Nr. 53 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Freitag, 3. März 1922
Klein-Aentner und Kapitalertragssteuer.
Don ® g Lind, Rechtsanwalt, Grünberg i. H
Rach den §§ 1 und 6 des Kapitalertrags- steuergesetzcv wird von den Erträgen aus Kapitalvermögen eine lOvrozentige Steuer erhoben. Als Ertragssteuer berücksichtigt die Kapital ertragssteucr die Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen nicht. Sie würden, da eine Anrechnung der Kapitalertragssteuer auf die geschuldete Eiii- koiNmensteuer grundsätzlich nicht slattsindet. den Großkapitalisten und den kleinen Rentner in gleichem Maße treffen. Zum Schuh der kleinen Rentner und Pensionäre gestattet aber der § 44 des Einkommensteuergesetzes als AuSnahmefall die Anrechnung der entrichteten Kapitalertragssteuer auf die Einkommen st euer ivenigstens in gewissen Grenzen. Durch die Rovelle zum Einkommensteuergesetz vom 24. 3. 21 ist die Anrechnungsbefugnis erweitert und durch eine weitere Aenderung vom 2D. 12. 21 ist sie noch vereinfacht und verbessert worden. Die Rovelle vom 24. 3. 21 kommt bereits für das Steuerjahr 1921 in Betracht, während die weitergebenden Vergünstigungen erst mit dem 1- 1. 22 in Kraft getreten sind, also erst auf das Sleuerjahr 1922 Anwendung sinden.
Die Anrechnung der entrichteten Kapitalertragssteuer (Ivprozentiger Zinsabzug) auf die Einkommensteuer ist jedoch an drei Voraussetzungen geknüpft:
1 Die von dem Steuerpflichtigen zu entrichtende Kapitalertragssteuer muh in einem Kalenderjahr mindestens 5 Rlk. betragen. Dem Steuerpflichtigen ist die von seiner Ehefrau und seinen Kindern zu entrichtende Kapitalertrags- steuer anzurechnen, wenn deren Einkommen mit dem feinigen zusammengerechnet worden sind
2. Ter Steuerpflichtige muh entweder über KVZahrealt oder erwerbsunfähig oder nicht bloß vorübergehend behindert sein, seinen Lebensunterhalt durch eigenen Erwerb zu bestreiten. Wird bei Ehegatten das Einkommen der Frau dem des Mannes hinzugerechnet, wie dies gewöhnlich ge- chieht, so ist die Voraussetzung des Alters gegeben, wenn der Mann über 60 Jahre alt ist. Ebenso ist es auch bei der Erwerbsunfähigkeit. Dah beide Ehegatten über 60 Jahre oder erwerbsunfähig sind, ist nicht erforderlich. Die gegenteilige Auffassung würde m. E. verkennen, doch ein über 60 Jahre alter Rentner darum des Schutzes des § 44 nicht weniger bedürftig ist, wenn seine Frau dieses Alter noch nicht erreicht hat. Die Voraussetzungen des Alters und der Er», werbsverhältnisse liegen für das Steuerjahr dann vor, wenn sie am Schluß des Jahres vorliegen. Ist jemand am Schluh des Jahres, für das die Steuerveranlagung erfolgt, 60 Jahre alt oder erwerbsunfähig, so nimmt er an der Vergünstigung des § 44 teil.
Erwerbsunfähig ist schon. wer außerstande ist, auch nur einen Teil seines Lebensunterhalts zu verdienen. Wer nicht fetnert vollen Lebensuirterhalt durch erwerbende Tätigkeit zu decken vermag, wird als „nicht bloh vorübergehend verhindert, seinen Lebensunterhalt durch eigenen Erwerb zu beflreiten“ zu gelten haben. Hierunter fällt auch die alleinstehende Frau oder Witwe, die durch die Leitung des Hauswesens oder durch Kindererziehung verhindert ist, durch eigenen Erwerb ihren Lebensunterhalt zu ermöglichen: ebenso derjenige, der zwar seinen eigenen Unterhalt bestreiten kann, aber nicht auch denjenigen von Personen, zu deren Unterhalt er kraft Gesetzes verpflichtet ist.
