Ausgabe 
27.10.1921
 
Einzelbild herunterladen

«Herr Regierungsvorlage, betreffend Riederschla- flung eines Strafverfahrens gegen den Forst­meister 12t Dornemann in Dad-Rauheim.

Eine Anzahl lleinerer Vorlagen wird ge- mäh Artikel 32 der Geschäftsordnung zur Kennt­nis des Hauses gebracht.

lieber den Antrag der Abgg. Widmann und ©en., Beseitigung der Lu xus steuer betrefsend, erstattet Abg. Eihnert (Soz.) Be- richt. Der Ausschuhantrag wird angenommen.

Zu dem Antrag der Abgg. 21 u 6 und Gen., Simultanzulassung der bei den hessischen Amtsgerichten zugelassenen Rechtsanwälte bei den zuständigen Landgerichten, beantragt der Ausschuh, den Antrag anzunehmen mit dem Gesetz, dah die Zulassung erfolgt, wenn der betreffende Rechtsanwalt einen Antrag stellt.

Aba. Dr. Wünzer (D. Vpt.) weist darauf hin, bau die Kompetenz der Amtsgerichte und Schöffengerichte ungeheuer erweitert ist und dem- entsprec^nd die Tätigkeit der Amtsgerichts­anwälte sehr erheblich zugenommen hat, während die Praxis der Landgerichtsanwälte sehr zurück­gegangen ist und nach Annahme des Antrages völlig vernichtet wird. Außerdem wird die Rechts­pflege außerordentlich verteuert. Ich bin darum der Auffassung, es bei dem bisherigen Zustarrd zu belassen.

Zustizminister von Brentano: Ich be­klage, daß eine so wichtige Sache vor so schlecht besetztem Hause erledigt werden soll dah nicht einmal die Antragsteller anwesend sind. Ich kann mich der warnenden Stimme des Herrn Kollegen Wünzer nur anschließen. 2luherdem sind wir auch hier an Rcichsgesetze gebunden. Eine gewisse Erweiterung kann wohl eintreten, aber den An­trag anzunehmen, muß ich dringend warnen. Der Ausschuhantrag wird angenommen.

Die Losholz-Anträge und -An­fragen, die besonders für Oberhessen wichtig sind, haben den Landtag bereits eingehend be­schäftigt. Die Vorlagen waren seinerzeit an den Ausschuß zurückverwiesen worden. Der 2lbq. Reh beantragt, die Regierung zu ersuchen, das Regulativ für die Losholz-abgabe aus Domanial- waldungen bcn neuzeitlichen Verhältnissen ent­sprechend ab^uändern. Der Ausschuß schließt sich neuerdings dem an und beantragt An­nahme dieses Antrages und Ablehnung bzw. Erlä>igterklärung aller sonst vorliegenden An­träge und VorsteUungen. Das Haus stimmt zu.

Der Antrag Herbert, denBeamten das Gehalt vierteljährlich vorauszuzahlen, wird für erledigt erklärt. Ebenso eine Reihe weiterer An­träge.

Ein Antrag der Abgg. Dornemann u. Gen., betreffend die Vergesellschaftung der Standesherrschaften usw. legt einen Gesetzentwurf vor, nach dem zum Zwecke der Be­wirtschaftung für die Allgemeinheit (Vergesell­schaftung) mit sofortiger Wirkung hiermit enteig­net werden, die im Gebiet der Republik Hessen noch b'fklrnben ehemaligen Standesherrschaften, Fideikommisse, alle sonstigen landwirtschaftlich nutzbaren Liegenschaften über 200 Morgen Land, alle weiteren landwirtschaftlich nutzbaren Liegen­schaften über 20 Morgen Land, die von ihrem derzeitigen Besitzer im Hauptberuf nicht selbst bewirtschaftet Herden. Das Eigentum geht mit Wirkung vom 9. Rovember 1918 ab, soweit es in der Republik Hessen liegt, in vollem Um­fang auf den hessischen Freistaat über. Die seit 9 D.vcmb r 1918 vorg n.mnunen Te äuße.ungen find nichtig.

Abg. Knoll erstattet Bericht. Der Ausschuß beantragt, den Antrag abzulehnen, gibt aber dem Wunsche Ausdruck, daß die Fideikommißfrage usw. geregelt wird und zwar auf Grund der Rrichsverfassung.

