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Samstag, Juli 1922

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Zweites Blatt

Nr. 152

§

ohne

(Nachdruck verboten.)

2. Fortsetzung.

Fall. Man begann auch bereits, nach mir zu treten. Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, mich wieder aufzurichten. Jetzt waren vernünftige Männer wieder durchgedrungen, die mich nach der Riedeselstratze abdrängten. Mit deren Hilfe lief ich dort durch eine Torhalle und weiter durch

geschehe. Es hcnrtolte sich um eine rot-weiße Fahne, die freilich nicht mehr neu, aber die einzige war, die dem Gerücht zur Verfügung Land. Wie unbeteiligte Zeugen versichert haben, war der Zustand der Fahne durchaus nicht so, das) er zu Beanstandungen Anlab gegeben hatte.

- Gleichzeitig wurde Herrn Mogk betontet, daß an eine Verteidigung der Fahne, die von dem Dienstgebäude aus zu erreichen war, nicht ge- dacht werde, dab jedoch die Privatwohnung, durch die allein ein Zugang zu dem Wappen möglich ist, unter allen ilmftänton verteidigt würde. Roch während der Verhandlungen mit Mogk erschienen einige der Demonstranten, halb­wüchsige Burschen, und wiederholten in unwür­digem Ton ihr Verlangen, das nicht mehr be­antwortet wurde. Die beiden Richter mit dem Amtsgecichtsdiener zogen sich daraufhin in die Privatwohnung zurück, die vom Hof aus und nach tont Gerichtsgebäude zugeschlossen wurde. Daraufhin drang eine Rotte, deren Anzahl man auf 2025 schätzte, und unter der sich auch Frauen befanden, in das Dienstzimmer tos Amtsgerichtsdirektors ein, entfernten und zer­schnitten die Fahne, nahmen den Flaggenschmuck weg, zerbrachen ihn und nahmen die einzelnen Teile mit. Die Fahne befindet sich als Beweis­stück in Verwahrung des Gerichts. 2lus dem Hausen heraus wurden in demonstrativer Weise Schilder gegen das Amtsgericht hochgehalten, von tonen das eine die Aufschrift trug:Mörder- zentrale". Es handelt sich hiernach um einen Landfriedensbruch, der sein gerichtliches Rach­spiel haben wird.

Eine Erklärung der Zentrumspartei Darmstadt. Darmstadt, 30. Juni, Die Zentrums­partei Darmstadt veröffentlicht imDarm- täbter Tagblatt" folgende Erklärung:

2>c r m ft ab t, 30. Juni. Die Demokra­tisch« Partei (gez. Heitodvoek) erklärt, daß chr Jlame unter vui -euijTUiMotuunachung lhc Wissen und Zutun gesetzt wurde.

Ae MMe» m tote

Roman von Ernst Schertel.

Deutscher Reichstag.

240. Sitzung, mittags 1 IBjfr.

Berlin, 30. Juni 1922.

Auf der Tagesordnung stehen kleine An­fragen. ~ , .

Abg Kuhnt (UDP.) beschwert sich in einer Anfrage darüber, dab der im Kapp-Putsch viel­genannte Kapitän zur See von LöwenfeW zum Kommandanten tos kleinen Kreuzers ,,BerM berufen worden sei, obwohl er vielfacher Sol- datenmihhandlungen schuldig sei, in Schlesien und Westfalen mit seiner Marrnebrigade bestialische Morde begangen und im Münster- und Senne­lager vandalisch gchaust und gestohlen habe. Ka­pitän zur See Putzer anttoortet, die Bestrafung wegen Soldatenmibhandlung liege 20 Jahre zu­rück Die gerichtliche Untersuchung über bte Vor­gänge in Schlesien habe keinen Schuldbeweis gegen ihn oder seine Offiziere ergeben. 3nt Ruhrrevier habe er im Auftrage der Regierung gegen die Rote Armee gekämpft. Die plnregelmätzcgkeiten bei tot Auflösung seines Freikorps konnten ihm nicht zur Last gelegt werden. Er habe die Regw- rung in loyalster Weise unterstützt, so daß zu einer Mahregelung keine Veranlassung Vorlage.

