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Donnerstag, 29. September 1921

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

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ten Erscheinungen, die wir gegenwärtig

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Der Schuh im Blut. Aerausgedrückl

Massenpsychosen im Wirtschaftsleben

der Börse erleben, in der , Flucht vor der Mark", dem Empvrschnellen der ausländischen

3n dem alten Hainbuchengang seines grotzen Gartens ging Christoph Wärhahn auf und ab. Hier im schattigen Halbdunkel waren ihm in den letzten zwanzig (Zähren immer die besten Gedan­ken gekommen. Hier hatte er diese Gedanken durchgearbeitct und sie dann mit fester Hand in Laten umgeseht. Erfolg hatte sich an Erfolg gereiht, heute galt er als der tüchtigste Landwirt des Kreises Fritzlar, vielleicht des ganzen Re­gierungsbezirkes Kassel. Es war ein Leben t>oli Mühe und Arbeit gewesen, und harte Schicksals - schlage waren ihm auch nicht erspart geblieben. Aber gerade die hatten seine Willenskraft ge­stählt. An der Wiege war es chm nicht gesungen worden, dah er einst auf 1500 Morgen besten hessischen Rodens, fast schuldenfrei, als Ritter­gutsbesitzer sitzen würde. Aus vermögendem Bauern Hause stammte er. er war ein nachgebore­ner Sohn, abgefunden mit zehntausend Talern vor dreihig Jahren. Eine Hoferbin in einem DachbardvH hatte er geheiratet, bei der Geburt seines Jungen war sie gestorben. Gefreit hatte Christoph Wärhahn nicht wieder, das Erbe seines Sohnes, achtzig Morgen, mit grvher Umsicht be­wirtschaftet, Geld zurückgelegt, und als sich vor reichlich zwanzig Jahren die Gelegenheit bot. sein Gut, das er auf 110 Morgen vergröbert hatte, sehr gut zu verkaufen, war das Geschäft

Roman von Horst Bodemer. (Rachdruck verboten.)

die Arbeiter schon festgestellt, tab die Masse, die mit dem Pickel zerkleinert wurde, nicht rem weist, sondern gelbe Flecken aufwies, was ihnen aufsiel. Dazu kam eine Hitzeentwictelung von etwa 60 Grad, ohne dast irgendwelche Sicher heitsmah- nahmen getroffen worden wären. Es war den Arbeitern nur gestattet, dann und wann frische Luft zu schöpfen: es fehlte jedenfalls eine er­fahrene Persönlichkeit für die Aufsicht. Es be­steht die Befürchtung, dast Sprengungen vorge­nommen worden find; jedenfalls hat ein Beamter einen anderen aufgefordert, noch nicht fortzugehen, da er ihm etwas vorfprengen wolle. Der Ab- transport der hartgewordenen Mafse war an eine fremde Firma in Akkord gegeben worden, die ein Interesse daran hatte, recht schnell das Ma­terial sortzu schassen. Akkord- und Prämien- shstem dürfen in solchen Betrieben, wo es sich um das Leben von Hunderten handelt, nicht an­gewandt werden. Jedenfalls müssen die Spren­gungen sofort unterbrochen werden und die noch stehenden SiloS evtl, unter Wasser gesetzt werden. Den Anträgen auf Errich'ung eines Unter- suchungSausschusses stimmen wir zu.

Reichsarbeitsminister Brann:

nicht laut stillvergnügt. 3n Wabern, kaum zehn Kilometer von ihm, an der Main-Weserbahn, war eine Zuckerfabrik errichtet worden. Sein guter Boden gab prächtige Rübenernten her. Schnitzel unb Blätter, die Schlempe dazu, waren das beste Mastfutter, sein Biehstall wurde immer gröster, keiner verstand zu mästen wie Christoph Wärhahn Und keiner verstand, so preiswert Wagervieh einzuhandeln wie er . . . Fünfzehn Kilometer von ihm lag das Bad Wildungen. Jahr für Jahr nahm, seit die Zweigbahn von Wadern dahin gebaut war, der Fremdenverkehr um Tausende zu. Reue Gartenanlagen schuf er, ichickte Gemüse und Obst nach Wildungen das Bad liegt hoch, es ift dort kein ©artenbetrieb nutzbringend und verkaufte seine Erzeugnisse für hohen Preis. Der Landhunger, der wahrend der Kampfjahre in Christoph Wärhahns Brust geschlagen hatte, erwachte wieder. Er tauft? zusammen, was ihm im Dorfe und in den Rachbargemarkungen ange- bvten wurde. Legte das Geld gleich dar auf den Tisch und bekam das Land dafür billiger. Und wenn Christoph Wärhahn einmal Kredit benö­tigte. brauchte er schon längst nicht mehr in zwei Haustüren hineinzulaufen . . . Alles aber, was er getan, seit er das Rittergut erworben, das war unter den schartigen Hainbuchen durch- gedachr worden . . Die Kampstähre hatten den Gedanken an eine traute Häuslichkeit in ihm nicht aufkommen lassen später war ihm hm und wieder wohl der Einfall gekommen, sich 'm »er den Töchtern des Landes umzusehen. Aber schlietz- lich hatte er den Kopf geschüttelt. Sein Zunge war unterdessen aus den gröbsten Kinderjahren heraus, und eine Mamsell hatte er, die war eine

