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Dienstag, 5. Januar 1922

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Druck und Verlag: Vriihl'fche Univ.-Vuch- und Zteindruckerei H. Lange. Schriftleltung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstratze 7.

finanziellen Derpslich

t u n g e n pflegt sich im allgemeinen auf die R e

zu--

ankommen. L o u ch e u r wird 24 Stunden früher dort eintreffen. Donar Law und Sir Wor-

Nr. 2

Der Slrtzener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonn» u»i) Feiertags. Monatliche Bezugspreise: MK. 9.50 einschl. Träger» »ohn, durch die Post Mit. 10.- einichl. Bestell» gelb, auch bei Nichterschei­nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fern sprech-Anschlüsse: siirdieSchriftleitung 112; für Druckerei, Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach» richten: Anzeiger Siesten.

vostschecttonts:

Frankfurt a. M. 11686.

die Reparationen gelingen möge, eine ge­sunde Grundlage zu finden, die für Deutschland eine dauernde wirt­schaftliche und politische Stabili­tät und für die Alliierten die Gewißheit regelmäßiger Zahlungen sicherstellt.

Ist dies einmal geschehen, so ist der Weg eröffnet für die konstruktiven Ueberlegungen der anderen Staaten. Das amerikanische Volk will und wird niemals abseits bleiben, wenn es sich darum handelt, an diesen künftigen Maßnahmen teilzunehmen; aber es kann daran nicht eher mit Aussicht auf Erfolg teilneh- men, bis nicht zuvor diejenigen, die über die Reparationen zu bestimmen haben, diese grundlegende Frage derart auf einer gesunden wirtschaftlichen Basis gelöst haben, daß wir mit Zuversicht auf die Zukunft Europas blicken können.

Abgesehen von den Staatsfinanzen in einer Anzahl von Ländern sind die Aussichten recht ermutigend. Jeder Aeberblick über die soziale Lage in Eutopa wird ergeben, daß die Gefahr desBolschewismusvor- ü b e r ist, teils wegen der gebesserten Lebens­haltung und teils wegen der heilsamen Lehren von Rußland her.

Die privaten Krediteinrichtunqen der Welt haben ihre Eignung und Fähigkeit erwiesen, den internationalen Handel und Kredit auf­recht zu erhallen, ausgenommen in genen Ge­bieten, wo die Demoralisation der Währung schon so weit fortgeschritten ist. Doch bestehen einige zwecklose Schranken für den ungehin­derten Heilungsprvzeß des Handels in Ge-

anderen Titeln des Vertrages hmzukrirn- rnen. Abgesehen von dm fortlaufenden Zahlungs­verpflichtungen, die sich für das Reich aus dem Ausgleichsverfahren ergeben, kommen in erster Linie die Schadenersahsummen in Be­tracht, die dem Reiche für die während des Krieges gegen das feindliche Privateigentum in Deutschland getroffenen Maßnahmen abverlangt und von den verschiedenen gern schien Schieds- gerichtshöferi festgesetzt werden Die bei diesen Schiedsgerichtshösen eingeklag:en Summen gehen schon jetzt nicht etwa in die Millionen, sondern weit in die Milliarden. Dazu kommen aber neuerdings noch die von verschiedenen alliierten Ländern auf Grund einer besonderen Bestimmung des Vertrages von Versailles erhobenen Schaden- ersahforderungen für solche deutschen Maßnah­men, die in der Zeit zwischen dem 31. Zuli 1914 und dem Tage des Eintretens dieser Länder in den Krieg getroffen worden sind. Es handelt ich dabei um die Länder, die in den Weltkrieg erst später eingetreten sind. Um einen Begriff von der Höhe dieser Ansprüche zu geben, mag nur er­wähnt werden, daß z. D. Portugal süc bicic Zeit einen Schadenersatz in Höhe von nicht weniger als rund 31/4 Milliarden Goldmark fordert.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Hoover über die europäische Wirtschaftslage.

Sine Botschaft zur Jahreswende.

