Ur.M Zweiter Blatt Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Montag, 25. Juli I92s
Die deutsche Antwort an Briand.
Berlin, 23. 3ult (Wolff.) Auf die Aus- Aeitßnung, die der französische Botschafter in Berlin am 16. Juli bei feiner Demarche wegen Oberfchlef ien der deutschen Regierung überreichte. hat der Reichsminister des Auswärtigen heute abend dem französischen Bot- schäfte! folgende Antwort übergeben:
Die deutsche Regierung ist durch den Schritt des französischen Botschafters vom 16. Juli überrascht worden Die französische Regierung fuhrt Beschwerde über den angeblich „infolge des Ber- batten« der Deutschen immer drohender werden- den Charakter der Lage in Oberschlesien und über die angebliche Gefahr einer goto alt- tarnen Aktio n". Die deutsche Regierung halt ra. für unmöglich, daß die erhobenen Borstettungen batten erfolgen können, wenn die französische Regierung über die tatsächlichen Verhältnisse in Oberschlesien zutreffend unterrichtet gewesen wäre. Die febr bestimmten und eingehenden Berichte des Generals Le Rond, sowie die dringenden Mitteilungen der polnischen Regierung", auf die sich die von dem französischen Botschafter übergebene Aufzeichnung beruft, decken f i ch offenbar nicht mit den tatsächlichen Zuständen im Abstimmungsgebiet.
Die Lage in Oberschlesien ist in keiner Weise durch das Verhalten der deutschen Bevölkerung vedroht. Diese hat sich niemals mit dem Gedanken eines Aufstandes getragen. Als sie sich Anfang Mai zur Verteidigung zusammenschloft, erfolgte dies nur in dufter ft er Rotwehr gegen polnische Angriffe Die deutsche Bevölkerung denkt überhaupt nicht daran, die Waffe ihres guten Rechts mit der Gewalt zu vertauschen und wünscht nichts sehnlicher, als endlich wieder In Ruhe und Frieden ihrem Berufe ohne Störung durch Polnische Gewalttaten nachgehen zu können.
Die französische Aufzeichnung verweist auf angeblich „ungeheuerliche Aeufterungen und unmittelbare Herausforderungen des Generals Höfer", welche die Schwere des in Oberschlesien vorbereiteten Angriffs bestätigen sotten. Die deutsche Regierung wäre dankbar, wenn sie hierüber nähere Informationen erhalten könnte. Ihr selbst ist trotz Rachfvrschungen von derartigen Erklärungen oder Herausforderungen des Generals Höfer nichts bekannt geworden.
Die französische Aufzeichnung spricht weiterhin von deutschen Banden. Sollten mit dem Ausdruck „Banden" die früheren und inzwischen aufgelösten deutschen Selbstschutzformationen gemeint sein, so muft diese für die Verteidigung deS HeimatbodenS entwürdigende Bezeichnung mit Entschiedenheit zurückge- wiesen werden.
Die Aufzeichnung beschwert sich ferner über deutsche Attentate, welche besonders gegen französische Truppen und Beamte gerichtet seien. Hierzu ist folgendes zu bemerken:
1. Die Ermordung des Majors M o n t a I ö * gre ist nach den hier vorliegenden Rachrichten nicht von deutscher Seite erfolgt und berechtigt nicht dazu, diese Tat mit dem deutschen Selbstschutz ober Der deutschen Bevölkerung irgendwie in Verbindung zu bringen.
2. In dem Ratiborer Falle handelt es sich anscheinend um einen französischen Leutnant, der einen Zug deutscher Flüchtlinge vor dem Bahnhof photographierte. Dieser französische Offizier, der während des Aufstandes die Wiedergabe der Stadt Ratibor an die Polen eifrig betrieben hatte, hat schon seit längerer Zeit die deutsche Bevölkerung durch fein Verhalten stark gereizt. Er wurde an dem fraglichen Tage von der Menge bedrängt, welche die Herausgabe der Platten von ihm forderte. Gr zog sich in sein Hotel zurück mrd bedrohte von dort aus die Flüchtlinge mit Handgranaten. Schlieftlich gab er die Platten heraus, die dem Kreiskontrolleur übergeben wui- den. Mifthandlungen des Offiziers haben nich! ftattgefunben.
