Unterhaltung ♦ Erhebung ♦ Selchrung
(Ein Jubiläum des Kaffeehauses.
Da« Kaffeehaus als Geburtstagskind! Ein Dierieljahrtansend ist in diesem Hahre dahingegangen, seitdem das erste „(Safe“ auf dem Boden Europas entstand. 3m Jahre 1 6 7 1 wurde in Marseille nahe bei der Börse eine Wirtschaft eingerichtet, in der der „braune Trank Arabiens“, damals noch eine wenig bekannte Reuigkeit, gereicht wurde. „Man versammelte sich daselbst," heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, „um von Geschäften zu reden und sich mit Spielen ein Vergnügen zu machen, und es bekam dies Kaffeehaus in kurzem sehr vielen Zulauf, insonderheit von den türkischen Kaufleuten und solchen, die nach der Levante handelten. Sv entstand also das erste 3af6 aus dem Bedürfnis orientalischer Besucher des großen Handelshafens, die auch hier nicht auf ihr Lieblingsgetrank'verzichten wollten. Aber damit war die Bahn gebrochen, und der Siegeszuq des Kaffeehauses nahm seinen Anfang. Wie in Frankreich, so stand auch in Deutschland das erste Caf6 auf dem Boden eines Handelshafens. Der holländische Arzt Cornelius B o n t e k o e, der Leibmedicus des Großen Kurfürsten und ein leidenschaftlicher Vorkämpfer des Kaffeegenusses, veranlaßte die Gründung des ersten deutschen Kaffeehauses in Hamburg. 1683 folgte Berlin, 1687 Wien, 1692 Frankfurt a. M., und dort gab es 1698 sogar schon drei Kaffeehäuser. 3n Leipzig war das Caf6 1697 schon so eingebürgert, daß ein hochweiser Rat gegen die „ungebührlich eingeführten Tee- und Kaffeestuben" einschritt, in denen „nicht nur über die in der kurfürstlichen Polizeiordnung bestimmte Frist Gaste geduldet, sondern auch zu verbotenen Spielen, Aeppigkeit und anderen Lastern göttlichen und weltlichen Gesehen zuwider Gelegenheit geboten wurde“. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts ist das Cafs aus dem Leben und Treiben der großen Städte nicht mehr fortzudenken, und es hat sich seitdem in immer steigendem Maße in der Gunst des Publikums erhalten. Mit dem Kaffeehaus beginnt ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Kultur: eine neue verfeinerte Form der Geselligkeit tritt auf, und vom Kaffeehaus aus dringt der „braune Labetrank" in die wohlhabenden Gesellschaftskreise. Das „Frauenzimmerlexikon" des Amaranthes, dieser früheste Spiegel der deutschen Rokokokultur, nennt den Kaffee bereits ein Getränk, „das das Frauen- Smmer täglich zu sich zu nehmen pfleget". Gegen- rer den wüsten Anflätereien des Kneipenlebens erhebt sich das Caf6 als der Hort der feinen Sitte, und wie ein Symbol stellt in dem Studentenepos „Der Renommist" von Zachariä der galante Mode- studio den feinen Ton des Cafßs der derben Anmanier der Durschenkneipe als Muster auf.
