Nr. 283 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (Seuerai-Anzeiger für Gderhejsen)Mtag, >. vezeniöer |922
Handelskammer-Ausrufe für die Presse.
Die Handelskammer Jamburg hat soeben in den Hamburger Tageszeitungen ein mehrspaltiges Inserat folgenden Inhalts erlassen: „DieDotderPresse fordert unbedingt, dah die gesamten wirtschaftlichen Kreise der Tages- und Fachpresse durch Zuwendung von 'Anzeigenaufträgen und Aufrechterhaltung des Bezugs Unterstützung zu- reil werden lassen. Im Hinblick auf die Bedeutung der Presse für die Allgemeinheit und insbesondere für unsere wirtschaftlichen Begehungen zum Auslands werden Hamburgs mduftrie und Handel aufgefordert, zur Erhaltung einer wirtschaftlich unabhängigen Presse Courtagen. Die Handelskammer Hamburg." Der Württembergische HandelS- ammertaa har bei seiner Tagung in Stuttgart am 8. und 9. Rovember eine E n 1 - ichliehung für die Presse einstimmig angenommen, in der eS u. a. heißt: „Die derzeitige wirtschaftliche Aotlagc der Presse bringt nicht nur zahlreiche kleinere und mittlere Leitungen zum Erliegen, sondern zwingt nach ährende Zeitungen zu empfindlichen Ein- Kränkungen sachlicher Aatur. Die vom Reichstag und von der Reichsregierung unter* iiommenen Schritte, wie die bisherigen unablässigen Selbsthilfemaßnahmen erwiesen sich vielfach als unzulänglich. Eine nachhaltige Kräftigung und Stütze könnte der Presse hin- .'egen dadurch gesichert werden, daß Industrie uno Handel sie gerade über die derzeitigen schwierigen Verhältnisse durch Aufträge mittelbar stützen. Die württembergischen Han- delokammern erachten es für ihre Pflicht, In- ustrie und Handel ihrer Bezirke nahezule- gen, der Rotlage der am wirtschaftlichen Rach- chtendienst beteiligten Presse durch Bezug der Zeitungen wie durch erweiterte Erteilung von Anzeigen und Propaganda-Aufträgen "uch ihrerseits nach Möglichkeit mit steuern zu helfen."
Eine ähnliche Zkundgebung hat die H a n - "lökammer zu Goslar an die Dirt- schaftSkre'.se erlassen. In der Kundgebung heißt ve Die deutsche Wirtschaft muß der PressebeidemKampfe umsDasein Hilfe leisten. Aber auch die Regierung - ß helfend eingreifen. Sie muß die Presse
Einrichtung des öffentlichen Lebens in teer geeigneten Weise unterstützen und ine* Mnnberc Sarge tragen für die Beschaffung tilgen Holzstoffes aus staatlichen Wäldern nid 'n Ermäßigung bzw. für Beseitigung der 'nze gensteuer. An Handel, Industrie und bewerbe richten wir die Aufforderung, der wer ringenden Presse, die das wichtigste r.dcglled im wirtschaftlichen Leben ist, jed- oede Förderung zuteil werden zu lassen, damit unsere Zeitungen lebensfähig und lebens- ' iftig bleiben, durch Mitarbeit, durch Bezug und durch Zuwendung von Anzeigen."
Der „ZeitungS-Verlag", das Organ des Vereins Deutscher Zeitungsverleger, bemerkt zu diesen allgemein beherzigenswerten Handelskammer-Ermahnungen: Wir freuen uns, dah die Stimmen unserer führenden Wirtschaftsmänner, die sich für die Aufrechterhal- -ung der deutschen Presse erheben, immer zahlreicher werden! Sie geben der deutschen Presse neuen Mut zur Weiterarbeit und neues Der- -auen auf eine bessere Zukunft.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 1. Dezember 1922.
Die (Siscnbahntarife ab I. Januar.