Abg. Dornemann (Soz.) bemängelt die ungenügende Berichterstattung und wirft der ^Rechten des Hauses vor, daß sie draußen im t Lande schamlose Agitation betreibe. Präsident Adelung fragt, ob er mit schamlos ein Mit- F glich des Hauses treffen wollte. Abg. Dorne- mann: Ich habe nur von bet Agitation draußen » im Lande gesprochen. Er begründet dann ein­gehend seinen Antrag. (3m Hause herrscht all­gemein Privatunterhaltung.)

Abg. Köhler (D. Vp): Rach der Reichs­verfassung kann nur gegen angemessene Entschä­digung enteignet werden. Diese Summen, selbst zum Friedenswert, kann der Staat unmöglich aufbringen. Enteignung ohne Entschädigung wäre aber völlige Entrechtung. Redner bittet, den An­trag des Ausschusses anzunehmen.

Abg. Wünzer (D. Vp.) tritt den Aus­führungen Dornemanns entgegen, soweit sie die Ausschi'ßbehandlung kritisieren.

2Lbg. Schildbach (Sozi: Um den Land­hunger zu stillen, muß man endlich der Frage der Fideikommisse näher treten. Der Ausschußantrag geht uns nicht weit genug. Wir beantragen An­nahme des Antrages Bornemann.

Finanzminister Henrich: Die Regrerung hat ihren Standpunkt zu diesem Antrag im Mai Lundgegeben. Die Sache ist nicht so einfach zu

regeln, sondern fte erfordert enfe Reihe von Ettrzelgesetzen. Gegen Sie Absicht, den Antrag Domemann als Gesetz hier anzunchmen, muß ich mich entschieden wenden, well das 2anb da­durch zu Verpflichtungen gezwungen wird, die es nie erfüllen kann. Der Ausschußantrag larai an­genommen werden.

Abg. v. Dr. Diehl (Hess. Vpt.): WaS Herr Domemann vorlegt, kann unmöglich als Gesetz angenommen werden, weder nach Inhall noch nach Form. Die Regierung möge ein Gesetz aus­arbeiten lassen, und wir werden bann herüber entscheiden, ob es angenommen werden kann oder nicht.

QTbg. Reiber (Sem.'i: Der Grundgedanke des Antrags Dornemann ist gut Gerade darum stimmen wir für den Ausschuhantrag. Der An­trag Dornemann selbst ist unannehmbar. Sicher ist daß der Grohherzog selbst in Hessen schlechter gestellt ist, als die Mehrzahl der Standes Herren.

Es tritt bann um 1 Uhr 20 Minuten eine zweite Pause ein.

Rach j/42 llhr werben bie Verhandlungen wieder aufgenommen.

Abg. Dornemann bittet schließlich, den Antrag wenigstens dahin anzunehmen, daß die Regierung beauftragt wirb, schnellstens einen Gesetzentwurf vorzulegen, der bie Fideikommisse auflöst

Iustizminister v. Brentano: Auch im 2Iuf- trage meines Kollegen Henrich habe ich zu er­klären, bieRegierung läßt sich nicht be­auftragen. (Lebh. Oho! links.) Trotz Ihres Obo!" erkläre ich wiederholt, baß bie Re­gierung sich nicht beauftragen läßt, baß sie höchstens einem Ersuchen entsprechen wirb. (Leb­hafte Unruhe. OhvI-Rufe.)

Präsident Adelung stellt fest, daß die Auf­fassung deS Herrn Hustizministers die richtige ist, daß es sich höchstens um ein Ersuchen handeln kann. Abg. Dingeldey (D. Dpt.) spricht sich in gleichem Sinne aus.

Die Abstimmung ergibt Annahme des neuen Antrages Dornemann in folgender Fassung:Sie Regierung wird ersucht, dem Landtag alsbald ein Gesetz vorzulegen, durch bas die Auflösung der Fideikommisse gemäß Artikel 158 der Reichs­verfassung geregelt wird mit dem Ziel, den ge­bundenen Großgrundbesitz in Staatsverwaltung zu übernehmen und ihn im Sinne des Land­gesetzes an Lanbbewerber zu vergeben." Da­mit ist der Ausschuhantrag erledigt.

