Nr. 223 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberh essen) Freitag, 23. September 1921
BSirtt) toarnte kürzlich im Ausschuß ^^chsregierung zu dem Zwecke, irgendeine solle es nicht dazu kommen lallen, ^stimmte Partei in die Regierung aufzunehmen.
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(Nachdruck verboten.)
61. Fortsetzung.
fühlt sich immer mehr berechtigt, auf dem Wege der Gewalt gegen mißlinge politische Person- lichketton und Kundgebungen dorzugehen. Reichskanzler Dr. Wirth warnte kürzlich im Ausschutz
zu ergreifen. Wir erwarten, datz der verbrecherische Anschlag in Lüdenscheid dazu ein neuer Ansporn ist, und datz die Behörde alles tun wird, um dem Täter und seinen Hintermännern auf die Spur zu kommen, damit sie der verdienten Strafe nicht entgehen.
Reichspräsidenten an das Zentrum abzugeben. Heber alle diese Personalveränderungen hätten schon vor dem Gorlitzer Parteitag Besprechungen stattgefunden. Müller erklärte alte diese Rach- richten Wort für Wort für unwahr und fügte erläuternd hinzu, datz txt SSrlitzer Parteitag keinen Beschluh gefaßt habe über die Umbildung
Es hätte sich in Görlitz nur darum gehandelt, gewisse Grundsätze aufzuslellen für eine eventuelle künftige Regierungsänderung im Reiche. Es sei schwer zu verstehen, weshalb gerade die Presse, die immer betonte, datz die Reichsregierung auf
n. Ridda, 21. Sept. Hetzt kann die Trockenheit für unsere Gegend — wenn nicht bald Regen kommt — zur Katastrophe werden. Metertief ist die Erde ausgetrocknet. Der ackernde Landwirt findet eine harte Oberschicht. Die Wasserleitungen der ganzen Umgcgenb ergeben erhebliche Mindermengen an Wasser. Was in hiesiger Gegend am schwersten auf dem Landwirt lastet, ist die Rot an Grünsutter. Ergab schon die Heuernte einen recht mäßigen Ertrag, so hatten wir an Grummet eine Mißernte, und Klee ist kaum vorhanden. Die üblen Rachwirsimgen machen sich barm auch schon in der Rindviehhaltung bemerkbar. Der Dauer muß abschaffen. Die natürliche Folge ist bann bie geringe Milch- und Butterprobuktion unb -Teuerung. Dagegen war bie biesjährige Getreideernte von einer Ergiebigkeit, wie man es seit Hahrzehnten nicht erlebt hat. Kartoffeln kommen in mäßigen Erträgen ein. Das 6d>limmfte ist, daß wegen ber großen Trockenheit bie Bestellung des Wintergetreides (Weizen u. Roggen) nicht erfolgen kann.
n. Dauernheim,Ä. Sept. Wenn man die Straße von Blofeld nach Dauernheim geht, fv findet der Kundige oben auf der Höhe rechts im Walde versteckt in junger Hege eine altgermanische Richtftätte, „Der wilden Frauen Gestühl". Man sieht dort eine große öteinbanf mit deutlich erkennbaren vier Sitzen — wahrscheinlich für die Richter. — Ringsum liegen verschiedene Stein- blöde, vermutlich für die Schössen. Der Richtertisch soll seinerzeit in ein Umliegendes Dorf ver-
davor, man fvn*. w ........— —.
daß die Arbeiter den Schuh der Republik selbst in die Hand nehmen. Anstatt durch solche »Warnungen" Oel ins Feuer zu gießen, sollten die Behörden eher darauf bedacht sein, gegen den Terror der Straße die notwendigen Maßnahmen
breiterer Grundlage gebildet werden müsse, dieses Ziel durch solche Schwindelmeldungen erreichen wolle.
G ö r l i h, 22. Sept. (Wolff.) Der Sozialdemokratische Parteitag nahm die Anträge betreffend die Erklärung des 1. Mai und 9. Aovember zu gesetzlichen Feiertagen an.