Die Ausstattung der ersten Kaffeehäuser, die laute Bewunderung erregte und z. B. den „Kaffeebaum" in Leipzig zu einer Sehenswürdigkeit machte, ist gleich im Anfang dieselbe wie noch heute. Da findet der „Polite Galanthomme" die Zeitungen und Zeitschriften, um alle „kuriösen" Reutgkeiten zu erfahren. Ein Dillard steht für dieses damals Mode werdende Spiel bereit, und Kanapee wie Klavier, zwei Dinge, die bis dahin im Wirtshaus gefehlt hatten, werden als die @r- mingenschaften des Kaffeehauses umjubelt. Ratür- lich kann man auch hier sein Spielchen machen, und die ersten Kaffeehäuser sind auch zugleich die frühesten Stätten, in denen dem Modekartenspiel des Rokoko, dem L'Hombre, gehuldigt wird. Das Caf6 wird zum Mittelpunkt jene- gesellschaftlichen Lebens, das die bürgerliche Kultur des 18. Jahrhunderts herausführi. Hier versammeln sich die Freunde des „Witzes und der Gelehrsamkeit". die literarischen Kenner und Feinschmecker, und wie heute noch ist das Cafe von Anfang an der Liebltngsaufenthalt der Dichter und Schriftsteller. Michelet hat in seiner berühmten „Geschichte Frankreichs" dem Caf6 einen Hymnus gewidmet, weil es an dem Aufschwung der französischen Literatur im 18. Jahrhundert wichtigen Anteil habe. Hier fanden sich die G n z h- klopädisten zusammen, und intcr dem Einfluß des Kaffees, der „die Temperamente mäßigt, den Geist schärft und die Sinne klärt", wurden die Waffen für die großen Geistes kämpfe geschliffen. Ebenso feiert Macaulah die Kaffeehäuser als die Hauptorgane, durch die sich die öffentliche Meinung In der langen parlamentslvsen Zeit Karls II. geltend machte, und schildert uns den erlesenen KreiS der Künstler und Journalisten, die sich um den Tisch Johnsons im Kaffeehaus scharten. Auch in Deutschland wurde Reifenden und jungen Leuten der Besuch des Kaffeehauses als Der „Hohen Schule des Anstandes und der guten Sitten" empfohlen. „Schulen und Aniversitäten", heißt es in einem G e l l e r 1 s ch e n Lustspiel, „sind nicht halb so gut wie die schlechtesten Kaffeehäuser", und dem Fremden empfiehlt der „Hamburger Patriot" wenn er in eine Stadt kommt, „fleißig die allerberühmtesten Kaffeehäuser zu besuchen und sich dort seine Bekannten auszuwählen“. Auch Goethe rät, den Gelehrten und Kaufmann „in feinem Kränzchen oder Kaffeehause zu sehen". wenn man ihn richtig kennen lernen wolle. Schiller schreibt 1785 aus Leipzig, das Überhaupt eine Hochburg der Kaffeehauskultur war, ganz entzückt: „Meine angenehmste Erholung ist bisher, Richters Kaffeehaus zu besuchen, wo ich immer die halbe Welt Leipzigs beisammenfinde und meine Bekanntschaft mit Einheimischen und Fremden erweitere."
Das Ende des Odysseus.'»
Die hundert Freier der Königin Penelope waren erschlagen und ihre Leichen wurden, in Teppiche gehüllt, aus dem Festsaal getragen, einer nach dem anderen. Obgleich es schon gegen die Mitternacht ging, war das Haus nach dem furchtbaren Vorfall noch in voller Bewegung: die Fenster sttahlten in die Rächt hinaus, und Diener liefen hin und her. Man hörte, wie in der großen Halle das Blut mit Besen über die Steinfliesen nuSgefegt wurde.
3n dem hell erleuchteten Schlafgemach lag Odysseus neben seiner Gattin Penelope. And nach
•) 3m Verlag von Albert Langen in München ist von Victor A u b u r t i n unter dem Titel
„Pfauenfedern" ein unterhaltsames Bändchen launiger Stizzen erschienen, von denen „Das ide des Odysseus", obwohl der Stoff in ähnlich humoristischer Weise schon von anderen Schriftstellern behandelt worden ist, wohl die gelungenste ift
dem sie sich in Liebe wiedergefunden hatten, setzte er sich aufrecht und begann von seinem zwanzigjährigen Abenteuer zu erzählen: von der Heimfahrt und den Wunderdingen der fernen See. Aber als er bei Scylla und Charybdis ankam, merkte er, daß Penelope neben ihm eingeschlafen war. Da dachte er: „die Arme hat heute viel durchgemacht, ich werde ihr morgen weiter erzählen" und legte sein Haupt neben das ihrige auf die Purpurkissen.
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3n dem königlichen Palast war zunächst viel zu schaffen und zu richten, denn die jungen Leute hatten mit ihrem wilden Wesen alles in Anordnung gebracht. Odysseus entwarf einen Plan, ließ sich durch seine Verwalter Bericht erstatten und ging ans Werk.
Er ließ die große Halle mit neuen Marmor- platten belegen, um die letzte Erinnerung an den vergossenen Wein, aber auch an das vergossene Mut zu tilgen. Die Keller und Vorratskammern waren zur Hälfte leer und muhten neu ausgestattet werden: die Oelmühlen, früher ein Stolz der königlichen Wirtschaft, waren jahrelang nicht mehr benutzt worden und ihre WiederherstkÄung erforderte Zeit und Mühe.
