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Paris 27. Dez. (TBCT.) llad) einer Hovas- Meldung aus Tannes trifft der amerikanisch? Bot­schafter in London. Harvey, bereits am 29. De- zember dort ein.

Die Konferenz von Cannes.

Paris, 26. Dez Havas. Briand wird dm 3. (Januar abends Paris verlassen und sich nach Tannes begeben, cvv am 10. Januar der Oberste Bat zusammen treten soll. Der fran- -ösische und der britische Premierminifter coerdcn am Tage vorher unter sich eine Besprechung haben. Man nimmt an, bafj die Tagung des Obersten Rates nicht länger als vier Tage dauern wird.

ßroi)b Georges politische Wandlungen.

Rach-stehende Ausführungen über d.e Persönlichkeit des englischen P emi?r- - Ministers dürften gerade letzl, da bei dem G<gens2tz zwischen England und Frankreich die Person Lloyd Georges in den Mittelpunkt des Interesses ge- rückt ist, allgemeine Beachtung verdie­nen.

AIS ich Lloyd George während der Unter­zeichnung des FriedensverkrageZ im Spiegelsaal des Schlosses in Versailles beobachtete, muhte ich der (Zeit seiner etilen politischen Erfolge ge­denken. Tenn schon damals traten feine Ver- laHtät, sein erstaunliches Talent zum Opportunis­mus klar zutage. Lloyd George ist diesem Prin­zip treu geblieben, und wo andere darüber zu Fall gekommen sind, hat es ihm die Tür zur höchsten politischen Würde geöffnet.

Zwei Faktoren haben Lloyd George dre Leiter zu feiner heutigen Wurde erklimmen las­sen: Redekunst und rücksichtsloser Kampf. Als er während des südafrikanischen Krieges in der Oefsentlichkeit auftauchte, zog er durch seine nutz­lose Opposition gegen die Ansichten der Majorität seiner Landsleute sofort die Ausmerksamkeil auf sich Er griff die Regierung so scharf an, daß die damals aus dem Gleichgewicht gekommenen tiIst- losen Liberalen glaubten, in ihm ihren Messias erblicken zu können.

Lloyd George nahm die Ginbringung des Unterrichtsgesehes im Jahre 1902 als Gelegenheit wahr, einen hitzigen Feldzug gegen die Regie­rung zu eröffnen. Mit einer machiavellistischen Gerissenheit und Unbill ohnegleichen verdrehte und entstellte er die Grundgedanken des Gesetzes in einer Weise^ die, insbesondere in Wales, dem Lande der Äichtkonsormität, eine grobe Erbitte­rung gegen die Staatskirche entfesselte 3m poli­tischen Leben jenseits des Kanals lebt diese Jung- sernkampagne Lloyd Georges als die »Revolt Poliy" oder »Welsh Rational Movement" fort. Tie Folge war ein Boykott des Unterrichtsmini- steriums. Ten Lehrern wurden die Gehälter nicht bezahlt, die Schulzimmer blieben ungeheizt, so dab der Kampf zwischen den Waliser Revolutio­nären, besser gefaat, zwischen demungefrönten König von Wales" Lloyd George und dem iln- ierrichtSministerium das letztere aus den Fugen zu bringen drohte.

Ich hörte Lloyd George zum ersten Male in Eardiff reden. Schon nach dieser Rede konnte ich seinen fast dämonischen Einfluß diewitchery os hiS tongue" wie es in der Ptelse hieb, auf die Massen verstehen. Wie Lord Shaftesbury trotz feiner Unbeständigkeit und Treulosigkeit gegen die eigene Gefolgschaft infolge feiner genauen Kenntnis Englands das Land beherrschen konnte, so war daS Rätsel des Erfolges Lloyd Georges in Wales in seiner Vertrautheit mit der Psyche der Waliser suchen. Man hat Lloyd George oft denParnell von Wales" genannt aber obwohl diesem an Eloguenz überlegen, fehlen ihm doch die Willenskraft und Charafterstärke des Iren- führer«. Rur weist Lloyd George wie einst Par­nell, sich im richtigen Augenblick zu mäßigen.