Perle Hatte die 3nnenwirtschaft im Zuge, dast es ein Staat war, in den Kampfjahren die Zähne mit ihm aufeinandergebissen, ihm aber erklärt, als er eines Tages so ganz nebenbei davon ge­redet hatte, dah er vielleicht doch noch einmal betraten werde:An dem Tage. Herr Wärhahn, wo Sie sich verloben, geh ich durchs Hoftor und komm nicht wieder!" ... Die Unterlippe hatte er vorgeschoben, das Kinn an den Hals gedrückt und stumm und erstaunt seine rundliche Mam­sell, Die alles andere, nur keine Schönheit war, gemustert und es ganz richtig mit der Angst zu tun bekommen, ein Gefühl, das bisher Chri­stoph Wärhahn in seinem ganzen Leben nicht gekannt hatte. Seinen Henner, so lauter der Kose­name für Heinrich in Kurhessen, hatte die Mam­sell bei aller Arbeit erzogen, wie es eine Mutter nicht besser konnte, und in bie Flegeljahre kam er damals auch gerade. Also da noch eineVer­änderung" vornehmen, rvn der man nicht wissen konnte, wie sie ausfiel, das unterlieh er dann wohl lieber; auherdern hatte er auf eine be­stimmte noch gar kein Auge geworfen! Und'kam womöglich noch ein halbes Dutzend Kinder an --- ach nee, lieber nicht. Sein Heimer sollte es doch gut im Leben haben. Sein Land und sein Jung waren doch lms einzige, an dem sein Herz hing. Und die Wärhahns sollten durch ihn die erste Landwirisi.'.mllie des ehemaligen Kurhe'sens wer­den. Das war fein fester Wille, für ten hatte er den schweren Anfang gemacht. Und der Henner wurde ein ganzer Kerl, ein Landwirt, der M dieselbe Kerbe hieb wie fein Vater

(Fortsetzung folgt.)

binnen dreimal vierundzwarrzig Stunden erledigt Und bann hatte er die breite Brust ___________l und tief aufgeatmet. Der Land­hunger war über ihn gekommen, bei jebem Mor­gen, den er zu fernem kleinen Gut hinzuerworben hatte, war er gröber geworden. Er wühle, warum er verkauft hatte. Drüben über dem Höhenrücken, nahe an der Bahn, sah ein verschul- tetcr, unverheirateter alter Junker; über acht­hundert Morgen war sein Rittergut grob und allerbester Boden, ein bitzchen verludert aller­dings. em paar Jahre schwere Arbeit, und wenn der Himmel ein Einsehen hatte, leidliche Ernte- jcibre kamen, bann war er ein gemachter Mann... Ein Dierieljahr hatte er mit dem Gunter feil­schen müssen, dann war Christoph Wärhahn Rittergutsbesitzer geworden mit einem Packen Schulden auf dem Rücken, der einen anderen m bie Knie gedrückt hätte. Wenn er damals wieder hätte heiraten wollen, eine vermögende Dauern- tochter hätte stch schwerlich für ihn gefunden, trotz seiner anerkannten Tüchtigkeit, trotzdem er ein hübscher, mittelgroßer Mann war. mit festen braunen Augen, einem forschen Schnurrbart über den Lippen und einem Kopfe voll Verstand. Aber wieder zu freien, daran dachte Christoph Wärhahn gar nicht Es galt zu kämpfen, schwer zu kämpfen, mit den Pfennigen^ zu rechnen, sein Zunge, der Heinrich, sollte e*, einmal gut im Leben haben Und der Himmel hatte ein Einsehen, es gab leid­liche Ernten, im Viehstalle blieb er auch von schwereren Verlusten verschont, und als et erst em paar Tausend Taler zur Verfügung hatte, Hypotheken und Abtrag ihm keine Schwierigkeiten mehr machten, da hat er wieder lachen gelernt,