Glauben Sie das nichts" sagte der Doktor Perzelius leise unb sah sich nn, ob nicht zu­fällig jemand zuhöre.man merkt an Ihrer Der- tvauensseligkcit, dab Sie noch f emd sind hier. Die Gewalt der Regierung ist j-nsetts tor Mau­ern der groben Städte äuherst gering. Dazu kommt noch die Anzahl von gesetzgebenden und ausübenden Körperschaften, bte hier zusammen- treffen. Jede Klosse von Untertanen hat sozu­sagen ihren eigenen Gerichtshof und ihr eigenes überkommenes Recht. ilnb darum labt sich atch ix-rerft gar nichts ändern. Aber all dtese Gründe bedingen den hohen Grad von llnsrch^rhert, tn dem wir uns hier befinden, und die Siros- lvsigieit mtt der die meisten Verbrecher tovou- konnnen. So wurde zum DKsPiel vor etntgrr Zeit dicht bet Assuan ein Kind tot und verstüm­melt ausgefunton, ohne dah sich auch nur em: Hand zur Verfolgung tos Täters rührte. Degen Ritualverbrechen und das stnd ja dtese Vor­fälle meist - fehlt fast jeto gesetzlich ^^ube. 3etor Richter und jeder Kadi wtrd stch htu<n, in dieses Wespennest zu stechen " ,,

bleibt also nur der Prtvatschutz, ent­gegnete Eduard.

Allerdings," sagte Perzelius,aber was totu ein 'einzelner Fremder unternehmen gegen Hor- ton von Eingeborenen, bte jeton Schlupswtntel kennen? Dazu gehören ^o^^mrrnalrstftch e Er- fahrirng und iwch größere ©elbmtttel. Vielst atoi

fehlt eine dieser beiden Voraussetzungen. Ge­wöhnliche Geheimpolizisten vermögen in solchen Fällen nur wenig auszurichten, und die Geld­opfer welche eine derartige Unternehmung nötig macht übersteigen die Einkünfte auch sehr reicher Kapitalisten." r .

Doktor Perzelius drehte an ton Enden ferner Serviette ober bist mit den Zähnen an einigen Haaren seines Bartes herum. Für ihn waren alle diese die Verlegungen nur Gegenstand wissen­schaftlicher Betrachtung.

Wenn ich jemand fände," sagte er,der nur die Mittel bewilligte, dann wollte ich schon etwas ausrichten. Ich wollte sämtliche Katakomben Aegyptens bloßlegen. Ich wüßte genau, wo ich zu beginnen hätte, ülnd ich könnte mich ver­pflichten. dah nach Verlaus ei es HahreS fein Ritualverbrechen mehr begangen wurde."

Wieso," fragte Eduard,hängen diese Ri­tualverbrechen mit ton Katakomben zusammen und wie verhält es sich überhaupt mit diesen religiösen Greueltaten?"

Sie wissen doch," entgegnete Doktor Per- -elius,dah die Religion ursprünglich etwas vier BöLartigeres war, als wir heute darunter ver­stehen. Sie war etwas Wildes und Orgiastisches und stand in enger Beziehung zu Blut und Mord. Das Menschenopfer war sozusagen der Mittel­punkt aller religiösen Kulte. Zn Indien, Ehina, Peru. Mexiko und auf ton melanesischen und polynesischen Inseln las'e.i sich chmtv noch de deutlichstes Spuren tiefer satanischen Gebräuche Nachweisen. Auch Afrika ist reich an Ueberbleib- ftln solcher verklungener bestialischer Gottes­dienste."

IAber toß hier tn Aegyptien noch derartige

Kulte bestehen sollten, ist mir ganz neu." warf Eduard em.

Das ist noch mehr Menschen neu, entgegnete Perzelius.und ich selbst wollte anfangs kaum daran glauben. Aber meine Rachforschungen ha­ben mir immer mehr Gewißheit darüber ver­schafft. Ich habe ganz vorsichtig metne Fühler ausgestreckt und habe aus manchen Fellachen mehr herausgeholt, als sich die offiziellen Kenner Aegyptens träumen lassen. Ich habe )a nicht umsonst Zähre meines Lebens als Krimmalcst gearbeitet und ich weist, wie man in ton Seelen liest, ohne tost es die Leute merken."