Lloyd George erweckt den Eindruck eines ge- fchickten Schauspielers. Sein Mienenspiel, seine Ge­bärden und Modulationen sowie die wirkungs­vollen Pausen, um den Beifall auStoben zu lassen, sind ein Meisterstück schlauer Berechnung. Wenn er sich zuweilen anscheinend bis zur Siedehitze er­eifert, so gibt er sich, wie auch Gambetta nach­gesagt wurde, im nächsten Augenblick wieder als der ruhige, nüchterne, abwägende Politiker. Im Parteikampfe ist ihm jede« Mittel recht, auch das der Verunglimpfung anderer. Dem Kriegssekretär

Lord Miotcton itcllte er das (Zeugnis aus, so dumm und so wenig vertrauenswürdig zu sein, dab kein Kolonialwarenhändler ihn als .Kommis anstellen würde. Er erklärte, das Fundament der ! Kirche baue sich auf einem Fatz Bier auf usw.

Aber bereits zu jener Zeit pab Lloyd George I die ersten Anzeichen seiner politischen Chamäleon > art_ zu erkennen Als der Bericht der auf sein . Drängen eingesetzten Regierungs'ommi"io.i zur 1 Prüfung der Kirchenvorfchriften für Wales das Gegenteil von dem enthielt, was Lloyd George | erhofft hatte, wodurch der von ihm angeftreb'en Entstaatlichung der Kirche ein vernichtender Echiag versetzt wurde, schwenkte der .erbitterte Kirchen gcgner" von seiner Politik ab und folgte dem Ruf Sir Bannermans als Handelsminifler Unb nun trat seine Wankelmütigkeit noch mehr zutage. War er bisher ein unnachgiebiger Opponent der f»genannten Vorzugsbewegung gc- wesen, von dem eine aggressive Frethandelsoolitik erwartet wurde, so bewies er durch die Unter- stühung des Handrlsfchiffahrtge eyes das Gegen­teil. Auch die Annahme des Patent- und Muster- fchutzgcfetzes. das wie das Handcfsschiffahrtsgesetz im Sinne des Schutzzolles gehalten war. liest erkennen, baß Lloyd George sich als Diener der Krone plötzlich mit der Vorzugsbewegung be­freundet hatte. Dallour erklärte damals, er habe einen glatten Umfall noch nicht erlebt.

Lloyd George zog sich durch feine Unbeständig­keit, durch fein Opportunitätsprinzip eine große Gegnerschaft zu, aber er verstand es. wie z. B durch die Beilegung des Eisenbahnstreits (eine feiner bedeutendsten Taten als HanLelsminister), wofür ihm das Ehrenbürgerrecht von Eardiff ver­liehen wurde, die Gemüter zu beruhigen.

Als Handelsminister begann Lloyd George sich politisch auch insofern zu mausern, als er ge­mäßigter wurde. *3r war wohl zu der Erkenntnis gekommen, daß wilde Hetzreden unvereinbar seien mit der Ausgabe eines Regierungsbe-am: '. Aus dem destruktiven wurde ein konstruktiver Vvfitifer.

Aber der britische Premier hat eine für einen im öffentlichen Leben stehenden Politiker fatale Schwäche, er ist, wie es bei Parnell, Gambetta u. a. der Fall gewesen, nicht sattelfest in der Ge- schichtskunde und Geographie. Diese Unkenntnis, die insbesondere auch Wilson eigen ist, hat, wie Dillons Buch über die Friedenskonferenz offen­bart, zu dem ethnographischen und geographischen Flickwerk des Versailler Friedensvertrages ge­führt.

Ter irische Staatsmann Henry Grattan er­klärte einmal int irischen Parlament, datz ein ge­wissenloser Minister leit Jahrhunderten bestehende Traditionen im Handumdrehen über den Hausen werfen könne. Dieser Ausspruch hat durch Lloyd George und seineRa genossen" während der Pari er Friedensverha.idlurgan und durch seine Rachwehen (Ob»erschlefien usw.) eine treffende Be­wahrheitung erfahren.

Felix Baumann.

Um die nächste Ernte.