3. lieber den Fall deS Hauptmanns Lux und des Leutnants Duval liegen nähere Rachrichten nicht vor. Die deutsche Regierung würde dankbar sein, wenn ihr die zur Rachprüfung erforderlichen Unterlagen zugänglich gemacht würden.
4. Der angebliche Bombenwurf in der Rähe deS Hospitals stellt sich als die Handlung eines Betrunkenen dar, der nach Schluft der Polizeistunde in ein dem Hospital benachbartes Wirtshaus einzudringen versuchte und vom Wirt entfernt wurde.
Zu dem Fall der Mifthandlung des Untersuchungsrichters Schädelin ist zu bemerken, daft eS sich offenbar um einen Racheakt eines unschuldig in Untersuchungshaft genommenen Mannes handelt. Eine Beraubung hat nicht ftattgefunben. Der Vorwurf, baft bie Polizei absichtlich nicht eingeschritten wäre, läftt sich nach den getroffenen Erhebungen nicht aufrechterhalten.
So bedauerlich diese in der französischen Auf-
Die Rothersteins.
Roman von Erich Ebenste in.
Copyright 1919 by ©reiner & Eomp., Berlin W 30.
15. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Das fürchtete auch Do. Wieder starrte sie stumm vor sich bin. Bis Hertha, die ihre gutgemeinten Eröffnungen schon halb bereute, als sie sah, wie verändert Do war. sie leise anstieß.
„Do. mach kein so traurige« Gesicht, das mag ich nicht sehen an dir. Es wird schon alles gut werden. Denke jetzt nicht weiter daran, sondern flicht lieber einen Kranz aus diesen Steinnelken für dich. Rasch, baft du auf andere Gedanken kommst! Und finge dazu! Du kannst getoift fingen T‘
„□lur wenige Lieder, die Fräulein Ander- matt mich lehrte." Dv versüßte zu lächeln und griff mechanisch nach Ben Dllnnen. Dann begann fie mit weicher klarer Stimme zu fingen, während ihre gefchickten Finger die blutroten Retten zu einem Kränzlein zufammenfügten.
Weit hinaus über das Mäuerlein und die Tannenwipfel hinweg klang ihre junge Stimme. Und ihr junges Herz vergaft darüber seinen Kummer und wurde wieder leicht und froh.
Rach einer Weile machte sie eine Heine Pause, um das fertige Kränzlein in ihr goldbraun schimmerndes Lockenhaar zu drücken.
„Jetzt siehst du wirklich aus wie eine verwunschene Prinzessin!" rief Hertha bewundernd. -Aber nun singe weiter vom Iungfräulein Anica' die den Goldmann nicht mochte und 'den Silber
zeichnung angeführten Fälle auch erscheinen mögen, so lassen sie die von der französischen Rc gierung daraus erzogenen politischen Folgerungen nicht zu. Die in der französischen Behauptung aufgestellten Dehauptungei'. über den deutschen SeDst schütz sind nicht zutreffend.' Die deutsche Regierung muft zunächst die Verantwortung für den oberschlesischen Selbstschutz a b l e h n e n. Sie betont, wie in ihrer Rote vom 23 Mai, erneut mit Rachdruck. baft bet oberschlesische Selbstschutz sich als eine aus dem Zusammenschluft der Bevölkerung hervorgegan- gene Rotwehraktion darstellt, der sich in einem Gebiet gebildet hat, das der deutschen Verwal tung entzogen und der Verwaltung der Interalliierten Kommission unterstellt ist. Die in der Aufzeichnung enthaltenen Angaben über die Stärke des Selbstschutzes und über bie zahlen mäßige Beteiligung von Richtoberschlesiern, entsprechen ebenfalls nicht ben Tatsachen. Rach der, gemäß ben mit der interalliierten Kommission getroffenen Abmachungen erfolgten Auflösung beä Selbstschutzes kehrten seine oberschlesischen Mitglieder an ihre Wohnstätten zurück, soweit ihnen dies bei dem immer noch herrschenden polnischen Terror möglich war. Die übrigen Mitglieder begaben sich in ihre Heimat und nahmen ihre durch den Ausstand unterbrochene Er- werbstätigkeit wieder auf ober haben, soweit sie arbeitslos waren, von ber ihnen in schlesischen unb anderen Kreisen unter Beihilfe ber Gewerkschaften und anberer Organisationen vermittelten Arbeitsgelegenheit Gebrauch gemacht. Die deutsche Regierung lieft ihren Zusicherungen gemäß bie in das unbesetzte Deutschland übergetretenen Teile des Selbstschutzes, soweit sie noch im Besitz von Waffen waren, von ben ausgestellten Schutzpolizei- kommanbos entwaffnen. Sollten wider Erwarten auf unbesetztem Gebiet vereinzelt noch bewaffnete Trupps auftauchen, so werben sie entwaffnet unb aufgelöst werben.
