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Nr. 225 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 26. September 1921

Parteitag der oberhesfischen Demokraten.

Nidda, 25. September

Der Provinzialverband Oberhessen der De­mokratischen Partei veranstaltete heute in Nidda einen Parteitag, mit dem die Partei, wie vom Vorstandstisch erklärt wurde, in den W a hl- k a m p s eintrat.

Um Vormittag sand eine Vertreterver- s a m m l u n g statt, in der hauptsächlich interne Parteiangelegenheiten besprochen wurden. So kam auch die Aufstellung der

Kandidatenliste für Oberhesfen zum Abschluß Sie enthält folgende Namens 1 Direktor Urstad t-Gießen. 2 Landwirt R e r n- hardt-Geiß-Nidda. 3. Luise Flick, Lehrerin. Gießen 4. Oberlehrer Dr. W e i n e r-Fr»edberg. 5. Glasermeister Leut H-Alsfeld. 6. Eisenbahn- sekret. D e t r ö e-Gießen. Rechtsanwalt Thum- Lauterbach, 8. Oberpostschaffner Moh r-Giehen. 9 Schmiedemeister Appel jun.. Ulrichstein. 10 Fabrikant H e i l-Duhbach. 11. Landwirt Decker- Kessclbach, 12 Landwirt Paul h-Langsdorf. Die endgültige Entscheidung über diese Liste wird je­doch erst am 2. Oktober in Darmstadt vom Lan- deSausschuß der Partei gefällt

In der öffentlichen Versammlung am Nachmittag sprach zunächst Neltor Fischer- Gießen über die politische Lage im Reich. Nach längeren Ausführungen über unser Verhältnis zum Ausland, besonders zu Frankreich und über die innerpolitische Lage, wie sich besonders nach der Ermordung Erzbergers gestaltete, kam der Redner auf die bevorstehende Regierungs­umbildung i m R e i'ch e zu sprechen. Der bis­herige Zustand in den Regierungsverhältnissen nach der Revolution sei keineswegs befriedigend, da die verschiedenen Regierungen nicht von der Mehrheit des Volkes getragen worden seien. Des­halb müsse die Regierungskoalition verbreitert werden, nach links oder rechts. Die unabhängige Sozialdemokratie scheide jedoch von vornherein aus, weil diese Partei grundsätzliche Gegnerin der Demokratie sei, obwohl man anerkennen müsse, daß sie in letzter Zeit eine weit vernünftigere Politik als früher getrieben habe. Es komme da­her nur die Deutsche Volkspartei in Frage, ob­wohl die Demokraten gerade in Hessen von dieser Partei sehr viel, vor allem schwere Beschimpfun­gen ertragen hätten, die weit über das hinaus- gingen. was man unter erzogenen Menschen für möglich halte. Aber alles Gefühlsmäßige sei au- rüc^ustellen. die Demokraten müßten mit der Deutschen Volkspartei zusammenarbeiten, die mit- tragen lernen müsse an der Schwere der Regie- rungsverantwvrtung. Dadurch werde es auch ge­lingen. die Deutsche Volkspartei von der äußer­sten Rechte abzuziehen. Am schwersten wiege aber die unbedingt erforderliche Mitarbeit der Deut­schen Volkspartei bei der Ausführung des Ulti­matums. denn diese Partei fasse hauptsächlich Vis Unternehmertum zusammen, auf dessen Mit- virkung jede Regierung bei Erfüllung derRe- parations"-Verpflichtungen angewiesen sei. Zu begrüßen sei £ie Wendung der Sozialdemokratie, die noch vor einem Jahre unter keinen Umständen mit der Deutschen Volkspartei zusammenarbeiten wollte, ebenso die Bereitwilligkeit der Deutschen Volkspartei. Unverständlich seien aber die neuen Angriffe gegen Wirth. Es sei jedoch zu erwarten.. daß die Verhandlungen zur Umbildung der | Reichsregierung schnell zum Ziele führten und daß die neue Regierung wohl am nächsten Sonn­tag schon im Amte sitze.