(F. P. S.) In Beantwortung vieler An­fragen, die an das Handelsdepartemcnt über die gegenwärtige wirtschaftliche Lage Europas ergangen sind, hat H v 0- Der in seiner Eigenschaft als Handelssekretär sich wie folgt geäußert:

Die wirtschaftliche Wiedergesundung Europas geht notwendigerweise langsam und schwierig vvnstatten. Jahr um Jahr seit dem Waffenstillstand gelangen die im Krieg ge­standenen Staaten, einzig Rußland ausge­nommen, in politischer wie sozialer Beziehung zu stabileren Verhältnissen; sie weisen große Fortschritte auf im Wiedererstarken ihres Ackerbaus, ihrer Industrien, ihres Außenhan­dels und ihres Verkehrs. Zusehends ver­schlimmern sich lediglich die Staats- finanzen; hier handelt es sich um unaus­geglichene Budgets und die daraus folgernde Inflation usw. in bestimmten Ländern mit der weiteren Folge der Vernichtung des Kre­dits. Der ganze Welthandel leidet offenkundig recht bedenklich unter diesen Uebeln der staat­lichen Finanzen, deren Wirkung sich auch über die Grenzen der hauptsächlich betroffenen Staaten hinaus fühlbar macht.

Am stärksten und am gefährlichsten ist dieser Zustand der Inflation in Deutsch­land. Im Fall Deutschlands hängt alles ab von der Methode und dem Umsang der Reparationszahlungen. Da die Vereinigten Staaten weder an der Festsetzung noch an dem Empfang der Zahlungen beteiligt sind, ver­fügen wir weder über eine Stimme noch über das Recht zum Eingreifen. Auf jeden Fall ist diese Angelegenheit eine in besonderem Sinne europäische und sie muh von den inter­essierten Teilen geregelt werden.

Cs ist aufs Ernstlichste zu hoffen, daß es in den derzeitigen Verhandlungen über

stalt künstlicher Hindernisse zwischen den neuen Staaten. Im allgemeinen aber ist ein Fort­schritt im Gange und die Probleme, die noch zu lösen sind, werden zunehmend weniger umfänglich und ihre Lösungen werden nehmend besser erkannt."

Annahme oon Anzeigen für die Tagesnummer big zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit, preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm'Breite örtlich 70 Pf., auswärts 90 Pf.; für Reklame? Anzeigen oon 70 mm Breite 3 OPf. Bei Platz. Vorschrift 20Aufschlag. Haupischriftleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Giehen.

Die finnisch-russi sche Apanvuna.

Stockholm, 2. Ian. Die schon seit Wochen bestehende Spannung in den finnisch russischen Beziehungen wegen Ostkarelien hrl sich in te.x letzten Tagen wieder erneut verschärft. Kriegsgefahr besteht aber, wie b:t:nt werben must, nach wie vor nicht. Die Svw;eiregierrng yat ihre Vertretung in Helsingfors angewiesen, die Verhandlungen wegen des Ci t r s iranischer Waren einzustellen; aubertem hat s e die rus­sische Flüch tlingskommi l's ion in Wr° borg zurückgerufen und ii' f.nni'che Re­gierung ersucht, auch die sinn s he Flü^tling?- kommission in Petersburg Ynmzi b.ruse i. Mit dem Boykott finnischer Ware n tr fft bie Sowietregierung d e veiwu ndbar e St lle Finn­lands Trotz, em hat es im v.rgang' r.ea Iahre immerhin für 80 Millionen finnische Mart Ware nach Rustland verkaufen können.

Die finnische Regierung beeilt sich darum jetzt auch, Schritte zu unternehmen, d.e die Sowietregie.u g beschwichtigen sollen. Si> hat zwei Mitglieder der sogerann en kare­lischen Regierung aus H I ngforS au gewiesen und sucht auch dem Nationalist.s Yen Runnnel Zu­gel anzulegen. Tie Lage in Ostkarelien hat sich wenig geändert. Rach einer Uli Heilung Trotzkis ist die Murmanbahn vollständig in ien Händen der Sowrettruppen. Ihr Versuch, Iaervi z.nuck- zueroberm, ist aber laut finnländischen Gerüchten fehlgeschlagen.

