Nr. (95 Zweites Blatt Lietzener Anzeiger tSeneral-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 22. August 1921
Die Schuldfrage.
jäte Sondernummer über die .Schullstraye i$ LiAlich in dem Mitteilungsblatt der Liga 4HBi Schutze der deutschen Kultur .Die Liga" .Verlag bei Stulturliga. Berlin W 35. Lühow- 'aabc 107) herausgebrachl worden, welche hervor- . agenbe Aufsätze von betonten Kolititern und ^tflorilern enthält.
Den Reigen eröffnet bet Leiter der Liga Dr v -i m Berg mit einem Aufsatz über Friebens- vertragsaufklärung, in welchem er in wenigen, aber überzeugenden Sätzen auSeinanbe rieht, wie ungemein wichtig die Ausgabe ist. das deutsche Polt über den Friedensvertrag und die Schuld- hufle aufftullaten Mit Recht betont Dr. vom Berg baß .bcw ganze Bolt zusammenftehen muh. um noch ,u retten, was zu retten ist. eS handelt «ich nicht um gelegentliche Demonstrattonen und ^loieste. sondern es bandelt sich um den harten nbred)baren Willen, baß wir uns nicht selbst lufgcben". Die Friebensvettragsaufklärung fenn- ■ ei ebnet Dr vom Berg treffend mit den Worten 3ie ist ein ^inhämmem und Härten des Willens zur Selbstbel-auptung." Darin sieht er die wich igste Ausgabe aller Parteien und aller über- parteilichen und wirtschaftlichen Organisationen
3n einem Einführungsartikel zur Gchuldsrage charakterisiert der sozialdemokratische ehemalige 5laat6mintftcr Dr. ©übe! um in ausrüttelnden Worten, wie noch immer zahlreiche Angehörige in unserem Dolle in stumpfer Gleichgültigkeit und über Gesinnungslumperei in den Tag hineinleben, unbekümmert um den Inhalt und die moralisch politischen Folgen des GewaltsriedenS von Der- lailleS Auch geißelt er die weltentrückten Träumer, die, in einen verstiegenen InternationaliSmuS 'erfunten, einer unter der Peitsche des sranzö- ftfchen Militarismus in den ©taub sinkenden Welt die Botschaft der Bruderliebe predigen.
In einem weiteren Artikel bringt der durch lerne verschiedenen Schriften über die Schuldfragc bekannte Oberst ©chwertsegerdie Grundlagen der Schulderörterung Schwer tfeger geht bei seinen Betrachtungen von der bekannten Aeuße- mng Llohd Georges aus, bah der Dersailler Ftte» öenSveitrag hinfällig wird, wenn feine Grundlage, die alleinige Schuld Deutschlands am Kriege, aufgegeben werden muh. Daß das deutsche Dolk an keinen Angriffskrieg gedacht hat, motiviert Schwertfeger damit, bah er sagt: Dur der Gedanke des DerteidigungSkriegeS gegen unvermeidliche Angriffe von allen ©eiten hat 1914 die wundervolle gemeinsame Abwehr geschaffen. ^Icberhaupt versteht es Schwertfeger, in seinem Artikel die psychologischen Momente bei der ©chuldfragen- crörterung, sowohl wie bei der Frage der Kriegsverbrechen, hervvrtreten zu lassen.
Der ebenfalls als Mitarbeiter des Grafen Brvckdvrff und Publizist in der ©chuldfrage bekannte Hero von Bülow bringt einen Aufsatz über die friegdiretbenden Kräfte und die Gesamtlage Europas 1914 Bülow führt in seinem Artikel aus, hab der Krieg gewissermaßen historisch durch die Gegensätze zwischen fast allen Großmächten herbeigeführl worden ist, daß aber diese Gegensätze den eigentlichen Ausbruch des Krieges nicht entfesselt haben. Bei der Gegenüberstellung der beiden Bündnis gruppen, bringt Bülow zum Ausdruck, daß der Drei-Bund nur die Haltung deS Bestehenden erfaßte, während bie Entente namentlich nach dem Hinzutreten Englands mehr alS politische Geschäftsgemeinschaft gekennzeichnet werden muh.