WTB. Mit Wirkung vom 1. Ianuar cotrdcn die Fahrpreise für den allgemeinen Verkehr nach folgenden Einheitssätzen ^rechnet:
Für den Kilometer 4. Klasse 4 Mk., 3. Klasse
6 Mk.. 2 Klasse 12 2HL und 1. Klasse 23 ML Die Fahrpreise bi» IOC 2EL werden auf volle 2 Mk. über 100—500 Ml. auf 10 Ml., über 500 biS 1000 aus 20 Wi. über 1000-2000 Ml. auf 50 Mk., über 2000 Ml. auf ICO Ml. abgerunbet
An Lchnellzugszu schlagen werden in der Zone I (1—75 Km ). Zone I! (76—150 Km.), Zone III (über 150 Km.) erhoben für die 3. Klasse 100. 200 und 300 Mk . für die 2. Klasse 200. 400 und 600 Mk.. die 1. Klasse 400. 800 und 1200 OHL
Die Geväckfracht ivirb vom 1. Ianuar ab auf 1 Wb. bisher 40 Pfennig für je 10 Kg •.mb einen Kilometer erhöbt Die Mindestfracht wltL auf 100 Mk.. bisher 40 Ml festgesetzt. Der Exprehgu ttaris entforichl dem jetixiti um 60 Prozent erhöhten Gilguttarif
*
** Amtliche Persvnalnachrichten. Ernannt wurden: am 23. Rovember der Lehrer Heinrich Maus $u Rieder-odau zum ödgtter an der Volksschule zu Vilbel, Kreis Friedberg: am 25. Rovember der Kauzleigehilfe Georg Lampert zu Vod-Rauheim vom 1. Dezember d. I an zum Kanzlisten bei der Bade- und Kurverwaltung Vad-Raubeim; am 27. Rovember der Landmessei Heinrich Metzler zu Darmstadt vom 1. August d. I- ab »um Iberlandmesser.
•• Sine 5. Serie der Reichsbank- noten zu 100 0 Mark bom 15. September wird demnächst ausgegeben weichen. Die neuen Scheine haben folgende Merkmale: Das Papier ist weiß und trägt ein fiber die ganze Fläch: sich wiederholendes, natürliches Wasserzeichen in Form eines Vierpasses von etwa 8 Millimeter Durchmesser. Die Rümmer in der linken oberen Ecke der Vorderseite ifl in violetter Farbe gedruckt
•* Unversiegelte Wertpakete bei der P o st. Die 'Wertgrenze für unversiegelte Wertpakete wird mit Wirkung vom 1. Dezember von 1000 Mk. auf 10 003 Ml. erweitert.
** Unfall, Unfallverhütung und Unfallentschadigung. Im dritten Vortrag wurden vom Vortragenden zunächst Van und Verrichtung der menschlichen Gelenke erläutert und die Benignngen derjelben vvrgeführt. Daraus folgte eine Ucberiid)! über die am Skelett angreifenden Betriebsunfälle, durch die Bruch? der Schädel- und Gliedm<?ßeninochen hervorgerusen Herben können. Bei den Schädelbrüchen, mit denen richt selten eine Gehirnverletzung verbunden ist, wurde auf die hohen Mortalitätsziffern der Statistik hingewiesen. Die verschiedenen Arten der Brüche von Schädel- und Gliedmastetknochen veranschaulichten Röntgenaufnahmeit und Lichtbilder.
** Für Obst uno Kartoffeln keine Gütertariferhöhung. Die zum 1. Dezember ein tretend Erhöhung der Gütertarife bezieht sich nicht auf Kartoffeln und Obst. Hierfür bleiben die bisherigen Sätze w st- ter in Straft. Zur Schonung ner Expreßguts tarife wird ferner das Mindestgewicht von 10 auf 5 Kilogramm herabgesetzt. Im übrigen ist mit Rücksicht aus die starke Tariferhöhung der letzten Monate in einem Unterausschuß der ständigen Tarifkommisslon eine Aenoeruug der Gütertarifikation beraten worden, insbesondere für Lebensmittel, und die Ermäßigung der Stück- und Ellgutfrachten bezweckt. Die Zeit des Inkrafttretens dieser Maßnahmen, die noch mit Verkehrssachverständigen beraten werden, steht noch nicht fest.
