Ausgabe 
18.8.1921
 
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Hr. |92 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (Gemral-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 18. August 1921

Der Reichskanzler über die oberschlesische Frage.

Berlin. 17. Äug. «Wolff., Der Reichs r1i n a f c r empfing den Vertreter der .Vvssisch ttg und machte ihm zur odertchleiiichen ,5 ra g eifolgende Mitteilungen:

Tie fragen mich, welchen Standpunll bk Äcid^rcaicvung zu ter neuesten Wendung in der oberschleuschen Krage einnimmt. 3d) will zu- nachsi eine tatsächliche Feststellung machen. Aus i ?m von dem französischen Ministerpräsidenten unterem Botschafter in 'Paris überreichten Schrei- b?n e i ; c,i wir lediglich, daß der Oberste Bat . ,C G.en^seslsehung in Oberschlesien ver­bal bot Heber eine Befragung des ' . : 1 r bundsrates.bat man uns eine Wit- toutfrrr nicht gemacht, io bah ich mir in diesem ?unt' : tväckhallung auferlegen muh, bis sich Starten über verschiedene rechtliche und tatsäch- Iläx Klagen ergeben hat, die aus Der 'Beiziehung ne: neuen, wenn auch nur beratenden oder gut- achtllchen Instanz, erwachsen können. Rückl-altlos kann ich mich dagegen über die ober sch: Krage an sich und über die Stellung der Reichs- icgietunfl dazu auch in dieser neuesten Phase nuhern. Die oterscylesische Bevölkerung und das ganze deutsche Volk haben die Entscheidung des Obersten Rates zwar mit klopfendem Kerzen, aber mit .Zuversicht erwartet Wir hatten das ®c- fubL das', der unanfechtbare Rechtsstand- v u n k t, auf den sich unser Anspruch aus Ober- 'chlesien gründet, und die offene Politik, die die Reichsregierung vertritt, nicht ohne Einfluh m Der Welt bleiben konnten. Wir durften hoffen, bah die historische, kulturelle und wirtschaftliche Le­gitimation Deutschlands auf Oberschlesien aner­kannt werden wird, welche die 3uteilung Ober­schlesiens an das Deutsche Reich zur Rotwendig- fAt macht Ferner handelt es sich bei der Ent­scheidung »über Oberschlesien nicht darum, in Ver- lolgung imaginärer Sonder interessen im Osten Deutschlands einenM i l i t ä r st a a t ent­heben zu lassen, der in erster Linie einer Be­drohung Deutschlands dienen soll. Eine Derartige Ma kirne wäre gefährlich und für den europäischen Frieden verhängnisvoll Leider wurde die Ent­scheidung erneut vertagt und die oberschlesische Frage, die seit über anderthalb fahren eine arbeitsame Bevölkerung in Verwirrung hält und die ganze Welt in Atem, bleibt vorläufig eine i chwe re Bedrohung des Weltfrie­dens

3n dem Schreiben, in dem der Oberste Rat hie Vertagung der Entscheidung mitteilt, wird versichert, bah der Äufschubmöglichst kurz <ein werde. 3d) erblicke darin ein stilles Einver­ständnis. bah man sich an Oberschlesien au, das schwerste versündigt, wenn man es noch lange in dieser schwebenden "Bein läfjt und wenn man dem unglücklichen Lande noch nicht sein Recht gibt. Dir üblichen uns der Mahnung an die Ober- 1d)tefier. Ruhe und Besonnenheit zu wahren, voll an und brauchen uns in dieser Beziehung weder etwas vvrzuwerfen. noch uns zu einer 3nitiatibe treiben «zu lassen Auch die Bevölkerung im übri­gen Deutschland folgt verständnisvoll und diszi- oliniert der Parole, die wir ausgegeben haben, durch keinerlei gewaltsame Handlung das klare Recht zu trüben, auf dem wir diesen geistespollti- ichen Kampf sicher führten.

