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Nr. 225

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Erstes Blatt

M. Jahrgang

Zreitag, 25. September 1921

SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Pntrf und Verlag: vrühl'sche Unio.-vuch- und Steinöruderei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druderei: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer vis zum Nachmittag vorher ohne jede Vcrdin t l .chkeit. Preis für l mm Ijölje für Anzeigen v 94 mm Breite örtlich 40 Pf, au wärt» 50 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 180Pf Bei Platz- Vorschrift 20 Aufschlag. Hauptschriftletter: Aug. v-oetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil i.D : Aug. Goetz; für den Auzeigentetl: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

gur inneren Lage Deutschlands.

Der Beschluß des sozialdemokratischen Parteitages in Görlitz, der den Weg frei­macht für eine Koalition auf breiterer Grund­lage, hat alsbald rege Erörterungen herbei­geführt über bevorstehende Umgestaltungen der preußischen Regierung und des ReichS- kabinetts. Wenn nun auch bestimmte Meldun­gen darüber voreilig und falsch waren, so ist eine Umbildung nach beiden Seiten bin doch sicherlich auf dem Marsch. Eine große Rede des Führers der Deutschen Bvlkspartei, Stresemann, auf einer Tagung in Lüdenscheid hat ergeben, daß Stresemann zwar lebhaft die Rotwendigkeit eines Kabinetts auf breiterer, politischer Basis verficht, daß er sich aber kei­neswegs mit der Politik des gegenwärtigen Kanzlers zu versöhnen gedenkt, den er im Ge­genteil scharf angriff. Er geißelte seine Un­fähigkeit als Staatsmann, der an einem Bor­mittag vier Reden zum Fenster hinaus hielt, und wandte sich gegen die höchst einseitige, linkspolitische Parteileidenschaft Dr. Wirths, die das Wiedererwachen des nationalen Ge­dankens zu erdrücken trachtete. DasBer­liner Tageblatt" und die .Frankfurter Ztg." meinen dagegen, ein Ausscheiden Wirths im gegenwärtiaen Augenblick würde unserer Außenpolitik schaden, da er heute der Mann sei, dem man im Ausland glaube.

DieTägl. Rundsch." betont, daß die breite Koalition der Mitte um so eher zu­stande komme, fe schneller eS mit Wirths Kanzlerschaft zu Ende gehe: Außenpolitisch hätten sich die Verhältnisse sehr verändert, und in den englischen Kombinationen sei der Sturz von Wirth nunmehr bereits etwas Selbstver­ständliches. Der Wille sei nach dieser Richtung hin so eindeutig, daß sogar Frankreich schon von Wirth. abrücke, um sich freie Hand zu sichern. Der Dmck von außen und das Inter­esse der Mittelvarteien würden den Ausschlag geben: Gegen Wirth.

DenSieg des Barteimanns Wirth gegen den Staatsmann Wirth" glaubt derHann. Kurier", der t\m übrigen jeden staatsmänni­schen Erfolg der bisherigen Politik des Kanz­lers bestreitet, feststellen zu dürfen: Wirth habe gerade in den letzten Wochen vieles getan und gesprochen. u.m dessentwillen das nach Einheit strebende deutsche Volk mit ihm zu rechten haben werd?. Auch die ..Magdeb. Ztq." wünscht von W-rth mehr Uebersicht über das Ganze, mehr staatsmännisch? Arbeit von hoher Warte aus und viel weniger Par­teileidenschaft: Die aroßen wertvollen Volks­teile in Rord und Süd, die eine breite Grund­lage für die Politik des Wiederaufbaus bilden wollen, zusammen^ufassen und vorwärts zu reißen, sei verdienstvoll, staatsmännisch und wahrhaft vaterländisch. Die bewußt oder un­bewußt das Gegenteil betreiben, sollten je rascher, desto besser, von leitender Stelle ab­treten.

