Einzelbild herunterladen

vtta fat Tie nicht. Sie tot recht Daran. Mit großer Freude können wir fest stellen, daß wir in oen letzten Wochen eng mit unserer Bruder Partei marschiert sind, dah die D. D. P. unser be­ster und treue st erDundesgenvsse war. GS hat uns nichts getrennt. Wenn wir mit solcher Geschlossenheit in die Wahl gehen könnten! 3n Preußen stehen noch die Verhandlungen wegen ihres Eintrittes in die Regierung. Es besteht die große Gefahr, dah die D. B. P. den Lockungen und Verführungen nicht standhält und Schritte tut, die ihr selbst nur zum Schaden gereichen. Ein Bekenntnis müssen wir oblegen: w:nn eine Koa­lition der Mitte zustande käme und sie uns aus L«n Sumpfe zöge, dann Hut ab vor ihr. Riernand würde sich mehr freuen wie wir. Doch wir tonnen können Bedenken und Sorgen nicht unterdrücken. Die Deutsche Volkspartei kann zu schwach sein, sie kann in den Strudel hineingezogen werden, ihre hohen Ziele über augenblickliche Kabinett5- politir vergessen.

Wie wird der Gang der Dinge sein? Der Konflikt wird kommen, wenn die Ergebnisse der Verhandlungen mit Polen dem Reichstag zu- gehen, er wird kommen bei den bevorstehenden Wirtschaftsfragen. Ich Habs oben berührt, dah die kritische Zeit im Januar bzgl. der Erfüllungeii kommt. Geplant ist die restlose Heranziehung des Besitzes in Industrie, Landwirtschaft und, Hausbesitz. Das darf unter keinen Umständen lein. Das, was geopfert werden soll, ist die letzte Rotreserve für die Zeit der äußersten, höch­sten Rot. Mit dieser Rotreserve soll der Wiederaufbau Deutschlands ge­leistet werden, sie soll nicht im giert- genRachenderEntenteverschwinden. Mit Stundungen wird unS nur eine Galgenfrist gewahrt. Die Rotenpresfe hat das Reuherste hergegeben. Wir müssen dem Gegner sagen: W i r können nichtmehr,Revision des Ver» sailler Vertrages verlangen.

Um unfern Wiederaufbau zu bewerkstelligen, müssen wir den in Rußland herbeiführen. Unser Edler von Braun hat in München zusammen mit Sachverständigen ein derartiges Programm 'aus­gearbeitet. So leisten wir vositive Rrbeit in not­wendiger nationaler Opposition um des Ganzen Willen. Rur mit dem dem Rusland gegenüber­treten, was von Dauer ist. So hoffen und glauben wir an die Partei der Rech­ten zusammen mit D. V. P., Zentrum und Demo­kraten, ja selbst mit den guten Kräften der Sozialdemokratie. Es kommen die Arbeiter in hellen Haufen zu uns herüber. Wir hoffen, dah im Augenblick, wo die Sozialdemo­kratie getroffen ist, die grohe Rechte kommt. Die Sozialdemokratie ist getroffen, wenn sie zu uns kommt und uns bittet, die Regierung zu über­nehmen, und sie wird kommen. Die Partei der Rechten hat gegenüber der Koalition der Mitte grohe Vorzüge. Sie hat ein Einheitsband. So können alle Kräfte voll eingesetzt werden. Die Landwirtschaft, der Mittelstand, Handwerker und Arbeiter von uns, Industrie und Handel von der D. V. P. Dann kann man das grohe Ovfer verlangen. Dann kann der Kampf der Weltanschauungen ausgetragen werden, ©trete» mann bekämpft diesen Kampf, sagt, reale Iso» tif täte uns not Gewiß. Richt alle Ziele können wir schon jetzt erreichen. Die Monarchie darf nicht durch Druck eingeführt werden. Gewisse Weltanschauungen müssen ausgetragen werden: Sozialisierung, Kirche und Schule, Rechts­pflege, Sparsamkeit der Finanzen, Staats­autorität. Die nicht rasch genug. Es ist das auch im Interesse des Auslandes, das das gleiche Wirtschaftssystem hat wie wir, nur dah unfe eS veredelt ist. Wo ist da die unS vorgeworfene Ka- tostrophenpolitik? Unversöhnlich wären wir? Extrem? Gewih: In manchen Kreisen schäumt und gärt eS manchmal Über. Aber wo Ex - . 1 rem e kommen und bleiben, müssen wir sie abschüttel ir. Sie versündigen sich an der Partei, man dars sie nicht mit ihr ver­wechseln. Der Münchener Parteitag hat die Ant­wort auf die deutschvölkische Frage gegeben. Es hilft uns nichts, wenn wir uns nicht aus echt deutsches We'en besinnen. Wir wollen nicht ver­gewaltigen, wir sind In Abwehr, nicht im Angriff! Wir brauchen klare Kommando- Worte, Wahrheit. Wir können keine jüdi - scheTruppehaben im Kampfemit dem Judentum! Wir sind nicht unversöhnlich. Wir sind gerecht! Die Partei soll die Partei der -Charakterstärke sein. Die führt uns zu der Ge­meinschaft.

