Dienstag, 25. Oktober 1921
(Siebener Anzeiger (Gen ral-Anzeiger für Gberhesfen)
Nr. 250 Zweites Blati
Mt- und Neu-Oesterreich.
Don Dr. W B. DoerkeS-Boppard.
I.
Wien.
Dien, die alte, herrliche Kaiserstadt, scheint, nach dem ersten Anblick zu urteilen, kaum verändert, trotz ÄriegÄnot und Umsturz, die sieben Jahre lang ihre Heimsuchungen über sie ausgebreitet haben Der HauSbeiorger erhebt immer noch abends nach neun Uhr bad historische .Sperr* sechserl" — das inzwischen je nach der Stunde der nächtlichen Rückkehr auf 6—12 Kronen gestiegen ist —, der .Mistbauer" holt nach wie vor die Mülleimer vor den Türen ab (genau wie in gewissen rheinischen Grossstädten >, auch d e Mi»,-i- und AnniS, die Steffis und Lillis, die selchen Wiener Mädel, lind heute die gleichen wie in der seligen Friedenszeit. alS man für ein Spott- geld sich in irgendeinem verräucherten gemütlichen .Deisel" am prickelnd-sützen heurigen Asti erfreuen konnte Die unvergängliche Schönheit Wiens übt ihren alten Zauber aus, von der ersten Stunbc, da der Fuh wieder die Stätten um den StesanSdom, die Durg, oder den Dall- hauSplay betritt, wo der Geist einer grohen Vergangenheit lebendig ist.
Und doch ist eS ein anderes Wien, obgleich die linde Luft, der südliche Himmel, die schmalen, hellgrauen Gassen mit den dunklen Palästen das alte traute T<b vortäuschen. Die Zeiten sind andere geworden, und mit ihnen die Menschen. Die Kaiserstadt war durch ihre Lage zwischen Okzident und Orient zwar immer schon ein Mittelpunkt des internationalen Btrlchtö, aber dämme Wien hat jetzt einen unangenehmen erotischen Anstrich, der sich besonders im Strahen- leben bemerkbar macht. Hier die fessellose und feffelnbe Eleganz der Wiener Schönheiten, aus alter Tradition emporgewachsen, neben dem hemmungslosen Prohentum einheimischer und aus- ILndischer Emporkömmlinge, dort die abgerissene und zerschlissene Erscheinung deS Bürgers und ‘Beamten, die mühsam um des Leben- Bot- burft ringen, des armseligen Kriegskrüppels und bat gebückten Spittelweibchens, die, in irgendeine ^Hausecke ober Kirchentür gedrückt, stumm ein Almosen erbetteln. Die prachtvollen Läden prahlen mit den kostbaren Erzeugnissen der Wiener Kunst, erreichbar nur dem Besitzer fremder Wertpapiere, an den Orten des Wohlleben- und des Vergnügens herrscht ein babylonisches Sprachengewirr west-östlicher Einwanderer, indessen die unentbehrlichsten ßebend- mlttel für die Einheimischen kaum noch erschwinglich sind — das echte Gold der schlichten Vornehmheit, der Glanz Alt-Wiens, ist zum Talmigold schäbiger Schieber geworden.