Ein Antrag der Abgeordneten H a 11 e m e r und Knoll, der Landtag wolle beschlichen, die Regierung möge bei der Reichsregierung darauf hinwirken, daß kleineRentner, die erwerbs- Wrfäbtg sind, von Kapitalertragssteuer und Ein­kommensteuer befreit werden, sofern ihr Gesamt- Einkommen eine bestimmte Grenze (etwa 5000 Mark, bei kinderreichen Familien entsprechend mehr) nicht übersteigt, wirb gemeinsam behandelt mit dem Antrag der 2Ibgeorbneten Balser und Genossen, die Regierung wolle Mittel zu einer durchgreifenden Hilfsaktion für Kleinrentner und Ttotleibenbe des Mittelstandes alsbald bereitstel­len. Aba. Bauer (Soz.) erstattet Bericht. Der Ausschuß beantragt, nach den Darlegungen der Regierung die Anträge für erledigt zu erklären bzw. der Regierung das Material zu überweisen, und ferner die Regierung zu ersuchen, bei der Reichsregierüng dahin vorstellig zu werden daß diese Mittel für die Kleinrentner zur 2krfugung stellt. - Abg. Dr. Osann (D.Dpt.): Es ist unbedingt notwendig, dah hier etwas geschieht. Es ist in erster Linie Angelegenheit des Reiches. Die Gemeinden können nur helfen, wenn der Staat und das Reich sich dahinter stellen.

Abg. Delp (Soz.): Es muh unterschiede werden zwischen arbeitsfähigen unb arbeitsun­fähigen Rentnern. Die ersteren kämen höchstens für Erwerbslosenunterstühung in Frage. Die ganze Frage ist so kompliziert, bah wir sie hier nicht mehr genügcnb regeln können. In erster Linie kommt bas Reich in Frage.

Präsident Raab möchte warnen, hier Be­schlüsse au fassen, bie vielleicht nicht burchzuführen finb, ui*> teilt mit, baß das Reich zur Zeit einen Entwurf bearbeitet, ber bie Rotlage ber Sozial­rentner beheben soll. Der Ausschuhantrag wirb angenommen.

Der Regierung überwiesen wirb ber Antrag Ruß, bie Errichtung einer Zollschule betr., besgleichen ber Antrag des Abgeordneten Lux, Erhöhung ber Stempelgebüh­ren für Zagdwaffenpässe betreffend Antrag des 2lbg. Bornemann, Abänderung des Artikel 3 des Gesetzes vom 23. Oktober 1830 über die Feststellung unb Erhaltung ber inneren Gemarkungs­grenzen, Antrag der 2lbgg. Wünzer unb Gen., Erhöhung ber Gebühren der Schöffen unb Geschworenen betreffenb, unb Vorstellung bes Bundes Deutscher Frauenvereine S)i> beiberg* Mannheim, Zulassung ber Frauen zum CJJmt der Schöffen und Geschworenen betreffend.

Eine Reihe weiterer Positionen wird in einem solchen Eilzugstempo gemäß den Ausschuß- anträgen erledigt, daß es unmöglich ist, sie auch

Gastspiel des Neuen Theaters in Frankfurt.

Die Koralle."

Schauspiri von Georg Kaiser.

Gießen, 27. Ott. 1921.

.Die Koralle" ist der erste Teil einer Tri- togie, deren Mittelstück.Gas', wir ja im Früh­jahr von eigenen Kräften so vorzüglich auf geführt sahen. Daher fand das gestrige Gastspiel des Frankfurter Reuen Theaters besonderes Interesse und zahlreichen Besuch.

Der Milliardär, der aus dem finstersten Elend hochgestiegen ist, bekennt, dah ihn nicht der Wille zur 2Had>t, sondern die eigene Schwäche so groß gemacht habe. Wie ein gehetztes Zier fei er vor ber grauenvollen Armut des Proletariats geflohen, aus Feigheit, um immer mehr Abstand zu gewinnen von dem Entseylichrn, das er hinter sich ließ. Aus Furcht vor diesem Glend meidet er die geringste Berührung mit ihm Rur ein­mal im Monat, am .offenen Donnerstag", ist er zu sprechen. An diesem Tage wird den 2Itüb- seligen und Beladenen icgliche Bitte erfüllt. Er empfängt jedoch die Bittenden nicht selbst. Ein Doppelgänger, ihm zum Verwechseln ähnlich, ver­tritt ihn. Eine rote Koralle an der Uhrketle deS Sekretärs ist daö einzige Er'emiungszeichcn.