Wir brauchen Gemeinschaft. Einigung, sonst kann der Aufmarsch nicht gelingen. Leider ist in Hessen keine Einigung. Ich richte aber die Mahnung: gehen Sie in der kommenden Reichs- tagswahl vereint, er gehe an Ihrer Seite in

Dostojewski.

Zu seinem 100. Geburtstag, 30. Oktober.

Don Dr. Paul Landau.

Das Jahr, das uns im September die groß­artige Feier zur Erinnerung an Dantes 600. Todestag brachte, führt uns nicht lange da­nach einen Gedenktag herauf, der einem andern ganz Großen im Reich der Dichtung gilt: den 100. Geburtstag Dostojewskis. Richt nur ein halbes Jahrtausend trennt die Lebens'urven dieser beiden voneinander, sondern zugleich ein Ablauf grober Kulturen und sozialer Revolutionen. Man könnte Dostojewski als den Dante unserer Tage bezeichnen. In ihm ist wieder ein Dichter er­standen, der durch Höllen- und Fegefeuer zu Himmeln und Paradiesen hinaufführt, ein visio­närer Seher deS Aeberirdischen, ein Deuter der Vergangenheit und ein Prophet der Zukunft. Doch sind die Stadien dieserheiligen Reise" der Seele, die der Russe uns schildert, nicht mehr nach außen verlegt, wie in dem architektonischen Bau des Mittelalters, den Dante in seinem gött­lichen Gedicht errichtete. Hölle, Fegefeuer und Paradies sind bei Dostojewski ganz in das innere Erleben des Menschen gekehrt: aber auch bei ihm wandeln wir durch die dunklen Folgen düsterer Leidenschaften und abgeirrter Süchte, werden wir angeglüht von dem grellen Feuer lohender Le­bens- und Liebesglut, schleichen wir durch die eisigen Grüste der Verzweiflung und stürzen in die grausigen Abgründe der Gewissensgual, er­heben wir uns in die lichten Sphären überirdischen Schauens und gottseliger Verzückung. Rur find es die scharfen Klippen gedanklicher Dialektik, die Klüfte unbewußter Traumeshelle und die Bergesspitzen ekstatischen Aufschwungs, über die uns der russische Zauber hinreißt, nicht mehr Labyrinthe und Irrsale äußerlicher Art. wie bei Dante, sondern die Verwirrungen und Verirrun­gen der Seele gilt es hier zu überwinden. In der ungeheuren Wucht des Erlebens wie in dem er­habenen Ernst ihres Werkes haben Dante und Dostojewski etwas Gemeinsames: ebenso auch in

gleichem Schritt und Tritt. Eine kleine Landbund- Partei im Reichstag vermag unmöglich sich dort durchzusehen, sie braucht Hilfe einer großen Par­tei, wo alles zusammensiht.

Ihr in Hessen seit die Avantgarde für die kommenden Reichstagswahlen. Euer Führer gibt euch den Armeebefehl: den Feind suchen und an­greifen. Der Feind muh geschlagen werden, ob er von links oder der Mitte komme, aus der Mitte oder von links. Zum Kampf und zum Sieg!

