Feier nicht das geringste zu tun haben wollen und sich im schroffsten Gegensatz befinden zu den in dieser Feier vertretenen parteipolitischen Gedanken, bedeutet eine Herausforderung aller Nichtsozialdemokraten, ist aber auch zugleich ein Zeichen dafür, wie der Herr Ministerpräsident Beschlüsse deS Landtags mißachtet, wenn sie ihm nicht passen, und wie wenig Rücksicht er auf diese Berttetung deS „DolkswMens" in solchen Fällen nimmt.
Land- und forstwirtschaftliche Derufsgenossen- schäft für Hessen.
In der Reichsunfallversicherung sind btc Rentenzulagen durch Gesetz vorn 28. Dezember 1921 neu geregelt worden. Die Zulage wird zu einer Verletztenrente gewichrt, wenn die Rente 50 ober- mehr vom Hundert der Vollrente beträgt. Eie wird in der landwirtschaftlichen Unfallversicherung nach einem allgemein auf 8100 Mk. festgesetzten Iahresarbellsverdienst je nach dem Grad der vorliegenden Erwerbseinbuhe und zwar ohne Unterschied für männliche oder weibliche Personen gewährt. Die Dollrente beträgt 66-F Prozent dieser Summe oder 5400 Mk. jährlich. Diese Zulagen erhalten alle Rentenempfänger, wenn sie 50 oder mehr vom Hundert erwerbsunfähig sind, ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt, wann der Unfall sich ereignet hat. Das Geseh hat den Vorständen die Befugnis eingeräumt, die Zulagen ganz oder tellweise zu versagen, wenn die Renten an Unternehmer ober deren Ehefrauen gewährt werden, und wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, daß die Zulage nicht oder nicht ganz benötigt wird. Der Vorstand der land- und forstwirtschaftlichen BerufSgenossen- schast für Hessen hat indessen von dem Recht der Nachprüfung der Zulageberechtigung keinen Gebrauch gemacht und wird trotz der damit verbundenen höheren Belastung die Zulagen ohne Unterschied gervähren. Die Nachzahlung erfolgt mit Wirkung vom 1. Januar 1922 ab. Die Rentenbescheide gehen den Berechtigten in aller Kürze zu.
Kirche und Schule.
> Wieseck, 3. Mai. Eine Schulvor- standssitzung, in der die neuen Mitglieder von dem Vorsitzenden, Bürgermeister Schomber, verpflichtet wurden, beschäftigte sich sehr ausführlich mit der Fortbildungsschule und besonders mit der für die in diesem Jahr aus der Schule entlassenen Mädchen; sie wird nach den Dfingstferien beginnen. Es wird mit drei Abteilungen für die Jungen und mit zweien für die Mädchen zu rechnen sein, unb es erschien mit Rücksicht auf die Beschäftigung fast aller in der Industrie Mittwoch und Donnerstag vormittag, je 4 Stunden einen Tag für jedes Geschlecht, als der geeignetste Termin. Endgültige Beschlüsse konnten nicht gefaßt werden; man war sich einig in dem Bestreben, den Arbeitgebern möglichst entgegenzukommen, und erfreut über den Wunsch aus den Reihen früher konfirmierter Mädchen, am Unterricht teilzunehmen. Nicht leicht zu lösen ist die Raumfrage, da in der „roten“ Schule ((Siebener Straße) nur vier Säle zur Verfügung
DieSakramentshex.
'Roman von Marie Kerschen st einer.
11. Fortsetzung. (Nachdruckverboten.)
Statt aufzusahren, stand der Hannes wie ein begossener Pudel, kratzte sich hinterm Ohr und suchte nach Worten. „Auf Ehr und Seligkeit," schwor er „ich hab' mir frei nix Bös s gedacht, tote ich ba£ Mäble vor mir seh: Vielmehr war mir'8 ganz wunderlich zumut, alrat als wär' ich wieder zwanzig all und ball' kein Gliederreißen nit unb lein' Leeren Geldsack!"
