Ausgabe 
18.11.1921
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 271

Zweites Blatt

Siehener Anzeiger (Gen ral-rinzeiger für Gberhefsen)

Srcitag, 18. November 1921

1921.

Deutscher Reichstag.

145. Sitzung, na4mütag« 1 Uhr Berlin. 17. Rov

D»« Interpellationen' über die Bekämpfung bet Schund» und Echmutzlilerakur. über die Win- lchaf^luge In Cfitceu.cn und über di« ItatiH» »ierung der Wiesbadener Protokolle ohne die 3uflbnrm:i.g des Reichstages werden innerhalb der gefeymadigen Frist ihre BrantwOltung sinken

Der Qnnrurf über die Abänderung der Be- Kmntmachung ü^er ausländische Wert', a riete, ter eine weitere Einschränkung der Ausfuhr aus- länbi'chrr Wertpapiere be>w«ki. wird in allen drei Ölungen angenommen Der Gefetzentwurs über das Verfahren ün Derioraungsgef^y wird dem Auslchuli für Xri.-g-beta.üdigte überwiesen. Sodann erfolgt die Wciierberatuna der Inler- pellarivnen uiu> Anträge über die Aufbcbung der Zwangswrnfchasl für die Landwirtschaft und über

Verschiebungen und Preiswucher.

Abg Dr. Hepp (D. Dpt.): Die Schuld an der Preissteigerung ist auf di« hohen Anforde­rungen des Ultimatums zuruch^uführen Dazu kommt der allgemeine Ausverlauf namentlich im befehlen Gebiet. Beglich der Äartof'dn haben vir rochlzcirig auf den Mangel an Transport­mitteln bingewieien aber da- Derkchrsministe rlum Hal den Orntt der Lage unterschätz! und nicht rechtzeitig genug etngegrissen. Die Land­wirtschaft trisfl hierfür keinen Vorwurf. Die Pro­duktion an Zuckerrüben Ul jedenfalls gegen die Vorjahre nicht zurückgeblieben, also triUt auch hier die Landwirtschast keine Schuld. Der Redner polemisiert gegen die unabhängigrit Anträge, die eine weitere Beschränkung der freien Wirtschaft pum Ziele haben Rur eine möglichst freie Wirl- fchast könne die Wirtschaft heben (Beifall rechts.)

Abg. Briefchmann (Dem.). Die Demo- kiaUsche Partei ist auch beute noch ein Gegner der Zwangswirtschaft und sie ist überzeugt, bah auch diese die Preise nicht herabfetzen kann Don der Zwangsumlage der Karlos ein erwartet er nichts, die Erfahrungen damit seien nicht ermutigend, höchste Zeil aber sei es. die Siedelung energisch *u fördern, um Reuland urbar -u machen. Diel- leicht sei es zweckmäßig, hierfür eine neue Re­gierungsstelle zu schaffen.

Relchswirtlchaftsminister Schmidts Mil den Preissteigerungen der legten Wochen sind wir noch nicht zu End«, oemerkenswert ist, bah sie in politi schem Öhme ausgenützt werden Der Dorwurs ge­gen bie Regierung, bah sie etwas versäumt habe, Ul nicht zu ballen. Wenn es sich um rein heimisch.' Waren hanbelte. mühten hier lediglich bk Her­stellungskosten m t einem geringen Aufschlag an* geletzt werben. D «sen Grundsatz müsse auch die Landwirtschaft bei ihrer Produktion anwendcn. ZebensallS sei die Sucht, (ich cinzubeckcn, eine der Hauptgründe des Schwindens der Ware und der Preislieiaerung Sa<u komme der Ausverkauf ans Ausland namenllich im Gren'verkehr. 3m September seien allein 123 003 Personen über die dänische Grenze gekommen, um hier einzu­kaufen Die auf alle Grenzen ausgedehnten Kontrolimahnahrnen und für ein>elne Gegenstände erlassenen Ausfuhrverbote haben die krassesten Erscheinungen wenigsten» eingedämmt. 3m übri­gen zeigen die Ziffern dec Statistik über die Tätigkeit der Wuchergerichte, in wie energischer Weise hier etngegriffen wurde. Die vielsach ver­breitete Ansicht, als ob wir In den LebenS- gewohnhecken so ziemlich wieder auf dem Friedens­hand angelangt feien, ist ein grober 3rrtum. Redner gibt Johann eine genaue Statistik Über den Rückgang der LebenSmiUeleinluhr auS dem 2luslande und betont, datt dieser Rückgang des­gleichen den Rückgang in der ganzen Lebens­haltung bedeute SS werde aber noch schlimmer kommen und es blieben unS dagegen keine Macht­mittel in dec Hand, nur bah wir ben Wucherern noch energischer entgegentreten mühten. Die Be­seitigung bei Zwischenhandels und somit ber mög­lichst birekte Deckehc zwischen Erzeuger und Der- braucher. sind die einzigen Mög'i-keilen, welche eine Linderung der Rot in gewissem Grade be­günstigen könnten. Radikalmittel gebe es nicht.