Richt endenwollender Beifall durchbrauste den Saal, ausklingend in dem hohen Lied der Deut­schen.

Roch einmal versammellen sich die Partei­freunde im Großherzog um ihren auch dort stür­misch begrüßten großen Führer, Arm und Reich, Hoch und Riedrig, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, einig im Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, bereit zur Gefolgschaft, zum Kampf und zum Sieg!

Entschließungen des Parteitags.

Der Parteitag faAte folgende Beschlüsse:

I. Der 3. Parteitag der D. R. (Hess.) D. P. fordert angesichts der großen wirtschaftlichen Rot- lage großer Te.le der Studentenschaft die ihr nahe­stehenden Kreise auf, bei der studentischen Wirt­schaftshilfe mitzuwirken.

In der zweiten Entschließung erhebt er schärf­sten Einspruch dagegen, daß der erste Advent als Wahlagt genommen ist, der für weite Kreise der Bevölkerung eine stille Einkehr und Teilnahme am hl. Abendmahl gewidmet ist und läßt sich hier­bei nicht durch demokratische Wahlmanöver be­irren, wonach am Totensonntag und an ITfer* 'ee en ke ne Wah.versam n un en statt iade solle ©ie fordert die wayrhaft chrr.^rchen Wayler auf, unbedingt durch Abgabe des richtigen Stimm­zettels dafür zu sorgen, dah das hinfort nicht mehr vorkommt.

Weiterhin erhebt man Protest, daß die nicht­hessischen Studenten in Gießen, Darmstadt, Fried­berg und Bingen entgegen allgemeinem Brauch ihr Wahlrecht entzogen wird, weil es in schroffem Gegensatz zur Reichs- und hessischen Verfassung steht.

Gegen den Raub Oberschlesiens wird flam­mender Protest erhoben. Wir rufen den oberschle­sischen Brüdern zu: Harret aus! Auch Euch wird wieder die deutsche Sonne aufgehen.

Die Deutsche Volkspartei Hessens verwirft aufs schärfste das Verfahren der Hess schm Stoats- regierung, daß sie einerseits die völlige Tren­nung von Staat und Kirche durchführen will, dabei aber die Kirchenvorstände zwingt, die amt­licheDarmstädter Zeitung" zu halten, die an empörender Roheit des Tones, an Verhöhnung der Empfindungen Andersgesinnter das denkbar mögliche geleistet hat. Sie erwartet von den hessischen Wählern eine gründliche Abstellung dieses unerträglichen Mißstandes.

Die Deutschnationale Volkspartei Hessens be­dauert, das gegen ihren Willen emgetretene Sondervorgehen deS Hess. Bauernbundes. Sie trägt daran keine Schuld und lehnt ]ebe Ver­antwortung hierfür ab. Sie fordert aber alle ihre zahlreichen Anhänger in der Landwirtschaft auf, sich in der oft bewährten Treue gegen alt- erprobte Vertreter der Dauernfache, die an füh­render Stelle unserer Listen stehen, nicht irre machen zu lassen und ihre Stimme wie seither einmütig unserer Partei zu geben.

Sie fordert ferner angesichts der immer schlim­mer werdenden Rottage der Beamtenschaft eine Reform der Besoldung, die nicht, wie seither, stets weit hinter der unerträglich gewordenen Ver­teuerung der gesamten Lebenshaltung zurück- bleibt. Sie erhebt schärfsten Einsvruch gegen das verbitternde und soziale Unrecht der Orts­klasseneiteilung, die hunderttausende von Beamten zu solchen 4. und 5. Grades herab­drückt, und sie verlangt die unbedingte Beseitigung deS Ortstlassensyslems.

Aus Stadt und Land.

G i e ß e n, den 31. Okt. 1921.

Der Winter kündet sich an.

Richt mehr Schwcllbengezwitscher erweckt vom Traum mich am Morgen,

Roch mit Gesang wiegt mich Rachtigall ein in der Rächt:

Winter hat Schwalben vertrieben und Rachtt- gall, aber ein edles

Volk von Sperlingen trifft morgens und abends mich an.

Friedr. Rückert.