Starkenburg und Rheinhessen.
mc. Darmstadt, 22. Sept. Auf dem hiesigen Bahnhof steht schon seit Monaten ein ehemaliger Lazarettzug, der Wind und Wetter preisgec,eben immer mehr D e r * ällt. Die Inneneinrichtung wurde von Sin* vohnern Darmstadts und Rottenarbeitern ge- kohlen und nun machen sich die Buben einen Mordsspaß daraus, die noch ganzen Fenster des Zuges einzuwerfen. Es wäre endlich einmal an der Zeit, datz die Dahnhofsverwal- tung Darmstadts nach dem Rechten sieht, damit nicht noch mehr Werte verloren gehen.
Hessen-Rassau.
[ ] Marburg, 20. Sept. Zu der am Sonntag im Kurhaus im nahen Dörfchen Marbach abgehaltenen zweiten Generalver- ammlung des Verbandes Deutscher Bienenzüchter unb derDeutschenHmker- genvssenschaft hatten sich dnr große Anzahl Teilnehmer aus allen Gauen Deutsch* andS eingefunden. 3n der Hauptsache be- chäftigte man sich mit Zuchtfragen, und in einem Bortrage, den Herr Steingrüber- LippcrSdorf hielt, erklärte dieser die Borteile der planmäßigen Rassezucht. Der Bersamm- lungSleiter, Bürgermeister Freuden st ein- Marbach, führte seinen neuen Ftak-Stock vor und erklärte dessen Borteile. Ferner beriet man lange über die Frage deS genossenschaftlichen Bezugs des Bienenzuckers. Mit der Versammlung war auch eine Ausstellung von Bienengerätschaften verbunden.
Vus Stabt und Land.
Gießen, den 23. Sept. 1921.
Die Schlafwagen 3. Klaffe.
Wis wir hören, sind gegenwärtig 10 Schlafwagen 3. Klage im Dau. Es ist nicht ausgeschlossen, baß sie schon im Lauf des Monats Oktober von den Wagenbauanstalten abgeliefert werden. Fraglich ist es aber, ob sie auch schon im nächsten Monat in Betrieb gesetzt werden können. Es ist auch eine Reihe von Fragen noch nicht geklärt. Die Anordnung der Dellen ist in den Wagen wesentlich verschieben von ber bisherigen. Ein Teil der Lagerstätten liegt, wie jetzt, quer zur Fahrrichtung, ein Teil aber in der Richtung. 3n jedem Wagen 3. Klasse befinden sich 33 Detten. Die Ausstattung wird wesentlich einfacher fein. Zu jedem Lager kommt ein Kopfkissen unb eine Decke. Bettwäsche dürfte es wohl kaum geben. Es ist in Aussicht genommen, die neuen Schlafwagen zunächst in den Verbindungen zwischen Berlin einerseits unb Köln, München unb Königsberg anderseits einzustellen. Rach Köln dürften sie ohne Zweifel im Schlafwagenzug laufen, wahrend für bie beiden anderen Zielorie verschiedene Züge zur Verfügung stehen. Es ist noch nicht bestimmt, in welchen Zügen bie Wagen eingestellt werben. Ebenso wenig ist eine Entscheibung über den Preis ber Betten getroffen.
— Konzertverein. Wenn ber Konzert- Verein ausnahmsweise vor Beginn der eigentlichen Spielzeit ein S o n b e r f o n j e r t am Sonntag, 25. September veranstaltet, so liegt bies darin begründet, daß ber hier ebenso bekannte wie ge-
Er sah sie einen Augenblia. betroffen an, bann lachte er trocken auf.
„Latz Magelone aus bem Spiel. Was hat sie mit meinen Entschlüssen zu tun? Du siehst ja, daß es — ihr nicht einfiel, mich um so etwas zu bitten!“
.Rimmst bu es ihr übel, baß sie in der ersten Bestürzung über bie Ereignisse abgereift ist?" fragte Do beklommen. »Sie hat es gewiß schon bereut und wird wieder —“
„Uebclneßmen? Lächerlich! Sie hatte ganz recht! Dies ist eine Sache, die wir Männer ausfechten müssen. Frauen tun am klügsten, sich ganz fern davon zu halten. Unb nun komm!"