Abg. Gerauer (Bay. Dpt.) kritisiert die mangelhafte Wagengestellung und die langsame Abwicklung des Umlaufs. Wenn Kartoffeln in das Ausland gelangt feien, fo fei daS auS dem befeh­len Gebiet geschehen Den Sandmann treffe keine Schuld Die Produktion sei jedenfalls zurück- a«gangen; daS müsse für daS nächste Zahr ver- ptnbcrt werden.

Reichsernährungsminister Hermes, von aroher Unruhe auf der äußersten Linken und leb­haften Zurufen begrübt, bemerkt hierzu, bah ble Zucke> verteilangsstelle ein neues Drittel bes zur (Beifügung stehenden Zuckers freigegeben bade. Dec Karloffelsrage werde jetzt eine wesentlich er­höhte Aufmerlsamkett zugewendet. Die Äartoffel-

verforgungshelle werde jedenfalls dazu beitrogen, die Produktion zu fördern, ebenso werde bie Kunstdünger frage im Auge beballen. Don Oppau werbe Stickstoff in genügenber Menge zur Bei­fügung stehen. Die Mehlversorgung wird mil 230 Giamm pro Kops angcfetzt. Diese Summe bedarf keiner Erhöhung Der Antrag aul Erhöhung der Mehlrativn solle wohl auch nur besagen, bah von dem freien Mehl ein weiterer Posten zum Preis bes alten Mehles zur Beifügung stehen soll. Das ftnb täglich 60 Gramm unb bedeutet etwas über 1 Million Tonnen, bie durch Einfuhr oder durch das 3nland aufgebracht werden müssen. Erstere» würde etwa» über 12 Milliarden ausmachen, das zweite aber tne 3nltndspreise so hoch steigern, bah, Tie die Äuslandspreste erreichten Auf jeden Fall werde der Antrag bie Derlorgungskosten zu hoch gestalten Das könne sich bas Reich nicht mehr leisten Mil den bisherigen 21,, Millionen Tonnen Getreidenmlagc ist bie auhersle Grenz« bes Mög­lichen erreicht. 3m übrigen ist die }um 15 Dezem­ber fällige Rate schon jetzt weil über bie Hälfte überschritten

Abg. Remmel« (USP ) bestreitet, bah bic Mehlversorgung ausreiche. Das Zahr INI sei ernt BankervtterUärung ber Lebensmillelvenor- gung tarnt bei Regierung selbst, und dabei sagten bie Mehrlxitssozialisten in der Regierung, wenn Soztaldemolratie u.ib Zentrum nur die Rettven- bigfeit zur Rückkehr bei Zwangswirtschaft ein- gefeben hätlen, mützte Hem Hcremes zurück- treten Weber die freie Dirt chast noch die Zwangswirtschaft, wie wir sie halten, werbe unS aus ber GrnührungskrisiS heraushmngen Durch btc Sabotage der Drvlgiu.idbesttzer lH die Pro­duktion für Brotgetreide um 25,2 Prozent unb bie für Startotfein um 46.7 Prozent zurückgegan­gen. Rur eines kann uns helfen: btc Uebernabmc ber Grotzgüter in Staatsbetrieb und b.S 'Be­darfs bei Landwirtschaft unter Bo rauft eil ung ber yüngcmittdinbuflric zur Unterstützung der fleinen larrbwirtschaftlichen Betriebe.

Abg. Reich (Stemm.) Sine Erhöhu-g ber Produktion, nach ber immer gerufen wird, würde nur eine Steigerung ber Verschiebung nach dem Auslände zur Folge haben.