Dir haben von allem Anfang daraus auf­merksam gemacht, bah die oberschlesische Frage keine rein deutsche Angelegenheit ist. Wir haben darauf hingewiesen, bah es eine europäische Frage ist, denn es könnte sich an Oberschlesien ein neuer grober Brand entzünden, wenn die Gewalt über die Selbstbestimmung der Bevölkerung triumphieren würde. Jetzt hat man von Europa an die Welt, an die Gesamtheit der Rationen appelliert Der W e l t f r i e d e und das Welt- gewissen könnten eine ungerechte Lösung der oberschlesischen Frage nicht ertragen. Wenn diese beiden Begriffe Wert haben, wenn sie keine Schein- werte sind, deren sich lediglich die Pro­paganda bedient, dann brauchen wir auch heute nicht zu verzagen. Der Streitgegenstand Oberschle­sien stellt sich nicht als irgendeine Grenzfrage dar, sondern bas Schicksal dieses Landes ist mit dem Deltfrieden und von jetzt ab auch mit dem An­sehen des Völkerbundes, wie immer man auch über sein bisheriges Wirken denken mag, auf das innigste verknüpft. Seine Prinzipien, die von der gesamten Kulturwelt an­erkannt werden, beruhen auf der Heberzeugung: Der Friede ist besser als der Krieg, und man muh ihn mit allen Mitteln erhalten, und auf das

Erkenntnis, bah das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu achten ist und kein Volk gezwungen werden darf, unter anderen als selbstgewähllen Regierungen und unter anderen als fdbftge- tvählten Gesehen zu leben. Zu dem Grundsatz, bah man die Völker nicht wie Steine auf dem Schachbrett hin- und herschieben dürfe, bekennen «ich alle Rationen. Bei diesen Prinzipien des Völkerbundes muh Oberschlesien deutsch bleiben: denn die Bevölkerung will es. wie die Abstimmung bewiesen hat. Rur wenn das Selbst­stimmungrecht fiimgemäh und in vernünftiger Auslegung geachtet wird, läht sich eine fried­liche Lösung der nationalen Gegensätze an der lehr schwierigen deutschen Ostgrenze erhoffen, an­derenfalls würden neue Verwirrungen unabwend­bar sein. Die Entscheidung über Oberschlesien kann nicht anders fallen als im dGitschen Sinne.

Aeuherungen Strohmanns zur Lage.

Der Berliner Berichterstatter des ., F i g a r o" hatte eine Hnterrebung mit Dr. Stresemann, der folgendes geäuhert haben soll:

Das Kabinett Wirth wurde gegen den Dillen der Volkspartei gegründet. Die Haltung der Volkspartei gegenüber der Regierung wirb von der Steuerpolitik abbängen. Man tennt das Steuerprogramm noch nicht genügend, aber die Dolktzpartei ist bereit, die auswärtige Politik des Kabinetts zu unter st ühen, soweit diese sich auf die Ausführung des Ultimatum^ bezieht. Hierin sind die Parteien einig. Man bat die Bedingungen des Ultimatums angenom­men und wirb sich bemühen, sie auszufübren. Wenn aber Dr Wirth auf Anregung seiner sozia­listischen Anhänger neue Steuern nur dadurch aufbringen will, bah er Privateigentum und Industrie ü b e r m ä h i g hoch be­feuert, dann kann man ihm auf diesem Wege nicht folgen. Damit die deutsche Industrie Gewinn nbtoerfen kann, muh jeder Gedanke einer Soziali­sierung, der gleichbedeutend mit Defizit ist. auf- gegeben werden. Aber das wird Dr. Wirth der Gefahr aussehen, die Hnterstühung der So­zialisten zu verlieren. Er wird sich also in dem Dilemma befinden: entweder muh er Einnahmen ohne oder gegen die Industrie suchen. Es ist vergeblich, Daran ^u denken, das) man die dem Verband versprochenen Summen mit Steuern auf Schmucksachen ober aitf das Vermögen finben könnte, ober mbem man bie Einkommensteuer noch erhöht. Rur eine weitblickende Steuerpolitik, die auf indirekten Steuern aufgebaut ist, wird die nötigen Einnahmequellen erschließen.

