Unterhaltung♦Erhebung ♦ Belehrung
Treitfchke über nationale Erstattung.
Lm 28. Avril 1896, vor einem Viertel- iohrhrrnLert, ist Heinrich von Treitschke dahingeschieden, der glänzendste Geschichtsschreiber der Entwicklung Deutschlairds im ! 9. Jahrhundert, überhaupt einer der gern elften Historiker. Wir ehren sein Andenfen am besten, indem wir ihn heute unter uns istehen lassen, um uns von der Not, der ctzefahr, aber auch der Größe jener Zeit zu erzählen, die wie die unserige eine Zeit der ^remdheir-schaft rn Deutschland war und doch große Männer zur Rettung des Vater lcmdeS emporhob. Ernes der schönsten Ka- oitel seiner Bücher ist jenes vom Freiherru vom Stein, der in eine Lage Deutschlands hineingestellt war, wie sie der heutigen ganz ähnlich ist. Napoleon hatte Deutschland in ferner Hand, der König war nach Memel geflüchtet, und der Reichsfreiherr wurde an die Ostgrenze zu seinem König gerufen, um diesem als Minister und Staatsmann zur Seite zu stehen. Treitschke schreibt:
„Welch eine Lage * An seinem letzten Geburts tage hatte Friedrich Wilhelm, da die Räumung deS Landes gar nicht beginnen wollte, in einem eigenhändigen Briese dem Imperator geradezu bie Fraae gestellt, ob er Preußen zu vernichten teabsrchngc. Napoleon blieb stumm, die Taten gaben die Antwort. Mitten im Frieden standen 160 000 Franzosen in den Festungen und in großen Lagern über daS ganze Staatsgebiet verteilt, allem Ostpreußen ausgenommen. Der Kern der alten preußischen Armee, mehr als 15 000 Mann, lag noch kriegsgefangen bei Nancy, und woher ioute die ausgeplünderte Monarchie Mittel nehmen für die Bildung eines neuen Heeres? An verfügbarem jährlichem Einkommen verblieben dem Staate noch 13V, Mill. Tlr., kaum zwei Drittel ferner früheren Einnahmen. Ueberall wo Napoleons Truppen standen, wurden die Staatseinkünfte. als ob der Krieg noch fortwährtc, für Frankreich in BestUag genommen, so daß der König nahezu nichts erhielt, Hunderte der aus halben Sold entlassenen Offiziere unbezahlt darben mußten. Tie einst vielbeneidete Seehandlung hatte, wie die Bank, ihre Zahlungen eingestellt: ihre Obligattonen Jan tetr im Kurse bis auf 25. Tie Tresorscheme fielen bis auf 27, da an die Einlösung nicht inehr zu denken war und die französischen Behörden daS Papiergeld zu Wuchergeschäften mißbrauchten. Massen entwerteter Scheidemünzen strömten aus den abgetretenen Provinzen m das Land zurück, und die Franzosen ließen, um • Das Unheil zu vermehren, in der Berliner Münze noch für 3 Mill. Tlr. neues Kleingeld prägen. Ter Staatskredit war so gänzlich vernichtet, daß «pne Prämienanleihe von einer Million, in kleinen Scheinen zu 25 Tlr. auSgegeben, nach drei Jahren noch immer nicht vergriffen war. In der diplomatischen Welt galt Preußen kaum noch so viel wie eineS der König reiche des Rheinbundes- der holländische Gesandte, ein frarrzösischer Konsul und ein österreichischer Geschäftsträger bildeten im Jahre 1808 die gesamte Vertretung des Auslandes am Königsberger Hose. Die französische Militärverwaltung unter Darus brutaler Leitung hauste - im Frieden ärger als im Kriege und jeder ihrer Übergriffe erfolgte aus Napoleons ausdrücklichen Befehl: ernt- Kontribution drängte die andere, und nonatelang blieb es ein tiefes Geheimnis, wieviel der unersättliche Feind noch von dem erschöpften Lande fordern wolle. In Ost- und Westpreußen iDurbe zur Abtragung der Kriegslasten eine pw- aressive Einkommensteuer, die bis zu 20 v. H. ftieg, ausgeschrieben: ein keineswegs reicher Stcttt- «et Kaufmann mußte in dem Jahve nach dem Frieden für Kontribution und Einquartierung mehr als 15 000 Taler zahlen.