Finanzminister Henrich sprach dann über die hessische Politik und gab in der Hauptsache einen Rechenschaftsbericht der gegenwärtigen Re­gierung und ihrer Koalition. 3n Sicherheit und Ordnung des Staatswesens habe man seit 1918 ganz erhebliche Fortschritte gemacht. Mit der deutschen Wirtschaft, dem deutschen Arbeitsmarkt könne sich kaum ein anderes Land messen, und Hessen häbe von allen deutschen Ländern eine besonders ruhige Entwicklung durchgemacht. Die Revolution sei ja keine eigentliche Revolution ge­wesen, sondern eher eine Bankerotterklärung des alten Regimes. Die Koalition sei daher ans Ruder getreten, um überhaupt eine Regierung zu schassen, um zu verhüten, daß das Land im Chaos versinke,

und weil die anderen Parteien versagt hätten, denn auch ihnen, auch dem Hellischen Bauernbund sei ein Sih in der Regierung angeboten worden. Heute richte sich die Opposition hauptsächlich ge­gen Bildung und Zusammensetzung der Regierung, sie sei zu vielköpfig, zu teuer. Die Einteilung in sieben Aemter fei jedoch keine Erfindung Ul­richs, sondern drei Tage vorm Umsturz, als man eine parlamentarische Regierung bilden wollte, vom alten Landtag beschlossen worden. 3m letz­ten Augenblick sei man damals von den sieben Ministerien abgekvmmen und habe die Staats rate geschaffen, die bekanntlich nur zwei Tage regiert hätten. Der Minister sprach dann ausführlich über persönliche Dinge, über Ministerpensionierung usw. 3n Hessen werde jetzt, selbstverständlich unter Be­rücksichtigung der Geldentwertung, ganz erhebl'.ch billiger regiert als früher. Reben der Bersas- funfl sei am wichtigsten die Revision der Verwal- lungsgesetzgebung. die jedoch nicht überhastet wer­den dürfe und Hauptaufgabe des neuen Landtages bleibe Dem Präsidenten Strecker sei es zu ver- danken, daß die hellische Schule noch immer vor- bildlich Tci; Einheits- und Aufbauschule seien bei uns zuerst eingeführt worden, und die Re­vision des Volksschulgesetzes stehe unmittelbar be­vor Die Aufhebung der Zwangswirtschaft sei am nachdrücklichsten von der Demokratischen Par­tei gefordert worden. Die Demokraten hätten auch die Landaufteilung in Fluß gebracht, und man habe in Hessen bis jetzt an 6000 Land­bewerber etwa 15 000 Morgen Land umgeseht. Das Besoldungsgesetz sei sicherlich ein Fortschritt, wenn auch unzulänglich. Wir seien eben ein armes Volt geworden. Der Unmut der Beamten­schaft wäre aber nicht so laut, wenn es nicht große Volksteile gebe, denen es über die Maßen gut gehe. Die Regierung werde auch weiter alles daran setzen, um den sogenannten Ortsklassen­unfug wenigstens für Hessen zu beseitigen. Die Einheitlichkeit der Finanzverwaltung ser unbe­dingtes Gebot gewesen, denn der Steuerbedarf des Reiches sei von früher einem Vier­

tel auf drei Viertel gestiegen. Der viel- geschmähte Erzbcrger habe übrigens das meiste Verdienst um das Zustandekommen der Finanz- und Eisenbahneinheit. Bei derVerreichlichung" der Eisenbahn sei Hessen voll auf seine Kosten gekommen. Wenn früher die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschast günstigenfalls eine Rente von 18 Millionen Mark abgewvrfen habe, sichere uns der neue Derttag 27 Millionen im Jahre. Die Unitarisierung dürfe aber nicht so weit ge­trieben werden, daß Derlln einfach alles dekre­tiere. Die Länder mühten ein gewisses Maß von Selbständigkeit behalten und seien übrigens auch durch den Reichsrat» an der Reichsgesehgebung beteiligt. 3n Übereinstimmung mit den anderen Ländern werde man in Hessen zu einem grund­sätzlich anderem Grund- und Gewerbesteuergeseh kommen müssen. Die hellischen Finanzen seien bis­her stets gesund geblieben und die Fehlbeträge der Voranschläge hätten sich immer alspapie­ren" erwiesen. Wenn das Volk vernünftig bleibe und begreife, dah eine Schicksalsgemeinschaft je­den mit jedem verknüpfe, dann könne man getrost in die Zukunft schauen. Die Not müsse, ähnlich wie in Oberschlesien, jeglichen Parteigegensah überbrücken. Es genüge aoer nicht, daß wir eine demokratische Regierungsform Hütten, es müsse auch eine untere Demokratisierung des Volkes kommen. Demokrattsierung der Verwaltung, Ver- schwiitden der Standesunterschiede usf.