Abg Bachmeier (Bacher. Bauernbund) protestiert gegen ben "Versuch, in die freie Wirt­schaft wieder mit Zwangsmawiahmen dn^ugrei­fen. Ti« Lanbwirfchaft trägt nicht die Schuld an den hohen Preisen. Tie ganze Produktion hat sich verteuert und die Löhn« nehmen nicht ben geringsten Raum bnrin ein. Trotzdem leben wir mit Vertrauen in bie Zukunft, wenn es uns ge­lingt. dem Deist ter Dernei tamtat tum Turch- bimch au verhelfen' Die Anträge ber Unabhängi­gen lehnen wir ab.

Abg Krüger (Deutfchntl.): Gerade die Zwangswirtschaft Hal Fiasko erlitten. Der Ab­geordnete Remrnele wolle von ber Zwangswirt­schaft mehr wissen wie bie Anträge bet Unab­hängigen, die in ber Wiedereinführung ber Zwangswirtschaft bas alleinige Heil suchen. Rur daS Diktat ber Gnlenle fei bie Schuld daran. Als Verschieber von Kartoffeln über bic West- greny sind zwei Händler des besetzten Gebietes angetroffen worden, ohne bah wir dagegen etwas tun konnten. Die Geldentwertung ist bie Haupt- ursach« der Preissteigerung Unter btefer leidet die Landwirtschaft, soweit sie ber Maschinen, ber Futter- unb Düngemittel bebarf. Dazu kommt die Steigerung der Löhne. Als ber Redner be­hauptet, bi« Arbeiter seien vor bem Kriege mit geringerem Einkommen weiter gekommen als jetzt, bricht die äuHerste Linde in stürmische Zuruf« aus

Frau Abg. Schuch (Svz.) setzt sich mit ber Landwirtschaft auseinander und zieht ihre Un- eigennühigkdl in Zweifel. Geldscheine unb Roten verschwinden, weil bie Landwirtschaft sie ein- hamslert. Sv müssen stets Reu drucke erfolgen, unb die Mark entwertet werben Die Landwirt­schaft Hal mit der Preissteigerung begonnen, sie trifft die Hauptschuld an den augenblicklichen Derhältniss'm. (Zustimmung links, Proteste rechts.) Die Rednerin schliefst mit einer Schilderung der Entbehrungen, welche bie 3 ytzeil ben Arbeiteni auferlegt unb forbert Beteiligung der Arbeit­nehmer an der DeschaftSableilung für bie Rege­lung des Verkehrs mit Getreide

Damit schlicht die Besprechung ber 3nter- pellationen. Ein Misstrauensvotum beS Abge­ordneten Bartz (Komm.) gegen ben Minister Hermes wird gegen bie Stimmen ber Kommu­nisten und Unabhängigen abgelehnt. Die An­träge zu ben 3nterpellationen werden bem Aus­schuß überwiesen.

Morgen nachmifag 1 Uhr: 3n1erpellationen unb Ausschuhberichte

Schlich gegen 8 Uhr.

Aus Stadt und Land.

D i ch en, ben 18. Roo 1921

,e Lehrgang über ble Bekämpfung bei Alkoholismus 5kr Irankfurtcr ©i- sarntverband gegen den Alkoho Ismus i'crar.fial'.ei. nach c.ner arnilichen Mitteilung. In ber Zeil vom 21 bis 26. 2lopember 1921 im Rathaus zu Frank­furt einen Lehrgang über bic Betainpsung des Alkoholismus De. Lehrgang ist für alle die­jenigen gedacht, die durch ihre 'Berufsarbeit oder freiwillige Tätigkeit in der Lage sind, den Oefabrcn des wieder zunehmenden '211- kvhclismus enrgegenzuwirien Der Bc'uch des Lehigangs kann der Lehrerschaft insbesondere ben Stocicschulräten. beste..» empfohlen werden Anfragen unb Anmelbungcn s.nd an den j.anf furicr Getamtverbanb gegen den Allo;vl-smus, Frankfurt a. M, Saalgaste 31 33, zu richten