Handel und Wandel stockten. .Der brittsche Kaufmanns neid hatte den letzten Krieg rücksichtslos benutzt, um die stärkste Handelsmarine der Ostteeküsten zu zerstören. Ms nachher der Krieg gegen Frankreich ausbrach, der Friede mit England noch nicht geschlossen war, sah sich die preußische Flagge gleichzeitig durch die britischen und die französischen Kreuzer bebrobt. Tann kam der Jammer der Kontinentalsperre. Tie Reederei der pommerschen Häfen verringerte sich in kurzer Zeit von 34 000 auf 20 000 Last Tie alten natürlichen Straßen deS Welthandels lagen verödet: die baltischen Provinzen verloren, da chnen gute Landstraßen noch fast gänzlich fehlten, Pen Absatzweg für ihren einzigen Exportartikel, das Getreide. Ein heilloser Schmuggel handel führte von Gothenburg nach Helgoland, dem neuen Klein-London, die Waren der Kolonien inS Land: andere Warenzüge kamen auS Malta und Korfu durch Bosnien und Ungarn. Ter preußische Mittelstand konnte die Preise der gewohnten Genußmittel nicht mehr erschwin- S: man trank Zichorienwasser, rauchte Huf- ich und Nußblätter. Bettel Haftes Elend in ledcm Haushalt, jedem Gewerb: die Königsberger Buchdmcker verlangten drei Wochen Frist, um ein »echs Bogen langes Gesetz zu drucken, weil sie nur für Zeinen Bogen Satz hatten. Schön, der ae- wregte §inanzmann, der sich gern seines alt- pveußifchen Mute» rühmte, fand die Zustände so hoffnungslos, daß er schon vier Monate nack bem (jwbat nt einer Denkschrift ausführte: man müsse den Sieger durch die Abtretung des Magdeburg )a*n.. veayt# tvr Elbe unb eines Teiles von Ober-» UWcnni befriedigen, sonst gehe das Land durch den Steuerdruck zugrunde.
Alles erinnerte an jene jammervollen Zeiten, ^.^"stemer in den Marken häuften Wilhelm als ein Fürst ohne Land in Königsberg weilte."
Vom Freiherrn vom Stein, dessen Re- wrm«r Treitschke m glänzend beredter Weise lchttdert,^ entwirft er auch das Bild einer Persmutchkcrt, auf das wir heute nur mit sehnsüchtigem Verlangen Hinblicken können' . „Tas schloß seiner Almen lag -.n a f - i >, Mitten im buntesten Lmwergem^.'c her Klein- ttaaterei; von der Lahnbrückc im mrheii Er-, bannte der Knabe ut die Gebiete von achr beutfdvi Fürsten und Herren zugleich hinein schauen t01- wuchs er auf, in der freien Luft, unter der strengen ^udX eines ftol^n, ftommen, ehrenfesten altritier Irchen Hauses, das sich allen Fürstm des Reich.- gleich dünkte. Standen doch bre Stmnmburaru der Häuser Stein und Nasiau dickt beieinnnbn- auf demselben Felsen: warum foUsc das alte
Wapvenschild mit den Rosen und den Balken irwmiger gelten als der sach'ifche Rautenkran-. oder die württembergisrhen Hirschg-^weihe? Der Gedanke bei: deutschen Einheit, ;u dem die gebovenen Untertanen erst aus den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war bte’em stolzen richsfreien Herrn in die Wiege gebunoen. Er wußte es gar nickt anders: „ich hate r.ur ein Vaterland, das beißt Deutschland, und da ick nack alter Verfassung nur ihm und feinem teibnteven Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm imb nicht einem Teste desselben von ganzem Herzen ergeben." Wenig berührt von der ästhetischen Begeisterung der ^Zeitgenossen versenkte sich sein tatkräfttger, auf das Wirkliche gerichteter Geist früh in Die historischen Tinge. Alle diMWunder der vater ländischen Gescknclüe, von Wn Ko horten sturmem des Teutoburger Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren standen lebendig vor fetnnr Blicken. Tem ganzen großeir Deutschland, soweit die deutsche Zunge klingt, galt seine fettige Liebe. Keinen, der nur jemals von der Kraft und Groß- heit deutschen Wesens Kunde gegeben, schloß er ton seinem Herzen aus; als er int Alter in seinem Nassau einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands rithmvolle Taten, hing er die Bilder von Friedrich dem Großen und Diaria Theresia, von Scharnhorst und Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum der Sachsenkaijer: die neuen Teilstaaten. die sich seitdem übe« den Trümmern der Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der Willkür, heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung, sobald rrgtnbtoo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder erstünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die gefrönten Häupter entsprang nickt bloß der angeborenen Tapserkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene, auf Kosten des Kaisertums bereicherte Ltandesgenossen sah und nicht begreifen wollte, warum man mit solchen Zaunkönigen so viel Umstände mache.