Zwei umfangreiche, die letzten Deroffenllichun- gen nutDcrtoertenbe Aufsätze über die Kriegsschuld Frankreichs und Englands von Dr. Ernst ©auerbetf, dem Leiter der Zentralstelle zur Erforschung der .Kriegsursachen, bilden wohl den Hauptteil der überaus interessanten Zeitschrift.
Sauerbeck weist nach und versteht es treffend, seine Behauptungen mit den Aeußerungen der politischen Figuren Frankreichs zu belegen, daß die Legende von dem heimtückischen, unerwarteten Lieberfall Frankreichs durch Deutschland bereits in sich zusammengebrochen ist. So hebt Sauerbeck geschickt hervor, daß der verantwortungsvollste Vertreter der Poincaröschen Politik im Ausland, der französische Botschafter Palsologue in der „Revue De deux Mondes" gestanden hat, daß er den Dvtschafterposten in Petersburg erst übernahm. al6 Diviani versprochen hatte, die französische Politik ganz aus den Krieg einzustellen. WaS bie Juli-Krise 1914 anbetrifft, so erwähnt Sauerbeck. daß bie Botschafter Frankreichs in
Petersburg. London und Berlin, lange vor den entscheidenden Tagen nicht nur durchaus nut dem Krieg gerechnet patten, Sondern sogar, wie es Jules Sambon auSbrückte diese Lieberzeugung zum Grundsatz ihres Handelns machten
Während Frankreich ton Sauerbeck stark zerrupft wird, lommt England etwas belfer fort. Sauerbeck führt aus. bah England die einzige der Enentemächte war. bie ein offenkundiges aggressives Kriegsziel nicht gehabt bat. Seine Motive lagen mehr auf dem Gebiet der Eifersucht, welche den Gedanken nahelegten, den Gegner durch daS einzig mögliche Mittel, den Krieg, an weiterer Kraftentfesselung zu verhindern. Englands Schuld in der Juli-Krise formuliert Sauerbeck dahm- gehend. daß England zwar eine ganze Reihe von Dermittlungsvorschlägen gemacht hatte, aber nicht die entschÄdenden Worte fand, um seine Bundesgenossen vom Kriege zurückzuhalten.
Stockholm 19. Aug. lWolff.) Der frühere Reichskanzler Hermann Muller äußerte in einem Interview, es sei zwecklos, ständig an der ©chuldfrage zu rühren Wenn auch bedauerlicherweife die Franzosen und Belgier dem diesjährigen Kongreß der Interparlamentarischen Union fernblicben, bestünde doch fein Zweifel, daß sie bald wieder an Der Arbeit teil- nehmen würden, zumal da deutsche und iranzösi- sche Sozialisten bereits im März in Amsterdam zusammengetrvffen seien. Der )rubere Rsichs- minifter Köster lehnte ebenfalls das Ansinnen eines neuen deutschen Schuldbekenntnisses ab. Diese Frage gehöre nicht auf einen internationalen Kongreß.
Einkommenserhöhung.