..Der Hannes is einfach behext gewest!" erklärte die Kolath. „ufs Härle wie der Pfarr damals, als er den Balg hat im Heidegras auf- gelesen!" So der Äüfter
Der Weber fing von neuem das Toben an. „Und gegen so was hat unsereins kein Mittel nit! Hätl' ich ein Hexensprüchlein gewußt, daß ich es hätl' können hersagen. . . . ja^ bann hält' der Schneebruch uns nix gemacht!
Bei diesen Worten fuhr em neuer Geist in die Rand.
So war das gemeint! —
Donner and Kell!!
Wie Schuppen fiel es ihnen von den Augen. Mit einem Male war alles klar. Jeder fühlte sich getroffen. Jeder erwog den Schaden, den ertrug. Und daß da etwas Greifbares war, woran man sich schadlos halten konnte, ein ohnmächtiger Jemand, kaum zwei Ellen hoch, das wies der Leidenschaft einen neuen Weg. Selbst dem armseligsten Hasenfuß schwoll da der Kamm.
Ein vierschrötiger Bauer schob sich durch die
Menge. Trat vor den Weber hin, zornrot, den Knüppel fest in der Faust.
„Das will heißen — ?" Er vollendete nicht. Der Hannes verstand ohnedies.
Der Weber nickte nur.
„Beweis' es mir,“ schnob der Bauer. „Wenn du's nicht vermagst und hetzt nur das Weibervolk auf — hernach —Er hielt ihm die Faust hm.
„Sell weih ich so genau, als daß du der Tischlerandres bist," sagte der Weber. „Denn vorhin bin ich am Pfarrhof vorbei, da hab' ich den Unhold gesehen in seiner wahren Gestalt." Totenstille.
„Well er vermeint hat. er fei alleinig, is der euch wie ein Hexenmensch hinter der Pfarr- burg umetnanb, so fürchtig, sag ich euch, daß ich ohne Schlottern nit dran denken kann! Oder hab' ich mein Augenlicht für die Katz? daß ich nit seh, wie er den Schnee vom Himmel reißt, wie — ich weih nit was! An seiner Freud hab' ich's gemerkt, daß der Schneebruch sein Werk i6f‘
„Da beißt keine Maus 'n Faden ab,“ vollendete die Schlupfline. „Ein Unhold ist's uno damit basta! Lang hab' ich's euch gesagt unb ihr habt mich ausgelacht. Und wei! ihr nit habt hören wollen, müßt ihr letzt fühlen!"
Schweigend ging der Tischleiandres zur Tür. Als ei die Klinke in der Hand hielt, drehte er sich 7,och einmal um. „Der hat zum letztenmal im Dorf rumorr,“ sagte er und nahm den Knüppel noch fester in die Hand.
„Holla, Andres, ich Helf dir!“ schrie einer. 3m Nu hatte die Rauflust die ganze Rotte erfaßt. Wild drängte sie zur Tür, jeher wollte der erste sein.
Da warf sich die Kolath der Länge »ach
über die Schwelle, daß der Andres fast über sie weg gestolpert wäre. „Alle vierzehn Nothelfer!" schrie sie, „bitt für uns! Die Händ' von die Buller, Andres, oder ihr rennt mitsammen in euer Unglück!"
. Jetzt, das füllte sie, war sie an der Reihe» Jetzt sollten die Dörfler sehen, was sie tonnte» Sie lag auf den Knien vor den Mannsleuten unb schlug ein großes Lamento auf. „Ober ist einer beim Verstand," jammerte sie, „wenn er dem Elb so nah' tritt, daß der ihn mit dem bösen Blick verderben tut? Krumm unb blind könnt ihr fein, eh ihr's nur wißt! Unb einmal ist es vor gekommen, daß einer verwandelt is worden in eine Sau!"
Den Bauern gerann das Blut. Selbst der Andres trat einen Schritt zurück
„Hin muh er sein, sonst gibt's keine Ruh!"
„Sei kein Narr, Andres und hör mich an. Was an mir liegt, will ich tun. daß keinem Dörfler nix passiert! Ich wlll eins von euch feien, dann hat nichts Unrechtes keine Gewalt über ihn. — Aber ein Weibsleut muß es fern!“ fügte sie hinzu.