Die Abgeordneten Cutw, Hepp Dobrich, Westermann Harte, Zeschke, die sämtlich der Deutschen Volkspartei angehören wünschen von der Reichsregierung Auskunft über die Verlo» gung der Landwirtschaft mit Stickstoff. Es tzetht in der Anfrage:

Rach Angaben des Stickstoffsyndikats ist es in, den letzten Monaten nicht möglich gewesen auch nur annähernd die Mengen Stickstoff zum Abtransport zu bringen, deren die xiauuanct* schäft bedarf.

Angefordert waren im September 15 700 Wagen, gestellt wurden 9000 Wagen oder 57 Pro­zent 3m Oktober waren die Zahlen 14 500 zu 6500 oder 45 Prozent. 3m Rovember 19 000 zu 5500 oder 29 Prozent. 3m Dezember ist die Zahl der gestellten Wagen noch weiter gesunken. Die Werke haben ungeheure Bestände, zurzeit etwa 200 000 Tonnen, die nicht abtransportiert werden können. Von der ausreichenden Versor­gung mit künstlichem Dünger hängt in erster Reihe das Ergebnis der nächsten Ernte ab. Werden die Verkehrsverhältnisse nicht schleunigst ge­bessert, so ist die Ernährung des Volkes für das nächste Jahr gefährdet. Was gedenkt die Reichsregierung zu tun, um diese Gefahr zu be­seitigen?

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 27. Tez. 1921.

Aenderung der im Fernsprech- gedührengesetz bestimmten Ge - dührensötze. Rach einer soeben herauZgekom- menen Verordnung werden die in den §3 3, 4 und 8 tes Fernlprcchgeduhrengesetzes bestimmten Gebührensätze (Grund-, Orts- und 5crngebüßten) um 80 vom Hundert erhöht Diele Verordnung tritt mit dem 1. Januar 1422 in Kraft. Jeder F.r.-.spre^tcilnrhmer ist berechtigt, feinen An­schluß bis -um 30. Dezember 1921 auf be.i 31. De­zember 1921 zu kündigen.

* Der Ankauf von Gold für ba* Reich durch die Reichsbank und Post erfolgt in der Woch: vom 26 Dezember bd. Js. bis 1 Januar nächsten Jahres unverändert wie in der Vorwoche zum Preise von 720 Mark für ein Zwanzigmarkscück, 360 Mark für ein Zehn­markstück. Für die auSländischrn Goldmünzen werden entsprechende Preise gezahlt.

* ©egen bie6onberbefteuetung der Fahrräder tn Hessen hat der Vor­stand des GaueS 9 des Bundes DeutscherRad- sahrer Stellung genommen und dem hessi­schen Ministerium folgende Entschließung übergeben:Der Herbstgautag deS Gaues 9 des BDR. nimmt mit großem Be­dauern davon Kenntnis, daß im Vollsstaat Hessen nach wie vor die Sonder- beftcucning in Kraft ist. Er erhebt gegen die­sen unzeitgemäßen Ausnahmezustand gegen den Radsport lebhaften Protest. In einem Zeitalter, in dem der Sport in erster Lini-f zur Ausrichtung des Öeutfdyzn Volkes berufen .st und hierfür große Arbeit leistet, sind Er­schwernisse gegen eine Sportart weder gerecht noch zu begründen. Der Herbstgautag bittet deshalb des hessische StaatSministerium, so­fort Maßnahmen zu treffen, die die Sonder­besteuerung der Fahrräder in Hessen auf- heben."

Landwirtschaftlicher Vortrags­kursus in Gießen in der Zeit, vom 3.-5. Januar 1922. Es werden sprechen: Geh. Hofrat Dr. Wagner. Darmstadt, über »Zeitgemäße Süngung6rragen" Prof. Dr. Dade, Haupt- gefchästsiührer des Deutschen Landwirtschaftsrats. Berlin, über »Die sogen. Reparationsleistungen an die Entente und die Mithilfe der Industrie und der Landwirtschaft". Prof. Dr. Finger­ling. Vorstand der landw. Versuchsstation, Leipzig-Möckern, über »Der gegenwärtige Stand der Futterkonservierung sowie über neuere Fültcrungsfragen, insbesondere die Schweine- fütterung . Prof. Dr. Brinkmann, Bonn, über »Betriebswirtschaftliche Fragen der Gegen­wart". Prof. Dr. K r a e m e r , Gießen, über »Fragen der Kaltblutzucht". Prof. Dr. K n e l l, Gießen, überTierseuchenbekämpsuna". Ab­teilungsvorsteher des landw. HniöerTität8-3nfti- tuts Gießen, Dr. B u r ck, über »Sorten- und Düngungsfragcn beim Karlo fsel bau". W. Poenicke, Vorsitzender der Deutschen Obstbau­gesellschaft Eisenach, über »Sortenzucht und Rein­zucht in ihrer Bedeutung für den praktischen Obstbau".

