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Nr. 257 Zweites Blatt

Der entlarvte Präsident des Weltkrieges.

Neuentdeekte «kbeimnften.

5> fr-eben erschienene OktobeiHeft bei .<5 üb* deulschm Monatehefte" (Verlag München. Äöni- ginstraße 103) bildet wiederum einen oufjerorbent- lich wertvollen Beitrag zur Schuldsrage. Es be- schäftigl sich wiederum mit Poincari-, den es zusammenfassend den Präsidenten des Weltkrieges nennt Aus dem umsangreichen neuen Doku- mentenmata ial, das in dem Hefte unter dem Titel .Ein Dolumentbrcvier für Herrn Poincarri' zu- laminengcstellt ist, hebt der Derfasser gleich zu Beginn einen Brief Poincarns an den Zaren Ailolaus II. hervor, der zur Ein- füb jng des Herrn Sekaffe als Botschafter in Petersburg geschrieben wurde Gr lautet:

20. März 1913.

M. Sekaffe wird mit E. M. und der Kaiser­lichen Regierung über diese wichtigen Fragen lrussisch H.ercsverslärkung und Anlegung strate­gischer Bahnen an der deutsch n Grenze) sprechen, ebenso wie über alle diejenigen, welche die 'Be­tätigung des Bündnisses (le sonclionnement de i'alliancc) betreffen."

Sann fährt er fort:Wir fragen Sie hier nicht als Präsidenten des sranzösiscken Ministe­riums, sondern als Mitglied der französischen Alademic Was versteht man im Zusammenhang mit Heeresverstärkung und strategischen Dahnen unter Fonctionnement de l'alliance" ? Durch eine richiige Interpretation dieser schwierigen Tert- stelle werde Poincare seinem wisfenschastlichen Rus und der Akademie neuen Glanz verleihen.

3n dem ersten Abschnitt wird Poincarös Tätigkeit als Präsident der Republik geschildert Als der Lothringer Raymond Poin- care als Ministerpräsident und Außenminister die Geschicke Frankreichs in die Hand nahm, fand er als Folge der Agadlrkrise im eigenen Land eine gegen Deutschland ausgebrachte Stimmung vor Er tat, obwohl Frankreich siegreich aus dem Streit um Marokko hervorgegangen war, nichts, um diese Stimmung zu beruhigen. Schon wahrend der Ballankrisis im Herbst 1912 glaubte Poincare am Ziele zu fein. Gr hoffte damals bereits den europäischen Brand vorbereiten z i können und warbestürzt", als der russische Bundesgenosse zu jener Zeit vor dem äußersten zurückichreckte- Zum Präsidenten der franz^I^^chen Republik erwählt, setzte er seine un­heimliche Tätigkeit, die der Franzose

2ei BlumSie Totengräber von Eu­ropa' genannt hat. mit verdoppelter Energie fort. Er sandte seinen Freund und Gesinnungsgenossen Soli affe nach Petersburg, um durch ihn dort den Bau von strategischen Eisenbahnen durch» aru.len zu lassen. Zugleich wußte er England immer tnger in das Retz der Kriegsvorbereituugens zu verstricken. Rachdem das Attentat von Sera- ictoo verüot war, reifte er bekanntlich nach Peters­burg, und es gelang ihm dort im geschickten Za- 'itmenspiel mit den russischen Kriegshetzern vom mik eines Rikolai Rikalaijewitsch beim Zaren die letzten Bedenken gegen da s Blut- '»er gießen zu beseitigen, llnb bann, als ür') die schwersten Gewitterwolken am Horizont ruf türmten, frönte er sein Werk, indem er durch tu furchtbar geschmeidiges Spiel auf Mil- alieber deS englischen Kabinetts einwirkte und es dahin brachte, daß auch das englische Volk in den beginnenden Kampf verwickelt wurde und so der europäische Brand sich zu einem Weltbrand ausdehnen konnte. Während er Rußland durch '.inumsch'-änkte Zusage der französischen Waffen- hilfc mit höchstem Eifer zum Handeln antrieb, täuschte er nglanb seine Friedensliebe vor, um so Deutschland als den Angreifer hinzuftellen und der britifd)en Regierung die *Formeln für das Eingreifen in die Hand zu spielen. Seine ver­hängnisvolle Tatkraft erzielte den gewünschten Ersolg, die Weltkatastrophe vom Au;ust 1914 nahm ihren Anfang. Die Tatsachen find alte durch So! umente belegt. Ein Schreiben Iswolskis läßt sich deutlich ais. Hier (een wir nämlich, daß PoincarSs Wahl auf den höchsten Posten der Republik für R ißland sehr rci killxtft sei. Seine Wahl sei ein Sieg über den äußersten Radikalismus, der sich Rußland und dem fianzöfifchc-russischen Bündnis stets feindlich verhaftai hat. Weiter unten heißt dann, die französische Regierung werde ihre Dündnispslicht in grobem Umfange erfüllen. Sie fei sich dessen bewußt, daß das Endergebnis der augenblicklichen Bcrtc-ii'(ungern eine Teilnahme Frankreichs an dem ollgemmncn Kriege notwendig machen werde und fiel;* tiefer Möglichkeit kaltblütig entgegen. Da­mals war bekanntlich nach dem Balkankriege durch das Bemühen der Großmächte eine Konferenz in London zustande gekommen, die die bestehenden Streitfragen auf friedlichem Wege schlichtete