Dr Stresemann sprach bann über die Beziehungen Deutschlands zu den Verbandsmäch­ten. Als 1914 der Krieg ausbrach, empfand man Haß gegen die Engländer, Verachtung für bie Russen, aber Hochachtung für bie Franzosen. Heute, nach zwei Fri^>ensjahren, richtet sich bie ganze Feindschaft Deutschlands gegen Frank­reich, während seine ^Sympathien sich Eng­land zuwenden. Die Hrsache dieser Wandlung ist die nüchterne Politik Lloyd Georges, der von Zeit zu Zeit das Gefühl der Riederlage bei den Besiegten durch liebenswürdige und geschickte Worte zu mindern versteht. Die französische Re- ^na scheint jeden Versuch einer Versöhnung die Brutalität ihrer Formen verhindern zu wollen. Die ftamösische Slawenpolitik ist für Deutschland unverständlich. Sie unterstützt Po­len. Man kann nicht gleichzeitig der Freund Polens und der Verbündete Rußlands sein, bie cinanber hassen und eines Tages in Krieg ge­raten werden. Dr. Stresemann fragt, ob Frank­reich Polen retten könne wenn dieses von 120 Millionen Slawen bedroht sein werde. Er fragt weiter, was mit dem Danziger Korridor geschehen werde. Die Franzosen könnten sich nicht vorstellen, welche Reibungen für Deutsche und Polen sich dort täglich ereigneten. Man sei ständig den Quälereien polnischer Beamter aus­gesetzt. B r i a n b hatte in seinen letzten Reden, schloß Stresemann, einen etwas versöhnlichen Ton angeschlagen, der in Deutschland einen günstigen Eindruck gemacht hat. Es wäre aber gut, wenn man in Aankreich die so opportunistische Politik Lloyd Georges beachtete, der sich von gefühls- mähigen Erwägungen nicht in Verlegenheit brin­gen Iaht, und dem es innerhalb zweier Jahren gelungen ist, die deutsche öffentliche Meinung für sich günstig zu stimmen.

Aus Stabt und Land. 1

Sichen, den 18. Aug. 1921. I

Gegen bie wilde Postreklamc die iid) oft in gcschmactlofer Weife an dem Post gebaute sowohl, wie in seinem 3nnern. an Post wagen, Briefkästen usw. breit macht, wendet sich nun auch Pros. Dr. L'immer-Pannftabt in ein- gehenden Ausführungen an die dortige Tages­preise. Er bezeichnet das Vorgehen ter Post- behörde zur Ausnützung des Postgebäudes ass einen Hnfug, den man wahrscheinlich einem Pri­vatmann in dieser Art nicht gestatten würde Die Reklame auf den Briefkästen erzeuge die gegenteilige Wirkung, so bah man gegen die Firma, die man hier immer wieder lieft, eine gewisse Abneigung bekomme. Er geht auf die Rachteile ein. die durch das Bedrucken der Um­schläge des Postscheckamtes entstehen können. Als das Tollste bezeichnet er das Bedrucken der Rück- seite ter Telegrammformulare, die als hohes Mah von Taktlosigkeit anzusprechen sei. Auch eine Reichsbehörde müsse, wenn sie in Geldnöten sei. ein gewisses Mas; von Takt und Würde ein­halten. QKan solle Plakattafeln aufstellen, oder einen gewissen Teil ter Dandsläche abgrenzen und zur Reklame benützen, nicht aber Fenster, Brief­kästen usw. verunstalten. Hier müsse der Heimat- chutz eingreifen, um die Auswüchse zu besei­tigen. Man solle Telegramme mit bedruckter Rück­seite einfach zurückweisen. Die Handelskammern haben schon gegen das Bedrucken der Brief­umschläge protestiert Die Plakatinstitute wer ten ebenso geschädigt, wie vor allem die Zei­tungsbetriebe, die hohe 3nte raten- steuer zu zahlen haben. Er vermutet, bah der Betrag an Steuern, ter von ten Zeitungs - betrieben infolge ter Postreklame weniger bezahlt wirb, den Reingewinn der unschönen P o st r e k l a m e übersteigt.