Es ist selbstverständlich, daß die wirt- schastlichc Notlage den Einzelnen veranlaßt, sich nach einer Sinkommenserhöhung durch Nebenverdienst umzusehen. Es ist auch nicht weiter verwunderlich, daß auf die wirtschaftliche Notlage und die Suche nach Nebenverdienst von anderer Seite spekuliert wird. Vielfach werden dazu ganz raffinierte Systeme benutzt, die man nicht ohne weiteres durchschauen kann. Hierher gehört das Renten- system von Spar- und Darlehens» ge se ll scha f te n, die hinter Anzeigen verschiedener Tageszeitungen stehen, die mit verlockenden Worten „Einkommenserhöhung", „Guten Nebenverdienst", „Müheloses Einkommen" vorsprechen. Der „Gießener Anzeiger" hat von jeher zum Schutze seiner Leser die Aufnahme solcher Anzeigen abgelehnt. Aber der Kundenfang, der mit derartigen Anpreisungen betrieben werden soll, beschrankt sich nicht nur auf den Weg der Tagespresse. Er sieht auch die persönliche und schriftliche Kundenwerbung vor. Das sogen. Lawinenshstem besteht darin, daß der Nebenverdienstsuchende einer Kasse beitreten und sich für 20 Jahre lang zur Einzahlung eines bestimmten Monats-, Vierteljahrs- oder Jahresbeitrages verpflichten muß, der nach Ablauf dieser Frist mit Zinsen zurückgezahlt wird. Jeder Kunde hat bei seinem Eintritt einen einmaligen Kostenbeittag von 3 Mk., eine Ausferttgungsgebühr von 1,50 Mk., eine Stempelabgabe von 1,50 Mk. und eine Vermittlungsgebühr von 2 Mk. zu bezahlen. Nun wird der neu gewonnene Kunde durch ein „Nentenshstem" veranlaßt, für seine „Gesellschaft" Reklame zu machen, indem ihm für die zweifelhafte Werbung jedes Kunden eme Prämie versprochen wird, die den eigentlichen Verdienst ausmachen soll. Zu dieser Werbung muß er aber von vornherein hundert Werbebücher zum Preise von 32 Mk. beziehen und mit einem Portoaufwand von 15 Mk. versenden oder Anzeigen aufgeben, die ihm auch nicht billiger zu stehen kommen, wobei der Erfolg seiner Werbung und damit sein Nebenverdienst höchst zweifelhaft bleibt. Die auf die einzelnen Kunden zur Vertellung gelangenden 50 Prozent des ReinverdiensreS sind bei der I wahrscheinlich außerordentlich großen Zahl der • „Stammkunden", die sich mit der Gesellschaft I eingelassen haben, auch nicht hoch zu ver
anschlagen. Auf jeden Fall ist vor dent „mühelosen Nebenverdienst- ernstlich zu war- nen. Wer sich darauf cinläfct, wird eher sein Geld riskieren und sich unangenehmen Der pflichtungen unterziehen, als sich eine bequeme Rente erwerben.
Noch verwerflicher ist die Beteiligung an „Spor tbanken" und „Wettkonzer- nen". die bis nach Oberdcssen hinein ihre Werbeprospekte verschickt haben. Zu ihrer Kennzeichnung genügt es, nachstehend einen Absatz aus dem uns vorliegenden Werbeprospekt des „Karl-Köhn-KonzernS" abzu- brüden, der vor wenigen Tagen gleichzeittg mit ähnlichen Sportbanlen zusammengebrochen ist. Es heißt darin:
Für alle diejenigen Personen, welche nicht selbst wetten tooHcn. aber Dennoch den Wunsch hegen, ohne Mühe und Risiko zum Wohlstand zu gelangen, bietet sich durch unser Unternehmen die beste Gelegenbeil. Armut ist eine Krankheit, eine Zuchtrute, welche die Menschen zu Sklaven mach! ihnen die Rübe, das Glück, den 'Frieden und die Freiheit raubt Ebenso ist eS mit dem sogenannten Rech! Wer Geld hat. kann sich vor vielen Gefahren, gegen bestehende Gesetze zu her- stoßen, schützen i nb nm er wirklich mal mit den Gesetzen in Konflikt, so wird er immer im Vorteil fein gegenüber dem Mittellosen An die sogenannte Gerechtigkeit, geübt durch Gesetz, glauben doch wohl Die wenigsten Menschen, da wir leider immer noch fein .Deutsches Recht" haben, das dem lebendigen Rechtsempfinden und der gefunden Vernunft des Menschen entspringt und Rechnung trägt. Das heutige Gesetz schützt nur das Kapital und den Besitz: der Mensch als Person ist rechtlos und ein Verdammter, wenn er arm ist. Der arme Mensch ist nach Anschauung unseres heutigen Gesetzes zu jedem Verbrechen fähig und steht immer in schlechtem Verdach' Bei Reichen das Gegenteil!