Moskau, 2. Ian. (Wolfs. Durch Funr- spruch.) In einer Rede auf dem 9. allrussischen Rätekvngretz sprach Trotzki über de Ci .falle Weißgardistischer Banden in Karelien, in der Ukraine und im äustersten Osten. Er sag e, oie Lage zwinge dazu, die Demobilisierung einzu st eilen und den Winter zur Hebung der Hauptfähigkeil des Heeres zu verwerten. Im Frühjahr werde Rustland jed r Eventual! ät ge­wachsen sein, aber die Regierung wünshe fest und aufrichtig den Frieden. Rach der Rede Trotzkis erklärte Rakowski ramerd aller fö­derativen Sowjetrepubliken, dast sie mit den von der russischen R g crung ergri feien Matz- nahmen zur Verteidigung des Räte­systems gegen die zahlreichen Angriffe von innen und austen einzusehen seien.

Unterzeichnung^ cs Danzig-polnischen Wirtschaftsabkommens.

Danzig, 1. 3an. Nachdem der Volks- tag auch in der dritten Lesung hen Rati- fizierungsbeschluß aufrechterhalten hatte, er­folgte Samstag die Unterzeichnung der Ratifizierungsurkunde des Danzig-pol­nischen Wirtschaftsabkommens nebst Zusatzvertrag über Zvllerleichterungen. Strittig bleibt jedoch noch die Frage des In- krafttretens des neuen Abkommens. Die polnische Regierung ist nach Zeitungsmeldun­gen entschlossen, mit dem 1. Januar die rm Abkommen vorgesehene Zollunion durchzufuh­ren. Da jedoch nach der Verfassung ein Dan­ziger Gesetz erst durch amtliche Bekanntgabe in Kraft tritt und daS Amtsblatt erst am kommenden Samstag erscheint, kann man über den Termin verschiedener Auffassung sein. Das ist insofern bedauerlich, als die Erhebung ode; Richterhebung von Zöllen für das gesamte Wirtschaftsleben von größter Bedeutung und eine eindeutige Auffassung gerade in sol­chen Fällen unbedingt notwendig ist.

DerDeutsch DanzigerOptionsvertrag

Berlin, 2. Ian. (Wolff.) Der amtliche Preußische Pressedienst teiti mit: Wie aus viel­fachen Anfragen hervorgeht, herrscht in der vej sentlichkeit immer noch keine Klarheit darüber, für welche Personen eine Option auf Grund des Deutsch-Danziger Optionsvertra-

auSgearbeitet werden, das auch bie Höhe der Be­teiligungen festzusetzen hat. In Aussicht genom­men ist, dast Dreiviertel des Gefelchaßs- lapitals zu gleichen Teilen von England, Amerika, Frankreich und Deutschland, der Rest von Italien und Belgien und evtl, auch von Holland und der Tschechoslo­wakei aufgebracht werden soll.

Die erste Aufgabe des Konsortiums soll die Reorganisation der Eisenbahnen, der Häfen und der Schiffahrt in den östlichen Ländern Europas fein, die die Vorbedingung ist für die Wiederingangsehung der Industrien. Die ausz.lführenden Arbeiten und die industriellen Lieferungen sollen auf die einzelnen Länder nach dem Matzstabe ihrer Beteilt u ig an dem inter­nationalen Konsortium verteilt werden. Der Sih der Gesellschaft soll London sein.

London. 2. Ian.Daily Telegraph" be­tont, datz das unsch.iabare Kommunique'der al­liierten Wirtschaftsleute die Prinzip e.l w.ch k.e Entscheidung enthalte, dast Deutschland und andere Fcindstaaten gemätz dem englischen Dor- chlag in das beabsichtigte Finanzkonsor­tium aufgenommen werben. Ferner stellt das Blatt fest, datz jede Bezifferung des projektierten Anfangskapitals vorerst berfrüLt sei;übri­gens sei eine spätere Erhöhung selbstver­ständlich. Das Blatt glaubt, datz die Donau- ftaaten zuerst das Arb i.sseld abgeben werden.