M»z. Schwa rzer «Bayer Vv.l spricht ben Hinterbliebenen namenS feiner Partei seine Sym­pathie aus und schildert, was der Bayerische Landtag zu einer raschen Hilseleistung getan habe Ein Spettalgesetz für solche Unglückssälle ver­spreche keinen rechten 6.folg. Für Oppau selbst sei ja gesorgt. Trotzdem werde seine Partei an einem solchen Gesetz mitarbrite i Nachdem der Bayerische Landtag aber bereits einen parla­mentarischen Unter! uchungsausschust g. bildet habe. Halle er einen Ausschutz des Reichstag nicht mehr für erforderlich, zumal ein eventuelles Gegen« einanterarbeiten zu befürchten stehe Sollte trotz­dem ein solcher Uc-b rwachungs u svutz zustande kommen, so beantrage er, dast di fer Auslchuv mit dem bayerischen Ausschutz zusammenzuarbeiten habe 3n erster Linie werde dieser darauf zu achten haben, o.' alle Malmahmen g troffen feien, Leben und Gesundheit der Arbeiter zu schützen. Allordarbeit und Prömiensystcm seten unter allen Umständen verwerf! ch.

Aba Remmele (Kom.s betont, angesichts bet Gräber der Opfer von Oppau hatte man die Pflicht, nach den Schuldigen zu fragen. Das System trage die Schuld, das nur ben Profit im Auge, nicht das Allgemeinwohl. Auch der Sprengmeister, der die neuen Sprengungen mit der beabsichtigten Wirkung nach unten vorgenommen habe war über bie Gefahr nicht genügend unterrichtet, obwohl die Oppauer Arbeiter wiederholt bei der sehr hohen Atmosphärenzahl von 3600, die zur Anwendung komme, um die Produktion zu steigern, vor einer Erplosion gewarnt hatten. Zu der Reichsregierung haben wir nicht das Vertrauen, das) sie eine sach- gemäbe Untersuchung der Frage führen wird. Des­halb muh die Arbeiterschaft an der Untersuchung beteiligt sein. Jedenfalls sei in den letzten Tagen vielfach darauf hingewiesen worden, daß die ge­fährliche Ratur des Ammonsulfats schon länger bekannt war. Das stehe im Widerspruch zu den Anschauungen des Ministers und der Wissenschaft, die sich natürlich in den Dienst des Kapitals stelle. Dauern und Arbeiter haben die Verunglückten ausgenommen. Die Nutznießer der Profitgier, die Anilinkönige. haben in ihren Villen oder Palästen niemand Einlaß gewährt.

Damit schließt die Besprechung. Der Antrag auf Einsetzung eines parlamentarischen Untcr- suchungsaus chusses wird an enommen de A t ag Schwarzer (Bayr. Dp.) wird abgelehnt.

Der Qlntrag auf gesetzgeberische Mabnahmen zur Hilfeleistung bei solchen elementaren Ereig­nissen geht an den sozialpolitischen Ausschub.

Nr. 228 Zweite; Blatt

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Versammlung n Tamtnümmrr East Ernst Hudwia.

Das Erscheinen iämil Jliifllieber örinaen J

Mitwirken sollen. Eine Spezialgesetzgebung aber aus diesem Sinzelsall herzuletten, halte ich mchl für angebracht. Wir werben nichts unterlassen, die Ursache des Unglücks seftzustellen und den Opfern zu Helsen. (Beifall.)

Das HauS tritt in die Besprechung ein.