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Selbst die. Tage bet ersten Wiener Messe, deren Eröffnung mit dem Besuche der reichsdeutschen Pressevertreter zusammensiel, konnte über diese Empfindungen nicht Hinwegtäuschen. Wohl ging es den Bcranftaltern der Messe wie einem Schriftsteller, der mit unsicherem Zagen sein Erstlingswerk der Oeffentlichkeit übergibt und bann selbst über den ungeahnten Erfolg erstaunt und erfreut ist, aber der wirtschaftliche Ertrag des Unternehmen- ist zweifellos nur einer verhält- momähig kleinen Schicht der einheimischen Be- Dölfenmg zugute gekommen. Inzwischen dürfte der ungeheure Sturz des Wechselkurses auch die zeitweilige finanzielle Erstarkung wieder in da- Gegenteil verkehrt haben, obwohl die Bedeutung der ersten Messe als ermutigendes Beispiel neu erwachender Leistungsfähigkeit gewiss nicht unterschätzt werden soll. T^r Ausländer, zu denen in gewissem Sinne auch der Reichsdeutsche zu rechnen ist, wenn es sich um die Beobachtung einer ihm fremden Volksseele handelt, läuft leicht Gefahr, den Mahstad allzu scharf anzulegen. Er sieht meist mit sehr kritischen Augen. Um so eindrucksvoller ist deshalb das absprechende Urteil der Einheimischen, die schmerzhaft die Schäden am eigenen Bollskörper fühlen. Ein Wiener ftultutbifforiler äußerte sich gerade in jenen Tagen herb und mitleidlos über die versunkene Welt, die wir alle noch in ihrer einstigen Herrlichleit gelaunt: Die Pyramide zerborsten, die Träger und Stützen des Baues zerbrochen, Oesterreich ein Schutlfeid, das mit fremder Hilfe aufgeräumt wird. Auf ihm ein trostloses Gewimmel .abgebauter" Reste und eine Fülle konfuser Ansätze zu .Beuern". Planvolle Wirrnis, Grimm und Gegengrimm. Kluft und Abgrund, im Barnen bet Freiheit mit Theorien überbrückt, die nicht ragen — das ist des politischen Oesterreichs Anfang nach seinem Ende . . Das souveräne Volk hat sich durchaus kavitalistisch orientiert. Das kriminelle Schieber bürichlein geniesst Hochachtung, wenn ihm das Geld locker sitzt: dem leuchten noch Augen entgegen und .organisierte" Rücken krümmen sich. Der halbverhungerte Professor, der pensionierte General, der Exminister werden
mit jener Geringschätzung behandelt, die den Vertretern impotenter Stände gebührt. Die Umschichtung der Gesellschaft vriizriht sich nach dem goldenen Schnitt: Bkr viel frcht. ist achtbar. Der Rest zählt nicht. — — - Bittere Wahrheiten!
Die Beilage des Mittelstände- ist entsetzlich. Auch in Deutschland, wo der Hunger während der schlimmsten KriegSmonate in vielen Häusern ein trauriger Gast war. baden wir Armut und Bot kennen gelernt, aber die Verelendung in Wien übersteigt alle Vorstellungen. Die Arbeiter. die durch ihre Organisation die Söhne den Preisen anzupassen im allgemeinen eher in der Lage sind. Haven weniger zu leiden als die Fest besoldeten und die grobe Schar der Leut e mit kleinem Einkommen das weder durch Brbrit noch durch Streik vergröbert werden kann. Wenn schon ein "Mann wie der Marschall v. Hoetzen- dorfs samt seiner Frau mit etwa 1200 Mar! im Monat in Innsbruck in den bescheidensten Verhältnissen auslommen muh, so kann man sich denken, wie die Tausende verabschiedeter Offiziere sich durchs Geben schlagen müssen, die nicht mehr, wie die jungen unter ihnen, Fabrikarbeiter ober Bauernknecht werden können Die republikanische Regierung hat sie. unter dem Zwang der Lage, auf die Strahe gesetzt; Kaiser Karl in der Schweiz spendet aus seinen Blitteln reichliche Unterstützung, aber er vermag auch nur die schlimmste Bot einzelner weniger zu mildern. Mte Hosräte, in Ehren grau geworden und verabschiedet, suchen ihr Ruhegehalt zu erhöhen, indem sie Zimmer vermieten und sich selbst samt Familie aufs allerengste einschränken; arme Studenten verkaufen in den Kaffeehäusern Zeitungen ober Reklameschriften, unb auf welche Abwege bie weibliche Jugend gedrängt wird, bedarf leider keiner besonderen Erwähnung. Der echte Wiener trägt unsagbar schwer an dieser Last, bie ihm bas Schicksal aufgebürbet. Er hat allen Grund, mit ihm zu hadern, um so mehr, weil er ohnmächtig, hilflos zusehen muh, wie eine Welt von Ausbeutern die verarmten Bewohner einer einst zufriedenen und glücklichen Stadt ausgeplündert und die letzten Ueberbleibsel alter Kultur und ererbten Wohlstandes gewissenlos und gierig an sich rafft.