Freimarkenheftchen werden an al­len Postschaltern zum Rennwert ihres Marken­inhalts, also ohne Aufschlag, zum Verkauf bereit gehalten werden Der Preis der Heftchen beträgt jetzt 8 Mark, bei der bevorstehenden neuen Auf­lage wegen der darin enthaltenen Marken nach dem jetzigen Gebührensätze 12 Mark. Die Heftchen enthalten die für den privaten Brief verkehr des Besitzers erforderlichen gangbaren Markensorten in angemessener Zahl und find namentlich auf Reifen oder wenn spät abends oder in früher Morgenstunde nach Schluß der Postschalter oder Catengefcbäftc ein eiliger Brief abgesandt werden soll, von grobem Ruhen.

Reue Paßvorschriften . Rach einer Mitteilung des Reichsministeriums des 3nnem können jetzt Passe auf eine Dauer von zwei Jahren ausgestellt werden. Die Gebühren er­höhen sich dann um die Hälfte Diese Reuerung bedeutet eine wesentliche Erleichterimg für das reisende Publikum.

Landkreis Gießen.

ri. Riederbessingen, 17. Aug Unser am Dorfausgang gelegener Friedhof ist jetzt 100 Jahre lang in Benutzung. Am nächsten Sonn­tag soll darin dessen in einer kleinen ernsten Feier gedacht werden.

Starkenburg und Rheinhessen.

sd. Seligenstadt, 17. Aug. 3m katho­lischen Schwesternhaus stürzte eine Decke samt dem Balken vollständig ein, wodurch sich auch eine Wand zum Einsturz auslöste. Wenige Se­kunden vor dem Deckeneinsturz hatten die An- gehörigen des Schwesternhauses den Raum ver­lassen.

fpd. Undenheim (Rheinhessen), 17. Aug Hier verstarb nach kurzer Krankheit im Alter von 101 Jahren Frau ShbilleIung, die zweifel­los die älteste Frau Helfens, wenn nicht gar Deutschlands war.

fpd. Mainz, 17. Aug Der Rhein ist seit Sonntag infolge ter ausgiebig in ten Ober­laufgebieten nietergegangenen Riederschläge rasch im Steigen begriffen. 3n zwei Tagen, vom Sonntag bis Dienstag, wuchs der Wasser­st and um 20 Zentimeter. Der augenblicklich sehr starken Schiffahrt kommt dieser kleine Zuwachs außerordentlich zustatten. Von ten Rebenflüssen des Stromes wird weiteres Steigen gemeldet.

Hessen-Nassau.

fd. A 11 e n b o r f, 17. August. Bei einem Sprung vom Pferde ftieh sich der 13jähr. Pflegling des Meygermeisters Schmidt ein Schlachtmesser, das er in der Rocktasche trug, insHerz. Der Tod trat auf der Stelle ein

mc. Frankfurt a. M., 17. Aug Die gestrige Stadl verordnetcnver lamm- lung tollte eigentlich ter Beratung des Haus­haltsplanes gellen, doch tarn eS nicht dazu, da die Mehrheitsfozialisten Einspruch erhoben, weil Anträge des HauptauSlchusses nicht Vorlagen. Die Vergnügungssleuerordnung soll dahingehend gc- ändert werden, bah alle Vereinsveranstaltungcn zu denen keinerlei Eintritt erhoben wirb, von ter Besteuerung frei bleiben. Der Magistrat will sich mit dieser Regelung nicht einverstanden er­klären. doch fahle die Versammlung erneut einen dahingehenden Beschlaf, Zu einer längeren Aus­sprache kam es über die kollegiale Schulleitung, die ter Magistrat begrübt und sie nach und nach in allen Frankfurter Schulen eiirzuführen gebeult Mit bei Eingabe des preußischen Siabtetages gegen diese an die Regierung kann sich Frank- surt nicht einverstanden erklären. Rachdem man schliesslich noch Strahenbahnschmerzen in großer Zahl erledigte, gab es eine grobe Debatte über die Milchversorgung. 3nsbesontere gcl stelle Stadlv. Landgrebe «Deutsche Dolkspartei' bie Politik des Lebensmittelamtes, das bie Milch zufuhr nach 'Frankfurt verhintert habe unb be­schwerte sich auch über die Preisbildung, die laufmännischcii Grundsätzen keineswegs entspreche. Redner aller Parteien unterstützten den Sprecher der Deutschen Volkspartei, während ter Magi­strat in einer Erklärung baldige Besserung zusagte.

mc. Frankfurt a. M. 17 Aug, 3n ter grilligen Stadtverordnetenversammlung wurde an- lästli'ch «einer Milchbebatte rnitgeleilt. bah die von bei Stadl hergestellte Trockenmilch in ter lebten Hitzeperiode schwere Verdauungsstö­rungen Hervorgeiufen hat Eine ganze Anzabl von Personen sei an ruhrartigem Durchfall er* franlt, der nur auf die Milch zurückzusühren sei Das städtische Gesundheitsamt bat sich bisher noch nicht zu den Anschuldigungen geäuhert.