2Lbg Hofmann - Ludwigshase r (Z'.r.l gibt eine Schilderung der gewaltigen Ereigniste m Oppau und zollt dem Heldenmut der Arbeiter alle Anerkennung, welche, die Gefahr nicht achtend, die Opfer und die Verwundeten aus den Trüm­mern zu bergen bemüht waren. Der Redner dankt den Hilfsmannschäften aus der Umgebung, aus Mannheim und Frankfurt für die geleistete Hilfe. 63 Prozent aller Baulichkeiten des Dorfes Oppau lasten sich gicht wieder Herstellen; nur 23 Pro­zent gelten als wenig beschädigt. Der Material­schaden beträgt etwa 50 Millionen Mart in Oppau allein. Dazu kommt der Schaden in Ludwigs­hafen und Mannheim Die Badische Anilin- und Sodafabrik war ein Musterbetrieb. Die Vermu­tungen in der ausländischen Prelle, 'dast es sich um einen neuen, geheim hergestellten Ecplos.vstori handelte, sind Gespenster. Wir sind bereit, zur Bewilligung neuer Mittel. Elend und Rot sind unsagbar. Die Erklärungen des Ministers haben uns befriedigt.

Abg. Temler (Dtschntl): Wir fühlen uns elnS mit allen Dollsgenv.sen in der Trauer bei diesem Unglück; aber wir halten ben Reichstag nicht für zuständig über die Schuldfrage; diese kann heute noch von niemand entschieden werden; auch von der Wissenschaft nicht.

Abgeordneter Moldenhauer (D. Dpt.) drückt ben Betroffenen das tiefe Mitgefühl seiner Partei aus. Hinsichtlich der Vorkehrungen, die eine Wiederholung solcher Katastrophen verhin­dern sollen, sind wir für restlose Aufklärung und stimmen dem Untersuchungsausschuß zu. 3nson- derheit müssen die Urteile der sachverständigen Arbeiter gehört werden. Wir sollten uns aber hüten, schon heute solche, vielleicht unter dem Druck der Explosion entstandenen Aeubcrungen, in die Oefsentlichkeit zu ziehen. Jedenfalls hat man vor der Katastrophe gerade Oppau mit seinen mustergültigen Sicherheitsmaßnahmen als absolut gesichert angesehen. Vor dem Urteil der Sach­verständigen sollte man daher mit eigenem Urteil zurückhalten. Auch wir sind gegen Rotgesehe aus einem Einzelfall. Der 6. Ausschutz soll sich mit den Anträgen beschäftigen. Wir sind damit ein­verstanden.

Freitag mittag 12 Uhr: Kleinere Vorlagen, Friedensvertrag mit Amerika, Interpellation Joe- gen der Durchkreuzung der Anordnungen des Reichspräsidenten durch Offiziere und Beamte. Anträge wegen des Schuhes der Republik u. a.

Schluß 1/08 Uhr.

Berlin, 28. Sept. (WTB.) Dem Reichsta­ist ein unabhängiger Eintrag zugegangen, der den Entwurf eines Gesetzes zum Schutze der Republik enthält.

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Abg. Schwartz- Baden (Unabh.) bringt den Opfern ebenfalls tiefes Mitgesü l entgegen. Leider seien sie im Dienste des Kapitalismus, nicht im Dienste der Allgemeinheit umgelvmmen. Darum müsse das Gewissen der Kapitalisten der Welt auf- gerüttelt werden. Freilich könne nicht einem Ein­zelnen eine Schuld zugeschoben werden. Anderer­seits stehe es aber der Direktion der Werke schlecht an, so zu tun, als ob ihre Schuldlofigkeit schon er­wiesen sei. Hübsch war es auch nicht, dah die Werke die Situation benutzten, um für sich Reklame zu machen. Blotz bon Raturgewalten zu reden, sei nicht angebracht; das gehe schon aus den Aeuhc- rangen des Abgeordneten Brey hervor. Jedenfalls sei die Arbeit der Räumung des Silos in über­hasteter Weise vorgenommen worden. Der Unter- suchungsausfchuh werde dagegen festzustellen ha­ben, ob bei den Sprengungen mit der nötigen Vor­sicht versahren toorten fei. Desgleichen werde er darüber entscheiden müssen, ob der Betrieb im Zitteresse der Arbeiter fortgeführi werden soll. Wenn den Opfern und ihren Hinterbliebenen aber- wirklich geholfen werden soll, bedürfe es allerdings eines Spezialgesehes. Es sei doch eine Spezial- schande, in einem solchen Falle zu Wohltätigkeits- veranstallungen in Darietss und Kabarets zu grei­fen. Die Unternehmer, in deren Dienst die Opfer gcfdllen sind, mützten im 3ntercffe der Hinterblie­benen zu einer Sondersteuer herangezogen werden.

