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Unterhaltung Erhebung Belehrung

Der Dichter und der Weihnachtsmann.

Don Walter Dlvem.

Der Dichter lehnte sich in feinen Schreibseffel zurück, legte die Feder aus dec Hand und blies ein paar mattgraue Rauchwölkchen in den gelben Lichtkegel hinein, der zwischen der grünbefpannten Tischplatte und dem Oval des Lampenschirmes stand. Ihm war behaglich zumute. Er arbeitete selbstverständlich an einem Filmdrama, bal natür­lich im fernen Orient spielte und in entlegener, unwahrscheinlicher Zeit. Das beste Mittels der qualvollen, angstumschauerten Gegenwart zu ent­rinnen.

Auf einmal scholl ein fremder, klobig gegen­wärtiger Ton in das entrückte Sinnen des Dich­ters hinein. Etwas Schweres, Weiches plumpste mit ächtendem Fall auf den Boden, und wie der Entzauberte die Augen hob, da lag zu seiner Rech- ten an der Erde ein mächtiger, vielfach geflickter Sack und hinter dem stand ein untersetzter Kerl mit frostgerötetem Greisengesicht, in einen abgenutz­ten felbflrauen Mantel gehüllt. Eine schäbige schirm- und kokardenlose Eoldatenmühe sah schief auf dem struppigen, schneeweihen Haar, die dicken Wülste der Brauen, die langen Schnurrbartenden hingen voll kleiner Eiszapfen, die Rechte des Man­nes aber, in einen verschlissenen Automobilhand­schuh gehüllt, hielt einen handfesten Tannen bäum geschultert.

Aatürlich erkannte der Dichter seinen Gast so­fort. ,AH, guten Abend, Herr Weihnachtsmann", sagte er nicht allzu, liebenswürdig. »Sie wollen noch mehr Geld

Der alte Kerl trat dicht an den Poeten heran, legte ihm die Linke auf den Arm und knurrte:

Geld! Pahl Wenn ich Geld brauche, gehe ich zu Stinnes oder zum Reichsschahminister. Der gei- füge Arbeiter ist heutzutage ein armer Teufel. Ich will etwas anderes von Ihnen, aber erlauben Sie schon, dah ich Sie duze, teuerster Meister: ich bin's von dem vielen Umgänge mit Kindern so gewohnt? Ich will ein Geschenk von Dir für das deutsche Dolk!" Er sah auf einmal ganz würde­voll und feierlich aus.

.Aber teuerster WeihnachtsmannI" sagte der Dichter verletzt,es form dir doch unmöglich ver­borgen geblieben fein, dah ein neues Buch von mir--"

Still I" sagte der struppige Gast mit gebietender Gebärde.Dein Buch erzählt von vergangenen Leiden ich will ein Wort von Dir an das deutsche Doll, das es, nn Glanz der, ach, so spärlichen Weihnachtskerzen, aus seiner grauenvoll gegenwärtigen Beklemmung emporreiht und war'S auch nur für einen kurzen, nackensteifenden, herzaufrichtenden Augenblick."

Der Alte schien zu wachsen mit jedem Ton, der aus seiner Ktzhle drang, immer flarcr, hoheits- voller, seelenHafter. Und da ging auch in dem Dich­ter eine Wandlung vor. Die östlichen Haschisch­träume verflogen, die Bilder einer fabelhaften Märchenwelt zerrannen und auch die Alltags­sorgen des Leoenskämpsers versanken. Der Dichter wurde wieder, was er vor drei Jahren gewesen, als er an der Stutze seines Bataillons in das granaten­zerpflügte Somme-Dickichl eindrang, an dessen jenseitigem Rande die englischen Maschinengewehre belferten . . .

Aber eine Bitterkeit lag um des Mannes Mund, als er dem Gast erwiderte:

Eia Wort an das deutsche Dolk verlangst ?I Wer ist es denn, das deutsche Dolk? Die Arasser in den Nachtlokalen? Die Hetzer in den Volksversammlungen? Die Spekulanten in den j^örfenfälcn? Die Wucherer in der Telephonzelle? Die Streikagitatoren? Die Rückwärtsler, die Un­belebt baren? Wer ist das deutsche Dolk?! Ich 'weih es nicht--ich weih nicht mehr, wie ich zu

ihm reden soll. Ich erkenne ich kenne es nicht mehr!!!"