Sichtbarkeit bei Merkur am Morgenhjmmel 3n diesen Tagen Hoden wir bie immerhin seltene Gelegenheit, den Pla­neten Merlin mit unbewaffnetem Auge fehcn zu können, toir müssen allerbinge früh aufstchen. um ihn nabe über dem östlichen Horizonte za »uchen. Der Planet steht in der Wage und be­wegt sich mil bedeutender Geschwindigkeit nach links, ebenso wie bie durch ihre grobe Hellig-eit ausfallende Venus die in seiner nächsten Jiäbc weilt Merkur gebt am 20. Rovemver um 5- 4 Uhr. am 24 ärovemder um 6 Uhr unb am 28 um 6> 4 Uhr morgen- etwas links des Oft- Punktes auf. DenuS taucht zunäch t 4 Minuten früher al» Rlerlur. am 19. Itovember gleich­zeitig mit ihm. am 24. Rovember 6 Minuten unb am 28. Rovember 12 Minuten später als Mer­kur über den Horizont. Merkur steht setzt etwa einen Grad (zwei Monbbreitcn» links von ber Venus and kann fomit lei4): gefunden werden, wenn der östliche Horizont genügend Wolken- und kunstsrei ist. D.e Hellickeil bes Mertar ist er- heb 114 geringer als die der Venus, immerhin ist sie gleich der eines Firstemes erster Grötze

Vom Ausgang beS Merkur v.r e en biS zum Beginn der Morgendämmerung setzt 1>, Dt-inden. am 28. Rovember noch s , Stunden Den grössten Abstand von der Sonne hatte Merkur am Abend des 16. Rovember. nämlich 1S> . Grad. Am 27. Rovember. wem, der Abstand zwischen Mer­kur und Venus auf etwa 2 Grad gewachsen ist. geht die abnehmende Mondsichel um ic Uhr mor­gens am Merkur vorüber.

' Der Siebener Mieterverein batte gestern abend bie Mieter gewerblicher Räume zu einer Versammlung cingelabcn. um Stellung zu nehmen zu dem Antrag ber Svziali» sierungskummifsion betrefsend Freigabe der ge­werblich benutzten Räume aus der WohnungS- zwangötoirt!chifl. He r Weihbäcker unterzog den Antrag der Gozialilierungskommission einer eingehenden Kritik unb wieS auf bic Gefahren hin. bic für bic gewerbliche Mieterschaft ent­stehen, wenn ber Antrag zum Gesetz erhoben wirb. Der Delegierte ber oberhessischen Mictervercinc, Reallehrer Hebermehl berichlcte über bic Tätigkeit deS deutschen MietcrbundeS in dieser Gad>c Die Versammlung war der Ansicht, bah diese groste ©fahr von ter gewerblichen Mieter­schaft unter allen Umständen nbgetoenbet werden muh. und nahm nachstehende Gutschlicstung ein­stimmig an: .'Die am 17. Rovember ds ZS. im Katholischen Vereinsbaus zu Giehen überaus zahl eich besucht« Versammlung von Mietern ge­werblicher Raum« erhebt schäissten Einspruch gegen den Antrag ber So^ialisicrungskvnimlssion auf Freigabe ber gewerblichen Räumlichkeiten aus ber WohnungSzwangswirtschafl unb zwar auS folgenbcn (Srünbai: 1. Durch die Freigabe würbe einer wüsten Spekulation in Hausern mit gewerblichen Räumen Tür und Tor geöffnet. Die Preise dieser Häuser würden ungeahnt in die Höhe getrieben zum Schaden der Allgemcinheit. 2. In Häusern, wo gewerbliche Räume mil Wohn- räumen verbunden sind, würden bic Mieter brot­los unb zugleich obbachloS gemacht werden. Die groben Firmen würben durch Uebcrbietung der Mieten alle fiei.ien Gristenzen vernichten 3 Die erhöhte Miete führt not cbi-ungcn zur Steigerung der Preise aller Dedarfsarttkel. wodurch gerade die wirtlchasllich Schaxrchen am meisten belastet werden. 4. Gs bestehl bi« Gefahr, bah ble Frei­gabe der gewerblichen Räume die völlige Aus- frtbung ber Wol/nungSz,xingsa>irtschaft nach sich zieht, was unzwerfnll-ast unseren völligen Zu­sammenbruch herbeiführen muh."