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Darauf hatte Odysseus sich während seiner langen Heimfahrt am meisten gefreut, wie er alle diese Abenteuer seiner Gattin erzählen würde und wie sie begierig an seinem Munoe hängen würde, ihn mit Fragen unterbrechend.
Doch er mußte bald erkennen, daß sie keine so aufmerksame Zuhörerin war wie die Phäaken, die zwei Tage lang seinem melodischen Bericht gelauscht hatten.
Wenn er Penelope zu erzählen begann, arbeitete sie schweigend an den goldenen Mustern eines Tuches oder blickte zerstreut durch das Fenster: .einmal, als er eine Frage stellte, mußte er erkennen, daß sie die Lästrygonen mit den Loto- phagen verwechselte; und das schmerzte ihn, denn er hielt auf die Genauigkeit feines Erlebnisses, das er um so mehr liebte, je ferner es wurde.
Rur wenn er von der Rymphe Kalypso erzählte, schien sie aufmerksamer hinzuhören. And diese Teilnahme reizte ihn, so daß er jenen Teil feiner 3rrfahrt ausführlicher schilderte, die einsame 3nfel, den wunderbaren Hain, in dessen Bäumen die Seevögel nisteten, und die duftende Grotte der Göttin.
„Wie lange bist du bei dieser Kalypso geblieben?“ fragte sie ihn einmal.
„Sieben Jahre", antwortete er.
Sie beugte sich auf die Arbeit nieder und ihre Augen wurden dunkel.
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Einst als bei Tisch einer jener runden Ziegenkäse aufgetragen wurde, die es auf allen 3nfeln des Mittelmeeres gibt, mußte Odysseus still vor sich hinlachen. Sie fragte ihn nicht, was er hätte, und so fing er von selbst a«:
„Dieser Ziegenkäse erinnert mich an die Höhle des Polyphem. Er hatte davon viele Hunderte auf den Brettern, die an den Steinwänden entlang liefen. And als wir nun, meine treuen Gefährten und ich, in die Höhle eingedrungen waren, da sagte ich ...
„Mein Freund," unterbrach sie ihn, „du scheinst nicht zu wissen, daß du mir diese Geschichte schon viermal erzählt hast. 3d) kenne sie nun; wie ihr den armen alten Mann betrunken gemacht habt, wie ihr ihm — zehn gegen einen — fein einziges Auge geblendet .habt, das habe ich öfter gehört als mir angenehm war. Viel lieber mochte ich von dir erfahren, was du diese zehn Hahre bei Kalypso getrieben hast."
„Sieben Jahre", antwortete er.
„Gestern sagtest du zehn; du hast eben auf deinen Fahrten so viel lügen müssen, armer Freund, daß du auch jetzt die Wahrheit nicht mehr sagen kannst. Aber ob es nun zehn Jahre waren oder sieben, auf jeden Fall war es sehr lange und du scheinst dich dort wohlgefühlt zu haben; also antworte auf meine Frage: was hast du diese lange Zeit getrieben ?“
Jetzt hätte er ihr antworten müssen: „Weib, ich habe mich alle diese Jahre nach dir gesehnt; ich habe alle diese Jahre am Strande der fernen 3nfel gesessen, über das Meer geblickt und die Götter angefleht, daß ich nur noch einmal den Rauch deines Hauses sehen könnte."
So hätte er antworten müssen. Aber als er sah, daß ihre Augen kalt und hart auf ihn gerichtet waren, verschwieg er es. And nie hat sie von seinem großen Heimweh erfahren.
„3ch habe dort viel Wein getrunken," antwortete er ruhig, „der Wein jener 3nseln kst gut, wenn auch etwas sauer."
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Jahrelang hatte Odysseus eine kleine, blaue Meeresmuschel bei sich getragen, die von der 3n)el der Kalypso stammte. Dort hatte er wieder einmal am Strande gelegen und über die spritzenden Wellen der Brandung hinweg sehnend in die Ferne gesehen. Dabei hatte seine Hand im Sande gespfelt und die Heine Muschel gefaßt: seitdem trug er sie bet sich als Erinnerung an die Süßigkeit jener Stunden. Auch als er nach dem Sturm, der fein Floß zerschlug, tagelang auf dem Meere schwamm, war Die Muschel bei ihm, in seinem Gürtel gewesen.