ZL Einer der ältesten Vete­ranen Hessens, Kreisvvllziehungsbeam- ter Th. W i n t e r st e i n, ist im hohen Alter von 84 Jahren hier gestorben. Als Berufs­soldat nahm er an den Feldzügen 1864, 1866 und 1870/71 teil.

Auf daS Schießverbot in der Silvesternacht, das auch das Abbrennen von Feuerwerkskörpern umfaßt, fei nochmals ßingetriefen. Wie uns mitgeteilt wird,, soll das Verbot streng durchgeführt werden;'man hüte sich also vor Unannehmlichkeiten.

** Das Fest der silbernen Hoch­zeit begehen heute Straßenaufseher Karl Weller und Frau Dinchen geb. Pfeiffer.

T i e Freiw. Sanitätskolonne vom Roten Kreuz veranstaltete am 1. Feier­tag eine Weihnachtsfeier im Hotel Felfenkeller. Aus dem reichhaltigen Programm find besonders zu erwähnen die Ansprachen von Landgerichts­direktor Wiener und Kieiöseuerwehr-Jnfpektor T i ck 0 r 6, mehrere gut gespielte Klavier-, Violin-

und JManboli nennortrage, ein flott auf geführter Einakter. Tellama:ionen in Wellerauer Rkunk» ait, und ein« Reihe deklamatorischer Vorträge von Kindern. Tk Kindeik». säduig ferne bl tnle die Verlosung für die Erwachsenen ihnen froh« Weihnach: s,limmung aus. Der Verlauf der Feier gab Zeugnis von dem Geschick, mit dem die Ver- dhallet ihre nicht leichte 'Ausgabe gelöst haben.

^ornotitze«.

Tageskalender für Dienstag: Stadtthdater. 3 Uhr:Der FrofchkSnig-, 7 Uhr: Das Dreimäderlhaus". Aftoria-Lichtsptele, heute und morgen: .Lrfchendiebe" und ..Bauernhaß". VicbtspielhauL, Bahnhof­straße. bis einschließlich Donnerstag: ..Das große Radiumgeheimnis" undEs bleibt In der Familie".

Landkreis Bietzen.

ri. S? i. 27. Dez Dor den Feiertagen »er* sammelten sich die hier in Pslege befindlichen Kin­der aus dem Frankfurter Watfenhaus mit ihren Pflegemüttern in der Turnhalle zur Weib- nuchlsbescherung. Dom l$Si;ffnbau» waren außer Inspektor Deckmann zwei Herren deS Ausfichtsrats anwesend.

Starkenburg und Rheinhessen.

Darmstadt. 27 Dez. Ein Wohl­täter. Seit zwei Jahren vollzieht sich hier, dem »Darms! Tügl Anz." zufolge, in alter Stille ein großes Liebes werk, von dem bi« Offen lttch- kichkeit bis jetzt noch wenig erfahren hat. Herr Sdm. A. Stirn ein Deutsch-Amerikaner in lltu- York. Heß voriges Jahr in LrndenjeiS. Odenwald, di« Villa Waldheim zu Kurzwecken «inrichren Seitdem werden immer 1215 hiesig« hirbebud- tige Schulkinder jeweils 2 Monate lang auf seine Kosten darin untergebracht und In aufopfernder Weise gepflegt. Die Leitung liegt in Den sicheren Händen feines hier wohnhaften Freundes. Auch nach der Entlastung aus dem Waldheim werden die Kinder zuweilen noch versammelt So wurde tm Sommer, in Begleitung des damals unwefen- den Herrn Stirn, ein Ausflug mit Musik nach dem Oberwaldhaus unternommen Die Kinder wurden mit Kakao und Kuchen bewirtet. Ferner wurde heute mit allen Kindern und deren Ettern eine erhebend« W«ihnachtsfei«r veranstaltet, bei der praktische Geschenke «Nahrungsmittel ' und Kleidungsstücke), von Herrn Stirn gestiftet, ver­teilt wurden. Dem Vernehmen nach unter hüll der edle Stifter noch zwei Kinber-ErhvlungSheime. eines im Bremerland, das andere in Bayern Die bedeutenden Kosten werben einzig und allein von Herrn Stirn und feiner Familie bestritten. Diele hundert deutsche Kinder werden mit ihren Eltern des wackeren Mannes von Uebersee und feiner uneigennützigen Helfer m der Heimat dank- bar gedenken.