** Oberhessisches MuseumundGail- scheSammlungen. In der Zeit oo.n 1. April bis 30. Rovember wurden die Sammlungen von rund 10 000 Personen besucht. Für rund 2520 Personen, Vereine, Schulklassen irtb Kongresse, wurden etwa 70 Führungen veranstaltet. Genannt seien als Besucher deS Museums der Verein für Ratur- und % rimatfundc m Frankfurt a. M, die Teilnehmer an der deutschen Lehrerstudienfahrt, der Verband Heimatschule: zur besonderen Ehre gereichte es dcn Samnilungen, daß die Arbeitsgemeinschaft der Museumsleiter des Degierungs- beliefe Kassel unter Führung des Provinzial- konser». ators, Rluseumsdirektors Ge.se' mrat Dr. B o e h l a u 2aZ t?berh ssisch.' Museu.n ihrer letzten Tagung als Jlluiteroeifpicl zugrunde icgte und dabei die Sammlu igen eingehend besichtigte und würdigte. Zu besonderen wissenschaftlichen wecken wurde das Museum von Vertretern der Römischgermanischen Kommission beim deutschen Archäologischen Institut, vieler auswärtiger Museen unb
DE .tzerweghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von L i e s b c t Dill
50. Fvr-tsetzung. (Rachdruck verboten.)
,Rem, <3mft, ich will es auf mich nehmen. Deshalb bin ich gekommen," sagte Lutz mit einer Festigkeit, die ehrlich war. Ernst antwortete nicht. Er trat an den Tisch zurück, auf dem ein dickes, .ibgeg'-isf-enes Buch lag mit einem goldenen Kreuz auf dem Einband, er blätterte darin. „Alles ist schon einmal dagewesen, Lutz, unb die Prediger haben meist umsonst gepredigt," und er schlug Die Bibel auf. »Bande und Trübsal warten meiner, aber ich achte der keines, ich halte mein Geben nicht selbst teuer, auf dah ich vollende
-einen Lauf mit Freuden."
Lutz schwieg.
Kapitel 20, Apostel Paulus." las Ernst . ’.l (eifer, andächtiger Stimme; »Ich habe Euer .eines Silber noch oder Kleid begehret, denn Ihr wisset selber, dah mir diese Hände zu meiner Rotdurfr und derer, die mit mir gewesen sind, gedieret haben."
Der iit aber sehr klar bei Verstand, dachte 2uh. und er hörte dem Bruder mit wachsendem Misstrauen zu.
„Und dieser Schluß! Wie einfach, wie drama- ;sch und groh," fuhr Ernst fort, „lind als er solches gefaget, knieete er nieder und betete mit ihnen Es war aber viel Weinen unter ihnen, und sie fielen Paulus um den Hals und tüffeien ihn. Am allermeisten betrübet über das Wort, das ££ saget«, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen, Und geleiteten ihn auf baß Schiff." Emst schlug die Bibel zu, dah der Staub aus den vergilbten Blättern auswirbelte.
Es war still im Zimmer.
Die Prüder sahen einander gegenüber, ohne dah der eine des anderen Gesicht fehen formte, denn es war inzwischen ganz finster geworden.
Lutz suchte nach Dorten. Emsts Vorlesung hatte in ihm eine tiefe Wirkung verursache In Emsts Stimme war etwas, das den Hörer bannte
und überzeugte. Er hätte sich vor ihn hinwerfen mögen und seine Hände küssen und ihn um Vergebung bitten und ihm alles gestehen . . . Aber, lachte er dann, wem würde ich damit etwas nützen? Am wenigsten ihm. Unb er schüttelte den Gedanken rasch ab.
„Sonst hast du mir nichts zu Jagen?“ wiederholte Emst und schaute Lutz an.
Dieser erwiderte dm Blick fest unb ruhig. »Rein," sagte er.
Emst blickte auf die 'Roten und s^wieg.
