Der Schutz im Blut.
Roman von Horst Dodemer.
22. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Langsam flanb Maria auf, sah von ihrem Tritt aus ihren Mann herunter. Jetzt war die richtige Minute -um Anpacken.
.Don den wirisä)aftlichen Angelegenheiten versiehe ich nichts! Und daß ich mit dir unter unserer Abhängigkeit leide, weiht du! Ader das ist Männersache! Was jedoch meine Kinder an* betrifft, so habe ich wohl ein Wort mitzureden. 3d) jedenfalls bin nicht gewillt, mich an die Wand drücken zu lassen. Ratürlich sind Kinder übermütig, besonders gesunde. Und Gretel und Hänschen die Jugend verderben lassen, das dulde ich nicht! Zu Ostern kommen sie ja zur Schule nach Fritzlar: ich meine, unser Dorfschullehrer und ich haben sie durch Privatunterricht recht gut vorwärts gebracht, und begabt sind sie Gott- h>b auch! Begabte Kinder schlagen leicht über öie Stränge! 3ch hör es doch oft, wie Großvater schimpft, wenn die Knechte junge Dlutpferde zu scharf an die Zügel nehmen, oder gar schlagen Ratürlich, Strafe müssen sie haben, wenn sie nicht folgen oder g<r Dummheiten machen. Das Maß aber, zu bestimmen, steht einzig und allein dir unb mir zu!" .
Selbst Maria hatte in der nächsten Zeil unter den Launen ihres Mannes zu leiden. Sie schwieg. An ihr sollte sich der Henner nicht är gern, und auf die Kinder gab sie acht, dann kam die Stunde von ganz allein, in der er mit seinem Da ter heftig zusammenstohen mußte. Sie wünschte durchaus keine Entfremdung zwischen den Män
nern, mir dafür hatte er zu sorgen, dah ihm die Derwaltung des Besitzes mit allen Rechten und Pflichten endlich übergeben wurde.
Unb dieser Zusammenstoß wäre zweifellos gekommen, wenn die alte Guße nicht auf dem Posten gewesen wäre. Eines Abends, als der Henner mit seiner Frau zum Besuche des Theaters nach Kassel gefahren war. zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich vor den Schreibtisch, ihrem Herrn gegenüber.
„Du hast mir wohl viel zu erzählen, altes Haus?"
Aergerlich klang es Der Oekonomierat fuhr sich bei der Frage mit der flachen Hand über die Glatze, als wolle er dumme Gedanken verscheuchen.
.Es geht so nicht weiter! 3n ein paar Tagen haben wir sonst den schönsten Staut im Hause!"
Christoph Wärhahn brummte:
.Mich wundert's. daß er überhaupt noch nicht da ist! Aber ich fürcht ihn nicht, Guste. Ein Himmelkreuzdvnnerwetter hagelt auf den Zungen. Mit feinem Gesicht verdirbt er mir mittags und abends den Appetit!"
.Den hetzt doch mir die Frau auf!"
.Das ich der in meinem ganzen Leben Hehles getan habe, möchte ich wissen!"
„Rach den Guttaten wird in der ganzen Welt nicht lange gefragt! Es gibt kaum einmal eine anhängliche Seele . . ."
.Wie zum Beispiel du!"
.Wir beiden waren mit der Arbeit hier doch verheiratet, Herr Oekonomierat! Das zählt nicht, das ist etwas ganz anderes!"
Mit den Fäusten fuhr der Alte aut der grün bezogen en Schreibtischplatte hin und b'r.
Nr. 252 Zweiter Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 27. Moder (92(
Deutscher Reichstag.
133. Sitzung. Mittwoch den 28. Oft, 4 Uhr nachm
Haus und Tribünen sind überfüllt. Auf Bern Leichstagsgcbäubc wehen die Fahnen auf Halb- maft-
Aus her Tagesordnung steht die Beratung der Entscheidung der Botschafterkonferenz über Lcherschlesien.