Er zog Dos Arm in ben feinen unb führte sie zum Wagen.
3n beklommenem Schweigen fuhren sie dahin. Dv hatte aus seinen letzten Worten nur herausgehört, daß ihm ihr Kommen unlieb war, und das drückte sie vollends nieder. Er aber litt unter den Gedanken, daß sie sich um seinetwillen in eine Gefahr begeben hatte, in der er sie vielleicht nicht genügend würde schützen können.
Er hatte keine 'Waffe bei sich unb die zwei Gendarmen in Wolkenriet zählten nicht, falls man wirklich wagen sollte, sie zu tnfultieren. Das einzige, worauf er sich Verlagen konnte, war die Schnelligkeit der Pferde . . .
Indessen schien im Dorf, als man es erreichte, alles ruhig, und Rüdiger atmete bereits auf, als plötzlich ein halbwüchsiger Bursche laut, auf den Wagen weisend, rief:
»Da ist er ja, der saubere Graf, der an allem schuld ifJ Fragt ihn doch gleich, ob er die 5abrii »sofort wieder aufbauen und uns Brot geben will?"
Die Rothersteins.
Roman von Erich Ebenstein. Copyright 1919 by ©reiner & Eomp., Berkin W 30.
schleppt worden sein.
Kreis Friedberg.
— Bad-Rauheim, 21. Sept. Die Stadtverordneten bewilligten gestern den städtischen Arbeitern eine Lohnzulage von 45 bzw. 55 Pf. pro Stunde. Zur Beschaffung von Winterkartoffeln wurde den Arbeitern ein Vorschuß gewährt, die geforderte einmalige Teuerungszulage von 1000 Mark wurde aber abgelehnt. Für die Hungernden in Rußland will bie Versammlung gerne 3000 Mark zur Verfügung stellen, teil! aber vor endgültigem Beschluß erst wissen, an welche Stelle bas Geld geschickt werden sott. Die Stadt hat ein größeres Geländestück in kleinere Parzellen zerlegt, die als Kleingärten an Anwohner ohne Bodenbesitz verpachtet werden. Ueber 200 Liebhaber haben sich gemeldet. Zum Vorsitzenden des Wohmingsamtes wurde Stadtv. Minder gewählt. Es wirb ihm eine jährliche Aufwandsentschädigung zugebilligt, bie aber 3000 Mark nicht übersteigen darf.
Der Revolveranschlag aus die Versammlung der D. V. P.
in Lüdenscheid.
Wie bereits bekannt geworden ist, sind gelegentlich des Parteitages der Deutschen Bol.s- nartei in Lübens cheid auf eine Versammlung in der Schützen Halle von außen Schuf le abgegeben worden, offenbar in vwhlliberl^ter verbrecherischer Absicht. Die„Ratt. Korresp. erhält dazu von einem zuverlässigen Gewährsmann aus Lüdenscheid noch folgende Mitteilungen:
Es sind danach im ganzenvier Schüsse abgegeben worden, und zwar, nach den aufgcsun- benen Geschossen zu urteilen, entern Lrnee- revolver Don ben Kugeln srnd m in bu □Danb des Versammlungsraumes etngebrungen, xtoei sind im Saale aufgefunden worden. Di? Shüffe kamen von auswärts und gingen durch St? Fenster daö nach der Außensette abgeblendet w^r Sie haben z. T. ihren Weg durch den Sichenrahmen deS Fensters genommen. Vermut- [idj verbarg sich ber Täter auf einem 20 bis 30 Meter von bem Tatort entfernten Tennis- spialplah, der von Gebüschen umgeben ist. Wegen ber Abblendung des Fensters konnte er nicht genau zielen, jedoch ist die Richtung der Schüsfe genau berechnet gewesen. Sie ging gegen den 'Rüden des Redners. Rach alledem kann an der tpoßlfiberlegten Absicht eineS verbrecherischen Anschlags kein Zweifel fein unb es ist nur ein glücklicher Zufall, daß keine von den 4 Kugeln getrosten hat. Als der Anschlag erfolgte, befand sich Dr. Stresemann nicht mehr aus dem Rednerpult, sondern Abg. Dr. Hugo. Der Redner verstand eS, die Erregung, in die die Versammlung geriet, sofort zu beschwichtigen, so datz keine Unterbrechung ein trat. Von dem Täter hat man noch keine Spur, obgleich die Polizei eifrig mit der Fahndungsarbeit beschäftigt ist. Man vermutet, daß die Tat nicht von einem in Lüdenscheid anwesenden Täter, sondern von einem zugereisten Mordgesellen begangen worden ist.