Der weihbärtige Alte hatte den Sturm des DichterfchmerzeS über sich hinbrausen lassen. Run sagte er still:

Ich sah in Hunderttausenden von Häusern fleissige, sorgende Mütter über, ach, so bescheidenen Gaben für schlechternährte, in geflickte Kleidchen gehüllte Kinder sttcheln und schnitzeln. Ich sah Hun­derttausende von Dätern sich Tag um Tag die Haut von den Händen schinden und den letzten Tropfen Gehirnschmalz aus übermüdeten Schädeln pressen, um ein Päckchen buntbedruckten Papiers zu einer Christbaumbescherung für ihre Lieben auf die Seite legen zu können. Ich sah Minister mit sorgen- gefurchten Gesichtern, Stadtoberhäupter, von An- feinbung und Aerger zerquält, über den Haus­haltsplänen des Reiches, der Staaten, der Ge­meinden grübeln. Zeitungsschreiber sah ich, ver­sonnen bedacht.den Wahnwitz der Zeit für Tausende von harrenden Menschen au etwas wie einem über­schaubaren Gebilde zu ordnen. Aerzte sah ich von .Krankenbett zu Krankenbett hasten, um Rettung oder zumindest Linderung zu spenden zerrütteten, verbrauchten, xerficbertcn Leibern. Geistliche sah ich mit dem Allerheiligsten durch nächtliche Gassen und sturmdurchlvste Bergeshalden irren, um ver­sinkenden Seelen Trost und Wegzehrung zu spen­den für die letzte, die erlösende Reise. Ich sah o ich sah viel suchende, sehnende Seelen - Jüng­linge und Mädchen, in denen ein unbeugsamer Le­benswille rang um das Begreifen dieser unbegreif­lichen Zeit das alles lebt das alles ist cs ist daS deutsche Dolk, das Dolk, zu dem du sprechen sollst toeim du kannst! Run? Willst du es wagen? Soll ich eS erwarten dein Ge­schenk?"

Der Dichter hatte stumm gelauscht mit ge­weiteten, ins Endlose, Unermesiene blickenden Augen - schwer atmend, von inneren Gesichten erschüttert. Run schob er das Filmmanuskript mit einem Ruck beiseite, griff zum Schreibblock und schrieb:

O Doll, o deutsches Doll! Ich habe in diesen grausen Tagen gar manches Mal gedacht: du seist nicht mehr. In dieser Stunde, da du dich zur Christ- feicr rüstest, fühle ich dich wieder. Und ich weih: solange du WeihnachtSbäume zündest, solange lebst du. bist du du. find deines Wesens Tiefen nicht ausgcschöpft, deines Lebens Quellen nicht versiegt, ist deine Sendung nicht erfüllt.

Denn du bist ja nicht eine aktive Handels­bilanz. eine kaufkräftige Daluta. eine weltversor- genbe Inbustrie. bist incht eine meerbeherrschende Flotte, ein schreckeneinflöhendes Heer - - auch nicht eine Kaiserkrone, nicht zwei Dutzend Dvnastien. nicht eine schwarz weih rote Fahne. . Du bist nicht ein Kohlen- und Erzbecken, bist nicht einmal Strah- bürg und Metz, nicht Memel unb Danzig, nicht

Kattowitz und Königshütte - das alles bist du nicht. Das alles hat man dir nehmen formen, es war dein Eigen, aber es war nicht du!

Was bist du denn? Was warst du, ehe du das alles hattest unb was bist bu geblieben, seit es dir genommen ward?

Du selbst! . . 6in Gebilde GotteS . . eine Idee . . ein Ideal . . Ein Ideal vom Menschen­tum, vom Menschen.

Ein Stück Weltgeschick, ein Stück Welt­geschichte, die nichts anderes ist als Gottes Gewand.

Ein Dolk. einst in grauer, unerforschbarer Dor­zeit eine Einheit, schon in zahlreiche Stämme zer­rissen, als du eintratest in die Welt der bewuht lebenden Dölker dennoch alle diese Stämme tief- irmen wesenseins, die trotzigen Blondköpfe, die wasfenfrohen Fäuste, die törichten, weltgläubigen, glückfordernden Herzen. .