Der holländische Gelehrte Moleschott hat den wichtigsten physiologischen Grundsatz in die Worte gefasst: .Der Mensch ist, was er ih". Für den Soldaten aber gilt bie alte Regel ..Kleiber machen Leute". Trägt er eine schmucke und gute Uniform, dann fühlt sich der Mann auch; er weih, bah er etwas vorstellt unb dementsprechend sind Haltung unb Benehmen. Zweierlei Tuch besitzt seine eigene Wirkung, die man aus Erfahrung kennt. Eine Truppe, schlecht gekleidet unb schlecht gehalten, macht auch einen schlechten Eindruck, ganz abgesehen von dem Mangel an Schneid und Ordnung, der notwendigerweise aus der allgemeinen Vernachlässigung hervorgeht. Das, äuher- liche Aussehen ist ein Gradmesser der innerlichen Eigenschaften. Auch das altpreuhische Militär war höchst einfach unb sparsam uniformiert, aber „propper unb adrett" zu sein, war des gemeinen Mannes Ehrgeiz und Stolz.
Die neue republikanische Volkswehr in Oesterreich sieht nichts weniger denn schon aus. Zwar bie Wiener Wachleute auf der Strafst machen in ihrer englisch-braungelben Uniform, mit Handschuhen und gutgewichsten Stiefeln, immerhin noch einen annehmbaren Eindruck, aber bie Volkswehrleute sehen einzeln unb insgesamt aus wie Komitabschi, bie zum Bandenkrieg ausrücken. Wo sinb die glänzenden Soldaten des alten Oesterreichs, die den Ruhm ihrer- Fahnen im Weltkriege auf den Spuren der Grenadiere des Prinzen Eugen bis in die unwegsamen Gebirge Albaniens und Mazedonien- getragen haben?--Die Stärke der Volkswehr
beläuft sich auf dem Papier auf 30 000 Mann; in Wirklichkeit stehen aber, wie ein Kenner der Verhältnisse erklärte, höchstens 20 000 unter den Waffen, unb von diesen sind 80 Prozent Sozialisten, 19 Prozent Kommunisten unb 1 Prozent (das Der- bältnid ist nach dem Ergebnis der Soloatenrats- wahlen berechnet) Angehörige des unpolitischer Soldatenbundes. Die Offiziere, namentlich die aus dem kaiserlich-königlichen Heere übernommenen, scheinen keinen allzu groben 'Wert auf Rang unb Stellung zu legen, beim sie haben eine undankbare Aufgabe, bei deren Erfüllung sie offenbar aus der Bot eine Tugend machen.
Unter dem „Selb stbest immungs recht'' der Mannschaften muh jeder geordnete Dienst leiden. Bekannt ist der lächerliche Vorfall, der sich im September an der Grenze des Burgenlandes ereignete, wo der Führer eines Zuges im Laufe einer Auseinandersetzung feinen Kompagnieches ohrfeigte, au6 Wut, weil er ohne Mittagessen infolge dringenden Befehls mit seiner Mannschaft wieder ausrücken sollte. Und dabei war der Regimentskommandeur nur den Anforderungen der Zivilbehörde gefolgt, die Sicherungstruppen er
beten hatte. Die.Dertrauen-männer" mischten sich ein. unb auf gütliches Zureden erfolgte dann der AuSmarsch während der Oberst sich als .befangen " erklärte und den Befehl an den dienstältesten Offizier abgab! Und das sozusagen .vor dem Feinde", angesichts der ungarischen Truppen, die mit dem alten Schlachtruf „Eljen a Kiralv Karoly!" (Es lebe König Karl!> stürmen, währetrb — wie ein vielleicht boshafter, aber zutreffender Witz behauptet — die Vollswehrleute nach 5^ Uhr nachmittags nicht mehr kämpfen wollen, ba'ibr Achtstundentag f vorbei sei. Traurige Tatsache ist jedoch, bah sich in Wien, als man Freiwillige aufrief zur Verteidigung de- Grenzlandes, ganze 450 Mann der Volkswehr meldeten, obwohl 18 000 Kronen an Löhnung geboten waren. Die Hälfte dieser Summe wurde jebem im voraus ausbezahlt. der .zur Front" abging . . . bis nach Wiener-Beustadt Von dort kehrte die Mehrzahl der Helden wieder zurück unb nur 84 Mann brachten den Mut auf, thr Versprechen zu erfüllen.