Es unterliegt gar keinem Zweifel, so schreibt die genannte Korrespondenz weiter, daß die feige Tat eine Frucht ber gemeinen Verhetzung ist, bie in der letzten Zett systematisch gegen alle Veranstaltungen der den Sozialisten nicht genehmen Parteien verübt wurde. Verbrecherisches Gesindel
schätzte Geiger Professor Joseph Szigeti noch einmal gewonnen werden konnte, ehe er eine längere Konzertreise nach Amerika antritt. Szigeti, ber schon bei feinem lenken Auftreten durch fein meisterliches Spiel höchste Bewunderung erregt hatte, gehört jetzt zu den ersten Vertretern seines Faches: er war bisher Professor an ber Meister- llasfe in Genf unb als solcher Rachfolger bes ausgezeichneten Geigers Henri Marteau. Das Programm bringt zu Anfang bie E-dur-Sonate von Handel, sodann die E-bur-Partita (in ber Pctersausgabe sechste Srlo-Violinsonate) von Hoh. Seb. Bach, weiterhin das hier noch nicht gehörte überhaupt selten gespielte unb doch so schone Vio- Imkonzert Op. 22 von H. Goetz, bem Komponisten ber Oper »Der Widerspenstigen Zähniung". Mit diesem Konzert hatte sich Szigeti im Marz im Münchener Konzertverein (Leitung Prof. S. von Hauiegger) einen großen Erfolg erspielt. Den Schluß bilden Heinere Stücke von Veracini, Dvorak u. a., sowie „Zephy r" von Szigetis Lehrer Hubay. Das Konzert vermittelt uns zugleich die erste Bekanntschaft eines Frankfurter Künstlers, Eduard Z u ck m a h e r, der als Pianist von echter Musikalität gerühmt wird. Herr Zuck- mayer wird sich als Sollst durch den Vortrag ber Schumannschen Fantasie in E-bur Op. 17 betätigen unb als Begleiter mit bem Geiger Zusammenwirken. Karten sind bei Emst Chattier und abends an ber Kasse zu haben. Das Konzert findet in der Reuen Aula statt und beginnt, wie üblich, um' 5 Uhr.
Landkreis Gießen.
k. Aus der Rabenau, 20. Sept. Während die Hessische Landeswanderbühne im Borjahre nur bis Grünberg kam, werden in diesem Jahre auch die Bewohner der Rabenau Gelegenheit haben, diese Einrichtung, die auch auf dem Lande gute Kunst bieten will, kennen zu lernen. Dje Landeswanderbühne beabsichtigt am Ende ihrer ersten Spielreise einige Aufführungen in Londorf zu veranstalten.
Kreis Büdingen.
n. Geiß - Ridda, 21. Sept. Bürgermeister Lind, ber wegen Krankheit einige Monate beurlaubt war, versieht jetzt seinen Dienst wieder mit gewohnter Frische. 3m nächsten Frühjahr werden es 25 Hahre, daß er sein Amtzantrat.
Gictzcncr Strafkammer.
Gießen, 20. Sept. 1921.
Der Postbote Otto H. von Rieder-Mockstadt hatte im Laufe der letzten Hahre eine ganze Anzahl Pakete für Rieder- unb Ober-Mockstadt unb Ranstadt unterschlagen, unb ihren Inhalt, meist Lebensmittel unb Gebrauchsgegenstände, für sich verbraucht. Auch hatte er mehrere Briese au« Amerika, in denen er Geld vermutete, erbrochen und die Dollarscheine sich bei der Bank eingewechselt. Er war zumtril geständig Da er sich nicht in Rot befunden hatte, verurteilte thn da« Gericht unter Berücksichtigung de« Umstandes, datz er bas Vertrauen, das einem Briefträger in besonderem Maße geschenkt werden muß. gröblichst mißbraucht hatte, zu 2 Jahren Gefängnis und erkannte ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Hahre ab.