Hessen-Nassau.

* Marburg, 27. Dez. E i n Mißver» ständnis. Vor einigen Sagen fand sich, wie bie »OberHess. Ztg." berichtet, in einer Frauenklinik ein Wann ein und wollte an feinem Ohrenleiden be­handelt werden. AIS man ihm klar machen wollt«, daß er sich geirrt habe, er müsse In die Obren« klinik gehen, schüttelte er -weiselnd den Kopf und fügte treuherzig hinzu, baß er draußen doch eir Schild mit der Aufschrift »Zum Hörfaal" gelesen habe

(Derid)tsfaaL

ro. Aus dem Hüttenberg, 26. Dez. Die Gerichtstage in Riederkleen werden im Geschäftsjahr 1922 abgehalten am 31. Ja­nuar, 7. März, 16. Mai, 4. Juli, 17. Ok- toter und 12. Dezember.

Eine Versammlung der ober- hessischen Ortskartelle sand im Katholischen Verein-Hause in Gießen statt mit der Tagesordnung: Orte» klasseneinstusung der oberhefsischen Orte. Der Einbcruser und Leiter der Versammlung. Lehrer Westphal, Wieseck, wies in einer Ansprache auf da- große Unrecht hin, daS man mit dieser Reuauslage des OrtsklassenshstemS den oberhesfi- schen Landbeamten zugefügt habe. Trotz gleicher Teuerung, gleicher Vorbildung, gleicher Arbeits-

Der Nestor der deutschen Afrika - Forschung.

(Zu SchweinfurthS 85. Geburtstag, 29. Dezember.)

Von den großen Erforschern des schwarzen Erdteils, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die bis dahin unbekannte Welt Afrikas uns er­schlossen haben, lebt nur noch Georg Schwein­furt h, der am 29. Dezember feinen 85. Ge­burtstag begeht Sechs Jahrzehnte sind bald babingeqangen, seit er 1863 seine erste Forschungs­reise nach dem Roten Meer und Abessinien antrat, und seitdem war er immer wieder nach dem ihm zur zweiten Heimat gewordenen Aegypten -urück- gekehri, von wo aus er seine kühnen Vorstöße vis inS Herz deS dunllen Kontinents unternahm. Erst der 'Weltkrieg Atoang ihn, wieder dauernd feinen Aufenthalt in Deutschland zu nehmen, dessen internationales Ansehen er durch feine kühnen Reisen und bedeutenden wissens«Haftlichen Lei­stungen gefördert. Schweinfurth hat erst vor kur­zen im Verlage von Hoffmann und Campe ein neues Werk veröffentlicht, das unter dem Titel ..Auf unbetietcnen Wegen in Aegypten" Abhand­lungen und Aufzeichnungen dieses Meisters der Ratur- ynb Menschenfchilderung sammelt. Diesen Aufsätzen stellt er eine autobiographische Darstellung seine« LebenSlaufeS vor­aus in der er mit der ihm eigenen vornehmen Bescheidenheit einen Rückblick auf fein an Arbeit und Erfolgen so überaus reiches Dalein wirft. Der in Riya geborene Balte betrat zum erstenmal tm Fruhiahr 1857 al« 20jähriger Jüngling Deutschland, da« sein Vaterland werden sollte und nachdem er in Heidelberg, München und Berlin vorzugsweise naturgcfdMtlidie Studien betrieben hatte, konnte er 1863. unterstützt durch ein Geschenk feiner Mutter von 10 000 Rubeln die erste längst geplante Reife nach Afrika antreten. »Meine erste Reite ins UnbetanKte", erzählte er, »brachte zahlreiche Stich- proben der Forschung zustande, die vom Roten Meer au«. M ich in kleiner Barte befuhr, mich an die Küsten von Aegypten und Rubien und in die benachbarten Gebirge führten Auf dieser meiner Afrikareife habe ich für bie Pflanzen- gevgraphie wichtige Tatsachen seslstellcn können;