Das Herbstlaub fiel. Schon hat ein Früh- schnee den hochragenden Fichten des Hoch-

geblrges das Rahen des Winters verendet. Die Vögel des Waldes sind verstummt. Viele haben uns verlassen und sind nach dem fernen warmen Süden gewandert. Andere sind bei uns geblieben. Amseln, Rotkehlchen und Stare bevölkern die herbstlich-feuchten Wiesen, Stteg- liye, Blutfinken und Hänflinge plündern im Garten die letzten Köpfe der noch übrigen Sa- latsamen. Die Feldmäuse beginnen ihren Zug von den abgeernteten Feldern, um in Ge­sellschaft mit der Hausmaus den Winter in der nahrungsreichen Rahe des Menschen zu ver­bringen. Unser gefiederter Gassenjunge, der Spatz, hat die verlassenen Schwalbennester als willkommene Winterwohnung beschlagnahmt und für seine Zwecke hergerichtet. Kleiber und Baumläufer kommen in die Dörfer, um die Fachwerkwände der Scheunen nach Maden abzusuchen. Meisen und Wintergoldhähnchen turnen munter an den Obstbäumen der Baum- gärten. Große Flüge von nordischen Berg­finken sind seit einigen Wochen einge- ttoffen. Die ersten Kranichvögel kamen in die­ser Woche. In genau geordnetem Keil zogen die Riesenvögel mit vorgeftreckten Hälsen da­hin. Auch sind schon mehrfachSchncegänse" beobachtet worden.

An den Ufern der großen Flüsse herrscht jetzt ein reges Leben. Tausende nordischer Krickenten (RufKrück") und Knäckenten haben sich hier niedergelassen. Die sumpfigen Ufer­wiesen bevölkern Scharen von Kiebitzen. In den Fluten schaukeln Haubentaucher und Steißfüße, vielleicht auch mal ein Polareis­taucher. An Brückenpfeilern rasten grohe Flüge von Lach- und Silbermöven. In dem seichten Wasser fischen Fischreiher. Bunt schil­lernd schnurren Eisvögel das Ufer entlang. Ein Reiher erhebt sich. Wie von mächtigen Flügelschlägen getrieben, kommt er heran. Er erschreckt einen Strandläufer, der im Ufer­schlammgründelte" und mit lautemRhrie" abstreicht. Auch die kleinste in Deutschland vor­kommende Reiherart, die Rohrdommel, läßt sich im Geröhre vernehmen.

Eine finstere Spätherbstnacht. Weder Mond noch Sterne stehen am Firmament. Rachtschwarze Wolkendecken hängen dicht über der Erde. Leise beginnt es zu rieseln, ganz leise. Manchmal schwebt neben dem glitzernden Kristall ein wolliges Flöckchen hernieder: Der Winter kündet sich an! Karl Fischer.

Die Geldspenden für Cvpaw.

fpd. Ludwigshafen; 30. Okt. Die freiwilligen Geldspenden für das Hllfswerk in Oppau werden jetzt auf etwa 80 Millionen Mark geschätzt, das Hilfswerk der deutschen Zeitungen überstieg die fünfte Million, beim Bürgermeisteramt Ludwige Haf en wurden etwa 3V, Millionen Mark eingezahlt. Die Spenden von Lebensmitteln, Kleidern und anderen Sachen in natura sind außerordentlich reich und laufen noch jeden Tag in großer Fülle ein.

In der Geschäftsstelle des Gießener An­zeigers wurden bisher folgende Beträge ein­gezahlt: Hermann Weist 10 Mk., W. Sch. 5 Mark, Kostorz 5 Mk^ Fr. Rr. 10 Mk., Friseur Wolf 30 Mk., Kvnr. Kuhl 10 Mk., Friseur Kuhl 10 Mk., K. R. 10 Mk., Carl Schmidt 100 Mark, R. Pr. 25 Mk., Frau Lemp 10 Mk., Radklub Germania 105 Mk., E. R. 10 Mk., G. R. 10 Mk., 3 Bedienstete der Fahrkarten­ausgabe Gießen 26 Mk., F. Schiz 50 Mk., Evang. Gemeinde Kl.-Linden 200 Mk., Becker 10 Mk., Lass Ernst Ludwig, Abgabe für Oppau, 520 Mk., E. A. 10 Mk., Sammlung am Stiftungsfest des Straßenbahner-Vereins 150 Mk. Bisher wurden insgesamt 1316 Mk. eingezahlt. Weitere Spenden, die hoffentlich noch recht zahlreich einlaufen, werden gerne angenommen.