Er hatte die rheinischen Feldzüge in der Nähe beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen, die er einmal der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach: das Volk sei treu und tüchtig, nur die Erbärmlichkeit seiner Fürsten verschulde Teutschlarcks Verderben. Er haßte die Fremdherrsckast mit der ganzen. dämonischen Macht seiner naturwüchsigen Leidenschaft, die, einmal ausbrech.md, unbändig nne ein Bergstrom dahmbrauste: doch nicht von der Wiedercrufrich- tung der verlebten alten Staatsgewalten noch von den künstlichen Gleichge'.vichtslehren der alten Diplomatie erwartete er das Host Europas. Sein freier großer Sinn drang überall gradaus in den sittlichen Kern her Dinge. Mit dem Blick des Sehers erkannte er jetzt schon, wie Gneisen au, die Grundz üae eines dauerhaften Neubaues der Staaten^esellschait. Das unnatürliche Uebergewicht Frankreichs — so lautete sein Urteil — steht und fällt mit der Schwäche Deutschlands unb Italiens; ein neues Gleichgewicht der Mächte kann nur erstehen, wenn jedes der herben großen Völker Mitteleuropas zu einem kräfttgen Staate ver- enrigt wird. Stein war der erste Staatsmann, der die treibende Kraft des neuen Jahrhunderts, den Drang nack nationaler Sbaotenbildmrg ahnend erkannte; erst zwei Menschenalter später lollte der Gana der Geschichte die Weissagungen des Genius rechtfertigen. Noch war sein Traum vom einigen Deutschland mehr eine hochherzige Schwärmerei als ein llarer politischer Gedanke: er wußte noch nicht, wie fremd Oesterreich dem modernen Leben der Natton geworden war, wollte in den Kämpfen um Sckstesien nichts sehen als einen beklagen-- rvertcn Bürgerkrieg."
Stein war politischer Reformator, nx- niger ein Staatsmann auswärtiger Politik. Es war, so sagt Treitschke, der Schatten seiner Tugenden, „daß er in den verschlungenen Wegen der auswärtigen Politik sich nicht zurechtfand und die unentbehrlichen Künste dip komorischer Verschlagenheit als Hiebettrad)tiged Finassieren verachtete".