Kirche und Schule.

Klein-Linden, 16. Aug. Gestern wurde hier das 25jährige Jubiläum Der hiesigen Klein- tinDerschule gefeiert. Hm 3 Uhr bewegte fich ter Zug ter Kleinen unter Vorantritt des hiesigen Posaunenchors nach unserer Kirche. Die Feier fourte .durch eine Ansprache Pfarrer Acker­manns eröffnet Er gedachte dankbar der früheren Schwester Luise Freiburger, die 22 Zähre die Kleinkinderschule leitete, des Vorstandes und gant betonter^ Lehrer Böhlers, ter seit Bestehen der Schule die Geschäfte eines Rechners inne Hal Die Festpredigt hatte Pfarrer Lenz auS Lich übernommen. Die Feier wurde vom Gesangvereii' Eintracht'-Klein-Linden und vom Kirchenchoi verschönt. Die Kleinen erfreuten die Festversamm lung durch manche schöne Lieder und Gedicht Möge die jetzige Schwester Marie Weigel die Schule zum Segen der Gemeinde noch recht lange weiter leiten.

ri. Friedberg, 16 Aug Unter enter von Tag zu Tag zunehmenden Beteiligung, so daN schließlich über 200 Zuhörer versammelt waren, sand hier ein viertägiger BibelkurS statt, dessen Leitung in den Händen von D. ßatble- Lcipzig, eines führenden ManneS im kirchlichen Leben ter Gegenwart, lag. D. Qaible enttoart in seinen Vorträgen ein lebendiges Bild von ten Patriarchen, Propheten, EhrNtus und ten Aposteln. Vorher wurde jeden Tag ein Vortrag über die Bedeutung der Bibel gehalten, über die Bedeutung der Bitel für die Kirche (StiftSpsarrer Schorlemmer-Lich), für den Einzelnen (Pfarrer Waldeck-Wohnbach), für die Welt (Prof. 'Keller- Friedberg) und für die Endzeit (Medizinalrat Dr. Walger-Giehen). An ten Rachmittagen fanden Bibelstunten statt mit anschlrehenten Besprc- chungen. An einem Abend sprach in überfülltem Saal Missionar Guth, ter einer ter Mitkämpfer Lettow-Vorbecks in Oftafrila war, und zeigte selbst auf genommene Lichtbilder aus jenem uns entrissenen Lande. Dieser Vortragsabend wurde von Pros. Werner geleitet. Die Bürgerschaft Friedbergs hatte in freundlicher Weise so vier Freiquartiere zur Verfügung gestellt, bah sie nicht einmal alle in Anspruch genommen werten brauchten.

4- Frankfurt, 16. Aug. Gestern fand hier die 28. Hauptversammlung desEvangelisch- Hessisch en Pfarrvereins" unter Leitung seines Vorsitzenden, Dekan Z a u b t - Planig und unter sehr grober Beteiligung aus allen drei Provinzen statt. Die Morgentagung wurde von Kirchenrat R e i n f u r t h eröffnet. Der durch den Vorsitzenden vorgetragene Jahresbericht konnte eine sehr rege Tätigkeit des PfarrvereinS und

Die Rothersteins.

Roman von Erich Ebenstein. Copyright 1919 by Greiner & Eomp., Berlin W 30. 31. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

.Gut. Die Klosterfrage ist also endgültig er­ledigt," versuchte er zu scherzen. .Sie braucht deine Gedanken nicht mehr zu erschweren. Desto ernstlicher wollen wir uns mit Monrepos be­fassen. Wenn ich dich recht verstanden habe, wün- Ichest du es dir als eine Art Zufluchtsort zu erhallen für ten Fall, datz es dir eines Tages auf Grafenegg nicht mehr gefiele, nicht wahr'?"