Die französische Aufzeichnung behauptet ferner, baß bie Oberleitung des Selbstschutzes an Ort und Stelle geblieben sei und daß General H ö s e r sich in Drieg befinde. Dies ist nicht der Fall. Das Kommando des Selbstschutzes, das in Obetglogau seinen Sih hatte, ist aufgelöst und Oberglogou geräumt worden. General Hofer weilt nicht in Dneg, wo er nur am 6. unb 7. Juli gewesen ist. um bie Auflösung bes Selbstschutzes zu vollenden. Vielmehr begab er sich von dort nach seinem Wohnsitz K o b u r g und war auf ferner Durchreise dorthin am 11. Juli kn Berlin.
Während somit die Gefährdung des Friedens von deutscher Seite keineswegs zu befürchten ist, besteht die ernste Gefahr, daß von polnischer Seite erneut versucht wird, das Ziel zu erreichen, das in drei Aufständen vergeblich angestrebt wurde. Der deutsche Reichsminister des Auswärtigen hat in Uebereinftimmung mit dem gesamten Kabinett auf dessen Wunsch am 20. Juni in einer Besprechung mit dem französischen Botschafter über das Räumungsabkommen feiner Auffassung dahin Ausdruck gegeben, daß er an eine ernsthafte Absicht ber polnischen Insurgenten, bas Abstimmungsgebiet zu räumen, nicht glaube. Die Tatsachen bestätigen biefe Auffassung voll. Sie sind auch bem französischen Botschafter burch einen Kattowitzer Augenzeugen am 7. Juli in Gegenwart des Ministers des Aeußem betätigt worden und sind der französischen Regierung bekannt.
Die Räumung des Gebiets durch die Polen ist nurzumScheinersolgt. Zwar zogen bie regulären polnischen Truppen unb Teile von Haller-Truppen mit schweren Waffen über die Grenze, wo sie, zu neuem Einfall 'bereit, in ihren Ausgangsstellungen versammelt sind. Aber innerhalb des Abstimmungsgebietes ist die gesamte militärische Organisation der Insurgenten bestehen geblieben. Die Waffen sind versteckt. Die infolge der Amnestie straffrei gebliebenen polnischen Führer stehen auf ihren Posten. Die Mannschaften, bie nach ihren eigenen Angaben nur aus einige Wochtzn beurlaubt sind, warten nur aus den Befehl zu neuem Losschlagen. Von den französischen Desahungstruppen, welche gegen die deutsch gesinnte Bevölkerung mit Haussuchungen und Verhaftungen vorgehen, geschah nach Ben hier vorliegenden Berichten für die Entwaffnung der polnischen Insurgenten bisher nichts Durchgreifendes. Zum Teil sind sogar in die neueingerichteten Gemeindewachen Insurgenten mit ihren Gewehren ausgenommen worden. Auch die Der- waltungsbefugnisse gaben die Insurgenten nur zum Teil und auch dann mehr zum Schein als in Wirklichkeit an die interalliierte Kommission ab. Die Landräte haben in manchen Kreisen nur stark beschränkte Amtsgewalt. Die Amtsvorsteher sind zum Teil vertrieben oder können es nicht wagen, ihre Amlsbefugnisse auszuüben. Die Gemeindevorsteher stehen teilweise notgedrungen unter dem maßgebenden Einfluß ungesetzlicher polnischer Beiräte. Wie sehr sich die polnischen Insurgenten als Herren des Landes fühlen, zeigen
mann verschmähte, um dann dem Reismann gleich in die Arme zu fliegen."