Seinem Sohne will der Milliardär ein stürme­loses Leben sichern. In ihm sieht er den eigenen Anfang. 3m Sohne will er die eigene, ungenos­sene und verlorene Kindheit erstehen lassen zu lichter, unschuldfroher Unbekümmertheit.

Abei'es mutet wie ein Gesetz an: Vater und Sohn streben voneinander weg, zwischen ihnen ist ;flimer ein Kampf auf Leben und Tod". Ser

Sohn wendet sich gegen den Vater, macht ihm Vorwürfe, daß er ihn solange vom Leben fern- gehalten. Die Luxuskadine der weißen Verinü- gungsjacht vertauscht er mit dem Heizerposten auf dem schwarzen Kohlenschisf. Der Sohn will die Menschheit vom Elend erlösen, alles gleich ma­chen. Sein Ziel liegt in der Zukunft, des Vaters Ziel im Anfang: werdet wie die Kinder. Um das Elend an der Wurzel fassen und ausrotten zu können, läuft der Sohn geradeswegs zurück ins Proletariertum.

Dies bedeutet dem Milliardär bie Vernich­tung seines Lebenswerks. Und als der Sekretär von feinen glücklichen, unschuldigen Kinderjahren erzählt, knallt ihn der Mllliardär nieder und raubt ihm die Koralle, das Symbol seiner Sehn­sucht: die rote Koralle, bie nur im Wasser ge­heimnisvoll wächst, umspült, umrauscht und ge­nährt von den Fluten der Tiefe.Was wird das Beste? Richt aufzutauchen und in den Sturm verschleppt zu werden, der an den Küsten fährt. Da brüllt Tumult und zerrt unS in die 2ia,crei des LebenS. AuSgetriebene find wir alle aus- getiteben von unserem Paradies der Stille. LoS- g obre ebene Stücke vom dämmernden Kvrallen- baum mit einer Wunde vom ersten Tag an." Im Besitz der Koralle glaubt der Milliardär das Paradies erreicht zu haben. Mit einem Ge­waltstreich habe er seine Pforten geöffnet unb fei hineingeschritten in eine glückliche Kindheit unb den Anfang. Mit der Koralle steigt er freud.g zum Schafott, um zum Anfang zurückzukehren.

Hier tritt Georg Kaiser in die Bezirke des Buddhismus. Wenn ei seinen Milliardär erst im Sohn, bann im Sekretär weiterleben lasten will, so ist das nichts anderes als ei»e Seelenwanderung,

nur zu verzeichnen. Die Tagesordnung wird so erschöpft.

LandtagSschluh.

Präs dent Adelung ha t ein» Schluß- ansprache, in ber er auf die bedeutsamen Ar­beiten hinweist, die im Plenum und in den Aus­schüssen erledigt wurden und über die er eine Uebersicht verliest. 3m ganzen wurden 1823 Ge­genstände erledigt. Der Präsident hofft, daß der Landtag mit seiner Arbeit vor der Geschichte be­stehen wird. Run hat das hessische Volt das Wort. Redner richtet zum Schluste das Ersuchen an die Parteien, den Wahlkampf sachlich unb nicht persönlich zu führen unb bankt den Abgeord­neten, den Ausschüssen, den Beamten der Kammer, den Vertretern ber Presse unb den Kollegen im Präsidium für die treue Mitarbeit.

Abg. Brauer (Hest. Vp.) spricht als äl­tester Abgeordneter dem Präsidenten Adelung und dem Präsidium den Dank des HauseS für seine liebenswürdige wohlwollende und gerechte Geschäftsführung aus. (Bravo?)

Um(3 Uhr wird die Sitzung geschlossen.

Abg. Bornemann bringt noch ein Hoch auf die Vcllsrepublik Hessen auS, in das die Linke ernst immt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 27. Olt. 1921.

Gießener Konzertverein.