Schcrz beiseite! Wofür sollen auch fene zusammengewürfelten Scharen ihr Leben tjpfcm. nachdem man planmäßig alle hohen Gedanken in ihnen ertötet, ihnen die Begriffe Vaterland und Ehre genommen und an deren Stelle verschwommene. Schemen gesetzt hat. die für die Wirklichkeit des Lebens der Staaten und der Volker nichts bedeuten? Wozu soll der vaterlandslose Kommunist die Heimaterde verteidigen, die ihm höchstens als Erwerbs- ober AusbeutungS- gegenftanb etwas wert ist, während der national- gesinnte Ungar bie Reste des ehemaligen Reiches der Stefanskrone jetzt mit um so gröberer Zähigkeit zu wahren trachtet?
Aus Stabt unb Land.
Giehen, den 25. Olt. 1921.
Die Nückzahlnng
zuviel gezahlter (Kinkommenftener.
Das 'Finanzamt Gießen schreibt uns:
Durch verschiedene Zeitungen geht die Botiz, dah nunmehr mit der R ü ck za h l u n g der von den Lohn- und Gehaltsempfängern zuviel bezahlten Steuern begonnen, und auch zahlreichen Beamten die Ueber- fchüsse zurückgezahlt worden seien.
Wir weisen darauf hin, das; nach den gesetzlichen Bestimmungen die Rückzahlung er st nach Zustellung des endgültigen Steuerbescheids für 1920 erfolgen darf.
Die Zahl der für Rückzahlung in Betracht kommenden Fälle ist g e r i n g.
Für Hessen dürfte- vorerst eine Rückzahlung noch nicht in Frage kommen, da z. Z. die Zuschläge für die Kirchensteuern noch nicht feststehen und die Zustellung der Steuerbescheide sich hierdurch verzögert. Die Entscheidung hierüber wird wohl bald erfolgen, so daß dann auch mit baldigster Ausgabe der Bescheide zu rechnen ist.
" Maßnahmen gegen den neuen PreiSw ucher. Der Preiswucher hat in der neuen Teuerungswelle erhöht eingesetzt. Der p r e u h i s ch e Minister des Innern hat deshalb alle Nachgeordneten Dienststellen angewiesen, die Preise für Gegenstände des täglichen Bedarfs, insbesondere der Lebensmittel, eingehend und fortlaufend zu überwachen. Die Ein- und Verkaufspreise sollen laufend geprüft und insbesondere festgestellt werden, ob billiger eingekaufte Ware zurückgehalten oder zu erhöhten Preisen verkauft werden. Dem Wucher soll unter allen Umständen und mit größter Entschiedenheit entgegengetreten werden. Nicht nur die Wucherstellen, sondern auch die gesamte Polizei soll dabei mitwirken, tzben- so die Schutzpolizei, soweit eS deren Ausbildung zuläht. Die Beamten sollen für Einfachere Verrichtungen der Wucherbekämpfung unterwiesen werden. Die Finanz- und Umsatzsteuerämter sind auf Geschäfte mit hohen und übermäßigen Preisen aufmerksam zu machen.
"BeueOrgelpfeifenindenhie- s i g e n Kirchen. Wie so viel andere Kirchen, so hatten auch unsere beiden evangelischen Kirchen den Wiedereinbau neuer Orgelprospektpfeifen, welche im Jahre 1917 für Kriegszwecke beschlagnahmt und abgeliefert werden muhten, in Auftrag gegeben. Der Einbau der Pfeifen, welche von unserer hessischen Orgel- baufirma Förster u. BicolauS, Lich, hergestellt
wurden,.ist in vergangener Woche von vieler vorgenommen worden. Die Gemeinde sieht in der Vervollständigung einen schon langerschn- ten Wunsch erfüllt.