Do fang mit verträumtem Lächeln weiter, während Hertha neben ihr lang ausgestreckt im Grase lag und in den blauen Himmel hinauf- guckte.
Plötzlich brach Dv mitten im Singen ab und starrte wie entgeistert hinüber nach dem Eingang zum Zwingergärtlein. Dort ftanb ein schlanker junger Mann in braunem Samtflaus mit blondem Haar und blickte voll freudiger Ueber- raschung auf sie. Und — du lieber Gott — Dos Augen wurden immer größer vor Bestürzung — diesen blonden Siegfriedskops mit den sonnigen Braunaugen kannte sie ja! Das war ja derselbe, der sie damals in der Mauerbresche geküßt hatte. Und auch er hatte sie offenbar sogleich wiedererkannt . .
Das Blut schoß chr in Strömen ins Gesicht, während er setzt langsam die drei Stufen nieder- stieg, um sich ihr zu nähern.
8. Kapitel.
Hertha, die aufmerffam geworden war durch Dos Verstummen hob nun neugierig den Kopß um zu sehen, was es gäbe.
Kaum aber hatte sie den jungen Mann erblickt, als sich der ganze Ausdruck ihres Gesichtes veränderte und sie wie elektrisiert aufsprang.
„Waldemar Ruhland!" rief sie überrascht und aufs freudigste bewegt. „Sie sind zurück? Und ich wußte es nicht einmal!"
Mit ausgestteckten Händen lief sie ihm entgegen, Dv für den Augenblick ganz vergessend. Ihr blasses Gesicht rötete sich, ihre ausdrucksvollen Augen hatten plötzlich einen leuchtenden, to armen Glanz.
in vielen Gegenden die Mißhandlungen und Verschleppungen d e u t s ch g e s i n n l e r Leute, die immer wieder vorkommen, zeigen besonders die polnischen Fahnen, die heute wieder über zahlreichen Wetten wehen, nachdem sie für die Dauer der kürzlich von General Le Rond unternommenen Inspektionsreise eingezogen waren. Vielfach ließen auch die Insurgenten sogenannte Liquidationsbureaus zurück, deren Leiter größtenteils während des polnischen Ausstandes Insurgentenführer gewesen sind, die in Wadr- hett aber sich mit der Vorbereitung neuer Putsch- Pläne beschäftigen. In Schoppinitz besteht noch heute das Hauptquartier Korfantys in der Gestalt der sogenannten Hauptllquibationskommis- sion.
Die deutsche Regierung bedauert lebhaft, daß die französische Regierung den vielen augenscheinlich von polnischer Seite ausgehenden falschen Behauptungen Glauben undDe- a ch t u n g geschenkt hat Sie gibt sich der Hoffnung hin, daß die französische Regierung aus Grund der obigen tatsächlichen Richtigstellung der ihr vorliegenden Rachrichten zu der Ueberzeugung gelangen wird, daß von der „Gefahr eines deutschen Aufstandes oder von einer deutschen Drohung" nicht gesprochen werden kann. Sie ist ferner der Ansicht, daß die Vermehrung der französischen Streitkräfte schwerlich dazu beitragen würde, die infolge der noch ausstehenden Enlschei- dung naturgemäß gespannte Lage in Oberschlesien zu beruhigen. Die deutsche Regierung hat daurch, daß sie das Ultimatum nicht nur angenommen hat, sondern auch in seiner Ausführung schon weit vorgeschritten ist, den Beweis geliefert, daß ihre Orientierung auf Frieden und nicht auf kriegerische Abenteuer gerichtet und das Ziel ihrer Politik die Wiederherstellung friedlicher und normaler Beziehungen ist. Sie hat bereits ungeheure Leistungen finanzieller und wirtschaftlicher Art vollbracht und hat auch in der Entwaffnungsfrage allen Forderungen Genüge getan. Die deutsche Regierung wird nach wie vor in diesem Bestreben fortfahren. Innerhalb weniger Wochen hat sie, um nur einiges zu nennen, die schwere Artillerie der Land- und Küstenbefestigungen sowie das von der Kontrollkommission nicht zugelassene Gerät des Heeres, der Marine und der Polizei abgeliefert, fie hat die Herstellung von Luftfahrzeugen und Motoren verboten und alle in Deutschland noch bestehenden Selbstschutzorganisationen entwaffnet und aufgelöst. Die Durchführung des Friedensvertrages hängt aber u. a. davon ab, ob es gelingt, die Polen dazu zu bringen, ihrerseits den Friedensvertrag zu achten, von dem Streben nach unrechtmäßigen Zielen Abstand zu nehmen und auf die Anwendung aller Mittel der Gewalt zu verzichten.