DerLvk.-Anz." berichtet auf Grund zu­verlässiger Informationen: Es mache sich in verschiedenen Parteilagern eine recht starke Strömung gegen die Gleichzeitigkeit beider RcgierungS-Llmformungen in Preußen und im Reiche geltend. Man wolle Preußen den Vortritt lassen, im Reich dagegen halte man eine Aufnahme der Deutschen VolkSvar- tei vor Lösung gewisser außenpolitischer Fra­gen nicht für zweckmäßig. Tieber Sieger- walds Rolle berichtet das Blatt, daß er tatsächlich mit Porsch über dessen Kandidatur für die preußische Minister-Präsidentschaft verhandelt habe, daß Porsch aber zuletzt Ab­neigung gezeigt habe: Stegerwald selbst wolle ganz aus der Regierung herausgehen, sich wieder den christlichen Gewerkschaften wid­men und nur beim Borliegen ganz besonderer Rotwendigkeiten in der Regierung verbleiben; dann aber keineswegs als Ressortininister, son­dern als Minister-Präsident. Sine Besetzung des Kultusministeriums durch das Zentrum käme überhaupt nicht in Betracht.

Die Bildung des bayerischen Ministeriums.

München, 22. Sept. «Wolff.) In der auf 5 illjr nachmittags angcsetzten Plenarsitzung des bayerischen Landtags sollte an erster Stelle die Mitteilung über die Bildung des Gesamtmini sleriums erfolgen. Die Er­öffnung der Sitzung zögerte sich aber bis nach 6 Uhr hinaus, da in der Zwischenzeit noch immer die Verhandlungen weitergepflogen wurden zwecks Vervollständigung der Minister- l i st e. Als der Präsident kurz nach 6 Uhr die Sitzung eröffnete, gab er das Wort zur Geschäfts- ordnung dem Abg. Stang (Dayr. Vp.), der das Haus ersuchte, die Sitzung bis 81 L. Uhr zu ver­tagen. Aus dem Hause erfolgte kein Widerspruch. Der Präsident erklärte dann noch weiter; daß der Vorsitzende der Bayerischen Dollspartei, Abg.

Held, einen vierwöchigen Urlaub wegen Krank­heit erbeten habe, den das Haus genehmigte.

Das Programm Lerchensclds.

München. 22. Sept. (WTD.) In der Abendsihung des bayerischen Land­tages. die um 3/4g Uhr begann, war Minister­präsident Graf Lerchenfeld erschienen, der gleich zu Beginn der Sitzung dem Hause folgende Vorschlagsliste für die Reubesehung des Mini­steriums unterbreitete: Ministerpräsident und gleichzeitig Minister des Aeuheren und Iustiz- minister Graf Lerchenfeld, Inneres Dr. S ch e y e r, Unterricht und Kultus Dr. Matt, Finanzen Dr. Krausneck, soziale Fürsorge Oswald, Wirt­schaft Wutzlhofer, Handel, Industrie und Ge­werbe Hamm. Die bayerische Mittel­partei hat demnach kein Mitglied ihrer Par­tei mehr im Ministerkollegium. Sie ist auch aus der Koalition ausgeschieden.

Rach dieser Mitteilung erklärte Landtags­präsident Königbauer, daß er das Einver­ständnis des Hauses für diesen Vorschlag annehme. Widerspruch erfolgte nicht. Der Präsident be­grüßte hierauf die neue Staatsregierung, insbe­sondere den Ministerpräsidenten Grafen Lerchen- selb unter dem Beifall des Hauses auf das Herz­lichste und gedachte in seinen weiteren Ausfüh­rungen auch der vormaligen Staatsregierung, be­sonders des Ministerpräsidenten von Kahr, dem er den herzlichsten Dank aussprach. (Bravo.) Darauf betraten die neuen Minister den Sitzungs­saal, worauf Graf Lerchenfeld in kurzen Strichen sein Programm bekanntgab. Er umschrieb die von ihm vorgesehene Politik, gedachte der großen Verdienste seines Vorgängers von Kahr und be­tonte, daß eine seiner wichtig st en Auf­gaben die Aufrechterhaltung der mühsam errungenen Ruhe und Ord­nung im Staate sein werde. Bezüglich des Verhältnisses zum Reich stehe für ihn die T r e u e zum Reich unverbrüchlich fest. Er werde be­strebt sein, auch nach der politischen Seite hin das Verhältnis zwischen Reich und Staat auf das Beste zu pflegen. Der dritte große Gedanke, von dem er sich leiten lasse, müsse der der sozialen Versöhnung sein. Weiter gedachte der Mi­nisterpräsident der pfälzischen Brüder und gab seinem Mitgefühl über das furchtbare Unglück in Ludwigshafen Ausdruck. Die Rede des Minister­präsidenten wurde wiederholt von lebhaften Bravorufen begleitet.