„Aber der zerrütteten Monarchie wieder die Richtung auf hohe sittliche Ziele zu geben, ihre schlummernden herrlichen Stätte durch ben Weckruf eines feurigen Willens zu beleben — das vermochte nur Stein, denn keiner besaß wie er die fort» reißende, überwältigende Macht der großen Persönlichkeit. Jede» unedle Wort verstummte, keine Beschönigung her Schlväche unb der Selbstsucht wagte sich mehr heraus, wemi er feine schwerwiegenden Gedanken in markigem, clltväterischem Deutsch auSsprach, ganz kunstlos, volkstümlich derb, in jener wuchtigen Kürze, die dem Gedankenreichtum, der verhaltenen Leidenschaft des echten Germanen natürlich ist. Die Gemeinheit zitterte vor der Unbarmherzigkeit seines stachligen Spottes, vor den zermalmenden Schlägen seines Zornes. Wer aber ein Mann war, ging immer leuchtenden Blicks und gehobenen Mutes von dem Glaubensstarken hinweg. Unauslöschlich prägte sick das Bild beö Reicbssreiterrn in die Herzen der besten Männer Deutschlands: die gedrungene Gestalt mit bem breiten Nacken, ben starken, wie für den Panzer geschaffenen Schultern: tiefe, funkelnde braune Augen unter dem mädstigen Gehäuse der Sttrn, eine Eulennaw über den schmalen, ausdrucksvoll belebten Lippen: jede Mwegimg der großen Hände iah, eckig, gebieterisch: ein Charakter ime au« dem hochgemuten sed^zchnten Jahrhundert, der unwillkürlich an Dürers Bild vom Ritter Fran; von Lickingen erinnerte — so geistvoll und so einfach, so tapfer unter ben Menschen unb so de- müttg vor Gatt — der ganze Mann eine rounber» bare .Verbindung ton Naturkran unb Bildung, Frei'i,m und Gerechttgkeit, von gtübr.iber Lriben- 'chatt unb billiger Erwägung — eine Natur, bic mtt lh«r UnMigkeit zu ieber selbstischen Be- recbnnng Für Napoleon unb die Genossen seine» Gluck« immer ein unbegreifliches Rattel blieb."
Vie totcrinfcl.
Von August Strindberg.
>r>tTtnbb€*‘g hak in seinen späteren Jah- ren taaebuchatt^ge AufLeicknmngen und nrif- seiftchoft lickte Betrachtungen in seinen „Blaubüchern" gesammelt, von denen ,wei Bände bei seinen Üebzeuen in beuifdier Sprache erschienen. Das „Dritte Blau- buch" wird erst setzt von fernem lieber
setzet Emil Schering im Rahmen der großen bei Georg Müller in München erscheinenden Gesamtausgabe heraus gegeben. „Mein Testament an die Menschen!" nennt es Strindberg in einem Brief vom 25. Juni 1908 an Scbc- rrng, unb wirklich ist in diesem durch zahlreiche Stücke aus dem Nachlaß vermehrten Wert ein Abbild der erstaunlichen Mseitig- keit und Beweglichkeit dieses dämonischen Geistes gegeben, der sich in diesen Blättern mit Ofott und der Welt, mit den tiefsten Rätselfragen des Daseins und den alltäglichsten Dingen auseinandersetzt. Unter dem Titel „Höhere Existenzformen: Die Toten - iusel" hat er an ben Schluß des dritten Blaubuches die Betrachtungen gestellt, die hier wieder gegeben seien:
Man hat den Mißvergnügte,c oft gefragt, wie er sich einen besseren Zustand, ein seligeres Dasein denke. Swedenborg hat selige Zustände auf andern Erden gesch.lderi. und wenn ich daraus die nächste TaseinSform konstruieren sollte, würde es so fein:
Ter Körper auS einer feineren Materie geschaffen, und die Nahrungsstvfse so subttl, aus Pflanzen allein, daß sie vollständig für ben Unterhalt des Körpers aufgebraucht werden, also keinen Rest lassen. Tie Verdauung mit ihren unschönen Umständen bliebe also aus, und die Absonderung geschähe nur durch Ausatmung ton Wasserdämpsen und reinen Gasen.
Tas wäre ein reines Leben. Die Pflanzen, von denen man lebte, brauchten nicht gedüngt werden, unb Vieh wäre nicht vorhanden, da die Bäume Mllch, Früchte, Honig, Wein geben.
Tie Luft würde natürlich eine andere Zusammensetzung haben, die Gesetze der Schwere andere sein, so daß man sich durch Atemholen, bas die Lust des Körpers verdünnt und sein eigentliches Gewicht vermindert, bewegen könnte.
Ttt Tag hätte neun Sticnden^und das Leben reichte nur dreißig Jahre. Zwei Stunden Arbeit, eine Stunde Mahlzeit, zwei Stunden Unterricht und Vergnügen, vier Stunden Schlaf.