Wettervoraussage

für Dienstag:

Wolkig, meist ttocken, etwas milder, Winde aus Südwest. Infolge der atlanti­schen Tiefdruckwirbel hat das Hochdruckge­biet an Intensität abgenommen. Die be­stehende Witterung wird sich aber nicht we­sentlich ändern.

* Rächtlicher Die-deszug. ®hr äußerst frecher Einbrecher suchte die Stadt in der Rächt vom 28. auf den 29. L Mts. auf. Mittels Rachschlüssels verschaffte er sich zuerst Eingang in die höhere Mädchenschule. Dorr öffnete er mit einem Stemmeisen in dem Zim­mer des Schulwarts, den Lehrer- und Lehre- rinnenzimmern sowie im Zimmer des Direktors sämtliche Schränke und Schubfächer und ver­ursachte einen erheblichen Sachschaden. Seine Beute bestand hier aus 300400 Mar? und einigen silbernen Armbändern. Darauf ver" legte er seine Tättgkeit in die Aniversitäts- bibliothek, wo er ebenfalls Schränke erbrach und wo ihm etwa 1200 Mark in die Hände fielen. Durch das Geräusch erwachte der Die­ner, der zunächst polizeiliche Hilfe herbecholie. Dies muhte dem Dieb aufgefallen sein, denn et verschwand bei ihrem Eindringen. Er hatte sich unterdessen Eingang zu dem Verwaltungs­bureau der Med. Klinik verschafft und dort ebenfalls ein Pult erbrochen. Der Portier hatte ihn aber verscheucht, als er das Licht einschaltete, so Daß ihm hier nichts in die: Hände fiel. Auch in die Klinik für pshch. und nervöse Krankheiten drang er ein und war bereits im Verwaltungszimmer, 'rlls er vom Portier überrascht wurde. Der Dieb rief ihm zu: «Hände hoch!", worauf der Portter schleu­nigst auf den Flur zurücktrat. Im gleichen Mo ­ment erfolgte ein Schuß und das Geschoß flog durch die Tür, ohne den Portier zu verletzen. Darauf suchte der Täter das Weite. Er wird wie folgt beschrieben: 2830 Jahre alt, 1,70 bis 1,80 Mtr. groß, schlanke Gestalt, battloseö. schmales Gesicht, trägt schwarzen Hut, dunklen Aeberzieher, hellgraue Hose und hat Gummi- sohlen auf den Schuhen. Personen, die einen Anhalt für den Tater angeben können, werden gebeten, bei der Kriminalabteilung vorzu sprechen.

** Zum Reformationsfeste. Im Jahre 1517 war es, als Martinas Luther, der streitbare Augustinermönch, am Vorabende vor Allerheiligsten an die Schloßkirche zu Wit­tenberg seine 95 Thesen anschlug, die in we­nigen Wochen in der ganzen, damals bekann­ten Welt verbreitet waren, und von denen Tausende und Abertausende von geängstigten Herzen tief ergriffen und getröstet wurden. Das war der Beginn der Reformation. 2hm begann es zu tagen in den schweren Köpfen der deutschen Fürsten, edle Herren schlossen sich der neuen Lehre mit Begeisterung an, und die Massen folgten. So war das Reforma- tionSwerk bald sichergestellt für die Zukunft. Alle die furchtbaren Kämpfe, die über Deutschland dahinbrausten, konnten den Sie- geSzug der neuen Lehre nicht aufhalten.

Augustiner, 8'/s Ahr: Hauptversammlung deS Gießener EiSvereinS. Zvhanneskirche. 8 Ahr: EvangelisattonSvortrag. Aftoria- Lichtspiele, ab heute bis einschließlich Don­nerstag:Cherchez la femme. Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße, ab morgen:Der Spiel­mann".