Avq. Dietrich-Baden (Dem.) schilderi die ersten Eindrücke der Katastrophe in Karlsruhe und Mannheim und bedauert, dah es erst solcher Mittel bedürfte, um das deutsche Zusammenge­hörigkeitsgefühl wieder zum Leben zu erwecken. Angesichts der Gefahren, die nach ben Darlegun­gen des Abg. Brey die Lagerung weiterer Am- monsulphatvorräte in Ludwigshafen bedeuten sol­len, stelle ich gemäß Mitteilungen deS Professors Haber, des Erfinders dieses Dersahrens, fest, dah der Produttivnsprvzch selbst völlig harmlos ist und mit dieser Explosion nichts zu tun hat. Die Explosion ist vielmehr durch die Sprengung ver­ursacht worden, nachdem frühere Sprengungen ohne jede Folge geglückt waren. Die Wissenschaft steht hier noch vor einem Rätsel. Wir werden aber vor Ueberraschungen niemals völlig sicher sein. Was soll angesichts dieser Situation ein parla­mentarischer Untersuchungsausschuh nützen? Höch­stens kann eine wissenschaftliche Kommission etwas erreichen. Unterbunden darf die Stickst off Pro­duktion nicht werden. Sie ist eine Lebensnotwen­digkeit für die Landwirtschaft^__________________

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hängigen und Kommunisten zum gleichen Gegen­stand.

Abg. Brey (Soz.) gedenk: der ungeheuren Zahl der Opfer, 414 Tote und 160 Dermitzle, die aus Leben und Arbeit gerissen sind. Allein 40 Menschen haben ferner ba$ Augenlicht verloren. Die Zahl der sonstigen zum Teil Schwerverletzten kann überhaupt noch nicht genannt werden. Die Gebäude und Maschinen, die nun verwüstet sind, waren auS bestem Material und schienen für die Ewigkeit gebaut. Männer der Arbeit find der Explosion zum Opfer gefallen, Männer der Ar­beit gedenken wir in Trauer und Mitgefühl. Wir alle hegen die Hoffnung, dah dieses Unglück die Menschen einander näher bringt. Don einem Ver­brechen kann wohl nicht gut die Rede fein. Ein Attentäter würde sich wohl kaum diesen Ort aus­gesucht haben; er hätte höchstens die Maschinen­häuser zum Ziele seiner Angriffe gewählt. Der in die Luft geflogene Silo wird jetzt durch einen Krater von 150 Meter Länge und 50 Meter Tiefe bezeichnet. Die Trümmer decken kilometerweit die Gärten zu. Der Inhalt, der bis dahin noch nicht als explosionsfähig erkannt wurde, ist explo­diert. Es ist ja so viel Material, das zur Zeit für Explosivgeschosse bestimmt war, be: Kriegsende für wirtschaftliche ONahnahmen frei geworden und gerade Lu^w.gshafen war während des K ieges der Hauptsitz der chemischen Industrie. Run sind dort noch zwei solcher Sckos mit gleichem Inhalt erstanden und die Bevölkerung lebt in ständiger Furcht vor einer neuen Katastrophe. Wir ver­langen Feststellung, ob hier noch eine Gefahr vcrliegt und rücksichtslose Auflläiung des Ge­schehenen unter Heranziehung der Arbeitervcr- treter. Die Theorie hat hier versagt; die Praxis der Arbeiter kann vielleicht heften, haben doch

Devisen und der riesigen Steigerung aller Kurse für Industriewerie, erblickt ein Arzt, Dr. P. Kirchberg, in einem Aussatz, den er im neuesten Heft der ,Umschau" veröffentlicht, eine Massen­psychose, und er führt zum Vergleich aus früheren Jahrhunderten zwei ähnliche Beispiele wilder Spekulationswut an, bei denen unverkennbar suggestive Einflüsse im Spiele waren. Das erste Beispiel ist dieTul ip o man ie" in den Rie­derlanden, die zu einer schweren wirtschaftlichen Erschütterung ganz Europas führte. Die Tulpe wurde im 16. Jahrhundert Gegenstand der Speku­lation, die genau wie heute betrieben wurde. Manfixte", d. h. man verkaufte die Zwiebel, die man zunächst gar nicht besah, für unerhörte Summen, um sie zu einem bestimmten Termin zu liefern. War dann die gehandelte Spielart nicht aus dem Wartte, so verkaufte man alles Hab und Gut, um die Differenz zu bezahlen. Eine einzige Zwiebel brachte einmal 13 000 Gul­den. Lilles handelte mit solchen Zwiebeln, nicht nur die Kaufleute, sondern auch Adlige, Bauern, Knechte und Mägde. Den Höhepunkt erreichte der Tulpenschwindel in den Jahren 16341637. Es war eine Massensuggestion, gegen die dann eine Reaktion mit genau gleicher Stärke einsetzte. Tulpenzwiebel, die ihr Gewicht in Gold wert ge- wesen waren, wurden plötzlich zu wertlosen Sin­gen Die Art, für die man 13 000 Gulden be­zahlt hatte, kostete nun 50 Gulden und noch später 5 Gulden. Der Panik war nicht Einhalt zu tun, und als im April 1637 verordnet wurde,