3n der Aussprache wurden von Direktor Urstadt und Sanitätsrat Honigmann zu den beiden Hauptreden noch Ergänzungen ge­geben.

Der Existenzkampf des deutschen Kaufmanns im Ausland.

Folgender Brief eines deutschen Kaufmanns im Ausland an das Deutsche Ausland-Institut Stuttgart, der während des Krieges 2 Jahre laftg als Gefangener festgehalten wurde und jetzt ver­sucht, sich von neuem emporzuarbeiten, gibt ein anschauliches Bild von den Mühsalen, denen die Arbeit des deutschen Kaufmanns am Wiederauf­bau unseres Außenhandels ausgesetzt ist. Die leider zum Teil nur zu berechtigten Vorwürfe gegen hei­matliche Geschäftsgebräuche und gegen die Kurz-

llchtigkeit vieler Exportkreise mögen manchem eine wenig liebliche Musik fein. Um fo notwendiger ist es, daß die Klagen des deutschen Kaufmanns im Ausland weitesten Kreisen der Heimat bekannt und von den betreffenden Stellen berücksichtigt wer­den. Es heißt u. a. in dem Briefe:

, , Meine Versuche, einige Einkäufe aus teilweisen Kredit in Deutschland zu machen^ mären vollständig ergebnislos. Fast überall hörte ich schöne Worte, wie etwa: .Das erste Geschäfts ma­chen wir gegen Kasse und dann werden wir Ihnen vielleicht beim zweiten Geschäftsabschluß ganz oder teilweise kreditieren." Für meine wenige Gro­schen kaufte ich nun hie und da ein; fast ein halbes Hahr verstrich, bis die Waren anlangten. Der Spediteur (ein Deutscher) rechnete was und wie­viel er wollte:Zahlen Sie, dann bekommen Sic die Ware! Sie fönnen ja nachher reklamieren und wir vergüten 3hnen die Differenz." Hat er das Geld in der Tasche, so kann man Hahr und Tag warten bis man eine Antwort, geschweige denn den ihm zu Recht zustehenden Differenzbetrag er­hält. Will man einen zweiten Geschäftsabschluß mit einer Firma tätigen, mit der man schon in Verbindung steht, so antwortet sie regelmäßig: ..Senden Sie erst das Geld, dann kann Die Ware abgehen!"

Geht man zur Beschaffung von Geld in die FUiale eines großen deutschen Bankhauses, so sieht sich der Direktor zu seinem Bedauern außer­stande, ein neues Konto zu errichten. Geht man zu einer anderen Bank, so ist die Staatsangehörig­keit ein Hindernis. Findet man schließlich doch noch einiges Geld, so kann man, wenn das Geld glücklich abgesandt ist, hoffen, nach einem zweiten halben Hahr fernen zweiten Transport Ware zu erhallen. Obgleich man schriftlich vereinbart hat, dah die Zahlung zur Hälfte'bei der Bestellung und zur Hälfte beim Empfang der Ware erfolgen soll, so bekommt man eines schönen Tags, nachdem die erste Hälfte des Bettages abgegangen ist, einen Bries mit der Aufforderung, sogleich auch die zweite Hälfte des Betrages einzusenden, früher könne die Ware nicht abgehen. Begründung: die Ausfuhr­stelle erteile nicht eher die Bewilligung, bis die Ware voll im voraus bezahlt sei. Dem Buchstaben nach mag das richtig sein, aber die Ungerechtigkeit gegen den Deutschen im Ausland liegt auf der Hand.