Aber es erscheint mir kaum glaubllch, ent­gegnete Eduard,dast das heute noch lebendige Heidentum sich in der verbrecherischen Weise zu äustern vermöchte, wie Sie vermuten. Ich glaube, torst diese Mädchenräuber ganz gewöhnliche Skla­venhändler sind, welche nichts andres toabW tigen als mit ihrer menschlichen Ware Geschäfte zu machen. Ich kann mir nicht denken, da st d'.ese Dinge wirklich als Ritualverbrechen zu beiten fisch."

Und tos erntorbete Kind von Assuan, Don dem "ich Ihnen erzählte?" warf Perze'ius ein.

Dieses Kind war ernsach bas Opfer einer irreoelciteten Begierde - ich kann es mir nicht anders erklären," schlost Eduard. / 1

ist es ja gerade," nahm Perzelms ton Faden wieder auf,denn was Sie irregeleitete Begierde nennen, ist 'ben nur em AuSflust jenes primitivsten Empfindens, das die Menschen tor ülrzeit beherrschte, und tos in vielen der re­ligiösen Kulte jener Völker feste Gestalt angenvm- men hatte. Wenn wir also Herste in einem Lande, das eine so Tange und dunkle Vergangen-

2luf eine Anfrage der Deutschnationalen wird regierungsseitig erwidert, der Schriftsteller Gustav Frensen sei zu einer gegenwärtigen Amerikareise von den Vereinigten Staaten eingeladen worden. Die Kosten würden von dem einladenden ameri­kanischen Komitee getragen und der Reichsregie­rung erwüchsen keinerlei Kosten.

Das Gesetz betreffend das deutsch-polnische Abkommen über Straffreiheit für in Oberschlesien begangene Straftaten wird in allen drei Lesungen angenommen.

Der Rapallovertrag wirb dem Ausschah für auswärtige Angelegenheiten überwiesen.

Rach Erledigung einer Reihe kleinerer Vor­lagen kommt das auf gemeinsamen Antrag alllL Parteien mit Ausnahme der Äommuniften ein- gebrachte Gesetz auf Ersatz der durch die Be­setzung deutscher Reichsgebiete verursachten Per­sonenschäden zusammen mit einem Gesetz Über Teuerungsmahnahmen für Militärrentner zur Verhandlung.

Abg. Albrecht (11.) wendet sich gegen tos letztgenannte Gesetz, weil es nicht im geringsten den Erwartungen der Kriegsopfer elstspreche. Be­sonders verwerflich fei die Buchprüfung der Er­werbsfähigkeit. Der Äebner verlangt Heraus- setzüng tor Renten.

Abg. Meier- Zwickau (Soz.): Der 'Regie­rungsentwurf ist im Llusschuft wesentlich ver­bessert worton, wenn er auch noch nicht alllen Wünschen entspricht. Wir fordern deshalb in einer Entschließung, die Regierung zu ermäch­tigen, sobald sich die Hohe des Brotpreises über­setzen läßt, Öen Rentnern eine Erhöhung der Teuerungszuschüfse in Heberetnftimmung mit dem Reic^rat und dem Reichs tagscmsschuft zu ge­währen.

Abg. Thiel (D. Vp.) bedauert ebenfalls, dah die Verwirklichung Weitergehentor Wunsche nicht möglich-war, bittet aber, bei der Durch­führung tos Gesetzes nicht kleinlich zu sein. Der Redner begründet sodann Abäntorungsanträge, wonach die Kürzung der Teuerungszuschüsse nur eintreten folll, wenn die rechtsmäßigen Einkom­men tor Versorgungsberechtigten zwei Drittel tos Anfangsgehaltes der ersten Besoldungs­gruppe überschreiten.

Rachdem noch 2ll»g. Budjuhn (Dntl.), um. ton Kriegsopfern raschestens zu Helsen, für die Ausschuhbeschlüsse eingetreten ist, werden beide Gesetzentwürfe in der Ausschuhfassung anae-. nommen.