Ein Antrag des Abg. Dr. Hilpert (Bayer. Mittelpartei), sofort in die Erörterung über die Regierungserklärung einzutreten, wurde abge­lehnt.

Verbot desMiesbacher Tagblatt".

München, 23. Sept. Auf Grund des Ar­tikelsDas neudeutsche Zentrum" in Rr. 15 des M iesbacher Tag blatt" hat der Staats­kommissar für München-Land dasMiesbacher Tagblatt" bis zum 29. September verboten. Auch derMiesbacher Anzeiger" darf als Ersahblatt nicht erscheinen.

Eine Ehrung für Argentinien.

B e r l i n, 21. Sept. Rach Mitteilung von amt­licher Stelle tt>itf> heute an Bord des Linienschiffes Hannover" im Kieler Hafen durch eine von der Reichsregierung gestellte Sonderwache eine feier­liche EhrungderargcntinischenRatio- n a l f l a g g e vorgenommen werden. Es handelt sich um die Ausführung einer von der früheren kaiserlichen Regierung im Jahre 1917 übernomme­nen Verpflichtung. Aus Anlaß der Versen- kung zweier argentinischer Schiffe durch deutsche Unterseeboote hatte die damalige deutsche Regierung der argentinischen Regierung ihr Bedauern ausgesprochen und das Versprechen gegeben, bei erster Gelegenheit Ge­nugtuung durch Salutierung der argentinischen Flagge zu geben. Da eine Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Argentinien unter den gegebe­nen Verhältnissen nicht in Frage kommen kann, so wird die Zeremonie in Anwesenheit der offi­ziellen argentinischen Vertreter unter Führung des Gesandten Dr. Malina in Kiel vorgenommen werden. Im Ramen der Reichsregierung wird Ministerialdirektor v. Simson eine Ansprache an die Herren der argentinischen Vertretung halten.

Kiel, 22. Sept. (Wolff.) In Erfüllung des der argentinischen Regierung gegebenen Ver­sprechens fand heute mittag auf dem im hiesigen Hasen liegenden LinienschiffHannover" die feierliche Hissung der argentinischen Flagge statt. Rachdem die argentinische Ab­ordnung mit dem üblichen Zeremoniell auf dem Linienschiff empfangen worden war, hielt der Vertreter des auswärtigen Amtes an den argentinischen Gesandten folgende An­sprache :

Herr Gesandter!

Als Vertreter der Reichsregierung habe ich die Ehre, Euere Exzellenz als Vertreter der Ar­gentinischen Regierung auf diesem deutschen Kriegsschiff zu begrüßen, welches heute berufen ist, eine aus den Kriegsjahren herrührendc Ehrenschuld gegenüber der argentinischen Flagge abzutragen. Der Anlaß hierzu liegt über vier Jahre zurück. Damals wurden die argentini­schen Schiffe ..Monte Protegido" und ..Toro" durch deutsche Seestreitkräfte versenkt. Bereits damals war der Argentinischen Regierung zum Ausdruck gebracht worden, daß diese Unfälle nicht im geringsten auf einem Mangel an Achtung vor der argentinischen Landesflagge beruhten, die als Hoheitszeichen eines befreundeten Volkes von allen Deutschen geehrt und geachtet werde. Die deutsche Regierung hatte daher nicht gezögert, das Versprechen, daß sie die erste sich bietende

Gelegenheit benutzen werde, um die argentinische Flagge durch die deutsche Marine salutieren zu lassen.