Haben aber deutsche Firmen unbezahlte Ware an fremde Staatsangehörige geliefert, die nachher keinen Absatz findet, dann treten sie an den Deut- schen im Ausland mit den wunderbarsten Phrasen heran und bitten ihn um Rat und Gefälligkeiten, er solle die Beträge für Transport und Zoll für die zu spät eingetroffene Saisonware auslegen, solle bis zum nächsten Hahr haften und bei einem Preisrückgang für die Differenz aufkommen.

Einer großen Anzahl von Firmen und Privat­personen habe ich auf ihre Anfragen um Aus­künfte aller Art bereitwilligst und ausführlich ge­antwortet. Glauben Sie. daß ein einziger es der Mühe wert gefunden bitte, auch nur zu antworten, geschweige denn für die gewünschte Auskunft zu danken? Wie viele von früher hier ansässigen Reichsdeutschen, deren Hab und Gut beschlagnahmt ist, die ihr Vermögen und ihre Gesundheit, oft auch Glieder ihrer Familie im Krieg verloren haben, würden gern für deutsche Häuser hier tätig fein; und dabei müssen sie mit Erbitterung zusehen, wie heimatliche Firmen nach Friedens­schluß ihre Vertretungen in französische, englische, jugoslawische, rumänische und andere fremde Hände legen. Die wenigsten dieser fremden Staatsangehö­rigen sind deutschen Stammes.

Sie glauben gar nicht, wie es mich anmutet, wenn ich Angebote in französischer, englischer, ita­lienischer oder in anderer Sprache von deutschen Häusern aus Deutschland erhalte! Wenn die be­treffenden Häuser nur wüßten, wie lächerlich der­artige Angebote auch bei hiesigen Firmen wirkten! Wäre es nicht, wenn schon ein Entgegenkommen gezeigt werden soll, besser, daß die Angebote we­nigstens in der Sprache des ßanbeS abgefaht werden.

Unbedingt müßte bei Vergebung von Vertre­tungen und sonstiger Interesseqwahrung darauf gesehen werden,'daß die Ausländsdeutschen in erster Linie berücksichtigt werden, und zwar zu­nächst die Reichsdeutschen im Ausland, dann die Deutschstämmigen und zuletzt erst die Angehörigen

deS bclrcffcnben Landes selber Sine deutsche Dank oder ein Konsortium, das Staatsunlerstühung ge­nießt. müßte Reichsdeutschen im Ausland, die am Wiederaufbau ihrer Eristenz und damit zugleich am Wiederausbau dec- deutschen Außenbandel­wirken. Anleihen und Kredit gegen billige Ver­zinsung gewähren, wo dies nrltut und bei der gegenwärtigen langen Dauer, die die Abwicklung der Geschäfte in Anspruch nimmt, begrenzte 'Be­trage für die deutschen Unternehmer zur Ver­fügung stellen.

So könnte, meiner Ansicht nach, manchem an­ständigen deutschen Geschäftsmann und Hand­werker im Ausland, der jetzt mühsam sein Leben friftet, in praktischer Weise und für die Dauer ge­holfen werden zum Nutzen nicht nur des Emp­fängers, sondern des gesamten Deutschtums in Ausland und Heimat."

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 26. Sept. 1921.

Sonntagsfahtkarten und die Wünsche der Landbevölkerung.

DerHessische D e a m t c n b u n b bat an die Eisenbahndirektionen Frankfurt a. M. und Mainz ein Schreiben folgenden Inhalts gerichtet:

..Wie die Zeitungen berichten, ist dankens­werter Weise nun die Ausgabe von Sonntags- sahrkarten ab Darmstadt angeordnet worden. So begrüßenswert diese Maßnahme ist, so erregt sie doch in weiten Kreisen der Landbevölkerung Un­mut. Das Land gönnt zwar den Städtern die durch die Sonntagsfahrkarten gewährleistete Mög­lichkeit. auf billigerem Wege die nähere und wei­tere Umgebung zu erreichen, wünscht aber einen Ausgleich in der Weise, daß ihm die Bildungs­möglichkeiten der Städte an Sonntagen durch Sonntagsfahrkarten erschlossen werden Insbe­sondere unsere Beamten draußen auf dem Lande, die ohnedies durch die Ortsklasseneinteilung stark benachteiligt sind, oermiffen sehr jede Möglichkeit, ihren Bildungshunger zu einigermaßen erträg­lichen Preisen zu stillen. Man würde diesem gewiß unterstützungswerten Streben entgegenkommen und zweifellos zur Belebung des Personenverkehr« in der stillen Zeit des Winters beitragen, wenn allgemein allen Stationen auf dem Lande die Ausgabe von Sonntagsfahrkarten nach den als Bildungsstätten in Betracht kommenden größeren Städten ermöglicht würde. Wir bitten daher, die­ser Anregung näher zu treten und sehen einem baldgesälligen gewährenden Bescheid entgegen.

Der ..Hessische Beamtenbund" gibt in dieser Eingabe nicht nur den Gefühlen der Landbeamten­schaft. sondern denen des größten Teils der Landbevölkerung Ausdruck. Genau so gerne wie der Städter des Sonntags auf das Land zieht, fährt der Bewohner des Landes, dem dies in der Woche nicht möglich ist, am Sonntag in die Stadt- Warum soll es nun nur dem Städter ermöglicht werden, billiger die nähere oder weitere Um­gebung zu erreichen, als dem Bewohner des Dor­fes die Stadt? Wer des Sonntags die Züge be­obachtet. die auf den Nebenstrecken zur Stadt fahren, kann sehen, daß sie fast alle schwach be­setzt sind. Dies würde sich sicher ändern, wenn die Cisenbahndirektionen der Anregung deS ..Hess. Deamtenbundes" nachkämen und von al- l e n Stationen Sonntagsfahrkarten nach den grö­ßeren Städten ausgeben würden. Man sollte ge­rade in einer Zeit, in der auf dem Lande daS Gefühl der Zurücksetzung gegenüber der Stadt sehr groß ist (OrtSllasseneinteilungl), alles vermeiden, was dieses Gefühl noch verstärken könnte. L Die Witttcrbckämpfunsl der Schnake».

Mit Beginn der kühleren Jahreszeit ziehen sich die Stechmücken oder Schnaken zur Ueberwinterung hauptsächlich in die Keller der menschlichen Behausungen zurück. Die Erfahrung hat gelehrt, daß sie in den Kellerecken, mit Vorliebe über Kohlen-, Kar­toffel- und Rübenhaufen, meist in der Nähe der Kellerfenster, manchmal so dichtgedrängt beieinander sitzen, daß eine weißgetünchte Wand vollständig grau aussieht.

Der Winter ist also eine besonders günstige Zeit, der Schnaken Herr zu werden,

Die Rotherfteins.

Roman von Erich Eben st ein. Copyright 1919 by ©reiner & Comp., Berkin W 30. 63. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

.Lege sie hier auf mein Bett," sagte sie. Rüdiger tat es. rührte sich dann aber nicht von ber Stelle. Hertha hatte bereits kaltes Wasser vom Waschtisch geholt und ein Fläschchen Kognat. auS dem sie Do einige Tropfen einzuflöhen ver- suchte.

Dabei sagte sie ungeduldig: »Was stehst du mir denn hier im Wege,-Rüdiger? Geh doch fort eS wird ja nur eine Ohnmacht sein. Wir brauchen dich wirklich nicht mehr."

.Ich tonn nicht," murmelte er. .Laß Mich bei ihr!"

Art ha fuhr herum bei dem erschütternden Klang seiner Stimme.

Rüdiger!?"

Einen Augenblia starrten Bruder und Schwester einander wortlos an. Dann kam es so weich, wie Hertha es nie aus diesem ernsten Wännermund gehört hatte, über Rüdigers Lip­pen:Ich habe sie so lieb . . Hertha. Auch wenn sie dem . . gehört . . ."