Präsident Lobe eröffnet die Sitzung und führt unter anderem aus, die Sitzung müsse Stellung nehmen zu den schweren unheilvollen Schlag, den das Vaterland unter der Zerreißung Oberschlesiens erlitten habe Er wolle der Entscheidung des Hauses nicht vorgreifen, aber er müsse doch einige Worte ragen, indem er der 220 000 Familien gedenke, die ihre Stimme für Deutschland abgaben, und die nun gezwungen von uns Abschied nehmen müßten. Wir wollen ihnen noch einmal die Hand aus die Schulter legen und sagen: Treue um Treue. Dieses Gelöbnis wird geschehen, l Bravo.)
Rach Erledigung geschäftlicher Angelegen- beiten nimmt der
Reichskanzler Dr Wirth das Wort.
Auf Grund der Ditte deS Reichspräsidenten habe ich die Reubildung des Kabinetts übernommen. Die Liste der Minister ist folgendem
Reichskanzler und AeußereS Dr. Wirth, Vizekanzler und vchatzminister Dauer. Inneres Dr. ÄS fier, Wehrminister Dr. Gehler. Wiederaufbau unbesetzt, WirtschastSminister Robert Schmidt. Emährungsminister und vorläufiger Reichssi- nanzminister Di. Hermes. Postminister Giesberts, AcbeitSmi nister Braun. Verkchrsminister Gröner, Iustizminister Dr. Radbruch.
Die neue Regierung ist in einer schweren äußeren Lage des Reiche- und unter innenpolitischen Schwierigkeiten gebildet worden. Ich habe von dem Herrn Reichspräsidenten das verantwortungsvolle Amt übernommen und Mitarbeiter gesucht und gefunden, die mit mir eines Glaubens sind, da es nicht angängig ist. das Schicksal des Vaterlandes durch eine lange Krise der Regierungsbildung oder durch eine handlungsunfähige Regierung aufs Spiel zu sehen. Ich spreche auch diesen Männern an dieser Stelle besonderen Dank für ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit aus. (Beifall links.)
Gs ist unS durch die Verhältnisse auferlegt worden, innerhalb kürzester Frist Stellung zu der Entscheidung der Botschasterkonferenz über Oberschlesien zu nehmen und die damit verbundenen Entschlüsse durchzuführen. Dor die Entscheidung der Dotfchafterkonserenz gestellt, hat sich die frühere Regierung entschlossen, dem Herrn Reichspräsidenten ihre Demission anzuzeigen, und mit diesem Schritt die Ausfassung bekräftigt, dah sie die Entscheidung über Oberschlesien in der Form wie sie erfolgt ist, für ein Unrecht, für ein Unglück ansieht. Sie hat zugleich mit dem ihren Rücktritt begründenden Schreiben an den Reichspräsidenten dahin ausgesprochen, daß dgrch den Spruch der Botschasterkonferenz eine neue politische Lage geschaffen sei. Im Ramen der neuen Regierung erkläre ich. daß auch sie in der Verurteilung der Entscheidung über Oberschlesien in nichts von dem Standpunkt der vorigen Regierung abweicht. Auch die neue Regierung ist der Meinung und betont dies feierlich vor aller Welt, daß durch den Spruch der Botschasterkonferenz Deutschland und dem betroffenen Oberschlesien harte Gewalt angetan wird. (Lebhafte Zustimmung.)