Angenommen wird ferner cm sozialtomokva- tischer Antrag, wonach der Härteparagraph, tor auch Leichtbeschädigten und erwerbsfähigen Wit­wen unter ilmfi anton die Zuschüsse zuspricht, aus einer Kann-Vorschrift zu einer Soll-Vor­schrift gemacht wird. Auch die Entschließurrg über eventuelle Erhöhung der Zuschüsse bei einer ipei- : teren Drvtpreiserhöhung wird angenommen, des­gleichen der Antrag Lhiel (D.Vpt.). der die Kürzungsmöglichteit vermindert.

Als während der Abstimmung die Abg. Dr. : Helfferich, Henning und Wulle (Dntl.)' . mit anderen Deutschnationalen den ©aal betreten, , werden sie von den Abgeordneten tor auf)elften ; Linken mit stürmischen Rufen, wieMörder raus! i Mordgehilfen raus!" empfangen. Der Lärm legt sich intoffen, ohne toh tor Präsident einzugreifen

ben Hintergarten, überkletterte bann eine Mauer und kam so zur Sandstrahe. Die geplante Flucht nach dem Polizeiamt war mir jedoch nicht mehr möglich, da' mich meine Kräfte jetzt verliehen. Ich flüchtete in ein Hinterhaus am Marien- platz, offenbar die Wohnung eines Arbeiters. Die Frau und einige Arbeiter, die mit mir waren, nahmen sich mit rührender Sorgfalt meiner an und begannen, meine Wunden auszuwaschen.

Da stürmte die Menge auch diese Wohnung. Einige behaupteten, der Inhaber tor Wohnung ei untre den Demonstranten. Ich wurde wieder in die Menge hinabgezerrt. Runmehr wurde ich unter fortwährenden Schlägen, die meinen Kops bald in eine einzige blutende Masse verwandel­ten, von der Menge weitergeschleppt, und die Parole wurde ausgegeben:Dingeldey muh am Marktplatz an ton Galgen!"

So schleppten sie mich durch die Saalbau-, Elisabethen- und Lrü)wigstrahe zum Marktplatz. Dort wurde an einem Laternenmast, an dem ein künstlicher Galgen als Wahrzeichen ange­bracht war. Halt gemacht. Die Umstehenden riefen nach einem Seil, das auch schließlich beschafft wurde. Es wurden tonn unter ständigen Tritten und Schlägen auf mich die letzten Vorbereitungen getroffen. Da gelang es einer beherzten Schar Hauer Polizisten, sich vom ersten Revier her mit ton Fäusten einen Weg durch die 'Menge zu bahnen und mich tn ihre.Mitte zu nehmen. Sie brachten mich im Laufschritt zum ersten Polizeirevier und mit mir einen Arbeiter, der von Anfang an sich um mich bemüht hatte, nun aber selbst der Wut tor Menge ausgesetzt war übrigens ein eingetragener Sozialdemokrat.

Das sind meine Erlebnisse: Zwei Stun­den lang dauerten die Mißhandlungen, ohne daß die oberste Polizeigewalt ton ernsthaften Versuch gemacht hätte, mich aus der tobenden Menge zu befreien. Wie konnte sie auch, da man ihr von der Regierung die notwendige Hilfe verweigert hatte! Alle Meldungen, wonach ich einen Schwur auf die Republik oder ähnliche Torheiten auf mich genommen hätte, sind er­logen. Schamlos und verlogen vor allem der Bericht derFrankfurter Zeitung". Aus jeder Zeile dieses Berichtes, der aus. demokratischer Feder stammt, ist die unverhohlene Freude an ton Gewalttaten zu spüren. Dieses Blatt er­findet das Märchen von dem Kleiderschrank, aus dem ich hervorgeholt worton sei, und hebt das durch Sperrdruck hervor! Dieses Blatt lügt, daß ich in Schutzhaft genommen fei Dieses Blatt spricht von der viehischen Zerstörung und Plünderung im Hause meines Freundes, des Zustizrats Dr. £>)"ann als von einerRäumung" der oberen Stockwerke!

Die Leute, die sich in sittlicher Entrüstung über ton Mord an Rathenau heute gegenseitig überbieten, tragen die unmittelbare, narc Ver­antwortung für die Schandtaten in Darmstadt und das Blut, das hier geflossen ist!"