Do nickte. Sie schämte sich jetzt des Hand- kusteS schrecklich und wagte gar nicht cNifzublicken

Rüdiger fuhr fort: .Eten das scheiM mir leitet nicht möglich, Trete Dorothea. Hm Mon- revos instand zu setzen, bedürfte es eines Ka­pitals das wir Leiter nicht haben. Hnd dann wäre es immerhin nur em Luxusobjekt, das nichts einbringt und erhalten fein will. Wovon wolltest du dort leben?

Dos Gesichtchen wurde sehr kleinlaut.

Cs mühte ja nicht instand gesetzt werten," meinte sie zögernd.Es ist wirklich nicht so schlimm, wie du meinst wir haben ja auch darin ge­wohnt. Hnd ich dachte mir, wenn ich mit Frau Wenk den kleinen Meierhof am Dichelberg, ter jetzt verpachtet ist, bewirtschaften würde . . wir brauchen ja so wenig!" _

Rüdiger muhte lächeln über ihre naiven Pläne. Wie rührend unerfahren war sie doch!

Frau Wenk ist die Wirtschafterin in Mön- repos nicht wahr?"

Za."

.Und mit der möchtest du dein ganzes Leben verbringen? Mit einer so untergeordneten, un­gebildeten Person?"

.Eie hat mich lieb, und ich hänge an ihr Vie an einer Mutter. Sie war schon in ten

Diensten meiner verstorbenen Mama, als diese noch Mädchen war, und Papa hat gewünscht, bah Tic mich einmal nie verlässt. Ich verdanke ihr io viel ich habe sie auch rrte als Dienerin betrachtet . . ."

Rüdiger war aufmerksam geworden.

Wenn es so ist, dann begreife ich mindestens deine Anhänglichkeit. Es ist mir übrigens sehr wichtig, zu erfahren, bah die Wem 'bei deinen Eltern eine Art Vertrauensstellung einnahm. Sie ist dann vielleicht in ter Lage, mir über einen wichtigen Punkt Ausschluß zu erteilen. 3ch meine die Vermögensverhältnissc deiner verstorbenen Mutter. Hat sie dir darüber nie etwas erzählt? Deine Mutter war doch eine geborene Troll, und die Trolls sind sehr reich. Selbst wenn sie enterbt worden ist. muh ihr nach dem Ableben ihres Vaters der Pflichtteil zugefallen fein. Run ist aber in ten nachgelassenen Papieren deines Großvaters nirgends von diesem Gelte die Rede, obwohl ee doch dir zugefallen sein muh nach teurer Mutter Tod."

Das ist ganz natürlich, denn da Mama diesen Pflichtteil nie erhielt, konnte er auch nicht auf mich übergehen. Ich weih dies ganz bc> stimmt, denn Frau Wenk erwähnte es einmal "

Deine Mutter hat nie etwas erhalten? Wie ist das möglich? Sie brauchte doch nur ihre An­sprüche geltend zu machen!" rief Rüdiger er­staunt.

Sie hat es aber nie getan. 3hr Vater starb ungefähr zur selben Zeit wie mein Papa, und Mama war damals ganz gebrochen wohl auch zu stolz, da etwas zu verlangen, wo man ihr freiwillig nichts geben wollte."

Mio ist es doch so, wie Doktor Schllting vermutete: Dieses Geld steckt in ten Tro tischen Hnternehmungen und wurde bisher noch gar nicht zur Auszahlung gebracht. Aber barm hat es ja die ganze Zeit mitgearbeitet und muh sich ungeheuer vermehrt haben. Dann bist du ja vielleicht sehr reich, ohne es gewußt zu haben, liebe Dorothea.

