Ausgabe 
19.9.1921
 
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Nr. 219 Zweiter Blatt

Kfetzener Anzeiger (Genital-Anzeiger für Gberhessen)Montag, 19. September 192|

Der zweite Deutsche Evangelische Kirchentag.

Stuttgart, 1116. Sept

Von Prof. D.JE. vchian in Qheh«n

5)ie Verhandlungen des Ki chentags sind ge* tquollen. (3m getoaläged Stück '-Arbeit, das alle 2eUncnmci stark in Anspruch nahm, liegt hinter und.Eeben den öffentlichen Sitzungen heten zahl- iciche Ausschuß- und Ehuppensitzungen Der: Ent» spricht das Ergebnis dem Matz der Anstrengung?

In den Ao dergrund des Dcr.chts gehört der Hauptgegenstand^ Di« Begründung des Kirchenbundes. Es war diesmal doch nicht so, dah alles von vornherein abgemacht und ilar gewesen wäre. Aamentiich lagen gewilsr Schwierigkeiten darin, das) von der alipreußi '^en Landeskirche, deren Dersa'sung noch nicht ; schlossen ist, der Wunsch auöging, dal) Die 'Be­gründung deS Bundes bis auf die Zeit aufge, Ho­ben werden sollte, in der ihre Verfassung fertig sei Aber die Hemmnisse lieben sich beheben. Der vorgelegtc (Snttmirf einer Versus ung des Kirchen- bundes wurde nach sehr genauer AuSschutzbera- mng einstimmig an genommen.. Endgültig voll­zogen wird der Bund allerdings erst dann sein, irerm die einzelnen Landeskirchen durch Unter Zeichnung des Vertrages ihren Beitritt zu dem Bund erklärt haben werden. Es ist ganz zweifellos, daß alle Landeskirchen höchstens vielleicht mit Ausnahme einer ganz kleinen dielen Anschluß iwllziehen werden. Der Kirchenbun ist also nicht mir gesichert, sondern so gut wie geschlossen. Auch der nüchtern Denkende muh feststellen, dal) Da­mit ein kirchengeschichtliches Ereignis vollzogen ist.

SS handelt sich um einen Bund. Also nicht um eine ReichSkirche. Die einzelnen deutschen Landeskirchen bleiben in Bekenntnis, Ve.fassung und Derwaltung selbständig Sie schließen sich nur zur Wahrung und Vertretung der gemein» tarnen Interessen zusammen. 6t« haben sich da­für gemeinsame Organe geschaffen, die arbeits­fähig und arbeitsfreudig genug sein werden, um die Sache des deutschen Protestantismus wirksam zu vertreten. Das periodisch zusammen tretende Organ ist der Kirchentag, der in der Regel alle 3 Jahre zusammen treten soll. Er besteht auS 210 Mitgliedern, 150 werden von den 6y» noden gewählt, 60 vom Kirchenausfchuh berufen Bon diesen 60 aber sind 8 von den theologischen Fakultäten, 12 von den AeligionSlehrern 15 von den gesamtdeutschen kirchlichen Vereins organi- satumen vorzuschlagen, nur 25 frei zu berufen. Damit ist dem Kirchentag das Gepräge einer wirklichen amllichen Vertretung der ang.schlosse» rien Landeskirchen gegeben. Beden dem periodi­schen Organ steht ein dauerndes Organ, der Kirchenbundesrat. Er stellt die Dertre- timg der Kirchenregierungen dar Jede Landes­kirche hat darin wenigstens eine Stimme! grö­bere Landeskirchen erhalten mehrere Stimmen: keine darf mehr als zwei Fünftel aller Stimmen erhalten. Die eigentliche Geschäftsführung liegt in den Händen des Kirchenausschusses, der 36 Mitglieder haben wird! 18 werden vom Kirchen­tag gewählt. 18 vom Kirchenbundesrat entsandt. Ihm stellt die Vertretung des Kirchenbundes in vollem Umfang« zu.