Der- Besitzende wird immer im Vorteil sein, er hat eben mehr Recht, b. h. Geld als Hilfsmittel, sich Recht zu schassen. Deshalb sollte niemand versäumen, wenigstens zu versuchen, sich einen gewissen Wohlstand zu verschaffen. Es gehört allerdings „Mut und Vertrauen" a 1 s die Vorbedingungen zum Erfolge: zur llebertoinbung der Armut und des Unglücks dazu!
Wer mit solchen Argumenten arbeitet, kann keinen Anspruch darauf machen, als ein reelles Unternehmen angesehen zu werden, abgesehen davon, daß es beim Rennsport keine „Geheimnisse" gibt, die ein eingezahltes Kapital innerhalb von 2 Monaten sich verdoppeln lassen. Selbstverständlich hat die pflichtbewußte Presse auch in diesem Falle sich den gefährlichen Anzeigen dieser Unternehmungen verschlossen. Wem es aber auf etwas mehr oder weniger Schwindel nicht ankam, um mit „spielender Leichttgkett" Geld zu verdienen, wird bei dem Zusammenbruch der Spvtt- banken den Schaden haben. Anderen mag er zur Warnung dienen.
Die Affäre der verttachten Spvttbanken dürfte übrigens in diesen Tagen in ein neues Stadium treten. Bei der Staatsanwaltschaft HI in Berlin hat sich eine Anzahl von Personen aus Dresden gemeldet, bie sich durch den Zusammenbruch des Köhn-Kvn- zerns geschädigt fühlen und Strafanzeige wegen Betruges erstattet haben. Die Staatsanwaltschaft hat, wie wir hören, das Anklageschreiben der Dresdener Kläger entgegengenommen und ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Summe, um die sich die An- | zeigenden geschädigt fühlen, beläuft sich auf rund eine Million Mark.
Aus Stabt unb Laub.
Gießen, den 22. Aug. 1921
Hessische Heimatliteratur.
Heimatdichtung ist, wie bie Zentralstelle zur Förderung der Volksbildung unb Jugendpflege in Hessen schreibt, jener Bestanbtell innerhalb der nationalen geistigen Produktion, her am innigsten
mit dem besonderen Gefühls- unb EttenntniSwerl .Heimat verknüpft ist. In der großen Dichtung strebt der Deist in angemessene Weiten, aber auf der anderen Seite hat er em dringendes Verlangen. fid) fest anzusiedeln auf der engeren Vater- und Muttererde Er weiß gerade von seinen Ausflügen in fernste Zonen deS Denlen- unb Wissens her, die Warme. daS Eingcfchlos'ene, die Hausfreude in der Beziehung zur nächsten Heimat zu schätzen. Gerade loeil so viel AuSflie- ßendes und Unbegrenzte# im Deutschen ist. wird ihm das Umhegte unb selbst das Enge des echten HeimatgcfühlS zu einer Notwendigkeit In seinem Verhältnis zur Heimat lieqt fast etwa» Religiöses unb es ist eine der heimlichsten Süßigkeiten der deutschen Sprache, daß sie die Worte .Heimat und .Himmel" von der gleichen Sprachwurzel ..himan" (bebeden) ableitet
Heimatdichtung soll nicht ausschließlich nach den groben literarischen Maßstäben gewertet werden. Das Wichtigste ist in ihr bie D?z,ebung zur heimatlichen Erde, zu ihrer Lanbfchaft. ihrer ®e- Schichte, zu ihren Menschen, zu Sitte und Brauch, zu Kunst unb Bauweise Manches mischt sich Innern, was vor strengsten Anspritchen nicht bestehen kann. Aber es gibt in ihr auch viel stilles, reifes Können ehrliche'' Art. Wer Gelegenheit gehabt bat. alte Gemeindebibliotheken burchzusehen, w'e sie sich gerade in Hessen aus der Mitte bes vor, - gen Jahrhunderts noch erhalten haben, der wirb sich eingestehen müssen, daß daS heutige VolkS- ’inb Iugenofchrifttum sich oft mit diesen alten Sachen nicht messen kann.