Penelope bemerkte bald das kleine Ding, und wie lieb es ihm war.
„Woher hast du diese Muschelt fragte sie ihn.
„3ch habe sie von der 3nsel der Kalypso." „Dann verstehe ich, daß sie dir so lieb ist." Er beherrschte seine Angeduld. „Rein," sagte er, „du verstehst nichts, du denkst alles falsch." Sie warf ihre Arbeit hin und ging zur Türe. „Weib," rief er ihr nach, „wollen wir uns nicht aussprechen; soll der Dämon des Mihttauens sich zwischen uns festsetzen?" Aber sie machte schweigend die Tür hinter sich zu.
Abends vor dem Schlafengehen legte Odysseus die Heine Muschel auf das Gesims neben fein Bett. And als er eines Morgens aufstand, war sie verschwunden. Er suchte überall, während Penelope ihm schweigend zufah, und als er sie nicht fanD, rief er die ganze Dienerschaft zusammen und 6er- sprach dem, der chm die Muschel brächte, eine Mine Goldes.
„Brauche ich noch andere Beweise," sagte Penelope, „nun zeigt es sich, wie sehr du an allem hängst, was dich an die Dirne erinnert.“
Da faßte ihn der Zorn. „Sie ist keine Dirne: sie hat mir geholfen in den Jahren der Rot; und ich werde ihr meinen Dank bewahren."
„Dank, ich weiß wofür," sagte Penelope mit einem häßlichen Lächeln.
Odysseus bemerfte, wie ungünstig sie in diesem Augenblicke auHlgh, und wurde ruhig. „Du kannst
das nicht begreifen,“ sagte er, „aber ich werde mir die Heiligkeit meines Leidens nicht besudeln lassen."
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Run blieb er tagelang allein unten am Strande der See zwischen den Klippen. 3n seinen Beziehungen zum Meere hatte sich eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Zuerst, nach seiner Heimkehr hatte er das Gewässer nicht sehen wollen, in dem er so viel erduldet; damals pflegte er zu sagen, glücklich seiest du nur dort, wo die Leute das Ruder, das du über die Schulter trägst, für einen Spaten halten. Hetzt liebte er das Alee^ wieder und sah in den Steinen und lauschte auf das große Tonen der Brandung, bei dem ihm schmerzlich süß ein Gefühl der Kameradschaftlichkeit aufstieg.
And da mutzte er denken: wie hat sich doch alles gewendet; dort auf der 3nfel sehnte ich mich nach der Heimat; und nun ich die Heimat habe, sitze ich in der Wüste des Strandes zwischen den angeschwemmten Brettern der Flut und habe Heimweh nach der Heimatlosigkeit.
Aber in fabelhaftem Glanze leuchteten in seinem 3nnern all die Abenteuer der zwanzig Hahre auf, und während das erlöschende Auge den Horizont suchte, flüsterten, nur für ihn selbst, seine Lippen unaufhörlich den unsterblichen Bericht: von dem Kampf Der Könige, von Der nächtlichen Schifffahrt durch die Meerenge und von den 3nseln der Rymphen.
Jur Erfindung von Telegraph und Telephon.