3. .Weiter ist erforderlich, dah sich das Einkommen „hauptsächlich" aus „Kapitaleinkommen" und „Warlegeldern", „Ruhegehältern, Witwen- und Waisenpensionen und anderen Bezügen oder geldwerten Vorteilen für frühere Dienstleistungen oder Berufstätigkeit" zusammenseht. Ob ein Einkommen sich hauptsächlich aus Kapitalein- kvmmen und Pensionen usw. oder aus einer dieser Einkommensart zusammenseht, ist von Fall zu Fall von der Steuerbehörde zu prüfen. Jedenfalls jft der § 44 auch anwendbar, wenn es sich nur 'um Kapitaleinkommen ohne den Bezug von Pensionen handelt: es darf nur ein anderweites Einkommen, z. D. Einkommen aus Arbeit, entweder überhaupt nicht oder nur in unwesentlichem Umfang vorhanden fein.
Liegen die Voraussetzungen zu 1—3 vor, so wird die Kapitalertragssteuer auf die Einkommensteuer angerechnet. Jedoch bedarf es eines besonderen Antrags auf Anrechnung bei der Steuer
Die Pforte öes Paradiese;.
Roman von Ingeborg Dollquartz. Berechtigte Nebersetzung aus dem Dänischen.
1. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Ein volles Jahr lang hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, es werde ihr dies gelingen. Wenn er in der altmodischen Stube ihrer Eltern sah. immer auf bemfelben Stuhl, während sie ihm immer dieselben Stücke vorsptelte — Sonaten von Mozart, kleine Stückchen von Rameau und derartige Dinge, die auf einem alten Klavier noch zum Klirrgen gebracht werden konnten, wie glücklich war sie da gewesen. Sie hatte em Gefühl gehabt, als werde er von der Last, die ihn drückte, befreit, wenn er tn ihrer Rähe war.
Ja, obgleich er es nie mit einem Worte gesagt hatte, so war sie sich doch längst bewußt, dcch er sie liebte.
Sie verstand es nicht, zu kokettieren, daß sie im selben Augenblick, wo er sie darum bat, die Seine war.
Und warum bat er sie denn nicht darum?
Warum flüchtete er vor ihr?
Warum sollten sie beide unglücklich werden?
Ja, sie wußte es wohl, daß der große, starke Marrn zuzeiten von einem Trübsinn gemartert wurde, den er nicht zu bekämpfen vermochte.^ Er hatte ihr von seiner traurigen Kinderzeit erzählt, von seiner beklagenswerten Mutter, der er, ihr einziges Kind, nachschlug, wie er meinte. Als ein großer drohender Schatten war ihre Schwermut auf Haus und Heimat und seine ganze Jugendzeit gefallen. Unablässig hatte sein Vater über seiner Frau gewacht. Als zur Pflege feiner Mutter eine Wärterin ins Haus genommen warde. war er selbst in eine Kostschule geschickt worden. Rur in den Ferien hatte er seine Mutier noch gesehen, aber niemals vergaß er ihren bangen, kummervollen Blick. Dann bekam er eines Tages einen Brief mit der Rachricht, sie sei in eine
behörde. Dieser Antrag kann auch noch nach Zahlung der Einkommensteuer gestellt werden und ist dann auf „Rückerstattung zuviel gezahlter Einkommensteuer ' 511 richten
Rach dem Gesetz vom 24. 3. 21, das für das Steuerjahr 1921 in Betracht kommt, erfolgt die Anrechnung der Kapitalertragssteuer prozentual je nach der Höhe des Einkommens. Die Anrechnung erfolgt bei einem Einkommen
bis zu 5 000 Mark in Höhe von 100 Proz.
. . 6 000 ..... 90 „
. . 7000 ...... 80 ..
„ „ 8000 , , „ „ 70 „
, „ 9 000 60 ..
, . 10 000 ...... 50 ..