** Die Entscheidungskämpfe im »Einhorn" wurden am Sonntag beendet. Den 4. Preis, 800 M?„ batte der Oberösterreicher Zilch mit 3 Siegen und 3 Niederlagen erhalten. Den 3. Preis, 1200 Bit., mit 5 Siegen und 2 Biederlagen, beide von Actiner, erhielt Mich. Hiyler; den 2.Preis, 1500 Mk.. erhielt Ackner mit 5 Siegen und 2 Biederlagen und den 1. Preis, 2500 Mk., und den Goldpokal erhielt Christensen mit 6 Siegen und einer Biederlage. Somit blieb Christensen 1. Preisträger. Europameister Hiyler, der bekanntlich dem 1. Preisträger Christensen die einzige Bieterlage beibrachte, aber von Achner besiegt wurde, sollte gegen B ebner noch zu einem Stiackampf antreten. Durch einen anderen Kontrakt gebunden, konnte Hitz- ler den Stichkampf nickn austragen und niuhte daher mit dem 3. Preis vorlieb nehmen. Damit aber die Angelegenheit nicht als Feigheit von feiten Hitzlers aufgefaht wirb, stellt sich der Europameister den beiden ersten Preisträgern sobald als es ihm möglich ist. hier in Giehen zur Verfügung, um gegen eine entsprechende Prämie oder gegenseitigen Einsatz einen Handicap-Ringkampf (meinem Abend auszutragen.
Landkreis (Niesten.
± Klein - Linden, 22. Olt. Ein Veteran der Arbeit wurde hier zu Grabe getragen. Es war der Werkmeister Mandler, d.r über fünfzig Jahre in der Tabak- und Zigarrensabrit Gecrg Philipp Gail tätig war Der j.-mge Inhaber der Fabrik, Kommerzienrat Gail, leg.c per- sönlich am Grabe einen prachtvollen KrauH in.'der unb fdjilbertc den Verstorbenen als ein Vorbild an Zl'verläffigkeit, Pflichttreue und peinlichster Gewissenhaftigkeit. Auch tl* Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik legten Kränze nieder.
Hattenrod, 23. Olt. Ein D?i:kmal für dir Gefallenen des Weltkrieges wurde beute hier eingeweiht. Die Weiherede hielt Pfarrer Ries, namens der Gemeinde und deS Kriegervereins sprach Bürgermeister B e c b.
y. Lollar, 23. Olt. Unter zahlreicher Teilnahme der Gemeindeglieder fand heute bie (S i n- weihung bes Ehrende nlmals für die Gefallenen unseres K.rchspiel^ in K.rchberg statt. Es erbebt sich auf der höchsten Stelle der alten Friedhofsmauer in einem 4> Bieter hohen Kreuze und ist weithin ins Lahr.tal sichtbar. Angabe des Ortes und der 3bee lammt von dem Denkmalpslezer Geheimerat Prose sor Dr. Walbe. Die lünstlerische Ausarbeitung des PlaneS und die Ucberwachung der Bi beiten lag in den Händen des Architekts Schuhmacher- Giehen. Die hessischen Steinbrüche in Londorf lieferten das Material au6 Lungstein. Die fünf eifernen, 7 Zentner schweren Tafeln wurden von den Buderusfchen Eisenwerken Lollar gegossen, darqus 177 Barnen von gefallenen und Dcrmibten Genieinbeangehörigen stehen. Davon entfallen auf Staufenberg 44, Lollar 58, Mainzlar 17, Da i- bringen 28, Ruttershausen 30. Die Feier würbe verschönt durch Gesang der Sängervereinigung Lollar, eines Mastenchores von 6 Gesangvereine der Gemeinden, durch GesäNge deS Konfirmand m- chors und MusikPorträg" des Posaunenchors Klein- Linden. Bürgermei'.er Schmidt- Lollar lt?h als Beauftragter des Kirchen Vorstandes nach einer Ansprache die Enthüllung vornehmen und nahm das Denkmal in Schuh und Pflege der Kirch.m- gemeinde. Dekan G-uhmann hilll die Weiherede. Die Bürgermeister der fünf Semctnben legten für die Gefallenen ihrer Gemeinden Kränze uieber. Auch bie vereinigten Krieger- unöMX’- sangvereine des Kirchspiels sow.e der Reichsbund der- Kriegsbeschädigten, Ortsgruppe Staufenberg und Collar, ehrten durch Kranzniedrr- legung und Ansprachen das Andenken der gefallenen Helden.