klagt eS, datz der 23. Ausschuh, dessen Aufgabe ge­rate diese Frage war, wiederum nicht bei ter Fest­stellung tes Etats hinzugezogen wurde. Es sei abermals nur etwas Halbes geschaffen worden. Die Rot poche jetzt an die Tür ter Beamtenschaft, der Intex zeige, dah die Kosten der Lebenshaltung um das 16fache gestiegen seien, die Gehälter da- ?egen nur um das fünffache. Die Lebenshaltung er Beamten fei schon unter die ter Proletarier gesunken. Wenn wir ter Beamtenschaft nicht hel­fen, breche sie zusammen. Deshalb müsse eine völlige Reuordnung erfolgen und zwar eine Reu­regelung der Gehälter ohne Teuerungszulage. Der Redner- verliest eine hierauf bezügliche Erklärung seiner Partei.

Abgeordneter Segler F (Seutschn.) schließt sich diesen Klagen an und bedauert ebenfalls die Richttesragung tes 23. Ausschusses. Auch er ver­liest eine Erklärung, terzufolge die Vorlage seiner Partei in keiner Weise genüge, und in ter eine sofortige Reuregelung der Gehälter gefordert wird. Ser übertriebenen Sifferenzierung müsse ein Ente gemacht werden. Don ter Einbringung besonderer Anregungen stehe seine Partei ab, weil ter Gewerkschaftsbund der Beamten schon selbst entsprechende Schritte eingeleitet habe.

Abgeordneter Sr. Höfle (Ztr.) stimmt einft- ineilcn dem Rachtragsetat zu, wünscht aber eben­falls endgültige Mahnahmen. Die Frage ter Teuerungszulage müsse so geregelt werten, datz unter allen Umständen eine Mindestgrenze nach unten fest gesetzt werte. 3m übrigen genüge aber die Disserenzierung bei den Ortsklassen. Bei den Teuerungszulagen sei sie nicht angebracht.

Abg. Bartz (Komm.): Wenn es mit Wor­ten allein getan wäre, gebe es keinen in Deutsch­land, dem es besser gehe, als den Beamten. In ter Praxis seien aber Die bürgerlichen Abgeord­neten stets hinter ter Theorie zurückblieben und hätten stets versagt, wenn seine Partei die Er­höhung tes Grundgehalts verlangt hätte. Die unteren und mittleren Beamten mühten in erster Linie aufgebessert werten. Für die oberen sei das nicht in tem gleichen Mähe erforderlich.

Abg. Dauer (Daher. Dpt.) erwartet eben­falls eine recht baldige Neuregelung der Ge­haltsfrage welche ter übergroben Spannung ein Ente machen solle.

Der Entwurf deS Nachtragsetats wird als­dann in allen drei Gelungen angenommen.

Es folgt die 3nterpellation Müller- Fran­ken (Soz.) über das Unglück in Oppau. Damit verbunden werden einige Anträge der älnab-