. . 11000 40 ..
. . 12 000 ...... 30 „
. . 13000 20 ..
„ „ 14000 ...... 10 „
Das Gesetz vom 20. 12. 21, das aber erst für das Steuerjahr 1922 Anwendung findet, hat diese Sähe vereinfacht und verbessert. Bei Einkommen bis zu 10 000 Mark wird die Kapitalertragssteuer mit 100 Proz., also voll angerechnel: bei Einkommen von 10 000 Mark bis 20 000 Mark mit 50 Proz., also zur Hälfte .
Wenn sich herausstellt, daß ein Steuerpflichtiger überhaupt keine Einkommensteuer zu entrichten braucht oder daß der anrechnungsfähige Betrag der gezahlten Kapitalertragssteuer die von dem Steuerpslichtigen zu entrichtende Einkommensteuer übersteigt, so wird nach 8 44 Abs. 3 der anrechnungsfähige Betrag bar erstattet. Hat jemand, der berechtigt gewesen wäre, die Anrechnung der von ihm gezahlten Kapitalertragssteuer zu verlangen, aus Unkenntnis oder versehentlich die volle Einkommensteuer bezahlt, so hat trotzdem ein Erstattungsanspruch, wenn noch nachträglich ein solcher Antrag gestellt wird.
Der Erstattungsanspruch erlischt nach § 130 Reichsabgabenordnung, „wenn er nicht bis zum Schluß des Jahres geltend gemacht wird, der aus das Jahr folgt, in dem die den Erstattungsanspruch begründenden Ereignisse eingetreten sind".
ileber die Anrechnung und Erstattung der Kapitalertragssteuer auf die Einkommensteuer der Heinen Rentner usw. wird im Deschwerdever- sahren entschieden. Die Beschwerde ist einzureichen beim Finanzamt, gegen dessen Bescheid man sich beschweren will. Will das Finanzamt der Beschwerde nicht stattgeben, so muß es dieselbe dem Landesfinanzamt vorlegen, das endgültig entscheidet.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 2. März. 1922.
Die Interpellation der Deutschen Volkspartei auf eine
bessere Versorgung der Kriegsbeschädigten und der Kriegshinterbliebenen
wird laut einer Erklärung der Regierung dahin beantwortet, dah die für den Monat März bisher gewährten Teuerungszuschüsse verdoppelt werden sollen. Cs folgt die 2. Beratung des Haupt- ausschusses des Reichsschahministeriums.
Abg. Stück!en (Soz.) betont, das Schahministerium fei immer als ^lebergangsbehorde betrachtet worden. Wenn der Reichsrat aber dem Ministerium nur noch eine halbjährige Lebensdauer gewähren wolle, so fei das eine bedenkliche Lösung. Die bedauerliche bleberfülle von Behörden sei eine zwangsläufige Folge des Friedensvertrages. Der Betrieb könnte aber durch Zusammenlegung von Verwaltungen vereinfacht werden. Darum sei im Ausschuß eine große Zahl von Stellen gestrichen worden und darauf möchten sich auch andere Ministerien gefaßt machen. Redner protestiert sodann gegen das Auftreten der französischen Militärkommissionen im Rheinlande, die gegen den Schulunterricht eingegriffen haben, weil er nicht dem Geist der Dölkerversöhnung entspräche und erhebt Einspruch gegen die Anlage teuerer Truppenübungsplätze auf Deutschlands Kosten, insbesondere gegen den neuen Flugplatz. Mit dem deutschen Gelde werde von den französischen Generälen geradezu gewüstet. Ihre Wohnungen und deren luxuriöse Einrichtungen würden Milliarden verschlingen. Redner verlangt ein Schiedsgericht mit einem neutralen Vorsitzenden für die Begutachtung derartiger willkürlicher Forderungen. Für diese unsinnigen Ausgaben hätten im zerstörten Frankreich viele Wohnungen gebaut werden können.