Eine Auseinandersetzung wegen französischer Truppentransporte.
Berlin, 23. Juli. (Wolff.) Der franko- fische Botschafter fragte bei seinem heutigen Besuche den Reichsminister des Auswärtigen Dr. Rosen, ob die deutsche Regierung erklären wolle, daß fie bereit fei, die nötigen Vorkehrungen für den Transport einer französischen Division zu treffen, die die französische Regierung nach Oberschlefien zu senden beabsichtige. Der Reichsmini st er des Auswärtigen erteilte dem französischen Botschafter heute abend nachstehende Antwort:
Herr Botschafter! Bei unserem heutigen Gespräche haben Sie mir mitgeteilt, daß die französische Regierung entschlossen sei, eine Division Hilfstruppen durch Deutschland nach Oberschlesien zu schicken und knüpften hieran die Anfrage, ob die deutsche Regierung bereit sei, die nötigen Vorkehrungen für einen raschen Transport dieser Truppen durch Deutschland zu treffen. Rach Rücksprache mit dem Herrn Reichskanzler beehre ich mich hierauf mitzuteilen, daß die deutsche Regierung bereit ist, bezüglich der Transporte von Truppen der alliierten und assoziierten Mächte den Bestimmungen des Versailler Vertrages in jeder Weise nachzukonunen. Indessen kann nach ihrer Auffassung das Ersuchen um Beförderung von Truppen nach Oberschlesien nicht von einer der drei Mächte im eigenen Ramen, sondern nur im Ramen der Gesamtheit der drei Mächte, welche die Besetzung Oberschlesiens ausführen, gestellt werden. Ich darf Eure Exzellenz daher um geneigte Mitteilung darüber bitten, ob das Ersuchen in diesem Falle im Ramen der drei Okkupationsmächte gestellt ist.
Aufregung in der französischen Presse.
Paris, 24. Juli. (WTB.) Der „Temps" bespricht in seinem heutigen Leitartikel die Verhandlungen, die in der letzten Woche sowohl mit der englischen als auch mit der deutschen Regierung in der oberschlesischen Frage gepflogen wurden. Deutschland erkläre, daß der Selbstschutz von Oberschlesien in einem Bezirk operiere, der
seiner Verwaltung entzogen sei. Die deutsch« Regierung habe aber am gleichen Tage dem französischen Botschafter crDärt, fie weigere sich, eine französische Berstärkungsdivision zu transportieren. Sie verzögere also ober verhindere eine Maßnahme, die dazu geeignet fei, die französischen Truppen in Oberschlesien zu sichern. Vie versperre also dem Gendarmen den Weg. DaS Deutsche Reich sei also von beute ab für alle« das verantwortlich, was den französischen Soldaten in Oberschlesien zustehen könne.
Das „Petit Journal" nennt die deutsche Antwort .eine Rote, die schlechten Willen bekunde und die durch ihren unverschämten T o n an die schlimmsten Erklärungen Bethmann- Hollwegs und Kühlmanns erinnere. Man spekuliere in Berlin auf einen Konflikt zwischen London und Paris. Das sei ein psychologischer Irrtum.