Die Entscheidung durften nach dem Vertrag die Hauptmächte nur selbst treffen. Sie haben sich dieser Pflicht jedoch dadurch entledigt, daß sie den Rat des Völkerbundes um ein Gutachten ersuchten und zugleich untereinander dahin übereinkamen, dieses Gutachten, wie es attch lauten möge, als für sie bindend hinzunehmen. Rach unserer Auffassung, die mit dem allgemeinen Rechtsempfinden idenißch ist, verstößt die hierin liegende Ueber- Iragung der Entscheidung an eine andere Instanz Segen den klaren Wortlaut des Friedensvertrages. Lebhafte Zustimmung.) Die getroffene Sntschei- ung muß selbst anerkennen, dah die alliierten Hauptmächte nicht imstande gewesen sind, eine Grenze zu finden, die sowohl dem durch die Ab- ftimmung bekundeten Willen der Einwohner, als den geographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen gerecht wird. Sie stellt vielmehr ausdrücklich fest, daß die gewählte Linie wichtige wirtschaftliche Interessengebiete zerreißt, also die Gefahren und Rachteile für das Land Oberschlesien nicht vermeidet. die durch die Abstimmung des Vertrages vermieden werden sollte. Daraus ergibt sich, dah eine solche Grenze nicht gezogen werden durfte, weil sie die Deutschland durch den Vertrag gewährleisteten Rechte verletzt. (Lebhafte Zustimung.) Zugleich iftit der Festsetzung der Grenzlinie, haben die alliierten Hauptmächte beschlossen, den beteiligten Staaten ein Uebergangsregime aufzuzwingen, eine
Maßregel, die gänzlich außerhalb der ihnen zu- stehenden Befugnisle liegt. (Sehr richtig ) Artikel 92 verpflichtet Deutschland lediglich, mit Polen ergänzende Abkommen zu treffen; keineswegs bestimmt er, daß der Inhalt eines solchen Abkommens von den Alliierten diktiert werden kann. (Lebhafte Zustimmung.) Dielen Standpunkt und diese R/chtSauffasfung wird die neue Regierung ben al/ierten Hauptmächten in einer ihr geeignet erscheinenden Weise unverhüllt zum Ausdruck bringen. Sie wird keinen Zweifel darüber lassen, daß sie die Entscheidung der Botschafterkonferenz als gegen den Vertrag und das Recht verstoßend betrachtet, und daß sie Deutschlands Rechte auf das unS entrissene Land in keiner Weife als beeinträchtigt erachten kann, durch einen Zu stand, der hier durch Gewalt gelchasfen werden soll, tLebhafter Beifall.) Die nächste und dringlichste Ausgabe ist, ob dem Qkdangen der alliierten Hauptmächte nachgelvmmen werden soll, einen Vertreter zu den wirtschaftlichen Derhaudlungen über das UebergangSregime zu entfc.nben. Eine Regierung, deren Pslich: es ist, Politik zu machen, h.i! nicht die unerforfchlichen Wege der Geschichte voraus- Aufeben, sie kann nur eine Entscheidung treffen, die den Interessen OberschlesienS selbst und des ganzen deutschen Landes gerecht wird. Unsere erste Pflicht ist es, die Hunderttaufcnde deutscher Volksgenossen. die durch den Machtspruch der alliierten Hauptmächte au Polen geschlagen werden sollen, nicht im Stiche au lassen und den Versuch zu machen, die durch die Zerreißung von Oberschlesien drohende Verelendung der Industriegebiete soweit wie möglich abzuschwächen. Don srlcher Betrachtungsweise ausgehend, wird die neue Regierung einen Bevollmächtigten zu den wirtschostlichen Verhandlungen ernennen und dies den alliierten Hauptmächten unverzüglich Mitteilen. Auch hierin stimmt die neue Regierung ihrer Vorgängerin vollkommen zu. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, und es wäre ein schwerer Fehler, dem deutschen Volle und dem Auslands zu verheimlichen,^>ah die Deutschland nach den vorausgegangenen Verstümmelungen seines Territoriums und nach den Verheerungen der Rachkriegszeit verbleibende Wirtschaftskraft durch die Entscheidung über Cber- schlesicn eine weitere Verminderung erfahren hat, die alle Berechnungen hinsichtlich der Ersüllung ''er deutschen Reparationsleistungen aufs neue stark in Zweifel zieht. Rach den Berechnungen des Statistischen Reichsamtes betrug die Bevölke- rungSzahl im Abstimmungsgebiet 1 950 000 Ein- wrhner, von denen wir 965 000 Einwohner, oder 49 Prozent, verlieren sollen. Setzt man diese Zahl in Vergleich zu dem Abstimmungsergebnis: 62 gegen 38 Prozent, so werden nach der Entscheidung 11 Prozent mehr von der Bevölkerung von uns abgetrennt, als für Polen gestimmt haben. (Hört, Hört!) Hierbei ist noch nicht berücksichtigt, daß das Ergebnis der Abstimmung ein sehr viel günstigeres für Deutschland gewesen wäre, wenn die Abstimmung in voller Ruhe und unter wirksamem Schuhe sich abgespielt hatte (Sehr richtig) und nicht, wie in großen Teilen verschiedener Kreise es geschehen ist, unter furchtbarem polnischen Terror. (Sehr wahr.) Mit dem abzu- tretenden Gebiet gehen uns große und blühende deutsche Städte verloren, die als die Zentren deutscher Kultur in Oberschlesien anzusehen sind. Ich erwähne insbesondere die Städte Kattowih und Königshütte, die mit 81 bzw. 78 Prozent aller abgegebenen Stimmen ihre Zugehörigkeit zum Deutschtum und hiermit zum deutschen Q3aterlaube bekundet haben. Die Grundlage, der Oberschlesien seine Blüte verdankt bilden seine Bodenschätze, unter denen die Kohle den ersten Platz einnimmt. Don 61 Betrieben, die Steinkohlen fördern, fallen 49'/. an Polen, so daß nur ll’/2 deutsch bleiben. Don den 61 Gruben wurde eine Iahresförderung von 31,76 Mill. Tonnen erzielt; davon fallen 24,6 Mill. Tonnen an Polen und 7,1 Mill. Tonnen verbleiben bei Deutschland. In anderen Worten erhält Polen 75,5 Prozent der wberschlesischen Kohlenförderung. Bedenkt man, daß die Kohlenvorkommen bis tausend Meter Tiefe führen, so verbleiben Deutschland von 60 Milliarden Sonnen nur etwa 5,5 Milliarden Tonnen, so daß 90 Prozent der Kohlenvorkommen an Polen fallen.