Die Verhandlungen über den Kirchenbund Durchzogen die ganze viertägige Tagung: die An­nahme seiner Verfassung in dritter Lesung bildete den Abschluß und den Höhepunkt. Dazwischen lagen aber sehr gründliche Verhandlungen be­sonders über zwei andere Gegenstände! Die Stel­lung deS deutsche n Protestantismus zu der jetzt proklamierten Religionslosigkeit des Staats und über das Verhältnis von Kirche und Schule. Ueber die erstere Frage berichtete der Vizepräsident des Preußischen Evangelischen Oberkirchenrats D. Kaftan aus Berlin in einem überaus tief­greifenden Vortrag, den anzuhören ein Genuß war. An ihn sc^oh sich eine sehr ausführliche Aus­sprache an. Gs war begreiflich, dah manche Red­ner den Wunsch hatten, ihrer ekwaS anders ge­färbten Aufsastung über die Aufgabe derVolks- Ttrcbe in dieser Zeit Ausdruck zu geben. Charak­teristisch war, daß auch das Wort von derReli­gionslosigkeit" des Staates beanstandet und Die Stellung des heutigen Staates zur Religion freundlicher gedeutet wurde. Eine Beschlußfassung zu dieser Frage war nicht beabsichtigt und wurde nicht vollzooen.

Ueber Kirche und Schule berichtete der Präsident deS Bayerischen Oberkvnsistoriums D- Veit Der zur Vorbereitung eines Beschlusses bestellte Ausschuß hatte ganz besonders mühsame Arbeit. Wer die heutige Lage kennt, weih, welche vielfältigen Schwierigkeiten in dieser Frage zu überwinden sind. Aber eS gelang, zu einer For­mulierung zu gelangen, die allgemeine Billigung erwarten dürfte. Sie sprach sich für die evange- llsche Schule auS, gestand aber der christlichen

Simultanschule dort, wo sie sich bewahrt habe,! Geltung zu. Das war der Kern der Entschließung, die einstimmige Annahme sand Das Plenum beschränkte siich auf eine verhältnismäßig kurz: Debatte, in der die zustimmenden Ausführungen Der zur linken Seite des Kirchentages gehörenden Oberlehrerin Fromm mit großem Beifall aus­genommen wurden.

MU der Erledigung dieser wichtigsten Gegen stände der Tagesordnung war aber die Arbeit nicht entfeint getan. Der Kirchentag muhte wieder 15 Mitglieder des Kirchenausschusses wählen: e> gelang, durch Wiederwahl bis zur endgültige.. Reukonstituierung viel Mühe zu ersparen. Ferner waren zahlreiche, teils von außen eingelaufene, teils von Mitgliedern eingereichte Anträge zu er­örtern. Es ist merkwürdig, dah manche Menschen sich durchaus nicht vorstellen können, was eigent­lich Sache eines evangelischen Kirchentags ist. So hatte jemand beantragt, der Kirchentag wolle sich eines von ihm erfundenen Verfahrens zur Er­sparung von Kohle bei der Eisenbahn annehmen: das Ersparte solle zu Zwecken der inneren Ge­sundung deS Volks verwendet werden. Ratürlich brachte Der Dittschriften-Ausschuh d.ese Sache nicht an das Plenum Viel wichtiger waren Entschlie- Hungen zu sittlichen und sozialen Fragen Der Kirchentag sprach sich gegen Die Versuche, Die §§ 218220 Des R.Str.G.D aufzuheben, aus: er förderte beschleunigte Durchführung eines Gesetzes, das eine bessere Ausheilung Der Geschlechtskrank­heiten gewährleistet: er wünschte ein Gesetz zum Schuh der 3ugenD gegen Schund und Schmutz. Aber er richtete seine Forderungen nicht bloh an Den Staat, sondern auch an seine eigenen Organe. Eine evckngelische Zentralstelle fürDolks- bildungsarbeit wurde in Aussicht genom­men, ebenso Unterrichtskurse zur Förde­rung des sozialen Verständnisses und des Anteils Der Kirche an der Lösung Der sozialen Aufgabe unb Bereitstellung von Mitteln für evangelische A r» beiterfefretariate, evangelische Rechts­schuhbureaus, evangelische Jugendarbeit und evangelische DolksbilDungsbestrebungen. Bei der Verhandlung über diese sozialen Fragen kam es zu einer besonders interessanten Debatte. Ein Red­ner trat warm für die christlichen Gewerllchasten ein. Seine Worte riefen ein sozialdemokratisches Mitglied des Hauses, Metallarbeiter Q u e n z e r, auf den Plan, der sich zu Den freien Gewerk­schaften bekannt. Versöhnung von Arbeiterschaft und evangelischer Kirche erllärte aber auch dieser Redner mit Rachdruck für seinen eigenen Wunsch. Indem der Vorsitzende die allgemeine Einstimmig­keit in diesem Punkt feststellte, brachte er die Verhandlung zu einem sehr wirksamen Abschluß.