Schwere Ausschreitungen gegen das Amlsgerichtsgebiiude in Offenbach-

Gelegentlich tor Trauerdemonstration am Beisetzungstage tos Ministers Dr. Rathenau kam es in Offenbach a. M. zu schweren Arlsschrei- tungen vor dem Amtsgerichtsgebäude. Ein Augenzeuge berichtet hierüber dem D. T. A.:

Rach einer fdürfen Hetzrede gegen die Ju­stiz, in der unter anderem erwählt! wurde, daß Amtsgerichts rat Heckler und der damalige Staats­anwalt Landmann einen Arbeiter, tot aus Hunger einen Hafenweggenvmmen" habe, zu 6 Monaten Gefängnis verurteill hätten, wäh­rend etwa ein halbes Jahr später ein Fabrikant freigesprochen worton sei, und man auf diese Weise die nötige Stimmung gegen die Justiz wieder einmal erzeugt hatte, begab sich eine ganze Anzahl tor Teilnehmer an einer Kund­gebung auf dem Wilhelmsplatz direkt nach dem Amtsgericht, wo sie sich nach offensichtlich vor- bereitetgm Plan ungefähr 1015 Rotten tie dem Amtsgericht gegenüber in tor Kaiserstraße aufstelllttzn. Bemcwkenswert ist hierbei, toh in vorderstes Reihe ungefähr 3040 uniformierte Schutzleute standen. Zunächst verhielt sich die Zusammenrottung ruhig? bis nach einiger Zett tor Krinfinalkommissar Mogk vom Hofe' aus bei der Privatwohnung des dienstaufsichtfiihrenden Richters Geheimrat Landmamr anklingelte, wo­rauf sich dieser mit Amtsgerichtsrat ßanbmann in den Hof begab. Hier sagte Mogk, die Menge verlange, toh die auf Anordnung des hessischen Gesamtministeriums auf Halbmast herausgehangte Fahne und tos alte hessische Staatswappen so­fort entfernt würden. Dieses Ansinnen wurde mit tor Begründung abgelehnt, dah man damit gegen die Weisung des Gesamtministeriums ver- stohe und toh außerdem unter Zwang nichts

braucht. ,

Es folgt nunmehr die zweite Beratung tos Gesetzes über die ©etreitoumlage. Im interfrak­tionellen Ausschuß ist ein Kompromiß vereinbart worton auf tor Grundlage eines Roggenpreises von 6900 Mk. für die ersten vier Monate tos Wirtschaftsjahres, während in ton übrigen acht Monaten die inzwischen eingetretenen Verände­rungen berücksichtigt werden sollen.

Abg. Schiele (Dnll.) bedauert, toh die für unser Wirtschaftsleben so wichtige Frage zu einer Parteisache gemacht worton sei, und sucht nach- zuweisen, toh die Umlage zu einer Hemmung der landwirtschaftlichen Produttion führen müsse, ohne daß auf diesem Wege eine dauernde Ver­billigung des Brotes erreicht werden kann. Das Volk, tos über die hohen Drotpreise empört sei, möge betonten, toh nur ein geringer Bruchteil! derselben ton Landwirten Zufließe. Rur bei wrct- schaftlicher.Freiheit könne die Landwirtschaft ihre hohe Aufgabe der DoNsernährung erfüllen.

Abg. Runkel (D.Dp.): Die Sicherung tot Volksernährung ist unser aller Ziel. Wir unter­scheiden uns nur tn den Mitteln zur Erreichung desselben. Mir vertrauen tor Landwirtschaft, dah sie daS notige Getreide freiwillig abliefert, ohne polizeiliche Eingriffe. Pflichtgefühl und Verant­wortung gedeihen nur auf dem Boden der Freiheit.

Abg. Krätzig (Soz.) wendet fich gegen dis Agitation tos Landbundes, der geradezu zum Aufruhr gegen die Regierung aufgerufen habe, wenn sie die Umlage einfortom wolle. Die Ar­beiterklasse müsse erwerbsfähig erhalten werben, sonst gehe tos deutsche Doll einfach zu Grunde

heil besitzt, tote Aegypten, auf mysteriöse DeiH brechen stoßen, dann dürfen wir sicher Inn, daß diese in irgendeiner Beziehung stehen zum älte­sten Gottesdienst kurz, dah es Rttralverbrachur

Doktor Perzelius tat einige kräftige Zügr an ferner zu Ende gehenden Zigarre, tonn zer­drückte er ton Stummel im Aschenbecher und zündete eine neue an.