Wie äuherlich, wie zeitbedingt, wie unwesen­haft ist dem allem gegenüber, was sie dir nehmen konnten, deutsches Dolk. nachdem deine hunger- und kampfzermürbte Hand das Siegfriedsschweri hatte fallen lassen! Sie haben dich in deine Tiefen zurückgescheucht von der Oberfläche da unten aber wirst du dich wiederfinden. Erkenne nur erst aufs neue, wie reich du bist, und wie dein Reich­tum unzerstörbar ist und des frechsten Räubers Fäuste entrückt!

Erkenne das in dieser Rächt der Rächte - in der Rächt, da unter der deutschen Tanne das neu­geborene Iesuskindlein lächelt - derweil dir Buch und Zeitung von Welt und Schicksal erzählen. Die Tanne die Grippe das Wort in dieser Dreiheit liegt beine Welt, deine Lebenskraft, deine Zukunft. Ja, du bist reich, mein Dolk bu bist jung, bu bist ewig!" . . .

Der Dichter lehnte sich zurück unb schaute zu seinem struppigen Besucher empor. Da lächelte ber Weihnachtsmann unb legte bem Dichter bie be- hanbschuhten Finger auf sein glühendes Gesicht. Der schloh in entspannter Mattigkeit die fiebern­den Augen. Als er ifie wieder öffnete, war ber Weihnachtsmann mit Sack unb Tannenbaum ver- schwunden. ilnb bie Hanbschrift auch, die eben vollen bete.

Rur bas Filmmanuskript lag noch ba:

Bild 29: Langer finsterer Gang im Innern beS Palastes. Mau sieht Falme angstschlotternd von rechts nach links den Gang burcheilen. Sie hält ermattenb ein, schaut sich schreckensvoll nach ihrer Derfolgerin um----

Mit einem verächtlichen Lächeln zerrih ber Dichter bas Manuskript und warf es in den Pa­pierkorb. Dann entzündete er eine frische Zigarre unb blies ein paar mattgraue Rauchwöllchen in ben gelben Lichtkegel hinein, ber zwischen der grünbespannten Tischplatte unb bem Oval des Lampenschirmes stand.

Er lächelte. Ihm war wohl unb Weh, wie ba- mals, als er ba drauhen bei Bethencourt aus hei­liger Wunde fein Herzblut entströmen fühlte.

DieLegende voinSchlangenbitz').

Mit jähem Ruck brachte der Reiter den Schecken zum Stehen: Die Schneise des Druch- waldes, auf der er geritten, mündete in unweg­sames Land. Dor ihm lagen weite Wiesenflächen mit einsamen eisbedecktenBäumen, in der Ferne em niederer Höhenzug, aber kein Psad, kein Dach. Der Frost fiel wieder- ein unb überzog ben tauenben Schnee mit glasharter Kruste. Ein rauher Winb lieh den Wasserbunst ber Luft erstarren, so dah diese mjlchweih erschien, unb der Rauhreif hing sich in das Geäst.

So dampft bas Lanb bald von Keherblut!" murmelte der Reiter. Kein Zweifel, er hatte den rechten Weg verfehlt!

In stummem Ingrimm ritt er langsam zu­rück, bis er die Strahe erreichte, bie er vor einer Stunde verlassen hatte. Der Reiter hielt an unb lauschte. Es war doch Christ­abend! Cs muhten doch Glocken läuten! Aber ein Schweigen, schwer wie ein feuchtes Tuch, deckte das einsame Land, und das Dunkel kroch aus dem Hag. Der Reiter bih verzweifelt in feinen Bart, in dem körniges Eis hing. Plötzlich wurde fein Blick starr. War das nicht Rauch, was sich dort über den kahlen Bäumen träufelte? Er lenkte in einen mit Birken bestandenen Seiten­weg ein, der in das Gehölz führte, erreichte eine wehrhafte Mauer, in der das Plankentor offen stand, ritt zwischen Tannen und manns­hohem Wacholder hin und erblickte gleich darauf eine menschliche Hausung, die ihm Unterfunft verhieh.

Dor ihm lag ein groheS Schloh mit hohem Dach wie ein grauer Steinwürfel und sah mit dunklen Fenstern in den sinkenden Tag.