Das nächste Konzert des KonzertvereinS, Sonntag, den 30. Oktober 1921, wirb bei den Gießener Musikfreunden wohl ein besonderes In­teresse Hervorrufen. Der als Interpret unserer mcbernflen Musikliteratur überall mit phäno­menalem Erfolg auftretendeWalter Gieseking" wird an seinem Klavierabend nur Werke ganz moderner Komponisten bringen. Das übliche Kon- xertbrogramm bietet ja nur selten Gelegenheit, die neueste Entwicklung der Musik kennen zu lernen unb Herr Gieseking ist einer ber wenigen, bie sich ganz in ben Geist bieferModerne" hineingelevt haben.

Er beginnt mit ben großenDach-Variatio- nen von Max Reger", bet, auf Bach-Brahms fußend, doch ein ganz Eigener wurde. Leben bei ihm bie Formen früherer Meister arieber auf, wenngleich in freierer Gestaltung, so belebt sie doch ein ganz anderer Geist. Von derRiemann- Schule", seinerzeit als derneue Dach" ange» kündigt, wurde er von seinen damaligen An­hängern. durch die Betätigung seiner Eigenart, bald als Abtrünniger angesehen. Run hätte nichts näher gelegen, als zu ber Gegenpartei, denReu- deutschen" überzugehen. Aber auch hier bewies Reger seine selbstsichere Eigenwilligkeit unb als Strauß, gelegentlich der Uraufführung desPro­logs" ihm zurief:Roch einen Schritt unb Sie sind bei uns", erklärte Reger:ben Schritt tu ich nicht". Unb er hat die Erweiterung unserer Auffassung des Tonalen, bie Kunst ber polypho­nen Schreibweise, die weitgehendste Ausnutzung der von Wagner und Liszt übertommenen Chro­matik unb Enharmonik nur bis an die Grenzen geführt, die heute von den Anhängern Schön­bergs, Schreckers, Debussys überschritten werden.

RachReger" kommen nun am Sonntag die Reudeutschen^ zu Wort unb bie typischsten Ver­treter ber modernen französischen unb englischen Musik.

Der musikalische Impressionismus ist eine französische Kunstblüte. Mit Recht nennt man ihn einemalerische Musik". In Deutschland aber erscheint dieser malerische Zug charakteristischer-- üxife mehr inGefühl unb Stimmung", bei den Franzosen inKlang unb Stimmung4 ausge­prägt. Es ist unleugbar, dah in ber sehr starken Detonung bes Romantischen, Stimmungsvollen unb Intimen zugleich bie unmittelbare Folge einer außerordentlichen Verfeinerung der Musik nach Seiten des Seelischen unb Klanglichen liegt. Die­sem Vorzug stehen aber ebenso viele Gefahren für ihre gesunde Weiterentwicklung entgegen. Mit den zur Unbestimmtheit neigenden Begriffen der Romantik, Stimmung und Intimität bedroht zu­gleich etne wachsende Vieldeutigkeit und Auf­lösung aller Formen die notgedrungen form- vollste aller Künste. Diealten geheiligten" For­men verlieren in der Moderne jede festere Ge­stalt und begriffsmäßigere Fixierung.

Als Hauptvertreter des französischen Im­pressionismus giltClaude Debussy", geb. 1862 in St. Germain. Man hat versucht, gewisse musi­kalische stilistische unb technische Eigentümlich- teilen seines Ausdrucks auf eine Formel zu brin­gen; man ist mit solchen Versuchen nicht weit gefemmen. Seine Harmonik ist äußerst fubtil, raffiniert unb reizvoll, ihre Stimmung seltsam exotisch. Wollte man von dem elementaren Grundmaterial reden, so mühte man seine Musik als form- unb konturlos als melobiearm unb rhythmisch verkümmert bezeichnen. Will man seiner Kunst aber musikalisch gerecht werben^ so muh man sie einzig vom malerisch-impressionisti­schen Standpunkt aus betrachten.

Der, durch deutsche, rheinische Schule ge­gangeneCyrill Scott", geb. 18<9 in Oxton, ist ein träumerischer, pvesievvller Lyriker. Deine ersten Werke tragen vorüderhu schende Züge Grieg scher 2laturpoesie. Mit ben mittleren Wer­ken beginnt der Debussi>anische Unterton unb in seinen späteren ist ber rabilalfte Impressionismus fertig, der sogar Debussy übertrumpfen will.