„Das 'Weibsleut bin ich!" erklärte die Schlupfline. „Da laß ich kein andres nit dran!"
Niemand widersprach. Die Kolath machte sich an ihre Kunst.
Die war nicht leicht.
„Schusterpech her, Pcmkraz!"
Der eilte es zu holen.
„So! — Heiß gemacht und auf ein Tuch geschmiert! Jetzt der Line recht heiß um die Mitte! — Brennt's? Macht nix, is gleich Dorbei! Das gibt den auswendigen Schutz!"
»Unb ein Saiz brauch ich jetzt."
stehen. Nicht ausbleiben wirb die Anstellung eines Fortbildungsschullehrers im Hauptamt. Don der Notwendigkeit der Fortbildungsschule für das weibliche Geschlecht ist man hier in den weitesten Kreisen überzeugt.
)( Ortenberg, 1. Mai. DaS Kirchen» k o n z e r t des Kirchengesangvereins hatte trotz schlechter Witterung eine große Anziehungskraft auSgeübt. Aus allen Nachbargemeinden waren die Besucher so zahlreich herbeigeströmt, daß nicht nur das Schiff der Kirche, sondern auch Altarraum und £tror dicht besetzt waren. — 'DaS Gebotene stand auf einer künstlerischen Höhe, die dem feit etwa einem Jahr wieder inS Leben geiuscnen Verein, besonders aber seinem unermüdlichen Dirigenten, Herrn Ackermann, alle Ehre macht. Der Vereinsvorstand batte mit der Auswahl der Solisten eine außerordentlich gute Wahl getroffen. Frau Dr. Siegerl aus Stockheim zog sofort mit der innigen Wiedergabe des lieblichen Iesuöliedes von Hildaä) und dem Bachschen „Mein gläubig Herz frohlache" aus der Pfingstkanlale und ihrer reinen, in jeder Tonlage gleich sicheren, ruhigen und anmutiger Stimme die Zuhörer in den Sann. Der Tenorist Studienral Kuhn aus Friedberg, brachte zwei geistliche Lieder von Ioh. Seb. Sadj: „Gott lebet noch" und „Jesus unser Trost unb Leben" in formvollendeter Tonsicherhell und mit wärmster Empfindung zum Vortrag. Frl. Therese Kübel aus Gießen, durch ihren vorjährigen Liederabend aufs Beste eingeführt, fang mit ihrer klaren und umfangreichen Stimme zwei machtvolle Lieder: „Die Himmel rühmen" von Beethoven und das Halle- lujah von Hummel. Der zweite und Haupttell des Konzertes brachte dann die Aufführung des 95. Psalms, op. 46 von Felix Mendelssohn-Bartholdy, eines wunderbar schönen, aber für einen jungen Verein sehr schweren Werkes. Hier hallen die Solisten Gelegen hell, ihr ganzes Können zu zeigen, sie erledigten sich alle ohne Ausnahme ihrer Aufgabe in vollendetster Weise. Der Ehvr leistete, von wenigen unsicheren Einsätzen abgesehen, Erstaunliches. Er brachte die einzelnen Chöre sehr tonrein und mit bemerkenswerter Sicherheit zu Gehör Anfang und Schluß deS Konzertes bildete die meisterhafte Wiedergabe zweier Bachschen Fugen durch Herrn Delp, der auch zusammen mit Herrn Dr. © i c ge r 1 aus Stock^im die sehr gut sich anpassende Begleitung der Solisten im ersten Teil übernommen hatte.