Bedachtsam schritt er. den Schecken führend, um das Haus. Er betrat den Hof und sah in die Stallung. Auch diese war leer, der Platz er­schien wie ausgestorben. Er zog das Pferd an die Krippe, sattelte es ab und steckte Heu in die Dause. Dann ging et zum Portal zurück, ergrjff den Klopfer und lieh ihn auf ben eisernen Buckel fallen Der Ton ging durch weite leere Räume, doch keiner kam.

ilngcburblg bog er den Türgriff herunter, unb das Tor öffnete sich Er sah in eine grohe Halle, die mit roten Backziegeln gepflastert war, an den Wänden standen Schränke, eifenbeschla- gene Truhen und Wafsenständer. die Fenster lagen in dicken Mauern. Im Dunkel des Hinter­grunds hoben sich zwei Treppengänge, deren Eichenholz die Zeit geschwärzt hatte.

Sporenklirrend ging er über den Estrich, um feinen Eintritt bemerkbar zu machen. Dann trat er auf eine Tür zu. sie war unver- fchloffen. Eine grohe Bettstatt stand im Winkel des Zimmers, an den Wänden hingen viele Bilder: Edelfrauen mit bleichen Gesichtem und starren Blicken, Männer in der Tracht Kaiser KarolS V.

Er schritt die Treppe wieder hinab, betrat das nächste Zimmer und fühlte, wie ein Aufatmen feine Brust hob. Don dem er­höhten Fensterfitz erhob sich eine Frau, die jetzt das Angesicht auf ihn richtete.

Er zog den Federhut vom Kops:Dergebt? Ich drang hier ein, weil ich vorn Weg irrte.

) Aus Paul SteinmüllersSieben Legenden von der Einkehr". In Paul S;cin- müllers Schriften, im Der lag von Greiner & Pfeif­fer. Stuttgart, erschienen, bewegt sich ein freier, fröhlicher und doch tiefblickender und umfaflcn- ber Führergeift. ben empfängliche Herzen gerne aus sich wirken lassen mögen.

.And Ihr wollt ein Obdach für die Rächt und einen Imbih, siihr sie fort. .Beides soll Euch werden."

Wem gehört dieses Schüoh? fragte er. Sie nannte einen Rainen, den er nicht verstand Er wiederholte seine Frage, aber sie schien das zu überhören.Der Herr des Hauses ist fern," sagte sie. »Doch wessen Ihr bedürft, das soll Euch werden. Legt ab, was Euch behindert, und nehmt vorlieb!

Sie war an den Ofen getreten und hob einen Steinkrug aus ber Rohre, von dem ein warmer Wüczduft ausging. Dann schob sie die Platte der Wandtäfelung zurück unb setzte Brot unb Fleisch auf den Tisch. Sie ordnete die Schüsseln und lud ihn mit einer Handbewegung ein:Gott gelegne das Mahl!

Der Reiter hatte zögernd dagestanden, nun löste er die Schnallen, bängte Hut unb Raus­degen an einen Haken und zog die Pistolen aus dem Gürtel.Die Dienen waren hier im Sommer träge, sagte er mit einem Dersuch zu scherzen.Zwar mag ich den Weg zum Mund zu finden, aber ein Kerzenstumpf würde verhüten, dah ich das Getränk verschütte."

Sie wandte sich um, schlug den Stahl eines Feuerzeugs gegen den Stein und hielt den glim­menden Zunder an ben Docht.Derzeiht I sagte sie, ba sie die Oellampe aufft eilte. .Für mich ist es immer gleich dunkel ober gleich hell. Ich bin blinb."

Er sah überrascht auf: .Unb haust hier in ber Einöde allein? .Ich habe alles, was ich bedarf," sagte sie und setzte sich ihm gegen­über.

Während er ah unb sich den Decher füllte, musterte er die Frau. Sie mochte des Lebens Höhe erreicht haben, aber ihr Haar war fast weih. Ihr dunkles Gewand deutete an, dah sie einen Toten betrauere. Er hätte sie für eine Schaffnerin halten mögen, aber ihr Gesicht war von edler Bildung. Um etwas zu sagen, lobte er das weihe Gebäck.