Der Kanzler schilderte sodann des weiteren ausführlich, was wir in Oberschlesien an Werten verlieren, legte gegen den hierdurch geschaffenen Zustand als gegen eine Rechtsverletzung feier- lichst Derwahrung ein und fährt fort: Lediglich durch die in der Rote ausgesprochene Drohung und um die der deutschen 'Bevölkerung des ober» schlesischen Industriegebietes sonst bevorstehende Verelendung soweit wie möglich zu vermeiden, sieht sich die Regierung gezwungen, dem Diktat der Mächte entsprechend, die darin t>orgefebene Delegation ohne damit ihre Rech saufsasfung zu ändern, zu ernennen. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Müller- Franken (Soz.» dankt den
oberschlesischen Märtyrern für ihre Haltung, um so mchr. als gerade die deutschen Gewerkschaften dort die stärksten Träger des deutschen Gedanlens gewesen seien Wir möchten den Oberschlesiern praktische Hilfe leisten Der Idee deS Völkerbundes habe der Spruch jedenfalls bei uns keinen Dienst erwiesen. Der Spruch hätte von einem unabhängigen Gerichtshof gefällt werden müssen, nicht von den Beiriligten selbst. Lloyd George habe selbst auf anderem Standpunkte gestanden, fei aber doch schließlich umgefallen Der Vertust I Ober sch les ienS erschüttere die Er,ütlung, mög.ich- keil: daran ändere and) das lojabrige Intereg- uum nichts. Die Entscheidung w.d.rsp .chr dem Friedensvertrag und schasse für Obrrschleiien eine gan^e Reihe for währender E reitpunkte Der wirtschaftliche Gedanke müsse üb:r den nationalistischen liegen. Darum müßten die wirtfchif- lichen Verhandlungen mit Polen im Sinne dcr Verständigung geführt werden. Der Redner dankt dem Reichslanzler im Ramen feiner Partei für lein« Opfer Willigkeit in schwerster Stunde Falle die Enttcheidung heute gegen der Reichskanzler auS, habe die Mehrheit auch die Pflicht, die Regierung zu bilden.