Eduard von Wulften füllte eine fremde Wett von Begriffen und Vorstellungen in feinem Ge­hirn entstehen und er war minutenlang kttnes Wortes mächtig.

®ie Vergangenheit lebt greifbar nahe tun, uns," sagte endlich Perzelius langsam und leise.

Seltsa-m," murmelte Eduard,toh alles Ver­gangene so böse ist." .

Jegliche Geschichte ist mit Blut geschrieben und an jeder historischen Stätte haftet die Er» tnne-rung an Leiden und Tod", entgegnete Per­zelius nod) leiser.

Eduard fühlte ein immer tieferes Grauen, je mehr er die neu gewonnenen Erkenntnisse überdachte. Er versank in Schweigen, das auch Doktor Perzelfils nicht mehr unterbrach.

Endlich erhob sich Eduard und bemerkte da­bei daß er die vor ihm stehenden Speisen Baum berührt hätte. Er wollte noch etwas Luft schöp­fen und verabschiedete sich deshalb von dem Ge­lehrten. Dann betrat er ton Fahrstuhl und IteD sich nach tor Dachterrasse tos Hotels befördern.

Er atmete tief auf, als er hinaus tn bte nächtliche Kühle trat.

(Fortsetzung folgt.)

Der AufrufMobilmachung' in Rr. 146 tosHessischen Vollsfreuntos" und der am Dienstag, den 27. Juni, in torDarm­städter Zeitung" und demDarmstädter Tagblatt" erschienene Aufruf zur Trauer- und Protestkundgebung an­läßlich der Ermordung Dr. Rathenaus, gezeichnet von den drei Koalitionsparteien, Taffen auch die Zentrumspartei zur Demonstration auf dem Marktplatz auffordern. Wir ertlären hierzu, daß wir der Demokratischen tßartei nur unsere Be­teiligung an der Trauerkundgebung im Saalbau zugesagt hatten, dagegen die Beteiligung an einer Straßen- Demonstration ausdrücklich abge- lehnt hatten, wett wir grundsätzlich Gegner von volttischen Strahenkundgebungen si^d, die wir auch schon bei tor Ermordung Erzbergers abgelehnt haben. Der Demokratischen Partei, wie der Redaktion tos Vollsfreundes toar dieser Standpunkt mit aller Entschiedenheit mitgeteiU worden. Die Veranlasser des Aufrufs waren also in feiner Weise berechtigt, unsere Unterschrift unter ton Aufruf für die Strahendemonstration zu setzen oder auch nur uns zu nennen, wie es in dem Aufruf tos Vollsfieundes gescheben ist. Die Zentrumspartei hat daher weder mtt der Demon- stvation am Dienstag noch mit ihren Folgen etwas zu tun.

Kemer wills gewesen fein!

Das Attentat aus Dingeldey. ;

Rach einem Bericht der Darmstädter Presse : hat tor Abgeordnete Dingeldey über das auf : ihn verübte Attentat wie folgt geäußert:

Es war etwa 5 llhr, als sich vor meinem : Hause eine große lärmende Menschenmenge, die «Hi 3000 Köpfe zählte, anfammeUe. Rufe er­schollen, wieDingeltoy raus!" un» ähnlich. Ich ' lieh sofort die Haustüren, verriegeln. Schon aber stürmte die Menge tos Tor und begann, es ge­waltsam zu erbrechen. Ich hatte noch Zeit, um telephonisch tos Polizeiamt von dieser Tatsache zu verständigen, ura> begab mich dann in ton dritten Stock meines Hauses. Meine Mädchen wurden instruiert, die Menge dadurch zurückzu­hallen, däh man ihr erklärte, ich sei nicht an­wesend. Das wirkte jedoch nicht. Die Menge stürmte die Treppe und dann meine Wohnung und verlangte immer stürmischer meine Ausliefe­rung. Als ich das hörte, trat ich ihr freiwillig auf tor Treppe meines Hauses entgegen. Einige halbwüchsige vernünftige Männer behaupteten, sie übernähmen für mich die Garantte der per­sönlichen Sicherheit, ich sollte nur vom Fenster aus einige Worte zu der Menge sprechen. Das versuchte ich und sagte etwa folgendes:Fluch jeder Gewalttat gegen ton Frieden unseresVolkes, woher sie auch komme! Wir alle müssen in dieser Rot zusammenhallen! Ich verspreche, die Verfaffung treu zu achten!"