Tie Menschen wohnten in reinen schönen Hütten, deren Dächer offen wären, damit die Menschen die Sterne wandern sehen könnten.
Sie lebten in Paaren, Mann und Weib, und wären glücklich, einander nahe zu sein: aber sie erzeugten keine Kinder, denn dies wäre nur eine Station, die nächste nach dem Tode vom Erdenleben.
Diese ganze Station bestände aus Inseln, die schwimmen in einem Etwas, das Luft ober Wasser sein könnte. Tie Berge beständen aus allen schönen Steinarten, wären aber nur Gleichnisse. Da bic Inseln umherschwimmen würden, änderte sich die Aussicht beständig: Reisen würden deshalb unnötig. Auf jeder Insel gäbe es eine Burg, auf der Wächter, Helfer unb Lehrer wohnten.
Hier leben nun gute Menschen, bic das Erdenleben beenbigt unb die Prüfung bestanden. Sie haben es ftftroer im Leben gehabt, sind in Laster unb Verbrechen herabgezogen, haben aber einen solchen Abscheu vor bem Bösen bekommen, baß sie sich bem Guten zugewandt haben. Von dem menschlichen Tierkörper und von Bose und Unwahr befreit, sind sie schön und rein. Sie sind halbdurch» sichttg, so daß sie nichts verbergen noch lügen können.
Hier ruhen sie au» nach den Schrecken des Lebens. Tie Arbeit mit dem Garten rst nur ein schönes Spiel, gesäneht bei Wanderungen am Strand, unter Laubgewölben, unter Blumen und singenden Vögeln von höherer Schönheit, al» wir uns denken tonnen.
Sie werden jetzt von Lehrern darin unterrichtet, was der Sinn ihres vergangenen ErdenlebenS gewesen ist. Warum sie von diesen Eltern und unter diesen Bedingungen erzeugt worden? Sie erfahren die Ursachen, warum ihr Verkehr so gewesen, ihre Lehrer gerade diese.
Tas ganze selttame Gewebe de» Lebens wird aufgetrennt, und sie sehen die Fäden in ihrem Schicksal. Warum sie diese Handlung, die sie mißbilligten, haben begehen müssen: warum andere sie ungerecht haben quälen dürfen.
Mit jeder Erllärung löst sich ein Band der Bitterkeit: Licht und Versöhnung breitet einen stillen Schein Über die furchtbare Vergangenheit. Sie verzeihen in ihrem Herzen ihren Feinden, ja segnen sie zuweilen. Alles, auch das Entt'etzlichste, crfd)dnt in einem versöhnlichen Licht: und damit, nur damit werden ihre häßlichen Erinnerungen, von denen sie niemals glaubten frei werden zu können, auSgetilgt.
Sie weinen vor Freude unb geraten in Ent zückung. Tas haben sie sich nicht denken können: daß eine Versöhnung mit der Vergangenheit möglich fei.
Unb sie loben Gott bei Sonnenaufgang, daß er ihnen diese Gnade gewährt habe: denn früher haben sie nur gewünscht, ite könnten alle» vergessen, was sie erlebt.
Hier sind keine Bösen imb keine Unwahr- hasten.
Sobckld aber jemand die Neigung zeigt, zmn Alten zurückzukehren, wird er entfernt, entweder durch einen schmerzfreien Tod oder durck Zurück- lenbung nach Armageddon, wie sie die Erde neunen.
Unterricht in ben sogenannten Welträtseln, der Kosmogonie, Tbeogonie, Philosophie oder den Wissenschaften können |ie hier nicht erhalten, denn dazu reicht ihr Verstand nicht aus. Aber eins dürfen fic wissen: alle«, was sie in Wissenschaft auf Erden flfltritt haben, ist falsch, aus Strafe, weil sie wie Gott wissend werden wollten.
DaS ist die Ruhestation oder die Sommerferien oder der erste Tod: und die Tage sind ihnen so kurz wie ein Fest. Sie sehnen sich nach ben morgenben Tag, um mehr von ihrem Sckickfal »u erfahren unb dadurch sich mit der Vergangenheit auSzusöhnen: die mar doch der einzige Weg zu Friede und Seligkeit, um den Glauben an den guten Gott mib ine Hoffnung auf ein besseres Leben wieberzugewrnnen.