Lutz hatte sein verändertes Gesicht bemerkt, er reckte sich zusammen. „Wenn du vielleicht an ein Gerede geglaubt haft, so kann ich dir schworen —“
Emst hob die Hand. „Keine Schwüre zwischen Brüdern! Das hat ja jetzt alles feinen Zweck mehr. Du brandet mit auch das Ehrenwort nicht zu geben —“
»Dann gestatte wenigstens, dah ich sie verteidige," sagte Lutz. „Du hast deine Frau viel allein gelassen, sie war hübsch und jung, und es machte ihr Spaß, etwas zu kokettieren. Wir haben miteinander korrespo.idiert, unb ich habe sie ins Theater und Kurhaus begleitet, und das alles hast du gewußt. Warum aber hast du keinen Versuch gemacht, sie zurückzuerobern?"
„Es machte mir keinen Spaß," sagte Ernst, der den Blick nicht von der Bibel lieh. „Ich habe wenig Talent zu gewaltsamen Eroberungen. Mir fehlt alles, was dazu nötig ist. Elastizität, Schwungkraft und Eleganz! Vor allem die Begeisterung dafür. Und als du merktest, dah die Sache von der anderen Seite ernst genommen wurde, fandest du es bester, dich zurückzuziehen, nicht wahr?"
Luh schwieg. Dann sagte er; „Da solltest nicht den Richter spielen, Ernst, well ich ein paar Wagenfahrten mit Grete unternommen habe und einmal auf ehre Dedoicke mit ihr ging '
Ernst begann zu lachen. Ein Lachen, das an den Wahlen Wänden hohl wiberhallte. Er hielt die Hände um den Äsch gekrallt, seine Augen funkelten den 'Bruder an- „Das war an jenem Abend, als ich die Matthäuspastion hörte? O
von zahlreichen privaten Forschem durcn Studienaufenthalt und- Anfragen in Anspruch genommen — Abgesehen von umfänglichen Orb» nunge^ und Konfervierungsarbeiten wurde die Bearbeitung einer umfassenden Vorgeschichte von Obcrbcffcn dem Abschluß nabe gebracht: um die Blldcursstatrung des Buches babaa (ich durch Herstellung von Zeichnungen Herr Ingenieur Dunkel und Herr Brück, durch Vermittlung von Druckstöcken Herr Grümer. sämtlich in Firma Schaststaedl, sehr verdient gemacht: zur Bestreitung der Kosten für die Druckstöcke leistete das Hessische Lgndesaml für das Bilduugswefen einen Zuschuß: eine besonders hochherzige, die Drucklegung des Werkes überhaupt erst ermöglichende Stiftung stellte die Firma Staffel bei Ridda in Ausficht, indem sie sich zur foften- losen Lieferung des Druckpapiers bereit erhärte, dar- Buch wiro erscheinen, sobald die Deckung auch der übrigen Druckloften gesichert ift — Zahlreiche unter den jetzigen Verhältnissen besonders dantenswertc Gescheute, sowie verschiedene glückliche Erwerbungen trugen in erfreulicher Weise zur Ergänzung der Sammlungsbestände bei.
Landkreis Bietzen.
tt>. Lin dc » st ru t h, 30. Rcv. Gestern würbe durch Schwestern des (Sixnig. Schweitemaauses in Gießen unter Führung unseres Pfarrers M a r g u t H in hiesiger Gemeinde eine S a m m» lung von Lebensmitteln vor genommen. Das Ergebnis zeigte, welch hoher Opfersim in '.uifeier Bevölkerung wohnt, kamen doch in un» leiem nur 350 Einwohner zählenden Dönlein über 35 Ztr. Kartoffeln, mehrere Zentner jUpfel, große Mengen Gemüse, 70 Pfund Dörrobst, über 1 ,■ Ztr. Mehl unb noch verschiedene andere Lebensmittel zusammen. Heute brachten oier Wagen, die bereitwilligsl zur Verfügung gestellt aurben. die Gaben der Liebe nach Gießen.
Äreis Lauterbach.