Christstollen," sagte sie.Ja, ja, es ist Weihnacht." fuhr er zerstreut fort.Ich hätte das fast vergefsen. Seit drei Tagen fitze ich im Sattel."Ihr kommt von weit her?" Weit! Und bin noch nicht am Ende."Ihr reitet während des Festes?"Morgen in der Frühe muh ich von bannen."Ich weih. Ihr seid sehr müde." «Wie mögt Ihr das wissen?" Ihr gingt wie ein Ermatteter um das Haus. Auch Euer Pferd lahmte."So saht Ihr mich?"Ich horte Euch."Ihr spracht schon einmal von meinem Pferd. Frau! Seid Ihr völlig blind?"Dollig feit zehn Jahren." Und wiht doch alles."Richt alles, aber mehr, als man gemeinhin glaubt. Ich kenne die Menschen an ihrem Tritt. Ihr Wesen Hingt in ihrem Gang wider."So wiht Ihr wohl auch, wie ich aussehe?"

Ein Heller Schein, ber fast ein Lächeln war. glitt um den Mund der Frau, aber sie ant­wortete nicht.

Ein Nagender Ton ging durch das Haus. Der Reiter lieh die zum Mund geführte Hand sinken:Was war das?"

Wieder ging ber helle Schein über ihr Ge­sicht:Ihr seid..."

Rein, furchtsam bin ich nicht," sagte er trotzig.Ich stehe für drei, wenn es nottut. Meine Gesellen sagen, ich habe die Stärke von zwei Rossen. Mag es so fein ober nicht. Ge­holfen hat mir immer nur mein Argwohn." Ihr glaubt, der helfe Euch?"Ja. Frau. Man lernt im Krieg, dah man sich auf keinen verlassen darf. Ich mißtraue allem, Mensch und Tier, ben Heiligen und selbst Gott!"Rur Euch selbst nicht?"Rur mir selbst nicht!" Doch Ihr irrtet vom Weg."Ich finde ihn wieder."Und fürchtet keine List, die Eure übertrifft!Ich sehe überall Lüge, so über­rascht sie mich nicht."

Sie senkte die Stim:Wie dauert Ihr mich!"Warum?"Weil Ihr wie so viele krankt. Ihr tragt das Gift in Euch, daS vom Bih der gefährlichsten Otter stammt." Er sah erstaunt auf.Ihr irrt, Frau: mich hat fein Wurm verwundet."Es ist dennoch so. Die Schlange Mihtrauen bih viele, bie es nicht glauben. Einige gehen baran zugrunde, andere leben mit dem Tropfen ätzenden, schwärenden Gifts im Blut. Ein unseliges Dasein!"

Der Mann schwieg eine Weile: dann sagte er: Wer in der Verborgen beit lebt wie Ihr, mag wohl so reden. In dem friedlosen Leben drauhen aber regieren Lüge und Täuschung."Ihr nährtet Euch nur von der Lüge, doch bie Wahr­heit ist auch in der Welt!"

Der Reiter lachte rauh auf:Ich sand sie nicht. Ein Rest von Derirauen blieb mir noch bis vor kurzem, das ist nun auch dahin. Daran mahnt mich die brennende Rarbe hier auf der 6tim, die ich gerade heute zwei Jahre trage. Wir hatten einen jungen Fant, fast noch einen Knaben, eingebracht. Er strahlte in Lebensfreude, und da er weinte, als et die Waffe hergeben sollte, dauerte er mich unb ich lieh sie ihm. Plötzlich hieb er heimtückisch auf mich ein, unb ich hörte ben Tob geigen. Fast wäre ich unter dem Schubert eines Knaben geblieben. Seitdem gebe ich keinen Pardon mehr."

Die Frau hatte die Hände gefaltet unb vor sich auf den Tisch gelegt:Unb jener arme Junge?Er hat kein Chriftllcht mehr bren­nen sehen. Rach einer Welle sagte sie:Unb habt Ihr Ruhe vor dem Blut an Eurer Hand?" Er zuckte die Schultern:Es geht um daS Leben. Rur Flammen, die man beständig speist, leuchten Der eine ^änkt sie mit Oel, ich tu Bitternis daraus.

Der Beiter hatte sein Mahl beendet unb ftanb auf.