Aus den großen Vorräten hessischer Heimatdichtung das Gute und Brauchbare heravSzu suchen, als zuverlässiger Führer durch ihre Schätze zu bienen, das hat sich baS „Verzeichnis Hessischer H e l in a 11 i t e r a t u r" vorgenommen da» die „Zentralstelle zur Forderung her Volks' bildung unb Jugendpflege in Hessen" heraus» gegeben hat Es ist bearbeitet von Bibliothekar Philipp Weber sDarmstabt) und enthält in bet Hauptsache erzählende Dichtungen, wie sie dem Be burfnis weiter Volkskreise angemessen sind Abei die Grenzen sind gerade auf diesem Gebiete lehr schwer zu ziehen Oft stehen geschichtliche unb biographische Werke den erzählenden so nahe, oft liegt auch das Heimatliche mehr in Sinnesart und Dar- stellangsweise des Verfassers, als in den vor- geführten Personen und Oertlichkeiten. Deshalb hat das erwähnte Verzeichnis nach dieser Seite hin über sein engeres Gebiet hinausgegriffen und glaubt so in tunlichster Vollständigkeit die Werke gesammelt zu haben, aus denen bie Zauberkräfte frischen Heimatgesühls geschöpft werben können. Sie find unS zum Wiederaufbau nötiger als je Die Menschen von heute sind vielfach seelisch entwurzelt. Die antäische Berührung mit geistiger Heimaterbe ist dazu berufen, ihnen wieder Stand und Boden zu geben, Lust zum Wirken unb Vertrauen auf bie fern hafte Tüchtigkeit unseres Volkes, bie bie beste Gewähr für unsere Zukunft ist. Interessenten erhalten baS Verzeichnis hessischer Heimatliteratur kostenlos von der Zentralstelle zur Förderung dec Volksbildung und Jugendpflege in Hessen, Darmstadt, Wilhelminen- sttaße 3.
Landkreis Gietzen.
T Quedborn, 20. Aug. Sine rege Bautätigkeit herrscht in diesem Jahre hier, ja es wird mehr gebaut wie in drei VorkttegSjahren zusammengenommen. Der eine Landwirt vergrößert seine Stallungen oder baut die Scheuern größer, der andere baut das Wohnhaus um, auch einige Neubauten sind entstanden. Neue Einfriedigungen der Hofreiten unb Gärten, neue Tore werden errichtet, die Höfe neu gepflastert Man sieht überall Wohlstand bei den Landwirten
Kreis Lauterbach.
rr. © ch l i tz . 20. Aug. An die Stelle von Geh. Iuftizrat W a h 1, der 32 Jahre lang al« aussicht- | führender Richter am hiesigen Amtsgericht tätig war. tritt mit dessen Ruhestanbsversetzung am 1. Oktober durch Verfügung des Hessischen Justizministeriums Amtsrichter Ludwig Schneider.
rr. Schlitz, 20. Aug. Die Schüler der hiesigen höheren Bürgerschule machten gestern ihren Tagesausflug. Die oberste Klasse nach Eisenach unb bet Wartburg, die anderen Klass«, nach verschiedenen Zielen im Vogelsberg.
Kreis Friedberg.
Austeilung eines Uebunysplatzes.
Vilbel, 19. Aua. Die Verhandlungen bet Gemeinde mit bet Reichsvermögensverwaltung
Die Rothersteins.
Roman von Erich Eben stein. Copyright 1919 by ©reiner & Eomp., Berlin W 30.
34. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
.Ich fanb noch nicht Zeit, bie letzten Rechnungen burchzusehen," sagte Rüdiger unb wickle verloren vor sich hin.
Wie unrecht hatte er Do getan! Er schämte sich, wenn er daran dachte, mit welch häßlichem Mißtrauen er ihr vorhin hierher gefolgt war. Und das wenigstens konnte keine Äomöbic sein, denn niemand wußte ja um ihre Tätigkeit hier, unb sie wollte auch nicht, bah barüber gesprochen wurde.