Dieser seinerzeit cingegangenen Verpflichtung unterzieht sich die Deutsche Regierung umso lieber, als es sich darum handelt, einer Ration, die bis zum Schluß des Krieges Deutschland ge­genüber volle Reutralität bewahrt Hal, eine be­rechtigte Genugtuung zu verschaf- f e n. Der ursprünglich gehegte Wunsch, ein deut­sches Kriegsschiff in argentinische Gewässer zu entsenden, ließ sich leider nicht verwirklichen. Die Ehrenbezeugung, die der argentinischen Flagge statt dessen in heimischen Gewässern,erwiesen wird, kann dadurch an Bedeutung nicht verlieren. Möge sie ein weiteres Band bilden für die engen, freund­schaftlichen Beziehungen, die stets zwischen Ar­gentinien und Deutschland bestanden haben.

Hierauf antwortete der argentinische Ge­sandte, Dr. D. Moli na:

Herr Vertreter der Deutschen Regierung!

Meine Regierung schätzt in hohem Maße den Ehrensalut, den die Deutsche Regie' ung der Ar­gentinischen Flagge infolge der aus Anlaß der Versenkung der «SchiffeMonte Protegido" und Toro" übernommenen Verpflichtung zollt.

Zu einem für die Menschheit traurigen Zeit­punkt und in Verteidigung unwandelbar erach­teter Prinzipien und Rechte erhob die Argen­tinische Regierung alle durch die Umstände be­dingten Ansprüche. Die Deutsche Regierung ent­sprach denselben in würdiger Form, indem sie die geforderte Genugtuung zusagte, unter der aus­drücklichen Erklärung, daß diese Unfälle, wie Sie soeben wiederholten, nicht im geringsten auf einen Mangel an Achtung vor der argentinischen Landesflagge beruhten, die von allen Deutschen geehrt und geachtet werde. Ihre Zusagen hat die Deutsche Regierung treulich erfüllt!

Die auf diesem Deutschen Kriegsschiff heute in feierlicher Form ausgeführte Ehrenbezeugung vor unserer Flagge gewährt meiner Regierung volle Genugtuung und erfüllt mit Freude das argentinische Volk, das von dem Wunsche beseelt ist, daß sich die Freundschaftsbande mit Deutsch land st etsengerge st alten mö­gen.

Indem ich den mir in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Reichsregierung übermittelten Gruß dankbar anerkenne, erfülle ich die Pflicht, im Ramen Seiner Exzellenz des Herrn Staatspräsi­denten zum Ausdruck zu bringen, daß die Argen­tinische Regierung diese Kundgebungen zu Ehren unserer Flagge in ihrem vollen Umfange wür­digt und davon überzeugt ist, daß nichts Pie freundschaftlichen und überlieferten Beziehungen zwischen der Republik Argentinien und Ihrem Lande beeinträchtigen kann.

Rachdem der Gesandte geendet, wurde in feierlicher Weise die argentinische Flagge gehißt. Rach dem Abschreiten der Ehrenwache vereinigten sich Die Herren der argentinischen und Der deut­schen Abordnung zu einem Frühstück an Bord. Um 1.45 Uhr verließ der argentinische Gesandte mit Begleitung das Linienschiff. Währenddessen erfolgte ein Salut von 15 Schüssen.

Der Reichskanzler über Oberschlesien.