Der rechtssozialistische „Don soir" schreibt Die unverschämte Antwort der deutschen Regierung erkläre sich auS der Verschiedenheit der Haltung von Frankreich und England. Aber Deutschland habe noch einmal Unrecht, sich einzubilden, baft diese Meinungsverschiedenheiten in der oberschlesischen Frage eine endgültige Uneinigkeit bedeuteten. Die Erklärung beweise, baft Deutschland bei derartigen Umständen falsch spekuliere. Der „Bon soir" hofft auch, daß bie deutsche Antwort Lloyd George die Augen öffnen werde. --
Die Schuld am Weltkriege.
Bei der Wichtigkeit, welche die Frage bet Schuld am Kriege für uns hat, glauben wir den nachstehenden zusammenfast enden Ausführungen Raum geben zu sotten. Unsere Enttastung von der Schuld am Kriege ist das sicherste Mittel, die dringend notwendige Revision des Versailler Vertrages zu erreichen.
Die furchtbaren Lasten, welche im Friedensvertrag von Versailles und durch das Londoner Ultimatum dem deutschen Volke auferlegt wurden, werden von unseren Feinden mit der Behauptung zu rechtfertigen versucht, baft die Deutschen bie Schuld am Kriege trügen. Diese Behauptung ist durchaus falsch: sie ist nur ein Vorwand, um Deutschland machtlos zu machen, aus ihm möglichst viel Geld unb Geldeswert herauszupressen unb es als Hanbelskonkurrent zu vernichten. Die Grausamkeit dieses Vorgehen- solt den eigenen, vielleicht etwas gerechter denkenden Landsleuten unb dem Ausland gegenüber dadurch verschleiert werden, daß man die planmäßige Vorbereitung deS Krieges, durch die Entente leugnet. So zwang man Deutschland, in bem Friä>ensvertrag die Schuld am Kriege anzuerkennen. Das ist eine durch nichts zu rechtfertigende E r p r e s s u n g. die für unS nicht verbindlich setn kann, zumal die von Deutschland geforderte unparteiische Fesfftellunq von der Entente abgelehnt wurde. Unbegreisticherweise sanden sich auch bei uns links stehende Parteien, die das eigene Rest beschmutzten. Zu crtlärer ist dies nur daurch, baft man im Parieiinterefs« die alte Regierung verächtlich machen unb di« Revolution rechtfertigen Witt, die Revolutioa welche unsere Widerstandsfähigkeit t>erntd)tet hat, unb damit die Friedensbedingungen für uns erheblich verschärft.
Es ist daher geboten, aus die Vorgeschichte des Krieges einzugehen. Wir müssen bis 1871 zurückgreifen. Frankreich mußte im Frankfurter Frieden bas in früherer Zeit geraubte Elsaß und Lothringen herausgeben, brauchte aber nur 5 Milliarden Kriegskvsten zu bezahlen — statt 300 Goldmilliarden, die man jetzt von unS fordert — und wurde auch in feinen fonftigen Lebensinteressen so wenig beschränkt, daß eS sich in kürzester Zeit erholte. Aber wie es nach 1815 Rache für Waterloo, nach 1866 Rache für Sadowa (!) verlangt hatte, so sann eS jetzt nur auf Revanche für 1870/71, obgleich es diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Ueberall schaute eS sich nach Bundesgenossen um, lange vergeblich. Rach Bismarcks Ausscheiden fand es eine Stütze in Rußland, das sich durch Oesterreich und daS mit diesem verbündete Deutschland verhindert sah. die Meerengen von Konstantinopel in seinen Besitz zu bringen. Frankreich lieh Rußland nach und nach 13 Milliarden Franken, die Rußland zum Ausbau seiner Kriegsmacht verwendete. Aber Deutschland erftarfte nach 1871 überrasch md. Seine Bevölkerung vermehrte sich biS 1914 von 40 auf 68 Millionen. Seine Volkswirtschaft entwickelte sich mächtig. So mußte Frankreich warten. Deutschland war schon vor 1914 das zweitreichste Land geworden unb drohte England zu überflügeln. Etwas derartiges hat England nie ertragen. Statt einen ehrlichen Wettbewerb mit dem unbequemen Rivalen aufzunehmen, beschloß es, ihn niederzuschlagen, wie es ihm früher gegen Spanien, Holland, Frankreich geglückt war. So begann bie Einkreisungspolitik Eduards VII. Frankreich kam jjfjm in seiner Revanchesucht mit
„Wie hübsch, daß wir uns hier so unerwartet treffen! Oder —" ein schelmisches Lächeln, das sie wunderbar verjüngte, glitt über ihr Antlitz. „müssen wir etwa auch jetzt hier bie „feindlichen Rachbarn" spielen?"