Abg. S ch u l z - Dromberg (Dntl.) erklärt, daß der größte Teil der Zuständigkeit des Reichs
schahministeriums von heute ab äuf andere Verwaltungen übergegangen ist. CS genügt nicht, der Hydra diesen oder jenen Kopf abzuschlagen, wir müssen ihr im ganzen zu Leibe geben. Deshalb beantragen wir die Beseitigung des Schatzministeriums.
Abg. Dr. Kremer (D. D.): Die Sparsamkeit muh planmähig einseyen. Dazu ist ein groh- angelegter Resormplan auf der ganzen Linke erforderlich. Die Sparsamleitsbewegung muh auf alle Ministerien ausgedehnt werden. Redner schildert, wie das Rheinland unter der Willkür der Feinde leidet und nennt es unverständlich, dah die Belgier, die doch 1925 den nördlichen Rhein räumen müssen, heute noch neue Truppenübungsplätze verlangen Er zollt der Regierung Dank dafür, dah sie vielfach schon ungerecht fertigten Wünschen der Gegner Widerstand geleistet hat. Im Arbeitsgebiet des Schahministeriums sind böse Korruptionsherde vorhanden. Redner erinnert an die Fälle Finkmüller und Mor- wilius. Was die Beteiligung des Reichs an Industiieuntersuchungen betrifft, so dürfe das Reich nicht die Grenze überschreiten, die durch die Rotwendigkeit einer zweckmäßigen Verwertung deS Reichseigentums gezogen sind. Die Ministerien mühten vermindert werden. Ob man mit dem Schahministerium beginnt, fei allerdings eine andere Frage.
Abg. Lange-Hegemann (Z.) begrüßt den ernsten Willen der Regierung, die Kriegs- gesellschasten abzubauen. Redner äußert Bedenken gegen die geplante Umwandlung der De- kleidungssähe und gegen die Reichsvermögensverwaltung, deren Geschäftsgebahrung wenig erfreulich fei, wenn es sich um den Ersah der Be- sahungskosten der rheinischen Bevöllerung handle. Diese Verwaltung müßte dem Staatssekretariat für die befehlen Gebiete angegliedert werden. Die immer größer werdenden Lasten feien von der rheinischen Bevölkerung auf die Dauer nicht zu ertragen. Das gesamte deutsche Volk müsse mit der rheinischen Bevölke'-ung zusammenstehen. (Beifall.)
ReichSschatzmmister Dauer:
Die Reichsregierung ist bemüht, die Leiden der rheinischen Bevölkerung zu mildern gegen Miheingriffe einzelner Beamten. Bei der Reichs- vermögensvcrwaltung im Rheinland wurde eingegriffen. ' Eine allgemeine Verurteilung ist aber nicht berechtigt. Mich werden die Rheinländer bei der Stellendesehang genügend berücksichtigt. Für die Behebung der Wohnungsnot habe ich mich mit den rheinischen Gemeinden verständigt, es ist aber schwer, alle Wünsche zu erfüllen, da es nicht nur an Baumitteln, sondern auch an geeigneten Arbeitern fehlt. Auch mit den Besah ungsbehörden ist der Präsident der Reichsvermögensverwaltung hinsichtlich der Forderungen der Besahungstruppen zu einer Verständig ing gelangt. Eine 'Beseitigung des Schahministeriums würde die Lage mir noch komplizierter machen. Es würde genügen, wenn die Regierung an der Vereinfachung der Verwaltung arbeitet. Auch die Kriegsgesellschaften sind erheblich abgebaut worden. Für die ilebelstände bei ihnen ist nicht die Republic verantwortlich, sondern die frühere kaiserliche Regierung. Wie während des Krieges gearbeitet wurde, das stinkt zum Himmel. Redner nimmt alsdann die Beamten beim Ministerium gegen den Vorwurf in Schuh, an den Korruptionserscheinungen beteiligt gewesen zu fein. Die Beamten hätten sich als durchaus zuverlässig und pflichtgetreu erwiesen. Auch die Fälle Finkmüller und Morwilius hätten mit den Beamten beim Ministerium nichts za tun. Die Rachprüfung des Arbeitsgebietes von Morwilras habe ergeben, daß er tadellos gearbeitet und feine ünrcgelmäbigfciten begangen habe. Daß er durch eine Weibergesellschaft ms Unglück gestürzt wurde, konnte man nicht wissen. Ter Gedanke der Einstellung eines Sparsamkeitskommissars muß Heiterkeit erregen. Sparsamkeit kann nur erzwungen werden durch den Frnanzministrr und den Reichstag. Ich bitte um Ablehnung des Antrages auf Beseitigung des Schatzministe- rramä.