einige Beiträge zur Vervollständigung des Kcrrtenbildes der durchrci ten Gegenden wurden geliefert." Bald danach wurde Schweinfurth durch die Berliner Akademie beauftragt, die westlich des oberen Rils gelegenen Gebiete und die zum Kongo sich cvbfenkende Wafferfcheide zu erfor­schen. Mit Hilfe eines ihm befreundeten nubi- fchen Else'Beinhändlers. de« edlen Abd-es-Ssam- mad, gelang es ihm, bis zur Quelle eines der wichtigsten Rebenflüfse des Weihen Rils v)rzu- bringen. Obgleich Stanley zunächst an feiner Ent­deckung zweifelte, erkannte er doch dann rück­haltlos die Verdienste Schtveinfurihs an, inD nach dem Erscheinen seines vorzüglichen, über die ganze Welt verbreiteten Werkes »3m Herzen von Afrika" wurde ihm die große goldene etif-.er- Medaille der Londoner Geographisä>en Gesell­schaft zuerkannl.

Lieber seine weiteren Reisen und Forschungen berichtet der Gelehrte: »Auch im Westen des 7111- tals unternahm ich ausgedehnte Streifzüge. Viele Karten (30 Stück) entwarf ich von den durchreisten Länderstrecken, die bisher nicht ausgenommen waren und die namentlich im Gebiet der östlichen Wüste zwischen 30 Grad und 26 Grad nördlicher Tfreite noch als Terra incognita gelten konnten. 30 Jahre lebte ich als Privatgelehrter in Kairo und beschästigte mich vorwiegend mit botanischen Studien. Ein große« Herbarium afrikanischer Pflanzen wurde in meiner Wohnung aufgestellt Die geologischen und paläontologischen Ergebnisse meiner ägyptischen Streiszüge wurden dem für diese Fächer in Berlin vorhandenen Institut ein- verleibt, wo sie noch heute 14 Schränke füllen" 5Hc Herbarien SchweinfurthS, die seine unver- gleichliche Sammlung ägyptischer Pflanzen bergen wurden bann später im neuerbauten Botanischen Wuseum zu Dcchlem in zwei großen Stuben unter- gebracht und tarnen dort in ihren 102 Schränken zur Ausstellung. »In den Jahren 1902-1907". berichtet Schweinfurth von seinen lebten For­schungsreisen, »war ich vornehmlich bemüht mit möglicher Gründlichkeit in die Geheimnisse' der ägyptischen Skrinzeil rinzudringen. Indes be­schränkte ich mich auf stratigraphifche und morpho­logische Studien. Vor allem waren es die Hohen- und die Steinflächen auf der Westseite des Ril- taleS beim alten Theben, wo mir reiche Beleh­

rung geboten ward und sich unerschöpfliche Fundgr-ubrn erfchlofssen für meine großen Samm­lungen aller Art, die ausschließlich den archä- olithifchen und paläolithischen Epochen der Bor­zeit angeboren. Von 40 verschiedenen Fund­stätten sind sie zusammengetragen worden und an 40 verschiedene Museen und Privatleute habe ich davon Mustersammlungen der Typen ver­schenkt . . . Von meinen 40jährigen Besuchen in Tiegypten bin ich feit 1874 selten nach Berlin zurückgekehri, ohne auch einige Kleinigkeiten von Altertümern mitzubringen. Meine Hauptaufmerk- famteit war immer auf pflanzliche Reste ge­richtet, die sich m Grädern unter den Zotenbei- Qaben, aber auch an anderen Stellen vorfanden, und von denen ich Exemplare im Botanischen Muteum abfieferte, wo sie m einigen GlaSschrän- ken ausgestellt sind. Eine noch unpublizierte Zu­sammenstellung der mir aus dem alten Aegypten bekanntgewordenen Pflanzen umfaßt nahezu 200 Spezies. In verschiedenen Ländern bin ich Mit­glied von 60 verschiedenen wissenschaftlichen Ge­sellschaften geworden; ihrer 30 haben mich zum Ehrenmitglied Ernannt . . .