„Gott bewahre, Komtesse Hertha.' Das sind ja schöne Geschichten, bie ich da gestern erfuhr, als ich heimkehrte! Das Tischttich zerschnitten zwischen Grafenegg und Wilhelminenruhe? Zwar cm richtiges Tischtuch hat's wohl nie gegeben, benn die älteren Herrschaften taten nicht mit. Aber wir Jungen haben doch treu zusammen - gehatten: Sie, Rüdiger, Edith unb ich Reuestens ja auch Gräfin Wagelone."
„Sehr gütig, baß Sie mich noch unter die „Jungen" rechnen," unterbrach ihn Hertha lachend. „Ich werde nächstens Dreißig, und da Mädchen bekanntlich viel rascher reifen unb ich Ihnen und Rüdiger immer eine Art Gouvernante war —“
»Was fällt Ihnen ein, Komtesse5 Als solche haben wir Sie nie anerkannt. Und mit Ihren „Dreißig" brauchen Sie gar nicht zu protzen, und man sieht sie Ihnen ja gar nicht ein bißchen an. Ein lieber, guter Kamerad waren Sie stets unb bie Dritte im Bande bei manchem fröhlichen Jungenstreich! Und ich freue mich so unbändig, daß ich Sie hier jetzt getroffen habe.' Wer weift, welche Schleichwege ich sonst hätte einschlagen müssen, um mich Ihnen unter ben veränderten Verhältnissen zu nähern?"
Sein Blick flog verstohlen an ihr vorüber zu Do, die regungslos unter bem Holunderbaum ließen geblieben war.
Hertha merkte es nicht. Sie war ganz verändert. Strahlend, freudig erregt — »rrbartli^
schön!" Dachte Do, sie verwundernd beobachtend. „Und wie lieb unb herz sich sie auf einmal plaudern kann! Sonst ist fie gegen Männer immer so herb!"
Hertha sprach in ber Tat unermüdlich. Sie wollte gleich alles auf einmal wissen: Wie lange er bleibe? Was er inzwischen gemalt? Ob es wahr fei, baß er im Herbst nach Paris wolle unb im Frühjahr nach Inbien zu reifen beabsichtige?
Waldemar Rußland antwortete zurückhaltender, als sie wohl gehofft, beim eine leise Enttäuschung spiegelte sich in ihren Zügen.
Oder war sie nur enttäuscht, weil er bloß zwei Tage in Wilhelminenruhe bleiben zu können erklärte? Seine späteren Pläne stünden noch nicht fest. Was er gemalt, werde sie im Herbst in Wien sehen können, wo es zur Ausstälung käme unb hoffentlich auch ihren Beifall 'finden werde . .
Dabei flog fein Blick immer öfter nach dem Holunderbaum, bis es Hertha endlich doch bemerke und fie ganz erschrocken sagte:
„Ach, verzeihen Sie, ich bin ja nicht allein hier, und S'e keimen meine Kusine noch gar nicht."
Damit stellte sie ihn Dv vor.
»Rüdigers bester Freund und auch mir ein lieber Hugendgenosse," fügte sie hrnzu.
Waldemar umschloß die kleine Hand, Bie sich ihm in befangener Schüchternheit entgegenftrerfte^ msi festem, warmem Druck.
(Fortsetzung folgt)