Kre^s Schotten.
X A1 r i ch st e i n, 22. Okt. Bei der gestern vorgenommenen Verpachtung der der Pfarrei Alrichstein gehörigen Wiesen auf die Dauer eines Jahres wurden rund 15100 Mark erzielt. Der bisherige Preis der gesamten Pfarrwiesen, der freilich noch von Friedenszeiten her dattert, betrug ganze 580 Mark.
x Ulrichstein, 23. Oft. Für den nach Laubach übergesiedelten Lehrer G a u b ist Schulverwalter Simon von Laubach nach Ulrichstein versetzt worden. Wegen Woh-
Der Schuh im Blut.
Roman von Hör st Bodemer.
20. Fortsetzung. (Buchdruck verboten.)
Ehristoph Wärhahns sechzigster G burtstagi Grove Vorbereitungen waren getroffen worden. Der Celonomierat hatte sich lachend dagegen gewehrt — und es doch gern gesehen. Das erste Mal war es, bah auf seiner grotzen 'Besitzung wochentags die Arbeit ruhte. Gleich am Morgen begannen die Ueberraschungen. Im Musikzimmer empfing ihn der Henner mit seiner Familie. Grete und HanS sagten Gedichte auf, und dann tturoe das Madel an den Flügel gesetzt. Steif satz eS auf dem Sessel. Blonde Locken mailten weit auf den Rücken herab, bie Erregung hatte die Wangen gerötet. Ihre Blutter nickte ihr zu, da begann sie zu spielen, schon recht geläufig. Der Alte rieb sich die Hände und nickte. Sah auf die kleinen Finger, bie über bie Tasten eilten und k ätzte feine Enkelin herzhaft ab, als sie mit glänzenden Augen vom Sessel rutschte. Unb nun kam die gro' e Ueberrcllchung, von der Grotzvater noch leine Ahnung hatte. Die Kinder konnten tanzen.' Ein Menuett tanzen! Da kroch Christoph Wärhahn ganz in sich z. sammen und schmunzelte. Wie biegsam die kleinen Körper waren, wie elegant die Bewegungen, wie zierlich Tie bie kleinen Fütze zu setzen verstanden! Wenn die nicht „ben Schutz im Blute ‘ hatten bann möchte er wissen, wer eigentlich. Und dazu die blauten Kinbera gen! Das Herz schlug ihm schneller. Bo. innerlicher Err gung streichelte er seine:'. langen wtttz-m BoHbait, den er sich in den letzten zehn Jahren hatte wachsen lassen.
fuhr sich mit der flachen Hand über ferne grotze Glatze Sah seinen Sohn an, nickte ihm lächelnd zu. Der verstand, was der Vater meinte, sah stolz auf seine Kinder, bie hatten wahrhaftig „den Schuh im Blut". Marias beide Hände drückte Christoph Wärhahn, dankte ihr mit herzlichen Worten und zog dann die Enkelkindes an die Brust
.Mordskerle seid ihr! Da habt ihr eurem Grrtzvater aber eine grobe Geburtstagsfreude gemacht!"
Bor dem Shzimmer stand die Mamsell, als man zum Frühstück schritt. Sie konnte ihren Glückwunsch kaum berfagen. Ihr Herr stopfte sie gerührt auf bie Schuller.
.Altes, gutes Haus! Unb wie bie Kinder tanzen können! Himmelkreuzdonnerwetter, das ist geradezu ein Kunststück. Ich möchte wisten, welche kleinen Hosenmätze im ganzen Bezirk Kassel das noch fertig bringen! . . Maria, nun kann meinetwegen kommen was tpill, eine gröbere Freude gibt es heute für mich nicht mehr!"
Abordnung auf Abordnung erschien, von der Landwirttchaftskammer. deren Mitglied er seit mehr als zwanzig Jahren war, vom Landwirt- schaftlichen Kreisverein, von der Zucker ab tt er gehörte zum Aufsichtsrat. Dann kam der Landrat mit dem Kreisausschuh. Er überbrach:.' ben Boten Adlerorden unb hielt an den Mu erlandwirt ci-e längere R de Ville BerufSgenossen fanden s h ein, der Baron Züschen hatte wundervolle Blumen geschickt und fein Fernbleiben mit Krankheit entschuldigt.