□ Laubach Ä. April. Am verslossenen Dienstag eröffnete unser Prorealgymna" fium und Realschule das neue Schuljahr (1922/23), das erste feit der Umwandlung aus dem Gymnasium. 20 Schüler wurden in die Sexta ausgenommen. Nachdem bereits im vorigen Jahre vom früheren Lehrerpersonal Studienrat Dr. Zimmermann an das Gymnasium zu Büdingen verseht worden war, wurden mit Beginn des neuen Schuljahrs noch zwei Oberlehrer des früheren Gymnasiums (beide Llltphilologen) verseht, nämlich Prof. Buxmann an das Gymnasium zu Friedberg und Prof. W e i ß b a r t an das Gymnasium zu Büdingen. Beide Herren hatten lange Jahre in Laubach gewirkt unb durch ihre treue Arbeit unb ihr allezeit bewiesenes Pflichtgefühl in hohem Maße sich die Dankbarkeit von Eltern unb Schülern erworben. Nur mit tiefem Bedauern hat man sie von hier scheiden sehen. Zur Vervollständigung deS Lehrerkollegiums des Prorealghmnafiums hat die Regierung Studien-Assesfor Dr. SchweiSgut hierher beordert.
b. Schotten, 1. Mai. In der vergangenen Woche begann der erste Lehrgang an der hiesigen, neu eingerichteten, unter Leitung deS Forstmeisters Dr. Baader stehenden Forstschule, an dem sich etwa 20 Anwärter beteiligen. Die schmucken Forstleute haben in unserem Städtchen freudige Aufnahme gefunden. Der Unterricht findet »ur Zeit in den Räumen der Landwirtschaftlchen Schule statt. Mll dem Bau der neuen Forstschule ist in letzter Woche begonnen worden. Man hoff' die neuerbauten Schulräume im kommenden Herbst beziehen zu können. — Heute fand im Saal zur Krone die feierliche Ueberreichung derGe- feHenbriefe an die neugewordenen 34 Gesellen stall unter zahlreicher Beteiligung deS Handwerks. Die Stadt lieh durch ihren Bürgermeister den neuen Gesellen und Heranwachsende Handwerksmeistern die besten Glückwünsche aus- sprechen. Erne Heine Ausstellung, die Zeugnis ablegte von den Leistungen der hiesigen Hand- werkerschule, war mit der Schluhfeier verbunden. Der neue Kursus der gewerblichen Fortbildungsschule wird von über 80 Schülern besucht.
lumen, Sport und Spiel.
• Der Turnverein von 1846 Leitet? seine diesjährige ©ommer tätigfeit mit einem Frühjahrs-Turn- und Spieltag ein. DaS am
Die Küsterin fliegt um die Ecke, derweil bi# Kolath Zaubersprüche auf ein Papier kritzelt das sie verbrennt.
„Ietzuno Asche und Wasser and Salz za- einand! — Den Tee, Line, den trinkst! Der gibt den inwendigen Schatz! Schmeckt ein bissel abartig, gelt? Aber daß du mir nur keinen Tropfen nit ausspucken tust, sonst —“
„Geht dein Zeug noch lang so zu?" erkundigte sich die Line.
„Sei still! Wer gefeit wirb, darf 'bas Maul nit aufmachen, sonst is alles letz."
„Unb seht kommt's! Daß mich keiner nit stören tut!“ Wichtigtuerisch humpelte sie hin unb her.
„Platz gemacht! Unb bie Hüt' vom Kopf, wie in ber Kirchen! Der Kreuzgang kommt irtzt dran. — Line, legst bich auf ben Doben hin, die Arm ausgestreckt, bah du wie ein Kruiz ars- sehen tust! — So, unb jetzt halt mäuslestill!"
Unb die Line lag, ihrer umfangreichen Lnb- lichkeit zum Trotz, eine geschlagen: Glockenstunde lang auf dem Fußboden unb mackste nicht. Währe nb dessen trieb die Kolath in den vier Ecken der Stube einen sonderlichen Hokuspokus, inter Knicksen, Händeringen, Murmeln unb Singen. Die Schatten der Schulstube färbten sich tiefer, nur die Kerze, die die Kolath bei ihren Hantierungen in der Hand schwang, wie eine Waffe, warf einen unsicheren Schein durch den Raum. Tas gab dem Ganzen einen mystischen Ton. Den Bauern wurde unheimlich zamat. Keiner wagte die Stille zu unterbrechen. Geduldig standen sie, immer in der Erwartung von etwas Gruseligem. Aber ba8 tarn nicht.
(Fortsetzung folgt.)