Wie die Blätter feststellen, steht die Frage, welche Währung für das Kapt al gewählt Werre, noch offen. Die Dienstrarmachung der Hälfte der deutschen Anteile für die Reparation wird be- grützt, jedoch werden D.denken g:gen eine di­rekte Beteiligung der deutschen Regierung geltend gemacht, weil auch die übrigen Länder nicht direkt durch ihre Regierungen Mitwirken, son­dern nur durch Privalkapital beteiligt seien.

thington Evans sind bereits mit Lloyd ®e-| orge und Winston Churchill in Cannes _ -

- aufgeburdeien

zusammengetroffen. Die Außenmitglieder der eng­

lischen Delegation werden heute erwartet. Sie | - v , ,,, K

japanische und belgische Delegation sind Pa rat ro ns la st en zu beschranken. ES wird für Donnerstag angesagt. Briand und Lloyd meistens vergessen, datz zu den Reparavonszah- George werben am Mittwoch und Donnerstag langen, den bekannten 132 Milliarden Goldmark Vorbesprechungen haben. Die offizielle Tagung noch ganz b e_t r achtliche_Zahlungen a"s des Obersten Rates wird am Freitag, dem!

Kehraus in Washington?

London, 2. Januar. Reuter meldet au.S Washington, die Konferenz nähere sich ihrem (5nde. Man erwarte, daß noch zwei Vollsitzungen abgehalten werden. Eine werde die bezüglich der Marinefrage, die an­dere die bezüglich des Fernen OstenS noch un­erledigten Punkte regeln. Es scheine, daß der 1 4. I a n u a r, an welchem Tage Balfour und Lord Lee nach England zurückzureisen geden­ken, als Datums des Schlusses der Konferenz festgehalten werde. Die Marinesachverständl- gen hofften, noch einige Einzelfragen zu er­ledigen. e

PariS, 3. Januar. (WTB.) Rach einer Meldung desRew Bork Herald" aus Washington wird Senator Borah im Senat, sobald über das V i er -Mächte - Abkommen im Stillen Ozean verhandelt wird, einen Abänderungsantrag em- bringen, in dem von den Mächten die Ver­pflichtung verlangt wird, die Rechte und die Souveränität aller im Stillen Ozean inter­essierten Mächte innerhalb eines Jahres wie^ derherzustellen. Falls einer der Beteiligten ge­gen diese Verpflichtung verstoße, würden für die Vereinigten Staaten ihrerseits alle Ver­pflichtungen aus Artikel 2 des Abkommens fvrtfallen. Der Antrag Borah hat, wie das Blatt hinzufügt, zum Zwecke, Japan zu nö­tigen, Schantung und die anderen chinesischen Gebiete, die es augenblicklich im Besitz hat, an China wieder zurückzugeben.

Das internationale Finanzkonsortium.

Aus den Beschlüssen ber Pariser Wirtschasts- kvnferenz sind noch folgende Einzelheiten nach-- zutvagen: .

Paris, 2. Ian. Die Beteiligung Deuts chlanbs wirb mit folgenden Sätzen be­gründet:Allein auf seine Hilfsmittel angewiesen, ist kein Land heute imstande, sich wirtschaftlich zu erholen. Es ist deshalb notwendig, datz alle Rationen und alle sozialen Kl ass en ohne Vorbehalt an dem gemeinsamen Wert teil- nehmen. Auch Deutschland mutz herangezogen werden; denn m ZentLLleuropa stellt es einen Faktor von allererster Bedeutung so­wohl in finanzieller wie in industrieller and -.orn- merzieller Hinsicht dar. Seine Kenntniße und Erfahrungen lassen es für ein Wert dieser Art besonders geeignet erscheinen."