.Vergebet, Frau," sagte er.Ich bin müde. Wollt mir das Lager weisen." Und als sie nickte, fuhr er fort:Kann Euer Knecht mir morgen, wenn es tagt, den Weg weisen?" Welchen Weg? Er zögerte:Ich wlll eS Euch sagen, denn Ihr seid, wie ich an bem Dilb ber Gottesmutter sah, rechtgläubig. Ich trage Botschaft an den Grafen."Ihr bringt uns den Krieg?" -Den Kampf gegen die Irr­lehre" Die Frau erhob sich: .Es fei, wie Ihr es wünscht, der Knecht wird bereit fein. Königlich trat sie auf ihn zu. fast überragte ihn ihre Gestalt: .Und wie ist der Rame meines GasteS?"Ich heihc GeierSperg, Frau. Den man den schwarzen Geier nennt T Schrecken die Mütter in diesem entlegenen Land br Kinder auch mit meican Ra men?"

Sie antwortete nicht gleich. Es war, als liefe ein Zittern durch ihren Leib, doch das währte nur einen Augenblick. .Die Mütter wisse» von Such!" sagte sie, schritt zur Tür unb rührte an bas schwingenbe Becken, von dem ein lauter Ton burch das Haus hallte. Gleich daraus trat ein grober Mann herein, breit unb bärtig wie em Bär.

So wünsch' ich Such Ruhe für die' Rächt!, sagte die Frau. Er hatte bie Hand aus- ge»! reckt. Eie bemerkte eS wohl nicht, beim sie ergriff sie nicht, neigte nur ein wenig ben Kopf und trat zurück.

Der Reiter verlangte in ben Stall geführt SU werben. Dem Pferd, daS behaglich in warmer ©treu lag, war reichlich Hafer aufgeschüttet. Dann ging der Knecht, der ein Windlicht ent­zündet hatte, ihm in das Schloh voran und führte den Gast die Treppe empor. Er öffnete ein Zimmer, stellte einen Schlaftrunk auf den Tifch und ging, einen Rachtgruh murmelnd, davon.

Der Reiter stand lauschend, bis die Tritte des Bären verhallten. Als er seinen Koller ab­gelegt hatte, ergriff er das Licht unb' leuchtete das Gemach ab, untersuchte das Dandgetäsel und ben Bretterbelag des BodenS. Sine zwette Tür führte in ein grohe* Gemach, bas er auch burchforschte. Es hatte feinen weiteren Zugang An der Wand hing ein grobe* Bild. Er trat näher und hob daS Licht, um sich zu vergewissern, dah die Tafel keine Tür verberge.

Das Bild stellte einen Knaben bar, ber ein bunkles Sarntgewanb trug.

Den Kopf schüttelnb trat ber Reiter enblich in seine Kammer zurück. Dor die Türen schob er Gerät imb eine Truhe und versicherte sich, dah das Pulver auf ben Pfannen trocken sei. Er entledigte sich feiner Stiefel und der Ober- gewänder, schlug flüchtig über sich daS Kreuz und löschte das Licht.

Doch er fand den Schlaf nicht, den er so ersehnt hatte. In seinem Blut kreiste eine selt­same Anruhe. seine Gedanken liefen wie Ameisen durch sein Hirn: dieses schweigende Schloh, bie Blinbe, die Augen |>c* Knaben! Schwärte wirk­lich das Otterngift in ihm? Stunde um Stunde verrann Die Decke brannte auf feinem Leib, er stieb sie zurück. Der Durst plagte ihn, aber er hütete sich, von dem Schlaftrunk zu kosten. Er traute auch den Blinden nicht.

Endlich geriet er in einen Zustand, ber weder Schlaf nochDachen war.

Die Türen öffneten sich unb blieben offen stehen. Er schaute durch die Flucht der Gemächer, bie er bei seinem Kommen durchwanbert hatte, und bie wieder in einem seltsamen Dämmerlicht dalagen. Die Gestalten der Bilder fliegen aus dem Rahmen. Sie traten bie Lust wie eine Leiter, sie orbneten sich zu einem Zug unb glitten in feine Kammer: Jünglinge in geschlitztem WamS, Männer in Halskrause unb welschem GanSbauch- mieber, Frauen, das gefederte Barett auf krausem Haar. Alle bewegten sich um sein Lager und sahen ihn drohend an. Als letzter kam der Knabe. And nun wusste ber Schläfer, wo er biefe Augen gesehen hatte: unter seinem Schwert, in Entsetze« erstarrt, durch den blutigen Schleier, ber von feinenBrauen rann!