Das ist mir sehr lieb zu erfahren, denn nun lassen sich vielleicht deine Wünsche doch verwirk­lichen. 3ch werte gleich morgen an deinen Onkel, Matthias Troll, ter gegenwärtig Chef ter Unter­nehmungen ist, schreiten und"

.Rein, das wirst du nicht!" unterbrach ibp Do, sich jäh aufrichtend.3ch verbiete es dir> Was willst du tun? Geld von diesen Leuten verlangen, die meine Mutter verstiehen, sie im Elend verleugneten, sie betrogen und bestohlen haben und nicht ein einziges Mal nach ihrem Kinde fragten? Denkst du, ich würde heute von diesen Leuten auch nur einen Pfennig anneh­men?'

Sie war ganz verwandelt. Sin unbezähm­barer Hochmut sprühte aus ihren Augen, ver­ächtlich zuckte es um ten feingeschnittenen Mund

Dorothea," sagte Rüdiger betroffen.Du läht dich von Empfindungen hinreihen die ich zwar sehr wohl verstehe, ater doch bekämpfen muhi Hier hantelt es sich nicht um ideale Güter, lontern um praktische Vorteile, die deine Zukunft umgestalten können, und die ich "darum als dein Vormund gar nicht außer acht lasten darf, toili ich meine Pflichten dir gegenüber redlich er­füllen

Do sah ihn finster an.

,3ft es wirklich deine Pflicht, mich vor mir leibst erniedrigen zu wollen? WMst du so tu* hinabsteigen und ein Krämer werden wie diese Leute . . diese Trolls?"

Cs sind deine Verwandten, DorotheaT warf er mahnend ein.

Rein, nein, und tausendmal nein!" rief Do mit ter ganzen Leidenschaftlichkeit, die so oft wie ein leuchtender Meteor aus der demütigen Sanft­mut ihres Wesens aufflammte. .Rie habe ich mich diesen Verwandten auch nur mit einem Tropsen meines Blutes verwandt gefühlt. Keine tiefere Kränkung könntest du mir antun, als mich an ihre Seite zu verweisen. Grohpcipa hat mich nie gemocht; ich habe feinen Funken Liebe je von

ihm erfahren und viele Demütigungen hinnehmen müssen. Aber er war ein Edelmann durch und durch. Er hat mich nicht verstoßen, obwohl ich das Kind jener Frau war, die all seine Hoffnungen zerstörte, er hat nie vergessen, daß ich zugleich auch seines Sohnes Kind war, Blut von feinem Blut. Darum hat er mir Ehrfurcht eingeflöht, trotz allem. Von ihm habe ich nicht- als De­mütigung empfunten, und ohne daß er es ahnte, lernte ich denken in seinem Geist. Er hat nie nach dem Gelte ter Trolls gefragt, und auch meine Mutter tat es nicht. Sie hat sich losgerissen von ten Ihren und nicht einmal für ihr Kind verlangt, was Habsucht und Herzenskälte ihr vorenthielten. Wie könnte ich anders handeln? Wie noch wagen den Ramen Rotherstein zu tragen, wenn ich mich feiner so wenig würdig erwiese?"

Sie schwieg und starrte ihn mit heihgerötetei' Backen an. Rüdiger fühlte sich tief erschüttert Beschämt dachte er an Anneliese, die bet jeder Gelegenheit erklärte: .Riemand von uns wird diese Schokoladenprinzessin je für voll nehmen." Er dachte auch an feinen Vater, ter In Peku­niärer Bedrängnis nicht gefragt hatte, ob es des Ramens Rotherftein würdig sei, sich durch einen zweifelhaften Prozeh Geld verschaffen zu wollen und noch dazu von Leuten, die es in ehrlicher Arbeit verdienten und gar feine Ver­pflichtungen gegen ihn hatten.

Dachte Dorothea nicht viel vornehmer als sie alle? War sie nicht in ihrer Gesinnung eine echtere Rotherftein als Anneliese, die sich stets soviel darauf zugute tat?

Trotzdem machte er aus Pflichtgefühl noch einen Versuch, Do umzustimmen.

Deine Gesinnung macht dir alle Ehre. Do- rochea, aber ich muß dir noch eins zu bedenken geben: Wenn du dein rechtmäßiges Erbe von ten Trolls forderst, kannst du dir Monrepos toapr- schemllch erhalten, während dies ,onft._ soweit ich es bisher beurteilen kann, kaum möglich sein wird," (Fortsetzung folgt)