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Poincare behielt aber den Krieg ununterbrochen toi 2luge .Damit aber Frankreich," so schreibt Iswolski weiter,jede Minute Rußland im wei­testen Blaße seine Freundes- _:nb Dundesgenossen- Hilfe erweisen kann, bittet uns die französtsche Re­gierung inständigst, keinerlei Einzelhandlangen ohne vorausgegangenen Gedankenaustausch mit dem verbündeten Frankreich zu rnternehmen. denn nur unter dieser Bedingung kann die Regier mg die französische öffentliche Meinung erfolgreich a if die Rotwenbigkeit einer Teilnahme an dem Kriege vorbereiten Welch ein unerschrockener Zynism is

Wenn dir ilnterrcbungen zwischen Iswolski unb dem Präsidenten streng geheim waren, fo fehlte es doch nicht an Männern in der politischen Welt, die damals Unheil ahnten und ihre war­nende Stimme erhoben. Besonders der belgische Gesandte in Paris. Baron S j i 11 a t m c weist in seinen Berichten, die in dem Hefte gleichfalls vorlivgen, o 4 Poii ;ar<5 als Friedensstörer hin. Wie eine Bombe schlag nach dem Urteil des oben erwähnter« belgrschen Diplomaten dann bk Er­nenn ing Dekas lös zam französtschetr Boilchafter tu Petersb lrg ein. Der seitherige iraiöfiia Bu­schas irr. Georges Louis, war der Anhänge einer maßvollen Friedenspolitik und c. muß ? i? S:?i(b gestürzt werden. Gin vertrauliches Schreibeir Is­wolskis on Ssasonow Inf t er le neu. welch : Pflich­ten Sekoffc alle zu erfüllen batte Sarin heißt es. daß Sekaffe ganz speziell der Auftrag erteilt wor­den fei, die russische Militärvei «valtang von dec Rotwendigkeit neuer strategischer Wege zu überzeugen un dadurch das Zasammenziehsn der russischen Armee an der Westg > e it z . ; i be­schleunigen. Sie hierzu ersorde,stch > Heilmittel sollte der neue Botschafter zur B i fitgung stellen. Das Sckiffc mit der Vorbereitung des Krieges zusammenfrängenbe Aufträge zu erledigen hatte, beweist auch ein Schreiben, das Poincare eigen­händig an den Zaren richtete. Ser 5?ift. der un­ter dem Präfidertten Poincare in Paris herrschte, erregte immer mehr die Befürchtungen ausrnerk- famer Beobachter. So auch des russischen Bot­schafters in London. Denckendorsf, ler am Schlüsse eines Schreibe rs sagt, daß von alleni Mächten Frankreich die einzige ist. die den Krieg doch ohne gioßes Bedauern sehen würde. Jedenfalls habe nichts gezeigt, daß Frankreich aktiv dazu beiträgt, in dem Sinne eines Kompromisses zu arbeiten. Wenige Wochen später wurde die Einfüi ung res G?.tzes über die dreijährige Sienstze i in Frankreich aktuell. Im Juni 1913 fährt Poincare mit Picho.r nach London. Damals begatn ganz .ielbewu, t Die Ar­beit in London. Im Oktober 1913 kommt Sjasonow nach Paris und dort wir. der erste G.u Vo -gelegt zur Verständigung Englands und Rußlands. ^Poincare halte hauptsächlich die Vennitfterrolle übernommen.