Ida W. von Büches war vom Schöffengericht in Büdingen zu 3 Tagen Gefängnis verurteilt worden, weil sie beim Austritt aus ihrem Dienst ihrer Dienstherrschaft ein Paar Schuhe gestohlen habe. Sie behauptete, es habe sich um Loynschuhe gehandelt, die ihr von ihrer Dienstherrschaft ge- schenlt worden seien. Wenn dies auch an sich nicht richtig war, so schentte ihr das Gericht doch insofern Glauben, als sie der Ansicht fein konnte, die Schuhe seien ihr tatsächlich geschenkt worden. In Ueberetnft imrnung mit dem Antrag des Staatsanwalts wurde das erste Urteil aufgehoben und auf Freisprechung erkannt.
Leopold P. von Dorheim war wegen Ach* tungsverlehimg, Widerstand gegen Vorgesetzt», Beleidigung unb Unterschlagung von Dienst gegenständen angeklagt. Obwohl schwer kriegSbeschädtgt war er Anfang 1919 bei der Reichswehr eingetreten wie er behauptete, nur als Zivilarbetter. Bei feinem Austritt, — er hatte bereits feine Entlassungspapiere — kam er mit dem Selbtoebel wegen Rückgabe eines <Yaars Schuhe in ©reit, ber SU Tätlichkeiten usw. führte. Da nicht mit Sicherheit fest zu stellen war. ob er damals tatsächlich «Soldat war. erfolgte Freisprechung Die Untcrfd)lagung von Dienstgegenständen tonnte ihm nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen werden, so daß er auch deshalb sreigesprochen wurde.
Der Sozialdemokratische Parteitag.
Görlitz, 21. Sept. Heute sprach Wilhelm Keil über die finanzielle Lage. Die Entlastung unseres Schuldenetats durch bie Gelbentwertung erkennt er an, unser Volksvermögen sei auch heute noch auf ben Vorkriegsbetrag von 350 Milliarben Gvlbmark zu schätzen. Aber infolge bes Dalutaflurzes haben unsere Schulden heute bie phantastische Hohe von schätzungsweise 158 Papiermilliarden erreicht. Die Steuergesetze seien tatsächlich sehr schonenb geaen ben Besitz, überall träten Stundungen ein, bas landwirtschaftliche Grundvermögen sei zu einem unerhört geringen Ertragswert eingesetzt, die Erbschaftssteuer werbe bis 1935 nur zu einem Bruchteil erhoben und vor allem: nach Goldmarkwert festgesetzte Steuern brauchten nur in Papiermart gezahlt zu werden. Die Deutschnationalen verschwiegen, baß in England und Frankreich bie Steuer auf ben Besitz eine höhere sei. Die Mvbekurorte unb Rennplätze seien überfüllt. Die Kinder der Festbesoldeten verhungerten. Unter diesen Umständen behaupte man, ber Goldwertbesitz werbe ruiniert. Durch bie Verhinderung ausreichender Besitzsteuern werbe nur eines erreicht: eine immer mehr anschwellende Enteignung aller derjenigen, die keine Goldwerte besitzen, durch die Inflation, bie eine Er- propriatton von neun Zehnteln zur Folge habe. In keiner Weife erschüttert stehe ber Reichtum aller derjenigen da, bie in Industrie unb Landwirtschaft Besitzer seien. Warum habe die Finanzverwaltung nicht längst die Dorsensteuer um mindestens das Zehnfache erhöht? Aus Angst vor den Interessenten im bürgerlichen Lager schrecke man vor solchen Maßnahmen zurück. Die
Rein, du darfst auf keinen Fall fahren, Papa," mischte sich jetzt Hertha energisch ein. Serien wir froh, daß alle diese Qlnftrengungen bi«bei- so glimpflich für dich abliefen. Reue batfft bu dir nicht zumuten. Aber konnte nicht Do fahren? Ihr tun bie Leute nichts. Sie ist heute vielleicht die einzige Rotherstein, die sie nicht hassen, sondern sieben."