Vier Tage währten die Beratungen des Kir­chentages. 3m Anschluß Daran wurde Tine grvhe Reformationsfeier gehalten. Sie galt der Erinnerung an den Tag von Worms. Im April hatte man sich nicht entschließen können, in Woiins, das unter der französischen Besetzung steht, eine gesamtdeutsche Feier zu halten. So hielt damals nur die hessische Landeskirche ihr Fest: diesmal war das ollizielle evangelisch-kirchliche Deutschland der Deranstaller. Auch waren diesmal die außer- deutschen evangelischen Kirchen geladen, mit denen uns freundliche Beziehungen verbinden: und sie kamen auch zu Worte. Es wurden also Feiern von besonderem Interesse. Bei der großen Hauptseiei' in Der Markuskirche am Freitagvormittag sprach der schwedllche Erzbischof D. SöDerblorn, Der jetzt so viel genannt worden ist: bei den Abendfeiern am Donnerstag begrüßten eine ganze Reihe von Vertretern anderer Auslandskirchen! aus Oester­reich, Siebenbürgen, Lettland, Spanien, Tschecho­slowakei, ba>u anbere Vertreter Schwedens. Einige dieser Auslandsgrühe brachten höchst eindrucks­volle Momente. Hatte doch z. D. Der Vertreter Der lutherischen Kirche Lettlands von unsagbar Schwe­rem zu berichten, was Die Dolschewlstenherrschaft 1919 übei jene Evangelischen gebracht hat. Am letzten Tage Ihrer Herrschaft noch richteten Die Bol­schewisten in Riga ein Blutbad an, dem acht evan­gelische Pfarrer zum Opfer fielen!2luch sonst brachten diese Reformationsfeiern viel Erhebendes. Wegen des zu erwartenden großen Andranges zu Der Aberchseier war rechtzeitig eine Parallelver­sammlung eingerichtet worden. Während in jener Der Lutherbiograph Prof, v- Scheeldie Festrede bleit, wurde die gleiche Aufgabe für die Parallel­versammlung mir übertragen.

Es mag dem Hessen nicht verdacht werden, wenn er hervvrhebt, daß die Wormser Feier In ihrer Weicht trotz allem durch die Stuttgarter Feier nicht voll erreicht wurde. Wohl beteiligten sich auch in Stuttgart gewaltige Scharen. Die Liederhalle faßt etwa 5000 Personen, die Pa­rallelversammlung erreichte etwa 1500. Aber ein Volksfest, wie es das in Worms war, mit einer Beteiligung von vielen Zehntausenden, formte in Stuttgart nicht entstehen. Das tag zum Teil

auch in der Verbindung der Feier mit dem Kirchentag begründet. Andererseits war die An­wesenheit und Die tätige Teilnahme Der Aus- landsgaste, zumal des schwedischen Erzbischöfe, ein sehr wertvolles Moment, das Der Feier einen charakteristischen Zug gab Die über Die Landes- unD Dvlksgrenzen hinaus reichende Allgemeinheit Der evangelischen Kirche kam zu sichtbarer und toirffamer Darstellung. Man dachte Dabei auch an die evangelische Kirche in den Deutschland neu entrissenen Gebieten. Ihnen muh Der Zu­sammenhang mit Der Heimatkirche unbeDingt er­halten bleiben.

EnDIich noch ein Wort über die Bedeutung Des SUrd>entagcß in einer anderen Richtung. ©5 ist ja bekannt, daß innerhalb der evangelischen Kirchen starke Spannungen zwischen den verschie­denen Richtungen bestehen. Diese Spannungen traten äuch nach Der Revolution wieder hervor, und es konnte wohl Die Besorgnis entstehen. Daß Der Zusammen'chluß der Landeskirchen Durch Diese (Spannung gefährdet werden würde. Diese Be­sorgnis hat sich nicht als berechtigt erwiesen. Die große Tagung verlies natürlich nicht, ohne daß Die Stimmungsunterschiede zur Geltung ka­men, aber irgendwelche Störung trat nicht ein. Und damit ist ein sehr wichtiger Schritt getan. In voller Klarheit über das Vorhandensein Der Richtungen haben sich alle evangelischen Kirchen zusammengeschlossen. Das heißt! sie wollen keine Trennung, lie sind entschlossen, auch weiter für Die verschiedenen Richtungen Freiheit zu bieten.