Das Organisationsstatut des z ar wirtschaftlichen Sanierung Rußlands vor- gefehenen internationalen Konsortiums soll von einem englisch-französischen Komitee

Zahlungen zu erleichtern.

Paris, 3. Ian. (WTB.) Wie derMatin" mittcilt, sind de^ b e l g i s ch e M i n i st e r pr as r- bent Theunis und der belgische Außen­minister Iasper heute in Paris angekommen, wo sie mit dem Ministerpräsidenten Briand vor seiner Abreise nach Cannes eine Besprechung haben werden. Sie werden ihm mit 24 Stunden Abstand folgen.

DerMat in" knüpft an diese Rachricht eine nochmalige Auseinandersetzung über die belgische Stellungnahme zu dem angeblichen Vor­schläge Lloyd Georges, während des Iahres Goldmark festzusehen und diese 500 Millionen 1922 die deutschen Zahlungen auf 500 Millionen zusammen mit ber im 3uni gezahlten Milliarde so zu verteilen, daß auf Belgien 750 Millionen entfielen. Es liegt darin, so sagt das Blatt, eine Schwierigkeit, an ber bie Debatten von Cannes, soweit bas Zahlungsproblem für 1922 in Be­tracht kommt, zu scheitern brohen. Allerdings handle es sich dabei um ein Kapitel bei der allgemeinen Regelung ber Reparationen, die man ins Auge fassen will. Die Beteiligung Deutsch­lands an dem europäischen Konsortium, die Zah­lung eines Teiles der Entschädigungen in deut­schen Industriewerten und die Möglichkeit einer internationalen Anleihe, das sind bie neuen Ele­mente. bie den Standpunkt jedes der Alliierten bezüglich der nächstfälligen Zahlungen ändern könnten.

Milttarden-Hystcrie.

Halbamtlich wird mitgeteilt: Die Erörterung Deutschland durch den Vertrag von Versailles

D r ü s s e l, 3. Ian. (WB. ) DerSoir schreibt: D.e b elgischen Delegierten ha­ben auf der Konferenz von Industriellen und Fi­nanzleuten in Paris am Samstag eine ausführ­liche Rote überreicht, in der in deutlicher Weise die Fragen angeg- ben werden, die nach ihrer Auffassung gelöst werden müßten. Die Belgier haben besonders b tont, datz diefrühere Si­tuation" respektiert werden müßte. Es handle sich im vorliegenden Falle vor allem darum, b*b die besondere Lage, die Belgien sich .n Rutz- lanb geschaffen, und wo es seine Interessen auf­rechterhalten habe, geachtet werde.

DerTemps" klagt.

Paris, 2. Ian. (WTB.) DerTemps" bringt heute eine außerordentlich pessimi­stisch gehaltene Betrachtung zur Iah- reswende. Das neue Iahr, in bas Frankreich eintrete, sei auherorbentlich schwierig. Der außen­politische Horitzvnt Frankreichs sei mit dunklen Wolken verhangen. In England, in Deutschland und in Moskau denke man an eine neue Entente,