Mit dreißra Jahren entfdftafen sie einesNachrs, ohne cs zu routen, um an andern Orten weiter erzogen »u werben, in Weisheit, Liebe, Glauben unb Hoffnuny!
Ist es-Mchr sowohl rrizvoll wie befriedigend, sich „Die ^tenstttel" so zu denken ?
«ifbrrbelrtnmg ves Meistertrunk-Fkstfyiels in Rochenburg o. T.
An» bem weltberühmten fränkischen Rothenburg ob bei -tauber, das heute noch von der alten Stadtmauer mit vielen Tünnen, Basteien und
Wehr gang umgeben ist, Xonnnt bic -runbe, oaß bas Rothenburger historische Festt pel „Der Meiftertxunt* am Pfing stm onl^i nack liebemiibu^cr Vause^zmn ersten Male wieber auf- geführt wird. Dies Fefttviel ist i.i dem roch immer im Tornrösdienüblaf versunkenen Städtchen sei' 1881 heimisch. Seine Handlung rührt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Mit anderen fränkischen Städten hatte fidi damals auch M- Wehrkräfte Rothenburg den '3d)roetv!r■ m;gefd)£oifeii und eine schwedische Be'atzimg rniter Rinkenberg in seine Mauern ausgenommen. Ende Cft-iber 1631 belagerte nmt der rat'erlief* Feldmarsä>a!' DzerklaS Graf von Dilin die Stadt und nahm ie nack bari uächgem Diderstande ein. Schon war über dir Stabt und Rat ein grausames Urteil gesprochen die Stadt sollte schonungslo'en Plünderungen preisgegeben wer den unb der Rat der Scccki bti Tod durch HenkerSIxrnd erleiden, da braditc hr*. Altbürgermeister der Stadt, Goorg 'Jhifd;, tv Rotheninrrgern durch einen wackeren ?ntnf Re' ttrng, indem er Dilins Fordermtg erfüMte uno b Ehren vokal der Stadt, der 12 batjeriidje Schoppen faßte, in einem Zuge au«tranf.
Das bödjft wirk an re Festslstel wurde bis zum Kriegsausbruch alljährlich »u Pfingsten aufge führt. Es wird auch den Teilnehmern des Deut fchen BimdeS-Sän qe.-festes in Nstrnbera 1912 noch in freundlicher Erinnerung sein, die damals t*r Ausflug nach Rothenburg o. T. nritgemad’.t hoben und bei dieser ^legcnheit das Festspiel sahen. Da-. Festspiel ist bearbeitet von dem Ehrenbürger ixi Stadt Rothenburg, (Waferntetfter ?n>jni Hörber. ber den historischen Vorgang durch sickere scharfe Charakteri ierung der Hauptpersonen und geschict' tert fzenischen Aufbau zu einem sehr wirksame,- Drama verarbeitet hot. Die musibilischen Ein lagen und Begleitungen stammen von Oberlehrer I. Kvhler und Musikmeister W. Fürst, Regisseur des Feilspiels war bis -um Weltkriege der be kannte Münchener DraNrattrrg Professor L Stark Gesvielt wird es stets von Einwohnern her Stadt Es bat jedeSmal einen großen Fremdenzustvom m das rei'zvolle Tauberstädtcken gebracht, unb es Wirb seine große Anziehungskraft wohl auch in der Zukunft bewahren. Am Pfingstsonntag gelangt, ebenfalls nach siebenjähriger "Pause, auch der htttorische Sckäsertan» wieder zur Auf- führung.
Die der Kuckuck Eier legt.