Und so ist Der zweite Deutsche Evangelische Kirchentag auch für den, der nicht besonders optimistisch denkt, ein Ereignis von sehr großer Wichtigkeit für Die Zukunft DeS Deutschen Pro­testantismus.

Die Verbindung Süddeutschlands mit der Weser.

Die Bestrebungen auf Herstellung einer Wasserstraße iverbindung zwischen S-d.eut|chlanD und unseren Seehäfen reichen schon Jahrzehnte zurück: sie HnD Durch den verlorenen Krieg mit seinem unglückseligen Frieden von Versailles von neuem scharf in Den Vordergrund Des Allgemein­interesses gerückt worden. Der Versailler Vertrag hat nicht nur Die Ausnahme-Tarifpolitik Der Eisenbahnen zu Gunsten unserer Seehäfen zu­nichte gemacht, sondern auch Die Tarifpolitik un­serer Wasserstraßen in Frage gestellt. Denn Rhein, Elbe und CDer sind einer internationalen Aufsicht unterworfen worden, was bedeutet, daß Deutsch- land nicht mehr Herr über seine großen Ströme ist. Als einziger Flußlauf, der frei von fremd­ländischem Einfluß geblieben ist, kommt nur noch Die Weser in Betracht. Was Wunder, wenn sich Die Blicke aller auf Diesen noch Deutschen Strom lenken: wird es Doch einmal seine Bestim­mung fein, eines jener Bindeglieder zu werden, welche den Süden und den Rorden Deutschlands fester zusammenketten, waS heute nötiger denn je ist. Der Weserstrom und seine Verbindungen feilen und müssen einmal dazu beitragen, daß unsere Seehäfen wieder ihre alte Bedeutung ge­winnen und daß unser Ausfuhrhandel, auf wel­chem ja Die ganze Zukunft der deutschen Volks» und Weltwirtschaft beruht, wieder zu der stolzen Höhe emborfteigt, welche er vor dem Kriege em» genommen hat. Bereits in dem im Jahre 1891 ausgearbeiteten Plan über den Ausbau unserer Wasserstraßen ist auf die hohe Bedeutung einer Verbindung zwischen Weser und Main hinge» wiesen worden. Heute sind nun zahlreiche Geistes­kräfte fleißig am Werke, diesem Gedanken feste Form und Gestalt zu geben. Richt weniger als Drei große Schiffahrtsprojekte hat man aufgestellt, welche nun miteinander um Die praktische Durch­führung ringen. Das erste Projekt, von Dem Werra-Kanalverein eifrig betrieben, sieht eine Wasserstraße vor, welche von Der schon für Fahr» zeuge mittlerer Größe kanalisierten Weser bei Hann.-Münden ausgeht durch das Tal Der Werra und jenseits Der Wasserscheide durch das Tal Der Ih zieht unD Den Main nördlich von Bamberg erreicht. Der zweite Schiffahrtsplan, vertreten von Den Vereinigten Handelskammern Frankfurt a. M und Hanau bezweckt eine Verbindung der Weser mit Dem Main durch die Fulda, über Kassel, Bebra, Fulda, Schlüchtern und über die Kinzig abwärts bis zu Deren Mündung in den Main bei Hanau. Und schließlich eine dritte Schisfahrts­linie soll, als ein Teil bes von dem F u l D a Lahn-Kanalverein verfochtenen Rhein Weser-Kanals unter Benutzung der Fluhläufe der Fulda, Eder, Schwalm, Ohm, Lahn, Ridda Die Weser mit Dem Main bei Frankfurt ver­binden.