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Im Rahmen ter Zuständigkeit des Reiches tourte das Arbeitsministerium mit der Aufklärung und der ersten Hilfeleistung beauftragt. Ich selbst habe mich dorihin begeben. Es ist aber bislang weder möglich gewesen, den Anlah aufzullären, noch die Zahl der Opfer festzustellen. Mit 400 Toten muh gerechnet werten. Die Zahl der Der- tounteten geht in die Hunderte, die meistens durch Glassplitter und Brandblasen gelitten haben. Die Gemeinde Oppau ist nicht völlig zerstört worden, sie hat nur sehr stark gelitten; man ist aber schon beim Wiederaufbau. Der Redner dankt den Ar­beitern, die mit grober Geistesgegenwart die Feuer unter den Kesseln gelöscht haben. Explo­diert ist das Ammonsulfat in einer Masse von 4500 Tonnen. Es ist vorher eingehend auf Gxplo- sionsmöglichkeiten untersucht worden. Wie die Explosion erfolgt ist, wird sich nicht feftftellen lassen, ba alle Anwesenden tot sind. Andere Sach­verständige erklären ebenfalls, dah sie bislang keine Gefahr in ter Lagerung des Salzes gesehen hätten, datz aber andererseits bei der Anwendung von Sprengkapseln sich wohl eine Explosion des Salzes herteiführen lasse. Die weitere Herstellung dieses Präparates ist sofort eingestellt worden. Die Unten'uchung wird aber fortgesetzt werden und alle Anregungen dieser Debatte werden dabei beachtet werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dah durch Acnterungen in der Lagerung die Explo­sionsgefahr vermehrt wurde und dah die Dorbe­reitung ter Masse für den Transport die Schuld daran trug. Die Reichsregierung hat sofort 10 Millionen Mark für die erste Hilfeleistung be­willigt und der bayerischen Regierung zur Ver­fügung gestellt. Auch Sachsen und Baden haben sich tem angeschlossen. Es sollen einzelne ilntcr- stützungen an Familien gegeben und die Hinter­bliebenen entschädigt werden. Die Dertellung der freiwillig aufgebrachten Mittel und der Reichs­mittel sollen, sofern einzelne Spender nicht be­sondere Wünsche äuhern. einer einzelnen Stelle Vorbehalten bleiben, an der die Betroffenen selbst

Deutscher Reichstag.

135. Sitzung.

Berlin, 28 Sept.

Präsitent Löbe eröffnet die Sitzung um 2' i Ubr nachmittags. Eine Beschwerde des kommuni­stischen Abg. Remmele wegen einer bei ihm ab gehaltenen Haussuchung wird tem GeschästS- süyrenden Ausschutz überwiesen, desgleichen ein Antrag Bartz <Kom.) wegen Aufhebung tes Strafvollzuges gegen ten Abgeordneten Wendelin Thomas

Es folgt die Beratung deS Entwurfes über Verlängerung ter Gültigkeitsdauer der Abwei- chungen vom Biersteuergeseh (gemeint ist damit die Weiterverwendung von ReiS und Mais zur Bier- erzeugung).

Abg Iaud (Dayr. Dp.) hält diese Matz- nahme für einen Betrug am Dolke. Jedenfalls stünden die hohen Bierpreise nicht im Derhältnis zu diesem Surrogat. Das Bier sei ein Volksnah- rungSmittel und dürfe nicht verfälscht werten. Seine Partei lehne die Verlängerung des Ge­setzes ab.

Der Entwurf wird in den beiden ersten Lesun­gen gegen die Stimmen ter Bayr. Volks Partei an­genommen.

Sic dritte Lesung scheitert am Einspruch des Abg Iaud.

Rach Erledigung einer Reihe kleinerer Vor­lagen kommt ter zweite Nachtragetat für 1921 zur Beratung, der die Teuerungszulagen enthält.

Abg. S t e i n k o p f (Soz.) verliest eine Er­klärung seiner Partei, die sich gegen die automa­tische Erhöhung ter Gehälter richtet, durch welche keine fühlbare Linderung ter Not geschaffen werde. In der Erwartung einer baldigen endgültigen Re­gulierung ter Frage ter Teuerungszuschläge stimme seine Partei tem Nachtragsetat zu.

Abgeordneter Petersen (Sem.) verliest eine ähnliche Erklärung seiner Partei, die nament­lich eine Regelung ter oberen Klassen fordert, ebenso die Abg. Frau Zieh (Unabh.), welche dagegen protestiert, dah die oberen Beamten mehr an Teuerungszulagen erhalten, als die unteren Beamten als Gehalt beziehen. Sas sei eine Un­gerechtigkeit. Es sei zwar ein kleiner Fortschritt erzielt worden, die Spanunng zwischen oben und unter sei aber immer noch zu groh. Das Existenz­minimum müsse als Grundlage genommen werten.

Abgeordneter B e u e r l a i n (D. Dpt.) be-