Abg. Gothein (D.) sieht den Weg zur Vereinfachung der Verwaltung nicht in der Streichung eines Ministeriums, sondern in der Beseitigung der Leerlaufarbeiten. Auch der Reichstag kann nicht die Streichung von Beamtenposten vornehmen, dazu bedarf es der Mitarbeit des Ministers. Es wäre voreilig, heute den deutsch- nationalen Antrag anzunehmen, aber der Abbau muh reiflich vorbereitet werden. Vielleicht erweisen sich auch das Ernährungsministerium und Wiederaufbauministerium als abbaureif. Eine
Rervenheilanstalt gebracht worden, und dort hatte sie nach einem halben Jahr ihrem Leben selbst ein Ende gemacht.
Im Jahr daraus hatte sich der Vater mit der Wärterin verheiratet, und nach der Geburt von zwei Geschwistern, einem Bruder und einer Schwester, war die Heimat für Jens Borris, der sich mit der Zeit durch die Einsamkeit in immer engere Kreise einschlleßen ließ, ganz fremd geworden.
Vor etwa anderthalb Jahren hatte er sich bei Ingers Eltern ein gemietet. Es hatte lange Zeit gedauert, bis Ingers Vater den ernsthaften Hauptmann Borris dazu vermocht hatte, im Familienkreise zu erscheinen: aber nachdem es einmal geschehen war, hatte er sich sehr an sie alle angeschlossen und war beinahe täglich gekommen — bis zu dem Tag, da Inger in seinen Augen las, daß ihre Liebe erwidert werde.
Inger zog ihr Taschentuch heraus and wischte sich verstohlen die Augen. Dann stand sie auf und trat aus der Heinen Ecke, worin die Bant stand, wieder auf den Weg hinaus und, von Tränen geblendet, wie sie war, lief sie beinahe dem Mann in die Arme, an den sie eben gebadjt hatte.
„ Fräulein Inger — sind Sie es?" rief er.
„Ich meinte. Sie seien abgereist, Herr Borris," sagte sie und machte gar keinen Versuch zu verbergen, wie froh sie war, ihn zu sehen. Er sagte kein Wort, sondern starrte sie nur an, während es sonderbar um seinen Mund z ickte.
„Ich muß Ihnen noch für Ihren Brief danken," sagte Inger und versuchte za lächeln.
„Daß wir uns doch noch einmal Wiedersehen!" sagte Jens Borris langsam und teile.
„Warum sagen Sie das mit so betrübter Miene?" flüsterte Inger. „Sie wissen ganz gut, daß wir uns so oft sehen können, als Sie selbst wollen."
.Liebe Inger — ich bin ein alter Mann —
jawohl, alt — im Vergleich mit Ihnen — doppelt so alt als Sie."
„Ist man alt, wenn man achtunk^reißig ist?"
„Ja, wenn man eine Gemütsanlage hat wie ich. Sie wissen gar nicht, liebes Kind, wie mutlos ich fern kann: glauben Sie denn, eS gäbe irgend etwas auf Erden, das ich lieber möchte, als Sie bitten — die Meine zu werden?"
„Aber warum tun Sie es bann nicht?"
Diese ungeduldigen Worte waren Ingers Lippen entflohen, otnie daß sie wußte, wie.
„Kind, das habe ich Ihnen ja schon gesagt," erwiderte er traurig. „Weil ich es nicht wage, weil ich es für allzu schlecht von mir hielte, wenn ich Ihre lichte Jugend an meine Schwermut fetten wollte."