Abg. Ulitzka (Z): Die Hoffnung auf den Gerechtigkeitssinn der Entente war verfehlt. Epe- Aiell Lloyd Georges Worte waren eine Enttäuschung. Jede Rücksicht auf den Willen der Ober- fchlesier ist fallen gelassen worden. Städte mit über 85 Prozent deutscher Stimmen sind zu Polen geschlagen worden. Würde jetzt die Frage zur Ab- ftimmurtjg gestellti Ganz zu Deutschland oder geteilt zu Polen, so würden die meisten Oberschlesier, die damals für Polen fiimmten, heute für Deutschland stimmen. (Sehr richtig!) Das uns diktierte Wirtschaftsabkommen mit Polen enthält unerhörte Zumutungen für Deutschland, die weit über den SiicbendDcitrag hinausgehen. Der Reichskanzler hat alles getan, um Oberschlesien zu retten. Der von uns ersehnte Frieden mit Polen ist durch die Genfer Entscheidung unmöglich gemacht. Deutschland wird nie den Verlust dieses Landes vergessen könne.i. Das Wirtschaftsabkommen mit Pölert kann Oberschlesien nicht Helsen. Wir verstehen es. wenn die Regierung unter dem Zwang der Lage dennoch einen Kommissar entsendet. Wir müffen aber verlangen, dah der deutsche Vertreter wirklich Gleichberechtigung erhält. Durch die Entsendung unseres Vertreters wird unser feierlicher Protest nicht berührt. Wir hoffen auf die Gerechtigkeit der Weltgeschichte. Deutsche und Oberschlesier bleiben trotz aller Grenzen zusamrneit. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Hergt (Dntl.): Es ist sehr bedauerlich, dah die Leiter der deutschen Politik sich nicht , u einer rühmlichen Abwehr haben aufschwingen können. Der Reichstag hat sich der Situation nicht gewachsen gezeigt. Wir haben ein klares Recht aus das ungeteilte Oberschlesien (Beifall). Das Genfer Diktat ist schlimmer als das Londoner Ultimatum. Wir erheben den schärssten Protest gegen seine Annahme Wir entgehen damit auch nicht dem Konflikt, der einmal ausgetragen werden muh. Wir müffen den Gegnern beweisen, dah wir entschlossen find, die letzten Konsequenzen aus unserer eigenen Lage zu ziehen Datum müssen wir nicht nur das Genfer Diktat ablehnen, sondern auch die Entsendung eines derltfchen Delegierten für daS Wirtfchastsabkom- men (Don der Zuhörertribüne wird gerufen: Annektieret: und Protestierer herrscht! Präsident Lobe verwarnt den Rufer.) Wir müssen jetzt endlich übergehen von der passiven Duldungspolitik zu einer positiven Politik des Willens. Wir müssen Irredenta treiben, ob wir wollen oder nicht (Beifall rechts). Wir werden nicht ruhen und rasten, bis die Wiedervereinigung mit Ober- fchlesien da ist. Wir bedauern, dah die Garantie für diese große Politik nicht in der Zusammensetzung der neuen Regierung gegeben ist. Es scheint, als ob es bei der alten Politik bleiben soll. Der Erfüllungsfanatismus muh verschwinden. Unser Trost ist, daß das neue Kabinett nur eine Episode, nur eine Eintagsfliege sein wird. (Bravo, rechts.)
Abg. Malt zahn (Komm.) erhalt wegert des Zwischenrufes: Ihr Verbrecher seid die Schuldigen! einen Ordnungsruf.
Abg. Kahl (D. Vpt.) bedauert, daß das Interesse an der Kabinettsbildung die Gefahr ür Oberschlesien ganz zurückgedrängt hat. Wir teilten die Forderung, alles andere vor dem Rechtsbruch zurücktreten zu lassen. Wir sind nicht durchgedrungen damit. Wir wollten' die brutale Gewalt gezwungen über unS ergeben lassen und keinen Zweifel darüber lassen, daß wir das Unrecht nicht als Recht anerkennen formen, daß Oberschlesien deutsch ist und von uns als deutsch auch fürderhin betrachtet werden soll. Auf diesem Standpunkt stehen wir noch heute. Auch die Sanktionen widersprechen schon dem Versailler Vertrag und dem Völkerrecht. Das Wirtschaftsabkommen ist aber geradezu ein Hohn. Kein Wort davon steht im Friedensvertrag. Es ist erzwun-
aen und ein RcchtSfpruch im schwersten Sinne. Man will uns damit nur den Vorwand nehmen zu sagen, daß wir durch den Verlust Oberschle-» sicns an der Erfüllung unserer Belragspttichten behindert feien. Daß unsere Leistungsfähigkeit auf daS ernsteste gefährdet ist. stehl außer allem Zweifel Wir haben nicht die Sicherheit, daß die Entsendung eine» deutschen Delegierten nicht als Anerlennung de» Diktat aufgelegt wird. Die Richtcnticndung ist die einzige klar- Form der -Jblebnung. Darum find wir gegen die Entsendung. Die Genfer Entscheidung muß unfer schwä-
Ikrtrai c *. um Völkerbund vollends erschüttern. (Lebhafter Beifall.)