3n der Dockenheimer Anlage zu Frankfurt am Main stehen, ganz in der Rähe des Eschenheimer Turmes, die Denkmäler zweier großer Männer. Das eine Ist das S ö m m e r l n g-, das andere das Reis-Denkmal. Auf dem Sockel des erstgenannten ist zu lesen, daß Sömmering der Erfinder des Telegraphen fei; das Erzbild Sömme- rings selbst hält in den Händen einen zierlichen Apparat und betrachtet ihn. Viele Menschen werden darüber erstaunt fein, daß Sömmering als Erfinder des elektrischen Telegraphen bezeichnet wird, weil sie mit Recht die berühmten Göttinger Professoren Gauß und Weber als die Erfinder des Radeltelegraphen (1832) und den Amerikaner Morse als Den Erfinder des Schreibtelegraphen (1843) ansehen. Sömmering ist insofern der Erfinder des elektrischen Telegraphen, als er zum ersten Male den elektrischen Sttom zur Rachrichtenüber- mittlung ausnuhte, während man vorher nur die optische Telegraphie kannte, die ja auch heute noch in ihrer vervollkommneten Form mittels Fernrohr und Scheinwerfer für kurze Entfernungen angewandt wird. Sömmering benutzte jedoch für feinen Zweck die chemische Wirkung Des elektrischen Stromes, insbesondere die Zersetzung des angesäuerten Wassers durch diesen; jede Zersehungs- zelle entsprach einem bestimmten Buchstaben, und Durch Betätigung einer fein ausgedachten Tastatur traten je yach dem gewünschten Buchstaben in den an der Empfangsstation aufgestellten Zellen diese oder jene Zeichen in Form von Gasblasen auf. Es liegt auf der Hand, datz schon der Amstand mit Den vielen Leitungsschnüren (es sollen Deren 25 bis 31 gewesen fein), die zum Betrieb des Telegraphen nötig waren, der Einführung der Erfindung in die Praxis hindernd im Weg stand. Eine prallische, elektrische Telegraphie ergab sich erst, als man die magnetischen Wirkungen des elektrischen Stromes zu diesem Zweck heranzog, wie es durch Gauß und Weber bei ihrem RaDellele- graphen, durch Morse bei seinem Schreibtelegraphen und durch Hughes (1855) bei seinem Drucktelegraphen geschah. Es mag wohl etwas Lokal- Patriotismus Dabei mitspielen, wenn die Frankfurter den Münchener Anatomen Samuel Thomas von Sömmering, der seine letzten zehn Lebensjahre in der Mainstadt verbrachte (er starb am 2. März 1830), als den Erfinder des elektrischen Telegraphen ansehen, doch muh man zugeben, daß seine 3dee als solche von unschätzbarem Vorteil für die Entwicklung der Telegraphie war; durch das Eingreifen des Erlanger Gelehrten Schweigger wäre sogar der elektrochemische Telegraph in einer praktifcheren Form beinahe als Konkurrent mit dem elektromagnetischen Teleg.^phen aufgetreten.
Anumstrittener als Sommerings Verdienste um Die Telegraphie sind diejenigen des Friedrichsdorfer Lehrers Philipp Reis um die Tele- phonie (1861); fein oben erwähntes Denkmal ist vor wenigen Jahren errichtet worden und stellt in seiner Ausführung ein Kunstwerk Dar. Der Geburtsort des Erfinders ist Gelnhausen, wo man ihm auch ein würdiges Denkmal errichtet hat; Reis wurde Lehrer an dem Garnierschen 3nftitut zu Friedrichsdorf bei Homburg v. d. H., und man kann sich nicht genug darüber wundern, daß bei den beschränkten Mitteln einer so Heinen Schule eine so hervorragende Erfindung wie diejenige von Reis zustande "kommen konnte. „3n der Beschränkung zeigt sich erst der Meister", und Reis ist ein wahrer Meister gewesen. Zwar ist auch seine 3dee mit dem gespannten Trommelfell, das durch seine Schwingungen einen elektrischen Strom abwechselnd schließt und öffnet, und feine Eisennadel, die ihre elektromagnetische Erregung und Entmagnetisierung in Schallschwingungen umseht, für praktische Zwecke nicht verwendbar gewesen,aber sein Sendeapparat ist im Prinzip unser heutiges Mikrophon, und sein Empfangsapparat im Prinzip unser heutiger Hörer. 3hm ist als Erstem eine wirkliche elektrische Lautübertragung gelungen, und mit seiner primitiven Apparatur (die Originalapparate sind noch heute im Deutschen Museum zu München zu sehen, telephonierte er unter Assistenz eines seiner Schüler mit sicherem Erfolg zwischen seinem physikalischen Kabinett über Den Schulhof bis zu einem Dahinterliegenden Garten; die Empfangsstatton war auf einem Zwetschenbaum befestigt. Als Reis im Hahre 1874 starb, war seine Erfindung in Deutschland, wo man sie für eine Spielerei gehalten hatte, längst vergessen. Richt so in Amerika. Dorthin war die Kunde von Reis' Erfindung gedrungen, und nicht lange dauerte es (1876), bis durch Graham Dell das Problem der elektrischen Telephonie prakttsch gelöst wurde, wenigstens insofern, als er einen praktischen Hörapparat geschaffen hatte, und als Hughes, der oben erwähnte Erfinder des Drucktelegraphen, im Jahre 1878 auch noch das „Mikrophon" erfand, war das Telephon bald fähig. Hunderte von Kllometern zu überbrücken.
Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man die Denkmäler jener beiden schöpferischen Männer ömmering und Reis so nahe beieinander bc-1 wundern darf, an einer Der verkehrsreichsten Stel- [
len Frankfurts, mitten im Großstadtgetriebe, auf das die beiden Erfinder herniederschauen, als ob sie sagen wollten: „Wir haben euch Menschen gern unsere Dienste geweiht und euch Opfer gebracht; helfet alle mit, daß Wissenschaft und T«h- nik weiter fortschreiten, dann erfüllet 3hr wahre Dankbarkett gegen uns." CH.
Dielefelds 700. Jubiläum.
Die Stadt Bielefeld begeht in diesem Jahre Daö Jubiläum ihres 700jährigen Bestehens als Stadt, und aus diesem Änlah bringt die Zeitschrift „Riederfachfen" ein umfangreiches Heft heraus, in dem Geschichte, Kultur, Volkskunde, ^uust und Handel der Stadt dargestellt werden. Wie Pros. Rudolf Schrader in seinem einleitenden historischen Aufsatz ausführt, begegnet der Rame Bielefeld, „Bilivelde", zum ersten Male 1015, und zwar bedeutet das Wort wahrscheinlich „F^ld am Passe des Berges" oder „Feld am Hügel". Wann dem neuen Ort Stadtrecht verliehen wurde, läßt sich nicht genauer feststellen. Doch wird Biele- i vUer^ am 10. Mai 1221 Oppidurn genannt, und deshalb wirb das Stadtjubiläum in diesem Bahre begangen. Bald begann sich auch das gewerkschaftliche Leben zu entwickeln. 1309 werden zuerst in einer Arkunde Otto IV. Gewandschneider und Wollenweber erwähnt: der Grund für die blühende Textilindustrie ist also gelegt: doch blieben noch bis ins 17. Jahrhundert hinein die landwirtschaftlichen 3nteressen im Vordergrund. 3m Bahre 1346 starben Die Grafen von Ravensberg aus. Die Die Stadtherrn der Stadt gewesen touren; Stadt und Grafschaft fielen an die Grasen Don Hülich. Die neuen Stadtherren kamen nur selten nach der Grafschaft Ravensberg, sondern liehen sie durch Statthalter, Droste, verwalten, und die Stadt erlangte dadurch mehr Selbständigkeit, gehörte auch von 1380—1614 der Hansa an. 1511 kam die Stadt an Johann von Cleve, der 1521 auch die Mark übernahm. Dadurch wurde Bielefeld mit der Außenwelt politisch näher verbunden. Die Reformation drang erst spät ein, weil Der Herzog von Cleve, Der Stadtherr, der neuen Lehre feindlich gegenüber stand. Erst das Wirken Hermann Hamelmanns, Der von 1553—54 Prediger an Der Reustädter Kirche war, verhalf dem Luthertum zum Siege, und damals wurde auch die erste höhere Schule, das Gymnasium, gegründet. Als der letzte Herzog von Cleve 1609 starb, tourde auch Bielefeld in den Srbfolgestreit zwischen Brandenburg und Pfalz-Reuburg gezogen, und erst 1647 setzte der Große Kurfürst durch, Da,b ihm Ravensberg mit Bielefeld zugefprochen wurde. 3m Rovember 1647 besuchte der neue Herr die Stadt und hat oft und Hern in ihr ge- toeilt, um vom Sparenberge aus auf sein „Spinn- und Leinenland" herabzublicken. Denn damals war der Garn handel, Der sich zu Anfang deS 16. Jahrhunderts entfaltet hatte, bereits in voller Vlüte. Das Bielefelder Leinen erhielt Weltruf; jedoch lag in der Stadt selbst nur der kaufmännische Betrieb, während hauptsächlich auf dem Lande gesponnen und gewebt wurde. Anter Friedrich dem Großen blühte Der Leinenhandel immer mehr auf; sein Wert belief sich 1789 schon auf 600 000 Taler. Das 19. Jahrhundert hat Der Stadt Dann einen beispiellosen Aufschwung gebracht, nachdem sie durch Einführung Der Maschinenfabrikation Die irische unD englische Konkurrenz aus Dem Felde geschlagen hatte. Rach 1860 wurde die Wäscheindustrie ins Leben gerufen, die die Grundlage für die Rähmaschinen- herstellung abgab; nach 70 erwuchs die Fahrrad- und daraus wieder Die Automobil-3ndustrie; nebenher entwickelte sich eine bedeutende Plüsch- unb Seidenindustrie. So ist heute Die Jubilarin ein Mittelpunkt hohen Gewerbefleißes, und sie beweist durch ihr schmuckes Aeuhere, daß auch ein 3nduftrieort ein anziehendes Stadtbild bieten kann.