„Ha, wenn das nun aber eben mein Glück wäre, Herr Borris?"
Sie hatten sich zusammen wieder auf die Bant gesetzt: er stützte die Hände auf seinen Stock und schaute zu Boden.
„I^ Wlück?" wiederholte er, und fein Ton trat so getränkt von Liebe, daß Inger nahe daran war, zu weinen. „Ihr Glück gerade darum kämpfe ich ja. Ihnen das zu retten.“
„Sie wissen gut, Herr Borris, daß es für mich" kein Glück mehr gibt, wenn Sie von mir gehen. ,
Liebe liebe Inger, warum machen Sie es mir "so schwer!" flüsterte er.
Es hat doch keinen Sinn, daß wir beide unglücklich werden sollen, weit Sie ängstlich sind und keinen Lebensmut haben. Gerade Sie können es nicht ertragen, Ihr Leben in Einsamkeit zu verbringen." r
„Es handelt sich nicht am mich, sondern um Sie," wandte er leise ein.
' „Loch, und Sie sehen, daß ich habet bleibe. Sie zu bitten, mich nicht aus Rücksicht auf mein Glück von sich zu weisen."
Sie zwang sich zu einem Lächeln, allein es standen große Tränen in ihren Augen.
zentrale Reichsbauverwaltung können wir nicht entbehren, aber trotz aller anerkennenswerten Arbeit aus deren Gebiete dürfen wir unS nicht der Illusion hingeben. als ob lum 'Beispiel auS den deutschen Werten in absehbarer Zeit größere Einnahmen erhielt werden können Redner Wendel sich ebenfalls gegen die übertriebenen BesatzungS- kosten, die es uns unmöglich machen, Reparationsleistungen auSzuführen.
Damit schließt die allgemeine Aussprache.
Rach persönlichen Auseinandersetzungen zwischen den Abgeordneten Schulz und Gothein. der den ersteren einen Schädling und Feind deS deutschen Volkes genannt hatte, wird die 'Weiterberatung auf morgen nachmittag 2 il&r vertagt.
Schluß nach 6 Uhr.
*
Berlin, 2.März. (Wolff.) Der Haupt» a u S s ch u ß des Reichstages nahm einen Zen- trumsantrag auf Einsetzung eine» parlamentarischen Beirats für Dildungsf ragen der Soldaten an.
Berlin, 2. März. (Wolff.) Der Unterausschuß des Geschäftsordnungsausschusses des Reichstages beschäftigte sich in den letzten Tagen mit den Ordnungsbestimmungen für die Plenarsitzungen und kam zu dem Ergebnis, daß diese Bestimmungen verschärft werden sollen und daß unter Umftänben über einen Abgeordneten auch die Strafe des DiätenabzugeS verhängt werden soll.
Dergin, 2. März. Dem Reichstag gjng vom 35. .Ausschuß der Entwurf des Senn» wettgesetzes zu, der nur einige geringfügigen Aenderungen gegenüber seiner ursprünglichen Fassung enthält. Reu ist, daß die Buchmachererlaubnis nur an deutsche Reichs angehörige erteilt werden darf. Die Buchmacher und ihre Beauftragte haben bei der Ausübung der Wettätig- feit Abzeichen zu tragen. Cs dürfen bei den Buchmachern nur Wetteinsätze von mindestens 300 M. angenommen werden.
Neue Anträge im Hessischen Landtag.
Die Zustände an den Dezrrkskasfen.
Die Abgg. D i n g e l d e h und Dr. Osann (Dtsch. Dpt.) haben folgenden Antrag im Landtag gestellt:
Der Geschäftsverkehr an den Bezirks- taffen, insbesondere in den größeren Städten, ist zur Zeit ein durchaus ungeregelter; das Publikum und die Interessenten werden nicht befriedigt, und es spielen sich an den Kassen stürmische Austritte ab. Insbesondere hat in Darmstadt die Behandlung des Publikums, das stundenlang auf Abfertigung warten muh, große Erbitterung hervorgerufen. Wenn auch jetzt eine Trennung einzelner Abteilungen der Bezirkskasse stattgefunden hat, so sind die ilcbelftänbc immer noch nicht behoben. Wir beantragen, der Landtag wolle die Regierung ersuchen, bei der ReichS- regierung dringend auf alsbaldige Abstellung dieser Mängel und Schäden entschiedenen Antrag zu stellen.