liun folgte Pomcarös zweiter Besuch in 'Rußland. Er fährt vom 20. vis 23. Juli 1914, also kurz nach der Ermordung des D|terreij;i]d)en Thronfolgerpaares. Europa sieht ängstlich und bang den kommenden Ereignissen entgegen. Ser Besuch ist in allen Einzelheiten geschildert, man schwelgt in Petersburg über da? vollständige Einverständnis und bat alle Vorbereitungen ge­troffen, die der ganz bestimmt in Aufsicht ge­nommene Krieg erforderte. Sie Großfürstinnen Anastasia und Melitza. die beiden Montenegri» nerinnnen, machen aus ihrem Herzen leineMörder- grübe. Das Lehrreichste bleibt das Telegramm des König Rikolaus, von dem die Grohsür tin spricht, und das schon am 22. Juli mit Sicherheit den Krieg voraussagte, obwohl damals Oesterreichs Ultimatum an Serbien noch nicht überreicht und noch nich bekannt war W-e gut Poinxtrs d e kämpfe fr.ubige Stimmung uu^u nützen wußte, bewein sein Adschieostoaft am 23. Juli, der in den San austlang:Sie beide". Länder haben das gleiche Id ml ?ine^ Friedens in Kraft, Ehre und Wär e " und der französische Botschafter, P e l p o I o g u e, füg' ein udie leö- ten Worte, die zu hören man wirtlich nötig batte, entfesselten einen Sturm des Beifalls. Ser Großfürst Rikolai Rikolajewitsch de Grohsü.stin Anastasia, der Großfür l Rikolai Michailowil.ch warfen mir flammende Blicke zu' Poi'cars wurde von den Anhängern des Krieges als Ge- finnungsgenoffe verstanden Den Zar zu beein­flussen und mutig zu machen, war zweifellos eine Hauptaufgabe fein?3 Besuches, der iich der Prä­sident bis zur letzten Minute widmete.

Es ist in der Zwischenzeit unwiderleglich fest­gestellt worden, daß der Befehl zur russischen Mobilmachung am 30. Juli erging Am 31. Juli wird Pvincares Werben um England immer stürmischer. Gr sendet einen eigenen Boten mit einem Brief an den König von England. In London verstand man. was Poincare wollte, denn die Antwort des Königs Georg fiel zunächst aus­weichend aus. Es galt also vorsichtig zu fein, um womöglich England doch zum Handeln zu bewegen.

In dieser Hinsicht ist eine kürzlich zum erstenmal vollständig mitgeteilte Depesche Iswolskis an Ssasonow vom 1. August höchst lehrreich Dar­nach erklärte der Präsident Poincare in der kate­gorischsten Weise, daß sowohl er selbst, wie auch der Ministerrat fest entschlossen seien, die Frank­reich durch den Bündnisvertrag auf erlegten Ver­pflichtungen auf das genaueste zu erfüllenDoch meint er. aus Rücksicht auf die Konstitution und aus Erwägungen, die hauptsächlich England be­treffen, wäre es besser, wenn die Kriegs­erklärung nicht von feiten Frank­reichs, sondern Deut sch lands erfolgte Wir kennendie Erwägungen, die haupnäcylich England betreffen, und wir sehen, wie kaltblütig Potncarö bis zuletzt an ihnen festhielt. Auch aus einer weiteren Depesche, die im russischen Orange- buch unter Rr 75 angeführt ist, geht hervor, daß Poincare längst zum Kriege entschlossen war. aber der Ausbruch mußte so arrangiert werden, daß Frankreich als der angegriffene Teil erschien

Wohnungsprodnktion und Wohnungsbedarf in Giesien im Jahre 1922.