6. Ianuar, eröffnet werben.

Paris, 2. Ian. (WTB.) DerIntransige- ant schreibt, der französische Premierminister er­klärte von der Kammertribüne:Frankreich wird in Cannes keine einzige der Garan­tien aufgeben, die es in Deutschland besitzt." Da man andererseits selbst in Frankreich neue Ideen kommen spüre, frage man sich neugierig, wie bie französischen Delegierten sich zu den Aenderun- gen, bie zweifellos am Londoner Abkommen vor­genommen werden mühten und den Erklärungen Briands vor dem Parlament stellen könnten. Die Tleberraschung sei um so großer, als schon jetzt mit Ausnahme Belgiens bie vier beteiligten Länder sich grundsätzlich darauf eingestellt hätten, daß Deutschland im Iahre 1 922 nur eine halbe Milliarde Goldmark an Stelle ber vorgesehenen zwei Milliarden bezahlen werde. Auch sei bekannt, baß L 0 ucheuv, in London den Finanzplan auseinandergeseht habe, indem die ge­nannte halbe Milliarde mit der von der Repara­tionskommission schon zugesprochenen deutschen Zahlung vom Iuli vergangenen Iahres zusam­mengelegt würde. So stehe man vor Auslegungs­schwierigkeiten nicht nur in bezug auf den Ver­sailler Vertrag, sondern auch auf bie Abkommen von Spaa und von London. Kurz man gehe einer Art Abwicklung ber Tlebernahmen oder vor­gesehenen Verpflichtungen entgegen, die mit den neuen großen Ideen ein wenig im Widerspruch zu stehen scheinen. Eine von diesen neuen Ideen bestehe darin, Dr. Rath en au bie Möglichkeit zu erleichtern, in Cannes persönlich seinen großen Plan des rascheren Wiederaufbaues alles Zer­störten vorzulegen und auf diese Weise auch die Erledigung der deutschen Verpflichtungen burch Sachlieferungen, dagegen nicht mehr durch Bar-

beren Kosten Frankreich tragen solle. Die tiefere Tlrsache der außenpolitischen Schwierigkeiten Frankreichs liege in den englisch-franzö­sischen Meinungsverschiedenheiten. Die an die Eröffnung ber Washingtoner Konfe­renz geknüpften Illusionen, daß die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber Frankreich unab­hängig von deren Politik gegenüber England sei, seien sehr bald in sich zusammengebrochen. Die gegenwärtige Regierung der Vereinigten Staaten habe offenbar keinerlei Absicht, sich allzuweit in die 'europäischen Angelegenheiten einzulassen und von Washington aus sehe man bie Schornsteine von Manchester eher, als die eingestürzten Essen von St. Quentin. Eine Aenderung ber außen­politischen Lage Frankreichs könne nur durch eine Wandlung in den Beziehungen zwischen England und Frankreich herbeigeführt werden, und diese sei abhängig von der Lösung der Streitfragen der älnterfeeboote und des Reparationsproblems. Rachdem Frankreich die Resolution Root über die Verwendung der Mnterfeeboote angenommen habe, seien es nur noch- Fragen technischer Rajur, über "tne- man sich zu einigen habe. Das sei aber schlechterdings unmöglich, solange man über die zukünftige Taktik des Seekrieges völlig im äln= gewissen schwebe und solange man nicht wisse, welche Rolle den Flugzeugen im Seekampf zu­fallen würde. Wie könnte es endlich möglich sein, daß Frankreich und England in einer Frage so heikler Ratur zur gleichen Anschauung kämen, solange die politischen Beziehungen noch sehr im Fluß seien und niemand wissen könne, ob sie, wie ihre vitalen Interessen es erforderten, ent­schlossen seien, ihr Bündnis enger zu gestalten und ihre Zusammenarbeit in dem Maße zu ent­wickeln wie die Gefahren wüchsen, die sie beide bedrohten. Zur Lösung des Reparations­problems bedürfe es in erster Linie umfang­reicher Kreditoperationen nicht nur, um die deut­schen Zahlungen zu ermöglichen, sondern auch um Deutschland und Oesterreich in den Stand zu sehen, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. Die Frage sei, ob England gewillt sei, solche Kredit- Operationen zu unterstützen und dadurch ihr Ge­lingen sicherzustellen. Sie Kreditfrage, aber nicht die eines Moratoriums sei es, die das Repara- tivnsprvblem beherrsche.

Dor der Abreise nach Cannes.

P a r i s, 2. Ian. (WTB.) Wie derTemps" mitteilt, wird 'der zugeteille Direktor für poli- > tische Angelegenheiten im Ministerium des Aus- ; toärtigen Laroche Briand nach Cannes be­gleiten.

Phris, 2. Ian. (WTB.) Wie derTemps" ' mitteilt, wird Briand morgen Paris verlassen : und am Mittwochvormittag mit den Sachver- : ständigen der französischen Delegation in Cannes