Kreis Uriedbcrg.

oba. Friedberg, 16. Rov. 3n der Rächt auf den 15. d. MkS. wurde, anscheinend von zwei unbekannten Dieben, tn den Par- kerrcstvck des hieslaen Finanzamts ein Einbruchsdieb st ahl begangen. Die Diebe stiegen von der Gartensctie auS durch das Klosettfenster, an dem sie vorher die

Scheibe zertrümmert Hanen, ein und gelang« ten von hier aus in die nicht vetschlossenen Dicnsträume des Panerrefkocks. Ater er­brachen sie unter Benutzung verschiedener Werkzeuge mit Gewalt mehrere Pulle und Schubladen und entwendeten etwa 430 Mk in barem Gelde. was in den Behältnissen auf- bew»hrt wurde. Weite? entwende et die'elden auch 4 1'urcautbuK unb zwar eine Lttewke aus Militännantelstofs gesertigt. 2 dunkle Rdcke und eine grüne Lodenjoppe, die zum Teil schon abgetragen waren. Rach Blutspa­ren. die in verschiedenen Räumen zu sehen waren, must sich einer der Dtede bei der ge­waltsamen Qcsfnung der Behältnisse eine Ver­letzung zugezogen haben.

ctnrknburfl und Rheinhessen.

mza. Mainz, 16. Rov. 3m Spätabend- der M a i n der

Strecke MannheimWeinheimamü ierten" sich in einem Wagen vierter Älafk fünf bis sechs halbwüchsige Burschen damit, dast sie unausgesetzt die u n f 1 ä t i a ft e n Lieder und Zoten sanaen oder vielmehr brüllten, obwohl sie sahen, vast im offenen '2kbenabtd( ein älterer Herr und eine gutgefidbetc Dame fasten. Als bem Herrn bic Schamlosigkeit der Burschen zu arg würbe, sorberte er sie auf. den'unanständigen Gesang endlich einzustellen. Da kam einer der Burschen auf den alten Herrn zu, stellte sich mit einer nicht mistzuver- stedenden Handbewegung vor ihn hin unb drohte, wenn er noch ein einziges DoN sage, so solle er einmal sehen, was es absetze. Äls daraus bic Begleiterin des Herrn erNärte, die Rvtbremse ziehen zu wollen, erwiderte der Bursche, das sei ihm gleichgültig. 3m Rupec könne jeder singen, was er wolle. Auf dem Bahnhof In Wcinhdm angekommen, verstän­digte die Dame den aussichtsführenden 'Be­amten von dem Vorfall, woraus der Beamte sich in das betreffende Abteil begab und den Burschen die Fahrkarten abnahm, indem er ihnen bedeutete, dast sic auf ihrer Ziclslation Darmstadt weiteres hören würden. Dann tele- phoniene er ber Darmstädter Bahn - Hofspolizei den Sach e hilt, die die Bur­schen wegen Erregung öffentlichen Aerger- nisseS und wegen Bedrohung eines Fahrgaste« sestnahm.

Lchlichtunflsausschust der Provi»H Lberhessen.

Dcrbanblungvom 17. Rovember 1921.

Sin Arbeiter, ber von ber Firma Da. Pb Gail 2.-G. in Diesten auf ihrer Baustelle am (SrbfautcrtPcg beschäftigt unb ohne Einl-altung cinei Künbigungssrist entlassen würbe, beantragte feine Wciterbcfchäftigung Gcmäst ß 22 Abf. 2 6er Dero dining vom 12.2. 1920 über Einstellung unb üntlasfung würbe aus Antrag ber Firma das Dcr- sahren zunächst ausgesetzt, weil auf Drunb ber Äünbigung ein gerichtliches Verfahren anhängig ift. Klage des Antragstellers auf Lohnzahlung für bic RündlgungSzeit.

Die Mittelbeuifchen Schmirgel, werke in Butzbach sollen von ber laufenben Lohnperiobc an solgenbe Löhne zahlen Arbeitern übei 20 Hahre 6.50 Mk., von 18-20 Zahr« 5L0 Mark, von 1618 3<chre 4 Mk. unb von 1416 Jahre 2,75 Mk. Die bem Dctriebsobmann ohne Zustimmung ber Mehrheit ber wab bercchtlat« Ai bei«.nehmer bes Betriel>es ausgefp ^-chenc Äün- bigung würbe gemäfj §§ 96 unb 98 bes Betriebs- rateaefetzcS für unwirkfam erklärt. Diele Ent- fcheibung ist enbgültig Da ber Arbeitgeber tote- berholt nicht zur Schlichtungsverhanblung erfchie- nen war. wurb« trotz feiner Abwesenheit verhan­delt und ihm gemdi} §23 ber Verordnung vom 23. Dezember 1918 über Tarifverträge eine Ord­nungsstrafe von 50 Mark auferlegt.