Als deutsch-österreichische Vertreter des Im- pressioniSmus werben wir ben GrazerJosef Marx" und den BrünnerErich Komgold" kennen lernen. Der Erstere, vielleicht noch au wenig bekannt, zeigt neben Debussy'schen auch Reger- sche und Wolf'sche Einflüsse. Der RameErich Korngold", wohl am meisten durch seine Opern bekannt, bedeutet zugleich Typus und Pro­gramm für bie Wiener Moberne. Zeichnen sich feine Orchesterwerke burch eine seltene dramatische Gestaltungskraft auS, so lieg! in feinen Klavier- Werken und Liedern ein eigenartiger Klangzauber. Stilistisch zeigen feine Werke eine durchaus Korn- gvld'sche Miichung aus Reuromantik, Imprefsio-. nismus und Roman Ismus. W.

Bcacktenswcrte Regeln für den

Verkehr an den Postschaltern.

Wähle für deine Postgeschäfte möglichst mcht bie Hauptverkehrsstunden.

Klebe auf alle freizumachenden Sendungen bie Marken vor ber Einlieferung au], wozu ba bei Driessendungen und Postanweisungen nach der Postordnung verpflichtet bist.

Schreibe zu Wert- und Sinschreibsenbungen einen Einlieferungsschein mit Tinte vorher au*

Halte baS Geld abgezählt bereit Ueberglh größere Mengen Papiergeld stets geordnet Lege bet gleichzeitiger Ein- oder Auszahlung von öret ober mehr verschiedenen Sorten von Wertzeichen ün Betrage von mehr als 5 Mark eine aufgerech­nete Zusammenstellung der zu zahlenden Be­träge vor.

Benutze bei eigenem stärkeren Verkehr diL besonderen Einrichtungen (Dosteinlieferungsbü­cher und -Verzeichnisse, Selbstvorbereitung von Paketen und Einschreibbriefen).

Bornotizcrr.

Tageskalender für Donners­tag. Postkeller, k'/i Uhr: Monatsverfammlulig des Kriegervereins. Lichtspielhaus, heute: Eine Schreckensnacht in der Menagerie". Ad morgen bis einschl. Montag:Die Spieler", so­wieDas große Auwrennen im Grünewald bei Berlin": ber letztere Film wird auch in den Asioria-Lichtspielen gezeigt.

Kun st turnen. Auch ber am nächsten Sonntag, vormittags 10 Uhr, im hiesigen Stabt» theater flattfinienben Wieberholung des Kunstturnens wird in weiten Kreisen ber hiesigen unb auswärtigen Bevölkerung ein reges Interesse entgegengebracht. Es sei darum nochmals darauf hingewiesen, dah die Eintrittskarten nur bn Herrn E. C h a 11 i e r, Reuenweg 9, zu Haden sind und schon jetzt abgeholt werden können.

Die Deutsche VolkSpartet ver­anstaltet morgen, Freitag, 8V3 Uhr abends, im Hindenburg ihren ersten D i S k u s s i o n S- abend. Einer Besprechung der mit der Landtagswahl zusammenhängenden Fragen wird die Aussprache über die politische Lage folgen unter besonderer Berücksichtigung der durch den Genfer Spruch hervorgerufenen Krise.

KVettervoraussage

für Freitag:

Dunstig, wollig, trocken, etwa« milder, wech­selnde ÖBinbe.

Die Wetterlage hat sich nicht wesentlich ver­ändert. Bon den britischen Inseln erstreckt sich ein Hochbruckrücken nach Mitteleuropa unb ver­ursacht wolkigeS, i och meist trockenes Wetter.

In den nächsten Tagen kann nach Mitteilung der Frankfurter Wetterstationen die Frostgefahr für beseitigt gelten, so dah die unterbrochenen Kartoffeltransporte mög­lich sind, e

* Amtliche Perfvnalnachrich- ten. Am 1. Oktober wurden der Oberland- mefser im Kreisvermessungsdienst Wilhelm Hofmann, in Bad-Rauheim zum Ober­landmesser im Katastervermessungsdienst, der Landmesser beim LandeSvermessungSamt, Ludwig Linkmann, in Darmstadt zum Oberlandmesser im KreiSvermessungSdienst er­nannt.