Lauterbach. 30. Rov. Linser K ran- kenhaus hat einen schiveren Kampf um feinen Foitbcstand zu führen. Um der Verwaltung die Wirtschaftsführung zu erleichtern, hat jeht Fr' .. Aiedesel z n Eisenach cinfltocilca 10000 Mai t ,;ur Verfügung gestellt und außerdem noch 50 Jvaünimetn Btennbolz. die beute einen Wert von mindteftc.xd 250 000 Mari darftcllcn, unentgeltlich überwiesen.
Kreis Friedberg.
Bad-Rau beim. 30. Rov. Die jüngste Stadtverordnetensitzung hatte sich mit einer eigenartigen Hunde- undWohnungs fache beschäftigen. In verschiedenen städtischen Hausern halten die Mieter Hunde, obwohl c£ kontraktlich verboten ist. In einem Hause sollen sich sogar 18 Hunde befinden Einer Aufforderung, die Tiere abzuschaffen, ist bisk^r lein Mieter naebgetommen. und so haben sich nach Ansicht mehrerer Stadtverordneten in den Häusern ganz unhaltbare Zustände herausgebil det; cs sei darin «richt auszuhatten 'Das Stabt* Parlament mutz sich wohl von der Stichhaltigkeit der Klagen überzeugt haben, Demi es beschloß, ben Mietern btc Wohnung z n kündigen und eventuell sogar mit Räumungsklagen vvrzugehen. Bei der Hartnäckigkeit der Mieter scheint zunächst ein „ferner Tanz" vor den Gerichten bevvrzustehen.
* 2Ku tz ba ch, 30. Rov. In der jüngsten Gemein de ratssitzung teilte der Bürgermeister mit, dah das Ministerium im Hinblick auf die großen Ausgaben, die der Stabt durch den Schulhausneubau entfielen, eine außerordentliche Holzfällung im Stadtwalde genehmigt habe. Es dürfen etwa 1000—1200 Festmeter in den älteren Beständen des Stadt» woldes abgeholzt werden. Der daraus zu erzie-> lenbe Erlös ist nur für den Schulhausneubau zu verwenden. In biefem Iahre will man zwei Drittel der genehmigten Menge fällen lassen. — Die Bürgermeisterei hat eine Einschränkung des Verbrauchs der elektrischen Energie angeorbnel. Der Kraststrvm darf nur in der Zeit von 8 Ähr vormittags bis 5 ä.lhr nachmittags bezogen werden. Die Wirtschaften und Vergnügungsstätten hat man auf die Rotor endigte'N einer Einschränkung des Lichtverbrauches hingewiesen.
:: Pohl--Göns, 32. Rov. In unserer Gemeinde fanden in letzter Zeit drei Sammlungen von Raturalien statt, und znrar
ja, ich erinnere mich, unb ich muß dir glauben, obwohl Herr Gimpel ariderer Ansicht war. Aber der ist fort und hoffentlich wird er nie wiederkommen. Schon aus diesem Grunde ist es gut. dah er über die Grenze ist. Es gibt kein ilnglüd. bas nicht auch seine gute Seite hätte . . . unb du hast recht, niemand hat bas Recht, sich zum Slltendexter aufzuspielen, denn feiner von uns ist ohne Schuld. Lassen wir das alles begraben fein.“
Er erhob sich und reichte dem Bruder die Hand. „Run geh . . . und grübe Mama."
Lutz verabschiedete sich herzlich von dem Brüder.
Ts ist wirllich ein idealer Mensch, dachte er, als er die lange Taunusstrahe nach der lichter- flimmernden Stadt, die aus dem leichten Rebel austauchte, herunteickchritt.
Als Ernst allein war, stand er eine Welle sinnend da. Dann nahm er einen maigrünen Brief aus feiner Tcsiche und überlas die steilen kindlichen Schriftzüge, die das gerippte Papier bedeckten, „an ber alten Stelle, unter den Eichen, erwarte mich pünktlich um Drei. Ich nehme einen Wagen am BowlinggreLN, vielleicht fahren wir zusammen, das wäre noch netter. V. ist wieder in Eppenhausen und kommt erst gegen Abend zurück. Grete."