Zu dem Artikel unter dieser Ueberfchrist in der Freitag-Rurnmer er haften wir folgende Zu- sch ist:

SerGießener Anzeiger" bringt in feiner Rr 253 vom 27. Oktober einen Au satz über Wohnungsproduktio.i und Wohnungsbedarf im Jahre 1922 Soweit er die Gießener Verhältnisse betrifft, ist gegen das Gesagte nicht mel ein- zuwenden, obgleich auf dem Gebiete der Woh- nungsb Schaffung auch hier manches hätte anders sein können. Dagegen reizen die Schlußfolge­rungen direkt zum Widerspruch und bedürfen unbedingt einer Widerlegung. Ser Verfasser ist offenbar der Ansicht, daß die vermindert? Woh- nungsprodu tion auf die Mietpreisfestsetu acr und Mietgesetzgebung zurückzuführen sei. Er läßt aber dabei außer acht, daß die Micterfchutzbestimmun- gen und das Reichsmietengesetz auf die Reu­bauten. die nach dem Krieg entstanden find, über­haupt leine Anwendung finden, daß also bei diesen Bauten völlig die freie Wirtschaft besteht und auch der Mictpi eisscstsetzung keine Schranken gefegt sind. Wenn sich trotzdem das private Kapi­tal nicht an hem Wohnungsbau beteiligt, fo hat das andere Gründe. Hauptsächlich ist es das g.waltige Risiko, das der Erbauer bat, bei einem eventuellen Steigen des Markwertes, denn ein HcwS ist lein Saisonartikel, es ist für mindestens 100 'Jahre gebaut. Unb wir hoffen, daß wir im Lause dieser Zeit wieder auf einen besseren Kurs unserer Mark kommen werden. aber die Summo, die auf d?m Hause lastet, bleibt nominell die g tziche. er ährt aber eine bedeutende Lntwerlung. Schon dieser Grund allein hält bas private Ka­pital ab, sich am Wohnungsbau zu beteiligen. Was die Mietgefehgebung betrifft, so ist diese vom sozialen, als auch vom rein menschlichen Standpunkt aus als richtig anzuerkennen. Saß die Mietpreisbildung auf der Basis der Friedens- Werte aufgebaut ist. ist ein Gebot der Gerechtig­keit schon den Besitzern der früheren Gold- und den daraus gewordenen Papierwerten gegenüber. Unb in bezug auf baß Wohnrecht halten wir es für einen unwürdigen Zu stand, daß es der Willlür einer einzelnen Person überlassen sein soll, um die Konjunktur ausnutzen zu können Hunderte von Familien einfach auf die Straße sehen und sie dem Elend preisgeben zu können.

Von einer Sozialisierung des bereits vor- ban denen Wohnrr-mes (denn nur um ri ie solche form es sich 1 unbeln) halte ich persönlich nid>t viel, sie würbe uns teuer z.u stehen kommen. Auch formen mir nicht darauf warten, bis es dem Priva'kapital 'gefällig ist, sich wieder des Woh- nungslaues anzunehmen. Helfen kann uns nur folgendes:

1. eine Besserung unseres Marckwertes,

2. eine scharfe Bekämpfung des anverschämten Da.i st off Wuchers unb eine daraus folgende Verbilligung der Baustoffe,

3. eine a.if genossenschaftlicher Grundlage basie­rende Förderung des Eigenbaues, bei dem weder die private Initiative noch die Hilf? des Staates und der Konununen ausgeschaltet werden darf.

Alle Faktoren müssen zusamrnenwirien. Es m u ß ein Weg gefunden werden, denn das Woh­nungselend ist furchtbar und wird tagtäglich schlimmer. Hebermeh l."

* * *

Wir geben dieser Zuschrift gerne Raum, ob­wohl sie sich mit brr Gießener Seite der Veröffentlichung nicht weiter befaßt. dagegen das Gesgg e nicht viel ein utoenben ist", so dein

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von Li esbe t Sill.

28. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

3a, aber verehrter Herr, Sie sind ja erst vier Wochen hier," grollte Kollins Bah, der alles übertönte,ilnb wenn ich nach Krotoschin verschlagen würde, was Gott verhüten möge," Kollin schlug drei Kreuze,dann würde ich erst einmal abwarten, bis ich die Leute dort kennen gelernt hätte, ehe ich über sie urteilte! Senn wenn ich denen sagte, was ich über die Preußen denke" Sie Generalin räusperte sich, sie war bleich geworden.Was wäre bann? fragte der Major kurz, während seine Hand mit bem Messer­bänkchen kleine Kreise beschrieb.