Ueber diese Echiffahrtsprvjekte hielt nun am 16. ds. Mts. im Dollsbildungsheim zu Frankfurt

a M auf Veranlassung der LandesMrefttonen in Kassel und Wiesbaden, der Provinzialdirer- tion Oberhessen unD des Zulda-LahnkanulvereinS der bekannte Miniflerialdirektor a. D. S Vs"' p h e r unter Dem Titel .Die Verbindung 6üD- deutschlandS mit Der Weser" einen nach Form und Inhalt ausgezeichneten Vortrag vor einer zahlreichen Zuhörerschaft aus allen in Frage kom­menden Gebtti steilen. Der Vortrag trug in erster Linie einen historischen unb vergleichenden, we­niger kritischen Charakter. Mit klar erkennbarer und auch offen ausgesprochener Absicht vermied es Der Vortragende, dem einen Projekte vor Dem anderen Den unbedingten Vorzug zu q Den. Jedes Projekt, für sich als Ganzes allein betrachtet, könne als bauwürdig bezeichnet werden. Bei Der Finanzlage Des Reiches gelte es jedoch als aus­geschlossen. daß nun alle Drei Plane zur Aus- suh.ung gelangten. Wohl Die glücklichste Lösung würde es sein, wenn zwei Dauon verwirklicht werden könnten Rach Dein jetzigen Stande Der technischen und wirtschaftlici Erhebungen sei die W e r r a l i n i c "vn Bamberg auö Die kürzere und wirtschaftlich überlegende üinie Und was die Verbindung von Frankfurt mit Der Weser an betrifft, io verDiene Die Linie über Gieße r °Lahn- Kassel den Vorzug vor Der Strecke Hanau Schlüchtern Fulda, ichon auS Dem GrunDe, weil sie wesentlich kürzer sei (240 Km. wirkliche unD 438 Km. Betriebslänge gegen 253 und 530). Die bis jetzt vorliegenden Untersuchun­gen reichten aber noch bei weitem nicht hin, um sich ein abschließendes Urteil bilden zu können. Cs müssen da noch viele Fragen gefiärt werden, z. B. wohin Der Schwerpunkt der Verkehrsbe Siebungen neige, nach Bremen oder nach Erfurt, wo Die meisten unD größten Kraftanlagen zur Gewinnung der weißen Kohle angelegt werden könnten, Ztenn die Wirtschaftlichkeit eines Groß- schiffahrtsweges mit 1000-Tonnen-Schifsen wird nicht allein Durch Den Schiffahrtsbetrieb, fonbern nur im Zusammenhang mit einer Verbesserung Der Hochwasserverhältnisse unD Der Verwertung aller verfügbaren Wasserkräfte begrünDct. Der Vortragende schloß seine Ausführungen mit einem Hinweis auf Die große nationale BeDeutung einer Schiffahrtsstrahe. welche Weser und Main ver brnbel.

Aus Stabt und Land.

Gießen, Den 19. Sept. 1921

Der Obstbau in im Ziergarten.

Mtt Der Anschauung, in einen Ziergarten ge­höre kein Obstbaum, hat Der Krieg gründlich auf­geräumt. Und das ist gut. Einmal wegen des Rutzens und Dann: Ist ein blühenDer Obstbaum weniger schön als irgendein anderer blühender Baum ober Strauch, und lacht einem beim An blick eines mit reifenden Früchten reichlich besetzten Obstbaumes das Herz im Leibe nicht mindestens ebenso sehr, als wenn Das Auge auf irgendeinen anderen Zierfruchtbaum fällt? Also, es darf gar keine Bedenken geben gegen Den Obstbaum int Ziergarten, nur muß Der Baum sich in die ganze Planung Des Gartens einfügen. Zumeist wird man zum Zwerg- und Fvrmobst greifen. Spalierobst ist besonders eine reizvolle Verschönerung Des Gartens, wenn die appetitlichen Einzelfrüchte zwi schen Dem Grün des Blattgerankes hervorlugen Die Daurnform ist, nach Der ZeitschriftUeber LanD unb Meer ', nur für ganz große Gärten statt haft. Die günstigste Zeit zum Pflanzen ist Der Herbst. Doch kann, sofern eS Die Witterung er­laubt, Den ganzen Winter hinDurch gepflanzt wer­den. Auch tm Frühjahr ist es noch nicht zu spät Wer eS kann, pflanzt jedoch bereits im Herbst.