Do hatte inzwischen mit Trinas Hille bie zweihundert Eier, bie allwöchentlich Sonntags zum Händler geschafft würben, abgezählt, jebes Stück geprüft und bann sorgsam in Häcksel werpackt.
Run schritt sie, leise ein Liedchen vor sich herträllernd, in den Park hinaus, über besten '»erbstliche Farbenpracht bie ausgehende Sonne eben ihre ersten Strahlen sandte.
Aber he war noch gar nicht weit gekommen, ais sie plötzlich Rüdiger erblickte, der hier wartend auf und ab schritt.
Die immer, wenn sie ihm unvermutet irgendwo begegnete, gab es ihr einen kleinen Stich in der Brust unb ihre Wangen färbten sich rot.
„Du bist schon auf?" fragte sie nach der ersten Begrüßung befangen Willst du denn schon' )o früh zu deinem neuen Fabrikbau hinaus?"
„Dies ist für später allerdings meine Absicht Vorher aber hatte ich anderes zu tun," antwortete er lächelnb, „id> wollte mich doch einmal persönlich überzeugen, wie bie neue Mamsell ihren Verpflichtungen in der Molkerei nachkommt."
Do fuhr bestürzt zusammen.
.Du warst dort ?' fragte sie rasch und sah beklommen m sein Gesicht
„Za, aber ich habe die Mamsell nicht gefunden, sondern eine — andere! Unb bann habe ich hier auf dich gewartet» um dich zu fragen; Warum
tust du baS, Dorothea? Du bist bvch keine Magd aus Grafenegg I"
.Aber das macht mir bvch Freude . . unb bie Mamsell kann wirklich nicht dafür, Rüdiger' Du barffi sie nicht schelten, ich trug es ihr ja selbst an . Ich war so glücklich, mich etn wenig nützlich machen zu können . .“
„Unb auf biese Weise dein Brot hier nicht umsonst zu essen!" unterbrach er sie bitter. .Sage es doch grab heraus; Dies war der eigentliche Grund. Du bist sehr stolz, Dorothea — fast bis zum Hochmut!"
„Nein," sagte Do ruhig, .hochmütig bin ich gewiß nicht, unb ich gebe bir mein Wort, baß ich nicht im entferntesten daran dachte, aus diese Weife zu bezahlen, was ich von euch erhalte. Aber erstens habe ich ein wirkliches Bedürfnis nach Tätigkeit und bann . .
»Nun? Was noch?" e
»Dann dachte ich auch daran, daß du gesagt hattest, es solle gespart werden, ilnb in der Molkerei wurde nicht gespart, so wenig wie in machen anderen Zweigen der Wirtschaft, die ausschließlich der Kontrolle der Mamsell unterstanden. Der Meier kann bir bas bestätigen. Er behauptet sogar, baß. wo ich nur an Nachlässigkeit dachte, für fremde Taschen gearbeitet wurde. Dieser Möglichkeit wollte ich für künftig Vorbeugen
„Mit einem Wort — du wolltest sparen helfen unb mich in meinem Bestreben, bie Erträgnisse der Wirtschaft zu heben, unterstützen?" tagte Rüdiger nach einer kleinen Pause gerührt
Do sah mit einem klaren, warmen Blick zu ihm auf.
,3a. ilnb ich wäre bir so bantbar, wenn bu mir erlaubtest, auch weiterhin —"
»Aber bas kann ich doch nicht annehmen. Dorothea! Diese Tätigkeit kostet bich Zeit und Mühe, sitz geht auf Kosten deines Schlafes und entspricht außerdem doch nicht deiner Stellung."
.Ach, wer fragt danach bei — mir!“ unterbrach sie ihn rasch. .Es braucht es ja niemand ju wissen. Und mir würdest bu so viel damit
geben! Es ist schrecklich, so ganz unnütz dahm- zulebsi!“
Der Ton, in dem sich die ganze innere Verlassenheit ihrer Seele unbewußt ausdrückte, griff ihm ans Herz. Er zertte an seinem Schnurrbart unb sagte endlich leise: »ilnb boch willst bu fort von hier? Warum das, Dorothea, wenn diese Tätigkeit dich wirllich beglückt?"