Sann würde icy an die Wand gestellt und erschossen."

.Gott, o Gott!" Frau Kollin hatte auch ein­mal etwas gesagt, aber ste schwieg, erschreckt von dem D:ick ihres Ehemannes.

Ich bin gewohnt, zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist," vollendete Kollin.

Bravo!' rief der General und erhob sein ^riülltes f Glas,Ihr Sechsundachtziger Schloß-

Ihnen wäre es wohl am liebsten, wenn wir die Franzosen wieder hier hätten?" lieh sich General Kuhnt vernebmen.

Rein, das wäre mir schon <niß dem Grunde unangenehm, weil dann die Weinpreise sinken würden."

Run sind Sie wenigstens offen, Herr Knopf ober Knoll'*

Ich heiße immer noch Kollin, mein Herr," grollte der angegriffene Semokrat,und wenn ich die Wahl habe zwischen Scheuklappen und Maulschellen, unb von Steuern an die Wand gc- gedrückt zu werden und einem freien Leben bei nichtigeren Steuern unter anständigen Lebens- bebingungen sonstwo, bann . . . meive Herren, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, was ich wähle ..."

Rein, wahrhaftig!"

.Unb bei der nächsten Reichstagswahl wähl^ ich rot!" rief Kollin mit puterrotem Kopf und schlug auf den Tisch baß die Messer tanzten. Der General benutzte die Sturmflut um den Sekt reichen zu taffen, aber noch eher der Erlersche Schaumwein das Del in die Wogen gieße.: konnte, erklang in das erregte Stimmendurchiinander bas Klavier aus bem Salon. Und Emsts Te;wr setzte ein:Sie sollen cha nicht haben, den freien deut­schen Rhein ..

Sie Samen fielen jubelnd ein, bann kamen auch die Herren, unb besonders tat sich der Gene­ral hervor mit fentern schönen Bariton. Er hatte früher viel in Wohltätigkeitskonzerten gesungen, unb seine Frau war sehr stolz auf feine Stimme.

Beim xtoriten Vers mischte sich auch ber dröhnende Baß Herrn Kollins ein. Das fang er doch noch mitWenn sie wie gierige Raben sich heiser danach schrein." Mit diesem Gelang schloß man Frieden ...

Dann paarte man sich wieder und ging in den Salon, wo der Kaffee schon auf bem runden Salontisch stand und die Zigarrenkisten sich um eine brennende dicke rote Kerze scharten. Lutz reichte die unerschopffiche ZigarettenkisteRep- tun", es war, Gott sei Sank, die letzte aber die kluge Licnie hatte sich chre eigenen Zigaretten mit­

gebrachtRee, danke, Lutz! Seine Reptun rauche selber."

Ernst spielte eine Sonate von Brahms.

Sie ist der Gräfin Hohenthal gewidmet," flüsterte die Generalin auf dem Sofa den Samen zu. unb der Lümmel, der sich neben bem Ofen im Sämulelstuhl wiegte, fügte laut hinzu: ..Sas Aus hat fünf Satze!" Sann mußte Ernst auf Wunsch bes Generals zurVerkauften Braut" übergehen.Seht am Strauch die Knospen sprin- vgcn, hört bic munt'ren Vögel fingen" con Vivacita. Ernst spielte entzückend.Jeder leicht sein Schählein findet in der 3ugenb heißen Jah­ren," summte der General und xtoinkrte Lianen zu, teclc^er der be*auberte Fähnrich nicht von der Seite wich.

Man bestürmte Liane, etwas vorzutragen, und sie erhob sich umringt von den Herren.

Rein, diese Liane, überall machte sie Er- oberungen, ber Fähnrich hatte für sonst niemanb mehr Augen noch Ohren, ber korpulente Major Linke, ber mit Grete während ber Tafel nur von den steigenden Mietpreisen und ber Kalt­schnäuzigkeit rheinischer Hauswirte gesprochen, hielt Llanes Straußenfächer. während ber Gras die leere Mokkatasse in ber Hand auf einem viel zu nichtigen Puff sitzend, finster seine Rebenbuhler aus bem Hinterhalt bewachte!