Des Kuckucks Gewvbnheit, feine Eier in fremde Nester zu legen, ist ja sprichwörtlich geworden. Aber genaue Angaben über diese eigenartige Methode hatte bisher noch kein Naturfvrfcher gc-.nacht Nun ist es einem englischen Bogelkenner gelungen, end ltch dem Geheimnis der Fvau Kuckuck aus die Spur zu kommen, und er enthüllt die Änzclhrit-rn feiner Entdeckung, die man zu ben interessa.ttestcn öct ganzen Vogelkunde rechnen kann, in einem Aus 'atz tec „Daily Mail". „Während der letzten drei -Sommer," schreibt er, „habe ich die vorher nie erreichte Gelegenheit gehabt, das Legegeschäft des weiblichen Kuckucks genau zu beobachten. Tic und Weste ist so geheimnisvoll und geschieht io blitzschnell, daß es begreiflich ist, weshalb man diese Dinge früher nie genau sestgestelll hat. Der betreffende Kuckuck würbe zuerst 1908 üi einem klemen Gelände fcftgefteUt, und ich fand, daß er neun Eier legte. Im nächsten Jahr lehrte er wieder an Ort unb Stelle zurück, unb ich stellte 16 Eier test- die alle in Nester deS WiesSrpiepers gelegt waren. Damals kam ich zu der Erkenntnis, daß der Kuckuck jeden folgenden Tag ein Ei legte und unterbrachte, solange erreichbare Nester bei Pflegeeltern vorhin dm waren. ES wurde mir aud- klar, daß das Geheimnis des Eierlegen- beim Kuckuck darin lag, baß er vorher genau das Nest kennen mußte, dessen er sich für sein neugelegtes & bedienen wollte. Jftt nächsten J<ttme machte ick nun 'vigendcs Experimetft, daß ich vorher die Zahl der vorhandenen Wiesenyiepei cruf dem Gelcmt*- festftellte und ihre Nester so anordnete, daß sie von dem Kuckuck beobachtet werden konnten, wenn er toicbertcfyrte; es waren 21 Nester Der Kuckuck kam wieder, unb wirklich legte er 21 der- irtncbene Eier in sämtliche erreichbaren 9tater der Wiesenpiever. Ich war unterdessen mit seinen Gewohnheiten bereit« so vertraut geworden, daß ich mehrere Freunbe ebenfalls ein Legegeickäft beobachten (anen konnte. Der Kuckuck sucht sick zunächst die Nester aus, indem er die Lieblings- pflegeeltern genau beobachtet. Zu diesem Zwecke sitzt et lange Zeit aus einzelnen Bäumen, die einen guten lleberblick über die biester gewähren. Wir sahen chn mit diesem AuSsuchen sehr beschäftigt, und manchmal flog er näher, um fest-ustellen, ob ha« betreffende Nest fertig sei. In ein solch fertiges Nest legte er dann unweigerlich nach tzwei oder drei Tuaen ein Ei. An den Nachmittagen, an denen Frau Kuckuck ihre Eier legte, trieb fr- alle fte begleitenben Männchen fort und flog auf emen Baum, von dem cruS sie das Nest sehen konnte.. Hier verharrte sie etwa eine Stunde totL- kommen bewegungslos, flog bann zu bem Nrit hin unb wieder zurück, manchmal mehrmals, wie um ftch zu versichern, daß eS Nock da fei Dann «aß der Kuckuck auf bem Zweige längere Zeit wieder im Zustande vollkommener Ruhe. Plötzlich flog er mir audgehretteten Flügeln zu dem Nesi, netz sich daraus nur wemae Sekunden nieder und legte in dieser kurzen Zeit sein Ei .Zu gleicher Zeit entfernte er eins ter Pieoereier aus dem Nest. Die Zeit deS Eierleaens ist so kurz, daß die. Chancen ter Beobachtung des Vorganges fafi gleich Null sind: man kann daS Legen nur beol achten, wenn man einen bestimmten Kuckuck vorher lange fhibtert hat und imstande ist, feine B«- ioegungen genau vorauSzufehm."
zrühling.
Von Hermann Hesse.
In dämmrigen Grüften träumte ich lang von deinen Bäumen unb blauen Lutten, von deinem Duft unb Vogelsang.
Nun liegst bu erschlossen ht Gleiß und Zier, von Licht flbcrgoifeit wie ein Wunder vor mir.
Du kennest mich wieder, du lockest mich zart, e» zittert durch all meine Glieder deine selige, Gegenwart.