Präsident Lobe teilt mit, daß von den Parteien der Rech en und Linken ' amenttiche Abstimmung über einen VertrauenSantrag bei* Zentrums und der Sozialdemokraten beantrag! worden ist
Abg Dreitfcheid iUSP.» bei lagt auch für feine Partei den Verlust O! erschleßenS. Die Entscheidung Über Cbcridii t ;fi dir ’o qcr.drigc Entwicklung bet im-eriali,tischen Politik. Dir internatio'ale Arbeite isch.ifi wehrt sich $,e.icn bie- fen Imperialismus, aber sie kann dabei nicht hie von Herrn SSrat empfohlenen Mit! I uituxnben. DaS oberscdlefifche Problem ist tn Wirklichkeit em fcziales. Die Arbeiter wurden poinisch. weil deutsche Unternehmer sie unterdrückten In der
e
Freunde njch: mit dem R.ich tunzler überein DaS fcvmclle Recht des Fn iedensve, liages würde eine Teilung Obersä le'iens zulasten. D.e CnLcb -ibung entspricht aber nicht den wirtschaftlichen und geographischen Verhältnissen des Landes und nicht der Abstiniiming der Bevölkerung. Wir bebau em die \jerrei " iig deS einheitlichen Wirtschaftsgebiets. Dem neuen Kabinett lagt der Redner m gewißem Sinne Unterstützung zu, ohne sich indessen zu binden.
Abg. S ch ü ck i n g (Dem.) verliest folgende Erklärung feiner Fraktion: Die Fraktion stimmt im Interesse OberschlesienS der Entsendung eines Kommissars zur Abwicklung der sich auS dem Diktat ergebenden Fragen zu unter der Voraussetzung, dah sich daraus keine Anerkennung der dem Frie- densveitrag widersprechenden Entscheidung ergibt. Sie muh erwarten, dah sich die Regierung von diesem Standpunkt nicht abbringen läßt und macht ihre künftige Stellung zur Regierung davon abhängig. Da sie hierüber nach den Verhandlungen bei dec Regierungsbildung die nötige Sicherheit nicht erlangen konnte, -vermag sie sich an der Regierungsbildung nicht zu beteiligen. Rur im Hinblick auf die Eigenart des WttlungökreifeS des Reichswehrministers hat sie sich damit einverstanden erklärt, dah Herr Gehler dem diingen- den Ersuchen des Reichskanzlers auf weitere Geschäftsführung dieses Ministeriums entsprochen bat. in der Hoffnung, daß dieses wichtige Ministerium auch in Zukunft dem Wechsel der politischen Konstellationen entzogen wird. Redner weist den Vorwurf zurück, dah seine Fraktion sich un- demokratisch benommen habe. Wenn eine Regierung die Ueberzeugung gewinnt dah ihre Außenpolitik nicht den erwarteten Erfolg gehabt hat, dann hat sie die Pflicht, zurückzutreten. Die Los- reihung Oberfchlesiens trägt die Tendenz des un- verhüllten LandesraubeS. (Lebhafte Zustimmung.) Für politische Konflikte müsse endlich ein unabhängiges Tribunal geschaffen werden. Deutschland habe nach dieser Entscheidung ein Recht auf Herabsetzung der Reparationsleistungen.
Aba. Emminger (Bayer. Vpt.) verllest eine Erklärung seiner Fraktion, die fchäi-fsten Einspruch gegen das Genfer Diktat erhebt und sich gegen die Entsendung eines deutschen Delegierten ausspricht.
Inzwischen ist ein Antrag der Deutschen Dolkspartei, der Deutschnationalen VolkSparlei, der Bayerischen Volkspartei und des Bayerischen Bauernbundes eingegangen, der gegen den Genfer S.iruch Einspruch erhebt und betont, daß daS deutsche Volk niemals diese neue Gewalt als Recht anerkenne, vielmehr stets in dem deutschen Oberschlesien feinen Bruder und in der ober- schlesischen Erde deutsches Land sehen wirb.
Abg. Heidemann lKomm.): Der Völkerbund erweist sich immer mehr als ein Blutbund und Mörderbund zur Riederhaltung des internationalen Proletariats. Schuld an dieser Politik sind aber die Vertreter deS alten Kurses und die Mehrheitssozialisten.