Ich!!" Do wurde abwechselnd rot unb blaß.
Ich ".. soll .. -?" t
Hertha beutete ihr bestürztes Zögern falsch.
,Es war nur ein Vorschlag. Ratürllch fährst du nicht, wenn bu meinst, baß selbst bu nicht sicher wärest."
Sicher! Das ist es nicht . . . unb wär ich's auch'nicht, was läge daran . . .! Aber Rüdiger wird er auf meine Worte hören?"
Unb sie dachte an sein kaltes, unfreundliches Benehmen ber letzten Zeit, an feine finsteren Blicke, sein scheues Ausweicheii . .
.Du müßtest es eben versuchen ober — es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen!"
„Dann fahre ich!"
Der Fürst unb Hertha atmeten erleichtert auf
„Rüdiger — ich bitte, ich beschwöre dich!" rief Do „Tu es um deines Vaters willen! Es ist ja nur eine Kleinigkeit . . . wir gehen zu Fuß durch
die Wälder unb erreichen Grafen egg von ber Rückseite. Riemanb wirb es bir als Feigheit auslegen — man wird es gar nicht erfahren. Und später — morgen vielleicht schon — kannst bu ruhig mit den Leuten reden. Heute sinb sie alle erregt unb treiben sich Im Dorf an den Wirtshäusern herum. Man kann nicht toiffen, was ihnen einfällt, wenn sie dich erblicken .
Do hatte bie Hände gefaltet, unb ihre veilchenblauen Augen hingen flehenb an Rüdiger, ©ein Herz klopfte stürmisch. Wie süß und lieblia) sie war in ihrer Angst um — ihn! Und wie hold sie bitten konnte . .!
Aber mit eiserner Gewalt kämpfte er gegen bie weiche Stimmung an, bie zwischen ihm unb ihr nicht aufkommen durfte, sollte er nicht alles vergessen, was sie von ihm trennte.
Rein," sagte er entschlossen, „bitte mich nicht um Unmögliches, Dorothea. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Ich meinte es immer gut mit den Leuten. Ihr Haß ist sinnlos unb ich tonnte mich felbst nicht mehr achten, wenn ich mich feige verkröche davor. Laß uns einstigen."
Er wollte zum Wagen schreiten. Aber Do vertrat ihm den Weg noch einmal.
Gewiß hast du es gut gemeint. Aber gcmz ohne' Schuld bist bu nicht, Rüdiger. Du warst hart und unbeugsam, als sie deine Gnade anriefen . .
.Und wenn?" Rüdiger war blaß geworden. „Sann erst recht müßte ich bie Folgen meiner Fehler auf mich nehmen."
Denk an Magelone . . stammelte Do leise Um ihretwillen begib dich in keine Gefahr, bie sich so leicht vermeiden läßt.“
Zugrundelegung des Ertragswertes bewirte, daß die Vermögenswerte nur zu einem Bruchteil heran gezogen werden. Wenn die Erpor tabgo.b e heute nur nach Friedensgeldwert erbeben wird, so sei das ein wirtschaftspolitischer Skandal. Der Export trage bei feinen ins Aschgraue gehenden Gewinnen bie Abgabe spielend und lachend. Hedenfalls stehe eins fest: Wenn das Papier- einkvmmen aller Festbesoldeten in voller Hohe berangezvgen wird, so ist es ein himmelschreiendes Unrecht, die gleichgebliebenen Gvlbwene nach demselben allen CRominalbetrag heranzuziehen Rvtwendig sei ber Eingriff in bie Substanz. Cb er durch Anteilnahme des Reiches am produl- tiven Kapital oder auf anderem Wege erfolgen soll, das müsse noch geprüft werden.