Merkwürdige Bärenjagden.
Welches ist das gefährlichste Hagdtier bi Europa? So fragt der englische Jäger und Romanschriftsteller Hesteth-Prichart, und er fl^bt Die Antwort, daß mit Ausnahme des Wolfes, der nur in großen Rudeln eine Gefahr bedeutet, das einzig wirklich gefährliche Hagdtier der braune Bär ift Wir glauben gewöhnlich, datz der Bär, mit dem die alten Germanen so erbitterte Kämpfe geführt haben, im zivilisierte» Europa ausgestorben sei. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Wo es noch abgelegene, gebirgige Gebiete gibt, wie in Rorwegen, Rußland, Lappland, Spanien und Frankreich, da ist auch der grimme Meister Petz noch in ungebrochener Wildheit anzutreffen. Aber nachdem ganze Generationen feiner Vorfahren der Kugel des Jägers zum Opfer gefallen sind, ist er sehr schlau geworden und ein ganz anderes Geschöpf, als das, das die allen Deutschen mit dem Speer jagten und vor dem sie einen großen Respekt besahen. Trotz unserer toeittragenden Gewehre ist der Bär immer noch ein furchtbarer Gegner, besonders wenn man ihm unbewaffnet ober überraschend sich gegenüber sieht. Der braune Bär ist sehr viel größer als man gewöhnlich annimmt. Es gibt authentische Berichte, Die sein Gewicht auf 800 bis 1000 Pfund angeben, und aufrechtstehend erreicht er eine Höhe von sechs Fuß und mehr. 3n den Gebirgsgegenden Spanien- gibt es noch immer kühne Männer, die Bewohner gewisser Heiner Dörfer, die dem Bären nach altüberlieferter Weise mit Speer und Messer zuLeibegehen. Sellen jedoch findet ein frem- oer Besucher in den schwarzen Bergen des nördlichen Spanien Gelegenheit, einem solchen Kampf des mutigen Bergjägers mit dem Bären beizuwohnen. Auch in Rußland gab es — wenigstens in den Zarenzeiten — eine sehr merkwürdige Form her Bärenjagd. Sobald der Winterschnee gefallen war. suchten die Häger nach Bär en spuren, um das Winterlager Meister Petz' aufzufinden. Das Lager wurde bann mit einem runben Kreis umgeben, damit es sichtbar blieb, und nun fuhr der Häger nach Petersburg, nm dort seinen Bären, noch lebendig, zu verkaufen. Die Sportsleute drängten sich dazu, solche Bären nachgewiesen zu erhalten, besonders, wenn sie sich in der Rähe Der Stadt befanden, d. h. nur vier oder fünf Tagereisen entfernt Dann brach die Hagdpartie von dem nahegelegenen Dorf auf; die Bauern jagten mit Feuer und Geschrei den Bären aus feiner Winterwohnung, und Dann hatte der Häger leicht schießen. Wenn er den Bären traf, brauchte er nur nach dem Eigengewicht Des Bären zu bezahlen, der freilich manche Puds wog. Fehlte er aber Den Bären, Dann mußte Der Petersburger Herr auch noch das Gewicht des Hägers und der Treiber dazu bezahlen, wodurch die Rechnung be* trächllich anwuchs.