Die Dienstbezüge der oberen Beamten klassen.
Die Abgg. Dingeldeh und Dr. Osann beantragen im Landtage ferner: Der Landtag wolle unter Aufhebung des Beschlusses des Finanzausschusses vom 15. Februar 1922, wonach der Teuerungszuschlag nur denjenigen Beamten und Lebrern gewährt werden soll, deren Grundgehalt den Betrag von 50 000 MI. nicht erreicht, die Regierungsvorlage wieder Ijerft eilen. Zur Begründung wird ausgesührt: Schon in den Beratungen des Finanzausschusses wurde von unS auf die Unbilligkeit des Antrags Widmann hin- gewiesen, der oyne dah dabei zugunsten des Landes irgendwelche Ersparnisse eintreten, den Beamten der oberen Besoldungsklassen die Teuerungsbeihilfen streichen will. Inzwischen aber sind neue Tatsachen eingetreten, die eine Abänderung des Beschlusses des Finanzausschusses dringend erheischen:
1. In der Sitzung des Preuhischen Landtags vom Freitaa den 24. Februar wurde eine entsprechende Vorlage der preuhischen Regierung verabschiedet, die den Staatsbeamten und Lehrern ohne Unterschied der Besoldungsklasse entsprechend den Beschlüssen des Reichstags den Teuerungszuschlag zugute kommen lassen will. Bei Beratung Der Vorlage gaben die vier Koalitionsparteien (Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokratische Partei, Mehrheitssozialdemokraten) eine Erklärung ab, wonach sie der Regierungsvorlage un'oeränbert zustimmen, um eine unbillige Zu-
„Liebes Kind!" flüsterte er und ergriff ihr? Hand.
„Ich weih Wohl," fuhr sie fort, während sie mit ihrer freien Hand ihr Taschentuch hervorholle und sich die Augen trocknete, „ich weiß wohl, daß es sehr zudringlich von mir ist. Sie immer wieder zu bitten, mich zu nehmen."
„Mich bitten, Sie zu nehmen!" wiederholte er und drückte ihre Hand, und jetzt waren es seine Augen, die sich mit Tränen füllten.
„Ja, es ist gewiß eines Mädchens unwürdig, sich so zu benehmen, wie ich es tue," fahr sie fort. „Aber ich habe mich nie aufs Kokettieren verstanden, und ich kann durcha is nicht daran denken, ob es recht oder schlecht von mir ist, aber von dem Augenblick an, wo ich wußte — daß Sie mir gut sind — weil -" Sie stockte und schaute zu ihm auf, und er nickte ernsthaft und drückte ihr die Hand. „Ja, von dem Augenblick an habe ich das Gefühl gehabt, als müßte ich immer wieder mit Ihnen reden, um Sie zu überzeugen, daß wir beide gar nicht voneinander lassen können. Wir zwei gehören zusammen, was auch das Leden uns bringen mag."
„Wenn ich es nur wagte, liebe Inger, — wenn ich es nur wagte!"
„Ich wage es für uns beide!" erklärte sie, und ihre junge freudige Stimme war voll Mat und Stärke. „Ich wage es, den Kampf mit der Schwermut, von der Sie immer reden, aufza- nehmen."
„Ach. Sie wissen gar nicht, was Sie lagen?" brach er etwas heftig ab. „Sie ahnen gar nicht, was das für eine finstere Macht ist."
„Toch — ich weiß es vielleicht besser, als Sie glauben. Man wird hellsehend, wenn man einen Menschen so lieb hat, wie ich Sie. Ich bin immer unruhig gewesen, wenn Sie von mir waren."
(Fortsetzung folgt)