Den Mit .liebem beS S ü b we st d eu t f ch« n Arbeitgeberverbandes für das Trans­port-. Handels- unb Derlehrsgewerbe tn 5 r le b» berg unb Bab-Rauheim würbe empfohlen, wegen ber auherorbenlli«ch«n Teuerung ben Fuhr­leuten unb ben Arbeitern über 21 Jahre zu ben Tariflöhnen, ble im September vereinbart wur­den. eine Teuerungszulage zu gewähren. Sine Lohnerhöhung festzufetzen. hielt sich ber Schllch- NingsauLfchuh nicht für zustänbig. weil bie Löhn» tnircb das Lohnabkommen vom September bU zum 31 Dezember 1921 vertraglich festgelegt sind

Drei weitere Sachen erledigten sich durch Ver­ständigung ber Parteien.

Der Schutz im Blut.

Roman von Horst Bodemer.

41. Soilfehung. (Rachbruck verboten.)

,Di« Gc'panne finb eben heimgekommen Dem Acker, er ist nur ganz kurze Z«ll bei ben Leuten geblieben, hat ihnen gleich getagt, er wolle nur in ber Stadt Zigarren kaufen, er hätte lein« Tasche zu Haus« liegen lassen, aber zurückgekchrt ist er nicht!"

Mir ber stochen Hand fahr stch ber Odo- nomierai über bic Augen. T«r Zunge war ihm in ber letzten Zeit ganz fest ans Herz gewachsen. Q: hatte an einen .Rückfall" mit keinem Atem­zuge mehr gcbacht. Mit einem Male zuckle lhrn ber Gedanke uurch ben Rvps: .Hcrrgot, jetzt ist ja wieder bie Zeit, in ber ber Hirsch schreit I"

,3fl er toeggirtticn ?"

.Auf bei Fuchsstute!"

,Hat einer ci.ic Flinte mitgenommen?

Tie Vkarnfell versranb. fi« fahle sich mit beiben Hänben an ben Zkopf.

.Um HimmclSwillen, -Herr Cdonomierat. Vie glauben doch nicht etwa . .

.Hat er eine Flinte mit?"

Hari, unerbittlich hart tarnen die fünf Worte über Ch.istcph WarhahnS Lippen.

.Heini"

Ein tiefer Atem'uz des allen Mannes

.Komm! Wir wollen nach'chen, ob bi«Schied- elfen alle im Haufe finb!"

Sie waren sämtlich da.

.Rein, Herr C<tonomkrat, was haben Sie Mir eine Angst eingctafltl*4

.Gr kann sich auch eine Rngeldüchfc heimlich gekauft haben!"

Die Mamsell fiel aut einen Stuhl, lieh ben Ropf hangen Ehnstopi Wärhahn legte sein« Hanb schwer auf ihre Schulter

,3ch will eS nicht hoffen, sonst Gott steh mir bei!

Setzt« bie Mühe wicber auf unb ging hinan« in ben ©arten unter feine geliebten Hambuchen. Blieb alle paar Schritte Heren uxb schüttelte den -topf. Heute fühlte er, 7atz er alt geworden war. Wie Zentnerlast lag es ihm auf der Brust. Wenn wenn das ber Kill war. was er be­fürchtete, bann bann war .ber Schutz im Blute" wahrhaftig vom UcbeL Dann lang e das zähe, hessische Baucrid.ut nicht zum Aus­gleich Dann war es uatcrgcbuit ril Uiub bann hatte bie Mamsell recht, dann lirf er auf scir.« IcMen Tag« sorgenschwer im Haurbuchengang auf unb ab und tah keinen Ausweg mehr! Schwer auf ben Stock gestützt, mit leuxfr nber Brust wan­dert« er hin und her. Welle Blätter taumelten von den Bäumen in sanftem Wiegen, ein kurzer Regenschauer trommelte auf bie. bic f.ch noch nicht von den Zweigen lösten. Gr wollte sich hier einen klaren Stopf holen unb heute ging baS nichl! Dunklet tourde cs. immer buntler. D.e St nie fingen bem alten Manne zu Jittern an. Plövlich blieb er flehen, wenbete ben Stooi nach links, legte beibe Hänbe an bie Ohrmu cheln. Sein Schor war noch scharf, ba Lim ein los- gcriff«ne6 Pfcrb aul der Lanbstratz« im gestreck­ten Galopp angciagt, ber Hui schlag verriet es. Sv schnell ihn bie Beine tragen konnten, M er an fein Luginsland hinaus, bot ben Stopf weit über bie Brüstung. Schnell näher kam ber