Diese Worte wurden von tor Menge mit ungeheurem Wutgebrüll und mit Steinwürfen beantwortet. Immer neue wütende Scharen stürm­ten ins Haus und verlangten, ich solle heraus- lommen. Meine hochbetagte Mutter, die sich den Menschen entgegenzustellen und ihnen gütlich zu- zureton versuchte, totfebe gewaltsam zu Boden geworfen. Als ich tos sah, wurde mir klar, dah ich meine Familie und mein Haus nur dadurch, toh ich freiwillig den Forderungen der Menge nachkam, retten konnte. Ich ging daher freiwillig durch den dichten Menfchenknäuel die Treppe hinunter. Unten wurde ich mit Schimpfrufen und Stößen empfangen. Man zwang mir eine rote Fahne in die rechte Hand und schlug wiederholt auf mich ein. So ging es bis zur Ecke Wilhel- minen- und Annastrahe. Dort hoben mich einige, mich mit ihren Leibern deckende Arbeiter, deren ich überhaupt rühmend Erwähnung tun muh, in den ©arten tos Hauses Annastrahe 15, in der Hoffnung, mich dadurch retten zu können. Die Menge stürmte jedoch nach.und hatte mich bald wieder umringt Die Versuche einiger Redner, die Menge zu beruhigen, waren vergeblich, ob­wohl sie sich als Dertteter tor 11. S. P. und tor Kommunisten ausgaben. Besonders ein mit polnischem Akzent sprechender Man n verlangte immer wieder aufs neue meine Hinrichtung und hetzte die Menge auf. Diese jagte tonn mtt mir durch ton Garten meines Anwesens und durch diesen hindurch wieder auf die Heinrichsstrahe.

Die Gärten bieten ein Bild wüster Zerstörung. Mutwillig wurden die Pflanzen aus dem Boden geriffen und umher geworfen. Dann ging es die Heinrichstrahe hinunter nach der Saakbaustrahe. Ich blutete bereits aus mehreren Gesichts- temnton. Ecke Heinrichs- und Saalbaustrahe war ein Aufgebot de r Schupo tn einer Stärke von 20 biS 25 Mann mit einem Lastauto aufgestellt. Vorher waren schon ein paar be­herzte blaue Polizisten vorgestürmt und biS in meine Rähe vorgedrungen. DaS Aufgebot tor Schupo jedoch tat nichts zu meiner Befreiung, wich vielmehr vor der anstürmenden Menge zurück.

Run ging es weiter durch die Anna- und die Saalbaustrahe zur Heidelberger Strafte. Dis dahin war ich immer noch von einigen ver­nünftigen Arbeitern, die mich retten wollten, umgeben, und diese versuchten nun gemeinsam mit den tn dem Menschenhaufen befindlichen blauen Polizisten, mich von der Heidelberger Strafte zur Schupokaserne zu bringen. Als tos die Menge bemerkte, unternahm sie einen Vorstoß und entriß mich ton mich umgebenden Mannern. Don nun ab kam ich tn die Hände eines Haufens wüster Rohlinge, der sich zum größten Teil aus jungen Leuten von 1Z bis 18 Jahren zusammen- setzte, in dem sich aber auch Leute mit «grauen Haaren, darunter ein Eisenbahnbeamter in voller Uniform bemerkbar machten. Die Leute schlugen von allen Setten mtt Fäusten und Steinen auf mich ein. Einige griffen nach meinem Hals, um mich würgen. Ich verlor hierdurch -einige Augenblicke tos volle Bewußtsein und kam zu