Berlin, 22. Sept. (Wolff.) In der neuesten Rümmer derEuropäischen Staats- und Wirt­schaftszeitung" äußert sich der Reichskanzler Wirth überOberschlesien, unsere größte Sorge". Er sagt u. a.: Solange nicht die Ent­scheidung über das «Schicksal dieses Landes ge­fallen ist, solange können wir alle nicht frei atmen. Wie dann die politische Lage ist, wenn die letzte Entscheidung im Gegensatz zu Recht und Gerechtigkeit gefällt wird, das kann heute kein Mensch mit Sicherheit sagen. Soviel ist aber sicher, daß dann die Zukunft für das ober- schlesische und deutsche Volk überaus trübe werden wird. Der Reichskanzler verweist dann auf die einleitenden Worte der Völkerbundssatzung, die es als wesentlich bezeichne, Gerechtigkeit herrschen zu lassen. Er fährt fort: Wenn der Völkerbunds­rat sich bei feinen Vorschlägen von diesem Grund­satz leiten läßt, dann kann die oberschlesische Frage gelöst werden. Wir wollen nichts anderes als Gerechtigkeit; nur Gerechtigkeit, ruhend auf dem SePstbestimmungsrecht der Völker, kann dem oberschlesischen Volt den Frieden geben, den es dringender als alles andere braucht. Wir wett­eifern nicht um die Gunst irgendeines Vertreters im Dölkerbundsrat und Obersten Rates. Wir hoffen auf Gerechtigkeit, weil das ganze deutsche Voll ohne Unterschied der Partei von dem Ge­danken unterer^ Rechts erfüllt ist. Eine Ent - läu schu ng dieser Hoffnung wäre einfach u n = erträgli ch, uttd zwar nicht nur für das deutsche Volk allein, sondern für alle, die noch an den Sieg des Rechts in der Welt glauben.

ErwagungderReparationsfrage auf der Washingtoner

Konferenz?

London, 22. Sept. (Wolff.) DieT i - m e s" meldet aus Washington, in der letzten Zeit wachte, wenn auch nicht in amtlichen Krei­sen, so doch unter den führenden Männern der Finanz- und Geschäftswelt die Uebrrzrugung. daß das Programm der Washingtoner Konferenz erweitert und auf die Finanz- undWirtschaftsfragenderWeltaus- gedehnt werden müsse. Cs werde geltend ge­macht. daß eine Einschränkung der Rüstungen nur einRitzen der Oberfläche" bedeuten würde, und daß die Hauptsache des augenblicklichen wirtschaft­lichen Durcheinanders die Bezahlung der interna­

tionalen Schulden, vor allem der deutschen Repa­rationen sei. Diese Finairz- und Geschäftsleute hätten Informationen erhalten, die sie davon überzeugten, daß der F i n a wz krach Deutsch­lands herannahe, und sie versicherten, daß, wenn die nächste Reparationszahlung im März fällig würde, eine Krisis, die größer sei als irgend­eine bisher gekannte, nur durch ein Wunder ver­mieden werden tönnc. Rach Ansicht düs r Leute fei daher eine nkuc Erwägung der Repa­rationsfrage wesentlich. Sie gäben jedoch zu. daß die Vereinigten Staaten in voller Autori­tät nur unter der Bedingung teilnehmen könnten, daß sie sich bereit erklären, die Reparationsfrage als verkettet mit der Frage der Alliiertenschulden an Amerika zu betrachten. Man fehe ein. daß eine rein wirtschaftliche Behandlung der Frage nicht annehmbar sein wurde in einer Welt, die -um größten Teil von politischen und sentimen­talen Erwägungen geleitet werde. Der Vorschlag, die Schulden der Alliierten an Amerika zu strei­chen, würde in den Vereinigten Staaten genau sc abgelehnt werden, wie in den alliierten Ländern eine Milderung der deutschen Reparationsbedin­gungen. Immerhin seien in den Vereinigten Staa­te«, die wahrscheinlich das Haupthindernis für eine solche Regelung feien, vielleicht vernünftigere Kräfte am Werke.

Der Wert der von Deutschland ausgclicsertcn Schisse.

Paris, 23. Sept. (WTD.) Die Repara-» tionskommiffion veröffentlicht eine Rote, bertu- folgc in der 242. Sitzung her Kommission der Wert der von Deutschland in Ausführung des Anhanges 3 des Teils 8 des Friedensvertrages ausgelieferten Schiffe auf 7 4 5 Mil­lionen Goldmark festgesetzt worden ist. Don dieser Zahl sind gewisse Unkosten für Repa­raturen. Mieten und die Ueberführung abzuzielie«. Die hiernach sich ergebende Summe wird Deutsch­land gutgeschrieben werden. In'der genannten Zahl sind lediglich die vor dem 1 Mai 1921 aus­gelieferten Schiffe einbegriffen. Das Druttoton- nengehalt dieser Schiffe beträgt insgesamt 153 40Z Tonnen.