Mehr braucht man eigentlich nicht, dachte er. Ein PeUchenduft, der aus dem Papier ausstieg, rief ihm die Erscheinung Gretes noch einmal lebendig in Erinnerung. Dann schüttelte er diese Gedanken mit Gewalt ab, zündete eine Kerze an unb verbrannte den Brief- Die Asche fiel auf den Tisch, nur ein Stückchen Papier blieb übrig, das nicht brennen wollte. „Grete“ stand darauf. Er schnippte es zum Fenster hinaus, und es flatterte in die dunkle Tiefe . .
Es regnete in Strömen. Trotzdem stand am Morgen der Straf tammersitzuna die Strahe vor dem Landgericht schwarz voll Menschen. Sobald die Gerichtsdiener die Türen öffneten, wurde der Sitzungssaal gestürmt Herbert wurde der Hut vom Kopf und zwei Knöpfe vom tleberzieher ge=
für das Erang. LchwestermxruS zu Diehen, für das Ivhanniterttantenhaus zu Ri er-W-eisel unb für die Anstalten zu Bethel. Iede Sammlung ergab tinen reichen Ertrag. Dtmerkt sei noch, daß die Konfirmanden au) Anregung aas Der Gemeinde 54 Zentner Karton ein fammdten bei Erlös für diese wurde dem Psarrer zur De- a h l u n g der G l v ck e n zur ^Verfügung gestelli
Stttrfcnbnr« uno Rheinhessen.
Mainz, 30. Rov. - WTB. i Die Vertreter der Freien Gewerkschaften unb bei Freien An gestellte »verbände des Mainzer W i i t s cha i t sg c b ie t es, die ca. 43 000 Mitglieder vertreten, beschäftigte., sich heute mit der gegenwärtigen Wirtschasts läge, die sich besonders durch die Zeida.igs- meldung über Befchlagnahnrung des besetzten Gc bicts unb andere Maßna'hmen von Tua zu Tag unsicherer gestaltet. Es wurde eine Entschllehang angenommen, in der unter Hinweis auf die unheilvolle Wirlung der von der franzosi schen Regierung geplanten Mahnahrnen, btc auch im Widerspruch mit dem Frie densvertrag stehen, betont wird, dah btc Lösung der schwebenden Fragen nur durch Der ft ä n b i g u n g, niemals aber durch Gewalt erfolgen tomie. Die Resolution besagt weiter, btc Ecw>eriichaften erachteten es nach wie vor, besonders aus moralischen Gründen, für ihre Pflicht, an dem Wiederaufbau der zerstörten Gebiete mit ruatbetten. Die ivrige'etzten Drohungen aber brächten die Völker immer mehr von dem Ziel, eine friedliche Menschheitsgemernde zu axrben ab unb ei zeugten auf beiden Seiten nur Hatz unb Ea b i 1 t c r ii n g. In der Entschließ tng wird besonders betont, daß alle CBcflrebungen an) Loslösung rheinischer Gebietstelle vorn Reich mit Entrüstung zurückgewiesen würden. Die Reichsregierung, der A. D. G. B., der Asa-Bund, sowie die Vorstände der politischen Parteien werden ersucht, alles zu t-m, um di. Einheit bei deutschen Republik zu sichern
«Hefscn-Nassan.
spd. Frankfurt a. M., 30. Rov In bet vergangenen Rocht drangen Diebe in ein» Wobwing am Dornbusch, und stahlen außer zahl reichen Kleidern auch eine Kassette, die Schmu ck st ü ck e im Wert von mehreren M i l l i o n c n Mark unb deutsches und ausländisches Geld im Betrage von gleichfalls meh.eren Millionen Marl enthielt.
' Bad-Ems, 30 Rot Hier wurden 1 9 Dutzend Herren- und Damenhand schuhe in verschiedenen Größen und Farben g e st o h l e n.