Damit sank er neben dem Bett auf die Knie, während ein trockenes Schluchzen sich seiner ge­preßten Kehle en trans. Hertha sagte kein Wort Die Entdeckung, daß Rüdiv Do liebe, tarn ihr Io unerwartet, dah alle anc^en Gedanken in einem grenzenlosen Staunen unterlagen.

Mit bebenden Händen legte sie Kompressen auf Dos Stirn und flöhte ihr noch einmal Kognat ein. Rüdiger hatte sein Gesicht auf eine der matt und leblos herabhängenden Händchen ge­preßt. Er fuhr erst auf, als dieses Händchen leise zu zucken begann.

Da sah er, dah auch ihre Augenlider llch bewegten.

»Geh jetzt!" gebot Hertha leise, aber nach­drücklich. ..Du siehst, sie kommt zu sich und deine Gegenwart wäre ihr nur peinlich. Ich rufe dich nachher schon, wenn sie wieder ganz wohl ist."

Rüdiger entfernte sich zögernd. Er begab sich

zu seinem Vater hinüber, um ihm zu erzählen, was vorgesallen war.

28. Kapitel.

Leise sank der Abend nieder. Do hatte ein paar Stunden geruht und bann mit Hertha allein in deren Zimmer ein verspätetes Mittagessen ein­genommen. Denn die beiden Herren waren seit Rüdigers Rückkehr unausgesetzt geschäftlich in An­spruch genommen und hatten zur gewöhnlichen Speisestunde melden lassen, es sei ihnen unmög­lich, zu Tisch zu kommen.

Später hatte Hampe den Aufttag erhalten, in des Fürsten Arbeitszimmer ihnen und ihren Gästen rasch einen Imbiß zu servieren.

Mit dem Wiener Mittagszug waren nämlich Iustizrat Hettle und zwei Herren der Ver­sicherungsgesellschaft gekommen, die Brömel von dem Brand bereits in der Nacht durch eine De­pesche verständigt hatte. Letztere begaben sich bann mit Herrn Brömel hinaus zur Fabttk, um den Schaden selbst zu besichtigen.

Inzwischen fand sich auch Ver älntersuchungs- ttchter aus ber Kreisstadt ein, ber Bürgermeister von Wolkenriet, ber Oberförster aus der Försterei usw., kurz, es war ein ewiges Kommen und Gehen drüben in den Gemächern des Fürsten. Erst im Laufe des Nachmittags wurde es wieder ruhiger und die Herren tarnen endlich dazu, über die Zukunft zu beraten.

Etwas von der bangen Sorge, die über diesen Beratungen lag, lasteten auf den beiden Mädchen, die eng aneinander gelehnt in Herthas Zimmer am offenen Fenster saßen und beglückt in den sinkenden Abend chinausstarrten.

Sie sprachen wenig. Aber beide dachten das­selbe: Was wird nun werden? Wird Rüdiger den Mut und die Kraft haben, nach all diesen Schlägen von vom anzufangen? Wird er es überhaupt können?

Es wäre schreckllch, wenn Grafenegg wirklich verkauft werden müßte!" Tagte Hertha einmal tief aufseuzend. Da preßte Do erschrocken ihre Hand.

.Sprich Davon nicht! Das darf nie leinj Soweit kann es doch auch gar nicht kommen!"

.Wer weih? Der Iustizrat machte ein sehr ernstes Gesicht, als ich vorhin einen Augenblia

drüben war, um zu fragen, ob sie nicht Tee oder Kaffee wünschten. Unb Papa sah um Jahre gealtert aus. So müde und verfallen, dah es mir ins Herz schnitt!"

ünb Rüdiger?" fragte Do leise.

Rüdiger sah da, mit einem Gesicht so weiß, starr wie aus Marmor geschnitten."

Wieder starrte sie schweigend hinaus. Die warmen Reflexe der untergebenen Sonne zwi­schen den Bäumen waren längst erloschen. Bläu­lich und Düster ttoch die Dämmerung ins Tal. Da sahen sie Plötzlich "ben Iustizrat unb Herrn Brömel zwisch-en den Rasenplätzen des Blumen- parterres auf und ab wandeln.