Zuletzt tanzten Lutz unb Herbert einen Ean- can bei bem sie wie berufsmäßige Tänzer durch die Zimmer wirbellen. daß die Kronleuchter zitter­ten. Herbert markierte Same, schmachtend gegen Lutz' Herz gelehnt .

Wo er das nur her haben mag, der Lüm­mel!" Fräulein Schmidt auf dem Sofa hielt sich die Seiten vor Lachen, llnb die Generalin neben ihr sagte kopsschüttelnd:Ja, irgendwo muß er es gesehen haben."

Mittwoch, j. November (922

sich lediglich der grundsätzlichen Anmerkung in dem Freitag-Artikel widmet. Sic beiden An­sichten gehen in mandKrlei Hinsicht gar nicht so erheblich auseinander, wenn wir unS auch in getoJicn Punkten aus einem anderen Standpunkt beftnbeu, als der Herr Einsender. Wir sind durchaus nicht Der Ansicht,bah die ver­minderte Wohnungsproduktion auf die Miet- preiSfestsetzung unb Mietgefehgebung" allein zurückzuiühren: übrigens haben wir etwas derartiges gar nicht behauptet. ES ist uns wohl bewußt, daß da auch noch die Markwert-Verhältnisse «hinfichllich ber Reu- unb Ylmbautätigfrit sehr gewichtig mitsprechen, und dieser Auffassung ist ja in dem Artikel vom 'Freitag auch Ausdru.k gegeben wor­den. Ferner ist ebenso wie dem Herrn Ein­sender natürlich auch uns bekannt, daß die Mieter­schutzbestimmungen und das Reich.ßnietengesetz auf b i c Reu bauten, die nach dem Kriege ent­standen sind, keine Anwendung finden Diese Bauten sind doch aber nur verhältnismäßig sehr spärlich zu finden, soweit reine Privatmanns- bauten in Bet rach', kommen unb nicht Industrie- wvhnungsbauten, für deren Finanzierung ja auch günstigere Möglichkeiten gelten. Sicherlich ist für diese Daubeschränkung bi erster Linie bic enorme Baukostenhöhe maßgebend gewesen, weil diese zu Mieten führt, bic für die breitesten Volksschichten unerschwinglich sind, schli ßlich auch die Angst vor dem Risiko bei einem Steigen der Mark. Saft die Mie q s tzgetung von sozialen Geftchtepunkten beherrscht sein muß, entspricht natürlich auch unterer Ansicht. In dem Freitag-Artikel sprachen wir ja. gel-'ilct von dieser Heberjeugung, von dem nicht schrankenlos waltenden Hntcrneb- mungsge.st'. Mit Interesse registrieren wir den Standpunkt des Herrn Einsenders zu der Soziali- Herungsfrage; er spricht allerdings nur von bem bereits vorhandenen Wohnraum, in bezug aus den künftigen ist er also wahrscheinlich nicht der Meinung, die Sozialisierungwürde uns zu teuer zu stehen kommen". 'Bemerken möchten wir hierbei nur noch, daß es sehr viele Mieter gibt, - - auch hier in Gießen sind diese zu finden die das Heil in der Wohnungs­frage noch immer von der Sozialisierung deS bereits norhaiibcncn Hau > eiitze er­warten. Sei Herr Einsender wird diesen Kreisen manche Hoffnungen knicken. Für uns ist die Sozialisierung, auch die des künftigen WohnrauneS, jedenfalls eine Sache, die sich in Flugschr.f:cn unb gelehrten Abhanblunuen viel beste- aufnimmt. af3 in der rauhen Wirklichkeit. In den drei Schsußforderungen, deren erste wir ja auch schon auf bellten, gehen wir mit bem Herrn Einsender einig

Aus Stabt und LnnD.

Gießen, den 1. Rovembrr 1922.

griffen des Reichsvorsorqunllsllcsctzes.