Aus dem Stadtlheater-Bu» reau. EmilGöttSKomödieDerSchwarz- künstler", die morgen in Szene geht, ist bereits Im Jahre 1906 im alten Hause hier gegeben worden, und das Gießener Stadt» theater war damals eine der ersten Bühnen, die das köstliche Werk des leider zu früh ver- ftorbenen Dichters aufgeführt hat. »Der Schwarzkünstler" ist in letzter Zeit auf Der» schiedenen größeren Bühnen wieder aufge- nommen worden, so am LandeStheater n» Karlsruhe, am Rattonaltheater in Mannheim, und zwar überall mit außergewöhnlich starkem Erfolge. Ein solcher dürfte auch hier eintreten, zumal sich eine sehr glückliche Besetzung er­möglichen liefe. In Hauptrollen sind beschäftigt die Damen Koop, Türk, Keller und Rammel sowie die Herren Juhnke, Volck, Döring und Bechstein. Die Spielleitung führt Direktor Steingoetter.

Wohltätigkeitskonzert zu» gunsten der Opfer von Oppau. Inserate verkünden, daß am Samstag den 5. Rovember, abeirds 8 Ahr, im Saale des Hotels Einhorn ein

der Beschränkung auf den Menschen, der von der Amtvelt losgelöst und nur als geistiges Wesen ge­faßt wird. Ebenso wie bei dem Italiener ist bei Dostojewski die Ratur, die Umgebung der Helden nur spärlich angedeutet, und diese innerlich glü­henden Gestalten schreiten durch eine schatten­hafte unwirkliche Welt, die sie erst durch die Glut ihres Gefühls beleben. Wie in Dante die Welt des Mittelalters, so ist in Dostojewskis Romanen die chaotische Welt unserer Tage, nicht durch die russische Menschheit, sondern in vieler Hinsicht die moderne Menschheit überhaupt dargestellt. And das letzte Thema beider ist das inbrünstige Ringen der Seele mit Gott und um Gott, freilich bei Dante das Ringen deS streng Gläubigen, bei Dostojewski das Sichausbäumen des Zweiflers, der gerade in diesem Zweifel das Dasein Gottes noch überwältigender bekennt.

Mit seinem ersten Buch, dem RomanQIrme Leute", trat Dostojewski als Rachsahre Gogols auf, und der große Erfolg, den er errang, galt dem Schilderer kleinbürgerlichen Lebens. Dann folgten tastende Versuche, einen neuen Stil zu finden, die für uns Rückblickende fruchtbarste Keime enthiel­ten, aber die M i liebenden enttäuschten. Die grau­sige Katastrophe seines Daseins, die Verhaftung des revolutionärer Umtriebe Verdächtigen, die Verurteilung zum Tode und die Begnadigung auf dem Richtplah, sein lebendiges Grab in der sibirischen Sträflingskolonie löschten seinen Ra- men aus, und als er in die Welt zurückkehrte, da war er ein ganz anderer, der nun in seinen ^Me­moiren aus dem Totenhaus" die Menschheit mit einer Geisterstimme erschütterte Was in dieser Schllderung seines Verkehrs mit den Verbrechern und Unglücklichen, was in den folgenden Romanen aufwühlte, das war nicht so die künstlerische Größe als der sensationelle Stoss, der im Schauerlichsten und Grausamsten schwelgte 'Dostojewski hat viel­fach die Themen behandelt, denen wir sonst nur in der Schauergeschichte begegnen, und so lehnten ihn wegen dieser äußerlichen Widrigkeiten engher­zige Kritiker ab, während das Publikum bei ihm das Gruseln lernte So ist die ungeheure künst­