Aachdem im Laufe der sehr ausgedehnten Debatten, die aber nichts Wesentliches hervor brachten, einige Redner aus Bayern jyum Worte gekommen waren, versicherte der Vorsitzende Wels den bayerischen Freunden, baß bie größte Partei des Reiches, wenn der Kampf entbrennen müßte, sie in jeder Weise unterstützen werde. Die Sozialdemokratie bluffe nicht, die Vorbereitungen zum Kampf seien gemeinsam mit den Unabhängigen bereits getroffen. (Beifall.) Die Sozialdemokratie, die jede Gewaltanwendung verabscheue, werde aber den besprochenen Weg nur im äußer ft en Rotfalle betreten.
Görlitz, 22. Sept. (WTD.) Der Reichskanzler a. D. Hermann Müller sprgch heute auf dem sozialdemokratifchen Parteitag über bie Wirkungen des Versailler Vertrages. Er schickte seinem eigentlichen Referate einige bemerkenswerte Feststellungen der sozialdemokratischen Parteileitung über bie Stellung zum Kabinett Wirth voraus. Müller sagte, baß dieses Kabinett im Auslande allgemein als ein Kabinett ber Vertragserfüllung angesehen werde. Run bringt jetzt die deutsche Presse Rachrichten über eine U m - bilbung der Reichsregierung. Hiernach hätten die Sozialdemokraten sich entschlossen, den Reichskanzler fallen zu lassen, um dafür den Reichskanzlerposten zu bekommen. Auf der anderen Sette wären fie bereit, den Posten des
Aus dem Amtsverkündigunsisblatt.
•• Das Amts Verkündigung« blatt Ar. 136 vom 22. September enthält: ^luMHrimg des Hagdstrasgesehes. — Maßnahmen gegen Wohnungsmangel. — Hessische Landwirtschaftlich« Schulen. — Wiesenrundgänge. — Crganzungs- wahlen zum Gesellenausschuß der Handwerkskammer. — Tagebücher der Fleischbeschauer. — Statistik der Streiks usw. — Eigentum ehemaliger serbischer Kriegs- und Zivilgefangener. — Feld- beteinigung zu Gröningen.
Wird eine Wohnung infolge 03erfet* 8un g eines Beamten, Offiziers oder Unteroffizier« frei, so ist sie solange für den Rachfolger im
Im Ru war ber Wagen von Leuten umringt die tote aus dem Boden gewachsen schienen. Man' hatte die Pferde am Zügel gefaßt unb den Wagen zum Stehen gebracht.
.Steig aus," raunte Rübiger Do zu, „bir werben sie nichts tun unb ich — werde schon fertig werden mit ihnen."
Mer Do rührte sich nicht. Blaß starrte sie auf die Leute, die drohend an ben Wagen schlag drängten.
„Was wollt Ihr eigentlich von mir?" sagte Rüdiger laut, und seine funkelnden 2lugen, bie wie Lichter in bem bleichen Gesicht standen, wanderten im Kreise herum. Indessen in diesem Augenblick hatten sie die Gewalt verloren.
Wie ©turmstoße rauschte die Antwort aus seine Frage von allen ©eiten Rüdiger entgegen.
Er sollte ihnen sein Wort geben, daß die Fabrik wieder aufgebaut und keiner der Arbeiter entlassen würde. Sofort müsse er das versprechen!
.Das kann ich nicht," antwortete 'Äübiger, „Ihr habt mich ja halb zu Grunde gerichtet. Wtt kann ich denn heute schon wissen, ob es mir überhaupt möglich sein wird, die Fabrir toteber au fou bauen? Unb womit soll 'denn gearbeitet werden? Das Holz habt Ihr ja auch verbrannt, wie ich höre."
„Lassen Sie den Erbreicher Forst schlagen! schrie eine Stimme. , ,, r
„Das wird nie geschehen!" Messerscharf die Worte von Rüdiger« Lippen. Dann nef er dem Kutscher zu: „Fahr zu! Fahr %u!‘‘
Der aber zuckte die Achseln und wres nag) der Menge. Wie sollte er denn fahren? Die standen ja wie eine Mauer ringsum .
(Fortsetzung folgt)