Sie wechselte die Farbe unb schwieg.
„Nun, willst bu mir nicht sagen, warum bu bich trotzdem nur als Gast hier fühlst unb Grafenegg nicht für immer als deine Heimat betrachten willst?"
Grenzenlose Verlegenheit spiegelte sich in Dos Zügen
.Weil ich ja doch nicht so recht zu euch gehöre," stammelte sie endlich ausweichend .Du mußt das boch metten . . “
»Ich merke nur, daß Papa unb Hertha bich nach deinem vollen Wett schätzen gelernt haben unb — auch ich . . .? Um die andern brauchst bu bich nicht zu kümmern! Uebttgens ist bir auch Magellme sehr zugetan und ich vermute, du ihr ebenfalls."
Do schwieg Ein seltsam abweisender Zug war bei seinen letzten Worten auf ihrem Gesicht erschienen. Dann raffte sie sich plötzlich auf unb tagte in flehendem Ton .Ich will ja auch nicht fort — fo lange man mich hier brauchen kann. Nur. erfülle meine Bitte und laß mich wie bisher m der Wirtschaft ein wenig Mitarbeiten"
.Darum brauchst bu doch wahrlich nicht noch zu bitten! Wenn bu es Wittlich tun willst, sv habe ich dir nur von Herzen zu bauten dafür, denn es ist ein großer Dienst, den bu mir dadurch erweist."
.Du erlaubst es also?" sagte Do strahlend .Wie baute ich bir, Rüdigerl"
Er sah auf die illrr.
„Erst fieben! Wie wär's, wenn bu mich zum Mühlenwctt hi naus begleiten würbest, Dorothea'-' Da bu Verständnis für meine Bestrebungen hast, alles nutzbar zu wachen *a Grasenegg. was nur
irgend Ertrag verspricht, interessierst bu dich vielleicht auch für die Ilmbauarbeiten dort unb meine Pläne? Zur FrühftückSzeit find wir wieder zurück." 1
.Gewiß! Sehr sogar. Unterwegs Tann ich dir bann auch ein paar Heine Plänchen unterbreiten, bie ich schon lange auf bem Herren habe."
Die kleine Spannung, welche eben noch ver- büfternb zwischen ihnen geschwebt hatte, war tote weggeblaseu. Vergnügt wanderten sie durch den Part unb bann längs des MühlbacheS hin.
Do plauderte nun ganz unbefangen unb setzte Rüdiger ihre .Planchen" auseinander. ES Han- beite sich um bie Anlegung einer regelrechten Zucht von Mastgeflügel, bie bisher auf Grafenegg nicht betrieben worben war. Ebenso sollten Bienenstöcke ausgestellt werden, bereu es früher zwar etn paar gab, um bie sich aber nie jemand gekümmert hatte, biS sie während eines ftrengen Winters eingingen.
Es gab fo viele Wiesen um Grafenegg, daß es Do geradezu als eine Sünde erklärte. sic nicht auch durch Bienenzucht auSzunützen. ilnb sie verstand von beiden 'Betrieben etwas. Denn Fräulein Anberrnatt, deren Mastgeflügel und Honig alljährlich einen netten Posten im Budget des Bich« Ist einer Pfarrhvfs ergaben, hatte sie barm unterwiesen.
.Bienen hatten wir auch in Monrepvs", schloß sie, „und ich habe bie Imkerei mit 5ti>erletn zuletzt schon ganz kunstgerecht betrieben.*'
Rüdiger staunte im stillen .wieder einmal Wie umsichtig und praktisch sie ihre Bottchlägc erstattetem Nichts war außer acht gefallen. Er versprach, ihre Wünsche demnächst zu erfüllen Freilich, mit der Einrichtung der Bienen würbe man erst wohl im Frühjahr beginnen können ilm bie alte Papiermühle standen Baugerüste und ein Heer von Arbeitern war damit beschäftigt, bie Innenräume z« vergrößern unb neue Anlagen zu schaffen für bie Mafchmen unb Filter bie zur Aufstellung kommen sollten
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