Hertha erhob sich. .Es scheint, dah sie für heute zu Ende sind mit ihren Beratungen. Der Iustizrat bleibt ein paar Tage hier, wie mir die Mamsell gesagt hat. Sie muhte ein Gastzimmer für ihn zurecht machen. Ich wlll nun nach Papa sehen, ben der heutige Tag sicher sehr angestrengt hat. Kommst du mit?"

.Nein, ich komme später nach, zuerst will ich. -

.Was?" fragte Hertha, als Do stockte.

Ich müh mit Rüdiger sprechen."

Hertha sah sie einen Augenblick verwundert an über den seltsam entschlossenen, ernsten Ton, dann nickte sie und sagte leise:

.Du hast recht. Aus ihm lastet so viel letzt. Es wird ihn aufrichten, wenn du ihm ein Wort des Trostes sagst."

Sie verließen zusammen das Gemach. Draußen trennten ste sich. Die Mamsell, welche eben bie Treppe herauf tarn, teilte Do auf ihre Frage mit, dah Rüdiger in seinem Arbeitszimmer sei. Zag­haft begab sich Do dorthin. Sie war noch nie in seinem Zimmer gewesen, und das Herz schlug ihr bis an den Hals, als sie nun nach schüchternem An klopfen in das große, hohe Gemach trat besten ernster, fast düsterer 6baratter auch durch bie zahlreich angebrachten, bereits erhellten Beleuch­tungskörper nicht gemildert wurde.

Rüdiger sah am Schreibtisch vor einem Bogen Papier, der ganz mit Zahlen bedeckt war. Er hatte den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt und sah sehr elend aus.

Bei Dos Eintritt sprang er erschrocken auf. Du Dorothea, du beschämst mich! Statt daß

ich zu dir komme, um mich nach deinem Befin­den zu erkundigen und dir noch einmal zu danken."

.Bitte, sprich doch nicht mehr darüber," unter­brach sie ihn rasch, .du bist mir gar keinen Dank schuldig. Ich bin ja nicht deshalb gekommen, sondern well es mir keine Ruhe lieh . . was hast du beschlossen, Rüdiger?"

Sein Gesicht verdüsterte sich.Nichts, ant- wvttete er dumpf.Wir haben gerechnet uifb wieder gerechnet, aber . . ."

.Du willst die Fabttk nicht mehr auf bauen lassen?" unterbrach sie ihn abermals, diesmal sehr erschrocken.

Wie gerne wollte ich!" rief er in aus- brechender Bitterkeit. Sie ging ja so gut uckd konnte jetzt der Rettungsquell werden! Aber es ist unmöglich. Ohne Geld kann ich nicht bauen.

Aber sie war doch wenigstens versichert? Warum kaimst du sie nicht aus diesem (Selbe wieder aufbauen?

.Well wir das Geld zur Deckung der Prozeß- Unkosten brauchen. Diese sind enorm hoch und müssen fofort bezahlt werden. Auch habe ich noch andere Außenstände zu begleichen. Die ganze Einrichtung des Detri^es kostete viel. In einem Jahre hätte sich dies allerdings durch die Fabrik einbringen lassen. Aber nun liegt sie in Schutt und Asche, das Holz ist verloren, die Wald­parzellen, die ich anlaufte, um den Weiler betrieb zu sichern, sind erst zum Teil bezahlt, und alles, was mir an Bargeld bleibt, verschlingt letzt dieser unselige Prozeß. Der einzige Ausweg, der uns bliebe, wäre, den Erbreicher Fottt zu opfern. Wer dadurch wäre Grafenegg für alle Zeit ent­wertet. Lieber mag es ganz verkauft werden.'

Das darfst du nicht. Es ist doch deine Heimat, Rüdiger! Die Heimat der Rothersteins. Brächtest du es denn übers Herz sie an fremde Leute hinzugeben?"

Rüdiger schwieg und wandte sich ab. ES zuckte qualvoll in seinem Antlitz.Es gibt Men­schen, deren Los es ist, alles tytngeben zu müssen, was ihnen teuer ist! Ich mußte Schwererem ent­sagen, warum nicht auch der Heimat?" fragte er endlich dumpf.

(Fortsetzung folgt.)