H Wiederkehr der staatlichen R e l tungsmedaille. Obwohl mit der Abschai fung der Orden nach der Revolution auch Di; Verleihung Der staatlichen Rettungsmedaille am weiß-gelben Band ihr Ende erreicht hatte, bestehl Die Möglichkeit, Daß Diese wertvolle Auszeich- nung wieder zur Einführung gelangt. 3m Mi­nisterium finDen zur Zett Erwägungen statt, Die sich mit Der Frage beschäftigen, ob Die Rettungs meDaille wieder verliehen werden soll. BiS zu einer endgüttigen Entscheidung in dieser Ange­legenheit Hal das Ministerium jetzt verfügt, daß das Tragen Des Abzeichens der Deutschen LebenSrettungsgesellschaft gestattet ist.

KreiS Friedberg.

Bad-Rau he im, 16. Sept. Sine Orts­gruppe Der Liga zum Schuhe Der deut­schen Kultur wurde hier im Anschluß an einen Vortrag von Dr. v. Popen (Dresden) über die Fremdenlegion gegründet. In Friedberg sprach Dr. v. Popen mit demselben Erfolg über das gleiche Thema.

Die Nothersteins.

Roman von Erich Ebenstein. Copyright 1919 by Greiner & Eomp., Berlin W 30. 57. Fortsetzung. (Nachdruck verböte».)

Der Fürst war am Rachmittag in dec Fabrik draußen gewesen, hatte eine Ansprache an Die Leute gehalten und sie zu sofortiger Zurückziehung ihrer ftorDcrungen auf gefordert

Die Antwort war lautloses Schweigen ge­wesen Als er aber Darauf etwas von .faulem Gesindel fallen lieh, hatte sich ein ohrenbetäu­bendes Zischen, Pfeifen und Johlen erhoben.

Herr Brömel, angftbebenb und verstört, hotte gerade noch Zeit gehabt, den aufgeregten Fürsten, Der hochmütig und starr wie eine Mauer dastand unD durchaus weitersprechen wollte, in seine Kanz­lei zu ziehen, sonst hätte ihn einer Der Steine ge­troffen, Die nun gegen Die verschlossene Tür flo­gen. Das weitere hatte ein Weib, Das zufällig im Garten unter Dem osfenstehenben Kanzlei« fenfter arbeitete, erlauscht.

Brömel beschwor Se Durchlaucht, mit Der Heimfahrt zu warten, bis sich Die Leute ver­laufen hätten, oder wenigstens Den Umweg über Wilhelminenruhe zu wählen. Er würde Die Equi­page an Den Ausgang Des Lagerplatzes Diri­gieren zu Diesem Zweck.

Aber Se. Durchlaucht wollte nicht. Er sei kein altes Weib, herrschte et Brömel 'an, unD diese Lumpenbande von Leuten, Die nicht ein­mal richtige Arbeiter, sondern nur verkrachte Häusler seien, mache ihm noch lange nicht bang.

Eben, weil sie keine eigentlichen Arbeiter seien, sondern zumeist ein Fleckchen Boden ihr

eigen nannten, DaS sie zwar nicht nähren konnte, aber ihnen doch eine Spur von Bauern trotz und -stolz im Blut gelassen habe, seien sie doppelt ge= jährlich! suchte ihm Herr Brömel vorzustellen.

Doch der Fürst ließ sich nicht halten. Furcht- los trat er wieder in den Fabrikhvs hinaus und bestieg seine Equipage. Die Leute, von Denen sich ein Teil bereits verlaufen hatte, liehen ihn stumm gewähren.

Als aber Der Wagen Das Tot passiert hatte, flogen abermals ein paar Steine durch Die Luft. Sie trafen zwar nicht Den Fürsten, aber Die PserD«, Die scheu wurden und will) Davon, rasten. Zum Glück hielt Der Kutscher Die Zügel in Den Händen. Doch hatte er für eine Welle Die Herr­schaft über Die Tiere verloren unD konnte es nicht verhindern, daß Diese knapp vor Grasenegg eine alte Frau nieDerstiehen, die nicht rechtzeitig genug aus weichen konnte.

Cs war eine Armenhauslerin, unD sie sollte schwer verletzt sein. Denn Dr. Kaspar hatte ihre sofortige Ueberführung in das Krankenhaus Der nächsten Kreisstadt angeorDnet

3n ganz Wolkenriet herrschte namenlose Er­bitterung gegen Den Fürsten, seinen Sohn und alle Rothersteins, mit Ausnahme von Do, Die man ja nie dazugerechnet hatte, was fie nun am besten aus der Art ersah, wie man ihr die Ereignisse berichtete.