Verschiedene Fristen des Gesetzes über die Versorgung ber Militärpersrinen und ihrer Hinter­bliebenen bei Dienstboschädigr'ng sind bereits <$b- gelaufen ihre Bei längernng ist aber im W-qc der Gesetzgebung beabsichtigt. Das RLichsarbeitsmini- sterium hat daher f. Zt. angeorbnet, die Entschei­dung über solche Anträge, für welche nach dem Rcichsversorgungsgesetz die Fristen bereits ab­gelaufen sind, zunächst a usznfetzen. Sa die Ver­längerung der cF.'isten tot Wege der Gesetzgebung bisher nicht möglich war, ist durch das Reichs- arbeitSmtoisterium nunmehr oerfrigt worden, die vorgenawrtcm Anträge so zu entscheiden, wie wenn die Fristen nicht obgelaufen wären. Sie hiernach eigch.rt.ee, Bescheide sind zwar zunächst nicht be- ru-j-rrtgrii ri.ig es ist ober die @rLeitung berufunas- fäfrigct' Bescheide nach gesetzlicher Regelung Der Fristverlängerung in Aussicht genommen.

Anskinft ü>er die in Frage konrntendenf Fttsteuu ei teilen die örtlichen Bersorgungsämter.

* Kleine Münze. Für >und 35 Millio­nen Alumi ium-D cima kstucke sind bisher tn der Berliner unb zu f(einem Teil it der Hamburger Münze ausgeprägt worben im ganzer bis Ende Sevtember 11 639 652 Stück. Die anderen deutschen Münzen (Müntz,, n. Muldner te. Stu tgart und Karlsruhe! haben feine Dreimarkstücke geprägt, sondern nur Fün szigp' eitn igstücke. deren jetzt 4^1 16b 717 in älnt!auf fein sollten, sowie Zehn- psennigstücke <nts 'Eisen und Zink und eiserne Fünspfennigstückc. Der Bedarf an diesem Klein­geld ist ab'r unter der Herrschaft des Zehn- tausendma f ch i es so gerin i daß die Sevtember- Prägung sämtlicher MütAstätten davon ,rur wenig mehr als eine Million Stück betragen hat. Unter der Voraussetzung, baß sie nicht gehamstert sind, müßten jetzt rund 148 6 Millionen Zehn- und 75 4 Millionett Fünspfennigstücke im Verkehr sein.

Sann wurden belegte Brötchen gereicht und die Bowle bereingetragen.

Auf Wunsch des Generals wurde nun das Räuberlied angestimmt:Ein freies Leben füh­ren wir."

Lutz hatte sich auf baß Sofa hinter dem Klavier zurückgezogen, er wehte sich, von den An­strengungen des Tanzes ermattet, mit dem Dattst- tuch Luft zu.

Run, Grete," fragte er, als die hübsche Schwägerin »orbeikam,wie steh'n die Eppen- hausener Aktien?"

Man mußte leise reden, denn Ernst trommelte dicht daneben auf bem Klavier.

Sie zuckte die Achteln unb setzte sich zu ihm.

Ernst ist gar nicht mehr nett, gestand sie mit gesenkten WimpernSen ganzen Tag seh' ich nichts von ihm, unb abends lieft ec denKurier."

Ja. so finb wir Ehemänner nun einmal .. sagte Lutz, der eine Gefahr für seine Tugend in diesem plötzlichen Vertrauen witterte. Wenn es nicht gerade Ernsts Gattin gewesen wäre, hm-. es war wirklich schade ... daß es so war ... Er versuchte es mit väterlichem Zureden.Man muh vernünftig sein, Grete."

Ich war lange genug vernünftig," sagte ste erbittert,aber ich habe es nun satt ... Was hab' ich denn von meinem Leben?" fuhr sie fort, während Klavier und Gesang ihre Worte über­tönten.Sie Musi! füllt mich nicht aus, und die langweiligen Abendessen erst recht nicht." Aus Gretes bunflein Augen blühte die Abenteuerlust. Ich möchte mal andere Luft atmen . . ich hab' einen großen Wunsch. Versprich mir, Lutz, daß du mir helfen t nllsßj" Grete hielt Lutz ihre kleine Hand hui, an welch» der bescheidene Drautring Ernsts funkelte. Sie stth ihn bittend an.

(Fortsetzung folgt)