Völkerbund und Wirtschaftspolitik.

Genf. 22. Sepp (Wolff.) Der Völker, b u n d beauftragte angesichts der Schwierigkeiten in der Rohstoffeinfuhr die Wirtschastsabteilung des Wirtschafts- und Finanzausschusses einen "Be­richt über den Umfang des Rohstoffbedarfes und die Ursachen der Einfuhrschwierigkeiten abge­sehen von den bereits in Brüssel untersuchten Kredit- und Valuta-Verhältnissen - vorzulegen. Der Dölkerbundsrat trat heute zusammen, um von dem "Bericht Kenntnis zu nehmen, toor- auf er u. a. folgende Beschlüsse faßte: Der Be­richt ist noch in dieser Tagung der Völkerbunds- versamlung vorzulegen; besondere Ansmerksam- leit verdienen die Wirkungen, die künstlich- Aus­fuhrbeschränkungen und Ausfuhrzölle «Dtmcnbigcr Rohstoffe auf das Wirtschaftsleben anderer Län­der ausüben können. Angesichts der engen Bezie­hungen zwischen Lieferung und Verteilung von Rohstoffen und den Derkehrsverhältnisten. müssen die betreffenden Kommissionen die Verteilung und den Austausch des rollenden Materials in gewissen Teilen Europas beschleunigen; die be­ratende, ständige Verkehrs- und Transitkommis- fion wird zur Einberufung von Teil- und Lokal- konsercnzen aufgefordert, um die Verkehrsbezie­hungen zwischen den Staaten zu erleichtern, deren Transportmittel besonders desorganisiert sind. Der Dölkerbundsrat ist bereit, den Ländern, die ihn darum angehen, technische Deiräte zur Verfügung zu stellen; er hat bereits von einigen Regierungen derartige Gesuche erhalten.

Genf, 22. Sept. (Wolfs.) In der heutigen Sitzung der Völkerbundsversammlung wurde die Aufnahme Lettlands. Estlands Litauens in den Völkerbund mit der vorge- schriebenen Zweidrittel-Mehrheit beschlossen.

Weitere Kundgebungen gegen die Wiener Börse.

Wien, 22. Sept. Heute mittag fanden wieder Demonstrationen gegen die Börse statt, woran sich meist Front­kämpfer beteiligten. Die Demonstranten versuchten, in die Börse einzudringen, wurden jedoch durch das energische Einschreiten der Polizei daran verhindert, die etwa 40 Verhaf­tungen vornahm. Gegen 2 Uhr trat wieder Ruhe ein.

Eisenbahnerstreik in Wien.

Wien, 22. Sept. (Wolff.) Der Eisen­bahnerstreik auf den Wiener Bahnhöfen dauerte auch heute nachts an. Die ..Arbeiterzei­tung" veröffentlicht heute einen Aufruf der Zen­tralleitung der Eisenbahnergewerklchaft, worin es heißt:Die Verhandlungen zwischen der Regie­rung und der Organisation wurden mit vollem Erfolg beendet. Wir fordern daher alle Eisen­bahner auf, die Arbeit sofort wieder aufzuneh­men." Wie dasReue Wiener Tagblakt" mel­det, beschloß gestern die Versammlung der dienst­freien Telegraphen- und Telephon- Angestellten wegen Auszahlung von 4500 Kronen ein bis Freitag befristetes Ultimatum an die Regierung zu richten.

Das Ultimatum an Ungarn.

Wien, 22. Sept. Wie ein Funkspruch aus Rom meldet, ist das Ultimatum der Entente-Mächte bei der ungarischen Re­gierung eingetroffen. Die aufständischen Westungarn sollen beschlossen haben, das Land