Der alte Wärhahn lieh trinen wieder schnell fori. Ein schöner, sonniger Spats-mm?r ag war Im Ehzimmer toar ein Büfett aufgesetzten, rille
Rheinweine b.'inften in den Börnern. Geduldig lieh er die Ansprache.! über sich ergehen, anv teortete kurz, kam schnell zum her lichsten Danke. Der Henner eilte zwisck-en den Gästen geschäftig bin und her, Maria stand da wie eine Königin, in einem weihen Spihensteide, den Brillanten im Haar.
Als die ersten sich zum Aufbruch rilstetr.t, gab das Christoph Wärhahn nicht zu.
..Bee, nee, Herrschaften, der Tag ist doch angerissen — und meine Enkelkinder müssen Sie nod": tanzen sehen!"
Das war heute lein Trumpf! Er verstand sich doch nicht nur auf Züchtung von Getreide, Kartoffeln, Rüben, Edelobst und Vieh, auch Menschen verstand er zu züchten, das tollte den Leutchen jetzt aufgehen. Jawohl, er war der Mordskerl, der das fertig brachte, nur sprach man über drrgl i hen natürlich nicht Aber, Himmclkrevz- bor.neiiDetter, Beispiele bewiesen.
In dem Musikrimmer war kaum noch io viel Platz, dah die Kinder tanzen konnten. Sie waren gar nicht schüchtern, lachten und freuten sich darauf Als sich ihre Mutter an den Flügel setzte, genügte ein Blick, sie wurden ernst, stellten sich ruf, mit spitzen Fingern fatzte die Gretel nach ihi em Wei' en Röckchen, rundete leicht die Arme, neigte mit einem Lächeln den Kopf ein ganz klein weni; nach rechts — und dann begann der Tanz.
Man reckte den Hals, stand da mit offenem Munde, freute sich an den Bewegungen der Kinder, die ihr Menuett ohne Fehler tanzten. Baffe lag in ben Kerlchen! Zierlich fetzten sie die Fühchen, auf Gretcls Gesicht lag bei den Krisen ein schelmisches Lächeln, unb der Hans machte
seine Verbeugungen ernft und drollig würdevoll. Grotzvater Wärtzahn aber schmunzelte über daganze, vom reichlichen Weingenuh recht gerötete Gesicht. Wer von allen den Gästen hatte ein solches Kinderpaar in seiner Familie aufzuweisen? Biemanb natürlich! So etwas lieh sich nicht anerziehen, da ging es über eine gewisse Höhe nie hinaus, so etwas mutzte angeboren sein! Ohne „ben Schuh im Blute“ gelang eben so etwa- nicht! Unb wenn ba nicht bie richtige Mischung vorhanden war, wurde auch nichts rechtes darausI Dann wurde aus der Tanzerei eine zappelige Geschichte. Hier aber war die Mischung richtig! Er wutzte, warum er gegenüber dem rheinische i Bänkelsänger, der auf seine Art doch wei' aber den Durchschnitt geragt, diesem Pleitegeier.beide Augen zugedrückt hatte. Gelb brauch e einer nicht zu erheiraten, der Christoph Wärhahn zum Batet hatte. Der hatte es allein zusammenkratzen können, ohne dah man mit Fingern auf ihn zeigte Man hatte es ihm ja heute wer weih wie oft gesagt, unb der Orden im Knopfloch bewies es, er war ein Segen für die gan^e Lmdschaft gewesen. Der Hans würde f in Rennen im Leben schon laufen, und für die hübsche, biegsame Gretel fand sich im Laufe der Zeit auch ein Freiersmann, dessen Familie auf hoher gesellschaftlicher Stufe stand — und der natürlich selbst ein ganzer Kerl war. Der Henner hatte wahrhaftig allen' Grund, über das ganze GeAcht zu strahlen. Unb' die Maria wurde eigentlich noch Tchöner mit jedem Tage — und hatte so etwas Sicheres. Der, machte der ganze Rummel heute einen Heidenspatz.
(Fortsetzung folgt) '