Husschiag. ein Pferd tauchte auf auS der Finster­nis. Sic Zuchsnut« wars, den Sattel hatte lie unterm Bauch« Längen. Ghiistot-h Wärhahn nahm bie lente Straft zusammen unb lief 'nach bem Stall. Strebte hatten b reit« ben Fuchs auf- gefangen, feine Flanken schlugen.

.Schnell in den Siall, Türe zu. eine La­tem« herbei." rief keuchend ber Oelonomierit.

Blutig waren bie Rüstern, von einem Sturz zerfchanden bie fch'.anken Festelgelenke, ^>ie g otzen Augen blickten ängstlich, im Sch Weihs gebabet war bas ganze Zier.

.Anspannen den Wagen." befahl ber DcFo­nem i erat.

Gr fuhr nach Fritzlar, schließlich bekam er heraus, daß Hans gezecht, wo unb mit wem Den Handtoe k r. ben St u mann suchte er aul 3hre Hungens würben vx^chgerüttell. Der eine tonnte sich auf gar nichts mehr besinnen, txr andere meinte, ihm war« es so, als fei Hans an der Stafcme vorbei geraten Gs war der Weg zum Ererziecplan. aber auch, bog man links ab nach ZüschenI Die Zeit u igeiahr wurde festgestellt. Da war eS noch hell, bie Streite noch brauen b.im Ackern. S e h'ttcn ihn sehen muffen, wenn er über ben Grerzierplay ctkmmen wäre. Bei TaqcSllcht konnte auf freier Strafe Hans auch nicht verunglückt fein, sonst hätte man ihn gc u'bcn und b.r Fachs toäre längst ?u Hause gewesen. Also nach Züfchen durch bie Wälber.

Der Kutscher bekam Befehl, tm Walbc lang- tarn zu fahren Immer miedet riet ber Ccfo- nomierat ben Rainen feines Gnle^. Grrei ung unb Sorge 'chwang durch das Wort. An Grete

I dachte Christoph Wärhahn mit keinem Atem­zug« HanS galt jeder Gedanke.

Der Baron hatte die Fährt« mir verwittern wollen. Deshalb das Gerücht au3ftreuen lassen, er fahr« nach Berlin 3n seinen Wäldern waren dies«« 3abr bie Wilbbiebc toller an ber Arbeit alS je. D« Stinbtaussfeier iKtm Förster schien ihm bet richtig« Tag zu sein, die Wilbetet ob- zu s<mgen. D.e würben von einem Züschen er Sin- wohnen flänbig benachrichtigi, wie bie Ding« stan­den. davon wat letn Zoxisel. sonst hätten ble Sterte schon längst erwischt werben müssen. Hallen die ein Stück Wild aus bie Deck« gelegt, mach en sie sich immer gleich aus bem ©taube . An ber Bahnstation Griste hatte bet Züschenet Straft- tr-agen gewartet unb den Baron in feine Walder «urückgebracht Unb btt Stinb'.anfsleier beim rivrtier batte Punkt «^8 Uhr einen plötzlichen Adfchlutz gttunben. An einer vorher befltmm- ten Stell« traf bet Fdrst«r '/«S Uhr mit bem Ba­ron zu tarn men Drei scharfe Hunde ftanlxn zur Verfügung. Der St.astwagen wartete au| einem Waldweg mit gelöschten Lichtern. Adalbrr! Zü­schen bah« den Ort gewählt, well er von hUr ans schnell zu einer Stelle kommen konnte, an ber mehrer« Hirsche zu schreien pflegten. Sctn Plan war rich tg gewesen, gegen 9 Uhr knallte da, wo er es sich gedacht hatte, ein Schutz Tic Hunbe lagen angdonpeli im Wagen, ohne Licht sicht man schleunigst los. Sobald man in d.e Rah« kam, wurde ungehalten, ben Hunben ber HalS frei gegeben Unb fünf Minuten später hatten sie ben Wilddieb gestellt. Der Baron brachte ihn mit bem Förster im Kraftwagen nach Züschen. ^Fortsetzung folgt.)