Die Leute sprachen von Den Rothersteins, als gehöre Dv gar nicht zu diesen, sondern zu ihnen.

Dv aber hörte Den stückweise von verschiedenen Seiten auf sie einbringen Den Bericht in fassungs­losem Entsetzen. Sie war unfähig, auch nur_ ein Wort heraus zu bringen und taumelte vorwärts,

ohne zu wissen, wie sie schließlich doch nach Grafen» egg gekommen war.

Dort herrschte große Verwirrung. Der Fürst hatte nach der Heimkehr wieder einen Ohnmachts­anfall gehabt. Der zwar Diesmal nicht lange Dau­erte, aber Doch Bestürzung hervorgerufen hatte. Denn gerade in der letzten Zett war er so wohl gewesen, daß man ihn wieder für ganz ggsund gehalten hatte.

Heute schickte er nicht um Dv. Magelone sei bei ihm, wie Hertha Do mitteilte.

»Carola" berichtete Hertha weiter »ist außer sich über das Geschehene. Sie wlll durchaus so bald als möglich mit Rainer und Den Kindern nach Abazzia reifen, weil lie unter Dem .MordgesinDel" nicht bleiben könne, lagt sie. Magelone hat Den VorwanD ergriffen, um sich nun ganz bei uns einzunisten. Sie behauptet, sie fühle sich im Fürstenhaus nicht mehr sicher und tönne auch Papa nicht verlassen . na, man merkt Die Absicht und wirD verstimmt. Das ist natürlich nur eine Kniebeuge vor RüDiger, Der ihr gutes Herz bewundern soll. Ich muß lagen, von allen Ereignissen des Tages ist mir Dies das unliebste. Mit Magelone unter einem Dach brr!"

Do schwieg verstört. Sie dachte an Den alten Mann Drüben, Der ihr lieb geworben war tote ein zweiter Vater und von des en Krankenbett sie nun eine andere vertrieben hatte, Die halb ein doppeltes Recht haben würde. Dort zu sitzen.

Sie dachte auch an Rüdiger, und was er leiden mußte, toerm er erfuhr, was hier geschehen 0X1 Was war nun aus all feinen idealen Be­strebungen geworden? Ein Wohltäter hatte er

den Leuten werden wollen, ein großzügiges Werl wollte er schaffen, und nun scheiterte vielleicht alles an blindem Haß und Unverstand.

Denn sie wollten ja nicht mehr weiterarbeiten, die DerblenDeten, die nur einen kaltherzigen Ty­rannen in ihm sahen ...

Uebrigens kommt, wie gewöhnlich, ein Un­glück" nicht allein," fuhr Hertha bitter fort, .wäh­rend Pava in der Fabrik war, bekam Hainer von Justiz rat Hertle Die Rachricht, daß Der Prozeß enDgültig verloren ist. Wir sollen eS Papa |cho- nend mit teilen . .

.Verloren? Der Prozeß verloren?" stam­melte Do erblaffenb. .Auch daS noch!"

Hertha nickte.

Der oberste Gerichtshof stellte sich auf Den Standpunkt, daß Papa selbst, indem er rechtzeitig versäumte, vor dem Verkauf der Buchau feine Ansprüche geltend zu machen, schuld fei, wenn Die alten Rechte ihre Gültigkeit verloren haben. Wie jetzt Die Dinge liegen, sei niemals als erfatzpstich- tig heranzuziehen. Weder RuhlandS noch Die Gemeinde Wolkenriet, am wenigsten aber Der Staat, wie Papa sich immer einbildete. Senn als Leopold 1. seinerzeit jenen Lehens vertrag unterzeichnete, geschah eS als absolutistischer Herr­scher eine Machtstellung, Die nicht mehr exi° stiert. Weder Der auf konstitutioneller Basis neu errichtete Staat, noch Der Wonach persönlich haften Dafür. Dagegen hat Papa nun Die gesamten Prozehkosten zu bezahlen, unD Rüdiger wird schauen müssen, wo er das Geld dazu auf treibt. .Ja, ja," nickte sie vergrämt,eS ist eine harte Zeit angebrochen für uns, und ich fürchte, den Riedergang Der Rotheriteins wird nun wohl nichts mehr auf hallen können." (Fortsetzung folgt)