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Die »neue Gedankenflut" in Ehina. Die geistige Llmwälzung. die sich gegen­wärtig in China vollzieht und die ein Kultur- cieiflni« von weittragendster Bedeutung ist, wird von den Führern der Bewegung selbst al« »die neue Gedankenflut" bezeichnet. Diese TUhoIution der Weltanschauung macht sich in allen LebenS- verhältnissen des Riesenreiches bemerkbar, und sie tritt daher auch in sehr interessanter Weise in dem kleinen Tlusfchnitt zutage, den die Tagebücher der deutschen Missionare in China darstellen Aus Grund dieser Mitteilungen gibt Missionsdirektor Knak in den .Berliner WisfionSberichten" einen Hebet bild über die »neue Gedankenslut'. bet auch die Missionen die größte Tkusmerkfamkeit zuwenden müssen. Eine ganze Reihe von chinesischen Zeit­schriften steht im Dienst dieser 'Bewegung. Die eine heißt .Die neue Flut", eine andere .Das neue China", noch andere: .Der Tlusbau". »Die moderne Erziehung", .Die Frau im neuen China". Die ein­flußreichste dieser Zeitschriften ist wohl die feil 1915 erscheinende Monatsschrift .Die neue Jugend", deren Hauptmitarbeiter ein junger Gelehrter Dr.

Fu ist. Dieser gilt al« Führer bet literarischen Revolution, seitbem in bet.neuen Jugenb" seine programmatischen Artikel .Vorschläge zur Reform unserer Literatur" unbSine aufbauenbe litera­rische Revolution" erschienen sind Vor allem kämpft bie Jugenb für bie Einführung bet Um- gang«fprache In die Litera tut, eine Umwälzung, die sich etwa nur mit der vergleichen läßt, die im 18. Jahrhundert bei un« etntrat, als kühne Reuetet wagten, an die Stelle bet all­mächtigen Latein bei ihren Llntvetsität-votlefun- gen ba« Deutsche zu fetzen. Da bie so außer» orbentlich schwierige, biSber übliche Schrift bet Chinesen ein fast unüberwindliche« Hindernis für die weitere Verbreitung von Lesen und Schreiben blldet, andererseits der Drang nach Bildung bei den .Söhnen des Himmel«" seht stark ist. so wirb e« zweifetto« zu einer allgemeinen Verein­fachung der Schreibweise unb bet Sprache kom­men. Im Lause bet letzten fünf Jahre sinb be­reit« 150 Zeitungen unb Zeitschriften erschiene», die fich der llmgang«fprache bedienen. Eine an­dere Hauptforderung der neuen Bewegung ver­langt bie Tknberung bet Verlobungsfitten unb die Gleichstellung der Geschlechter Die jungen TITänner unb Mäbchen fordern, baß nicht mehr von den Eltern eigenmächtia über ihr Leben«glück verfügt wirb, sondern daß sie selbst bei Ver­lobung unb Ehe mitzureden haben Die Frauen wollen nicht mehr nur Dienerin und Spielzeug der Männer sein, auch nicht nur Gattin unb Mutter, sondern sie wollen tm Berufsleben, tn Wissenschaft unb Äunff al« cjletchberechtigt neben bie Männer treten. In China, wo btc Sitte so fl reng Männer unb Frauen trennte, wird jetzt sogar bie gemeinsame Erziehung beider Ge­schlechter gefordert unb ist zum Teil schon bureß- cieführi. Lleberhaupt herrscht ein große« Be- bürfni« nach guten Schulen, besonder« noch Mittelschulen und Mädchenschufen Tiber auch die Wichtigkeit von Kindergärten erkennt man immer mehr unb an bie Missionare treten Wun­sche von Seiten der Chinesen heran, sich mi bey Gründung unb am Unterricht bet neuen Schulen zu beteiligen.