lerische Arbeit, die er in den letzten zwei Jahr­zehnten seines Lebens leistete der großartige Aus­stieg von denErniedrigten und Beleidigten" bis zu denKaramasow", nirgends erkannt worden. Berühmt machte ihn in Rußland am Abend seines Lebens seine journalistische Tätigkeit, der Fluch, den er gegen die westliche Kultur schleuderte, seine Prophetie des Slaventums, und daher sind die Durchbrüche der Volksverehrung bei seiner Pusch- kin-Rede und bei feinem Begräbnis zu erklären. Ins Ausland drang zunächst wenig von diesem so außerordentlichöstlichen" Geiste, und es war nur das Sensationelle des Stosses, was bei Ro­manen wieSpieler",Der Idiot" oder der komischen Geschichte vomGut Stepanitschkow" an- zog. Als der Franzose Melchior de Vogue zum erstenmal die klassische Dichtung Rußlands der westlichen Welt vorsuhrte, wußte er mit Dosto­jewski wenig anzufangen, und die naturalistische Dichtung, die Tolstois großes Künstlertum ent­deckte, ließ auch Dostojewski nur alsProletarier- dichter", als der Schilderer derErniedrigten und Beleidigten" gelten. DerRaskolnikow", als Schuld und Sühne" bei Reclam erschienen, wurde das Werk Dostojewskis, gefaßt als die unerhört wahre psychologische Zergliederung eines merk­würdigen Kriminalfalles.

Wir begreifen heute kaum noch, wie man in Dostojewski jemals einen Realisten sehen konnte. Wohl ist aller Unrat und aller Auswurf des Da­seins in feinen Büchern: aber diese niedrigen Dinge sind nicht um ihrer selbst willen dargestellt, son­dern nur in jenem mystischen Sinne, in dem fick die Sonne in jeder Pfütze spiegelt und sie dadurch zu einem Abbild des Göttlichen macht. Selbst seine ersten Bücher, in denen die Kleinwelt des Alltags eine grohe Rolle spielt, schürfen doch schon so tief in den Bergwerken der Seele, daß das Aebersinn- liche als die beherrschende Macht hervortritt. So erscheint Dostojewski heute als der größte Ver­treter einesexpressionistischen" Stils. In einem tiefsinnigen Aufsatz feiner im Insel-Verlag er­schienenenDrei Meister" hat Stefan Zweig diese Kunstform seiner großen Romane dargestel.lt. Er

betont die absichtliche Schattenhaftigkeit seiner Schilderungen.In seine Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht nur Am- risse, hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu ffüblen, wem sie zugehören. Erst allmählich ge­wöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf den Rembrandtschen Gemälden beginnt auS einer tie­fen Dämmerung das feine seelische Fluidum In den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in die Leiden­schaft geraten, treten sie ins Licht." Richt durch Wiedergabe ihres äußeren Seins, sondern durch ihre Reden leben seine Menschen.Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seelen befruchtet: sie tun im Gespräche, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf." Diese Flut der Reden befremdet zunächst, aber sie reiht allmählich unwiderstehlich fort, zwingt den Lefer in einen Rausch, in eine Betäubung, aus der er sich nicht befreien kann. Es ist dieBreite" der russischen Ratur, die in diesengöttlichen Längen" seiner Dialoge lebt. Von hier aus ist die Architektonik seiner Romane zu verstehen, die nichts mehr gemein hat mit der früheren Erzählungskunst. Meisterhafte Exvositiv- nen, 3ufammenbrängung riesiger Stoffmassen in ganz kurze Zeitspannen schaffen das mächtige Fundament, über dem sich die Pyramiden seiner Romane erheben und zu einer gewaltigen Ent­ladung zuspitzen. Es sind diese großen dramattschen Szenen, auf die er mit einer raffinierten Kunst des Zurückhaltens und Abbrechens hindrängt In dieser Explosion einer ungeheuer ausgespeicherten Spannung liegt der Zusammenhang mit dem typi­schen Erleben des Epileptikers, der in den Sekun­den vor dem Abfall alle Höhen und Abgründe deS Daseins durchlebte, der In dem Moment der Todeserwartung zu einem neuen Menschen wurde.

Dostojewski hat mit dieser seiner höchstpersön­lichen und doch ganz objektiv gestalteten Kunst die menschliche Seele so vollkommen durchleuchtet wie kein anderer Dichter. Er hat Kvnsiikte des Wil- lens, Verirrungen des Gefühls, innig oerbunbent und gegensätzliche Empfindungen in vollsterWahr- hett bärgest ält und damit der Dichtung ein wertes Reuland erobert