Plötzlich zerstob der fpukhaste Reigen In Richts. Der Reiter richtete sich auf dem Ellen­bogen empor und sah wirr um sich. Sin Licht brannte, und ein Herr, getoaffnet unb gespornt, stand vor ihm.

Ihr wolltet geweckt sein, Geier von Geiers-- Perg," horte er sich angcrebetES ist Zeit Euer Pferd steht gesattelt vor ber Treppe."

Er warf die Decke zur Seite unb sprang enwer. Seine Blicke suchten bie Waffen.Ihr kommt zur Zeit," sagte der Herr.Macht Euch fertig, ich werde Euch geleiten

Der Reiter sah ihn düster an. Durch die ge­öffnete Tür hatte er blankes Eisen erblickt. Schnell fuhr er in die Stiesel und legte ben Koller an, bann fragte er:Wer selb Ihr?"Der Herr dieses Schlosses, ber von einer Fahrt beim- kehrte.Der Baier jenes Knaben dort! Ihr verlangt Rechenschaft?"

Der Herr schüttelte ben Kopf.Selb Ihr fertig? So kommt! Ihr werbet ber Hausfrau Lebewohl sagen wollen "

Aus dem Flur standen diele Männer In Waffen. Mit verkrampften Fäusten schritt ber Reiter durch sie hin, seine Zähne knirschten auf­einander. So hatten sie ihn doch gefangen! Sine Tür wurde auf geflohen, er folgte feinem 'Begleiter in einen Saal, in dem sich eine ansehnliche Der- fammlung befand. 3m Hintergrund brannte bet Lichterbaum. Durch bie Männer, bie ihn um­standen, schritt bie Blinde, seitlich gekleidet, auf den Reiter zu:Lebt wohl, Geier von GeierSperg, unb möge Gott Euch gnädig fein I

Sie hatte Ihr Gesicht Ihm zugewenbet. als sähe sie ihn, und ihre Hand fasste Die ihres Ge­mahls. Der Blick der toten Augen traf den Retter und verwirrte ihn.Ihr wollt mir noch sagen, dah ich doch In eine Falle ging, sagte er hart

Rein, entgegnete sie mit lichtem Ernst. Dah Rosiesstärke und Dorstcht von Fuchs und Wolf nichts helfen, das wlhl Ihr nun. Doch unfern Rainen wolltet Ihr hören. Er ist der gleiche wie ber Rame deS Kindes, bas Ihr vor zwei Jahren erfchlugt. Es war unser Einziaes. Wenn wir ben Feind unsres Glauben* und unsres Haufe* heute unbeschadet ziehen lassen, so ge­schieht es, damit bas Gist der Schlange in Eurer Seele unwirksam werbe. Denn vielleicht erkennt Ihr jetzt, dah es doch besser ist Gott trauen als bem Argwohn und sich selbst. Der Reiter Hanb unschlüssia da. Sie Tanne strömte Ihren Dürzduft aus. die Kerzen flammten. Qual, Reue und Scham wühlten wie Messer in seiner Seele.

.'Darum nehmt Ihr diese Rache an mir? rief er gequält

.Wir tun nach unferm Glauben, ber uns die Rache verbietet, sagte bie Blinde.Rur Flammen, die sich In Liebe verzehren, leuchten hell.

Er wollte etwas entgegen en. einen Dank, eme Bitte stammeln, aber feine Stimme versagt» Stumm verneigte er sich unb ging.

Am das Schloh hatte fich die Schneedecke gelegt, und durch bie erste Dämmerung bc* Christ- tages sanken bie Flocken. Der Bärtige hielt den Schecken am Zügel unb schritt, als der Beiter aufgefeffen war, schweigend voran. An der Weg- scheide beugte sich der Reiter vor unb fragte; D'chin führst du mich?Ihr wolltet zum Grasen!.Rein! Weise mir den Weg, der am schnellsten aus bitfem Land führt