Abg Dr. Levi (Komm. Arbeitsgemeinschaft) sichert der Regierung die Unterstützung feiner Partei zu, wenn die Regierung ernstlich den Kamps gegen die Reaktion führen wolle.
Rachdem die Abgg. Marx (Z), Müller- Franken (S.) und Ledebour (USP.) die Erklärung abgegeben haben, dah ihre Fraktion nui für den VertrauenSantrag stimmen werde, kommt eS zur namentlichen Abstimmuna, in der bat Zentrum, die Sozialdemokraten, die Demokraten und die Unabhängigen für den VertrauenSan-
.vo—o. meinst du? Ich glaube die Sache liegt anders, wir bekommen'S mit der Angst zu tun um unser Lebenswerk I In ein paar Zehren wird das freilich nicht zum Teufel gehen!"
Die Mamsell faltete die Hände, sah zur Decke hinauf.
Herrgott, ich danke dir!"
.Ja, für was denn eigentllch in diesem Augenblick, du verdrehtes Haus?.'
Derbe Worte ihres Herrn nahm die Duste nie übel, sie wußte, wie sie gemeint waren. Dann .war ihm das Herz übervoll.
..Für die Erkenntnis! Daß nämlich .der Schuh im Blut" auch seine Rachtelle hat. Mitunter will der befehlen, wo er froh fein kann, daß er weich gebettet liegt. Und was die Enkel- ttnber anbetrifft, Herr Oekonomierat, ich glaube, die bringen Ihnen die sorgenvollen Spaziergänge unter den Hainbuchen wirklich auf Ihre alten Tage wieder bei!"
.Das grüne Gemüsei Diesen Winter feh ich mir die Wirtschaft noch an, zu Ostern kommen sie in die Schule nach Fritzlar, und wenn die Eltern nicht für Zug in der Kolonne sorgen, sorgt der Großvater dafür. Himmelkreuzdvnnerwctier, ich bin ein gemütliches Haus, aber ich kann den Leuten auch höllisch den Damnen auf die Aase drücken!"
.Da wird Ihnen der Aerger noch manchmal höchsteigen, denn der Henner geht doch immer noch am ‘Harrenfeile! Ach Gott, was sag ich: jetzt geht er nicht dran, jetzt tanzt er, wie bte Frau es haben will!"
.Guste, Jugend und Alter sind Gegensätze! Dann heißt es, es fei eine andere Zeit. Ich aber
?a5 Leben ist ein Kamps, und es kommt nur
darauf an, wer sich unterbuttem läßt! Ich bin ja soweit noch recht gesund, denn das bißchen Rheumatismus in der linken Schulter zählt bei mir nicht! Mögen sie versuchen, mit mir fertig zu werden! Und wenn du benFl. ich bereue daß ich den Schuß ins Wärhahnsche Blut gebracht habe, so irrst du! Meine Schwiegertochter die hat nicht den Halt am Bauernblut, das geb ich M — und hcck's immer gewußt! Die Kinder aber haben ihn, und so sehr ich leichtes Blut wünschte, so wenig will ich. daß er das gesunde, hessische Dauemdlut niederkämpfen wttd. Ergänzen sollen sie sich und werden es, - wenn nämlich eine feste Hand, wenn es sein muß, eine starke Faust auf den Kindern liegt. Und der Henner hat weder eine feste Hand, noch kann er die Faust ballen! Also muß ich eS!"
Da kam die brave Guste nicht mit. Stumm sah sie ihren Herrn an. Unter dessen Augen hingen dicke Tränensäcke, dem fraß die Sorge um die Enkelkinder am Herzen, — aber in dem flat noch Kraft, fester WUle. Der ließ sich die Herrschaft hier nicht aus den Händen ringen!
5>ie Mamsell erhob sich, stellte den Stuhl wieder m die Ecke und ging. Der alte Wärhahn WJw geduckt an seinem Schreibtisch sitzen. 2Lm liebsten wäre er unter die Hainbuchen gegan- fl^n. aber das hätte die brave Guste herauS- betemmen. Und die sollte nicht wissen, daß ihm doch Zweifel gekommen waren, ob er mit .dem Dch"ß im Blute" nicht auf den Holzweg geraten war,
(Fortsetzung folgt)