* Dillenburg, 29. Rov. Die in unserer Volisschul' eingerichtet Iugendherberg.- ist in diesem I^hre von 362 Wanderern benutzt morden, unb Attxn von 28 Volksschülern, 16 Boi,"? schülerinnen, 184 höheren Schülern, 23 höbe r 'n Scbülerirtnen. 108 mämlllchen und 3 weibliche.! <rchu(entlassenen Die Zahl der liebemachtnnaeo l t 333 Die Einrichtungen Der Iugenhherberg' sind von den Wanderern sehr anerkennend bc urteilt worden
Kirche und Schule.
" Büdingen, 30. Rov. Der Antrag bei großen Mehrheit der beteiligten Elternschaft und Der gesamten Stabtbertretung auf Umwandlung des Wolsgang-Ernst-Ghmna- siums in ein Reformgymnaklum ist mit Wi rkung von Ostern 1923 ab vom Land Samt füi das Bildungswesen genehmigt worden
Gießener Strafkammer.
Gießen, 28. Rov
Das Dienstmädchen K. Sch. war durch das Schöffengericht Gießen zu einer Gefängnisstrafe von 2 Wochen verurteilt worden, weil e3 sich der gewerbsmäßigen stlnzucht hingezr en hatte, trotzdem es krank war. Die StaatAanwaltfchast halt". Berufung eingelegt, um zu erreichen daß auch noch auf Lieberweisung an die Lan es Polizeibehörde erkannt wurde. Die Straftammer gab zwar diesem Anträge feine Folge, erhöhte aber Die Gefängnisstrafe auf einen Monat
Der Waldarbeiter K. L Sch. au 3 Oberroßbach hatte den Forster Strauch im Mai d. I- wäh-
risien. Aber er war wenigstens hineingekommen und stand hinten an die Wand gedrückt unter den Zuhörern,
Der Saal war so voll, dah die Türen gewaltsam geschlossen werden muhten, und Die Sch anke, welche den Zuhörerraum von den Zei»» gcnEänfcii trennte, bog sich vor dem Anprall der Leiber. Reben Herbert schnaufte der dicke kleine Bademeister aus dem ..Engel“, Der sich unaufhörlich das rote Gesicht wischte, links befand sich Die wohldurchwärmte Heizung, und vor ihm drückten sich ein paar Frauen in Federhüten, welche sich über die Enge beklagten, die aber um keinen Preis ih en Platz aufgegeben hätten, wie Herbert ihnen vvrschlug. Unter Den Zuhörern erkannte Herbert einen (Plafermcifter aus der Mainzer Straße, den Lowenapotheler mit seinen Bcombeeraugen. Greies Freund, und einige Kaufleute auS der Kurhausstrah?, Herrn Meitz. den vovAehmen Friseur, und behäbige Rheingauer Bürger. Die Richter erschienen in ihren langen schwarzen Talaren und den Samtbaretten. Den Vorsitz führte ein LanL-gerichtSdirettor. der bleich unb angegriffen aussah, wie nach einer übzrjla.iDenen Krankheit, zwei jüngere Richter nahmen rechts und links von ihm Platz. Der schneidige Staatsanwalt, ein stattlicher Herr mit Schmissen und Monokel, lieh sich an seinem kleinen Seitentisch rechts vom Rich'.ertisch nieder; der Verteidiger, ein noch unbekannter neuer Anwalt mit blanker Glatze und goldener Brille, sprach eben mit seinem Bruder, der auf der Anklagebank sah.
In dem trüben Halbdunkel des winterlichen Morgens kam er ihm verändert vor, abgemagert und bleich, aber er schien ruhig und gefaßt. Herbert entdeckte mit seinen grauen Luch rangen im Hintergrund unter den Zuhörern den Major Anke in Zivll und den weihen Kopf Onkel Antons Sie warteten auf Ernsts Verteidigungsrede, um darüber in der Mainzer Strahe zu berichten. Tante Betty schlief schon nächtelang nicht voc Begierde, etwas über diese Verhandlung zu erfahren. Die Kollegen Ernsts, die an den Wänden hinter dem Richtertisch lehnten, kannte er alle, und die drei Referendare, die mit überlegenen Mienen