Die beiden Lichtspielhäuser, Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, und Asto- ria-LichtsPiele, Selterswea. bitten uns mitzuteilen, bah bas Große Automobil- Rennen im Grünewald bei Berlin wegen ber enormen Anschaffungskosten in beiden Thea­tern zugleich neben dem Programm zur Vorfüh­rung gelangt. Die Aufnahme-Lizenz, bie nur bex Universum Mm A. G. erteilt würbe, kostete allein 325 000 Mk. RähereS siehe Anzeige.

unb wenn er glaubt, burch den Tob zumAnfang" zurücllehren zu können, so ist das nichts anderes als ein Rirwana-Ziel.

Auch in berKoralle" ist Kaiser ber eiskalte, raffinierte Rechner, ber bie theatralischen Mög­lichkeiten bis zum Aeußersten ausnuht. Die letzte Knappheit des Wortes eint sich mit einer Fülle von Geschehen, Einfällen und Gedanken, die das Interesse des Zuschauers nicht erlahmen lassen. Interesse, das ist aber auch alles, was da- staunenswert gezimmerte Stück auslöst. Das Herz, die ergriffene Teilnahme, vermag es sich nicht zu erkämpfen. Es sind ja auch keine Menschen, die kämpfen, siegen, leiben ober Überwinden, sondern nur Ideen, in bas Gewanb menschlicher Typen gesteckt. Richt lebensvolle Einzelmenschen treten <iuf, sondern ber Milliarbär, ber Arzt, ber Herr in Grau, bas Fräulein in Taffet, ber erste Richter usw., die wie Sprechapparate im Tele­grammstil die Meinungen Kaisers herauSsprudeln.

Das Stück wurde unter Direktor Hell­mers Regie nicht über die Bühne gehetzt. Das Tempo der Aufführung war eher gemessen unb von verhaltener Leibenschaft, die nur toenigemal hell auflohte, aber nicht minber wirkung-stark.

Die durchweg vorzüglichen Sinzelleistungen waren gut gegeneinander abgestimmt unb ergaben ein trefflich abgerundetes Ganze. ES seien nur einige Qlamen besonders hervorgehoben: Walter F r i e b. ber als Milliarbär am stärksten im driften Akte war: der leidenschaftliche Sohn (Peter Stanchina); Hanns König, ber wandelbare Sozialist und Herr in Grau, und bann bie beiden Richter (Clemens Wrede und Zofä 2Ilma8). gk.

Ein Streit um die Londoner Bühnenmoral. Ein neues Ausstattungsstück Cairo" von Oscar Asche, bas gegenwärtig am Londoner HiS Majesty's Theatre mit viel Erfolg aufgeführt wirb, hat einen Streit zwischen ben Zeitungen unb dem Verfasser heraufbeschworen, unb zwar nehmen die Blätter hauptsächlich an ben Kostümen Anstoß.Das Stück stellt einen Rekord in ber Enthüllung von Damenrippen bar" sagt bieDaily Rews". unb berDaily Expreß" nennt das" Stückbie größte anatomische Schau", bie jemals auf der Bühne zu sehen war." D eMor- ningpost" spricht vonHausen träumenderS honen, die überall in unpassenden Stellungen herum­liegen". und ähnlich äußern sich die anderen Zeitungen. Der Verfasser deS Stückes aber fühlt sich dadurch in seiner Künstlerehre gekränkt unb hat flch einem Berichterstatter gegenüber sehr deutlich geäußert.Es ist vollkommen unrichtig." tagte er.daß in meinem Stück Gruppen von un­bekleideten Frauen auf ber Bühne berumliegen. Vieles, was barüber gesagt wirb, ist reine Er- finbung. Die Mädchen haben sogar mehr an, als cs in anberen Ausstattungsstücken der Fall ist. Die Kritiker regen sich boch nicht barüber auf,, wenn sie eine Unmenge nackter Arme unb Racken in ben Logen sehen. Warum stört sie baS so auf ber Bühne? Auch bie Toiletten, in denen sich bie Damen in weitester Öffentlichkeit in benFamilien- bäbem zeigen unb von benen man so zahlreiche Abbildungen in ben Blättern findet, leisten im Fehlen einer vollständigen Bekleidung viel mehr als die Kostüme vonCairo". Ich halte mich an das Urteil des Publikums, und dieses hat an den Toiletten durchaus keinen Anstoß genommen, if »Gegenteil, man klatschte und klatschte."